Wunderbare Reise
des kleinen Nils Holgersson
mit den Wildgänsen

Ein Kinderbuch

Selma Lagerlöf

Einzige berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen
von
Pauline Klaiber

Ausgabe in einem Bande
Zehntes bis fünfzehntes Tausend

Mit 95 Textillustrationen und 8 farbigen Vollbildern
von
Wilhelm Schulz
sowie einer Übersichtskarte von Schweden

signet

Albert Langen, München 1920

Druck von Hesse & Becker in Leipzig
Einbände von E. A. Enders in Leipzig

Inhalt

  1. Der Junge
  2. Akka von Kebnekajse
  3. Das Leben der Wildvögel
  4. Haus Glimminge
  5. Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg
  6. Im Regenwetter
  7. Die Treppe mit den drei Stufen
  8. Am Ronnebyfluß
  9. Karlskrona
  10. Die Reise nach Öland
  11. Die Südspitze von Öland
  12. Der große Schmetterling
  13. Die Kleine Karlsinsel
  14. Zwei Städte
  15. Die Sage von Småland
  16. Die Krähen
  17. Die alte Bauernfrau
  18. Von Taberg nach Huskvarna
  19. Der große Vogelsee
  20. Die Wahrsagung
  21. Der Rock aus Drillich und Samt
  22. Die Geschichte von Karr und Graufell
  23. Der schöne Garten
  24. In Närke
  25. Der Eisgang
  26. Die Teilung
  27. Im Bergwerkdistrikt
  28. Der Eisenhammer
  29. Der Dalälf
  30. Der Bruderteil
  31. Walpurgisnacht
  32. Vor den Kirchen
  33. Die Überschwemmung
  34. Die Sage von Uppland
  35. In Uppsala
  36. Daunenfein
  37. Stockholm
  38. Der Adler Gorgo
  39. Über Gästrikland hin
  40. Ein Tag in Hälsingeland
  41. In Medelpad
  42. Ein Morgen in Ångermanland
  43. Västerbotten und Lappland
  44. Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats
  45. Bei den Lappen
  46. Gen Süden! Gen Süden!
  47. Die Sage vom Härjedal
  48. Wärmland und Dalsland
  49. Ein kleiner Herrenhof
  50. Das Gold auf der Schäre
  51. Silber im Meer
  52. Ein großer Herrenhof
  53. Die Reise nach Vemmenhög
  54. Bei Holger Nilssons
  55. Der Abschied von den Wildgänsen

Verzeichnis der Farbabbildungen

1
Der Junge

Das Wichtelmännchen

Sonntag, 20. März

Es war einmal ein Junge. Er war ungefähr vierzehn Jahre alt, groß und gut gewachsen und flachshaarig. Viel nutz war er nicht, am liebsten schlief oder aß er, und sein größtes Vergnügen war, irgend etwas anzustellen.

Es war an einem Sonntagmorgen, und die Eltern machten sich fertig, in die Kirche zu gehen. Der Junge saß in Hemdärmeln auf dem Tischrande und dachte, wie günstig das sei, daß Vater und Mutter fortgingen und er ein paar Stunden lang tun könne, was ihm beliebe. „Jetzt kann ich Vaters Flinte herunternehmen und schießen, ohne daß es mir jemand verbietet,“ sagte er zu sich.

Aber es war fast, als habe der Vater die Gedanken seines Sohnes erraten, denn als er schon auf der Schwelle stand, um hinauszugehen, hielt er inne und wendete sich zu ihm. „Da du nicht mit Mutter und mir in die Kirche gehen willst,“ sagte er, „so sollst du wenigstens daheim die Predigt lesen. Willst du mir das versprechen?“

„Ja,“ antwortete der Junge, „das kann ich schon.“ Aber er dachte natürlich, er werde gewiß nicht mehr lesen, als ihm behagte.

Dem Jungen kam es vor, als ob seine Mutter sich noch nie so rasch bewegt hätte. In einem Nu war sie am Bücherbrett, nahm Luthers Postille herunter, schlug die Predigt vom Tage auf und legte das Buch auf den Tisch am Fenster. Sie schlug auch das Evangelienbuch auf und legte es neben die Postille. Schließlich rückte sie noch den großen Lehnstuhl an den Tisch, der im vorigen Jahr auf der Auktion im Pfarrhause zu Vemmenhög gekauft worden war und in dem sonst außer Vater niemand sitzen durfte.

Der Junge dachte, die Mutter mache sich wirklich zu viel Mühe mit diesen Vorbereitungen, denn er hatte im Sinne, nicht mehr als eine oder zwei Seiten zu lesen. Aber zum zweiten Male war es, als ob der Vater ihm mitten ins Herz sehen könnte, denn er trat zu ihm und sagte in strengem Ton: „Gib wohl acht, daß du ordentlich liest! Wenn wir zurückkommen, werde ich dich über jede Seite ausfragen, und wenn du etwas übergangen hast, geht es dir schlecht.“

„Die Predigt hat vierzehn und eine halbe Seite,“ sagte die Mutter, als wollte sie das Maß feststellen. „Du mußt dich gleich daran machen, wenn du fertig werden willst.“

Damit gingen sie endlich, und als der Junge unter der Tür stand und ihnen nachsah, war ihm, als sei er in einer Falle gefangen worden. „Jetzt wünschen sie sich Glück, daß sie es so gut eingerichtet haben, und daß ich, so lange sie weg sind, über der Predigt sitzen muß,“ dachte er.

Aber der Vater und die Mutter wünschten sich sicherlich nicht Glück, sondern sie waren ganz betrübt. Sie waren arme Kätnerleute, und ihr Gütchen war nicht größer als ein Garten. Als sie hierhergezogen waren, hatten sie nicht mehr als ein Schwein und ein paar Hühner füttern können; aber sie waren außerordentlich strebsame und tüchtige Leute, und jetzt hatten sie auch Kühe und Gänse. Sie waren ungeheuer vorwärts gekommen und wären an dem schönen Morgen ganz froh und zufrieden in die Kirche gewandert, wenn sie nicht immer an ihren Jungen hätten denken müssen. Der Vater klagte, daß er so träg und faul sei, in der Schule habe er nicht lernen wollen, und er sei ein solcher Taugenichts, daß man ihn mit knapper Not zum Gänsehüten gebrauchen könne. Die Mutter konnte nichts dagegen sagen, aber sie war hauptsächlich betrübt, weil er so wild und böse war, hartherzig gegen die Tiere und boshaft gegen die Menschen.

„Ach, wenn Gott ihm doch die Bosheit austreiben und ihm ein andres Herz geben würde!“ seufzte die Mutter. „Er bringt schließlich noch sich selbst und uns ins Unglück.“

Der Junge überlegte lange, ob er die Predigt lesen solle oder nicht. Aber schließlich hielt er es doch fürs beste, diesmal folgsam zu sein. Er setzte sich also in den Pfarrhauslehnstuhl und begann zu lesen. Aber als er eine Weile die Wörter halblaut vor sich hingeplappert hatte, war es, als schläfre ihn das Gemurmel ein, und er fühlte, daß er einnickte.

Draußen war das herrlichste Frühlingswetter. Es war zwar erst der zwanzigste März, aber der Junge wohnte weit drunten im südlichen Schonen, im Dorfe Westvemmenhög, und da war der Frühling schon in vollem Gange. Die Bäume waren zwar noch nicht grün, aber überall sproßten frische Knospen hervor. Alle Gräben standen voll Wasser, der Huflattich blühte am Grabenrande, und das Gesträuch, das auf dem Steinmäuerchen wuchs, war braun und glänzend geworden. Der Buchenwald in der Ferne dehnte sich gleichsam und wurde zusehends dichter, und über der Erde wölbte sich ein hoher, blauer Himmel. Die Haustür war angelehnt, man konnte das Trillern der Lerchen im Zimmer hören. Die Hühner und die Gänse spazierten auf dem Hofe umher, und die Kühe, die die Frühlingsluft bis in den Stall hinein spürten, brüllten hin und wieder: „Muh, muh!“

Der Junge las und nickte und kämpfte mit dem Schlafe. „Nein, ich will nicht schlafen,“ dachte er, „sonst werde ich den ganzen Vormittag mit der Predigt nicht fertig.“

Aber was auch der Grund sein mochte, – er schlief dennoch ein.

Er wußte nicht, ob er kurz oder lang geschlafen hatte, aber er erwachte von einem leichten Geräusch, das hinter seinem Rücken hörbar wurde. Auf dem Fensterbrett, gerade vor ihm, stand ein kleiner Spiegel, in dem man fast die ganze Stube überschauen konnte. In dem Augenblick nun, wo der Junge den Kopf aufrichtete, fiel sein Blick in den Spiegel, und da sah er, daß der Deckel von Mutters Truhe aufgeschlagen war.

Mutter besaß eine große, schwere eichene Truhe mit eisernen Beschlägen, die außer ihr niemand öffnen durfte. Darin verwahrte sie alles, was sie von ihrer Mutter geerbt hatte und was ihr besonders ans Herz gewachsen war. Da drinnen lagen einige altmodische Bauerntrachten aus rotem Tuch mit kurzen Leibchen und gefältelten Röcken und perlenbestickten Bruststücken. Auch weiße gestärkte Kopftücher und schwere silberne Schnallen und Ketten waren darin. Die Leute wollten solche Sachen jetzt nicht mehr tragen, und Mutter hatte schon wiederholt daran gedacht, sie zu verkaufen, hatte das aber doch nie übers Herz gebracht.

Jetzt sah der Junge im Spiegel ganz deutlich, daß der Deckel der Truhe offen stand. Er konnte nicht begreifen, wie das zugegangen war, denn Mutter hatte, bevor sie fortging, den Deckel zugemacht. Das wäre Mutter nicht passiert, daß sie die Truhe offen gelassen hätte, wenn er allein zu Hause blieb.

Es wurde ihm ganz unheimlich zumute. Er fürchtete, ein Dieb könnte sich hereingeschlichen haben, und wagte nicht, sich zu rühren, sondern saß ganz still und starrte in den Spiegel hinein.

Während er so dasaß und wartete, daß der Dieb sich zeige, begann er sich zu fragen, was das wohl für ein schwarzer Schatten sei, der auf den Rand der Truhe fiel. Er sah und sah und wollte seinen Augen nicht trauen. Aber was dort im Anfang einem Schatten geglichen hatte, wurde immer deutlicher, und bald merkte er, daß es etwas Wirkliches war; und es war in der Tat nichts andres als ein Wichtelmännchen, das rittlings auf dem Rande der Truhe saß.

Der Junge hatte wohl schon von Wichtelmännchen reden hören, aber er hatte sich nie gedacht, daß sie so klein sein könnten. Das Wichtelmännchen, das dort auf dem Rande saß, war ja nur eine Spanne lang. Es hatte ein altes, runzliges, bartloses Gesicht und trug einen schwarzen Rock mit langen Schößen, Kniehosen und einen breitrandigen schwarzen Hut. Es sah sehr zierlich und fein aus, mit weißen Spitzen um den Hals und um die Handgelenke, Schnallen an den Schuhen und die Strumpfbänder in eine Schleife gebunden. Jetzt eben hatte es einen gestickten Brustlatz aus der Truhe herausgenommen und betrachtete die alte Arbeit mit solcher Andacht, daß es das Erwachen des Jungen gar nicht bemerkt hatte.

Der Junge war äußerst verdutzt, als er das Wichtelmännchen sah; aber eigentlich Angst hatte er nicht vor ihm. Vor einem so kleinen Geschöpf konnte man sich unmöglich fürchten. Und da das Wichtelmännchen von seinem eignen Tun so hingenommen war, daß es weder hörte noch sah, bekam der Junge sogleich große Lust, ihm einen Streich zu spielen, es in die Truhe hineinzustoßen und den Deckel zuzuschlagen, oder etwas Ähnliches.

Aber das Wichtelmännchen mit den Händen anzurühren, das getraute sich der Junge doch nicht; und deshalb sah er sich nach etwas im Zimmer um, womit er ihm einen Stoß versetzen könnte. Er ließ die Blicke vom Kanapee nach dem Klapptisch und vom Klapptisch nach dem Herd wandern. Er musterte die Kochtöpfe und die Kaffeekanne, die auf einem Brett neben dem Herde standen, den Wasserkrug neben der Tür, und die Löffel, die Messer und Gabeln und die Schüsseln und Teller, die durch die halbgeöffnete Schranktür sichtbar waren. Er sah hinauf zu Vaters Flinte, die neben dem dänischen Königspaar an der Wand hing, und nach den Pelargonien und Fuchsien, die auf dem Fensterbrett blühten. Ganz zuletzt fiel sein Blick auf ein altes Fliegennetz, das am Fensterkreuz hing.

Kaum hatte er das Fliegennetz erblickt, als er es auch schon zu sich heranzog und das Netz nach dem Truhenrande schwang. Und er war ganz überrascht über sein Glück. Er wußte beinahe selbst nicht, wie es zugegangen war, – aber er hatte das Wichtelmännchen wirklich gefangen. Der arme Kerl lag, den Kopf nach unten, in dem langen Netze und konnte sich nicht mehr heraushelfen.

Im ersten Augenblick wußte der Junge gar nicht, was er mit seinem Fang tun solle. Er schwang nur immer das Netz sorglich hin und her, damit das Wichtelmännchen keine Zeit bekomme, herauszuklettern.

Jetzt begann das Wichtelmännchen zu sprechen; es bat und flehte um seine Freiheit und sagte, es habe der Familie seit vielen Jahren viel Gutes getan und wäre wirklich einer besseren Behandlung wert. Wenn der Junge es loslasse, wolle es ihm einen alten Speziestaler geben sowie eine silberne Kette und eine Goldmünze, die so groß sei wie der Deckel an der silbernen Uhr seines Vaters.

Dem Jungen kam zwar das Lösegeld nicht gerade groß vor; aber seit er das Wichtelmännchen in seiner Gewalt hatte, fürchtete er sich gewissermaßen vor ihm. Er fühlte, daß er sich in etwas eingelassen hatte, was fremd und unheimlich war und nicht in diese Welt gehörte; deshalb war er nur sehr froh, es loszuwerden.

Er ging also schnell auf das Angebot ein und hielt das Netz still, damit das Wichtelmännchen herauskriechen könne. Als dieses aber beinahe aus dem Netz heraus war, fiel dem Jungen ein, daß er sich größere Dinge und alles mögliche Gute hätte ausbedingen können. Jedenfalls hätte er die Bedingung stellen können, daß ihm das Wichtelmännchen die Predigt in den Kopf zaubern müsse. „Wie dumm von mir, daß ich es freiließ,“ dachte er und begann das Netz aufs neue hin und her zu schwingen, damit das Wichtelmännchen wieder hineinpurzle.

Aber kaum hatte der Junge das getan, da bekam er eine fürchterliche Ohrfeige, daß ihm war, als zerspringe ihm der Kopf in tausend Stücke. Er flog zuerst an die eine Wand und dann an die andre, schließlich fiel er auf den Boden und blieb da bewußtlos liegen.

Als er wieder erwachte, war er noch in der Hütte. Von dem Wichtelmännchen war keine Spur mehr zu sehen. Der Truhendeckel war geschlossen, und das Fliegennetz hing an seinem gewöhnlichen Platz am Fenster. Wenn dem Jungen nicht die rechte Wange von der Ohrfeige so sehr gebrannt hätte, hätte er sich versucht gefühlt, alles für einen Traum zu halten. „Was aber auch geschehen sein mag, jedenfalls werden Vater und Mutter behaupten, daß es nichts gewesen sei als ein Traum,“ dachte er. „Sie werden mir wegen des Wichtelmännchens sicher nichts von der Predigt abziehen, und es wird am besten sein, wenn ich mich jetzt eilig dahinter mache.“

Aber als er an den Tisch ging, kam ihm etwas sehr verwunderlich vor. Das Zimmer konnte doch unmöglich größer geworden sein. Woher kam es denn aber, daß er jetzt so viel mehr Schritte machen mußte als sonst, wenn er an den Tisch ging? Und was war denn mit dem Stuhl? Er sah zwar nicht gerade aus, als sei er größer als vorher, aber der Junge mußte zuerst auf die Leiste zwischen den Stuhlbeinen steigen und dann vollends auf den Sitz hinaufklettern. Und gerade so war es auch mit dem Tisch. Er konnte nicht auf die Tischplatte hinaufsehen, sondern mußte auf die Armlehne des Stuhles steigen.

„Was ist denn aber das?“ sagte der Junge. „Ich glaube wahrhaftig, das Wichtelmännchen hat den Lehnstuhl und den Tisch und die ganze Stube verhext.“

Die Postille lag auf dem Tische, und anscheinend war sie unverändert. Aber etwas Verkehrtes mußte doch daran sein, denn er konnte kein Wort lesen, sondern mußte erst auf das Buch selbst hinaufsteigen.

Er las ein paar Zeilen, dann aber sah er zufällig auf. Dabei fiel sein Blick in den Spiegel, und da rief er ganz laut: „Ei sieh, da ist ja noch einer!“

Denn im Spiegel sah er ganz deutlich einen winzig kleinen Knirps in einer Zipfelmütze und Lederhosen.

„Der ist genau so angezogen wie ich,“ sagte der Junge und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen. Aber da sah er, daß der Kleine im Spiegel dasselbe tat.

Da begann er sich an den Haaren zu ziehen, sich in den Arm zu kneifen und sich im Kreise zu drehen, und augenblicklich tat der Kleine im Spiegel dasselbe.

Jetzt lief der Junge ein paarmal um den Spiegel herum, um zu sehen, ob vielleicht so ein kleiner Kerl hinter dem Spiegel verborgen sei, aber er fand niemand dahinter, und da begann er vor Schrecken am ganzen Leibe zu zittern. Denn jetzt begriff er, daß das Wichtelmännchen ihn selbst verzaubert hatte, und daß er selbst der kleine Knirps war, dessen Bild er im Spiegel sah.

Die Wildgänse

Der Junge wollte durchaus nicht glauben, daß er in ein Wichtelmännchen verwandelt worden war. „Es ist gewiß nur ein Traum und eine Einbildung,“ dachte er. „Wenn ich ein paar Augenblicke warte, werde ich schon wieder ein Mensch sein.“ Er stellte sich vor den Spiegel und schloß die Augen. Erst nach ein paar Minuten öffnete er sie wieder und erwartete nun, daß der Spuk vorbei sei. Aber dies war nicht der Fall, er war noch ebenso klein wie vorher. Sein weißes Flachshaar, die Sommersprossen auf seiner Nase, die Flicken auf seinen Lederhosen und das Loch im Strumpfe, alles war wie vorher, nur sehr, sehr verkleinert.

Nein, es half nichts, wenn er auch noch so lange dastand und wartete. Er mußte etwas andres versuchen. O, das beste, was er tun könnte, wäre gewiß, das Wichtelmännchen aufzusuchen und sich mit ihm zu versöhnen!

Er sprang auf den Boden hinunter und begann zu suchen. Er lugte hinter die Stühle und Schränke, unter das Kanapee und hinter den Herd. Er kroch sogar in ein paar Mauselöcher, aber das Wichtelmännchen war nicht zu finden.

Während er suchte, weinte er und bat und versprach alles nur erdenkliche. Nie, nie wieder wolle er jemand sein Wort brechen, nie, nie mehr unartig sein und nie wieder über einer Predigt einschlafen!

Wenn er nur seine menschliche Gestalt wieder bekäme, würde ganz gewiß ein ausgezeichneter, guter, folgsamer Junge aus ihm. Aber was er auch immer versprach, es half alles nichts.

Plötzlich fiel ihm ein, daß er Mutter einmal hatte sagen hören, das Wichtelvolk halte sich gern im Kuhstall auf, und schnell beschloß er, auch dort nachzusehen, ob das Wichtelmännchen da zu finden sei. Zum Glück stand die Tür offen; denn er hätte das Schloß nicht selbst öffnen können, so aber konnte er ungehindert hinausschlüpfen.

Als er in den Flur kam, sah er sich nach seinen Holzschuhen um, denn im Zimmer ging er natürlich auf Strümpfen. Er überlegte, wie er sich wohl mit den großen, schwerfälligen Holzschuhen abfinden solle, aber in diesem Augenblick entdeckte er auf der Schwelle ein Paar winzige Schuhe. Als er sah, daß das Wichtelmännchen so vorsorglich gewesen war, auch seine Holzschuhe zu verwandeln, wurde er ängstlicher. „Dieser Jammer soll offenbar lange dauern,“ dachte er.

Auf dem alten eichenen Brett, das vor der Haustür lag, hüpfte ein Sperling hin und her. Kaum erblickte dieser den Jungen, da rief er auch schon: „Seht doch, Nils, der Gänsehirt! Seht den kleinen Däumling! Seht doch Nils Holgersson Däumling!“

Sogleich wendeten sich die Gänse und die Hühner nach dem Jungen um, und es entstand ein entsetzliches Geschrei: „Kikerikiki!“ krähte der Hahn. „Das geschieht ihm recht! Kikerikiki! Er hat mich am Kamme gezogen!“

„Ga, ga, ga, gag, das geschieht ihm recht!“ riefen die Hühner, und sie fuhren ohne Aufhören damit fort.

Die Gänse sammelten sich in einen Haufen, steckten die Köpfe zusammen und fragten: „Wer hat das getan? Wer hat das getan?“

Aber das merkwürdige daran war, daß der Junge verstand, was sie sagten. Er war so verwundert darüber, daß er auf der Türschwelle stehen blieb und zuhörte. „Das kommt gewiß daher, daß ich in ein Wichtelmännchen verwandelt bin,“ sagte er, „deshalb verstehe ich die Tiersprache.“

Es war ihm unausstehlich, daß die Hühner mit ihrem ewigen „das geschieht ihm recht“ gar nicht aufhören wollten. Er warf einen Stein nach ihnen und rief: „Haltet den Schnabel, Lumpenpack!“

Aber er hatte eines vergessen. Er war jetzt nicht mehr so groß, daß die Hühner sich vor ihm hätten fürchten müssen. Die ganze Hühnerschar stürzte auf ihn zu, pflanzte sich um ihn herum auf und schrie: „Ga, ga, ga, gag! Es geschieht dir recht! Ga, ga, ga, gag! Es geschieht dir recht!“

Der Junge versuchte ihnen zu entwischen; aber die Hühner sprangen hinter ihm her und schrien so laut, daß ihm beinahe Hören und Sehen verging. Er wäre ihnen auch wohl kaum entgangen, wenn nicht die Hauskatze daher gekommen wäre. Sobald die Hühner die Katze sahen, verstummten sie und schienen an nichts andres mehr zu denken, als fleißig in der Erde nach Würmern zu scharren.

Der Junge lief schnell auf die Katze zu. „Liebe Mietze,“ sagte er, „du kennst doch alle Winkel und Schlupflöcher hier auf dem Hofe? Sei lieb und teile mir mit, wo ich das Wichtelmännchen finden kann.“

Die Katze gab ihm nicht sogleich Antwort. Sie setzte sich nieder, legte den Schwanz zierlich in einem Ring um die Vorderpfoten und sah den Jungen an. Es war eine große, schwarze Katze mit einem weißen Fleck auf der Brust. Ihr Fell war glatt und glänzte im Sonnenschein. Sie hatte die Krallen eingezogen, ihre Augen waren gleichmäßig grau mit nur einem kleinen, schmalen Schlitz in der Mitte. Die Katze sah durch und durch gutmütig aus.

„Ich weiß allerdings, wo das Wichtelmännchen wohnt,“ sagte sie mit freundlicher Stimme. „Aber damit ist nicht gesagt, daß ich es dir sagen werde.“

„Liebe, liebe Mietze, du mußt mir helfen,“ sagte der Junge. „Siehst du nicht, wie es mich verzaubert hat?“

Die Katze öffnete ihre Augen ein klein wenig, so daß die grüne Bosheit herausschien. Sie spann und schnurrte vor Vergnügen, ehe sie antwortete. „Soll ich dir vielleicht jetzt helfen, weil du mich so oft am Schwanz gezogen hast?“ sagte sie schließlich.

Da wurde der Junge böse; er vergaß ganz, wie klein und ohnmächtig er jetzt war. „Ich kann dich ja noch einmal am Schwanz ziehen, jawohl,“ sagte er und sprang auf die Katze los.

In demselben Augenblick aber war diese so verändert, daß der Junge sie kaum noch für dasselbe Tier halten konnte. Sie hatte den Rücken gekrümmt – die Beine waren länger geworden, sie kratzte sich mit den Krallen im Nacken, der Schwanz war kurz und dick, die Ohren legten sich zurück, das Maul fauchte, und die Augen standen weit offen und funkelten in roter Glut.

Der Junge wollte sich von einer Katze nicht erschrecken lassen und trat noch einen Schritt näher. Aber da machte die Katze einen Satz, ging gerade auf den Jungen los, warf ihn um und stellte ihm mit weitaufgesperrtem Maul die Vorderbeine auf die Brust.

Der Junge fühlte, wie ihm ihre Klauen durch die Weste und das Hemd in die Haut eindrangen und wie die scharfen Eckzähne ihm den Hals kitzelten. Da begann er aus Leibeskräften um Hilfe zu schreien.

Aber es kam niemand, und er glaubte schon sicher, seine letzte Stunde hätte geschlagen. Da fühlte er, daß die Katze die Krallen einzog und seinen Hals losließ.

„So,“ sagte sie, „jetzt will ich es genug sein lassen. Für diesmal magst du meiner guten Hausmutter zuliebe mit der Angst davonkommen. Ich wollte nur, daß du wüßtest, wer von uns beiden der Stärkere ist.“

Damit ging die Katze ihrer Wege und sah eben so sanft und fromm aus wie vorher, als sie gekommen war. Der Junge schämte sich so, daß er kein Wort sagen konnte; er lief deshalb eiligst in den Kuhstall hinein, das Wichtelmännchen zu suchen.

Es waren nur drei Kühe im Stalle. Aber als der Junge eintrat, begannen sie alle zu brüllen und einen solchen Spektakel zu machen, daß man hätte meinen können, es seien wenigstens dreißig.

„Muh, muh, muh!“ brüllte Majros. „Es ist doch gut, daß es noch eine Gerechtigkeit auf der Welt gibt.“

„Muh, muh, muh!“ riefen alle drei auf einmal. Der Junge konnte nicht verstehen, was sie sagten, so wild schrieen sie durcheinander.

Er wollte nach dem Wichtelmännchen fragen, aber er konnte sich kein Gehör verschaffen, weil die Kühe in vollem Aufruhr waren. Sie betrugen sich genau so, als wäre ein fremder Hund zu ihnen hereingebracht worden, schlugen mit den Hinterfüßen aus, rasselten an ihren Halsketten, wendeten die Köpfe rückwärts und stießen mit den Hörnern.

„Komm nur her!“ sagte Majros. „Dann geb' ich dir einen Stoß, den du nicht so bald wieder vergessen wirst.“

„Komm her!“ sagte Gull-Lilja. „Dann lasse ich dich auf meinen Hörnern reiten.“

„Komm nur, komm, dann sollst du erfahren, wie es mir geschmeckt hat, wenn du mir deinen Holzschuh auf den Rücken warfst, was du immer tatest!“ sagte Stern.

„Ja, komm nur her, dann werde ich dich für die Wespen bezahlen, die du mir ins Ohr gesetzt hast!“ schrie Gull-Lilja.

Majros war die älteste und klügste von den dreien, und sie war am zornigsten. „Komm nur,“ sagte sie, „daß ich dich für die vielen Male bezahlen kann, wo du den Melkschemel unter deiner Mutter weggezogen hast, sowie für jedes Mal, wo du ihr einen Fuß stelltest, wenn sie mit dem Melkeimer daherkam, und für alle Tränen, die sie hier über dich geweint hat.“

Der Junge wollte ihnen sagen, wie sehr er sein schlechtes Betragen bereue und daß er von jetzt an immer artig sein werde, wenn sie ihm nur sagten, wo das Wichtelmännchen zu finden wäre. Aber die Kühe hörten gar nicht auf ihn; sie brüllten so laut, daß er Angst bekam, es könne sich schließlich eine von ihnen losreißen, und so hielt er es fürs beste, sich aus dem Kuhstalle davonzuschleichen.

Als der Junge wieder auf den Hof kam, war er ganz mutlos. Er sah ein, daß ihm auf dem ganzen Hofe bei seiner Suche nach dem Wichtelmännchen niemand beistehen wollte. Und wahrscheinlich würde ihm auch das Wichtelmännchen, selbst wenn er es fände, wenig helfen.

Er kroch auf das breite Steinmäuerchen, das das ganze Gütchen umgab und das mit Weißdorn und Brombeerranken überwachsen war. Dort ließ er sich nieder, zu überlegen, wie es werden solle, wenn er seine menschliche Gestalt nicht mehr erlangte. Wenn nun Vater und Mutter von der Kirche heimkämen, würden sie sich baß verwundern. Ja, im ganzen Lande würde man sich verwundern, und die Leute würden daherkommen von Ost-Vemmenhög und von Torp und von Skurup, ja, aus dem ganzen Vemmenhöger Bezirk würden sie zusammenkommen, ihn anzuschauen. Und wer weiß, vielleicht würden die Eltern ihn sogar mitnehmen, ihn auf den Märkten zu zeigen.

Ach, es war zu schrecklich, nur daran zu denken! Da wäre es ihm schließlich noch am liebsten, wenn ihn nur kein Mensch mehr zu sehen bekäme!

Ach, wie unglücklich war er doch! Auf der weiten Welt war gewiß noch nie ein Mensch so unglücklich gewesen wie er. Er war kein Mensch mehr, sondern ein verhexter Zwerg.

Er begann allmählich zu verstehen, was das heißen wollte, kein Mensch mehr zu sein. Von allem war er nun geschieden; er konnte nicht mehr mit andern Jungen spielen, konnte niemals das Gütchen von seinen Eltern übernehmen, und es war ganz und gar ausgeschlossen daß sich je ein Mädchen entschließen würde, ihn zu heiraten.

Er betrachtete seine Heimat. Es war ein kleines weiß angestrichnes Bauernhaus, das mit seinem hohen, steilen Strohdach wie in die Erde hineingedrückt aussah. Die Wirtschaftsgebäude waren auch klein und die Äckerchen so winzig, daß ein Pferd sich kaum darauf hätte umdrehen können. Aber so klein und arm das Ganze auch war, es war doch noch viel zu gut für ihn. Er konnte keine bessere Wohnung verlangen als ein Loch unter dem Scheunenboden.

Es war wunderschönes Wetter, rings um ihn her murmelte und knospte und zwitscherte es. Aber ihm war das Herz schwer. Nie wieder würde er sich über etwas freuen können. Er meinte, den Himmel noch nie so dunkelblau gesehen zu haben wie an diesem Tage. Zugvögel kamen dahergeflogen. Sie kamen vom Auslande, waren über die Ostsee gerade auf Smygehuk zugesteuert und waren jetzt auf dem Wege nach Norden. Es waren Vögel von den verschiedensten Arten; aber er kannte nur die Wildgänse, die in zwei langen, keilförmigen Reihen flogen.

Schon mehrere Scharen Wildgänse waren so vorübergeflogen. Sie flogen hoch droben, aber er hörte doch, wie sie riefen: „Jetzt gehts auf die hohen Berge! Jetzt gehts auf die hohen Berge!“

Sobald die Wildgänse die zahmen Gänse sahen, die auf dem Hofe umherliefen, senkten sie sich herab und riefen: „Kommt mit, kommt mit! Jetzt gehts auf die hohen Berge!“

Die zahmen Gänse reckten unwillkürlich die Hälse und horchten, antworteten dann aber verständig: „Es geht uns hier ganz gut! Es geht uns hier ganz gut!“

Es war, wie gesagt, ein überaus schöner Tag, und die Luft war so frisch und leicht, daß es ein Vergnügen sein mußte, darin zu fliegen. Und mit jeder neuen Schar Wildgänse, die vorüberflog, wurden die zahmen Gänse aufgeregter. Ein paarmal schlugen sie mit den Flügeln, als hätten sie große Lust, mitzufliegen. Aber jedesmal sagte eine alte Gänsemutter: „Seid nicht verrückt, Kinder, das hieße so viel als hungern und frieren.“

Bei einem jungen Gänserich hatten die Zurufe ein wahres Reisefieber erweckt. „Wenn noch eine Schar kommt, fliege ich mit!“ rief er.

Jetzt kam eine neue Schar und rief wie die andern. Da schrie der junge Gänserich: „Wartet, wartet, ich komme mit!“ Er breitete seine Flügel aus und hob sich empor. Aber er war des Fliegens zu ungewohnt und fiel wieder auf den Boden zurück.

Die Wildgänse mußten jedenfalls seinen Ruf gehört haben. Sie wendeten sich um und flogen langsam zurück, um zu sehen, ob er mitkäme.

„Wartet! Wartet!“ rief er und machte einen neuen Versuch.

All das hörte der Junge auf dem Mäuerchen. „Das wäre sehr schade, wenn der große Gänserich fortginge,“ dachte er; „Vater und Mutter würden sich darüber grämen, wenn er bei ihrer Rückkehr nicht mehr da wäre.“

Während er dies dachte, vergaß er wieder ganz, daß er klein und ohnmächtig war. Er sprang von dem Mäuerchen hinunter, lief mitten in die Gänseschar hinein und umschlang den Gänserich mit seinen Armen. „Das wirst du schön bleiben lassen, von hier wegzufliegen, hörst du!“ rief er.

Aber gerade in diesem Augenblick hatte der Gänserich herausgefunden, wie er es machen müsse, um vom Boden fortzukommen. In seinem Eifer nahm er sich nicht die Zeit, den Jungen abzuschütteln; dieser mußte mit in die Luft hinauf.

Es ging so schnell aufwärts, daß es dem Jungen schwindlig wurde. Ehe er sich klar machen konnte, daß er den Hals des Gänserichs loslassen müßte, war er schon so hoch droben, daß er sich totgefallen hätte, wenn er jetzt hinuntergestürzt wäre.

Das einzige, was er unternehmen konnte, um in eine etwas bequemere Lage zu kommen, war ein Versuch, auf den Rücken des Gänserichs zu klettern. Und er kletterte wirklich hinauf, wenn auch mit großer Mühe. Aber es war gar nicht leicht, sich auf dem glatten Rücken zwischen den beiden schwingenden Flügeln festzuhalten. Er mußte mit beiden Händen tief in die Federn und den Flaum hineingreifen, um nicht hintüber zu fallen.

Das gewürfelte Tuch

Dem Jungen war es so wirr im Kopfe, daß er lange nichts von sich wußte. Die Luft pfiff und sauste ihm entgegen, die Flügel neben ihm bewegten sich, und in den Federn brauste es wie ein ganzer Sturm. Dreizehn Gänse flogen um ihn her, alle schlugen mit den Flügeln und schnatterten. Es schwirrte ihm vor den Augen, und es sauste ihm in den Ohren; er wußte nicht, ob sie hoch oder niedrig flogen, noch wohin er mitgenommen wurde.

Schließlich kam er doch wieder so weit zu sich, um sich annähernd klar machen zu können, daß er doch erfahren müsse, wohin die Gänse mit ihm flogen. Aber dies war nicht so leicht, denn er wußte nicht, wo er den Mut hernehmen sollte, hinunterzusehen. Er war fest überzeugt, daß es ihm beim ersten Versuche ganz schwindlig werden würde. Seinetwegen flogen sie auch etwas langsamer als gewöhnlich.

Als der Junge schließlich aber doch hinuntersah, meinte er, unter sich ein großes Tuch ausgebreitet zu sehen, das in eine unglaubliche Menge großer und kleiner Vierecke eingeteilt war.

„Wohin bin ich denn gekommen?“ fragte er sich.

Er sah nichts weiter als Viereck an Viereck. Die einen waren überzwerch, die andern länglich, aber überall waren Ecken und gerade Ränder. Nichts war rund, nichts gebogen.

„Was ist denn das da unten für ein großes gewürfeltes Tuch?“ sagte der Junge vor sich hin, ohne von irgend einer Seite eine Antwort zu erwarten.

Aber die Wildgänse um ihn her riefen sogleich: „Äcker und Wiesen! Äcker und Wiesen!“

Da begriff der Junge, daß das große gewürfelte Tuch, über das er hinflog, der flache Erdboden von Schonen war. Und er begann zu verstehen, warum es so gewürfelt und farbig aussah. Die hellgrünen Vierecke erkannte er zuerst, das waren die Roggenfelder, die im vorigen Herbst bestellt worden waren und sich unter dem Schnee grün erhalten hatten. Die gelbgrauen Vierecke waren die Stoppelfelder, wo im vorigen Sommer Frucht gewachsen war, die bräunlichen waren alte Kleeäcker und die schwarzen leere Weideplätze oder ungepflügtes Brachfeld. Die braunen Vierecke mit einem gelben Rand waren sicherlich die Buchenwälder, denn da sind die großen Bäume, die mitten im Walde wachsen, im Winter entlaubt, während die jungen Buchen am Waldessaum ihre vergilbten Blätter bis zum Frühjahr behalten. Es waren auch dunkle Vierecke da mit etwas Grauem in der Mitte. Das waren die großen viereckig gebauten Höfe mit den geschwärzten Strohdächern und den gepflasterten Hofplätzen. Und dann wieder waren Vierecke da, die in der Mitte grün waren und einen braunen Rand hatten. Das waren die Gärten, wo die Rasenplätze schon grünten, während das Buschwerk und die Bäume, die sie umgaben, noch in der nackten braunen Rinde dastanden.

Der Junge mußte unwillkürlich lachen, als er sah, wie gewürfelt alles aussah.

Aber als die Wildgänse ihn lachen hörten, riefen sie wie strafend: „Fruchtbares, gutes Land! Fruchtbares, gutes Land!“

Der Junge war schon wieder ernst geworden. „Daß du lachen kannst,“ dachte er, „du, dem das Allerschrecklichste widerfahren ist, was einem Menschen begegnen kann.“

Er war eine Weile sehr ernst, aber bald mußte er wieder lachen.

Nachdem er sich an diese Art des Reisens gewöhnt hatte, so daß er wieder an etwas andres denken konnte als daran, wie er sich auf dem Gänserücken erhalten solle, bemerkte er, daß viele Vogelscharen durch die Lüfte dahinflogen, die alle dem Norden zustrebten. Und es war ein Schreien und Schnattern von Schar zu Schar.

„So – ihr seid heute auch herübergekommen!“ schrieen einige.

„Jawohl,“ antworteten die Gänse. „Was haltet ihr vom Frühling?“

„Noch nicht ein Blatt auf den Bäumen und kaltes Wasser in den Seen!“ erklang die Antwort.

Als die Gänse über einen Ort hinflogen, wo zahmes Federvieh umherlief, riefen sie: „Wie heißt der Hof?“

Das gewürfelte Tuch
Das gewürfelte Tuch

Da reckte der Hahn den Kopf in die Höhe und antwortete: „Der Hof heißt Kleinfeld, heuer wie im vorigen Jahr, heuer wie im vorigen Jahr!“

Die meisten Häuser hießen wohl nach ihren Besitzern, wie es in Schonen Sitte ist, aber anstatt zu sagen: „Dieser Hof gehört Per Matsson und jener Ole Rasson,“ gaben die Hähne ihnen den Namen, der ihnen selbst am passendsten erschien. Wenn sie auf einem armen Gütchen oder Kätnerhäuschen wohnten, riefen sie: „Dieser Hof heißt ‚Körnerlos‘!“ Und von den allerärmlichsten schrieen sie: „Dieser Hof heißt ‚Frißwenig! Frißwenig‘!“

Die großen, reichen Bauernhöfe bekamen große Namen von den Hähnen, zum Beispiel: Glückshof, Eierberg oder Talerhaus!

Aber die Hähne auf den Herrenhöfen waren zu hochmütig, sich etwas Scherzhaftes auszudenken, sie krähten nur und riefen mit einer Kraft, als wollten sie bis in die Sonne gehört werden: „Dies ist Dybecks Herrenhof! Heuer wie im vorigen Jahr, heuer wie im vorigen Jahr!“

Und etwas weiterhin stand einer, der rief: „Dies ist Swaneholm, das sollte doch jedermann wissen!“

Der Junge merkte, daß die Gänse nicht in gerader Linie weiter flogen. Sie schwebten über der ganzen südlichen Ebene hin und her, als freuten sie sich, wieder in Schonen zu sein, und als wollten sie jeden einzelnen Hof begrüßen.

So kamen sie auch an einen Hof, wo mehrere große ausgedehnte Gebäude mit hohen Schornsteinen standen und rings umher eine Menge kleinerer Häuser.

„Dies ist die Zuckerfabrik von Jordberga!“ riefen die Hähne. „Dies ist die Zuckerfabrik von Jordberga!“

Der Junge fuhr auf dem Rücken des Gänserichs zusammen. Diesen Ort hätte er kennen sollen. Er lag nicht weit vom Hause seiner Eltern entfernt, und im vorigen Jahre war er dort Gänsehirt gewesen. Aber alles sah eben ganz anders aus, wenn man es von oben aus betrachtete.

Ei ei! Ob wohl das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats, seine Kameraden vom vorigen Jahre, noch da waren? Und was würden sie wohl sagen, wenn sie wüßten, daß er hoch über ihren Köpfen dahinflog!

Dann verloren sie Jordberga aus dem Gesicht und flogen nach Svedala und Skabersee und wieder zurück über Börringekloster und Häckeberga. Der Junge bekam an diesem einen Tag mehr von Schonen zu sehen als in allen übrigen seines Lebens vorher.

Wenn die Wildgänse zahme Gänse trafen, waren sie am vergnügtesten. Dann flogen sie ganz langsam und riefen hinunter: „Jetzt gehts auf die hohen Berge! Kommt doch mit! Kommt doch mit!“

Aber die zahmen Gänse antworteten: „Der Winter ist noch im Land! Ihr seid zu zeitig dran! Kehrt wieder um! Kehrt wieder um!“

Die Wildgänse senkten sich nieder, damit die zahmen sie besser verstehen konnten, und riefen zurück: „Kommt mit, dann wollen wir euch Fliegen und Schwimmen lehren!“

Aber da fühlten sich die zahmen Gänse beleidigt, und sie antworteten auch nicht mehr mit einem einzigen Schnattern.

Aber die Wildgänse senkten sich noch tiefer hinunter, so daß sie beinahe die Erde berührten, und dann hoben sie sich blitzschnell in die Höhe, als wenn sie über etwas furchtbar erschrocken wären. „Oj, oj, oj!“ riefen sie. „Das sind ja gar keine Gänse, es sind nur Schafe, es sind nur Schafe!“

Die Gänse auf der Erde gerieten dadurch ganz außer sich und schrieen laut: „Wenn ihr nur totgeschossen würdet! Alle miteinander, alle miteinander!“

Als der Junge dies Gezänke hörte, lachte er. Aber dann erinnerte er sich daran, wie sehr er sich ins Unglück gebracht hatte, und da weinte er. Aber nach einer kleinen Weile lachte er doch wieder.

Noch nie war er so schnell vorwärts gekommen, und schnell und wild zu reiten, das war von jeher sein Vergnügen gewesen. Und er hätte natürlich nie gedacht, daß es da droben in der Luft so erfrischend sein könnte, und daß da ein so guter Erd- und Harzgeruch heraufdränge.

Und er hatte sich auch noch nie vorgestellt, wie das wäre, wenn man hoch in der Luft dahinflöge. Das war ja gerade, als flöge man weit weg von seinem Kummer und seinen Sorgen und von allen Widerwärtigkeiten, die man sich denken konnte.

2
Akka von Kebnekajse

Der Abend

Der große zahme Gänserich, der mit den Wildgänsen davongeflogen war, fühlte sich sehr stolz, daß er über die Südebene in Gesellschaft der Wildgänse hin und her fliegen und mit den zahmen Vögeln Kurzweil treiben konnte. Aber so glücklich er auch war, das schützte ihn doch nicht davor, daß er am Mittag allmählich müde wurde. Er versuchte tiefer zu atmen und schneller mit den Flügeln zu schlagen, aber trotzdem blieb er mehrere Gänselängen hinter den andern zurück.

Als die wilden Gänse, die ganz hinten flogen, bemerkten, daß die zahme nicht mehr mitkommen konnte, riefen sie der, die an der Spitze flog und den keilförmigen Zug führte, zu: „Akka von Kebnekajse! Akka von Kebnekajse!“

„Was wollt ihr von mir?“ fragte die Anführerin.

„Der Weiße bleibt zurück! Der Weiße bleibt zurück!“

„Sagt ihm, schneller fliegen sei leichter als langsam!“ rief die Anführerin zurück und streckte sich wie vorher.

Der Gänserich versuchte es zwar, den Rat zu befolgen und seinen Flug zu beschleunigen, aber dadurch wurde er so ermattet, daß er bis auf die beschnittenen Weidenbäume, die Äcker und Wiesen einfaßten, hinuntersank.

„Akka! Akka! Akka von Kebnekajse!“ riefen nun wieder die hintersten Gänse, die sahen, wie schwer es dem Gänserich wurde.

„Was wollt ihr jetzt wieder?“ fragte die Anführerin und schien sehr ärgerlich zu sein.

„Der Weiße fällt! Der Weiße fällt!“

„Sagt ihm, es sei leichter, hoch zu fliegen als niedrig,“ rief die Anführerin.

Der Gänserich versuchte auch diesen Rat zu befolgen; aber als er in die Höhe hinaufsteigen wollte, kam er so außer Atem, daß es ihm beinahe die Brust zersprengte.

„Akka! Akka!“ riefen die hintersten.

„Könnt ihr mich nicht in Ruhe fliegen lassen?“ fragte die Anführerin und schien noch ungeduldiger als zuvor zu sein.

„Der Weiße ist am Hinunterfallen! Der Weiße ist am Hinunterfallen!“

„Wer nicht mit der Schar fliegen kann, der muß wieder umkehren; sagt ihm das!“ rief die Führerin. Und es fiel ihr durchaus nicht ein, langsamer zu fliegen, sondern sie streckte sich wie zuvor.

„Aha, so steht es also?“ sagte der Gänserich. Es wurde ihm plötzlich klar, daß die Wildgänse ganz und gar nicht daran dachten, ihn nach Lappland mitzunehmen. Sie hatten ihn nur zum Spaß mitgelockt.

Er fühlte sich nur darüber ärgerlich, daß ihn die Kräfte gerade jetzt verließen, da konnte er diesen Landstreichern nicht zeigen, daß eine zahme Gans auch etwas leisten konnte. Und als das ärgerlichste von allem erschien ihm dieses Zusammentreffen mit Akka von Kebnekajse. Obwohl er eine zahme Gans war, hatte er doch von einer Anführerin reden hören, die Akka heiße und beinahe hundert Jahre alt sei. Sie stand so hoch in Achtung, daß sich stets nur die besten Wildgänse an sie anschlossen. Aber niemand verachtete die zahmen Gänse mehr als Akka und ihre Schar, und deshalb hätte ihnen der Gänserich jetzt gar zu gerne gezeigt, daß er ihnen ebenbürtig sei.

Er flog langsam hinter den andern drein, während er überlegte, ob er umdrehen oder weiterfliegen solle. Da sagte plötzlich der Knirps, den er auf seinem Rücken trug: „Lieber Gänserich Martin! Du wirst doch einsehen, daß einer, der noch nie geflogen ist, unmöglich mit den Wildgänsen bis nach Lappland hinauf fliegen kann. Wäre es da nicht besser, du drehtest um, ehe du dich zugrunde richtest?“

Aber dieser kleine Knirps da auf seinem Rücken war dem Gänserich noch das unangenehmste von allem, und kaum hatte er verstanden, daß der Kleine ihm die Kraft zu der Reise nicht zutraute, als er auch schon beschloß, dabei zu bleiben.

„Wenn du noch ein Wort darüber sagst, werfe ich dich in die erste Mergelgrube, über die wir hinfliegen,“ sagte er. Und vor lauter Zorn wuchsen ihm die Kräfte derart, daß er fast ebensogut fliegen konnte wie die andern.

Lange hätte er freilich so nicht mehr fortmachen können; aber es war auch nicht nötig, denn jetzt sank die Schar schnell abwärts, und gerade bei Sonnenuntergang schossen die Gänse jäh hinunter. Ehe der Junge und der Gänserich es ahnten, waren sie am Strande von Vombsee.

„Hier soll wohl übernachtet werden,“ dachte der Junge und sprang vom Rücken des Gänserichs hinunter.

Er stand auf einem schmalen, sandigen Ufer, und vor ihm lag ein ziemlich großer See. Aber der See machte einen häßlichen Eindruck. Er war fast ganz mit Eis bedeckt, das schwarz und uneben und voller Risse und Löcher war, wie das im Frühling zu sein pflegt. Lange konnte es mit dem Eise nicht mehr dauern, es war schon vom Ufer abgetrennt und hatte rundherum einen breiten Gürtel von schwarzem, glänzendem Wasser. Aber das Eis war doch noch da und verbreitete Kälte und winterliches Unbehagen.

Auf der andern Seite des Sees schien freundliches, angebautes Land zu sein; aber wo die Gänse sich niedergelassen hatten, lag eine große Tannenschonung. Und es sah aus, als ob der Tannenwald die Macht hätte, den Winter an sich zu fesseln. Überall sonst war die Erde frei von Schnee, aber unter den riesigen Tannen lag er noch dicht; er war geschmolzen und wieder gefroren, geschmolzen und wieder gefroren, so daß er jetzt hart wie Eis war.

Dem Jungen war es, als sei er in eine winterliche Einöde gekommen, und es wurde ihm so bänglich zumut, daß er am liebsten laut geweint hätte.

Er war sehr hungrig, denn er hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Aber wo hätte er etwas zu essen hernehmen sollen? Im März wächst weder auf den Bäumen noch auf den Feldern etwas Eßbares.

Ja, wo sollte er etwas zu essen hernehmen? Und wer würde ihm Obdach gewähren? Wer ihm ein Bett richten? Wer ihn an seinem Feuer niedersitzen lassen und wer ihn vor den Wildgänsen beschützen?

Denn jetzt war die Sonne untergegangen, und nun wehte es kalt vom See herüber; die Dunkelheit senkte sich vom Himmel herab, das Unbehagen schlich sich hinter der Dämmerung her, und im Walde begann es zu knistern und zu prasseln.

Jetzt war es vorbei mit dem frohen Mut, der ihn beseelt hatte, solange er da oben durch die Lüfte dahinflog, und in seiner Angst sah er sich nach seinem Reisegefährten um. Er hatte ja sonst niemand, an den er sich hätte halten können.

Da sah er, daß der Gänserich noch schlimmer daran war als er. Der lag noch immer auf demselben Fleck, wo er niedergesunken war, und es sah aus, als liege er in den letzten Zügen. Sein Hals ruhte schlaff auf der Erde, seine Augen waren geschlossen, und der Atem war nur noch ein schwaches Zischen.

„Lieber Gänserich Martin,“ sagte der Junge, „versuche einen Schluck Wasser zu trinken. Es sind keine zwei Schritte bis zum See.“

Aber der Gänserich rührte sich nicht.

Der Junge war freilich bisher gegen alle Tiere, den Gänserich nicht ausgenommen, recht hartherzig gewesen, aber jetzt erschien ihm dieser als die einzige Stütze, die er noch hatte, und er bekam große Angst, er könnte ihn verlieren.

Er fing gleich an, ihn zu stoßen und zu schieben, um ihn zum Wasser hinzubringen. Das war eine harte Arbeit für den Jungen, denn der Gänserich war groß und schwer; aber schließlich gelang es ihm doch.

Der Gänserich kam mit dem Kopfe zuerst ins Wasser hinein. Einen Augenblick blieb er still liegen, bald aber streckte er den Kopf heraus, schüttelte sich das Wasser aus den Augen und schnaubte. Dann schwamm er stolz zwischen das Röhricht hinein.

Die Wildgänse lagen vor ihm im See. Sobald sie auf die Erde heruntergekommen waren, hatten sie sich ins Wasser gestürzt, ohne sich nach dem Gänserich oder nach dem Gänsereiter umzusehen. Sie hatten sich eifrig gebadet und geputzt, und jetzt schlürften sie halbverfaulte Teichlinsen und Wassergräser in sich hinein.

Der weiße Gänserich hatte das Glück, einen kleinen Barsch zu entdecken, rasch ergriff er ihn, schwamm damit zum Strande hin und legte ihn vor dem Jungen nieder. „Das bekommst du zum Dank dafür, daß du mir ins Wasser hinuntergeholfen hast,“ sagte er.

Dies war das erste freundliche Wort, das der Junge an diesem Tage zu hören bekam. Er wurde so froh darüber, daß er den Gänserich am liebsten umarmt hätte, aber er wagte es doch nicht. Und auch über die Gabe freute er sich. Zuerst meinte er zwar, es sei ihm ganz unmöglich, den Fisch roh zu essen, dann aber bekam er doch Lust, wenigstens den Versuch zu machen.

Er fühlte nach, ob er sein Messer bei sich hätte, und wirklich hing es noch an seinem Hosenknopf, wenn auch so verkleinert, daß es nicht größer war als ein Zündholz. Aber den Fisch konnte er damit immerhin abschuppen und reinigen; und es dauerte gar nicht lange, da war der Barsch aufgegessen.

Als der Junge gesättigt war, schämte er sich eigentlich, daß er etwas Rohes hatte essen können. „Ich bin offenbar gar kein Mensch mehr, sondern ein richtiges Wichtelmännchen,“ dachte er.

Während der Junge den Fisch verzehrte, war der Gänserich ganz ruhig neben ihm stehen geblieben; aber als jener den letzten Bissen verschluckt hatte, sagte er mit leiser Stimme: „Wir sind unter ein recht eingebildetes Wildgänsevolk geraten, das alle zahmen Gänse verachtet.“

„Ja, ich hab es wohl bemerkt,“ erwiderte der Junge.

„Es wäre freilich sehr ehrenvoll für mich, wenn ich bis nach Lappland mit ihnen reisen und ihnen zeigen könnte, daß auch eine zahme Gans etwas leisten kann.“

„O jaaa,“ erwiderte der Junge gedehnt, denn er traute dies dem Gänserich nicht zu, wollte ihm aber nicht widersprechen.

„Ich glaube aber nicht, daß ich mich auf so einer Reise allein zurechtfinden kann,“ fuhr der Gänserich fort, „deshalb möchte ich dich fragen, ob du nicht mitkommen und mir helfen möchtest?“

Der Junge hatte natürlich nichts andres gedacht, als so schnell wie möglich nach Hause zurückzukehren. Er war daher über die Maßen erstaunt und wußte nicht, was er sagen sollte. „Ich glaubte, wir beide seien nicht gut Freund miteinander,“ sagte er. Aber das schien der Gänserich ganz und gar vergessen zu haben; er erinnerte sich nur noch daran, daß der Junge ihm vorhin das Leben gerettet hatte.

„Ich müßte eigentlich zu Vater und Mutter zurückkehren,“ sagte der Junge.

„O, ich werde dich schon zu rechter Zeit zu ihnen zurückbringen!“ rief der Gänserich. „Und ich werde dich nicht verlassen, bis ich dich wieder vor deiner eignen Schwelle niedergesetzt habe.“

Der Junge dachte, es wäre vielleicht ganz gut, wenn er seinen Eltern noch eine Weile nicht unter die Augen käme. Er war daher dem Vorschlag nicht abgeneigt und wollte gerade zustimmen, als er ein lautes Donnern hinter sich hörte. Die Wildgänse waren alle auf einmal aus dem See herausgesprungen und schüttelten jetzt das Wasser von sich ab. Dann ordneten sie sich, die Anführerin an der Spitze, in eine lange Reihe und kamen auf die beiden zu.

Als der weiße Gänserich jetzt die Wildgänse betrachtete, war ihm gar nicht behaglich zumut. Er hatte erwartet, sie mehr den zahmen Gänsen ähnlich zu sehen und sich ihnen mehr verwandt zu fühlen. Aber sie waren viel kleiner als er, und keine von ihnen war weiß, sondern alle waren grau, an einzelnen Stellen ins Braune spielend. Und vor ihren Augen hätte er sich beinahe gefürchtet, sie waren gelb und glänzten, als ob Feuer dahinter brennte. Dem Gänserich war immer eingeprägt worden, es sei schicklich, langsam und breitspurig zu gehen, aber diese hier schienen gar nicht gehen zu können, ihr Gang war ein halbes Springen. Am meisten aber erschrak er, als er ihre Füße sah, denn die waren sehr groß und die Sohlen zertreten und zerrissen. Man sah wohl, daß die Wildgänse nie darauf acht gaben, wohin sie traten, und nie einen Umweg machten. Sonst waren sie sehr zierlich und ordentlich, aber an ihren Füßen konnte man sie als arme Landstreicher erkennen.

Der Gänserich konnte dem Jungen gerade noch zuflüstern: „Rede nur keck von der Leber weg, aber sage nichts davon, daß du ein Mensch bist,“ da waren auch die Gänse schon bei ihnen angelangt.

Sie blieben vor den beiden stehen und nickten viele Male mit dem Halse, und der Gänserich tat dasselbe, nur noch viel öfter. Sobald es des Grüßens genug war, sagte die Anführerin: „Jetzt sollten wir wohl erfahren, was ihr für Leute seid?“

„Von mir ist nicht viel zu sagen,“ begann der Gänserich. „Ich bin im vorigen Jahre in Skanör geboren. Im Herbst wurde ich an Holger Nilsson von Westvemmenhög verkauft, und dort bin ich bis jetzt gewesen.“

„Du scheinst keine Familie zu haben, auf die du stolz sein könntest,“ sagte die Anführerin. „Woher kommt es dann, daß du so keck bist, dich mit den Wildgänsen einzulassen?“

„Vielleicht, um euch wilden Gänsen zu zeigen, daß auch wir zahmen etwas leisten können,“ antwortete der Gänserich.

„Ja, das wäre gut, wenn du uns das zeigen könntest,“ sagte die Anführerin. „Wir haben nun schon gesehen, wie du fliegen kannst, aber möglicherweise bist du in andrer Hinsicht tüchtiger. Bist du stark im Dauerschwimmen?“

„O nein, dessen kann ich mich nicht rühmen,“ antwortete der Gänserich; er glaubte zu merken, daß die Anführerin schon entschlossen war, ihn nach Hause zurückzuschicken, und es war ihm deshalb gleichgültig, was er antwortete. „Ich bin noch nie weiter geschwommen, als quer über eine Mergelgrube,“ fuhr er fort.

„Dann erwarte ich, daß du ein Meister im Springen bist.“

„Noch niemals habe ich eine zahme Gans springen sehen,“ antwortete der Gänserich und machte damit seine Sache noch schlimmer.

Der große weiße Gänserich war nun ganz sicher, daß die Anführerin ihn unter keiner Bedingung mitnehmen werde. Er war deshalb höchst erstaunt, als sie sagte: „Du beantwortest die an dich gestellten Fragen ja recht mutig, und wer Mut hat, kann ein guter Reisegefährte sein, wenn er auch im Anfang ungewandt ist. Hättest du nicht Lust, ein paar Tage bei uns zu bleiben, damit wir sehen können, was du leisten kannst?“

„Das ist mir sehr angenehm,“ erwiderte der Gänserich äußerst vergnügt.

Hierauf streckte die Anführerin den Schnabel aus und sagte: „Aber wen hast du denn da bei dir? So einen habe ich noch nie gesehen.“

„Es ist mein Gefährte,“ sagte der Gänserich. „Er ist sein Lebetag Gänsehirt gewesen und kann uns möglicherweise auf der Reise nützlich sein.“

„Ja, für eine zahme Gans mag das ganz gut sein,“ antwortete die wilde. „Wie heißt er?“

„Er hat verschiedene Namen,“ sagte der Gänserich zögernd. Er wußte nicht, wie er sich aus der Klemme ziehen sollte, denn er wollte nicht verraten, daß der Junge einen menschlichen Namen hatte. „Ach, er heißt Däumling,“ sagte er plötzlich.

„Ist er aus dem Geschlecht der Wichtelmännchen?“ fragte die Anführerin.

„Um welche Tageszeit geht ihr Wildgänse schlafen?“ fragte der Gänserich hastig und versuchte so um die Antwort auf die letzte Frage herumzukommen. „Um diese Zeit fallen mir immer die Augen von selbst zu.“

Man sah wohl, daß die Gans, die mit dem Gänserich sprach, sehr alt sein mußte. Ihr ganzes Federkleid war eisgrau, ohne dunkle Streifen. Ihr Kopf war größer, ihre Beine gröber und ihre Füße mehr zertreten als die der andern. Die Federn waren steif, die Schultern knochig, der Hals mager. Alles dies kam vom Alter. Nur ihren Augen hatte dieses noch nichts anzuhaben vermocht, sie glänzten heller und sahen jünger aus als die Augen aller andern.

Jetzt wendete sie sich sehr feierlich an den Gänserich. „So wisse denn, Gänserich, daß ich Akka von Kebnekajse bin, und die Gans, die zu meiner Rechten fliegt, ist Yksi von Vassijaure, und die zu meiner Linken ist Kaksi von Nuolja. Wisse auch, daß die zweite rechts Kolme von Sarjektjåkko und die zweite links Neljä von Svappavaara ist, und daß hinter ihnen Viisi von Oviksfjällen und Kuusi von Sjangeli sind. Und wisse auch, daß die sechs jungen Gänse, die ganz zuletzt kommen, drei rechts, drei links, ebenfalls Hochlandwildgänse aus den besten Familien sind. Du darfst uns nicht für Landstreicher halten, die mit jedem, der ihnen in den Weg kommt, Kameradschaft schließen, und du darfst nicht glauben, daß wir mit jemand unsre Schlafstelle teilen, der nicht sagen will, aus welchem Geschlecht er stammt.“

Als die Anführerin Akka auf diese Weise sprach, trat der Junge hastig vor. Es hatte ihn betrübt, daß der Gänserich, der so keck für sich selbst gesprochen hatte, so ausweichende Antworten gab, als es sich um ihn handelte.

„Ich will nicht geheim halten, wer ich bin,“ sagte er. „Ich heiße Nils Holgersson, bin der Sohn eines Häuslers, und bis zum heutigen Tage bin ich ein Mensch gewesen, aber heute morgen – –“

Weiter kam der Junge nicht, denn niemand hörte mehr auf ihn. Kaum hatte er gesagt, daß er ein Mensch sei, als die Anführerin drei Schritte und die andern noch weiter zurückwichen. Und sie reckten alle die Hälse und zischten ihn zornig an.

„Du bist mir doch gleich verdächtig vorgekommen, als ich dich hier auf dem Strand sah, und jetzt mußt du dich schleunigst entfernen, wir dulden keine Menschen unter uns,“ sagte Akka von Kebnekajse.

„Es ist doch wohl nicht möglich,“ versuchte der Gänserich zu vermitteln, „daß ihr Wildgänse euch vor einem so kleinen Wesen fürchtet. Morgen soll er gewiß nach Hause zurückkehren, aber über Nacht werdet ihr ihn doch unter euch dulden müssen. Keiner von uns könnte es verantworten, einen solchen kleinen Kerl sich in der Nacht allein gegen Wiesel und Fuchs verteidigen zu lassen.“

Die Wildgans kam wieder näher heran, aber man sah deutlich, wie schwer es ihr wurde, ihre Furcht zu bezwingen. „Ich bin gelehrt worden, mich vor allem, was Mensch heißt, zu fürchten, einerlei ob klein oder groß,“ sagte sie. „Aber wenn du, Gänserich, dafür einstehen willst, daß uns dieser hier nichts Böses tut, dann mag er über Nacht dableiben. Ich fürchte jedoch, unser Nachtquartier wird weder dir noch ihm passen, denn wir begeben uns auf das schwimmende Eis hinaus und schlafen dort.“

Sie dachte wohl, der Gänserich werde bei dieser Ankündigung unschlüssig werden. Er ließ sich aber nichts merken. „Ihr seid sehr klug und versteht es, einen sichern Schlafplatz auszuwählen,“ sagte er.

„Aber du stehst mir dafür ein, daß er morgen nach Hause zurückkehrt.“

„Dann muß auch ich mich von euch trennen,“ sagte der Gänserich, „denn ich habe ihm versprochen, ihn nicht zu verlassen.“

„Es steht dir frei, zu fliegen, wohin du willst,“ entgegnete die Anführerin.

Damit hob sie die Flügel und flog auf das Eis hinaus, wohin ihr eine Wildgans nach der andern folgte.

Der Junge war betrübt darüber, daß aus seiner Reise nach Lappland nichts werden sollte, und überdies fürchtete er sich vor dem kalten Nachtquartier. „Es wird immer schlimmer, Gänserich,“ sagte er. „Und das erste wird sein, daß wir da draußen auf dem Eise erfrieren.“

Aber der Gänserich war guten Mutes. „Das hat keine Gefahr,“ sagte er. „Sammle jetzt nur in aller Eile so viel Stroh und Gras zusammen, als du zu tragen vermagst.“

Als der Junge beide Arme voller dürren Grases hatte, faßte der Gänserich ihn mit seinem Schnabel am Hemdkragen, hob ihn auf und flog aufs Eis hinüber, wo die Wildgänse, den Schnabel unter einen Flügel gesteckt, schon standen und schliefen.

„Breite jetzt das Gras auf dem Eis aus, damit ich etwas habe, worauf ich stehen kann, um nicht anzufrieren. Hilf du mir, dann helfe ich dir auch,“ sagte der Gänserich.

Der Junge tat, wie ihm geheißen war, und sobald er fertig war, ergriff ihn der Gänserich noch einmal am Hemdkragen und steckte ihn unter seinen Flügel. „Hier liegst du warm und gut,“ sagte er und drückte den Flügel an, damit der Kleine nicht herunterfallen sollte.

Er war so in Flaum eingebettet, daß er nicht antworten konnte; aber warm und schön lag er, und müde war er, und im nächsten Augenblick schlief er.

Die Nacht

Es ist eine bekannte Tatsache, daß das Eis trügerisch ist, und daß man sich nicht darauf verlassen kann. Mitten in der Nacht veränderte die vom Lande losgelöste Eisdecke auf dem Vombsee ihre Lage, so daß sie an einer Stelle den Strand berührte. Und da geschah es, daß Smirre, der Fuchs, der damals auf der östlichen Seite des Sees im Park von Övedskloster wohnte, auf seiner nächtlichen Jagd dies sah. Smirre hatte die Wildgänse allerdings schon am Abend gesehen, jedoch nicht erwartet, einer von ihnen beikommen zu können. Jetzt lief er schnell aufs Eis hinaus; als er aber den Wildgänsen schon ganz nahe war, glitt er plötzlich aus, und seine Krallen kratzten auf dem Eise. Davon erwachten die Gänse, und sie schlugen mit den Flügeln, um sich in die Luft zu erheben. Aber Smirre war ihnen zu hurtig. Er machte einen Satz, gerade als schleudere ihn jemand vorwärts, ergriff eine Gans am Flügel und stürzte wieder dem Lande zu.

Aber in dieser Nacht waren die Wildgänse nicht allein auf dem Eise draußen; sie hatten einen Menschen bei sich, wenn auch einen noch so kleinen. Als der Gänserich mit den Flügeln schlug, erwachte der Junge, er fiel aufs Eis hinunter und saß da ganz schlaftrunken; zuerst konnte er sich die Aufregung unter den Gänsen gar nicht erklären, bis er plötzlich einen kleinen, kurzbeinigen Hund mit einer Gans im Maule davonlaufen sah.

Da sprang er rasch auf, dem Hunde die Gans abzujagen. Er hörte noch, daß der Gänserich ihm nachrief: „Däumling, nimm dich in acht! Nimm dich in acht!“

„Aber vor einem so kleinen Hunde brauche ich mich doch wohl nicht zu fürchten,“ dachte der Junge und stürmte davon.

Die Wildgans, die der Fuchs Smirre mit sich wegschleifte, hörte das Geklapper von des Jungen Holzschuhen auf dem Eise, und sie traute ihren Ohren kaum. „Meint der kleine Knirps, er könne mich dem Fuchse abjagen?“ dachte sie. Und so elendiglich sie auch daran war, so begann sie doch ganz unten im Halse belustigt zu schnattern, beinahe als lache sie.

„Das erste, was ihm passiert, wird sein, daß er in eine Eisritze purzelt,“ dachte sie.

Aber so finster die Nacht auch war, der Junge sah alle Risse und Löcher im Eise und machte große Sätze darüber hinweg. Das kam daher, daß er jetzt die guten Nachtaugen der Wichtelmännchen hatte und in der Dunkelheit sehen konnte. Nichts war farbig, sondern alles grau oder schwarz, aber er sah den See und das Ufer ebenso deutlich wie bei Tage.

Da wo das Eis ans Land stieß, sprang Smirre hinüber, und während er sich den Uferabhang hinaufarbeitete, rief der Junge ihm zu: „Laß die Gans los, du Lümmel!“

Smirre wußte nicht, wer das gerufen hatte; er nahm sich auch nicht die Zeit, sich umzusehen, sondern lief noch schneller davon. Jetzt rannte er in einen großen prächtigen Buchenwald hinein, und der Junge lief hinter ihm her, ohne an irgend eine Gefahr zu denken. Dagegen mußte er immerfort daran denken, mit welcher Mißachtung er am vorhergehenden Abend von den Gänsen behandelt worden war, und deshalb hätte er ihnen jetzt gar zu gerne bewiesen, daß ein Mensch, wenn er auch noch so klein ist, allen andern Geschöpfen überlegen sei.

Einmal ums andre befahl er dem Hunde da vor sich, seine Beute loszulassen. „Was bist du für ein Hund, der sich nicht schämt, eine ganze Gans zu stehlen?“ rief er. „Lege sie sogleich nieder, sonst wirst du sehen, was für Prügel du bekommst! Laß los, sag ich, sonst werde ich deinem Herrn sagen, wie du dich benimmst!“

Als Smirre merkte, daß er für einen Hund gehalten wurde, der sich vor Prügel fürchtete, kam ihm das so komisch vor, daß er die Gans beinahe hätte fallen lassen. Smirre war ein großer Räuber, der sich nicht mit der Jagd auf Ratten und Feldmäuse begnügte, sondern sich auch in die Höfe wagte und Hühner und Gänse stahl. Er wußte, wie sehr er in der ganzen Umgegend gefürchtet war. Und jetzt diese Drohung. So etwas Verrücktes hatte er seit seiner Kindheit nicht mehr gehört!

Aber der Junge lief aus Leibeskräften; es war ihm, als glitten die dicken Buchenstämme an ihm vorüber, und der Abstand zwischen ihm und Smirre verminderte sich immer mehr. Endlich war er Smirre so nahe, daß er ihn am Schwanze fassen konnte. „Jetzt entreiße ich dir die Gans doch!“ rief er und hielt Smirre am Schwanze so fest, als er nur konnte. Aber er war nicht stark genug, Smirre aufzuhalten. Der Fuchs riß ihn so heftig mit sich fort, daß die dürren Buchenblätter umherstoben.

Doch jetzt glaubte Smirre zu entdecken, wie ungefährlich sein Verfolger sei. Er hielt an, legte die Gans auf die Erde, stellte sich mit den Vorderpfoten darauf, damit sie nicht wegfliegen könne, und war auf dem Punkte, ihr den Hals abzubeißen; aber dann konnte er es doch nicht lassen, den kleinen Wicht vorher noch ein wenig zu reizen. „Ja, mach nur, daß du mich bei dem Herrn verklagst, denn jetzt beiße ich die Gans tot,“ sagte er.

Wer sich aber sehr verwunderte, als er die spitzige Nase desjenigen sah, den er verfolgt hatte, und zugleich hörte, welche heisere, boshafte Stimme er hatte, das war der Junge. Er war so wütend über den Räuber, der sich über ihn lustig machte, daß gar keine Spur von Furcht in ihm aufstieg. Er packte den Schwanz nur noch fester, stemmte sich gegen eine Buchenwurzel, und gerade, als der Fuchs die offne Schnauze am Halse der Gans hatte, zog er aus Leibeskräften an. Smirre war so überrascht, daß er sich ein paar Schritte rückwärts ziehen ließ, und dadurch wurde die Wildgans frei. Sie flatterte schwerfällig empor, denn ihre Flügel waren verletzt, und sie konnte sie kaum gebrauchen; überdies sah sie in der Dunkelheit des Waldes gar nichts, sondern war so hilflos wie ein Blinder. Sie konnte deshalb dem Jungen keinerlei Beistand leisten, sondern versuchte nur, durch eine Öffnung in dem grünen Blätterdache hinauszugelangen, um den See wieder zu erreichen.

Da warf Smirre sich auf den Jungen. „Kann ich den einen nicht bekommen, so will ich wenigstens den andern haben,“ fauchte er, und man hörte seiner Stimme an, wie aufgebracht er war.

„O denke doch ja nicht, daß dir das gelingen werde,“ sagte der Junge. Er war ganz aufgeräumt, weil es ihm gelungen war, die Gans zu retten. Auch hielt er sich noch immer an dem Fuchsschwanze fest und schwang sich an ihm, als ihn der Fuchs zu fangen versuchte, auf die andre Seite hinüber.

Das war ein Tanz im Walde, daß die Buchenblätter nur so umherstoben! Smirre drehte sich rund, rund herum, aber der Schwanz schwang sich auch rund, rund herum, der Junge hielt sich daran fest, und der Fuchs konnte ihn nicht fassen.

Der Junge war so vergnügt über seinen Erfolg, daß er im Anfang nur lachte und den Fuchs verspottete; aber Meister Reineke war beharrlich, wie alte Jäger zu sein pflegen, und allmählich wurde es dem Jungen doch angst, er könnte schließlich noch gefaßt werden.

Da erblickte er eine kleine junge Buche, die schlank wie ein Pfahl aufgewachsen war, nur um recht bald ins Freie zu gelangen, hoch da droben über dem grünen Laubdach, das die alten Buchen über dem jungen Bäumchen ausbreiteten. In aller Eile ließ der Junge den Fuchsschwanz los und kletterte auf die Buche hinauf. Smirre aber war so im Eifer, daß er sich noch eine ganze Weile nach seinem Schwanze im Kreise drehte. „Du brauchst nicht weiter zu tanzen,“ sagte der Junge plötzlich.

Der Fuchs war wütend; diese Schmach, einen so kleinen Knirps nicht in seine Macht zu bekommen, war ihm unerträglich, er legte sich deshalb unter der Buche nieder, um den Jungen zu bewachen.

Der Junge hatte es nicht übermäßig gut da oben; er saß rittlings auf einem schwachen Zweige, und die junge Buche reichte nicht hinauf bis zu dem Blätterdache, so daß er auf keinen andern Baum hinübergelangen konnte; aber er mochte sich auch nicht wieder hinunter auf den Boden wagen. Er fror gewaltig und war nahe daran, ganz steif zu werden und seinen Zweig loszulassen; auch war er entsetzlich schläfrig, hütete sich aber wohl, sich vom Schlaf übermannen zu lassen, aus Angst, dann auf den Boden hinunterzufallen.

O, es war fürchterlich, mitten in der Nacht so im Walde draußen zu sitzen! Er hatte bis jetzt keine Ahnung gehabt, was das bedeutete, wenn es Nacht ist. Es war, als sei alles versteinert und könne nie wieder zum Leben erwachen.

Dann begann der Tag zu grauen, und der Junge war froh, als alles sein altes Aussehen wieder annahm, obgleich die Kälte jetzt gegen Morgen noch durchdringender wurde als in der Nacht.

Als endlich die Sonne aufging, war sie nicht gelb, sondern rot. Dem Jungen kam es vor, als sehe sie böse aus, und er fragte sich, warum sie wohl böse sei. Vielleicht weil die Nacht, während die Sonne weggewesen war, eine solche Kälte auf der Erde verbreitet hatte.

Die Sonnenstrahlen sprühten in großen Feuergarben am Himmel auf, um zu sehen, was die Nacht auf der Erde getan hatte, und es sah aus, als ob alles ringsum errötete, wie wenn es ein schlechtes Gewissen hätte. Die Wolken am Himmel, die seidenglatten Buchenstämme, die kleinen, ineinander verflochtenen Zweige des Laubdaches, der Rauhreif, der die Buchenblätter auf dem Boden bedeckte, alles glühte und wurde rot.

Aber immer mehr Sonnenstrahlen schossen am Himmel auf, und bald war alles Grauen der Nacht verschwunden. Die Lähmung war wie weggeblasen, und gar vieles Lebendige trat zutage. Der Schwarzspecht mit dem roten Hals begann mit dem Schnabel an einem Baumstamme zu hämmern. Das Eichhörnchen huschte mit einer Nuß aus seinem Bau heraus, setzte sich auf einen Zweig und begann sie aufzuknabbern. Der Star kam mit einer Wurzelfaser dahergeflogen, und der Buchfink sang in dem Baumwipfel.

Da verstand der Junge, daß die Sonne zu allen diesen kleinen Wesen gesagt hatte: „Erwacht und kommt heraus aus eurer Behausung, jetzt bin ich hier! Jetzt braucht ihr euch vor nichts mehr zu fürchten.“

Vom See her drang der Ruf der Wildgänse, die sich zur Weiterreise rüsteten, zu dem Jungen herüber; und bald darauf flogen alle vierzehn Gänse über den Wald hin. Der Junge versuchte ihnen zuzurufen; aber sie flogen so hoch droben, daß seine Stimme sie nicht erreichen konnte. Sie glaubten wohl, der Fuchs habe ihn schon lange aufgefressen. Ach, sie gaben sich auch nicht einmal die Mühe, sich nach ihm umzusehen!

Der Junge war vor lauter Angst dem Weinen nahe; aber die Sonne stand jetzt goldgelb und vergnügt am Himmel und flößte der ganzen Welt Mut ein. „Du brauchst dich nicht zu fürchten oder vor etwas Angst zu haben, Nils Holgersson, solange ich da bin,“ sagte sie.

Das Spiel der Gänse

Montag, 21. März

Alles im Walde blieb so lange unverändert, als eine Gans ungefähr braucht, um ihr Frühstück zu genießen; aber gerade um die Zeit, wo der Morgen in den Vormittag übergehen wollte, flog eine einzelne Wildgans unter das dichte Laubdach herein. Zögernd suchte sie ihren Weg zwischen Stämmen und Zweigen und flog ganz langsam. Sobald der Fuchs sie sah, verließ er seinen Platz unter der jungen Buche und schlich zu ihr hin. Die Wildgans wich dem Fuchs nicht aus, sondern flog ganz nahe heran. Smirre machte einen hohen Satz nach ihr, verfehlte sie aber, und die Gans flog in der Richtung zum See weiter.

Es dauerte nicht lange, so kam auch schon eine zweite Wildgans dahergeflogen. Sie nahm denselben Weg wie die vorige und flog noch langsamer und noch näher am Boden. Auch sie strich dicht an Smirre vorüber, und er machte einen so hohen Satz nach ihr, daß seine Ohren ihre Füße berührten; aber auch sie entkam unbeschädigt und setzte still wie ein Schatten ihren Weg nach dem See fort.

Eine kleine Weile verging, da tauchte wieder eine Gans auf, die noch langsamer, noch näher am Boden flog. Smirre machte einen gewaltigen Satz, und es fehlte nur ein Haarbreit, so hätte er sie gefaßt; aber auch diese Gans entkam ihm.

Kaum war sie verschwunden, so erschien auch schon die vierte Wildgans. Obgleich diese so langsam flog, daß es Smirre vorkam, als könne er sie ohne besondre Schwierigkeit fassen, fürchtete er sich jetzt vor einem neuen Mißerfolg und beschloß, sie unangetastet vorbeifliegen zu lassen. Aber sie nahm denselben Weg wie die andern, und gerade, als sie über Smirre hinflog, ließ sie sich so tief heruntersinken, daß er sich doch verleiten ließ, nach ihr zu springen. Er sprang so hoch, daß er sie mit der Tatze berührte; aber sie warf sich rasch zur Seite und rettete ihr Leben.

Ehe Smirre ausgekeucht hatte, erschienen drei Gänse in einer Reihe. Sie flogen ganz in derselben Weise wie die vorhergehenden, und Smirre machte hohe Sätze, sie zu erreichen; aber es gelang ihm nicht, eine von ihnen zu fangen.

Jetzt tauchten fünf Gänse auf; aber diese flogen besser als die vorhergehenden, und obgleich auch sie Smirre zum Springen verleiten zu wollen schienen, widerstand er doch der Versuchung.

Nach einer ziemlich langen Pause tauchte wieder eine einzelne Gans auf. Das war die dreizehnte. Die war so alt, daß sie ganz grau war und nicht einen einzigen dunklen Streifen auf dem Körper hatte. Sie schien den einen Flügel nicht recht gebrauchen zu können und flog erbärmlich schlecht und schief, so daß sie fast am Boden streifte. Smirre machte nicht nur einen hohen Satz nach ihr, sondern verfolgte sie auch noch springend und hüpfend nach dem See zu; aber auch diesmal wurde seine Mühe nicht belohnt.

Als die vierzehnte Gans erschien, war es ein sehr schöner Anblick, denn sie war ganz weiß, und als sie ihre großen Flügel bewegte, schien ein helles Licht in dem dunklen Wald aufzuleuchten. Als Smirre ihrer ansichtig wurde, bot er seine ganze Kraft auf und sprang halbwegs bis zum Blätterdach empor; aber die weiße Gans flog, wie alle die andern vorher, unbeschädigt an ihm vorüber.

Nun wurde es eine Weile ganz still unter den Buchen; es sah aus, als sei der ganze Schwarm Wildgänse weitergeflogen.

Da fiel Smirre plötzlich sein Gefangner, der kleine Knirps, wieder ein; er hatte keine Zeit gehabt, an ihn zu denken, seit er die erste Gans gesehen hatte. Aber natürlich war der längst auf und davon.

Doch Smirre blieb auch jetzt nicht viel Zeit, an den kleinen Kerl zu denken, denn eben kam die erste Gans wieder vom See her und flog langsam unter dem Blätterdach hin. Trotz seines Mißerfolges freute sich Smirre über ihre Rückkehr, und mit einem großen Satz stürzte er auf sie zu. Aber er war zu eilig gewesen, er hatte sich nicht die nötige Zeit zum Berechnen seines Sprunges genommen und sprang nun an ihr vorbei.

Nach dieser Gans kam wieder eine, und dann noch eine, und dann eine dritte, vierte, fünfte, bis die Reihe mit der alten eisgrauen und der großen weißen abschloß. Alle flogen langsam und nahe am Boden; und als sie über Smirre schwebten, senkten sie sich noch tiefer herab, als ob sie ihn einladen wollten, sie zu fangen. Und Smirre verfolgte sie, er machte mehrere Meter hohe Sätze, und doch konnte er keine erwischen.

Das war der schrecklichste Tag, den der Fuchs Smirre je erlebt hatte. Die Wildgänse flogen unaufhörlich über seinem Kopf weg, hin und her, hin und her. Große, herrliche Gänse, die sich auf den deutschen Äckern und Heiden fett gefressen hatten, strichen den ganzen Tag durch den Wald so nahe an ihm vorüber, daß er sie wiederholt berührte, und doch konnte er seinen Hunger nicht mit einer einzigen stillen.

Der Winter war kaum vorüber, und Smirre erinnerte sich an die Tage und Nächte, wo er meistens müßig umhergestreift war, weil er auch nicht ein einziges Wildbret erjagen konnte, denn die Zugvögel waren fortgezogen, die Ratten verbargen sich unter der gefrorenen Erde und die Hühner waren eingesperrt. Aber der Hunger des ganzen Winters war nicht so schwer zu ertragen gewesen, als der Mißerfolg dieses einen Tages.

Smirre war kein junger Fuchs mehr; oft waren ihm die Hunde an den Fersen gewesen, und die Kugeln hatten ihm um die Ohren gepfiffen. Er hatte tief drinnen in seinem Bau gelegen, während die Dachshunde in dessen Gängen waren und ihn beinahe gefunden hätten. Aber alle Angst, die Smirre während einer solchen aufregenden Jagd durchgemacht hatte, war nicht zu vergleichen mit dem Gefühl, das ihn ergriff, so oft er einen mißglückten Sprung nach den Wildgänsen machte.

Am Morgen, als das Spiel begann, war Smirre so schmuck gewesen, daß die Gänse bei seinem Anblick gestutzt hatten; Smirre liebte die Pracht, und sein Pelz war glänzend rot, seine Brust weiß, die Tatzen schwarz und der Schwanz üppig wie eine Feder. Aber das schönste an ihm war doch die Spannkraft seiner Bewegungen und der Glanz seiner Augen. Als es jedoch an diesem Tage Abend wurde, hing Smirres Pelz in Zotteln herunter, er war in Schweiß gebadet, seine Augen waren matt, die Zunge hing ihm lang aus dem keuchenden Maule heraus, und um die Lippen stand ihm der Schaum.

Den ganzen Nachmittag war Smirre so müde, daß er wie verwirrt war. Er sah nichts andres mehr vor sich als fliegende Gänse. Er sprang nach Sonnenflecken, die auf dem Boden glänzten, und nach einem armen Schmetterling, der zu früh aus seiner Puppe geschlüpft war.

Die Wildgänse flogen und flogen unermüdlich hin und wieder; den ganzen Tag hörten sie nicht auf, Smirre zu quälen, sie fühlten kein Mitleid, als sie Smirre verwirrt, aufgeregt, wahnsinnig sahen. Unerbittlich fuhren sie fort, obgleich sie wußten, daß er sie kaum noch sah und nach ihrem Schatten sprang.

Erst als Smirre ganz ermattet und kraftlos, beinah auf dem Punkt, den Geist aufzugeben, auf einen Haufen dürren Laubes niedersank, hörten sie auf, ihn zum besten zu haben.

„Jetzt weißt du, Fuchs, wie es dem geht, der sich mit Akka von Kebnekajse einläßt!“ riefen sie ihm in die Ohren; und damit ließen sie ihn endlich in Ruhe.

3
Das Leben der Wildvögel

Im Bauernhof

Donnerstag, 24. März

Gerade in jenen Tagen trug sich in Schonen ein Ereignis zu, das nicht allein sehr viel von sich reden machte, sondern auch in die Zeitungen kam, das aber viele für eine Erfindung hielten, weil sie es sich durchaus nicht erklären konnten.

Im Park von Övedskloster war nämlich ein Eichhornweibchen gefangen und auf einen nahegelegenen Bauernhof gebracht worden. Alle Bewohner des Bauernhofs, alte und junge, freuten sich sehr über das kleine hübsche Tier mit dem großen Schwanz, den klugen neugierigen Augen und den kleinen netten Füßchen. Sie wollten sich den ganzen Sommer an seinen flinken Bewegungen, seiner putzigen Art, Haselnüsse zu knabbern, und an seinem lustigen Spiel erfreuen. Schnell brachten sie einen alten Eichhörnchenkäfig in Ordnung, der aus einem kleinen grün angestrichenen Häuschen und einem aus Draht geflochtenen Rad bestand. Das Häuschen, das Tür und Fenster hatte, sollte dem Eichhörnchen als Eß- und Schlafzimmer dienen, deshalb machten sie ein Lager aus Laub zurecht, stellten eine Schale Milch hinein und legten einige Haselnüsse dazu. Das Rad sollte sein Spielzimmer sein, wo es spielen und klettern und sich im Kreise herumschwingen könnte.

Die Menschen glaubten, sie hätten es für das Eichhörnchen recht gut gemacht, und sie verwunderten sich sehr, daß es ihm offenbar nicht gefiel. Betrübt und mißmutig und nur ab und zu einen scharfen Klagelaut ausstoßend, saß es in einer Ecke seines Stübchens. Es rührte die Speisen nicht an und schwang sich auch nicht ein einziges Mal in dem Rad. „Es fürchtet sich,“ sagten die Leute auf dem Bauernhof. „Aber morgen, wenn es an seine Umgebung gewöhnt ist, wird es schon spielen und fressen.“

In dem Bauernhofe waren aber zu der Zeit große Vorbereitungen zu einem Fest im Gang, und gerade an dem Tag, wo das Eichhörnchen gefangen worden war, war große Backerei. Zum Unglück jedoch hatte entweder der Teig nicht recht aufgehen wollen, oder die Leute waren etwas langsam bei der Arbeit gewesen, und so mußten sie noch lange nach Einbruch der Dunkelheit arbeiten.

Überall herrschte natürlich großer Eifer, und man hatte es sehr eilig in der Küche; niemand nahm sich Zeit, nachzusehen, wie es dem Eichhörnchen ging. Doch die alte Mutter des Hauses war zu bejahrt, um noch beim Backen helfen zu können; und obwohl sie das recht gut einsah, war sie doch betrübt darüber, ganz ausgeschlossen zu sein; sie ging auch nicht zu Bett, sondern setzte sich ans Fenster der Wohnstube und sah hinaus. Die Küchentür war der Wärme wegen aufgemacht worden, und durch sie fiel ein heller Lichtschein auf den Hof hinaus. Es war ein von Gebäuden umschlossener Hof, der jetzt so hell erleuchtet war, daß die Frau die Risse und Löcher in der Verkalkung an der gegenüberliegenden Wand deutlich sehen konnte. Sie sah auch den Käfig des Eichhörnchens, der gerade dort hing, wo der Lichtschein am hellsten hinfiel, und da sah sie, daß das Eichhörnchen immerfort aus seinem Stübchen in das Rad und vom Rad wieder ins Stübchen hineinlief, ohne sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen. Sie dachte, das Tier sei doch in einer sonderbaren Aufregung, aber sie meinte, der scharfe Lichtschein halte es wach.

Zwischen dem Kuh- und dem Pferdestall war ein großes, breites Einfahrtstor, das jetzt auch von dem Lichtschein aus der Küche hellbeleuchtet war. Als eine gute Weile vergangen war, sah die alte Mutter, daß durch das Hoftor ganz leise und vorsichtig ein winziger Knirps hereingeschlichen kam; er war nur eine Spanne hoch, hatte aber Holzschuhe an den Füßen und trug Lederhosen wie ein gewöhnlicher Arbeiter. Die alte Mutter wußte sogleich, daß dies das Wichtelmännchen war, und fürchtete sich nicht im geringsten, denn sie hatte immer gehört, daß sich ein solches auf dem Hofe aufhalte, obgleich es noch nie jemand gesehen hatte; und ein Wichtelmännchen brachte ja Glück, wo es sich zeigte.

Sobald das Wichtelmännchen auf den gepflasterten Hof kam, lief es eilig auf den Käfig zu, und da es ihn nicht erreichen konnte, weil er zu hoch hing, ging es nach dem Geräteschuppen, holte eine Stange heraus, lehnte sie an den Käfig und kletterte an ihr hinauf, gerade wie ein Seemann an einem Tau hinaufklettert. Als es den Käfig erreicht hatte, rüttelte es an der Tür des kleinen grünen Hauses, um es zu öffnen; aber die alte Mutter war ganz beruhigt, denn sie wußte, daß die Kinder ein Vorlegeschloß daran gehängt hatten, aus Angst, die Jungen vom Nachbarhof könnten versuchen, das Eichhörnchen zu stehlen. Die Frau sah, daß das Eichhörnchen, als das Wichtelmännchen die Tür nicht aufbrachte, in das Rad herauskam. Da führten nun die beiden ein langes Zwiegespräch, und nachdem das Wichtelmännchen alles wußte, was ihm das Tier zu sagen hatte, glitt es an der Stange wieder hinunter und lief eilig zum Tor hinaus.

Die Frau glaubte nicht, daß sie in dieser Nacht noch etwas von dem Wichtelmännchen zu sehen bekäme, blieb aber doch am Fenster sitzen. Nach einer Weile kam es auch richtig wieder. Es hatte es so eilig, daß seine Füße kaum den Boden zu berühren schienen, und lief spornstreichs auf den Käfig zu. Mit ihren fernsichtigen Augen sah es die Frau deutlich, auch bemerkte sie, daß es etwas in den Händen trug; aber was es war, konnte sie nicht erkennen. Jetzt legte es das, was es in der linken Hand hielt, auf das Steinpflaster nieder, aber das in seiner Rechten nahm es mit hinauf zum Käfig. Hier stieß es mit seinem Holzschuh so heftig an das Fensterchen, daß die Scheibe zersprang, und durch diese reichte es nun das, was es in der Hand hielt, dem Eichhörnchen hinein. Dann rutschte es an der Stange herunter, nahm den andern Gegenstand vom Boden und kletterte auch damit zum Käfig hinauf. Schnell wie der Blitz war es wieder unten und stürmte so eilig davon, daß ihm die alte Frau kaum mit den Augen folgen konnte.

Aber jetzt litt es die alte Mutter nicht mehr im Zimmer. Ganz leise stand sie von ihrem Stuhl auf, ging auf den Hof hinaus und stellte sich in den Schatten des Brunnens, um hier das Wichtelmännchen zu erwarten. Und noch jemand war da, der auch aufmerksam und neugierig geworden war. Das war die Hauskatze; leise kam sie dahergeschlichen und blieb an der Mauer, gerade ein paar Schritte von dem hellen Lichtstreifen entfernt, stehen.

Die beiden mußten in der kalten Nacht lange warten, und die Frau überlegte sich schon, ob sie nicht lieber hineingehen sollte, als sie ein Geklapper auf dem Pflaster hörte und sah, daß der kleine Knirps von einem Wichtelmännchen wirklich noch einmal daherkam. Auch jetzt trug er in jeder Hand etwas, und was er trug, das zappelte und quietschte. Jetzt ging der alten Mutter ein Licht auf, und sie verstand, daß das Wichtelmännchen in das Haselnußwäldchen gelaufen war, dort die Jungen des Eichhörnchens geholt hatte und sie jetzt ihrer Mutter brachte, damit sie nicht verhungern müßten.

Die alte Frau verhielt sich ganz still, um das Wichtelmännchen nicht zu stören, und das schien sie auch nicht bemerkt zu haben. Es war eben im Begriff, das eine Junge auf den Boden zu legen, um zum Käfig hinaufzuklettern, als es plötzlich die grünen Augen der Katze dicht neben sich funkeln sah. Ganz ratlos blieb es stehen, in jeder Hand ein junges Eichhörnchen.

Es drehte sich um und spähte im Hof umher. Da gewahrte es die alte Mutter, und ohne sich lange zu besinnen, trat es rasch zu ihr hin und reichte ihr eines der Tierchen.

Die alte Mutter wollte sich des Vertrauens des Wichtelmännchens nicht unwürdig zeigen; sie nahm ihm das Eichhörnchen ab und hielt es fest, bis das Wichtelmännchen mit dem ersten zum Käfig hinaufgeklettert war und dann kam, das zweite, das es ihr anvertraut hatte, zu holen.

Am nächsten Morgen, als die Leute auf dem Bauernhofe beim Frühstück versammelt waren, konnte die Alte unmöglich über das Erlebnis der vergangenen Nacht schweigen. Aber alle miteinander lachten sie aus und sagten, sie habe das nur geträumt. Zu dieser Jahreszeit gäbe es ja noch gar keine jungen Eichhörnchen.

Doch sie war ihrer Sache ganz sicher und verlangte, daß man im Käfig nachsehe. Man tat es, und siehe da, auf dem Lager aus Laub, in der kleinen Stube, lagen vier halbnackte, halbblinde, erst zwei Tage alte Junge.

Als der Vater dies sah, sagte er: „Das mag nun zugegangen sein, wie es will, aber so viel ist sicher, wir hier auf dem Hofe haben uns benommen, daß wir uns vor Tieren und Menschen schämen müssen.“ Damit nahm er das Eichhörnchen mitsamt den vier Jungen aus dem Käfig heraus und legte alle in die Schürze der Mutter. „Geh damit in das Haselnußwäldchen und gib ihnen ihre Freiheit wieder,“ sagte er.

Dies ist das Ereignis, das so viel von sich reden gemacht hatte und sogar in die Zeitung kam, das aber die meisten nicht glauben wollten, weil sie es sich nicht erklären konnten.

Im Park von Övedskloster

Den Tag, an dem die Wildgänse ihr Spiel mit dem Fuchs trieben, verbrachte der Junge in einem verlassenen Eichhörnchennest in tiefem Schlafe. Als er gegen Abend erwachte, war er sehr betrübt. „Nun werden sie mich bald nach Hause zurückschicken,“ dachte er, „und dann gibt es keinen Ausweg mehr für mich, ich muß mich Vater und Mutter so zeigen, wie ich jetzt bin.“

Aber als er zu den Wildgänsen hinkam, die im Vombsee umherschwammen und badeten, wurde kein Wort von seiner Abreise laut. „Sie meinen vielleicht, der Weiße sei zu müde, um sich heute abend noch mit mir auf den Weg zu machen,“ dachte er.

Am nächsten Morgen waren die Gänse schon lange vor Sonnenaufgang munter, und der Junge war fest überzeugt, daß er und der Gänserich die Heimreise nun unverzüglich antreten mußten. Aber merkwürdigerweise durften alle beide die Wildgänse auf ihren Morgenausflug begleiten. Der Junge konnte sich durchaus nicht denken, was der Grund zu diesem Aufschub sein könnte, aber dann klügelte er sich heraus, daß die Wildgänse den Gänserich nicht auf eine so weite Reise schicken wollten, ehe er sich ordentlich sattgegessen hätte. Wie es sich aber auch verhalten mochte, der Junge war über jede weitere Stunde, die zwischen ihm und dem Wiedersehen mit seinen Eltern lag, von Herzen froh.

Die Wildgänse flogen über den Herrenhof von Övedskloster hin, der in einem herrlichen Park östlich von dem See lag, und der wundervoll aussah mit seinem großen Schloß, seinem schönen gepflasterten, von niedrigen Mauern und Lusthäusern umgebenen Hofe und seinem vornehmen altmodischen Garten mit den geschnittenen Hecken, dichten Laubgängen, Teichen, Springbrunnen, prachtvollen Bäumen und kurzgeschorenen Rasenplätzen, wo die Rabatten voller bunter Frühlingsblumen standen.

Als die Wildgänse in aller Frühe über den Herrenhof hinflogen, war noch kein Mensch zu sehen. Nachdem sie sich dessen genau versichert hatten, ließen sie sich ganz nahe zur Hundehütte hinunter und riefen: „Was ist das hier für eine kleine Hütte? Was ist das hier für eine kleine Hütte?“

Sogleich kam der Hund zornig und wütend aus seinem Hause herausgerannt und bellte aus Leibeskräften.

„Nennt ihr das eine Hütte, ihr, ihr Landstreicher? Seht ihr nicht, daß das ein großes steinernes Schloß ist? Seht ihr nicht, was für schöne Mauern, wie viele Fenster, welche mächtigen Tore und welche prachtvolle Terrasse es hat, wau, wau, wau? Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Seht ihr denn nicht den Hof, den Garten, die Gewächshäuser und die Marmorfiguren? Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Haben die Hütten für gewöhnlich einen Park ringsum, wo es Buchenwälder und Haselnußgebüsch und Baumwiesen und Eichenhaine und Tannengehölze und einen Tiergarten voller Rehe gibt? Wau, wau, wau! Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Habt ihr Hütten gesehen mit so vielen Nebengebäuden, daß sie einen ganzen Ort bilden? Ihr kennt wohl sehr viele Hütten, die eine eigne Kirche und ein eignes Pfarrhaus haben und die über Herrenhäuser und Bauernhöfe und Pachthöfe und Amtswohnungen gebieten, wau, wau, wau! Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Zu dieser Hütte hier gehört das größte Gut in ganz Schonen, ihr Bettelvolk! Nicht ein einziges Fleckchen Erde könnt ihr da droben von eurer Höhe aus sehen, das nicht unter dieser Hütte stünde, wau, wau, wau!“

Der Hund brachte dies alles wirklich in einem Atemzug heraus; die Gänse flogen über dem Hofe hin und her und hörten ihm zu, bis er Atem schöpfen mußte, dann aber riefen sie: „Warum bist du denn so zornig? Wir haben gar nicht nach dem Schloß gefragt, sondern nur nach deiner Hundehütte!“

Als der Junge diese Neckerein hörte, lachte er zuerst, aber dann drängte sich ihm der Gedanke auf, der ihn auf einmal ernst stimmte. „Ach, wie viele solcher Scherze würdest du zu hören bekommen, wenn du mit den Wildgänsen durchs ganze Land bis hinauf nach Lappland reisen dürftest!“ seufzte er leise. „Da du dir dein Leben nun doch einmal so verdorben hast, wäre eine solche Reise noch das beste, was dir widerfahren könnte.“

Die Wildgänse flogen auf einen der jenseits vom Herrenhof gelegenen großen Äcker und weideten da ein paar Stunden lang das Wintergras ab. Inzwischen ging der Junge in den an den Acker anstoßenden großen Park hinein und spähte eifrig, ob nicht an den Zweigen der Haselsträucher da und dort noch eine Haselnuß vom vergangenen Herbst zu finden wäre. Aber während er so im Parke umherstreifte, tauchte der Gedanke an die Heimreise einmal ums andre drohend vor seiner Seele auf. Immer wieder mußte er sich ausmalen, wie schön er es haben würde, wenn er bei den Wildgänsen bleiben dürfte. Hungern und frieren würde er freilich oftmals müssen, dafür aber wäre er auch aller Arbeit und allem Lernen enthoben.

Während er noch diesen Gedanken nachhing, ließ sich plötzlich die alte graue Gans neben ihm nieder und fragte ihn, ob er etwas Eßbares gefunden habe. Nein, er habe nichts gefunden, antwortete der Junge. Da versuchte Akka ihm zu helfen, aber auch sie fand keine Haselnüsse, entdeckte jedoch dafür ein paar Hagebutten, die noch an einem wilden Rosenbusch hingen. Der Junge verzehrte sie mit gutem Appetit; aber er fragte sich doch, was wohl seine Mutter sagen würde, wenn sie wüßte, daß ihr Sohn sich mit rohen Fischen und ausgefrornen Hagebutten das Leben fristete.

Als die Wildgänse endlich satt geworden waren, zogen sie wieder an den See hinunter und trieben da bis zur Mittagszeit allerlei Kurzweil. Sie forderten den weißen Gänserich zum Wettbewerb in ihren Künsten heraus, im Springen, Fliegen und Schwimmen, und der große zahme tat sein Bestes, aber die flinken Wildgänse liefen ihm in allem den Rang ab. Während dieser ganzen Zeit saß der Junge auf dem Rücken des Gänserichs, feuerte diesen an und war eben so vergnügt wie die andern. Das war ein Geschrei und Gelächter und Gegacker, und es war nur zu verwundern, daß die Herrschaft auf dem Schloß nicht darauf aufmerksam wurde.

Nachdem die Wildgänse des Spielens überdrüssig geworden waren, flogen sie auf das Eis hinüber und pflegten ein paar Stunden der Ruhe. Den Nachmittag verbrachten sie fast ganz auf dieselbe Weise wie den Vormittag, zuerst weideten sie ein paar Stunden, dann badeten und spielten sie am Rande des Eises bis zum Sonnenuntergang, und dann stellten sie sich auf dem Eise auf, wo sie auch sogleich einschliefen.

„Ja, so ein Leben würde mir gerade gefallen,“ dachte der Junge, als er am Abend unter den Flügel des Gänserichs kroch. „Aber morgen werde ich wohl fortgeschickt werden.“

Bevor er einschlief, überlegte er noch einmal alle Vorteile, die ihm aus der Reise mit den Wildgänsen erwachsen würden. Er würde nicht gescholten, wenn er faul wäre, den lieben langen Tag hindurch könnte er dem lieben Gott die Zeit abstehlen, und seine einzige Sorge wäre, wie er sich etwas Eßbares verschaffen könnte. Doch er brauchte ja jetzt so wenig zu seinem Unterhalt, da würde sich schon Rat schaffen lassen.

Und dann malte er sich aus, was er alles zu sehen bekäme, und wie viele Abenteuer er erleben würde. O das wäre etwas ganz anderes als die Arbeit und Schinderei daheim. „Ach, wenn ich doch die Wildgänse auf dieser Reise begleiten dürfte, dann wollte ich mich über meine Verwandlung gewiß nicht grämen!“ dachte er.

Er hatte jetzt vor nichts Angst, als nach Hause geschickt zu werden; aber auch am Mittwoch mahnten die Wildgänse nicht an die Abreise. Der Tag verging wie der vorhergehende, und dem Jungen gefiel das ungebundene Leben im Freien immer besser.

Er war der Meinung, er habe den einsamen Park, der so groß war wie ein Wald, ganz für sich allein, und er fühlte durchaus keine Sehnsucht nach der engen Stube und den kleinen Äckerchen seiner Heimat.

Am Mittwoch glaubte er, die Wildgänse hätten die Absicht, ihn bei sich zu behalten, aber am Donnerstag hatte er diese Hoffnung nicht mehr. Der Donnerstag begann ganz wie der vorhergehende Tag. Die Wildgänse weideten auf den großen Äckern, und der Junge ging im Park auf die Nahrungssuche. Nach einiger Zeit gesellte sich Akka zu ihm und fragte, ob er etwas Eßbares gefunden habe. Nein, das hatte er nicht. Da stöberte Akka eine vertrocknete Kümmelstaude auf, an der noch alle die kleinen Früchte unversehrt hingen. Aber nachdem der Junge gegessen hatte, sagte Akka zu ihm, sie finde, er streife viel zu verwegen im Park umher, ob er denn nicht wisse, vor wie vielen Feinden sich so ein kleines Geschöpf, wie er eines sei, zu hüten habe? Nein, das wisse er nicht, sagte der Junge, und darauf begann Akka ihm die Feinde aufzuzählen.

Wenn er in den Wald gehe, sagte sie, solle er sich vor dem Fuchs und dem Marder in acht nehmen, wenn er sich am Ufer aufhalte, dürfe er die Fischotter nicht vergessen, wenn er auf einem Steinmäuerchen sitze, müsse er an das Wiesel denken, das durch das kleinste Loch hindurchschlüpfen könne, und wenn er sich auf einen Laubhaufen niederlegen wolle, um zu schlafen, müsse er zuerst untersuchen, ob nicht etwa eine Kreuzotter in eben diesem Haufen ihren Winterschlaf halte. Sobald er aufs offne Feld hinauskomme, solle er sich vor Habicht und Geier, vor Adler und Falken, die droben in der Luft schwebten, hüten. Im Haselnußgebüsch könne er vom Sperber gefangen werden. Dohlen und Krähen fänden sich überall, und ihnen solle er nur nicht zu viel trauen. Und sobald die Dämmerung hereinbreche, solle er die Ohren spitzen und auf die großen Eulen aufpassen, die mit lautlosem Flügelschlag daherschwebten, so daß sie schon ganz dicht bei ihm seien, ehe er ihre Nähe nur ahne.

Als der Junge von so vielen Feinden hörte, die ihm mit dem Tode drohten, erschien es ihm ganz unmöglich, mit dem Leben davonzukommen. Er fürchtete sich zwar nicht besonders vor dem Sterben, wollte aber doch lieber nicht aufgefressen werden. Er fragte deshalb Akka, was er tun müsse, um den Raubtieren zu entgehen.

Und Akka antwortete sogleich, er müsse versuchen, sich mit dem kleinen Tiervolk in Wald und Feld, mit den Eichhörnchen und den Hasen, mit den Finken, Meisen, Spechten und Lerchen auf guten Fuß zu stellen. Wenn er sich die zu Freunden mache, dann würden sie ihn vor Gefahren warnen, ihm Schlupfwinkel zeigen und in der höchsten Not sich zusammentun, ihn zu verteidigen.

Als sich dann aber der Junge später am Tag diesen Rat zunutze machen wollte und sich an Sirle, das Eichhörnchen, um gütigen Beistand wandte, da zeigte es sich, daß dieses ihm nicht helfen wollte. „Von dem kleinen Tiervolk darfst du dir keine Hoffnung auf Hilfe machen,“ sagte Sirle. „Meinst du, wir wüßten nicht, daß du Nils, der Gänsejunge bist, der im vorigen Jahr die Schwalbennester herunterriß, die Stareneier zerbrach, die jungen Krähen in die Mergelgrube warf, Drosseln in Schlingen fing und Eichhörnchen in Käfige sperrte? Du mußt dir selber helfen, so gut du kannst, und mußt noch froh sein, wenn wir uns nicht zusammentun und dich zu den Deinen zurückjagen.“

Das war gerade so eine Antwort, die der Junge früher nicht ungestraft hätte hingehen lassen. Jetzt aber bekam er nur Angst, auch die Wildgänse möchten erfahren, wie böse er sein konnte. Seither war er in beständiger Angst gewesen, die Wildgänse würden ihm am Ende die Erlaubnis, bei ihnen zu bleiben, verweigern, und er hatte sich deshalb, seit er in ihrer Gesellschaft war, nicht die kleinste Unart erlaubt. Viel Böses hätte er freilich, da er doch so klein war, nicht anstellen können, aber er hätte doch Gelegenheit genug gehabt, Vogelnester auszunehmen und die Eier zu zerbrechen. So aber war er immer nur ganz artig gewesen, hatte keiner Gans eine Feder aus dem Flügel gerupft, keine einzige unhöfliche Antwort gegeben, und wenn er Akka guten Morgen wünschte, nahm er jedesmal die Mütze ab und verbeugte sich dazu.

Den ganzen Donnerstag hindurch dachte er, die Wildgänse wollten ihn gewiß nur seiner Schlechtigkeit wegen nicht mit nach Lappland nehmen, und als er am Abend hörte, daß das Weibchen des Eichhörnchens Sirle geraubt worden sei und dessen neugeborenen Jungen nun verhungern müßten, beschloß er, ihnen zu helfen, und es ist schon berichtet worden, wie gut das Nils Holgersson gelang.

Als der Junge am Freitag wieder in den Park kam, hörte er die Buchfinken in jedem Gebüsch davon singen, wie das Weibchen des Eichhörnchens Sirle durch grimmige Räuber von ihren neugeborenen Jungen weg geraubt worden sei und wie der Gänsejunge Nils sich zwischen die Menschen hineingewagt und ihr ihre Kleinen gebracht hätte.

„Wer ist nun im Park von Övedskloster so gefeiert,“ sangen die Buchfinken, „wie Däumeling, den alle fürchteten, so lange er der Gänsejunge Nils war? Sirle, das Eichhörnchen, gibt ihm Nüsse, die armen Hasen machen Männchen vor ihm, die Rehe nehmen ihn auf den Rücken und laufen mit ihm davon, wenn der Fuchs Smirre in seiner Nähe auftaucht, die Meisen warnen ihn vor dem Sperber, und die Finken und Lerchen singen von seiner Heldentat!“

Der Junge war ganz sicher, daß Akka und die andern Wildgänse alles dies gehört hatten, aber trotzdem verging der ganze Freitag, ohne daß ihm gesagt worden wäre, er dürfe jetzt bei ihnen bleiben.

Bis zum Samstag durften die Wildgänse auf den Äckern bei Öved weiden, ohne von Smirre gestört zu werden. Aber als sie am Samstag früh auf das Feld hinüberkamen, lag er da im Hinterhalt und verfolgte sie von einem Acker zum andern. Als nun Akka sah, daß er sie durchaus nicht in Ruhe lassen wollte, faßte sie einen raschen Entschluß, sie erhob sich hoch in die Luft und flog mit ihrer Schar mehrere Meilen weit über die Ebenen von Färs und dem Linderöder Bergrücken hin. Dort ließen sie sich in der Gegend von Vittskövle nieder. Dann wurde es wieder Sonntag. Eine ganze Woche war nun vergangen, seit der Junge verzaubert worden war, und noch immer war er ebenso klein wie am ersten Tage.

Aber es sah nicht aus, als ob ihm das großen Kummer machte. Am Sonntagnachmittag saß er auf einem großen, dichten Weidenbusch am Seeufer und blies auf einer Weidenpfeife. Ringsumher saßen so viele Meisen und Buchfinken und Stare, als auf dem Gebüsch Platz hatten, und zwitscherten ihre Weisen, die der Junge nachzublasen versuchte. Aber der Junge verstand sich nicht besonders auf diese Kunst; er blies so falsch, daß sich den kleinen Lehrmeistern alle Federn sträubten und sie in hellem Entsetzen schrien und mit den Flügeln schlugen. Der Junge aber lachte so herzlich über ihren Eifer, daß ihm die Pfeife entfiel.

Wieder begann er zu blasen, aber auch diesmal ging es nicht besser, und die ganze Vogelschar jammerte: „Heute spielst du noch schlechter als sonst, Däumling! Du bringst keinen reinen Ton heraus. Wo hast du nur deine Gedanken, Däumling?“

„Die sind anderswo,“ antwortete der Junge. Und das war ganz wahr. Er mußte immerfort daran denken, wie lange er wohl noch bei den Wildgänsen bleiben dürfte, und ob er am Ende schon an diesem Tage noch fortgeschickt werde.

Doch plötzlich warf der Junge die Pfeife weg und sprang von dem Weidenbusch herunter, denn er sah Akka und alle Gänse in einer langen Reihe auf sich zukommen. Sie schritten ungewöhnlich langsam und feierlich daher, und dem Jungen wurde sogleich klar, daß er jetzt erfahren werde, was sie mit ihm zu tun gedächten.

Als die Gänse schließlich vor ihm stehen blieben, sagte Akka:

„Du hast allen Grund, dich über mich zu verwundern, weil ich mich noch nicht bei dir bedankt habe, daß du mich aus Smirres Klauen errettet hast. Aber ich gehöre zu denen, die lieber mit Taten als mit Worten danken. Und ich glaube, lieber Däumling, daß es mir gelungen ist, dir einen großen Dienst zu erweisen. Ich habe nämlich an das Wichtelmännchen, das dich verzaubert hat, Botschaft geschickt. Zuerst wollte es nichts davon hören, dich wieder in deine alte Gestalt zu verwandeln, aber ich habe eine Botschaft um die andre geschickt und ihm mitteilen lassen, wie gut du dich hier bei uns aufgeführt hast. Jetzt läßt es dich grüßen und dir sagen, daß du, sobald du wieder nach Hause zurückgekehrt seiest, wieder ein Mensch werden würdest.“

Aber wie merkwürdig! Ebenso vergnügt wie der Junge gewesen war, als Akka zu sprechen angefangen hatte, ebenso betrübt war er, als sie zu sprechen aufhörte. Er sagte kein Wort, sondern wendete sich nur ab und weinte.

„Was soll denn aber das bedeuten?“ fragte Akka. „Es sieht aus, als habest du mehr von mir erwartet, als ich dir jetzt geboten habe.“

Aber der Junge dachte an sorgenfreie Tage und lustige Neckereien, an Abenteuer und Freiheit und an die Reisen hoch über der Erde hin, deren er nun verlustig gehen würde, und er weinte laut vor Kummer und Betrübnis. „Ich mache mir nichts daraus, wieder ein Mensch zu werden!“ schluchzte er. „Ich will mit euch nach Lappland!“

„Ich will dir etwas sagen,“ erwiderte Akka. „Das Wichtelmännchen ist sehr leicht verletzt, und ich fürchte, es werde dir schwer werden, es ein andres Mal zu deinen Gunsten zu stimmen, wenn du sein Anerbieten jetzt ausschlägst.“

Es war von jeher merkwürdig gewesen, daß dieser Junge noch niemals jemand eigentlich lieb gehabt hatte, weder Vater noch Mutter, noch den Schullehrer, noch die Schulkameraden, noch die Jungen auf den Nachbarhöfen. Alles, was sie je von ihm verlangt hatten, einerlei, ob es sich um Spiel oder Arbeit handelte, war ihm langweilig vorgekommen. Deshalb gab es jetzt auch keinen Menschen, nach dem er sich gesehnt oder den er vermißt hätte.

Die einzigen, mit denen er sich einigermaßen vertragen hatte, waren das Gänsemädchen Åsa und ihr Bruder Klein-Mats gewesen, ein paar Kinder, die wie er auch Gänse hüteten. Aber auch mit ihnen verband ihn keine richtige Freundschaft. O nein, ganz und gar nicht!

„Ich will nicht wieder ein Mensch werden!“ schluchzte der Junge. „Ich will euch nach Lappland begleiten! Deshalb bin ich eine ganze Woche lang artig gewesen.“

„Es soll dir nicht verweigert werden, uns zu begleiten, so lange du Lust hast,“ sagte Akka. „Aber überlege dir nun zuerst, ob du nicht lieber nach Hause zurückkehren möchtest. Es könnte ein Tag kommen, wo du es bereutest.“

„Nein,“ sagte der Junge, „da ist nichts zu bereuen. Es ist mir noch nie so gut gegangen, wie hier bei euch.“

„Nun, dann sei es also, wie du willst,“ sagte Akka.

„Danke, danke!“ rief der Junge. Und er fühlte sich so glücklich, daß er jetzt ebenso vor Freude weinen mußte, wie er vorher vor Kummer geweint hatte.

4
Haus Glimminge

Schwarze Ratten und graue Ratten

Im südöstlichen Schonen, nicht weit vom Meere entfernt, liegt eine alte Burg, Glimmingehaus genannt. Sie besteht aus einem einzigen hohen, großen und starken steinernen Bau, den man in der ebenen Gegend meilenweit sehen kann. Sie hat nur vier Stockwerke, ist aber so mächtig, daß ein gewöhnliches Bauernhaus, das auf demselben Gut steht, sich wie ein Puppenhäuschen dagegen ausnimmt.

Die äußern Mauern und die Zwischenwände und Wölbungen dieses steinernen Hauses sind alle so dick, daß im Innern kaum noch für etwas andres Raum ist als für die dicken Quermauern. Die Treppen sind eng, die Gänge schmal, und es sind nur wenig Zimmer da. Und damit die Mauern ihre Stärke behalten sollten, ist auch nur eine kleine Zahl Fenster in den obern Stockwerken angebracht worden, in dem untersten aber sind überhaupt nur kleine Lichtöffnungen. In den alten Kriegszeiten waren die Menschen nur zu froh, wenn sie sich in ein so großes, starkes Haus einschließen konnten, wie jemand jetzt im eisigkalten Winter froh ist, wenn er in seinen Pelz hineinkriechen kann. Aber als die gute Friedenszeit kam, wollten die Leute nicht mehr in den dunkeln, kalten steinernen Räumen der Burg wohnen; sie haben schon seit langer Zeit Glimmingehaus verlassen und sind in Wohnungen gezogen, wo Luft und Licht hineindringen können.

Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, befanden sich also keine Menschen in Glimmingehaus, aber deshalb fehlte es da doch nicht an Bewohnern. Auf dem Dache wohnte jeden Sommer ein Storchenpaar in einem großen Nest. Unter dem Dache wohnten zwei Nachteulen, in den Gängen hingen Fledermäuse, auf dem Herd in der Küche wohnte eine alte Katze, und drunten im Keller gab es Hunderte von der alten Sorte der schwarzen Ratten.

Ratten stehen nicht gerade in großem Ansehen bei den andern Tieren; aber die schwarzen Ratten auf Glimmingehaus machten eine Ausnahme, und es wurde immer mit Achtung von ihnen gesprochen, weil sie im Streit mit ihren Feinden große Tapferkeit bewiesen hatten und auch sehr viel Ausdauer während der großen Unglückszeiten, die über ihr Volk hingegangen waren. Sie gehörten nämlich einem Rattenvolk an, das einmal sehr zahlreich und mächtig gewesen, jetzt aber am Aussterben war. Während einer langen Reihe von Jahren hatten die schwarzen Ratten, Landratten genannt, Schonen und das ganze Land besessen. Sie waren fast in jedem Keller zu finden gewesen, fast auf jedem Boden, in Scheunen und auf Heuböden, in Vorratskammern und Backstuben, in den Wirtschaftsgebäuden und Ställen, in Kirchen und Burgen, in Brennereien und Mühlen, sowie in allen andern von Menschen bewohnten Gebäuden; aber jetzt waren sie von allen diesen vertrieben und beinahe ausgerottet. Nur auf dem einen oder andern einsam gelegenen Platz konnte man noch einige antreffen, aber nirgends waren sie so zahlreich wie auf Glimmingehaus.

Wenn ein Tiervolk ausstirbt, beruht das meistens auf dem Vorgehen der Menschen; hier aber war das nicht der Fall gewesen. Die Menschen hatten freilich mit den schwarzen Ratten gekämpft, sie hatten ihnen aber keinen namhaften Schaden zufügen können. Wer sie besiegt hatte, das war ein Tiervolk ihres eignen Stammes gewesen, ein Volk, das man die grauen Ratten nannte. Die grauen Ratten, oder die Wanderratten, hatten nicht wie die schwarzen von Urzeiten her im Lande gewohnt. Sie stammten von ein paar armen Einwanderern her, die vor hundert Jahren von einem lübischen Schiff in Malmö ans Land gestiegen waren. Sie waren heimatlose, halb verhungerte Tröpfe, die in diesem Hafen ihren Aufenthalt nahmen, um die Pfeiler unter den Brücken herumschwammen und den Abfall fraßen, der ins Wasser geworfen wurde. Nie wagten sie sich in die Stadt hinein, die den schwarzen Ratten gehörte.

Aber allmählich, nachdem die grauen Ratten an Zahl zugenommen hatten, faßten sie Mut und gingen in die Stadt hinein. Anfangs zogen sie nur in ein paar alte verlassene Häuser, die die schwarzen Ratten aufgegeben hatten; sie suchten ihre Nahrung in Rinnsteinen und auf Misthaufen und nahmen mit allem Unrat vorlieb, den die schwarzen Ratten nicht anrühren wollten. Es waren wetterfeste, genügsame und unerschrockene Tiere; und in ein paar Jahren waren sie so mächtig geworden, daß sie es unternahmen, die schwarzen Ratten von Malmö zu verjagen. Sie nahmen ihnen Dachräume, Keller und Magazine weg, hungerten sie aus, oder bissen sie tot, denn sie fürchteten sich durchaus nicht vor Kampf und Streit.

Und nachdem Malmö genommen war, zogen sie in kleinern und größern Scharen aus, das ganze Land zu erobern. Es ist beinahe unbegreiflich, warum die schwarzen Ratten sich nicht zu einem großen gemeinsamen Heereszug versammelten und die grauen Ratten vernichteten, so lange diese noch nicht zahlreich waren. Aber die schwarzen waren wohl von ihrer Macht so überzeugt, daß sie sich die Möglichkeit, das Land zu verlieren, gar nicht vorstellen konnten. Sie saßen ruhig auf ihren Besitztümern, und inzwischen nahmen ihnen die grauen Ratten Hof um Hof, Dorf um Dorf, Stadt um Stadt weg. Sie wurden ausgehungert, verdrängt, ausgerottet. In Schonen hatten sie sich nirgends halten können, ausgenommen auf Glimmingehaus.

Das alte steinerne Haus hatte so dicke Mauern und so wenige Rattengänge führten hindurch, daß es den schwarzen Ratten gelungen war, es zu halten und die grauen Ratten am Hereindringen zu verhindern. Ein Jahr ums andre, eine Nacht um die andre war der Streit zwischen den Angreifern und Verteidigern fortgegangen; aber die schwarzen Ratten hatten treulich Wache gestanden und mit der größten Todesverachtung gekämpft, und dank dem alten, prächtigen Haus hatten sie bis jetzt immer gesiegt.

Es muß zugegeben werden, daß die schwarzen Ratten, so lange sie die Macht gehabt hatten, von allen lebenden Geschöpfen ebenso verabscheut gewesen waren, wie die grauen es jetzt sind, und das mit vollem Recht. Sie hatten sich über arme gefesselte Gefangene geworfen und sie gequält, sie hatten Leichen aufgefressen, hatten die letzte Rübe aus dem Keller der Armen wegstibitzt, schlafenden Gänsen die Füße abgebissen, den Hühnern die Eier und ihre kleinen mit zartem Flaum bedeckten gelben Kücken geraubt und tausend andre Missetaten vollführt. Aber seit das Unglück über sie gekommen war, war das alles wie vergessen, niemand konnte es unterlassen, die letzten des Geschlechts, die den grauen Ratten so lange widerstanden hatten, zu bewundern.

Die grauen Ratten, die auf dem Glimmingehof und dessen Umgebung wohnten, führten den Streit immer weiter und versuchten jede nur mögliche Gelegenheit zu benützen, sich der Burg zu bemächtigen. Man hätte meinen können, sie hätten die kleine Schar schwarzer Ratten wohl im Besitz von Glimmingehaus lassen können, da sie ja das ganze übrige Land besaßen, aber das fiel ihnen gar nicht ein. Sie pflegten zu sagen, es sei ihnen Ehrensache, die schwarzen Ratten doch noch zu besiegen. Aber wer die grauen Ratten kannte, wußte wohl, daß es einen andern Grund hatte; die Menschen benützten nämlich Glimmingehaus als Kornspeicher, und darum wollten die grauen keine Ruhe geben, bis sie es erobert hätten.

Der Storch

Montag, 28. März

Eines Morgens wurden die Gänse, die draußen auf dem Eis des Vombsee standen und schliefen, durch laute Rufe in der Luft sehr früh geweckt. „Trirop! Trirop!“ erklang es. „Trianut, der Kranich, läßt die Wildgans Akka und ihre Schar grüßen! Morgen findet der große Kranichtanz auf dem Kullaberg statt!“

Akka streckte schnell den Kopf in die Höhe und antwortete: „Schönen Dank und Gruß! Schönen Dank und Gruß!“

Darauf flogen die Kraniche weiter, aber die Wildgänse hörten noch lange, wie sie über jedem Feld und über jedem Waldhügel riefen: „Trianut läßt grüßen! Morgen findet der große Kranichtanz auf dem Kullaberg statt!“

Die Wildgänse freuten sich über diese Botschaft. „Du hast Glück,“ sagten sie zu dem weißen Gänserich, „daß du bei dem großen Kranichtanz anwesend sein darfst.“

„Ist es denn etwas so Merkwürdiges, die Kraniche tanzen zu sehen?“ fragte der Gänserich.

„Es ist etwas, was du dir nie träumen lassen könntest,“ antworteten die Wildgänse.

„Nun müssen wir überlegen, was wir morgen mit Däumling tun, damit ihm kein Unglück widerfährt, während wir nach dem Kullaberg reisen,“ sagte Akka.

„Däumling darf nicht allein bleiben!“ rief der Gänserich. „Wenn die Kraniche ihm nicht erlauben, ihren Tanz mit anzusehen, dann bleibe ich bei ihm.“

„Keinem Menschen ist je vergönnt gewesen, der Versammlung der Tiere auf dem Kullaberg beizuwohnen,“ sagte Akka, „und ich wage es nicht, Däumling dorthin mitzunehmen. Aber wir wollen später am Tage noch weiter darüber sprechen. Jetzt müssen wir vor allem daran denken, etwas zum Essen zu bekommen.“

Damit gab Akka das Zeichen zum Aufbruch. Auch an diesem Tag suchte sie Smirres wegen das Weidefeld in großer Entfernung und ließ sich erst bei den sumpfigen Wiesen ein Stück südlich von Glimmingehaus nieder.

Diesen ganzen Tag hindurch saß der Junge am Ufer eines kleinen Teichs und blies auf einer Rohrpfeife. Er war schlechter Laune, weil er den Kranichtanz nicht sehen sollte, und konnte sich nicht überwinden, mit dem Gänserich oder mit einer der Wildgänse ein einziges Wort zu sprechen.

Ach, wie bitter war es, daß Akka ihm noch immer mißtraute! Wenn ein Junge es abgeschlagen hatte, wieder ein Mensch zu werden, weil er lieber mit einer Schar armer Wildgänse umherziehen wollte, dann müßte sie doch begreifen, daß er sie nicht verraten würde. Und ebensogut müßte sie begreifen, daß es ihre Pflicht wäre, ihn alles Merkwürdige, was sie ihm nur zeigen könnte, sehen zu lassen; er hatte doch so viel aufgegeben, um bei den Wildgänsen zu bleiben.

„Ich muß ihnen meine Meinung gerade heraus sagen,“ dachte er. Aber eine Stunde um die andre verging, ohne daß er seine Absicht ausgeführt hätte. Dies klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber den Jungen war wirklich eine Art Ehrfurcht vor der alten Akka überkommen, und er fühlte wohl, daß es nicht leicht sein würde, sich ihrem Willen zu widersetzen.

Auf der einen Seite der sumpfigen Wiese, wo die Gänse weideten, lag eine breite steinerne Mauer. Und da geschah es, daß der Blick des Jungen, als er gegen Abend den Kopf aufrichtete, um mit Akka zu sprechen, auf die Mauer fiel. Da entfuhr ihm ein kleiner Schrei der Verwunderung, so daß alle Gänse schnell aufsahen, und auch sie starrten überrascht nach derselben Stelle. Im ersten Augenblick glaubten alle, der Junge nicht ausgeschlossen, daß die grauen rundlichen Steine, aus denen das Mäuerchen bestand, Beine bekommen hätten und auf und davon gingen; aber bald sahen sie, daß es eine Schar Ratten war, die darüber hinlief. Sie bewegten sich sehr schnell und liefen dicht nebeneinander in Marschordnung vorwärts, und es waren ihrer so viele, daß sie eine gute Weile das ganze Mäuerchen bedeckten.

Der Junge hatte sich vor Ratten gefürchtet, als er noch ein großer starker Mensch gewesen war. Wie sollte er das jetzt nicht tun, wo er so klein war, daß zwei oder drei von ihnen ihn überwältigen konnten? Ein Schauder nach dem andern lief ihm den Rücken hinunter, während er den Rattenzug betrachtete.

Aber merkwürdigerweise schienen die Gänse ganz denselben Abscheu vor den Ratten zu haben. Sie sprachen nicht mit ihnen; und als die Ratten vorüber waren, schüttelten sie sich, als ob ihnen Schlick zwischen die Federn gekommen wäre.

„So viele graue Ratten unterwegs,“ sagte Yksi von Vassijaure, „das ist kein gutes Zeichen.“

Jetzt wollte der Junge die Gelegenheit ergreifen und Akka sagen, daß er meine, sie müßte ihn eigentlich mit auf den Kullaberg nehmen; aber wieder wurde er daran verhindert, denn ein großer Vogel ließ sich ganz hastig mitten zwischen den Gänsen nieder.

Wenn man diesen Vogel ansah, hätte man denken können, er habe Leib, Hals und Kopf von einer kleinen weißen Gans entlehnt. Aber zu all dem hatte er sich große schwarze Flügel angeschafft, sowie lange rote Beine und einen langen, dicken Schnabel, der viel zu groß für den kleinen Kopf war und ihn herunterzog, so daß der Vogel ein etwas bekümmertes, sorgenvolles Aussehen bekam.

Akka legte in aller Eile ihre Flügel zurecht und verbeugte sich viele Male mit dem Halse, während sie dem Storch entgegenging. Sie war nicht besonders verwundert, ihn so früh im Jahr in Schonen zu sehen, weil sie wußte, daß die Storchenmännchen zu guter Zeit eintreffen, um nachzusehen, ob das Storchennest während des Winters keinen Schaden gelitten habe, ehe die Storchenweibchen sich der Mühe unterziehen, über die Ostsee zu fliegen. Aber sie verwunderte sich doch sehr, was es zu bedeuten habe, daß der Storch sie aufsuchte, denn der Storch geht am liebsten nur mit Leuten seines eignen Stammes um.

„Ihre Wohnung wird doch nicht in Unordnung sein, Herr Ermenrich?“ sagte Akka.

Nun zeigte es sich, daß es ganz wahr ist, wenn es heißt, der Storch öffne nur selten den Schnabel, ohne zu klagen. Und da es dem Storch schwer wurde, die Worte herauszubringen, so klang das, was er sagte, noch betrübter. Zuerst klapperte er eine gute Weile mit dem Schnabel, und dann sprach er mit einer heisern, schwachen Stimme. Er beklagte sich über alles mögliche; das Nest hoch droben auf dem Dachfirst von Glimmingehaus sei von den Winterstürmen ganz verdorben, und er könne keine Nahrung finden. Die Menschen eigneten sich allmählich sein ganzes Besitztum an. Sie machten seine sumpfigen Wiesen urbar und bebauten seine Moore. Er habe im Sinn, von Schonen wegzuziehen und nie wieder zurückzukehren.

Während der Storch so klagte, konnte es Akka, die Wildgans, die nirgends Schutz und Schirm genoß, nicht lassen, im stillen zu denken: „Wenn ich es so gut hätte wie Sie, Herr Ermenrich, dann würde ich zu stolz zum Klagen sein. Sie haben ein freier, wilder Vogel bleiben können und sind doch so gut bei den Menschen angeschrieben, daß keiner eine Kugel auf Sie abschießt oder ein Ei aus Ihrem Nest stiehlt.“ Aber sie behielt ihre Gedanken für sich, und zu dem Storch sagte sie nur, sie könne nicht glauben, daß er ein Haus verlassen wolle, das den Störchen schon seit seiner Erbauung als Heimat gedient hätte.

Jetzt fragte der Storch schnell, ob die Gänse den Zug der grauen Ratten nach Glimmingehaus gesehen hätten, und als Akka antwortete, ja, sie hätten das Teufelszeug wohl gesehen, erzählte er ihr von den tapfern schwarzen Ratten, die seit vielen Jahren die Burg verteidigt hätten. „Aber in dieser Nacht wird Glimmingehaus unter die Herrschaft der grauen Ratten kommen,“ sagte der Storch seufzend.

„Warum gerade in dieser Nacht, Herr Ermenrich?“ fragte Akka.

„Weil beinahe alle schwarzen Ratten, im Vertrauen darauf, daß alle andern Tiere auch dorthin eilen würden, gestern abend nach dem Kullaberg aufgebrochen sind,“ antwortete der Storch. „Aber sehen Sie, die grauen Ratten sind daheim geblieben, und jetzt versammeln sie sich, um in der Nacht in die Burg einzudringen, wenn diese nur von ein paar alten Schwächlingen, die nicht mit nach dem Kullaberg reisen können, verteidigt wird. Sie werden ja auch ihr Ziel erreichen; aber ich habe nun seit so vielen Jahren in friedlicher Nachbarschaft mit den schwarzen Ratten gelebt, daß es mir nicht gefällt, wenn ich mit deren Feinden Umgang pflegen soll.“

Jetzt verstand Akka, warum der Storch zu ihnen gekommen war; er war über die Handlungsweise der grauen Ratten so empört, daß er sich über sie beklagen wollte. Aber nach Art der Störche hätte er sicherlich nichts getan, das Unglück abzuwenden.

„Haben Sie den schwarzen Ratten Nachricht geschickt, Herr Ermenrich?“ fragte Akka.

„Nein,“ antwortete der Storch, „das würde nichts nützen. Ehe sie zurück sein können, ist die Burg genommen.“

„Seien Sie dessen nicht so ganz sicher, Herr Ermenrich,“ sagte Akka. „Ich glaube, ich kenne eine alte Wildgans, die eine solche Schandtat gerne verhindern würde.“

Nachdem Akka dies gesagt hatte, hob der Storch den Kopf und sah sie groß an. Und das war nicht verwunderlich, denn die alte Akka hatte weder Klauen noch Schnabel, die in einem Kampf zu gebrauchen waren. Und überdies war sie ein Tagvogel, sobald die Nacht kam, schlief sie unfehlbar ein, während die Ratten gerade bei Nacht kämpften.

Aber Akka schien fest entschlossen, den schwarzen Ratten beizustehen. Sie rief Yksi von Vassijaure herbei und befahl ihr, die Gänse nach dem Vombsee zu führen, und als die Gänse Einwendungen machten, rief sie gebieterisch: „Ich glaube, es wird für uns alle das beste sein, wenn ihr mir gehorcht. Ich muß nach dem großen Steinhaus fliegen, und wenn ihr mich begleitet, ist es nicht zu vermeiden, daß die Leute vom Hofe uns sehen, und dann schießen sie auf uns. Der einzige, den ich mitnehmen will, ist Däumling. Er kann sich sehr nützlich machen, weil er gute Augen hat und bei Nacht wach zu bleiben vermag.“

An diesem Tag war der Junge in seiner störrischsten Laune, und als er hörte, was Akka sagte, richtete er sich in seiner ganzen Länge auf und trat, die Hände auf dem Rücken und die Nase in der Luft, vor, um zu erklären, daß er sich nicht dazu hergeben wolle, mit Ratten zu kämpfen, und sich Akka also nach einer andern Hilfe umsehen müsse.

Aber in dem Augenblick, wo er sich zeigte, begann der Storch sich zu regen. Er hatte nach der Gewohnheit der Störche mit gesenktem Kopf und den Schnabel gegen den Hals gedrückt, dagestanden. Jetzt begann es jedoch in seinem Hals zu gurgeln, als lache er. Er senkte den Schnabel blitzschnell, erfaßte den Jungen und warf ihn ein paar Meter hoch in die Luft hinauf. Dieses Kunststück wiederholte er siebenmal, während der Junge schrie und die Gänse riefen: „Was tun Sie denn, Herr Ermenrich, das ist kein Frosch! Es ist ein Mensch, Herr Ermenrich!“

Endlich stellte der Storch den Jungen doch wieder ganz unbeschädigt auf die Erde. Hierauf sagte er zu Akka: „Ich fliege jetzt nach Glimmingehaus zurück, Mutter Akka. Alle, die dort wohnen, waren sehr ängstlich, als ich wegflog. Sie werden sicherlich sehr froh sein, wenn ich ihnen mitteile, daß die Wildgans Akka und Däumling, der Menschenknirps, kommen werden, sie zu retten.“

Damit streckte der Storch den Hals vor, schlug mit den Flügeln und flog wie ein Pfeil von einem straff gespannten Bogen davon. Akka verstand, daß er sich über sie lustig machte, ließ sich das aber nicht anfechten. Sie wartete, während der Junge seine Holzschuhe suchte, die der Storch von ihm abgeschüttelt hatte, dann setzte sie ihn auf ihren Rücken und flog dem Storch nach. Und der Junge leistete seinerseits keinen Widerstand und sagte auch kein Wort, daß er nicht mitwolle. Er ärgerte sich grün und gelb und schlug ein spöttisches Gelächter auf. Dieser eingebildete Gesell mit den langen roten Beinen glaubte wohl von ihm, er sei zu nichts nütze. Aber er würde ihm schon zeigen, was der Nils Holgersson von Westvemmenhög für ein Kerl war.

Einige Augenblicke später stand Akka im Storchennest auf Glimmingehaus. Es war ein großes, prächtiges Nest. Als Unterlage hatte es ein Rad und darauf mehrere Lagen Zweige und Rasenstücke. Das Nest war so alt, daß verschiedene Büsche und Kräuter da droben Wurzel geschlagen hatten; und wenn die Storchenmutter in der runden Vertiefung mitten im Nest auf ihren Eiern saß, konnte sie sich nicht allein an der großartigen Aussicht über einen Teil von Schonen erfreuen, sondern auch an wilden Rosen und Hauslauch.

Der Junge und Akka konnten gleich sehen, daß hier etwas Außergewöhnliches vorging. Auf dem Rande des Storchennestes saßen nämlich zwei Nachteulen, eine alte graugestreifte Katze und ein Dutzend uralte Ratten mit ausgewachsenen Zähnen und triefenden Augen. Das waren nicht gerade die Tiere, die man sonst in friedlicher Gemeinschaft sieht.

Keines von ihnen wendete sich um, Akka anzusehen oder zu begrüßen. Sie hatten für nichts einen Gedanken, sondern starrten nur unverwandt auf einige lange graue Linien, die da und dort auf den kahlen Winterfeldern zu sehen waren.

Alle schwarzen Ratten saßen ganz still da. Man sah ihnen an, daß sie in der größten Verzweiflung waren und wohl wußten, daß sie weder ihr eignes Leben noch die Burg verteidigen konnten. Die beiden Eulen rollten ihre großen Augen und zuckten dabei unaufhörlich mit den Federkränzen, die diese umgaben. Dabei erzählten sie mit schauerlich krächzenden Stimmen von der Grausamkeit der grauen Ratten und sagten, derentwegen müßten sie jetzt ihre Wohnung verlassen, denn sie hätten gehört, daß diese Tiere weder Eier noch unflügge Junge verschonten. Die alte gestreifte Katze war ganz sicher, daß die grauen Ratten sie totbeißen würden, wenn sie in so großer Zahl in die Burg eindrängen, und sie keifte unaufhörlich mit den schwarzen Ratten. „Wie konntet ihr auch so dumm sein und eure besten Krieger weggehen lassen?“ sagte sie. „Wie konntet ihr den grauen Ratten trauen? Es ist ganz unverzeihlich.“

Die zwölf Ratten erwiderten kein Wort; aber der Storch konnte es trotz seines Kummers nicht lassen, die Katze zu necken. „Hab keine Angst, Mausefängerin,“ sagte er. „Siehst du nicht, daß Mutter Akka und Däumling gekommen sind, die Burg zu retten? Du kannst dich darauf verlassen, daß es ihnen gelingen wird. Jetzt muß ich mich zum Schlaf zurecht machen, und ich tue es ganz beruhigt. Morgen, wenn ich erwache, wird keine einzige graue Ratte auf Glimmingehaus zu finden sein.“

Der Junge warf Akka einen Blick zu, der andeutete, wie gerne er dem Storch eins auf den Rücken versetzt hätte, als dieser sich jetzt auf den äußersten Rand des Nestes, das eine Bein in die Höhe gezogen, zum Schlafen aufstellte. Aber Akka sah gar nicht beleidigt aus, sie beschwichtigte den Jungen und sagte: „Es wäre sehr schlimm, wenn jemand, der so alt ist wie ich, sich nicht aus größeren Schwierigkeiten als dieser hier heraushelfen könnte. Wenn Sie, Herr und Frau Eule, da Sie sich die ganze Nacht wach halten können, ein paar Aufträge für mich besorgen wollen, dann wird, denke ich, alles noch gut werden.“

Die beiden Eulen waren willig, die Aufträge auszurichten, und Akka befahl dem Eulenmann, die weggereisten schwarzen Ratten aufzusuchen und ihnen zu raten, so schnell wie möglich heimzukehren. Die Eulenfrau aber schickte sie zu der Turmeule Flammea, die in der Domkirche zu Lund wohnte, und zwar mit einem so geheimnisvollen Auftrag, daß Akka ihn der Eulenfrau nur mit flüsternder Stimme anzuvertrauen wagte.

Der Storch
Der Storch

Der Rattenfänger

Es war gegen Mitternacht, als die grauen Ratten nach vielem Suchen endlich ein offenstehendes Kellerloch fanden. Es saß ziemlich hoch in der Mauer, aber die Ratten stellten sich aufeinander, immer eine auf die Schultern der vorhergehenden, und so dauerte es gar nicht lange, bis die mutigste von ihnen durch das Loch springen konnte, sofort bereit, in Glimmingehaus einzudringen, vor deren Mauern so viele ihrer Vorfahren gefallen waren.

Die graue Ratte saß eine Weile im Kellerloch und wartete, daß sie angefallen werde. Das Hauptheer der Verteidiger war allerdings abwesend, aber sie nahm an, daß die zurückgebliebenen schwarzen Ratten sich nicht ohne Kampf ergeben würden. Mit klopfendem Herzen horchte sie auf das kleinste Geräusch; aber alles blieb ganz still. Da faßte der Anführer der grauen Ratten sich ein Herz und sprang in den kalten, dunklen Keller hinein.

Eine graue Ratte nach der andern folgte dem Anführer. Alle verhielten sich sehr still, und alle erwarteten, die schwarzen Ratten aus einem Hinterhalt hervorbrechen zu sehen. Erst als so viele in den Keller eingedrungen waren, daß keine mehr Platz auf dem Boden hatte, wagten sie sich weiter.

Obgleich sie noch nie in dem Gebäude selbst gewesen waren, fanden sie den Weg doch ohne jegliche Schwierigkeit, und sie fanden auch sehr bald die Gänge in den Mauern, deren die schwarzen Ratten sich bedient hatten, um in die obern Stockwerke zu gelangen. Ehe sie diese schmalen und engen Treppen hinaufkletterten, lauschten sie wieder sehr aufmerksam nach allen Seiten. Daß sich die schwarzen Ratten so gänzlich zurückhielten, war ihnen viel unheimlicher, als wenn sie sich zu offnem Kampfe gestellt hätten. Sie konnten ihrem Glück kaum trauen, als sie das erste Stockwerk ohne Unfall erreicht hatten.

Gleich beim Eintreten schlug ihnen der Duft des Korns entgegen, das in großen Haufen auf dem Boden lag. Aber es war für sie noch nicht an der Zeit, ihren Sieg zu genießen. Mit der größten Sorgfalt durchsuchten sie zuerst die düsteren, kahlen Gemächer. Sie sprangen in der alten Schloßküche auf den Herd, der mitten auf dem Boden stand, und wären im nächsten Raum beinahe in einen Brunnen gestürzt. Keine einzige der schmalen Lichtöffnungen ließen sie unbeachtet, aber nirgends stießen sie auf schwarze Ratten.

Als nun dieses Stockwerk ganz und gar in ihrer Gewalt war, begannen sie, sich mit ganz derselben Vorsicht des zweiten zu bemächtigen. Wieder mußten sie eine mühevolle gefährliche Kletterpartie durch die Mauern machen, während sie in atemloser Angst erwarteten, daß der Feind über sie herfalle. Und obgleich sie der herrlichste Duft von den Kornhaufen lockte, zwangen sie sich doch, in größter Ordnung die frühere Gesindestube mit ihren mächtigen Pfeilern zu untersuchen, den steinernen Tisch und den Herd, die tiefen Fensternischen und das Loch im Boden, durch das man in früheren Zeiten siedendes Pech auf den eindringenden Feind hinuntergegossen hatte.

Aber die schwarzen Ratten waren und blieben unsichtbar. Die grauen suchten nun den Weg nach dem dritten Stockwerk mit dem großen Festsaal des Schloßherrn, der eben so kahl und leer war wie alle andern Gemächer des alten Hauses, und sie drangen sogar bis hinauf ins alleroberste Stockwerk, das nur aus einem einzigen großen, öden Raum bestand. Der einzige Ort, an den sie nicht dachten und den sie nicht untersuchten, war das große Storchennest auf dem Dache, wo gerade in diesem Augenblick die Eulenfrau Akka weckte und ihr mitteilte, daß die Turmeule Flammea ihrem Wunsche willfahrt habe und ihr das Erbetene schicke.

Nachdem die grauen Ratten also gewissenhaft die ganze Burg durchsucht hatten, fühlten sie sich beruhigt. Sie nahmen an, daß die schwarzen Ratten davongezogen seien, ohne an Widerstand zu denken, und frohen Herzens hüpften sie auf die Kornhaufen hinauf.

Aber kaum hatten sie die ersten Weizenkörner verzehrt, als da unten im Hof vor der Burg der weiche Ton einer kleinen scharfen Pfeife ertönte. Die Ratten hoben die Köpfe aus dem Korn, lauschten unbeweglich, sprangen ein paar Schritte vor, als wollten sie die Haufen verlassen, kehrten aber wieder um und begannen aufs neue zu fressen.

Wieder erklang die Pfeife mit starkem, durchdringendem Ton. Und jetzt geschah etwas Merkwürdiges. Eine Ratte, zwei Ratten, ja ein ganzer Trupp ließen die Körner los, sprangen aus den Kornhaufen heraus und liefen auf dem kürzesten Weg, so schnell sie konnten, in den Keller hinunter, um aus dem Hause hinauszukommen. Es waren jedoch noch viele graue Ratten zurückgeblieben. Diese dachten an die Mühe, die es sie gekostet hatte, Glimmingehaus zu erobern, und sie wollten es nicht wieder verlassen. Aber die Pfeifentöne nötigten sie noch einmal, und da mußten sie ihnen folgen. In wilder Eile stürzten auch sie aus den Kornhaufen heraus, rannten durch die engen Löcher in den Mauern und purzelten in ihrem Eifer, hinunterzukommen, übereinander.

Mitten auf dem Hofe stand ein kleiner Knirps, der auf einer Pfeife blies. Rund um sich her hatte er schon einen ganzen Kreis von Ratten, die ihm entzückt und hingerissen zuhörten, und mit jedem Augenblick strömten neue herbei. Sobald er die Pfeife nur eine Sekunde lang verstummen ließ, sah es aus, als ob die Ratten Lust hätten, sich auf ihn zu werfen und ihn totzubeißen, aber sobald er blies, waren sie unter seiner Macht.

Als der Knirps alle grauen Ratten aus Glimmingehaus herausgepfiffen hatte, begann er langsam zum Hofe hinaus und auf die Landstraße zu wandern; und alle grauen Ratten folgten ihm, weil ihnen alle die Pfeifentöne so süß in den Ohren klangen, daß sie nicht widerstehen konnten.

Der Knirps ging vor ihnen her und lockte sie mit sich auf den Weg nach Vallby. Unaufhörlich blies er auf seiner Pfeife, die aus einem Tierhorn gemacht zu sein schien, obgleich das Horn so klein war, daß es in unsern Tagen kein Tier gibt, aus dessen Stirn es hätte gebrochen sein können. Es wußte auch niemand, wer die Pfeife verfertigt hatte. Aber die Turmeule Flammea hatte das Horn in einer Nische der Domkirche zu Lund gefunden; sie hatte es dem Raben Bataki gezeigt, und diese beiden hatten miteinander ausgerechnet, daß dies eines von jenen Hörnern sein müsse, die in früheren Zeiten von den Menschen verfertigt worden waren, die sich Macht über Ratten und Mäuse verschaffen wollten. Der Rabe aber war Akkas Freund, und von ihm hatte sie erfahren, daß Flammea einen solchen Schatz besaß.

Und es war in der Tat so, die Ratten konnten der Pfeife nicht widerstehen. Der Junge ging vor ihnen her und blies so lange, als die Sterne am Himmel strahlten, und die ganze Zeit liefen die Ratten hinter ihm her. Er blies beim Morgengrauen, er blies beim Sonnenaufgang, und noch immer folgte ihm die ganze Rattenschar und wurde weiter und immer weiter von den großen Kornböden auf Glimmingehaus weggelockt.

5
Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg

Dienstag, 29. März

Es muß zugegeben werden, daß in ganz Schonen, wo doch so viele prächtige Schlösser sich erheben, keines von allen so schöne Mauern hat wie der alte Kullaberg.

Der Kullaberg ist niedrig und langgestreckt, er ist durchaus kein großes mächtiges Gebirge. Auf dem breiten Bergrücken liegen Wälder und Felder, und da und dort eine mit Heidekraut bewachsene Fläche. Es ist da oben weder besonders schön noch besonders merkwürdig, und es sieht da gerade so aus wie auf jeder andern hochgelegenen Gegend in Schonen.

Wer die mitten über den Kamm des Berges hinlaufende Landstraße einschlägt, sagt sich unwillkürlich: „Dieses Gebirge verdient seine Berühmtheit gar nicht. Es gibt hier nichts Sehenswertes.“

Aber dann geschieht es vielleicht, daß er vom Wege abweicht und an den Rand des Berges tritt und über den schroffen Abhang hinabschaut, und da entdeckt er auf einmal so viel Sehenswertes, daß er kaum weiß, wie er alles auf einmal betrachten soll.

Denn der Kullaberg steht nicht wie andre Gebirge auf dem Festlande mit Ebnen und Tälern ringsherum, sondern er hat sich gleichsam so weit ins Meer hineingestürzt, als er überhaupt konnte. Nicht das kleinste Stückchen Land liegt unten am Berg, das ihn gegen die Meereswogen schützte; diese können ganz dicht bis an die Felsenwände heran, können sie auswaschen und nach Belieben formen.

Deshalb stehen die Gebirgswände dort auch so reich verziert da, wie das Meer und dessen Mithelfer, die Winde, sie zugerichtet haben. Da sind schroffe, tief in die Bergseiten hineingeschnittene Schluchten und schwarze hervorspringende Felsen, die unter den beständigen Peitschenschlägen des Windes blankgescheuert sind. Da sind einzelstehende Felsensäulen, die senkrecht aus dem Wasser aufragen, und dunkle Grotten mit engen Zugängen. Da finden sich steile nackte Felswände und sanfte bewachsene Abhänge, dann wieder kleine Felsenvorsprünge und Buchten, sowie kleine Rollsteine, die mit jedem Wogenschlag rasselnd umhergespült werden. Da sind auch stattliche Felsentore, die sich über dem Wasser wölben, und spitzig aufragende Steinblöcke, die beständig mit weißem Schaum überspritzt werden, und wieder andre, die sich in schwarzgrünem, unveränderlichem stillem Wasser spiegeln. Da gibt es in den Felsen eingemeißelte Riesenkessel und gewaltige Spalten, die den Wanderer verlocken, sich in die Tiefe des Gebirges bis zur Höhle des Kullamanns hineinzuwagen.

Und an allen diesen Schluchten und Felsen, oben darauf und an allen Seiten hin, wachsen und klettern Pflanzen und Zweige und Ranken empor. Bäume wachsen auch da, aber die Macht des Windes ist so groß, daß auch die Bäume sich in rankenartige Gewächse verwandeln müssen, damit sie sich an den Abhängen halten können. Die Eichenstämme haben sich niedergelegt und kriechen förmlich am Boden hin, während ihr Laub wie ein dichtes Gewölbe über ihnen steht, und kurzstämmige Buchen stehen wie große Laubzelte in den Schluchten.

Die merkwürdigen Bergwände mit dem weiten blauen Meer davor und der schimmernden scharfen Luft darüber, das alles zusammen macht das Kullagebirge den Menschen so lieb, daß den ganzen Sommer hindurch große Scharen von ihnen jeden Tag hinaufziehen. Schwerer wäre zu sagen, wodurch es für die Tiere so anziehend wird, daß sie sich jedes Jahr zu einer großen Spielversammlung da vereinigen. Aber dies ist eine Sitte, die seit uralten Zeiten beibehalten ist, und man hätte damals dabei sein müssen, als die erste Meereswoge am Kullaberg zu Schaum zerschellte, um erklären zu können, warum gerade er vor allen andern zum Versammlungsort gewählt wurde.

Wenn die Zusammenkunft stattfinden soll, machen die Edelhirsche, die Rehe, die Hasen, die Füchse und die übrigen wilden Vierfüßler die Reise nach dem Kullagebirge schon in der Nacht zuvor, um nicht von den Menschen gesehen zu werden. Gerade vor Sonnenaufgang ziehen sie alle nach dem Spielplatz, einer mit Heidekraut bewachsenen Ebene links vom Wege, nicht besonders weit von dem höchsten Gipfel des Gebirges entfernt.

Der Spielplatz ist von allen Seiten von runden Felskuppen umgeben, die die Tiere vor jedermann verbergen, der nicht gerade zufällig an diesen Platz gerät. Und im März ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß sich irgend ein Wanderer dorthin verirren sollte. Alle die Fremden, die sonst auf den Felsen herumstreifen und an den Gebirgswänden hinaufklettern, haben die Herbststürme schon vor vielen Monaten fortgejagt. Und der Leuchtturmwächter draußen auf dem äußersten Vorgebirge, die alte Frau im Kullahof und der Kullabauer und sein Hausgesinde gehen nur ihre gewohnten Wege und laufen nicht auf dem einsamen Heideland herum.

Wenn die Vierfüßler auf dem Spielplatz angelangt sind, lassen sie sich auf den runden Felsenkuppen nieder. Jede Tierart bleibt für sich, obgleich selbstverständlich an einem solchen Tag allgemeiner Burgfriede herrscht und kein Tier Angst zu haben braucht, von einem andern überfallen zu werden. An diesem Tag könnte ein junges Häschen über den Hügel der Füchse hinspazieren, ohne auch nur einen von seinen langen Löffeln einzubüßen. Aber die Tiere stellen sich doch in abgesonderten Scharen auf; das ist alte Sitte.

Wenn alle ihre Plätze eingenommen haben, sehen sie sich nach den Vögeln um. Es pflegt an diesem Tag immer schönes Wetter zu sein. Die Kraniche sind gute Wetterpropheten, und sie würden die Tiere nicht zusammenrufen, wenn Regen zu erwarten wäre. Obgleich aber die Luft klar ist und nichts die Aussicht hemmt, sehen die Vierfüßler doch keine Vögel. Das ist merkwürdig. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, und die Vögel sollten doch unterwegs sein.

Was den Tieren auf dem Kullaberg dagegen auffällt, ist die eine oder andre kleine dunkle Wolke, die langsam über dem ebnen Land hinzieht. Und siehe da, eine dieser Wolken steuert jetzt plötzlich auf das Ufer des Öresund und auf den Kullaberg zu. Als die Wolke mitten über dem Spielplatz ist, hält sie an, und gleichzeitig beginnt die ganze Wolke zu zwitschern und zu klingen, als bestünde sie aus nichts als Tönen. Sie hebt und senkt sich, aber immerfort singt und klingt sie. Plötzlich fällt die ganze Wolke auf einen Hügel herab, die ganze Wolke auf einmal, und im nächsten Augenblick ist der Hügel vollständig von grauen Lerchen bedeckt, schönen rot-grau-weißen Buchfinken, gesprenkelten Staren und graugrünen Meisen.

Gleich darauf zieht noch eine Wolke über die Ebne hin. Sie hält über jedem Hof an, über jeder Arbeiterhütte und jedem Schloß, über Marktflecken und Städten, über Bauerngütern und Bahnhöfen, über Fischerdörfern und Zuckerfabriken. So oft sie anhält, saugt sie vom Boden eine kleine aufwirbelnde Säule von Staubkörnchen auf. Dadurch wächst und wächst die Wolke, und als sie endlich vollständig ist und nach dem Kullaberg steuert, ist es nicht mehr eine einzige Wolke, sondern eine ganze Wolkenwand, die so groß ist, daß sie von Höganäs bis Mölle einen Schatten auf die Erde wirft. Als sie über dem Spielplatz anhält, verdeckt sie die Sonne, und es muß eine gute Weile Sperlinge auf einen der Hügel regnen, bis die, die ganz innen in der Wolke geflogen waren, wieder einen Schimmer vom Tageslicht wahrnehmen können.

Aber jetzt taucht doch die größte von allen diesen Vogelwolken auf. Sie ist aus Scharen gebildet, die von allen Seiten herbeigeflogen kamen und sich miteinander vereinigt haben. Sie hat eine tief graublaue Färbung, und kein Sonnenstrahl dringt durch sie hindurch. Düster und schreckeneinjagend wie eine Gewitterwolke zieht sie daher, erfüllt von unheimlichstem Spuk, von gräßlichem, schreiendem, verächtlichem Gelächter und unglückprophezeiendem Gekrächze. Die Tiere auf dem Spielplatz sind froh, als sie sich endlich in einen Regen von flügelschlagenden, krächzenden Vögeln: von Dohlen, Raben und dem übrigen Krähenvolk auflöst.

Hierauf erscheinen am Himmel nicht nur Wolken, sondern eine Menge andrer Striche und Zeichen. Dann zeigen sich im Osten und Nordosten gerade punktierte Linien. Das sind die Waldvögel von den Göinger Bezirken, die Birk- und Auerhühner, die in langen Reihen, mit einem Abstand von ein paar Metern zwischen den einzelnen Vögeln daherfliegen. Und die Sumpfvögel, die sich auf Måkläppen vor Falsterbo aufhalten, kommen jetzt über den Öresund in allerlei sonderbaren Flugordnungen gezogen: in Triangeln oder langen Schnörkeln, in schiefen Haken oder in Halbkreisen.

Bei der großen Versammlung, die in dem Jahre stattfand, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, kam Akka mit ihrer Schar später als alle andern, und das war nicht zu verwundern, denn Akka hatte, um den Kullaberg zu erreichen, über ganz Schonen hinfliegen müssen. Außerdem hatte sie sich, sobald sie erwachte, zuerst nach Däumling umgesehen, der ja viele Stunden lang gegangen war, den grauen Ratten auf der Pfeife vorgeblasen und sie damit weit weg von Glimmingehaus gelockt hatte. Das Eulenmännchen war mit der Botschaft zurückgekehrt, daß die schwarzen Ratten gleich nach Sonnenuntergang daheim eintreffen würden, und es war also keine Gefahr mehr, wenn man die Pfeife der Turmeule verstummen ließ und den grauen Ratten erlaubte, zu gehen, wohin sie wollten.

Aber nicht Akka war es, die den Jungen entdeckte, wie er mit seinem langen Gefolge dahinzog, und die sich ganz schnell auf ihn herabsenkte, ihn mit dem Schnabel erfaßte und mit ihm in die Luft hinaufstieg, sondern Herr Ermenrich war es, der Storch. Denn auch Herr Ermenrich hatte sich aufgemacht, ihn zu suchen, und nachdem er ihn ins Storchennest hinaufgebracht hatte, bat er ihn um Verzeihung, daß er ihn am vorhergehenden Abend so unehrerbietig behandelt hätte.

Der Junge freute sich sehr darüber, und er und der Storch wurden recht gute Freunde. Akka war auch sehr freundlich gegen ihn und rieb ihren alten Kopf mehrere Male an seinem Arm. Aber am vergnügtesten wurde der Junge doch, als Akka den Storch fragte, ob er es für rätlich halte, daß sie Däumling mit auf den Kullaberg nähmen. „Ich glaube, wir können uns auf ihn ebensogut verlassen wie auf uns selber,“ sagte sie. „Er wird uns den Menschen sicher nicht verraten.“

Der Storch riet sogleich sehr eifrig, Däumling mitzunehmen. „Gewiß müssen Sie Däumling mit nach dem Kullaberg nehmen, Mutter Akka,“ sagte er. „Es ist ein Glück für uns, daß wir ihn für alles, was er heute Nacht unseretwegen ausgestanden hat, belohnen können. Und da ich mich noch immer über mein gestriges unpassendes Benehmen gräme, werde ich selbst ihn auf meinem Rücken nach dem Versammlungsort tragen.“

Es gibt nicht viel, was besser schmeckt, als von solchen gelobt zu werden, die selbst klug und tüchtig sind, und der Junge hatte sich noch nie so glücklich gefühlt als jetzt, wo die Wildgans und der Storch auf diese Weise von ihm sprachen.

Der Junge machte also die Reise nach dem Kullaberg auf dem Rücken des Storches, und obgleich er das für eine große Ehre hielt, verursachte es ihm doch viel Angst, denn Herr Ermenrich war ein Meister im Fliegen und flog mit ganz andrer Eile davon als die Wildgänse. Während Akka mit gleichmäßigen Flügelschlägen immer geradeaus flog, vergnügte sich der Storch mit einer Menge Flugkünste. Bald lag er in unermeßlicher Höhe ganz still da und schwebte durch die Luft, ohne die Flügel zu bewegen, bald ließ er sich mit solcher Eile hinabsinken, daß es aussah, als stürze er hilflos wie ein Stein auf die Erde hinunter, bald flog er zu seinem Vergnügen in großen und kleinen Kreisen wie ein Wirbelwind um Akka herum. Der Junge hatte noch nie so etwas erlebt, und obgleich er beständig von Angst erfüllt war, mußte er im stillen doch anerkennen, daß er früher nicht gewußt hatte, was man gut fliegen heißt.

Nur ein einziges Mal wurde während der Reise angehalten, das war, als Akka sich mit ihren Reisegefährten am Vombsee vereinigte und ihnen zurief, daß die grauen Ratten besiegt worden seien. Dann flogen alle miteinander geraden Wegs nach dem Kullaberg.

Hier ließen sie sich oben auf dem Hügel nieder, der den Wildgänsen aufgehoben war; und als jetzt der Junge die Blicke von Hügel zu Hügel wandern ließ, sah er, daß auf dem einen das vielzackige Geweih der Edelhirsche und auf einem andern die Nackenbüsche der grauen Habichte aufragten. Ein Hügel war rot von Füchsen, ein andrer schwarz und weiß von Seevögeln, einer grau von Ratten. Einer war mit schwarzen Raben besetzt, die unaufhörlich schrieen, einer mit Lerchen, die nicht imstande waren, sich ruhig zu verhalten, sondern immer wieder in die Luft hinaufstiegen und vor Freude jubilierten.

Wie es von jeher Sitte auf dem Kullaberg ist, begannen die Krähen die Spiele und Vorstellungen des Tages mit einem Flugtanz. Sie teilten sich in zwei Scharen, die aufeinander zuflogen, sich trafen, dann umwendeten und aufs neue begannen. Dieser Tanz hatte viele Runden und kam den Zuschauern, wenn sie die Tanzregeln nicht kannten, etwas zu einförmig vor. Die Krähen waren sehr stolz auf ihren Tanz, aber alle andern Tiere waren froh, als er zu Ende war. Er kam ihnen ebenso düster und sinnlos vor, wie das Spiel des Wintersturmes mit den Schneeflocken. Sie wurden schon vom Ansehen ganz niedergedrückt und warteten eifrig auf etwas, das sie ein bißchen froh stimmen würde.

Sie brauchten auch nicht vergeblich zu warten, denn sobald die Krähen fertig waren, kamen die Hasen dahergesprungen. In einer langen Reihe, ohne besondre Ordnung strömten sie herbei. Dazwischen kam einer ganz allein, dann wieder drei oder vier in einer Reihe. Alle hatten sich auf die Hinterläufe aufgerichtet, und sie stürmten so schnell vorwärts, daß ihre langen Ohren nach allen Seiten schwankten. Während des Springens drehten sie sich im Kreise herum, machten hohe Sätze und schlugen sich mit den Vorderpfoten gegen die Rippen, daß es knallte. Einige schlugen viele Purzelbäume hintereinander, andre kugelten sich zusammen und rollten wie Räder vorwärts, einer stand auf einem Lauf und schwang sich im Kreise, ein andrer ging auf den Vorderpfoten. Es war durchaus keine Ordnung da, aber es war viel Aufregung bei diesem Spiel der Hasen, und die vielen Tiere, die zusahen, begannen schneller zu atmen. Jetzt war es Frühling. Lust und Freude waren im Anzug. Der Winter war vorüber, der Sommer nahte. Bald war das Leben nur noch ein Spiel!

Als die Hasen ausgetobt hatten, war die Reihe des Auftretens an den großen Vögeln des Waldes. Hunderte von Auerhähnen in glänzend schwarzem Staat und mit hellroten Augenbrauen warfen sich auf eine große Eiche, die mitten auf dem Spielplatz stand. Der Auerhahn, der auf dem obersten Zweig saß, blies die Federn auf, ließ die Flügel hängen und streckte den Schwanz in die Höhe, so daß die weißen Deckfedern sichtbar wurden. Hierauf streckte er den Hals vor und stieß ein paar Töne aus dem verdickten Hals heraus. „Tjäck, tjäck, tjäck!“ klang es. Mehr konnte er nicht herausbringen, es gluckste nur mehrere Male tief drunten in seiner Kehle. Dann schloß er die Augen und flüsterte: „Sis, sis, sis – hört wie schön! Sis, sis, sis!“ Und zugleich verfiel er in solche Verzückung, daß er nicht mehr wußte, was rings um ihn her geschah.

Während der erste Auerhahn noch mit seinem sis, sis fortfuhr, fingen die drei, die am nächsten unter ihm saßen, zu balzen an, und ehe sie die ganze Weise durchgebalzt hatten, begannen die zehn, die etwas weiter unten saßen; und so ging es von Zweig zu Zweig, bis alle die Hunderte von Auerhähnen balzten und glucksten und sisisten. Sie fielen alle in dieselbe Verzückung während ihres Gesanges, und gerade das wirkte auf die andern Tiere wie ein ansteckender Rausch. Das Blut war ihnen vorhin lustig und leicht durch die Adern geflossen, jetzt begann es schwer und heiß zu wallen. „Ja, es ist sicherlich Frühling,“ dachten die vielen Tiervölker. „Die Winterkälte ist verschwunden, das Feuer des Frühlings ist auf der Erde angezündet.“

Als die Birkhühner merkten, daß die Auerhähne so großen Erfolg hatten, konnten sie sich nicht mehr still verhalten. Da kein Baum da war, wo sie Platz gehabt hätten, stürmten sie auf den Spielplatz hinunter, wo das Heidekraut so hoch stand, daß nur ihre schön geschwungenen Schwanzfedern und ihre dicken Schnäbel hervorsahen, und begannen zu singen: „Orr, orr, orr!“

Gerade als die Birkhühner mit den Auerhähnen zu wetteifern begannen, geschah etwas Unerhörtes. Während alle Tiere an nichts andres dachten als an das Spiel der Auerhähne, schlich sich ein Fuchs ganz leise an den Hügel der Wildgänse heran. Er ging sehr vorsichtig und kam weit auf den Hügel hinauf, bevor ihn jemand bemerkte. Plötzlich entdeckte ihn doch eine Gans, und da sie sich nicht denken konnte, daß sich der Fuchs in guter Absicht zwischen die Gänse hineingeschlichen hätte, rief sie schnell: „Wildgänse, nehmt euch in acht! Nehmt euch in acht!“ Der Fuchs packte sie am Halse, vielleicht hauptsächlich um sie zum Schweigen zu bringen, aber die Wildgänse hatten den Ruf schon vernommen und hoben sich in die Luft empor. Und als sie aufgeflogen waren, sahen alle Tiere den Fuchs Smirre mit einer toten Gans im Maule auf dem Hügel der wilden Gänse stehen.

Aber weil er also den Frieden des Spieltages gebrochen hatte, wurde schwere Strafe über Smirre verhängt, so daß er sein ganzes Leben lang bereuen mußte, daß er seine Rachgier nicht hatte unterdrücken können, sondern es versucht hatte, auf diese Weise Akka und ihrer Schar zu nahe zu kommen. Schnell wurde er von einer Schar Füchse umringt und alter Sitte gemäß verurteilt. Der Urteilsspruch aber lautet: „Wer immer den Frieden des großen Spieltages bricht, wird des Landes verwiesen.“ Kein Fuchs wollte das Urteil mildern, denn sie wußten alle, sobald sie etwas derartiges versuchten, würden sie in demselben Augenblick vom Spielplatz verjagt und ihnen nicht erlaubt werden, ihn je wieder zu betreten. Also wurde das Verbannungsurteil ohne Widerspruch Smirre kundgetan. Es wurde ihm untersagt, in Schonen zu verbleiben. Er wurde von seiner Frau und von seinen Verwandten geschieden, von Jagdrevier, Wohnung und von den Schlupfwinkeln, die er bisher zu eigen gehabt hatte, und mußte sein Glück in der Fremde versuchen. Und damit alle Füchse in Schonen wissen sollten, daß Smirre in dieser Landschaft vogelfrei war, biß ihm der älteste von den Füchsen die Spitze seines rechten Ohrs ab. Sobald dies getan war, begannen die jungen Füchse blutdürstig zu heulen und sich auf Smirre zu werfen. Es blieb ihm nichts andres übrig, als die Flucht zu ergreifen, und mit allen jungen Füchsen an den Fersen rannte er vom Kullaberg fort.

Alles das geschah, während die Birkhühner und die Auerhähne miteinander wetteiferten. Aber diese Vögel vertiefen sich in solchem Grade in ihren Gesang, daß sie weder hören noch sehen, und sie hätten sich auch gar nicht stören lassen.

Kaum war der Wettstreit der Waldvögel beendet, als die Edelhirsche von Häckeberga vortraten, ihr Kampfspiel zu zeigen. Mehrere Paare Edelhirsche kämpften zu gleicher Zeit. Sie stürzten mit großer Kraft aufeinander los, schlugen donnernd mit den Geweihen zusammen, so daß sich deren Stangen ineinander flochten, und einer versuchte den andern zurückzudrängen. Heidekrautbüschel flogen unter ihren Hufen auf, der Atem stand ihnen wie Rauch vor dem Maule, aus ihrer Kehle drang unheimliches Gebrüll, und der Schaum floß ihnen am Bug hinunter.

Ringsum auf den Hügeln herrschte atemlose Stille, während die streitkundigen Hirsche im Treffen waren, und bei allen Tieren regten sich neue Gefühle. Alle und jedes einzelne fühlten sich mutig und stark, voll wiederkehrender Kraft, vom Frühling neu geboren, hurtig zu jeder Art Abenteuer bereit. Sie fühlten keinen Zorn gegeneinander, doch hoben sich überall Flügel, Nackenfedern sträubten sich und Krallen wurden gewetzt. Wenn die Hirsche von Häckeberga noch einen Augenblick weitergekämpft hätten, würde auf allen Hügeln ein wilder Kampf entbrannt sein, weil bei allen Tieren ein brennender Eifer um sich gegriffen hatte, zu zeigen, daß auch sie voller Leben seien, daß die Ohnmacht des Winters vorüber sei, daß Kraft ihre Adern schwelle.

Aber die Edelhirsche beendigten ihren Kampf gerade im rechten Augenblick, und schnell ging ein Flüstern von Hügel zu Hügel: „Jetzt kommen die Kraniche!“

Und da kamen die grauen wie in Dämmerung gekleideten Vögel, mit langen Federbüschen in den Flügeln und rotem Federschmuck im Nacken. Die Vögel mit ihren langen Beinen, ihren schlanken Hälsen und ihren kleinen Köpfen glitten in geheimnisvoller Verwirrung von ihrem Hügel herab. Während sie vorwärts glitten, drehten sie sich halb fliegend, halb tanzend im Kreise herum. Die Flügel anmutig erhoben, bewegten sie sich mit unfaßlicher Schnelligkeit. Es war, als spielten graue Schatten ein Spiel, dem das Auge kaum zu folgen vermochte. Es war, als hätten sie es von den Nebeln gelernt, die über die einsamen Moore hinschweben. Ein Zauber lag darin; alle, die noch nie auf dem Kullaberg gewesen waren, begriffen nun, warum die ganze Versammlung ihren Namen von dem Kranichtanz hat. Es lag eine gewisse Wildheit darin, aber das Gefühl, das diese erweckte, war eine holde Sehnsucht. Niemand dachte jetzt mehr daran, zu kämpfen. Dagegen fühlten jetzt alle, die Beflügelten und die Flügellosen, einen Drang in sich, ungeheuer hoch hinaufzusteigen, ja bis über die Wolken hinauf, um zu sehen, was sich darüber befinde, einen Drang, den schweren Körper zu verlassen, der sie auf die Erde hinabzog, und nach dem Überirdischen hinzuschweben.

Eine solche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, nach dem hinter dem Leben Verborgenen fühlten die Tiere nur einmal im Jahre, und zwar an dem Tag, wo sie den großen Kranichtanz sahen.

6
Im Regenwetter

Mittwoch, 30. März

Nun kam der erste Regentag während der Reise. Solange sich die Wildgänse in der Nähe des Vombsees aufgehalten hatten, war schönes Wetter gewesen; an demselben Tag, wo sie ihre Reise nach dem Norden fortsetzten, begann es zu regnen, und der Junge saß stundenlang tropfnaß und vor Kälte zitternd auf dem Rücken des Gänserichs.

Am Morgen, als sie fortzogen, war es hell und warm gewesen. Die Wildgänse hatten sich hoch in die Luft erhoben, gleichmäßig und ohne Eile in strenger Ordnung mit Akka an der Spitze, und die übrigen in zwei scharfen Linien hinter ihr, flogen sie dahin. Sie hatten sich keine Zeit genommen, den Tieren auf den Feldern kleine Bosheiten zuzurufen, aber da sie nicht imstande waren, sich ganz still zu verhalten, ließen sie unaufhörlich im Takt mit ihren Flügelschlägen ihren gewöhnlichen Lockruf ertönen: „Wo bist du? Hier bin ich! Wo bist du? Hier bin ich!“

Alle beteiligten sich an diesem einförmigen Rufen, das sie nur ab und zu unterbrachen, um dem zahmen Gänserich die Wegweiser zu zeigen, nach denen sie sich richteten. Die Zeichen auf dieser Reise waren die vereinzelten Erhöhungen des Sinderöder Bergrückens, der Herrenhof Ovesholm, der Kristianstädter Kirchturm, das Krongut Bäckawald, die schmale Landspitze zwischen dem Oppmannasee und dem Ivösee und dem schroffen Abhang des Ryßbergs.

Es war eine einförmige Reise gewesen; und als die Regenwolken allmählich auftauchten, dachte der Junge, das sei doch einmal eine Abwechslung. Früher, wo er die Regenwolken nur von unten gesehen hatte, waren sie ihm immer grau und langweilig vorgekommen, aber hoch droben zwischen ihnen zu sein, das war etwas ganz andres. Der Junge sah deutlich, daß die Wolken ungeheure Lastwagen waren, die berghoch beladen am Himmel hinfuhren; die einen waren mit riesigen grauen Säcken bepackt, andre mit Tonnen, die so groß waren, daß sie einen ganzen See fassen konnten, wieder andre furchtbar hoch mit großen Kesseln und Flaschen. Und nachdem so viele aufgefahren waren, daß sie den ganzen Himmelsraum füllten, war es, als habe ihnen jemand ein Zeichen gegeben, denn sie begannen alle auf einmal aus Kesseln, Tonnen, Flaschen und Säcken Wasser auf die Erde hinunterzugießen.

In dem Augenblick, wo die ersten Frühlingsgüsse auf die Erde prasselten, stießen alle die kleinen Vögel in den Gehölzen und auf den Wiesen solche Freudenrufe aus, daß die ganze Luft davon widerhallte und der Junge auf seinem Gänserücken erschreckt zusammenfuhr. „Jetzt bekommen wir Regen, der Regen bringt uns den Frühling, der Frühling gibt uns Blumen und grünes Laub, und die Blumen geben uns Raupen und Insekten, und Raupen und Insekten geben uns Nahrung! Viele und gute Nahrung ist das Beste, was es gibt!“ sangen die Vögelein.

Auch die Wildgänse freuten sich über den Frühlingsregen, der die Pflanzen aus ihrem Winterschlaf weckte und die Eisdecke auf den Seen zerbrach. Es war ihnen nicht möglich, noch länger so ernst zu bleiben wie bisher, und sie fingen an, lustige Rufe auf die Landschaft unter ihnen hinabzuschicken.

Als sie über die großen Kartoffelfelder, die bei Kristianstadt besonders gut sind, und die jetzt noch schwarz und kahl dalagen, hinflogen, riefen sie: „Wachet jetzt auf und bringet Nutzen! Der Frühling ist da, der euch weckt! Nun habt ihr auch lange genug gefaulenzt!“

Wenn sie Menschen sahen, die sich beeilten, unter Dach und Fach zu kommen, ermahnten sie sie und sagten: „Warum habt ihr es denn so eilig? Seht ihr nicht, daß es Brot und Kuchen regnet? Brot und Kuchen!“

Eine große dicke Wolke bewegte sich rasch in nördlicher Richtung vorwärts und schien den Gänsen zu folgen. Sie glaubten wohl, daß sie die Wolke mit sich zögen, denn als sie jetzt gerade große Gärten unter sich sahen, riefen sie ganz stolz: „Hier kommen wir mit Anemonen! Wir kommen mit Rosen, mit Apfelblüten und Kirschenknospen! Wir kommen mit Erbsen und Bohnen, mit Weizen und Roggen! Wer Lust hat, greife zu! Wer Lust hat, greife zu!“

So hatte es geklungen, während die ersten Regenschauer fielen, wo sich noch alle über den Regen freuten. Als es aber den ganzen Nachmittag fortregnete, wurden die Gänse ungeduldig und riefen den durstigen Wäldern rings um den Ivösee zu: „Habt ihr noch nicht bald genug? Habt ihr noch nicht bald genug?“

Der Himmel überzog sich immer mehr mit einem gleichmäßigen Grau, und die Sonne verbarg sich so gut, daß niemand herausfand, wo sie steckte. Der Regen fiel dichter, er klatschte schwer auf die Gänseflügel und drang durch die eingeölten Außenfedern bis auf die Haut durch. Die Erde dampfte, Seen, Gebirge und Wälder flossen zu einem undeutlichen Wirrwarr zusammen, und die Wegzeiger waren nicht mehr zu erkennen. Die Fahrt ging immer langsamer, die lustigen Zurufe verstummten, und der Junge fühlte die Kälte immer mehr.

Aber doch hielt er den Mut aufrecht, solange er durch die Luft ritt. Auch am Abend, als sie sich unter einer kleinen Kiefer niedergelassen hatten, mitten auf einem großen Moor, wo alles naß und kalt war, wo die einen Erdhaufen mit Schnee bedeckt waren und die andern kahl aus einem Tümpel halbgeschmolzenen Eiswassers aufragten, war er noch nicht mutlos gewesen, sondern war fröhlich umhergelaufen und hatte sich Krähenbeeren und gefrorene Preißelbeeren gesucht. Aber dann wurde es Abend, und die Dunkelheit senkte sich so tief herab, daß nicht einmal solche Augen, wie der Junge jetzt hatte, hindurchdringen konnten, und das weite Land sah merkwürdig unheimlich und schreckenerregend aus. Unter dem Flügel des Gänserichs lag der Junge zwar wohl eingebettet, aber Kälte und Feuchtigkeit hinderten ihn am Einschlafen. Er hörte auch so viel Gerassel und Geprassel und drohende Stimmen ringsum, daß ihn furchtbares Entsetzen ergriff und er nicht wußte, wohin er sich wenden sollte. Wenn er sich nicht zu Tode ängstigen sollte, dann mußte er fort, dahin, wo es ein wärmendes Feuer und Licht gab.

„Wie wärs, wenn ich mich nur diese eine Nacht zu den Menschen hineinwagte?“ dachte er. „Nur so, daß ich ein Weilchen an einem Feuer sitzen dürfte und einen Mundvoll zu essen bekäme. Vor Sonnenaufgang könnte ich ja zu den Gänsen zurückkehren.“

Er kroch sachte unter dem Flügel hervor und glitt auf den Boden hinunter. Weder der Gänserich noch eine der andern Gänse erwachte, und leise und unbemerkt schlich er über das Moor weg.

Er wußte nicht recht, in welchem Teil des Landes er sich befand, ob in Schonen, in Småland oder in Blekinge.

Aber gerade, bevor sich die Gänse auf dem Moor niedergelassen hatten, hatte er einen Schein von einer großen Stadt gesehen, und dorthin lenkte er jetzt seine Schritte. Es dauerte auch nicht lange, bis er einen Weg fand, und bald war er auf der langen mit Bäumen eingefaßten Landstraße, wo auf jeder Seite Hof an Hof lag.

Der Junge war in eines der großen Kirchspiele geraten, die weiter droben im Land sehr allgemein sind, die es aber unten in der Ebene gar nicht gibt.

Die Wohnhäuser waren aus Holz und sehr hübsch gebaut. Die meisten hatten mit geschnitzten Leisten verzierte Giebel, und die Glasveranden waren mit der einen und andern bunten Scheibe versehen. Die Wände waren mit heller Ölfarbe angestrichen, die Türen und Fensterrahmen leuchteten blau und grün, hin und wieder auch rot. Während der Junge dahinwanderte und die Häuser betrachtete, hörte er sogar, wie die Leute in den warmen Stuben plauderten und lachten. Die Worte konnte er nicht verstehen, aber es kam ihm sehr schön vor, menschliche Stimmen zu hören. „Ich möchte wissen, was sie sagen würden, wenn ich anklopfte und um Einlaß bäte?“ dachte er.

Das war es ja, was er im Sinn gehabt hatte; aber beim Anblick der erleuchteten Fenster war seine Angst vor der Dunkelheit verschwunden. Dagegen fühlte er jene Scheu, die ihn immer in der Nähe der Menschen überkam. „Ich werde mich eine Weile in dem Dorf umsehen,“ dachte er, „ehe ich bei jemand um Obdach und Speise anhalte.“

An einem Haus war ein Balkon. Und gerade als der Junge vorüberging, wurden die Balkontüren aufgemacht, und durch feine, lichte Vorhänge strömte ein gelber Lichtschein heraus. Dann trat eine schöne junge Frau heraus und beugte sich über das Geländer. „Es regnet, jetzt wird es bald Frühling,“ sagte sie. Als der Junge sie sah, überkam ihn zum erstenmal ein merkwürdiges Angstgefühl. Es war ihm, als müsse er weinen. Zum erstenmal ergriff ihn eine gewisse Unruhe darüber, daß er sich selbst von den Menschen ausgeschlossen hatte.

Kurz nachher kam er an einem Kaufladen vorüber. Vor dem Hause stand eine rote Sämaschine. Er blieb stehen und sah sie an und kroch schließlich auf den Bock hinauf. Als er droben saß, schnalzte er mit der Zunge und tat, als fahre er. Er dachte, welches Glück das wäre, wenn er eine so schöne Maschine über einen Acker fahren dürfte.

Einen Augenblick lang hatte er ganz vergessen, wie er jetzt aussah, aber gleich erinnerte er sich wieder daran, und eilig sprang er von der Maschine herunter. Eine immer größere Unruhe bemächtigte sich seiner. Ja, wer beständig unter Tieren leben mußte, kam doch in vielem zu kurz. Die Menschen waren wirklich recht merkwürdige und tüchtige Geschöpfe.

Er ging an der Post vorbei und dachte da an die Zeitungen, die jeden Tag mit Neuigkeiten von allen vier Enden der Welt kommen. Er sah die Apotheke und die Doktorwohnung, und da mußte er denken, welche große Macht die Menschen doch hatten, daß sie Krankheit und Tod bekämpfen konnten. Er kam an die Kirche und dachte an die Menschen, die sie erbaut hatten, um in ihr von einer andern Welt zu hören, einer Welt außerhalb der, in der sie lebten, sowie von Gott und Auferstehung und einem ewigen Leben.

Und je weiter er kam, desto besser gefielen ihm die Menschen.

Kinder können eben niemals weiter sehen, als ihre Nase lang ist. Was am nächsten vor ihnen liegt, nach dem strecken sie die Hand aus, ohne sich darum zu kümmern, was es sie kosten könnte. Nils Holgersson hatte kein Verständnis dafür gehabt, was er verloren gab, als er ein Wichtelmännchen zu bleiben wünschte; jetzt aber ergriff ihn eine furchtbare Angst, er würde am Ende nie wieder seine rechte Gestalt erlangen können.

Aber wie in aller Welt müßte er es angreifen, um wieder ein Mensch zu werden? Das hätte er schrecklich gerne gewußt.

Er kroch auf eine Haustreppe hinauf und setzte sich da mitten in den strömenden Regen, um zu überlegen. Er saß eine Stunde da, zwei Stunden, und sann und grübelte mit tiefgefurchter Stirne. Aber er wurde nicht klüger; es war, als ob sich seine Gedanken nur immer in seinem Kopf im Kreise drehten. Und je länger er dasaß, desto unmöglicher erschien es ihm, irgend eine Lösung zu finden.

„Dies ist sicherlich viel zu schwer für einen, der so wenig gelernt hat wie ich,“ dachte er schließlich. „Ich werde jedenfalls zu den Menschen zurückkehren müssen. Dann muß ich den Pfarrer und den Doktor und den Schullehrer fragen, und auch noch andre, die gelehrt sind und Hilfe für so etwas wissen.“

Ja, er beschloß, dies sogleich zu tun; er stand auf und schüttelte sich, denn er war so naß wie ein Hund, der in einem Wassertümpel gewesen ist.

In diesem Augenblick sah er, daß eine große Eule daherflog und sich auf einen der Bäume an der Straße niederließ. Gleich darauf begann eine Waldeule, die unter der Dachleiste saß, sich zu bewegen und zu rufen: „Kiwitt, kiwitt, bist du wieder da, Sumpfeule? Wie ist es dir im Ausland gegangen?“

„Danke der Nachfrage, Waldeule, es ist mir gut gegangen,“ sagte die Sumpfeule. „Ist während meiner Abwesenheit irgend etwas Merkwürdiges passiert?“

„Nicht hier in Blekinge, Sumpfeule, aber in Schonen ist ein Junge in ein Wichtelmännchen verwandelt und so klein gemacht worden wie ein Eichhörnchen, und dann ist der Junge mit einer zahmen Gans nach Lappland gereist.“

„Das ist ja eine sonderbare Neuigkeit, eine sonderbare Neuigkeit! Kann er jetzt nie wieder ein Mensch werden, Waldeule? Sag, kann er nie wieder ein Mensch werden?“

„Das ist ein Geheimnis, Sumpfeule, aber du sollst es doch wissen. Das Wichtelmännchen hat gesagt, wenn der Junge die zahme Gans bewacht, daß sie unbeschädigt wieder heimkommen und – – –“

„Und was noch, Waldeule, was noch?“

„Fliege mit mir auf den Kirchturm hinauf, dann sollst du alles erfahren. Ich habe Angst, es könnte uns hier auf der Straße jemand zuhören.“

Damit flogen die beiden Eulen davon, aber der Junge warf seine Mütze hoch in die Luft. „Wenn ich nur über den Gänserich wache, damit er unbeschädigt wieder heimkommt, dann werde ich wieder ein Mensch. Hurra! Hurra! Dann werde ich wieder ein Mensch!“

Er schrie Hurra, und es war merkwürdig, daß man ihn drinnen im Hause nicht hörte. Aber das war nicht der Fall, und der Junge lief zurück zu den Wildgänsen auf das nasse Moor hinaus, so schnell ihn seine Beine tragen konnten.

7
Die Treppe mit den drei Stufen

Donnerstag, 31. März

Am nächsten Tag wollten die Wildgänse durch den Allbobezirk in Småland nach Norden weiterreisen und schickten Yksi und Kaksi als Kundschafter voraus; diese kamen zurück und sagten, alles Wasser sei gefroren und alle Felder seien mit Schnee bedeckt.

„Dann wollen wir lieber dableiben, wo wir sind,“ sagten die Wildgänse. „Wir können nicht durch ein Land reisen, wo es weder Wasser noch Futter gibt.“

„Wenn wir bleiben, wo wir sind, werden wir vielleicht einen ganzen Monat warten müssen,“ sagte Akka. „Da wollen wir lieber ostwärts durch Blekinge reisen und versuchen, ob wir nicht später über Småland durch den Mörebezirk, der an der Küste liegt und wo es frühzeitig Frühling wird, weiterkommen können.“

So ritt nun also der Junge am nächsten Tage über Blekinge hin. Jetzt wo es hell war, hatte sich sein Gemüt wieder beruhigt, und er konnte nicht begreifen, was ihn gestern abend so sehr angefochten hatte. Jetzt wollte er die Reise nach Lappland und das ungebundene Leben ganz und gar nicht mehr aufgeben.

Über der Landschaft Blekinge lag ein dichter Regennebel, und der Junge konnte nicht erkennen, wie das Land unter ihm aussah. „Ich möchte wohl wissen, ob wir hier über gutes oder schlechtes Erdreich hinfliegen?“ dachte er, und er zerbrach sich den Kopf, um sich zu erinnern, was er in der Schule darüber gehört hatte. Zugleich aber wußte er auch, daß ihm dies nichts nützen konnte, weil er ja seine Aufgaben nie ordentlich gelernt hatte.

Doch plötzlich sah er die ganze Schule deutlich vor sich. Die Kinder saßen in den schmalen Schulbänken und streckten die Finger in die Höhe, der Lehrer saß auf dem Katheder und sah unzufrieden aus, er selbst aber stand vorne an der Karte und sollte Fragen über Blekinge beantworten, wußte aber kein Wort zu sagen. Mit jeder Sekunde wurde das Gesicht des Lehrers düsterer, und der Junge dachte, der Lehrer nehme es viel genauer mit der Geographie als mit irgend einem der andern Fächer. Jetzt kam er auch noch vom Katheder herunter, nahm dem Jungen den Stock aus der Hand und schickte ihn auf seinen Platz zurück. „Das nimmt gewiß kein gutes Ende,“ dachte der Junge.

Aber der Lehrer trat an ein Fenster und sah eine Weile hinaus, und dann begann er leise zu pfeifen, wie er zu tun pflegte, wenn er guter Laune war. Jetzt stieg er wieder auf den Katheder und sagte, er wolle ihnen etwas von Blekinge erzählen.

Und was der Lehrer dann erzählt hatte, war so unterhaltend gewesen, daß der Junge wohl aufgepaßt hatte. Wenn er nur daran dachte, wußte er jedes Wort wieder.

„Småland ist ein hohes Haus,“ begann der Lehrer, „mit Tannen auf dem Dache; vor dem Hause aber ist eine breite Treppe mit drei Stufen, und diese Treppe wird Blekinge genannt.

Es ist eine Treppe, die tüchtig zugenommen hat. Sie erstreckt sich acht Meilen weit über die Vorderseite des småländischen Hauses, und wer die Treppe bis an die Ostsee hinuntergehen will, hat vier Meilen zu wandern.

Es ist auch schon recht lange her, seit die Treppe gebaut worden ist. Tage und Jahre sind vergangen, seit die ersten aus Feldsteinen gehauenen Stufen zu einer bequemen Verkehrsstraße zwischen Småland und der Ostsee eben und gleichmäßig gelegt wurden.

Da die Treppe schon so alt ist, wird man wohl begreifen, daß sie jetzt nicht mehr so aussieht wie zu der Zeit, wo sie neu war. Ich weiß nicht, wie viel man sich damals um so etwas gekümmert hat, aber jedenfalls war bei einer solchen Größe keine Kunst imstande, sie rein zu halten. Nach ein paar Jahren wuchsen Moos und Flechten darauf, Spreu und dürres Laub wurde im Herbst darüber geweht, und ihm Frühling wurde sie mit niederprasselnden Steinen und Kies überschüttet. Und da dies alles liegen blieb, sammelte sich schließlich so viel Erde auf der Treppe an, daß nicht nur Gras und Kräuter, sondern auch Büsche und große Bäume darauf Wurzel schlugen.

Aber zugleich ist zwischen den drei Stufen ein großer Unterschied entstanden. Die oberste, die Småland am nächsten liegt, ist zum großen Teil mit magrer Erde und kleinen Steinen bedeckt, und es wachsen nicht gern andre Bäume da als Weißbirken und Faulkirschen und Tannen, die die Kälte dort oben ertragen und mit wenig zufrieden sind. Am allerbesten begreift man, wie kärglich und ärmlich es da oben ist, wenn man sieht, wie klein die vom Walde urbar gemachten Äcker sind, was für winzige Häuser die Leute sich da bauen und wie weit die Kirchen voneinander entfernt sind.

Auf der mittlern Treppe gibt es bessere Erde, und es wird dort auch nicht so sehr kalt. Man sieht das gleich daran, daß die Bäume höher und von besserer Art sind. Dort wachsen Ahorn und Eichen und Linden, Hängebirken und Haselsträucher, aber keine Nadelhölzer. Und noch deutlicher sieht man es an den vielen bebauten Landstrecken und an den großen und schönen Häusern, die sich die Menschen gebaut haben. Es stehen auch viele Kirchen auf der mittlern Stufe, und große Ortschaften liegen rings um sie herum, und sie nimmt sich in jeder Beziehung besser und schöner aus als die oberste Stufe.

Aber die unterste Stufe ist doch von allen die beste. Sie ist mit guter, richtiger Erde bedeckt, und da, wo sie liegt und sich im Meere badet, hat man nicht das geringste Gefühl von der småländischen Kälte. Hier unten gedeihen Buchen und Kastanien und Nußbäume, und sie werden so groß, daß sie über das Kirchendach hinausragen. Hier sind auch die größten Ackerfelder; aber die Leute leben nicht allein vom Ackerbau und vom Ertrag der Wälder, sie beschäftigen sich auch mit dem Fischfang, mit Handel und Schiffahrt. Deshalb gibt es hier auch die kostbarsten Häuser und die schönsten Kirchen, und die Kirchspiele sind zu Handelsplätzen und Städten herangewachsen.

Aber damit ist noch nicht alles über die drei Treppenstufen gesagt. Denn man muß wohl bedenken, daß das Wasser, wenn es auf das Dach des großen Hauses in Småland regnet, oder wenn der Schnee da oben schmilzt, sich irgendwohin verlaufen muß, und da stürzt natürlich ein Teil davon die große Treppe hinunter. Im Anfang floß es allerdings über die ganze Breite der Treppe; aber dann entstanden Risse darin, und allmählich hat sich nun das Wasser daran gewöhnt, in mehreren gut ausgewaschenen Rinnen hinunterzufließen. Und Wasser ist Wasser, was man auch immer damit tun mag. Es gönnt sich nie Ruhe. An einer Stelle gräbt es sich ein, sickert in den Erdboden und verschwindet, und an einer andern Stelle nimmt es zu. Die Rinnen hat es zu Tälern ausgegraben, die Talwände hat es mit Erde bedeckt, und dann haben Büsche und Ranken und Bäume sich daran angeklammert, in so dichter und reicher Fülle, daß sie den Wasserstrom, der in der Tiefe dahinfließt, beinahe verdecken. Aber wenn die Ströme an die Absätze zwischen den Stufen kommen, müssen sie sich kopfüber hinunterstürzen, und dadurch kommt das Wasser in so schäumende Erregung, daß es die Kraft hat, Mühlräder und Maschinen zu treiben; und Mühlen und Fabriken sind denn auch rings um jeden Wasserfall her entstanden.

Aber auch damit ist durchaus noch nicht alles über das Land mit den drei Treppenstufen gesagt, sondern es muß auch noch hervorgehoben werden, daß da droben in Småland in dem großen Haus einst ein Riese wohnte, der alt geworden war. Und es ärgerte ihn, daß er in seinem hohen Alter gezwungen sein sollte, die hohe Treppe hinunterzugehen, um den Lachs im Meere zu fangen. Er dachte, es sei viel bequemer, wenn der Lachs dahin käme, wo er hauste.

Er ging daher auf das Dach seines großen Hauses und schleuderte von da mächtige Steine in die Ostsee hinein. Er warf sie mit solcher Kraft, daß die Steine über ganz Blekinge wegflogen und wirklich ins Meer fielen. Und als die Steine hineinfielen, bekam der Lachs so große Angst, daß er aus dem Meere herausging, die Ströme von Blekinge hinauffloh, dann durch die Bäche hindurchschwamm, mit hohen Sprüngen sich die Fälle hinaufschnellte und nicht eher anhielt, als bis er weit drinnen in Småland bei dem alten Riesen war.

Und wie wahr alles das ist, das sieht man an den vielen Inseln und Schären, die vor der Küste von Blekinge liegen, die aber nichts andres sind als die vielen großen Steine, die der Riese dahingeschleudert hat.

Man erkennt es auch daran, daß der Lachs sich immer noch durch die Ströme von Blekinge und durch die Wasserfälle in die ruhig fließenden Wasser bis nach Småland hinaufarbeitet.

Aber jener Riese hat viel Dank und Ehre von den Bewohnern von Blekinge verdient, denn die Lachsfischerei in den Strömen und die Steinhauerei in den Schären ist eine Arbeit, womit sich bis zum heutigen Tag viele Menschen ihren Unterhalt verdienen.“

8
Am Ronnebyfluß

Freitag, 1. April

Weder die Wildgänse noch der Fuchs Smirre hatten geglaubt, daß sie je wieder zusammentreffen würden, nachdem dieser Schonen verlassen hatte. Aber nun geschah es, daß die Wildgänse ihren Weg über Blekinge nahmen, und da hatte sich Smirre auch hinbegeben. Er hatte die Zeit bis jetzt in dem nördlichen Teil dieser Landschaft verbracht und war äußerst mißvergnügt über diesen Aufenthalt. Eines Nachmittags, als Smirre in einer einsamen Waldgegend, nicht weit von dem Ronnebyfluß entfernt, umherstreifte, sah er eine Schar Wildgänse daherfliegen. Er sah sogleich, daß eine der Gänse weiß war, und da wußte er ja, mit wem er es zu tun hatte.

Und sofort begann Smirre hinter den Gänsen herzujagen, einmal, weil ihn nach einer guten Mahlzeit gelüstete, dann aber auch in der Absicht, sich für all den Verdruß zu rächen, den sie ihm bereitet hatten. Er sah sie ostwärts bis zum Ronnebyfluß fliegen; dort änderten sie die Richtung und zogen weiter nach Süden. Er erriet, daß sie sich am Flußufer eine Schlafstätte suchten, und hoffte, ohne besondre Schwierigkeit einige von ihnen erwischen zu können.

Aber als Smirre endlich den Ort erblickte, wo die Gänse sich niedergelassen hatten, entdeckte er, daß es ein sehr gut beschützter Platz war, und daß er ihnen nicht beikommen konnte.

Der Ronnebyfluß ist zwar kein großer und mächtiger Wasserlauf, aber er ist seiner schönen Ufer wegen doch sehr berühmt. Einmal ums andre zwängt er sich zwischen steilen Gebirgswänden hindurch, die senkrecht aus dem Wasser aufragen und vollständig mit Geißblatt, Faulkirschen und Weißdorn, mit Erlen, Ebereschen und Weiden bewachsen sind; an einem schönen Sommertag gibt es nicht leicht etwas Angenehmeres, als auf dem kleinen, dunklen Fluß dahinzurudern und hinaufzuschauen in all das Grün, das sich an den rauhen Felswänden festklammert.

Aber jetzt, als die Wildgänse und Smirre an den Fluß kamen, herrschte noch der kalte, rauhe Vorfrühling, alle Bäume standen noch kahl, und niemand dachte auch nur mit einem Gedanken daran, ob die Ufer schön oder häßlich seien.

Die Wildgänse waren indes sehr froh, daß sie unter einer so steilen Bergwand einen schmalen Sandstreifen sahen, gerade groß genug, um die ganze Schar aufzunehmen. Vor ihnen brauste der Fluß, der jetzt, wo der Schnee schmolz, wild und angeschwollen war, hinter sich hatten sie die unbesteigbaren Felsenwände, und herabhängende Zweige verdeckten sie; sie hätten es nicht besser haben können.

Smirre stand oben auf dem Gebirgskamm und schaute zu den Wildgänsen hinunter. „Diese Verfolgung kannst du ebensogut gleich aufgeben,“ sagte er zu sich selbst. „Einen so steilen Berg kannst du nicht hinunterklettern, durch den wilden Strom kannst du nicht schwimmen, und unten am Berg ist auch nicht der kleinste Streifen Land, der zur Schlafstelle der Gänse führen würde. Diese Gänse sind dir zu klug, Reineke. Gib dir keine Mühe mehr, sie zu jagen.“

Aber wie andern Füchsen auch, wurde es Smirre schwer, ein halb ausgeführtes Unternehmen aufzugeben; er legte sich deshalb ganz außen an den Bergrand und verwandte kein Auge von den Wildgänsen. Während er sie so betrachtete, dachte er an all das Böse, das sie ihm zugefügt hatten. Ja, ihre Schuld war es, daß er aus Schonen verbannt worden war und nach Blekinge hatte flüchten müssen, wo er bis jetzt noch keinen Herrenhofpark, keine zahmen Gänse, kein Wildgehege voller Rehe und leckerer Rehzicklein gesehen hatte. Er arbeitete sich in eine solche Wut hinein, während er so dalag, daß er den Gänsen Tod und Verderben wünschte, sogar wenn er selbst nicht dazu kommen sollte, sie zu verspeisen.

Als Smirres Zorn diesen hohen Grad erreicht hatte, hörte er in einer großen Kiefer dicht neben sich ein Geraschel, und er sah ein Eichhörnchen, das von einem Marder heftig verfolgt wurde, den Baum herunterlaufen. Keines von den beiden bemerkte Smirre, der sich ganz ruhig verhielt und der Jagd zusah, die von Baum zu Baum ging. Er betrachtete das Eichhörnchen, das so leicht durch die Bäume huschte, als ob es fliegen könnte. Er betrachtete auch den Marder, der kein so kunstgerechter Kletterer war wie das Eichhörnchen, aber doch die Baumstämme hinauf und hinunter lief, als seien es ebene Waldpfade.

„Könnte ich nur halb so gut klettern wie eins von diesen beiden,“ dachte der Fuchs, „dann dürften die dort drunten nicht länger in Ruhe schlafen.“

Sobald die Jagd zu Ende und das Eichhörnchen gefangen war, ging Smirre zu dem Marder hin, machte aber zum Zeichen, daß er ihn seiner Jagdbeute nicht berauben wolle, auf zwei Schritt Abstand vor ihm Halt. Er begrüßte den Marder sehr freundlich und gratulierte zu dem Ausfall der Jagd. Smirre setzte seine Worte sehr gut, wie dies beim Fuchs immer der Fall ist. Der Marder dagegen, der sich mit seinem langen, schmalen Körper, seinem feinen Kopf, seinem weichen Fell und seinem hellbraunen Fleck am Halse wie ein kleines Wunder von Schönheit ausnimmt, ist in Wirklichkeit nur ein ungeschlachter Waldbewohner und gab dem Fuchs kaum eine Antwort.

„Nur eins verwundert mich,“ fuhr Smirre fort, „daß sich ein solcher Jäger wie du mit der Jagd auf Eichhörnchen begnügt, wenn sich so viel besseres Wildbret in erreichbarer Nähe befindet.“ Hier hielt er inne und wartete auf eine Erwiderung, aber als der Marder ihn, ohne ein Wort zu sagen, ganz unverschämt angrinste, fuhr er fort: „Wäre es möglich, daß du die Wildgänse dort unten an der Felswand nicht gesehen hättest? Oder bist du kein so guter Kletterer, daß du nicht zu ihnen hinunter gelangen könntest?“

Diesmal brauchte Smirre nicht auf Antwort zu warten. Der Marder stürzte mit gekrümmtem Rücken und gesträubtem Fell auf ihn zu. „Hast du Wildgänse gesehen?“ zischte er ihn an. „Wo sind sie? Sag es schnell, sonst beiße ich dir die Gurgel entzwei.“

„Nun, nun, vergiß nicht, daß ich doppelt so groß bin als du, und sei ein bißchen höflich. Ich wünsche gar nichts weiter, als dir die Wildgänse zu zeigen.“

Einen Augenblick später war der Marder auf dem Wege den Abhang hinunter, und während Smirre zusah, wie er seinen schlangendünnen Körper von Zweig zu Zweig schwang, dachte er: „Dieser schöne Baumjäger hat das grausamste Herz der ganzen Schöpfung. Ich glaube, die Wildgänse werden mir für ein blutiges Erwachen zu danken haben.“

Aber gerade, als Smirre den Todesschrei der Gänse zu hören erwartete, sah er den Marder in den Fluß hinunterplumpsen, so daß das Wasser hoch aufspritzte. Und gleich nachher erklang starkes Flügelschlagen, und alle Gänse flogen in wilder Hast auf.

Smirre wollte den Gänsen schnell nachjagen, aber er war so neugierig zu erfahren, wie sie gerettet worden waren, daß er stehen blieb, bis der Marder wieder heraufgeklettert kam. Der Ärmste war patschnaß und hielt ab und zu an, um sich den Kopf mit den Vorderpfoten zu reiben.

„Ich habe mir doch gedacht, daß du ein Tölpel wärst und in den Fluß fallen würdest,“ sagte Smirre verächtlich.

„Ich habe mich nicht tölpelhaft angestellt, und du hast nicht nötig, mich zu schelten,“ erwiderte der Marder. „Ich saß schon auf einem der untersten Zweige und überlegte, wie ich eine ganze Menge von ihnen töten könnte, als ein kleiner Knirps, nicht größer als ein Eichhörnchen, aufsprang und mir mit solcher Kraft einen Stein an den Kopf warf, daß ich ins Wasser purzelte, und ehe ich wieder aus dem Wasser herauskrabbeln konnte – –“

Der Marder brauchte nicht weiter zu berichten. Er hatte keinen Zuhörer mehr. Smirre war schon weit weg hinter den Gänsen her.

Indessen war Akka südwärts geflogen, eine neue Schlafstelle zu suchen. Es war noch ein wenig Tagesschein vorhanden, und der Halbmond stand hoch am Himmel, so daß sie einigermaßen sehen konnte. Zum Glück kannte sie sich gut in der Gegend aus, denn es war mehr als einmal vorgekommen, daß die Gänse, wenn sie im Frühjahr über die Ostsee flogen, nach Blekinge verschlagen worden waren.

Sie flog also am Fluß hin, solange sie ihn durch die mondscheinbeglänzte Landschaft wie eine schwarze, blinkende Schlange dahingleiten sah. Auf diese Weise gelangten sie bis hinunter zum Tiefen Fall, wo der Fluß sich in einer unterirdischen Rinne verbirgt und dann klar und durchsichtig, wie wenn er von Glas wäre, sich in eine enge Schlucht hinabstürzt, auf deren Boden er in glitzernde Tropfen und umherspritzenden Schaum zerschellt. Unterhalb des Falles lagen einige Steine, zwischen denen das Wasser in wilden Wirbeln aufschäumte, und hier ließ sich Akka nieder. Dies war wieder ein guter Ruheplatz, besonders so spät am Abend, wo keine Menschen mehr unterwegs waren. Bei Sonnenuntergang hätten die Gänse sich nicht gut hier niederlassen können, denn der Tiefe Fall liegt in keiner öden Gegend. Auf der einen Seite erhebt sich eine große Kartonnagefabrik, und auf der andern, die steil und mit Bäumen bestanden ist, liegt der Park von Tiefental, in dem beständig auf den schlüpfrigen und steilen Pfaden Menschen umherstreifen, die sich an dem tobenden Brausen des wilden Stromes erfreuen wollen.

Es war hier gerade wie an dem ersten Platz; keine der Gänse schenkte der Tatsache, daß sie an einen weltberühmten Platz gekommen waren, auch nur einen Gedanken. Später dachten sie freilich, es sei unheimlich und gefährlich, auf solchen glatten, nassen Steinen mitten in einem Stromwirbel zu schlafen, der vielleicht aufwallen und sie mit fortreißen würde. Aber sie mußten zufrieden sein, wenn sie nur vor Raubtieren sicher waren.

Nach einer Weile kam Smirre am Flußufer dahergerannt. Er erblickte die Gänse, die da draußen in den schäumenden Stromschnellen standen, und sah sogleich, daß er auch hier nicht zu ihnen gelangen konnte. Er fühlte sich sehr gedemütigt, ja, es war ihm, als stehe sein ganzes Ansehen als Jäger auf dem Spiel.

Während er darüber nachdachte, sah er einen Fischotter mit einem Fisch im Maul aus dem Wirbel heraussteigen. Smirre ging auf ihn zu, blieb aber mit zwei Schritt Entfernung vor ihm stehen, um zu zeigen, daß er ihm seine Jagdbeute nicht nehmen wolle. „Du bist ein merkwürdiger Kerl, daß du dich mit Fischen begnügst, wenn doch die Steine dort draußen voller Gänse stehen,“ sagte Smirre. Er war so erregt, daß er sich nicht Zeit nahm, seine Worte so wohl zu setzen, wie es sonst seine Gewohnheit war.

Der Fischotter wendete nicht einmal den Kopf nach dem Strom. „Dies ist nicht das erstemal, daß wir uns begegnen, Smirre,“ sagte er. Er war ein Landstreicher, wie alle Fischotter, und hatte oft am Vombsee gefischt, wo er auch mit Smirre zusammengetroffen war. „Ich weiß wohl, wie du es anfängst, dir eine Lachsforelle zu ergattern.“

„Ach, bist du es, Greifan?“ sagte Smirre erfreut, weil er wußte, daß dieser Fischotter ein kühner und gewandter Schwimmer war. „Da wundert es mich nicht, daß du die Wildgänse gar nicht ansehen magst, denn du bist ja nicht imstande, zu ihnen hinzukommen.“

Aber der Otter, der Schwimmhäute zwischen den Zehen, einen steifen Schwanz, der so gut wie ein Ruder ist, und einen Pelz hat, durch den das Wasser nicht dringen kann, wollte sich nicht nachsagen lassen, daß es einen Wasserwirbel gebe, den er nicht bewältigen könne. Er wendete sich dem Strome zu, und sobald er die Wildgänse erblickte, stürzte er sich über das steile Ufer in den Fluß hinein.

Wäre der Frühling etwas weiter vorgeschritten und die Nachtigallen schon im Park von Tiefental eingetroffen gewesen, dann hätten diese sicher in vielen Nächten Greifans Kampf mit den Wasserwirbeln besungen.

Denn der Otter wurde oft von den Wogen zurückgeworfen und in die Tiefe hinuntergerissen, aber er arbeitete sich immer wieder herauf und weiter nach den großen Steinen hin. Er schwamm in das stille Wasser hinter die Steine und kam so allmählich den Gänsen immer näher. Es war ein gefährliches Werk, das wohl wert gewesen wäre, von den Nachtigallen besungen zu werden.

Smirre folgte dem Otter mit den Blicken, so gut er konnte. Er sah, daß dieser beständig näher an die Gänse herankam, und glaubte überdies zu sehen, daß er schon im Begriff war, zu ihnen hinaufzuklettern. Aber jetzt schrie der Otter plötzlich wild und gellend auf. Smirre sah, wie er rückwärts ins Wasser fiel und mitgerissen wurde wie ein blindes junges Kätzchen. Gleich darauf schlugen die Gänse hart mit den Flügeln; sie erhoben sich alle und flogen davon, sich wieder einen andern Ruheplatz zu suchen.

Bald nachher kletterte der Otter ans Ufer. Er sagte kein Wort, sondern begann nur, seine eine Vorderpfote zu lecken. Aber als Smirre ihn verspottete, weil es ihm mißglückt sei, brach er los.

„An meiner Schwimmkunst fehlte es nicht, Smirre. Ich war bis zu den Gänsen gekommen und wollte eben zu ihnen hinaufklettern, als ein kleiner Knirps auf mich lossprang und mich mit einem scharfen Eisen in den Fuß stach. Das tat mir so weh, daß ich das Gleichgewicht verlor, und dann ergriff mich der Wirbel.“

Er brauchte nicht weiter zu erzählen. Smirre war schon weg und auf dem Weg zu den Gänsen.

Noch einmal mußte Akka mit den Gänsen nächtlicherweile die Flucht ergreifen. Zum Glück war der Mond noch am Himmel, und bei dessen Schein gelang es ihr, eine von den andern Schlafstellen zu finden, die sie in dieser Gegend kannte. Sie flog wieder südwärts, den glänzenden Fluß entlang. Über dem Herrenhof von Tiefental und über Ronnebys dunklem Dach und weißem Wasserfall flog sie hin, ohne sich niederzulassen. Aber eine Strecke südlicher von der Stadt, nicht weit vom Meere, liegt die Ronnebyer Heilquelle mit ihrem Bade- und Quellenhaus, mit großen Gasthöfen und Sommerwohnungen für die Badegäste. Alles dies steht den ganzen Winter hindurch öde und leer, was alle Vögel zur Genüge wissen, und viele Vogelscharen suchen bei harten, stürmischen Zeiten auf den Altanen und Veranden der großen Gebäude Schutz.

Hier ließen sich die Wildgänse auf einem Balkon nieder, und ihrer Gewohnheit gemäß schliefen sie sogleich ein. Der Junge dagegen konnte nicht schlafen, weil er jetzt bei Nacht nicht mehr ohne weitres unter den Flügel des Gänserichs zu kriechen wagte. Wenn er da zwischen Federn und Flaum gebettet lag, konnte er gar nichts sehen und nur schlecht hören. Dann konnte er nicht über die Sicherheit des weißen Gänserichs wachen, und das war ja das einzige, was ihm wichtig war. Und wie gut war es gewesen, daß er in dieser Nacht nicht geschlafen hatte, sonst hätte er nicht den Marder und den Otter verjagen können. Nein, es mochte mit dem Schlaf gehen wie es wollte, er durfte jetzt nicht mehr an sich selbst, er mußte in erster Linie an den Gänserich denken.

Der Junge saß auf einem Balkon, der nach Süden ging, so daß er die Aussicht auf das Meer hatte. Und da er nun doch nicht schlafen konnte und das Meer mit seinen Landzungen und Buchten vor sich hatte, mußte er unwillkürlich denken, wie schön das sei, wenn Meer und Land so zusammenstießen wie hier in Blekinge.

Nach all dem, was er gesehen hatte, konnten Meer und Land auf die verschiedenste Weise zusammentreffen. An vielen Orten kam das Land zum Meer hinunter mit flachen hügeligen Wiesen, und das Meer kam ihm mit Flugsand entgegen, den es in Haufen und Wällen niederlegte. Es war, als könnten sich die beiden so wenig leiden, daß sie einander nur das Schlechteste, was sie besaßen, zeigen wollten; aber es kam auch vor, daß das Land, wenn das Meer zu ihm hinkam, eine Gebirgsmauer vor sich aufrichtete, als sei das Meer etwas Gefährliches, und wenn das Land dies tat, fuhr das Meer mit wilder Brandung darauf los, peitschte und schnaubte und schlug gegen die Klippen und sah aus, als wolle es das Hügelland zerreißen.

Hier in Blekinge aber ging es anders zu, wenn Meer und Land zusammenkamen. Hier zersplitterte das Land sich in Landzungen und Inseln und Holme, und das Meer verteilte sich in Fjorde und Buchten und Sunde, und daher kam es vielleicht, daß es aussah, als wollten die beiden einträchtig und friedlich zusammenkommen.

Jetzt dachte der Junge vor allem an das Meer. Es lag so einsam und verlassen und unendlich da und wälzte nur immerfort seine grauen Wogen. Wenn es sich dem Land näherte und auf das erste Eiland traf, überflutete es dieses, riß alles Grüne ab und machte es ebenso kahl und grau wie es selbst ist. Dann traf es wohl nochmals auf ein Eiland, und mit diesem ging es ebenso. Und abermals traf es auf ein Eiland, ja, und da ging es genau wie bei den vorigen. Auch dieses wurde entkleidet und geplündert, als ob es in Räuberhände gefallen wäre. Aber dann wurden die Schären immer dichter, und das Meer sah wohl ein, daß das Land ihm seine kleinen Kinder entgegenschickte, es zur Milde zu bewegen. Es wurde auch immer freundlicher, je weiter es hereinkam, es rollte seine Wogen weniger hoch, dämpfte seine Stürme, ließ das Grüne in den Spalten und Rinnen stehen und verteilte sich in kleine Sunde und Buchten, und am Land drinnen war es schließlich so ungefährlich, daß sich kleine Boote auf die sanfte Flut hinauswagten. Es kannte sich gewiß selbst nicht mehr, so hold und freundlich war es geworden.

Alsdann dachte der Junge an das Festland. Ernst lag es da und war fast überall gleich. Es bestand aus flachen Ackerfeldern, zwischen denen hier und da ein von Birken eingefriedigter Weideplatz lag, oder auch aus langgestreckten, bewaldeten Bergrücken; es lag da, als dächte es nur an Hafer und Rüben und Kartoffeln, an Tannen und Fichten. Dann kam eine Meeresbucht, die tief ins Land einschnitt. Daraus machte sich das Land aber nichts, sondern umrandete sie mit Birken und Erlen, ganz als sei sie ein freundlicher Süßwassersee. Dann schob sich noch eine Bucht hinein. Aber auch daraus machte sich das Land nichts, sie bekam dieselbe Bekleidung wie die vorige. Doch die Meerbusen begannen sich auszuweiten und sich zu teilen; sie zersplitterten die Felder und Wälder, und da konnte das Land nicht mehr anders, es mußte Notiz davon nehmen.

„Ich glaube wahrhaftig, das Meer selbst kommt daher,“ sagte das Land und fing schnell an, sich zu schmücken. Es bekränzte sich mit Blumen, nahm Wellenform an und schob sogar kleine Inseln ins Meer hinein. Es wollte nichts mehr von Fichten und Kiefern wissen, sondern warf sie ab wie alte Werktagskleider und machte Staat mit großen Eichbäumen, Linden, Kastanien und mit blühenden Auen, und wurde so schön wie der Park eines Herrenhofs. Und als es mit dem Meer zusammentraf, war es so verändert, daß es sich selbst nicht mehr kannte.

So weit war der Junge in seinen Gedanken gekommen, als ihn plötzlich ein langes, unheimliches Heulen, das vom Badehauspark herklang, aufschreckte. Und als er sich aufrichtete, sah er auf dem Rasen unter dem Balkon einen Fuchs im weißen Mondschein stehen. Denn Smirre war den Gänsen noch einmal nachgegangen. Aber als er den Platz, wo sie sich niedergelassen hatten, fand, sah er ein, daß er jetzt auf keine Weise zu ihnen gelangen konnte, und da hatte er vor lauter Wut laut hinausgeheult.

Als der Fuchs so heulte, erwachte die alte Akka, und obgleich sie fast nichts sehen konnte, glaubte sie doch die Stimme zu erkennen. „Bist du es, Smirre, der heute Nacht unterwegs ist?“ fragte sie.

„Ja,“ antwortete Smirre, „ich bins, und ich will jetzt fragen, wie euch Gänsen die Nacht gefällt, die ich euch bereitet habe?“

„Willst du damit sagen, daß du es gewesen bist, der den Marder und den Otter auf uns gehetzt hat?“ fragte Akka.

„Eine gute Tat soll man nicht leugnen,“ sagte Smirre. „Ihr habt einmal das Gänsespiel mit mir getrieben, jetzt hab ich angefangen, das Fuchsspiel mit euch zu treiben; ich hab auch nicht im Sinn, es zu beendigen, solange noch eine von euch am Leben ist, und wenn ich euch durchs ganze Land verfolgen müßte.“

„Du solltest dir aber doch überlegen, ob das recht von dir ist, Smirre, wenn du, der mit Zähnen und Krallen bewaffnet ist, uns, die verteidigungslosen, auf diese Weise verfolgst,“ sagte Akka.

Smirre glaubte jetzt, Akka habe Angst, und deshalb sagte er schnell: „Wenn du, Akka, mir den kleinen Däumling, der mir so in die Quere gekommen ist, herunterwirfst, dann will ich Frieden mit euch schließen und werde weder dir noch einer von den deinen je wieder etwas Böses tun.“

„Den Däumling kann ich dir nicht geben,“ sagte Akka. „Von der jüngsten bis zur ältesten ist keine unter uns, die nicht gern das Leben für ihn lassen würde.“

„Wenn ihr ihn so lieb habt,“ erwiderte Smirre, „dann soll er der erste sein, an dem ich meine Rache kühlen werde, das verspreche ich euch!“

Akka gab keine Antwort mehr, und nachdem Smirre noch ein paarmal aufgeheult hatte, wurde alles still. Der Junge war noch immer wach und schaute durch das Balkongeländer auf die Schären hinaus. Vorhin hatte er so angenehme und frohe Gedanken gehabt. Wie Tanz und Spiel waren sie ihm durchs Gehirn gezogen, und er wünschte, daß sie wiederkämen. Aber er konnte die Landschaft nicht mehr mit denselben Blicken betrachten wie vorher, und die schönen Gedanken wollten nicht wiederkehren. Da erkannte er, daß die schönen Gedanken scheu und empfindlich sind, und daß Haß und Unfriede sie immer verjagen.

9
Karlskrona

Samstag, 2. April

Es war Abend in Karlskrona und heller Mondschein. Jetzt herrschte warmes, schönes Wetter, am Tage aber hatte es gestürmt und geregnet, und die Menschen meinten sicher, es regne und stürme noch immer, denn kaum einer von ihnen wagte sich auf die Straße hinaus.

Während die Stadt so verlassen dalag, kam die Wildgans Akka mit ihrer Schar über Vämmön und Pantarholm auf Karlskrona zugeflogen. Sie waren spät abends noch unterwegs, sich einen sichern Schlafplatz draußen auf den Schären zu suchen. Auf dem Lande konnten sie nicht bleiben, weil der Fuchs Smirre sie immer wieder aufstöberte, wo sie sich auch niederlassen mochten.

Als nun der Junge hoch oben durch die Luft ritt und auf das Meer mit seinen Schären hinuntersah, kam ihm alles merkwürdig unheimlich und gespensterhaft vor. Der Himmel war nicht mehr blau, sondern wölbte sich über ihm wie eine Kuppel aus grünem Glas. Das Meer war milchweiß, und so weit das Auge reichte, rollte es in kleinen, weißen Wogen mit silberschimmernden Schaumkronen daher. Mitten in all diesem Weiß ragten die vielgestalteten Inseln kohlschwarz heraus. Ob sie groß oder klein waren, ob eben wie Wiesen oder mit wilden Felsstücken bedeckt, alle sahen gleich schwarz aus. Ja, sogar auch die Wohnhäuser und Kirchen und Windmühlen, die gewöhnlich weiß oder rot sind, zeichneten sich schwarz von dem grünen Himmel ab. Der Junge hatte beinahe das Gefühl, als sei die Erde unter ihm vertauscht worden, so daß er in eine ganz andre Welt gekommen sei.

Er dachte eben, in dieser Nacht wolle er recht tapfer sein und sich nicht fürchten, als er etwas erblickte, was ihm einen großen Schrecken einjagte. Das war eine bergige Insel, die mit großen, scharfen Felsblöcken bedeckt war, und zwischen diesen schwarzen Blöcken glänzten funkelnde Stellen von schimmerndem Golde. Er mußte unwillkürlich an den Maglestein von dem Zauberer Ljungby denken, den der Zauberer zuweilen auf hohe goldne Säulen stellt, und er hätte gerne gewußt, ob dies etwas Ähnliches sei.

Aber die Steine da mit dem Gold wären schließlich noch angegangen, wenn es nicht rings um die Insel von lauter großen Meeresungetümen gewimmelt hätte. Sie sahen wie Wal- und Haifische und andre große Meeresungeheuer aus, aber der Junge war dafür, daß es Meergeister seien, die sich hier versammelt hatten und hinaufklettern wollten, um mit den dort wohnenden Landgeistern zu kämpfen. Und die auf dem Lande fürchteten sich sicher, denn der Junge sah einen großen Riesen ganz oben auf dem Gipfel der Insel stehen, der die Arme in die Höhe reckte wie in Verzweiflung über all das Unglück, das ihm und seiner Insel widerfahren sollte.

Der Junge erschrak nicht wenig, als er merkte, daß Akka sich gerade auf diese Insel niedersinken ließ. „Ach nein, ach nein!“ rief er. „Wir werden uns doch da nicht niederlassen sollen?“

Aber die Gänse sanken immer tiefer, und jetzt war der Junge aufs höchste überrascht, daß er so verkehrt hatte sehen können. Die großen Steinblöcke waren nichts andres als Häuser. Die ganze Insel war eine Stadt; die glänzenden, goldnen Punkte waren Laternen und erleuchtete Fensterreihen. Der Riese, der ganz oben auf der Insel stand, war eine Kirche mit zwei Türmen, und alle die Meeresungeheuer und Zauberer, die er zu sehen geglaubt hatte waren Boote und große Schiffe, die rings um die Insel herum verankert waren. Auf dieser dem Lande zugelegnen Seite der Insel lagen gepanzerte Kriegsschiffe, einige mit ungeheuer dicken, nach rückwärts geneigten Schornsteinen, dann wieder länger und schmäler gebaute, die sicherlich wie Fische durchs Wasser gleiten konnten.

Welche Stadt konnte nun das wohl sein? Ja, das konnte der Junge schon herausbringen, weil er die vielen Kriegsschiffe da unten sah. Sein ganzes Leben lang hatte er Angst vor Schiffen gehabt, obgleich er nie mit andern etwas zu tun gehabt hatte als mit den kleinen Segelbooten, die er auf dem Dorfteich hatte schwimmen lassen. Er wußte wohl, daß diese Stadt, die mit so vielen Kriegsschiffen dort lag, nur Karlskrona sein konnte.

Der Großvater des Jungen war früher Matrose auf einem Kriegsschiff gewesen, und so lange er lebte, hatte er jeden Tag von Karlskrona erzählt, von der großen Werft und allem andern, was es da gab. Hier fühlte sich der Junge ganz wie zu Hause, und er freute sich, daß er jetzt das alles sehen durfte, von dem er so viel hatte erzählen hören.

Nur im Fluge sah er den Turm und die Festungswerke, die den Hafeneingang abschließen, sowie die vielen Gebäude draußen auf der Werft, denn jetzt ließ sich Akka auf einem von den flachgedeckten Kirchtürmen nieder.

Das war allerdings ein sichrer Platz für solche, die einem Fuchse entwischen wollten, und der Junge fragte sich, ob er es nicht wagen könnte, in dieser Nacht wieder unter die Flügel des Gänserichs zu kriechen. Ja, das konnte er bestimmt, und es würde ihm sicher gut tun, wenn er wieder einmal ein bißchen schlafen dürfte. Am nächsten Morgen wollte er dann versuchen, etwas mehr von der Werft und den Schiffen zu sehen.

Dem Jungen kam es selbst sonderbar vor, daß er sich nicht ruhig verhalten und still warten konnte, bis er etwas von den Schiffen zu sehen bekäme. Er hatte sicher noch keine fünf Minuten geschlafen, als er unter dem Flügel hervorglitt und am Blitzableiter und an den Dachrinnen auf den Boden hinunterkletterte.

Bald stand er auf einem großen Marktplatz, der sich vor der Kirche ausbreitete; er war mit rundlichen, oben zugespitzten Steinen gepflastert, und das Gehen darauf war ebenso beschwerlich für ihn, wie für große Leute das Gehen auf einer Wiese voll Erdschollen. Leute, die in einer unbebauten Gegend und weit draußen auf dem Lande wohnen, fühlen sich immer ängstlich, wenn sie in eine Stadt kommen, wo die Häuser steif und aufrecht dastehen und die Straßen und Plätze offen daliegen, so daß sie jeder, der vorübergeht, betrachten kann. Und wenn große Leute so denken, kann man sich leicht vorstellen, wieviel mehr es dem Däumling so gehen mußte. Als er auf dem Markt von Karlskrona stand und die Deutsche Kirche und das Rathaus und den Dom, von dem er gerade heruntergekommen war, sah, wünschte er sich unwillkürlich zu den Gänsen droben auf dem Kirchturm zurück. Zum Glück war der Marktplatz ganz leer. Kein Mensch war zu sehen, wenn man nicht etwa ein Standbild, das auf einem hohen Sockel stand, für einen solchen rechnen wollte. Der Junge betrachtete das Standbild lange und hätte gerne gewußt, wer dieser große Mann in Dreispitz, langem Rock, Kniehosen und groben Schuhen sei. Er hielt einen langen Stock in der Hand und sah aus, als mache er auch Gebrauch davon, denn er hatte ein furchtbar strenges Gesicht mit einer großen Habichtsnase und einem häßlichen Mund.

„Was hat denn dieser Lippenfritze hier zu tun?“ sagte der Junge schließlich.

Noch nie hatte er sich so klein und ärmlich gefühlt wie an diesem Abend. Er versuchte sich aufzuraffen, indem er etwas Keckes sagte. Dann dachte er nicht mehr an das Standbild, sondern bog in eine breite Straße ein, die zum Meer hinunterführte. Aber er war noch nicht lange gegangen, als er hörte, daß jemand hinter ihm herkam. Vom Markt her kam jemand, der mit schweren Füßen auf das Pflaster stampfte und seinen Stock auf den Boden aufstieß. Es klang fast, als hätte der große Mann aus Bronze, der drüben auf dem Markte stand, sich auf den Weg gemacht.

Der Junge horchte auf die Schritte, während er die Straße hinunterlief, und immer deutlicher erkannte er, daß es der Mann aus Bronze sein mußte. Die Erde bebte und die Häuser zitterten, sicherlich konnte niemand anders so gehen; und der Junge erschrak, als ihm einfiel, was er vorhin über ihn gesagt hatte. Er wagte nicht einmal den Kopf zu drehen, um nachzusehen, ob er es wirklich sei.

„Er geht vielleicht nur zu seinem eignen Vergnügen spazieren,“ dachte der Junge weiter. „Wegen der paar Worte, die ich über ihn gesagt habe, kann er doch unmöglich böse auf mich sein. Es war ja gar nicht schlimm gemeint.“

Anstatt nun geradeaus zu gehen, um womöglich an die Werft zu gelangen, bog der Junge in eine nach Osten führende Straße ein. Er wollte dem, der hinter ihm herkam, um jeden Preis ausweichen.

Aber gleich darauf hörte er den Bronzenen auch in diese Straße einbiegen. Da erschrak der Junge so sehr, daß er einfach nicht wußte, was er tun sollte. Und wie schwer ist es, einen Schlupfwinkel zu finden in einer Stadt, wo alle Türen fest verschlossen sind! Da sah er zu seiner Rechten eine alte aus Holz gebaute Kirche, die etwas abseits von der Straße in einer großen Anlage stand. Er bedachte sich nicht einen Augenblick, sondern stürzte auf die Kirche zu. „Wenn ich nur hineinkomme, werde ich wohl vor allem Übel beschützt sein!“ meinte er.

Während er dahinstürmte, sah er plötzlich einen Mann auf einem Sandweg stehen, der ihm winkte. „Das ist gewiß jemand, der mir helfen will,“ dachte der Junge; es wurde ihm ganz leicht ums Herz, und er eilte auf den Mann zu. Er hatte wirklich Herzklopfen vor lauter Angst.

Aber als er bei dem Mann angekommen war, der am Rande des Weges auf einem kleinen Schemel stand, stutzte er sehr. „Der kann mir doch nicht gewinkt haben,“ dachte er; denn jetzt sah er, daß der ganze Mann aus Holz war.

Er blieb vor dem Mann stehen und betrachtete ihn. Es war ein grobgeschnittener Kerl mit kurzen Beinen, breitem rotem Gesicht, glänzendem schwarzem Haar und einem schwarzen Vollbart. Er hatte einen schwarzen hölzernen Hut auf dem Kopf, auf dem Leib einen braunen hölzernen Rock, um die Mitte eine schwarze hölzerne Schärpe, an den Beinen weite, graue hölzerne Hosen und Strümpfe und an den Füßen schwarze Holzschuhe. Er war überdies frisch gestrichen und gefirnist, so daß er im Mondschein glänzte und gleiste; und der Frühling tat auch noch das Seinige dazu und gab ihm ein so gutmütiges Aussehen, daß der Junge sogleich Vertrauen zu ihm faßte.

Neben dem Mann auf dem Wege stand eine Holztafel, und auf dieser las der Junge:

„Ich bitt euch ganz demütiglich,
Kann sprechen zwar nicht gut,
Kommt, gebt ein Scherflein her für mich
Und legts in meinen Hut!“

Ach freilich, der Mann war eine Armenbüchse! Der Junge war ganz verdutzt. Er hatte geglaubt, etwas ganz besonders Merkwürdiges vor sich zu haben. Und jetzt erinnerte er sich auch, daß der Großvater von diesem hölzernen Manne gesprochen und gesagt hatte, alle Kinder von Karlskrona hätten ihn sehr gern. Und das mußte wohl wahr sein, denn auch dem Jungen fiel es schwer, sich von dem hölzernen Mann zu trennen. Er hatte etwas so Altmodisches, man konnte ihn für viele hundert Jahre alt halten, und zugleich sah er doch stark und stolz und lebenslustig aus, gerade wie die Leute in alten Zeiten gewesen sein mußten.

Es machte dem Jungen so viel Vergnügen, den hölzernen Mann anzusehen, daß er den andern, vor dem er geflohen war, ganz vergaß. Aber jetzt hörte er ihn wieder. O weh! auch er verließ die Straße und kam in den Kirchhof herein. Er ging ihm auch hierher nach! Wohin sollte der Junge nun flüchten?

Gerade in diesem Augenblick sah er, daß der Hölzerne sich verbeugte und seine breite hölzerne Hand ausstreckte. Man konnte ihm unmöglich etwas andres als Gutes zutrauen, und mit einem Satz stand ihm der Junge auf der Hand. Und der Hölzerne hob ihn zu seinem Hut empor und steckte ihn darunter.

Kaum war der Junge versteckt, kaum hatte der Hölzerne den Arm wieder an seinen richtigen Platz getan, als der Bronzene auch schon vor ihm stand und mit seinem Stock so gewaltig auf den Boden stieß, daß der Hölzerne auf seinem Schemel erzitterte. Hierauf sagte der Bronzene mit lauter metallener Stimme: „Wer ist Er?“

Der Arm des Hölzernen fuhr hinauf, daß es in dem alten Holzwerk knackte, er legte die Hand an den Hutrand und antwortete: „Rosenbom, mit Verlaub, Eure Majestät, früher Oberbootsmann auf dem Linienschiff Dristigheten, nach beendigtem Kriegsdienst Kirchenwächter bei der Admiralskirche, schließlich in Holz geschnitten und als Armenbüchse auf dem Kirchhof aufgestellt.“

Däumling fuhr zusammen, als er den Hölzernen „Eure Majestät“ sagen hörte. Denn wenn er jetzt darüber nachdachte, so fiel ihm allerdings ein, daß das Standbild auf dem Markt den vorstellen mußte, der die Stadt gegründet hatte. Es war also niemand Geringeres als Karl XI. selbst, mit dem er zusammengetroffen war.

„Er versteht es, Auskunft über sich zu geben. Kann Er mir nun auch sagen, ob Er nicht einen kleinen Jungen gesehen hat, der heute Nacht in der Stadt herumstrolcht? Es ist eine naseweise Kanaille, und wenn ich ihn fasse, werde ich ihn Mores lehren.“ Damit stieß er seinen Stock noch einmal auf den Boden und sah schrecklich grimmig drein.

„Mit Verlaub, Eure Majestät, ich hab ihn gesehen,“ sagte der Hölzerne; und der Junge, der unter dem Hut zusammengekauert saß und durch eine Ritze im Holz den Bronzenen sehen konnte, begann vor Angst heftig zu zittern. Aber er beruhigte sich wieder, als der Hölzerne fortfuhr: „Eure Majestät ist auf falscher Fährte. Der Junge wollte gewiß auf die Werft, um sich dort zu verstecken.“

„Meint Er das, Rosenbom? Nun, dann bleib Er nicht länger auf seinem Schemel stehen, sondern komm Er mit mir und helf Er mir, den kleinen Kerl zu suchen. Vier Augen sehen besser als zwei, Rosenbom.“

Aber der Hölzerne antwortete mit jammervoller Stimme: „Ich möchte untertänigst bitten, dableiben zu dürfen, wo ich bin. Ich sehe gesund und glänzend aus, weil man mich eben frisch angestrichen hat, aber innerlich bin ich alt und gichtbrüchig und kann keine Motion vertragen.“

Der Bronzene gehörte sicherlich zu denen, die keinen Widerspruch vertragen können. „Was sind das für Flausen! Komm Er nur, Rosenbom!“ Und er streckte seinen langen Stock aus und versetzte dem andern einen dröhnenden Schlag auf die Schulter. „Da sieht Er, daß Er hält, Rosenbom.“

Die beiden machten sich also auf den Weg und wanderten stattlich und gewaltig durch die Straßen von Karlskrona, bis sie an ein großes Tor kamen, das zur Werft führte. Davor stand ein Marinesoldat Schildwache; aber der Bronzene ging wie selbstverständlich an ihm vorbei und stieß die Tür auf, ohne daß es der Matrose zu bemerken schien.

Sobald sie durch das Tor hindurchgeschritten waren, sahen sie einen weiten, durch hölzerne Brücken abgeteilten Hafen vor sich. In den verschiedenen Hafenbecken lagen Kriegsschiffe; diese erschienen in der Nähe noch größer und schreckenerregender als vorher, wo der Junge sie von oben herab gesehen hatte. „Es war doch nicht so ganz verkehrt, wenn ich sie für Meeresungeheuer hielt,“ dachte er.

„Wo meint Er, daß wir zuerst suchen sollen, Rosenbom?“ fragte der Bronzene.

„So einer könnte sich am allerleichtesten im Modellsaal verstecken,“ antwortete der Hölzerne.

Auf einem schmalen Streifen Land, der rechts dem ganzen Hafen entlang lief, lagen altertümliche Gebäude. Der Bronzene ging auf ein Haus mit niedrigen Mauern, viereckigen Fenstern und einem ansehnlichen Dach zu. Er stieß mit seinem Stock gegen die Tür, daß sie aufsprang, und stapfte eine Treppe mit ausgetretenen Stufen hinauf. Sie kamen in einen großen Saal, der mit einer Menge bemasteter und aufgetakelter Schiffe angefüllt war. Ohne daß es ihm jemand gesagt hätte, wußte der Junge, daß er hier die Modelle zu den Schiffen sah, die für die schwedische Flotte gebaut worden waren.

Es gab viele verschiedene Arten von Schiffen. Alte Linienschiffe, deren Seiten mit Kanonen gespickt waren, die vorne und hinten mächtige Aufbauten hatten und deren Masten einen großen Wirrwarr von Segel und Tauen zeigten. Ferner kleine Küstenschiffe mit Ruderbänken an den Seiten, unbedeckte Kanonenschaluppen und reich vergoldete Fregatten; das waren die Modelle von den Schiffen, deren sich die Könige auf ihren Reisen bedient hatten. Und endlich waren da auch die schweren, breiten Panzerschiffe mit Türmen und Kanonen auf dem Verdeck, die heutigentags gebraucht werden, sowie schlanke, schwarzglänzende Torpedoboote, die wie lange schmale Fische aussahen.

Während der Junge zwischen all diesem herumgetragen wurde, wurde er ganz verdutzt. „Nein, daß so große und stolze Schiffe hier in Schweden gebaut worden sind!“ dachte er.

Er hatte gut Zeit, sich umzusehen, denn als der Bronzene die Modelle sah, vergaß er alles andre. Er betrachtete sie der Reihe nach, vom ersten bis zum letzten, und ließ sie sich erklären. Und Rosenbom, der Oberbootsmann von Dristigheten, erzählte alles, was er wußte, wer die Baumeister gewesen waren, wer sie geführt hatte, und welches Schicksal sie gehabt hatten. Von Chapmann und Puke und Trolle, von Hogland und Svensksund erzählte er, bis zum Jahre 1809, denn von da an war er nicht mehr dabei gewesen.

Ihm und dem Bronzenen gefielen die alten Holzschiffe am besten. Auf die neuen Panzerschiffe schienen sie sich nicht so recht zu verstehen.

„Ich sehe, daß Er von den neuen da nichts weiß, Rosenbom,“ sagte der Bronzene. „Wir wollen deshalb jetzt gehen und etwas andres ansehen, denn das macht mir Spaß, Rosenbom.“

Jetzt dachte er gewiß nicht mehr daran, den Jungen zu suchen, und dieser fühlte sich unter dem hölzernen Hut ganz sicher und behaglich.

Die beiden Männer gingen durch die großen Werkstätten, durch die Segelnähereien und die Ankerschmieden, durch die Maschinen- und Schreinerwerkstätten. Sie besahen die hohen Kranen und die Docks, die großen Vorratshäuser, den Artilleriehof, das Zeughaus, die lange Seilerbahn und das große verlassene Dock, das aus den Felsen herausgesprengt worden war. Sie gingen auf die Bohlenbrücken hinaus, wo die Kriegsschiffe verankert lagen, begaben sich an Bord der Schiffe und betrachteten sie wie zwei alte Seebären, fragten und verwarfen und billigten und ärgerten sich.

Der Junge saß sicher unter dem hölzernen Hut und hörte sie erzählen, wie auf diesem Platz gearbeitet und gestritten worden war, um die hier ausgerüsteten Schiffe fertigzustellen. Er hörte, wie man Leib und Leben aufs Spiel gesetzt hatte, wie das letzte Scherflein für diese Schiffe geopfert worden war, wie talentvolle Männer ihre ganze Kraft eingesetzt hatten, diese Fahrzeuge, die das Vaterland verteidigten und beschützten, zu verbessern und zu vervollkommnen. Dem Jungen traten ein paarmal unwillkürlich die Tränen in die Augen, als er von diesem allem erzählen hörte. Und er freute sich, daß er so genaue Auskunft darüber erhielt.

Ganz zuletzt kamen sie auf einen offnen Hof, wo die Galionsfiguren von alten Linienschiffen aufgestellt waren. Und etwas Merkwürdigeres hatte der Junge noch nie gesehen, denn die Figuren, die da hingen, hatten unglaublich große, schreckenerregende Gesichter. Groß, kühn und wild sahen sie aus, von demselben stolzen Geist erfüllt, der einst die großen Schiffe ausgerüstet hatte. Sie waren von einer andern Zeit und von andern Händen hervorgebracht worden. Dem Jungen war es, als schrumpfe er vor ihnen ganz zusammen.

Aber als sie hierhergelangt waren, sagte der bronzene Mann zu dem hölzernen: „Nehm Er vor denen, die hier stehen, den Hut ab, Rosenbom! Sie alle sind für das Vaterland im Kampf gewesen.“

Aber ebenso wie der Bronzene hatte auch Rosenbom vergessen, warum sie die Wanderung begonnen hatten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, lüpfte er seinen Hut und rief:

„Ich nehme meinen Hut ab vor dem, der den Hafen auserwählte, der den Grund zur Werft legte und eine neue Flotte schuf, vor dem König, der dies alles hier ins Leben gerufen hat!“

„Danke, Rosenbom, das war gut gesagt. Er ist ein prächtiger Mann, Rosenbom. Aber was hat Er denn da, Rosenbom?“

Denn Nils Holgersson stand mitten auf Rosenboms kahlem Schädel. Aber er hatte jetzt keine Angst mehr, sondern schwang seine weiße Mütze und rief: „Ein Hurra für dich, Lippenfritze!“

Er schrie so laut, daß er erwachte. Und da merkte er zu seiner großen Verwunderung, daß er alles miteinander geträumt hatte, und daß er noch immer bei den Gänsen auf dem Kirchendach war.

10
Die Reise nach Öland

Sonntag, 3. April

Am nächsten Morgen flogen die Wildgänse auf eine Schäreninsel, um dort zu weiden. Sie trafen da mit einigen Graugänsen zusammen, und diese verwunderten sich sehr, als sie die Wildgänse erblickten, denn sie wußten wohl, daß diese Verwandten von ihnen am liebsten über das Innere des Landes ihren Flug nehmen. Sie waren sehr neugierig und ließen nicht nach mit Fragen und Verwundern, bis die Wildgänse alles erzählten, was sie von dem Fuchs Smirre auszustehen gehabt hatten. Als sie fertig waren, sagte eine der Graugänse, die ebenso alt und ebenso klug wie Akka zu sein schien: „Es ist ein großes Unglück für euch, daß der Fuchs in seiner eignen Heimat für friedlos erklärt worden ist. Er wird jetzt sicher sein Wort halten und euch bis Lappland verfolgen. Wenn ich an eurer Stelle wäre, würde ich nicht nordwärts über Småland reisen, sondern den Umweg über Öland nehmen, damit er eure Spur vollständig verliert. Wenn ihr ihm ganz entgehen wollt, müßt ihr ein paar Tage auf der Südspitze der Insel verweilen. Es gibt dort Nahrung in Hülle und Fülle und auch gute Gesellschaft. Ihr werdet es gewiß nicht bereuen, wenn ihr hingeht.“

Dies war wirklich ein guter Rat, und die Wildgänse beschlossen, ihn zu befolgen. Sobald sie sich gut gesättigt hatten, traten sie die Reise nach Öland an. Keine von ihnen war zwar jemals dagewesen, aber die Graugänse erklärten ihnen den Weg. Sie sagten ihnen, sie sollten nur immer südwärts fliegen, bis sie einen großen Vogelzug erreichten, der an der Küste von Blekinge hinfliege. Alle Vögel, die an der Nordsee überwintert und ihren Sommeraufenthalt in Rußland und Finnland hätten, nähmen diesen Weg, und alle suchten Öland auf, um dort auszuruhen. Es werde den Wildgänsen gewiß nicht schwer werden, die Wegrichtung zu erfahren.

An diesem Tage war es ganz windstill und so warm wie an einem Sommertage, also zu einer Seereise das beste Wetter, das es geben konnte. Das einzige Bedenkliche war, daß die Luft nicht ganz klar, sondern der Himmel grau und bedeckt war. Da und dort standen große Wolkenwände, die bis auf den Meeresspiegel heruntergingen und die Aussicht verdeckten. Als die Reisenden aus den Schären herauskamen, breitete sich das Meer so spiegelglatt vor ihnen aus, daß der Junge, als er zufällig hinabsah, meinte, das Wasser sei verschwunden. Es war kein Grund mehr unter ihm, ringsum waren nur Wolken und Himmel. Er wurde ganz verwirrt und klammerte sich ängstlich an den Gänserich an, wie damals, wo er zum erstenmal auf ihm saß. Er hatte das Gefühl, als könne er sich unmöglich da oben halten, sondern müsse auf einer Seite hinunterfallen.

Es wurde auch immer schlimmer, als die Gänse den großen Vogelweg erreichten, von dem die Graugans gesprochen hatte. Eine Schar Vögel um die andre kam dahergeflogen, und alle hielten in derselben Richtung. Sie folgten gleichsam einem vorgezeichneten Weg. Es waren Enten und Graugänse, Mantelmöwen und Lummen, Seetaucher und Eisenten, Säger und Taucher, Strandelstern und Seebirkhühner. Als sich der Junge jetzt vorbeugte und dahin sah, wo das Meer sein sollte, erblickte er den ganzen Vogelzug im Wasser widergespiegelt. Aber wie merkwürdig, er war so verwirrt, daß er gar nicht wußte, was er sah, sondern meinte, alle diese Vögel flögen mit abwärts gekehrtem Rücken daher. Er verwunderte sich auch nicht einmal besonders darüber, denn er wußte selbst nicht mehr, was unten und was oben war. Die Vögel waren ermattet und sehnten sich danach, die Insel möglichst schnell zu erreichen. Keiner schrie oder sagte ein lustiges Wort, und deshalb kam dem Jungen alles so sonderbar unwirklich vor.

„Wie, wenn wir die Erde verlassen hätten?“ fragte er sich. „Wie, wenn wir geradeswegs in den Himmel hineinflögen?“

Ringsumher sah er nichts als Wolken und Vögel, und allmählich kam es ihm ganz wahrscheinlich vor, daß sie in den Himmel flögen. Da wurde er sehr vergnügt und fragte sich, was er wohl da droben sehen würde. Auf einmal fühlte er sich ganz frei von Schwindel, und der Gedanke, daß er in den Himmel fliege und die Erde verlasse, machte ihn überglücklich.

Aber da hörte er auf einmal einen lauten Schuß knallen und sah ein paar kleine Rauchwölkchen aufsteigen.

In demselben Augenblick entstand eine große Unruhe unter den Vögeln. „Schützen! Schützen! Schützen in Booten!“ riefen sie. „Fliegt hoch hinauf! Fliegt außer Schußweite!“

Da sah der Junge auf einmal, daß sie noch immer über dem Meere hinflogen und durchaus nicht im Himmel waren. In einer langen Reihe lagen Boote unten auf dem Wasser, und aus ihnen sandten die Jäger Schuß auf Schuß zu ihnen herauf. Die vordersten Vogelscharen hatten die Jäger nicht beizeiten bemerkt und waren zu niedrig geflogen. Mehrere dunkle Körper fielen aufs Meer hinab, und bei jedem Körper, der hinabstürzte, stießen die Überlebenden laute Jammerrufe aus.

Für den, der sich eben noch im Himmel glaubte, war das Erwachen zu so viel Schrecken und Jammer höchst merkwürdig. Akka flog, so schnell sie konnte, hoch in die Luft hinauf, und dann zog die Schar mit der größten Eile weiter. Die Wildgänse kamen auch wirklich unbeschädigt davon, aber der Junge konnte sich von seiner Verwunderung gar nicht erholen. Wie war es nur möglich, daß jemand auf solche Vögel schoß, wie Akka, Yksi und Kaksi und den Gänserich und alle die andern! Die Menschen hatten doch wirklich gar keinen Begriff von dem, was sie taten!

Nun ging es weiter durch die ruhige Luft, und wieder war es still ringsum wie vorher, nur einige ermattete Vögel riefen ab und zu: „Sind wir noch nicht bald da? Seid ihr sicher, daß wir auf dem rechten Wege sind?“

Und darauf antworteten die an der Spitze: „Wir fliegen gerade auf Öland zu! Wir fliegen gerade auf Öland zu!“

Die Wildenten waren müde, und die Seetaucher flogen an ihnen vorbei. „Habt es doch nicht so eilig!“ riefen ihnen die Enten zu. „Ihr fresset uns ja alles weg!“

„O es reicht gut für euch und uns!“ erwiderten die Seetaucher.

Doch ehe sie so weit gekommen waren, daß sie die Insel sehen konnten, wehte ihnen ein leichter Wind entgegen, der etwas mit sich führte, das wie große weiße Rauchwolken aussah, die wohl von irgend einer Feuersbrunst aufstiegen.

Als die Vögel die ersten Rauchwirbel daherwogen sahen, wurden sie ängstlich und verstärkten ihre Eile. Aber das, was wie Rauch ausgesehen hatte, wallte immer dichter heran, und schließlich hüllte es sie vollkommen ein. Kein Geruch machte sich bemerkbar; der Rauch war auch nicht schwarz und trocken, sondern ganz weiß und feucht, und der Junge erkannte bald, daß es nur Nebel war.

Als der Nebel so dicht wurde, daß man keine Spanne mehr vor sich sehen konnte, begannen die Vögel, sich ganz wie verrückt zu gebärden. Alle, die vorher in so guter Ordnung geflogen waren, fingen jetzt an, einander im Nebel zu necken und zu uzen. Sie flogen kreuz und quer, um einander irrezuführen.

„Nehmt euch in acht!“ riefen sie. „Ihr fliegt ja nur im Kreis herum! Auf diese Weise kommt ihr nie nach Öland!“

Alle wußten recht gut, wo die Insel lag, aber sie taten ihr möglichstes, die andern zu verwirren. „Seht doch die Eisenten!“ erscholl es aus dem Nebel heraus. „Sie fliegen in die Nordsee zurück!“

„Nehmt euch in acht, ihr Graugänse!“ schrie einer von einer andern Seite her. „Wenn ihr so weiter fliegt, kommt ihr nach Rügen hinunter!“

Es war, wie gesagt, keine Gefahr vorhanden, daß die fremden Vögel sich nach einer falschen Seite verlocken lassen würden. Wem es aber schwer gemacht wurde, das waren die Wildgänse. Die Schelme merkten bald, daß diese ihres Weges nicht so recht sicher waren, und taten alles, was sie konnten, sie irrezuführen.

„Wo wollt ihr hin, ihr guten Leute?“ rief ein Schwan. Und mit recht teilnehmendem, ernstem Ausdruck flog er gerade auf Akka zu.

„Wir wollen nach Öland, aber wir sind noch nie dagewesen,“ antwortete Akka. Sie glaubte, dies sei ein Vogel, auf den man sich verlassen könne.

„Das ist doch zu schlimm,“ sagte der Schwan. „Man hat euch auf einen falschen Weg gelockt. Ihr seid ja auf dem Wege nach Blekinge. Kommt nur mit mir, ich will euch recht führen.“

Darauf flog er mit ihnen davon, und nachdem er sie von der Vogelstraße so weit weggelockt hatte, daß sie keinen Ruf mehr hörten, verschwand er im Nebel.

Nun flogen die Wildgänse eine Weile ganz aufs Geratewohl weiter. Aber kaum hatten sie die andern Vögel wiedergefunden, als sich auch schon eine Ente an sie heranmachte. „Das beste wäre, ihr legtet euch aufs Wasser, bis der Nebel sich verzogen hat,“ sagte die Ente. „Man merkt wohl, daß ihr nicht sehr reisegewandt seid.“

Beinahe wäre es den Schelmen gelungen, Akka verwirrt zu machen. Soweit der Junge es verstehen konnte, flogen sie eine gute Weile im Kreis herum.

„Nehmt euch in acht! Seht ihr nicht, daß ihr auf und ab fliegt?“ rief ein Seetaucher im Vorbeischießen. Unwillkürlich umklammerte der Junge den Hals des Gänserichs, denn das hatte er auch schon lange gefürchtet.

Wer weiß, wann sie hingekommen wären, wenn sich jetzt nicht in der Ferne das dumpfe Rollen eines Kanonenschusses hätte hören lassen.

Da streckte Akka den Hals vor, schlug hart mit den Flügeln und flog mit voller Sicherheit weiter. Jetzt hatte sie etwas, wonach sie sich richten konnte. Die Graugans hatte ihr ja noch besonders geraten, daß sie sich nicht ganz außen auf der Südspitze niederlassen solle, weil dort eine Kanone stünde, mit der die Menschen auf den Nebel schössen. Jetzt wußte sie die Richtung, und jetzt konnte sie niemand mehr irremachen.

11
Die Südspitze von Öland

Sonntag, 3. bis Mittwoch, 6. April

Auf dem südlichsten Teil von Öland liegt ein altes Krongut, das Ottenby heißt. Es ist ein sehr großes Gut, das sich von einem Ufer zum andern quer über die Insel erstreckt, und das Merkwürdige an ihm ist, daß es von jeher ein Aufenthaltsort für große Tierscharen war. Im siebzehnten Jahrhundert, wo die Könige nach Öland fuhren, dort der Jagd zu pflegen, war das Besitztum ein einziger großer Wildpark. Im achtzehnten Jahrhundert war ein Gestüt dort, wo edle Rassepferde gezüchtet wurden, und außerdem noch eine Schäferei mit vielen hundert Schafen. In unsern Tagen gibt es da weder Vollblutpferde noch Schafherden. Statt ihrer sind große Scharen junger Pferde da, die für unsere Kavallerieregimenter bestimmt sind.

In dem ganzen Lande gibt es gewiß keinen Hof, der einen bessern Aufenthaltsort für Tiere aller Art böte. Die östliche Küste entlang liegt die alte Schäferwiese, die, eine Viertelmeile lang, die größte Wiese Schwedens ist, und dort können die Tiere ebenso frei weiden und spielen und sich tummeln wie in der Wildnis. Und da ist auch der berühmte Hain von Ottenby mit den hundertjährigen Eichen, die Schatten gegen die Sonne spenden und Schutz vor dem strengen Ölandswind gewähren. Und dann darf man die lange Mauer von Ottenby nicht vergessen; diese läuft quer über das Eiland hin und schließt Ottenby von der übrigen Insel ab. Diese Mauer zeigt den Tieren, bis wohin sich das alte Krongut erstreckt, und hält sie davon ab, auf fremdes Gebiet zu gehen, wo sie nicht das Recht haben, sich aufzuhalten.

Aber daß es viele zahme Tiere auf Ottenby gibt, ist noch lange nicht alles; man sollte beinahe glauben, die wilden Tiere hätten auch das Gefühl, daß auf einem alten Krongut sowohl wilde als zahme auf Schutz und Schirm rechnen dürfen, weil sie sich in so großen Scharen dahin wagen. Nicht allein Hirsche von dem alten Stamme, sowie Hasen und Brandenten und Rebhühner halten sich mit Vorliebe dort auf, sondern dieses Gut ist im Frühling und Spätsommer auch der Ruheplatz für Tausende von Zugvögeln; und auf dem sumpfigen östlichen Strand unterhalb der Schäferwiese lassen sie sich in erster Linie nieder, um da zu weiden und auszuruhen.

Als die Wildgänse und Nils Holgersson Öland schließlich erreicht hatten, ließen sie sich wie alle andern auf dem Strande unterhalb der Schäferei nieder. Der Nebel lag ebenso dicht über der Insel wie vorher über dem Meere. Aber der Junge war doch erstaunt über die vielen Vögel, die er auf dem kleinen Stückchen des Strandes, das er überschauen konnte, sah.

Es war ein langer, sandiger Strand mit Steinen und Wasserpfützen und einer großen Menge angeschwemmten Tangs. Wenn der Junge die Wahl gehabt hätte, würde er wohl nie daran gedacht haben, sich da niederzulassen; aber die Vögel hielten diesen Ort gewiß für ein wahres Paradies. Enten und Graugänse weideten auf der Wiese, am Ufer hüpften Strandläufer und andre Strandvögel umher. Die Seetaucher lagen im Wasser und fischten, aber am meisten Leben und Bewegung war doch auf den langen Tangbänken vor dem Ufer draußen. Da standen die Vögel nebeneinander und suchten Larven, von denen es eine grenzenlose Menge geben mußte, denn man hörte niemals, daß sich irgend eine Klage über Mangel an Futter erhoben hätte.

Die meisten von den Vögeln wollten weiterreisen und hatten sich nur zum Ausruhen hier niedergelassen. Sobald der Anführer einer Schar meinte, seine Reisegenossen hätten sich jetzt genug gestärkt und gelabt, sagte er: „Seid ihr jetzt fertig? Dann begeben wir uns wohl weiter?“

„Nein, warte noch, warte noch! Wir sind noch lange nicht satt!“ riefen die Mitreisenden.

„Ihr meint wohl, ihr dürftet euch so vollfressen, daß ihr euch nicht mehr bewegen könnt?“ erwiderte der Anführer. Dann schlug er mit den Flügeln und flog davon. Aber mehr als einmal mußte er wieder umkehren, weil die andern nicht zum Weiterfliegen zu bewegen waren.

Unterhalb der äußersten Tangbank lag eine Schar Schwäne. Sie hatten keine Lust, an Land zu gehen, sondern ruhten sich, auf dem Wasser liegend und sich leise hin und her wiegend, aus. Ab und zu tauchten sie mit dem Hals unter und holten sich Speise aus dem Meeresgrund. Wenn sie etwas besonders Gutes ergattert hatten, stießen sie einen lauten Schrei aus, der wie ein Trompetenstoß klang.

Als der Junge hörte, daß Schwäne dort unten lagen, lief er schnell auf die Tangbänke hinaus. Er hatte noch nie wilde Schwäne in der Nähe gesehen. Und er hatte Glück, denn er gelangte ganz nahe zu ihnen hin.

Der Junge war jedoch nicht der einzige, der die Schwäne gehört hatte; sowohl die Wildgänse als auch die Graugänse und die Enten und die Seetaucher schwammen zwischen die Tangbänke hinein, legten sich wie ein Ring um die Schar der Schwäne herum und schauten sie unverwandt an. Die Schwäne bliesen die Federn auf, breiteten die Flügel wie Segel aus und hoben die Hälse hoch in die Höhe. Bisweilen schwamm einer von ihnen zu einer Gans oder einem großen Seetaucher oder einer Tauchente hin und sagte ein paar Worte. Und dann war es, als ob der Angesprochene kaum den Schnabel zu einer Entgegnung zu öffnen wagte.

Doch da war auch ein kleiner Seetaucher, ein kleiner schwarzer Schlingel, dem war diese ganze Feierlichkeit unerträglich. Hurtig tauchte er unter und verschwand unter dem Wasser. Gleich darauf stieß einer der Schwäne einen lauten Schrei aus und schwamm so schnell davon, daß das Wasser hinter ihm schäumte. Dann hielt er an und versuchte, wieder majestätisch auszusehen. Aber gleich darauf schrie ein andrer wie der erste, und im nächsten Augenblick auch ein dritter.

Nun aber konnte es der kleine Seetaucher nicht länger unter dem Wasser aushalten, und er erschien wieder an der Oberfläche, klein und schwarz und boshaft. Die Schwäne stürzten auf ihn zu; aber als sie sahen, was für ein kleiner Wicht er war, machten sie rasch kehrt, als ob sie sich für zu gut hielten, mit ihm anzubinden. Der kleine Seetaucher tauchte jedoch von neuem unter und zwickte die Schwäne abermals in die Füße. Das tat ihnen sicher weh, und das schlimmste war, daß sie ihre Würde nicht aufrecht erhalten konnten. Da machten sie der Sache rasch ein Ende. Sie schlugen mit den Flügeln, daß es donnerte, jagten ein großes Stück gleichsam auf dem Wasser springend weiter, bekamen schließlich Luft unter die Schwingen und flogen davon.

Als sie fort waren, fehlten sie den andern Vögeln sehr, und die, denen das Vorgehen des kleinen Seetauchers vorher Spaß gemacht hatte, schalten ihn jetzt wegen seiner Unverschämtheit aus.

Der Junge ging wieder dem Lande zu. Hier angekommen hielt er bei den Strandläufern an und schaute ihrem Spiel zu. Sie standen in einer langen Reihe am Strand und sahen wie winzige Kraniche aus; wie diese hatten sie auch kleine Körper, hohe Beine, lange Hälse und leichte, schwebende Bewegungen, aber sie waren nicht grau, sondern braun. Da standen sie in einer langen Reihe an dem von den Wellen bespülten Uferrand. Sobald eine Woge daherrauschte, sprang die ganze Reihe rückwärts, wenn die Welle aber wieder zurückwich, liefen sie ihr nach. Und so ging es stundenlang fort.

Die schönsten von allen Vögeln waren die Brandenten. Sie waren wohl mit den gewöhnlichen Enten verwandt, denn wie diese hatten sie auch einen schweren, gedrungenen Körper, einen breiten Schnabel und Schwimmflossen, doch waren sie viel prächtiger gekleidet. Ihr Federkleid selbst war weiß, aber um den Hals hatten sie ein gelb und schwarzes Band, die Flügeldecke glänzte grün, rot und schwarz, die Flügelspitzen waren schwarz, und der Kopf war schwarzgrün und schillerte wie Seide.

Sobald sich eine von ihnen am Strande zeigte, sagten die andern Vögel: „Seht, seht! Sie versteht es, sich herauszuputzen!“

„Wenn sie nicht so schön wären, brauchten sie ihre Beine nicht in die Erde hineinzugraben, sondern könnten wie andre Vögel offen daliegen,“ spottete eine braune Wildente.

„Und wenn sie sich auch alle Mühe gibt, so kann sie doch nicht schön aussehen mit so einer Nase, wie sie hat,“ sagte eine Graugans.

Und das ist auch wirklich wahr. Die Brandenten haben einen großen Knorpel auf der Schnabelwurzel, der ihrer Schönheit Eintrag tut.

Vor dem Strande flogen Möwen und Seeschwalben über das Wasser hin und fischten. „Was fangt ihr da für Fische?“ fragte eine Wildgans.

„Stichlinge! Die Ölandstichlinge sind die besten Fische von der Welt,“ sagte eine Möwe. „Willst du sie nicht versuchen?“ Mit vollem Mund flog sie zu der Gans hin und wollte ihr von den kleinen Fischen geben.

„O pfui!“ rief diese. „Meint ihr, ich werde so abscheuliches Zeug fressen?“

Am nächsten Morgen war es noch ebenso nebelig. Die Wildgänse gingen auf die Wiese und weideten; der Junge aber wanderte an den Strand hinunter, sich Muscheln zu sammeln. Es gab dort sehr viele, und da er dachte, er komme vielleicht morgen an einen Platz, wo sich für ihn gar nichts zu essen fände, wollte er versuchen, sich ein Säckchen zu machen, in dem er die Muscheln mitnehmen könnte. Auf der Wiese fand er dürres Riedgras, das zäh und stark war, und aus diesem begann er ein Ränzel zu flechten. Er verbrachte mehrere Stunden mit dieser Arbeit; als aber das Ränzel fertig war, fühlte er sich auch recht befriedigt von seinem Werk.

Um die Mittagszeit liefen plötzlich alle Wildgänse eilig auf ihn zu und fragten ihn, ob er den weißen Gänserich nicht gesehen habe? „Vor ganz kurzem war er noch bei uns,“ sagte Akka, „aber jetzt wissen wir nicht mehr, wo er ist.“

Heftig erschrocken fuhr der Junge auf. Er fragte die Gänse, ob ein Fuchs oder Adler gesehen worden, oder ob kürzlich irgend ein Mensch in der Nähe gewesen sei? Doch keine von den Gänsen hatte etwas Verdächtiges gesehen; der Gänserich mußte sich im Nebel verlaufen haben.

Auf welche Weise der Gänserich aber auch weggekommen sein mochte, das änderte an dem Unglück des Jungen nichts, und angstvoll lief er davon, ihn zu suchen. Der Nebel beschützte ihn, so daß er ungesehen überall hingehen konnte, aber zugleich hinderte er ihn selbst auch am Sehen. Der Junge lief südwärts die Küste entlang bis zu dem Leuchtturm und der Nebelkanone auf der äußersten Spitze. Überall war dasselbe Vogelgewimmel, aber kein Gänserich. Der Junge wagte sich sogar bis zum Ottenbyer Hof, ja er untersuchte jede einzelne der alten, hohen Eichen im Hain; aber nirgends fand er eine Spur von dem Gänserich.

Er suchte und suchte, bis es zu dunkeln anfing. Da mußte er nach dem östlichen Strand zurückkehren. Mit schweren Schritten wanderte er dahin und war sehr unglücklich. Ach, es war wohl auch dumm von ihm gewesen, zu hoffen, daß er eine zahme Gans unbeschädigt durch das ganze Land führen könnte! Und doch hatte er so sehr gewünscht, daß es ihm glücke, nicht allein seiner selbst wegen, sondern auch um des Gänserichs willen, den er ebenso lieb hatte wie sich selbst.

Wie er nun so über die Schäferwiese hinwanderte, kam ihm etwas großes Weißes aus dem Nebel entgegen, und wer anders war es, als der Gänserich! Ganz unbeschädigt kam er daher und war äußerst vergnügt, daß er endlich den Weg zu den andern zurückgefunden habe. Der Nebel habe ihn so verwirrt im Kopfe gemacht, sagte er, daß er den ganzen Tag hindurch auf der Wiese umhergeirrt sei. In seiner Freude schlang der Junge die Arme um den Hals des Gänserichs und bat ihn inständig, sich doch in acht zu nehmen und nicht wieder von den andern wegzugehen. Und der Gänserich versprach hoch und teuer, es nie wieder zu tun. Nie, nie wieder!

Am nächsten Morgen jedoch, als der Junge am Ufer Muscheln suchte, kamen die Gänse wieder dahergelaufen und fragten, ob er den Gänserich nicht gesehen habe.

Nein, ganz und gar nicht. Ja, dann sei der Gänserich abermals verschwunden. Er werde sich bei dem Nebel gerade wie gestern wieder verlaufen haben.

Voll Entsetzen machte sich der Junge eilig auf die Suche. Er fand eine Stelle, wo die Mauer von Ottenby so abgebröckelt war, daß er hinüberklettern konnte. Er suchte dann unten am Strand, der sich hier ausdehnt und allmählich so groß wird, daß Platz für Äcker und Wiesen und Bauernhöfe da ist. Dann stieg er hinauf auf das flache Hochland, das die Mitte der Insel einnimmt; dort gibt es keine andern Gebäude als Windmühlen, und der Rasen ist so dünn, daß das weiße Kalkgestein darunter hervorschimmert.

Der Gänserich aber war nicht zu finden, und da es allmählich Abend wurde, mußte der Junge sich wieder dem Strand zuwenden. Er war jetzt fest überzeugt, daß er seinen Reisekameraden wirklich verloren habe, und dadurch ganz mutlos gemacht, wußte er nicht, was er tun sollte.

Schon war er wieder über die Mauer gestiegen, als er dicht neben sich einen Stein rasseln hörte, und als er sich danach umwendete, glaubte er etwas unterscheiden zu können, das sich in einem Steinhaufen dicht neben der Mauer bewegte. Er schlich näher hinzu, und da sah er, wie der weiße Gänserich mit mehreren langen Wurzelfasern mühselig den Steinhaufen hinaufkletterte. Der Gänserich sah den Jungen nicht, und dieser rief ihn nicht an, denn er wollte zuerst ergründen, warum der Gänserich auf diese Weise ein Mal ums andre verschwand.

Und er erfuhr auch bald die Ursache. Oben auf dem Steinhaufen lag eine junge Graugans, die vor Freude laut aufschrie, als sie den Gänserich erblickte. Der Junge schlich noch näher hinzu, um zu hören, was die beiden sprächen; und da hörte er, daß die Graugans einen beschädigten Flügel hatte und deshalb nicht fliegen konnte; ihre Reisegefährten waren schon weggereist und hatten sie allein zurückgelassen. Sie war am Verhungern gewesen, als der weiße Gänserich am gestrigen Tage ihr Rufen gehört und sie aufgesucht hatte. Und seither war er bemüht gewesen, ihr Nahrung zu verschaffen. Beide hatten gehofft, sie würde hergestellt sein, ehe er die Insel wieder verlassen müsse, aber sie konnte noch immer weder gehen noch stehen. Der Gänserich war sehr betrübt darüber, aber er tröstete sie damit, daß er noch lange nicht wegreisen werde. Schließlich wünschte er ihr gute Nacht und versprach, am nächsten Tage wiederzukommen.

Der Junge ließ den Gänserich vorausgehen, und sobald dieser verschwunden war, schlich er auch auf den Steinhaufen hinauf. Als er nun die junge Gans sah, verstand er, warum der Gänserich ihr seit zwei Tagen Futter gebracht hatte, und warum er nicht gestehen wollte, was er tat. Die Graugans hatte das niedlichste Köpfchen, das man sich denken konnte; ihr Federkleid war wie Seide so weich, und die Augen hatten einen sanften, flehenden Ausdruck.

Als sie den Jungen erblickte, wollte sie entfliehen, aber ihr einer Flügel war beschädigt, er schleifte am Boden und hinderte sie bei allen Bewegungen.

„Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten,“ sagte der Junge und hielt an, um ihr zu zeigen, daß sie nicht nötig habe, vor ihm zu fliehen. „Ich bin Däumling, Gänserich Martins Reisekamerad,“ fuhr er fort. Dann aber stockte er und wußte nicht, was er sagen sollte.

Tiere haben manchmal etwas an sich, was einem unwillkürlich die Frage in den Mund legt, was für Wesen sie eigentlich seien. Man fühlt sich beinahe versucht, sie für verwandelte Menschen zu halten. Und so war es auch bei dieser Graugans. Sobald Däumling gesagt hatte, wer er war, neigte sie den Hals und Kopf sehr anmutig vor ihm, und mit einer so schönen Stimme, von der der Junge kaum glauben konnte, daß sie einer Gans angehöre, sagte sie: „Ich freue mich sehr über dein Kommen. Du kannst mir gewiß helfen, der weiße Gänserich hat mir gesagt, es gäbe niemand, der so gut und klug sei wie du.“

Dies sagte sie mit einer Würde, von der der Junge ganz eingeschüchtert wurde. „Das kann doch wohl keine Gans sein,“ dachte er. „Es ist gewiß eine verzauberte Prinzessin.“

Er hätte ihr schrecklich gern geholfen, und so griff er mit seinen kleinen Händen in die Federn hinein und tastete nach dem Flügelknochen. Der Knochen war nicht gebrochen, aber er war aus dem Gelenk geraten, und sein Finger kam an ein leeres Gelenkschüsselchen. „Halt nun fest!“ sagte er, faßte den Röhrenknochen tapfer an und drehte ihn dahin, wo er hingehörte. Für einen ersten Versuch machte er seine Sache recht schnell und gut; aber es mußte der armen Gans doch sehr, sehr weh getan haben, denn sie stieß nur einen einzigen gellenden Schrei aus und sank dann, ohne noch ein Lebenszeichen von sich zu geben, auf die Steine nieder.

Der Junge erschrak furchtbar. Er hatte ihr ja nur helfen wollen, und jetzt war sie tot. Mit einem großen Satz sprang er von dem Steinhaufen hinunter und lief davon. Er hatte das Gefühl, als habe er einen Menschen getötet.

Am nächsten Morgen war die Luft klar und vollständig frei von Nebel, und Akka sagte, nun solle die Reise fortgesetzt werden. Alle Gänse waren sehr bereit, weiterzureisen, bloß der weiße Gänserich machte Einwendungen, und der Junge wußte den Grund wohl; er wollte nur nicht von der jungen Graugans wegreisen. Aber Akka hörte nicht auf ihn, sondern machte sich gleich auf den Weg.

Der Junge sprang auf den Rücken des Gänserichs, und der Weiße folgte der Schar, obgleich langsam und unwillig. Der Junge aber freute sich, daß man die Insel verließ. Er hatte Gewissensbisse wegen der Graugans, wollte aber dem Gänserich nicht sagen, wie es gegangen sei, als er sie hatte heilen wollen. „Es wäre am besten, wenn Martin es gar nicht erführe,“ dachte er. Aber zugleich verwunderte er sich doch, daß der Weiße das Herz hatte, die Graugans zu verlassen.

Doch plötzlich machte der Gänserich kehrt. Der Gedanke an die junge Gans hatte ihn übermannt. Mit der Lapplandreise mochte es gehen, wie es wollte! Mit dem Bewußtsein, daß die junge Gans einsam und krank zurückbliebe und verhungern müsse, konnte er nicht mit den andern davonfliegen.

Mit wenigen Flügelschlägen war er an dem Steinhaufen. Aber da lag keine junge Graugans zwischen den Steinen. „Daunenfein! Daunenfein! Wo bist du?“ rief der Gänserich.

„Der Fuchs wird sie wohl geholt haben,“ dachte der Junge.

Aber in demselben Augenblick hörte er eine schöne Stimme dem Gänserich antworten: „Hier bin ich, Gänserich, hier bin ich! Ich habe nur ein Morgenbad genommen.“ Und aus dem Wasser tauchte die kleine Graugans empor, vollständig frisch und gesund. Und nun erzählte sie, wie Däumling ihren Flügel eingerenkt habe, und daß sie ganz hergestellt sei.

Die Wassertropfen lagen wie Perlen auf ihren wie Seide schillernden Federn, und der Däumling dachte abermals, sie sei gewiß eine richtige kleine Prinzessin.

12
Der große Schmetterling

Mittwoch, 6. April

Die Gänse flogen die langgestreckte Insel entlang, die jetzt deutlich sichtbar unter ihnen lag. Dem Jungen war es leicht und froh ums Herz. Er war jetzt ebenso vergnügt und zufrieden, wie er gestern düster gestimmt und niedergedrückt gewesen war, wo er auf der Suche nach dem Gänserich die Insel durchstreift hatte. Es sah aus, als bestehe das Innere der Insel aus einer kahlen Hochebene mit einem Kranz von gutem, fruchtbarem Land an den Küsten hin; und jetzt begann dem Jungen der Sinn eines Gesprächs klar zu werden, das er am vorhergehenden Abend mitangehört hatte.

Er hatte sich da an einer der vielen Windmühlen auf der Hochebene ausgeruht, als zwei Schäfer, ihre Hunde zur Seite und eine große Schafherde hinter sich, dahergekommen waren. Der Junge war nicht erschrocken, denn er saß wohlgeborgen unter der Mühlentreppe; aber die Hirten ließen sich auf derselben Treppe nieder, und so hatte der Junge sich wohl oder übel mäuschenstill verhalten müssen.

Der eine Hirte war jung und sah ganz so aus, wie solche Leute meistens aussehen. Der andre dagegen war ein alter, merkwürdiger Mensch. Er hatte einen großen, knochigen Körper, aber einen kleinen Kopf, und das Gesicht zeigte weiche, sanfte Züge. Kopf und Körper schienen ganz und gar nicht zusammen zu passen.

Er saß eine Weile still da und schaute mit einem unbeschreiblich müden Blick in den Nebel hinein. Dann wendete er sich an seinen Gefährten und knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Dieser nahm ruhig Brot und Käse aus seiner Hirtentasche heraus und begann zu essen; er gab fast keine Antwort, hörte aber sehr geduldig zu, ganz als ob er dächte: „Ich will dir eine Freude machen und dich eine Weile reden lassen.“

„Nun will ich dir etwas erzählen, Erik,“ sagte der alte Schäfer. „Ich denke mir, daß in den alten Zeiten, wo die Menschen und die Tiere noch weit größer waren als jetzt, wohl auch die Schmetterlinge ungeheuer groß gewesen sind. Und da hat es wohl einmal einen viele Meilen langen Schmetterling gegeben mit Flügeln so breit wie Meere. Diese Flügel waren so wunderschön blau und silberschimmernd, daß alle andern Tiere stehen blieben und dem Schmetterling verwundert nachschauten, wenn er durch die Luft dahinflog.

Aber der Schmetterling hatte einen Fehler, er war zu groß für seine Flügel, die den Körper kaum zu tragen vermochten. Es wäre aber doch gegangen, wenn er verständig gewesen und über dem Festland geblieben wäre. Doch das war er nicht, sondern er wagte sich auf die Ostsee hinaus; aber er war noch nicht weit gekommen, als der Sturm ihm entgegenbrauste und an seinen Flügeln zerrte. Ja, ja, Erik, man kann leicht erraten, wie es gehen mußte, als der Ostseesturm seine zarten Schmetterlingsflügel zerzauste. Es dauerte nicht lange, da waren sie abgerissen und weggewirbelt, und dann fiel natürlich der arme Schmetterlingskörper hinunter ins Meer. Im Anfang schwankte er auf den Wogen hin und her, dann strandete er gerade vor Småland auf einem Felsenriff. Und da blieb er liegen, so groß und so lang als er war.

Und nun denke ich mir, Erik, wenn der Schmetterling auf Erde gelegen wäre, würde er bald verwest und auseinander gefallen sein. Da er aber ins Meer und auf den Felsen fiel, verkalkte er allmählich und wurde hart wie Stein. Du weißt ja, daß wir drunten am Strand Steine gefunden haben, die nichts andres als versteinerte Raupen waren. Und nun glaube ich, daß es bei dem Schmetterling gerade so ging. Ich glaube, daß er, als er draußen in der Ostsee lag, zu einem langen, schmalen Felsen wurde. Glaubst du das nicht auch?“

Er hielt inne, eine Antwort abzuwarten, und der andre nickte ihm zu. „Mach nur weiter, damit ich erfahre, wo du eigentlich hinaus willst,“ sagte er.

„Und nun merk wohl auf, Erik, dieses Öland hier, auf dem ich und du leben, ist nichts andres als der alte Schmetterlingskörper. Wenn man es sich überlegt, merkt man bald, daß die Insel ein Schmetterling ist. Gegen Norden kommt der schmale Vorderkörper und der runde Kopf zum Vorschein, nach Süden sieht man das hintere Ende, das sich zuerst ausbreitet und dann in eine scharfe Spitze ausläuft.“

Hier hielt er wieder inne und sah seinen Gefährten an, gleichsam ängstlich, auf welche Weise dieser seine Behauptung aufnehmen werde. Aber der junge Schäfer aß in größter Ruhe weiter und nickte dem Alten nur aufmunternd zu.

„Sobald der Schmetterling in einen Kalksteinfelsen verwandelt war,“ fuhr dieser fort, „kamen Samenkörner mit dem Winde dahergeflogen und wollten auf dem Felsen Wurzel schlagen. Aber es wurde ihnen sehr schwer, sich auf dem kahlen, glatten Gebirge festzuhalten, und so dauerte es sehr lange, bis irgend etwas andres als Riedgras da wachsen konnte. Dann kamen Schafschwingel, Sonnenröschen und Hunderosensträucher.

Aber selbst heute noch gibt es nicht so viel Wachstum hier oben, daß das Gebirge ganz davon bedeckt wird, es schimmert da und dort noch hervor. Und von pflügen und säen kann hier oben gar keine Rede sein, dazu ist der Erdboden zu hart.

Aber wenn du mir beistimmst, daß die Heide und die Felsenmauern, die ringsum stehen, aus dem Schmetterlingskörper gebildet sind, dann hast du auch ein Recht zu fragen, wo das Land, das unter dem Gebirge liegt, hergekommen sei.“

„Ja, ganz recht,“ sagte der andre, der aß, „das habe ich gerade fragen wollen.“

„Du mußt bedenken, daß Öland recht viele Jahre im Wasser gelegen hat, und während der Zeit hat sich alles das, was auf den Wogen umhertreibt, Tang und Sand und Muscheln, ringsherum angesammelt und ist da liegen geblieben. Alsdann sind im Osten und Westen vom Festland Steine und Geröll herabgestürzt. Auf diese Weise hat die Insel breitere Ufer bekommen, wo Getreide und Blumen und Bäume wachsen können. Hier oben auf dem harten Schmetterlingskörper weiden nur Schafe und Kühe und junge Pferde, hier wohnen nur Schneehühner und Brachvögel, und außer Windmühlen und ein paar ärmlichen Steinschuppen sind keine Gebäude da, wo wir Hirten Schutz finden könnten. Aber drunten am Strand liegen die großen Bauerngüter und Kirchen und Pfarrhöfe und Fischerdörfer und eine ganze Stadt.“

Er sah den andern fragend an. Dieser war mit seiner Mahlzeit fertig und packte eben seinen Schnappsack wieder zusammen. „Ich möchte nur wissen, wo du mit all diesem hinaus willst,“ sagte er.

„Ja, nur das eine möchte ich wissen,“ sagte der Schäfer; er senkte die Stimme, so daß die Worte fast flüsternd herauskamen, und dabei starrte er in den Nebel hinein mit seinen kleinen Augen, die von all dem, wonach er ausspähte, und was doch nicht da ist, matt geworden zu sein schienen. „Ja, nur das möchte ich wissen, ob die Bauern, die in den eingefriedigten Höfen drunten unter dem Felsengebirge wohnen, oder die Fischer, die Strömlinge aus dem Meere holen, oder die Kaufleute in Borgholm, oder die alljährlich wiederkehrenden Badegäste, oder die Reisenden, die in den Borgholmer Schloßruinen umherwandeln, oder die Jäger, die im Herbst zur Hühnerjagd hierherkommen, oder die Maler, die hier auf dem Rasen sitzen und die Schafe und Windmühlen malen – ja, ich möchte wohl wissen, ob ein einziger von ihnen weiß, daß diese Insel einst ein Schmetterling gewesen ist, der mit großen glänzenden Flügeln umherflog.“

„Gewiß,“ sagte der junge Hirte plötzlich, „wer einmal an einem Abend hier am Rande der Felsenmauern gesessen und die Nachtigallen im Gebüsch hat schlagen hören und hinüber nach dem Sunde von Kalmar geschaut hat, dem muß der Gedanke gekommen sein, daß diese Insel nicht wie alle andern entstanden sein kann.“

„Ich möchte wissen,“ fuhr der Alte fort, „ob nicht ein einziger von ihnen den Wunsch gehabt hat, den Windmühlen so große Flügel zu geben, daß sie bis zum Himmel reichten, so große Flügel, daß sie imstande wären, die ganze Insel aus dem Meere aufzuheben und sie wie einen Schmetterling unter Schmetterlingen umherfliegen zu lassen.“

„Vielleicht ist etwas an dem, was du sagst,“ fiel der junge Schäfer ein, „denn in den Sommernächten, wo sich der Himmel hoch und klar über der Insel wölbt, ist es mir manchmal gewesen, als wolle sie sich aus dem Meere erheben und fortfliegen.“

Als aber der Alte den Jungen nun endlich zum Sprechen gebracht hatte, hörte er ihm gar nicht recht zu. „Ich möchte wissen,“ sagte er mit noch leiserer Stimme, „ob mir jemand erklären kann, warum hier oben auf der Felsenhöhe eine so große Sehnsucht wohnt? An jedem Tage meines Lebens habe ich sie gefühlt, und ich meine auch, jedem, der sich hier oben aufhält, müsse sie sich ins Herz hineinschleichen. Aber ich möchte wissen, ob es keinem von den andern klar geworden ist, daß diese Sehnsucht nur über uns kommt, weil die ganze Insel ein Schmetterling ist, der sich nach seinen Flügeln sehnt?“

13
Die Kleine Karlsinsel

Der Sturm

Freitag, 8. April

Die Wildgänse hatten auf der nördlichen Spitze von Öland übernachtet und waren nun auf dem Wege nach dem Festland. Ein recht heftiger Südwind, der über den Sund von Kalmar herfegte, trieb sie in nördlicher Richtung weiter. Trotzdem arbeiteten sie sich ziemlich schnell dem Lande zu. Als sie aber die ersten Schären erreicht hatten, hörten sie ein lautes Donnern, als ob eine Menge flügelstarker Vögel dahersauste, und das Wasser unten wurde auf einmal ganz schwarz. Akka hielt die Flügel so schnell an, daß sie beinahe ganz still in der Luft lag. Dann ließ sie sich aufs Meer hinabsinken. Aber ehe die Gänse das Wasser erreicht hatten, war der Weststurm herangekommen. Schon jagte er Staubwolken, Wogenschaum und kleine Vögel vor sich her; er riß auch die Wildgänse mit sich fort, warf sie herum und jagte sie aufs weite Meer hinaus.

Es war ein entsetzlicher Sturm. Ein Mal ums andre versuchten die Wildgänse umzudrehen; aber es war ihnen nicht möglich, und sie wurden immer weiter auf die Ostsee hinausgetrieben. Der Sturm hatte sie schon an Öland vorbeigejagt, und sie hatten jetzt nur das öde graue Meer vor sich; es blieb ihnen nichts andres übrig, als nachzugeben.

Als Akka merkte, daß kein Umdrehen möglich war, hielt sie es für unnötig, sich von dem Sturm über die ganze Ostsee jagen zu lassen, und sie ließ sich deshalb aufs Wasser hinab. Es war hoher Seegang, der mit jedem Augenblick noch zunahm. Meergrün rauschten die Wogen daher, eine immer höher als die andre, mit wilden, zackigen Schaumkronen. Es war, als wetteiferten sie miteinander, welche am höchsten und wildesten aufwallen und aufschäumen könne. Aber die Wildgänse fürchteten sich nicht vor dem Wogenschwall, er schien ihnen im Gegenteil großes Vergnügen zu machen; sie strengten sich gar nicht mit Schwimmen an, sondern ließen sich auf die Wellenkämme hinauf- und in die Wogengänge hinabgleiten, und sie waren so vergnügt wie ein Kind in einer Schaukel. Eine Weile ging es ihnen sehr gut, und ihre einzige Sorge war, die Schar könnte schließlich zerstreut werden. Die armen Landvögel, die im Sturm über ihnen dahinjagten, riefen neidisch: „Ja, wer schwimmen kann, für den hat es keine Not!“

Aber die Wildgänse waren doch nicht ohne Gefahr, denn das Schaukeln machte sie furchtbar schläfrig. Unaufhörlich wollten sie den Kopf zurücklegen, den Schnabel unter den Flügel stecken und schlafen. Aber nichts ist gefährlicher, als auf diese Weise einzuschlafen, und Akka rief daher immerfort: „Schlaft nicht, Wildgänse! Wer schläft, wird von der Schar weggetrieben! Wer von der Schar abkommt, ist verloren!“

Aber trotz aller Versuche, dem Schlaf zu widerstehen, schlief doch eine um die andre ein; selbst Akka war nahe daran, einzunicken, als sie plötzlich etwas Rundes, Dunkles aus dem Gipfel einer Woge auftauchen sah. „Seehunde! Seehunde! Seehunde!“ schrie sie mit lauter, gellender Stimme und flog mit klatschenden Flügelschlägen auf. Es war die höchste Zeit; ehe die letzte Wildgans das Wasser verlassen hatte, waren die Seehunde so nahe, daß sie nach deren Füßen schnappten.

So waren die Wildgänse wieder mitten im Sturm, der sie vor sich her aufs Meer hinaustrieb. Er gönnte weder sich selbst noch den andern einen Augenblick Ruhe. Und kein Land war zu entdecken, überall ringsum nur das wilde Meer.

Sobald sie es wagen konnten, ließen sich die Gänse wieder aufs Meer hinab; nachdem sie jedoch eine Weile auf den Wogen geschaukelt hatten, wurden sie wieder schläfrig. Und sobald sie schliefen, schwammen die Seehunde heran. Wäre die alte Akka nicht so wachsam und klug gewesen, dann wäre gewiß nicht eine mit dem Leben davongekommen.

Der Sturm raste den ganzen Tag hindurch ohne Aufhören und richtete schreckliche Verheerungen unter allen den Vögeln an, die um diese Jahreszeit auf der Reise waren. Manche verloren ihre Richtung vollständig und wurden in ferne Länder verschlagen, wo sie elendiglich verhungerten; andre ermatteten so sehr, daß sie ins Meer hinunterstürzten und ertranken. Viele wurden an den Felswänden zerschmettert und viele ein Raub der Seehunde.

Der Sturm dauerte den ganzen Tag hindurch, und schließlich drängte sich Akka die Frage auf, ob sie und ihre Schar nicht am Ende noch verunglücken würden. Sie waren jetzt alle todmüde, aber so weit das Auge reichte, konnten sie keinen Platz entdecken, wo sie hätten ausruhen können. Gegen Abend wagten sie es auch nicht mehr, sich aufs Meer hinabzulassen, denn ganz plötzlich hatte es sich mit großen Eisschollen bedeckt, die sich gegeneinander auftürmten, und Akka fürchtete, sie und die andern könnten dazwischen erdrückt werden. Ein paarmal versuchten die Wildgänse, sich auf die Eisschollen zu stellen; aber einmal fegte sie der wilde Sturm ins Wasser hinein, und ein andres Mal krochen die unbarmherzigen Seehunde zu ihnen aufs Eis hinauf.

Bei Sonnenuntergang waren die Gänse wieder in der Luft. In banger Furcht vor der Nacht flogen sie weiter. Die Dunkelheit schien ihnen an diesem von Gefahren erfüllten Abend gar zu schnell hereinzubrechen.

Es war schrecklich, daß sie noch immer kein Land sahen. Wie würde es ihnen erst gehen, wenn sie die ganze Nacht da draußen bleiben müßten? Entweder würden sie zwischen den Eisschollen zerquetscht, oder von den Seehunden aufgefressen, oder nach allen Seiten auseinandergesprengt.

Der Himmel war mit Wolken bedeckt und der Mond verhüllt, die Dunkelheit brach rasch herein. Plötzlich nahm die ganze Natur ringsum ein unheimliches Aussehen an, das dem mutigsten Herzen Entsetzen einflößte. Die Rufe von Zugvögeln, die sich in höchster Not befanden, hatten den ganzen Tag die Luft erfüllt, aber jetzt, wo man nicht mehr sah, wer sie ausstieß, klangen sie schauerlich und schreckenerregend. Drunten auf dem Meere prallten die Schollen des Treibeises mit lautem Krachen aufeinander, und die Seehunde stimmten ihr wildes Jagdgeheul an. Es war, als ob Himmel und Erde am Einstürzen seien.

Die Gefahr

Der Junge hatte eine Weile gedankenvoll aufs Meer hinabgeschaut. Da war es ihm plötzlich, als werde das Brausen noch stärker als vorher. Er schaute auf; gerade vor ihm, nur ein paar Meter entfernt, ragte ein steiler Felsen auf. An seinem Fuße brachen sich die Wogen mit hoch aufspritzendem Schaum. Ja, ja, gerade vor ihm war eine rauhe, kahle Felsenwand, und auf diese flogen die Wildgänse zu. Der Junge war überzeugt, daß sie daran zerschellen müßten, und er glaubte schon dem Tod ins Gesicht zu sehen.

Er hatte kaum noch Zeit, sich zu verwundern, daß Akka die Gefahr nicht beizeiten erkannt habe, als sie auch schon an dem Felsen angekommen waren. Doch jetzt sah er auch die halbrunde Öffnung einer Grotte; in diese hinein stürzten die Gänse, und im nächsten Augenblick waren sie in Sicherheit.

Das erste jedoch, woran jede von ihnen dachte, ehe sie sich der eignen Rettung erfreute, war nachzusehen, ob auch alle Reisegefährten gerettet seien. Da fanden sich denn auch Akka, Yksi, Kolme, Neljä, Viisi, Kuusi, alle die sechs jungen Gänse, der Gänserich, Daunenfein und Däumling, nur Kaksi von Nuolja, die erste Gans vom linken Flügel, war verschwunden, und keine der andern wußte etwas von ihrem Schicksal.

Als die Wildgänse sahen, daß nur Kaksi von ihnen getrennt worden war, nahmen sie die Sache leicht. Kaksi war alt und klug. Sie kannte alle Wege und Gewohnheiten der Schar, und es würde ihr schon gelingen, sich wieder mit dieser zu vereinigen.

Hierauf begannen die Wildgänse sich umzusehen. Es drang noch etwas Tagesschimmer durch den Eingang herein, und sie konnten erkennen, daß die Höhle sehr tief und weit war. Sie freuten sich schon über die gute Nachtherberge, die sie gefunden hatten, als eine von ihnen einige glänzende grüne Punkte bemerkte, die aus einem dunklen Winkel hervorleuchteten. „Das sind Augen!“ rief Akka. „Es sind große Tiere hier drinnen.“

Die Gänse stürzten dem Ausgang zu, aber Däumling, der in der Dunkelheit besser als die Wildgänse sah, rief ihnen zu: „Ihr braucht nicht zu fliehen. Es sind nur einige Schafe, die an der Höhlenwand liegen.“

Als die Wildgänse sich an den Dämmerschein in der Höhle gewöhnt hatten, sahen sie die Schafe recht gut. Die Erwachsenen waren ihnen wohl an Zahl gleich, aber außerdem waren noch einige Lämmer da. Ein großer Widder mit langen, gewundenen Hörnern schien der vornehmste von der kleinen Herde zu sein, und unter vielen Verbeugungen gingen die Wildgänse auf ihn zu. „Gott zum Gruß hier in der Wildnis!“ begrüßten sie ihn. Aber der Widder lag ganz still, und kein einziges Wort des Willkommens drang über seine Lippen.

Da glaubten die Wildgänse, die Schafe seien mißvergnügt über ihr Eindringen in die Höhle. „Es ist euch vielleicht nicht angenehm, daß wir hier hereingekommen sind,“ sagte Akka. „Aber wir können nichts dafür, der Wind hat uns hierher verschlagen. Wir sind den ganzen Tag im Sturm umhergeflogen, und es wäre uns eine große Wohltat, wenn wir hier übernachten dürften.“

Es dauerte eine gute Weile, bis eines von den Schafen nur ein Wort erwiderte, dagegen hörten die Gänse deutlich, wie einige von ihnen tief aufseufzten. Akka wußte wohl, daß Schafe immer schüchtern sind und sonderbare Manieren haben, aber diese schienen ganz und gar keinen Begriff davon zu haben, was sich gehörte.

Schließlich begann ein altes Mutterschaf, das ein längliches, gramdurchfurchtes Gesicht hatte, mit klagender Stimme: „Von uns verweigert euch gewiß keines den Aufenthalt hier; aber dies ist ein Haus der Trauer, und wir können nicht mehr wie in frühern Zeiten Gäste bei uns aufnehmen.“

„Darüber braucht ihr euch keine Sorge zu machen,“ sagte Akka. „Wenn ihr wüßtet, was wir heute ausgestanden haben, würdet ihr gewiß verstehen, wie froh wir sind, wenn wir nur ein sicheres Plätzchen bekommen, wo wir schlafen können.“

Als Akka dies sagte, richtete sich der alte Widder auf. „Es wäre gewiß besser für euch, im stärksten Sturm umherzufliegen, als hierzubleiben. Aber jetzt sollt ihr euch doch nicht wieder auf den Weg machen, ehe wir euch mit dem besten, was das Haus vermag, bewirtet haben.“

Er führte sie zu einer mit Wasser gefüllten Vertiefung im Boden. Dicht daneben lag ein Haufen Spreu und Häcksel, und er bat die Gänse, es sich gut schmecken zu lassen. „Wir haben einen sehr strengen Schneewinter gehabt,“ sagte er. „Die Bauern, denen wir gehören, brachten uns Heu und Haferstroh, damit wir nicht verhungerten. Und dieser Haufen ist alles, was noch davon übrig ist.“

Die Gänse machten sich eifrig über das Futter her. Sie fanden, daß sie es herrlich getroffen hätten, und waren in allerbester Laune. Sie sahen ja wohl, daß die Schafe voller Angst waren; aber da sie wußten, wie leicht Schafe sich erschrecken lassen, glaubten sie nicht, daß es sich um eine wirkliche Gefahr handeln könne. Sobald sie satt waren, dachten sie darum auch an nichts andres, als sich nun an einem guten Schlafe zu erfreuen. Aber da richtete sich der große Widder abermals auf und kam auf sie zu. Die Gänse meinten, noch nie ein Schaf mit so langen, starken Hörnern gesehen zu haben. Und auch sonst sah der Widder merkwürdig aus. Er hatte eine große, knochige Stirn, kluge Augen und eine vornehme Haltung, wie ein recht stolzes, mutiges Tier.

„Ich kann die Verantwortung nicht übernehmen, euch hier schlafen zu lassen, ohne euch zu sagen, daß es hier durchaus nicht sicher ist,“ sagte er. „Wir können für den Augenblick keine Logierbesuche bei uns aufnehmen.“

Jetzt erst merkte Akka, daß dies Ernst war. „Wenn ihr es durchaus wünscht, so werden wir uns entfernen,“ sagte sie. „Aber wollt ihr uns nicht vorher sagen, was euch bekümmert? Wir wissen nichts, ja wir wissen nicht einmal, wohin wir geraten sind.“

„Dies ist die Kleine Karlsinsel,“ erwiderte der Widder. „Sie liegt westlich vor Gotland, und es wohnen nur Schafe und Meeresvögel hier.“

„Vielleicht seid ihr wilde Schafe?“ fragte Akka.

„Ja, man könnte uns beinahe so nennen,“ antwortete der Widder. „Mit den Menschen haben wir eigentlich nichts zu tun. Es besteht ein altes Übereinkommen zwischen uns und den Bauern eines Hofes auf Gotland; demgemäß müssen uns diese in bösen Schneewintern mit Futter versehen, und dafür dürfen sie die Überzähligen von uns mitnehmen. Die Insel ist so klein, daß sie nur eine begrenzte Anzahl von uns ernähren kann. Aber sonst versorgen wir uns das ganze Jahr hindurch selbst, und wir wohnen in keinen Häusern mit Türen und Riegeln, sondern halten uns in solchen Höhlen wie diese hier auf.“

„Was! Bleibt ihr auch im Winter draußen?“ fragte Akka verwundert.

„Jawohl,“ antwortete der Widder. „Es gibt das ganze Jahr hindurch Futter genug hier.“

„Das klingt ja fast, als hättet ihr es besser als andre Schafe,“ sagte Akka. „Aber was ist das nun für ein Unglück, das euch betroffen hat?“

„Im vergangenen Winter,“ sagte der Widder, „war es so bitter kalt, daß das Meer zufror. Da kamen drei Füchse übers Eis herüber, und sie sind seitdem hier geblieben. Außer ihnen ist auf der ganzen Insel nicht ein einziges lebensgefährliches Tier.“

„Wie, wagen es die Füchse, solche Tiere, wie ihr seid, anzugreifen?“

„O nein, bei Tage nicht, da kann ich mich und die Meinigen wohl verteidigen,“ sagte der Widder und schüttelte seine Hörner. „Aber bei Nacht, wenn wir in der Höhle schlafen, da schleichen sie heran und überfallen uns. Wir geben uns zwar alle Mühe, wach zu bleiben, aber einmal muß man ja schlafen, und das benutzen sie. In den benachbarten Behausungen haben sie schon alle Schafe getötet, und es waren Herden darunter, die ebenso groß waren wie die meinige.“

„Es ist nicht angenehm, eingestehen zu müssen, daß wir so hilflos sind,“ sagte jetzt das alte Mutterschaf, „und es wäre viel besser für uns, wenn wir zahme Schafe wären.“

„Meint ihr, die Füchse werden auch heute nacht kommen?“ fragte Akka.

„Es ist nicht anders zu erwarten,“ antwortete das Mutterschaf. „Gestern nacht sind sie hier gewesen und haben uns ein Lamm gestohlen, und sie werden nicht ausbleiben, so lange noch eins von uns am Leben ist. So haben sie es bei den andern Herden auch gemacht.“

„Aber wenn die wenigen, die übrig geblieben sind, noch länger hierbleiben, dann sterbet ihr ja vollständig aus,“ sagte Akka.

„Ja, es wird nicht mehr lange dauern, bis es keine Schafe mehr auf der Kleinen Karlsinsel gibt,“ seufzte das Mutterschaf.

Sehr unschlüssig stand Akka da. Wieder im Sturm umherzufliegen, war kein Vergnügen, aber in einem Haus zu bleiben, wo solche Gäste erwartet wurden, war auch nicht gut. Nachdem sie eine Weile überlegt hatte, wendete sie sich an Däumling. „Sag, möchtest du uns diesmal nicht auch helfen, wie schon so oft?“ fragte sie ihn.

„Jawohl,“ erwiderte der Junge, „recht gern.“

„Du tust mir zwar leid, wenn du nicht schlafen darfst,“ fuhr Akka fort, „aber trotzdem möchte ich dich bitten, heute zu wachen und uns zu wecken, wenn du die Füchse kommen siehst, damit wir wegfliegen können.“

Der Junge versprach, es zu tun. Er wußte ja, daß die andern müder waren als er und also auch mehr Recht zum Schlafen hatten.

Er trat an die Öffnung der Höhle, kroch hier zum Schutz vor dem Sturm unter einen Stein und begann seine Wache. Allmählich klärte sich der Himmel auf, und der Mondschein spielte auf den Wogen. Der Junge trat unter den Höhleneingang und schaute hinaus. Die Höhle befand sich ziemlich hoch an der Felsenwand, und nur ein schrecklich steiler Weg führte zu ihr herauf. Auf diesem würden die Füchse wohl daherkommen.

Füchse sah er nun zwar noch keine, dafür aber etwas andres, das ihm im ersten Augenblick großen Schrecken einjagte. Unterhalb des Berges auf dem schmalen Streifen Land am Ufer hin standen einige Riesen oder andre steinerne Ungeheuer. Oder vielleicht waren es auch Menschen. Zuerst glaubte er, er träume, dann aber war er ganz sicher, daß er noch nicht geschlafen habe. Er sah die großen Männer ganz deutlich, es konnte keine Gesichtstäuschung sein. Einige standen draußen am Ufer, die andern aber ganz dicht am Berge, als ob sie hinaufklettern wollten. Die einen hatten große, dicke Köpfe, andre wieder gar keine. Die einen waren einarmig, und einige hatten hinten und vorne große Höcker.

So etwas Sonderbares hatte der Junge noch nie gesehen; er stand da droben und fürchtete sich so schrecklich vor den Ungeheuern, daß er beinahe vergessen hätte, auf die Füchse aufzupassen. Jetzt aber hörte er eine Klaue auf einem Stein kratzen, und er sah drei Füchse den Abhang heraufkommen. Sobald der Junge wußte, daß er es mit etwas Wirklichem zu tun hatte, beruhigte er sich vollständig und fühlte keine Spur von Angst mehr. Dann dachte er, es wäre doch recht schade, wenn er jetzt nur die Gänse weckte, die Schafe aber ihrem Schicksal überließe, und er wollte es lieber anders machen.

Eilig lief er in die Höhle hinein, weckte den großen Widder, indem er ihn an den Hörnern schüttelte und sich zugleich auf dessen Rücken schwang. „Steh auf, Alter, dann wollen wir den Füchsen einen gelinden Schrecken einjagen!“ flüsterte er.

Er hatte versucht, so still wie möglich zu sein, aber die Füchse hatten doch ein Geräusch gehört. Als sie den Höhleneingang erreicht hatten, hielten sie an und überlegten. Ganz bestimmt hatte sich eines von den Schafen bewegt. „Ich möchte wohl wissen, ob sie wach sind?“ sagte der eine Fuchs.

„Ach, geh nur hinein,“ sagte einer von den andern. „Sie können uns jedenfalls nichts tun.“

Als sie tiefer in die Höhle hineingekommen waren, blieben sie stehen und witterten. „Wen wollen wir heute nehmen?“ flüsterte der vorderste.

„Heute nehmen wir den großen Widder,“ zischelte der hinterste. „Dann haben wir mit den andern leichte Arbeit.“

Der Junge saß auf dem Rücken des alten Widders und sah, wie die Füchse sich heranschlichen. „Stoß nur gerade aus!“ flüsterte er. Der Widder stieß zu, und der erste Fuchs wurde Hals über Kopf an den Eingang zurückgeschleudert. „Stoß jetzt nach links!“ sagte der Junge und drehte den großen Kopf des Widders in die richtige Lage. Der Widder führte einen gewaltigen Stoß nach links, der den zweiten Fuchs in die Seite traf. Dieser überkugelte sich mehrere Male, ehe er wieder auf die Beine kam und fliehen konnte. Dem Jungen wäre es am liebsten gewesen, wenn der dritte auch noch einen Denkzettel bekommen hätte, aber dieser war schon auf und davon.

„Jetzt werden sie für heute nacht genug haben!“ rief der Junge.

„Das glaube ich auch,“ sagte der Widder. „Lege dich nun auf meinen Rücken und krieche in die Wolle hinein. Nach dem Sturm, in dem du heute draußen gewesen bist, hast du ein warmes Lager wohl verdient.“

Das Höllenloch

Samstag, 9. April

Am nächsten Tage wanderte der Widder mit dem Jungen auf dem Rücken auf der Insel umher. Diese bestand aus einem einzigen großen Felsen. Sie war wie ein großes Haus mit senkrechten Mauern und einem Plattdach. Der Widder ging zuerst auf das Felsendach hinauf und zeigte dem Jungen die guten Weideplätze, die da oben waren, und dem Jungen kam die Insel gerade wie für Schafe geschaffen vor. Auf dem Berge wuchs nicht viel weiter als Schafschwingel und andre kleine, dürre, gewürzige Kräuter, die Schafe gern fressen.

Aber wer glücklich den jähen Abhang hinaufgekommen war, für den gab es da oben wahrlich auch noch andres zu sehen als nur Schafweiden. Da war zuerst das weite, weite Meer, das jetzt im Sonnenglanz herrlich blau leuchtete und mit schimmernden Wellen daherrollte. Nur an einzelnen Klippenvorsprüngen schäumte es weiß auf. Geradeaus gegen Osten lag die gleichmäßige, langgestreckte Küste von Gotland, und im Südwesten die Große Karlsinsel, die dieselbe Formation zeigte wie die Kleine Karlsinsel. Als der Widder ganz an den Rand der Felsenkuppe trat, so daß der Junge die Bergwand hinunterschauen konnte, sah er, daß sie voller Vogelnester war, und in der blauen Flut unten lagen in friedlicher Vereinigung die verschiedensten Arten von Möwen, Eidervögeln und Lummen und Alken, die eifrig Strömlinge fischten.

„Dies ist wirklich ein gelobtes Land,“ sagte der Junge. „Ihr habt es wahrlich gut, ihr Schafe.“

„Jawohl, es ist schön hier,“ sagte der Widder. Es war, als wollte er noch etwas hinzufügen, sagte aber doch nichts, sondern seufzte nur. „Aber wenn du allein hier umhergehst,“ fuhr er nach einer Weile fort, „dann nimm dich ja vor allen den Spalten in acht, die über den Berg hinlaufen.“ Und das war eine gute Warnung, denn an mehreren Stellen waren tiefe und breite Felsenrisse. Die größte von diesen Spalten heiße das Höllenloch, sagte der Widder, es sei mehrere Meter tief und mehr als einen Meter breit. „Wenn einer da hinunterfiele, dann wäre es aus mit ihm,“ fügte der Widder noch hinzu, und dem Jungen kam es vor, als habe er dies mit einer besondern Absicht gesagt.

Nun führte er den Jungen an den Strand hinunter. Da bekam er denn auch die Riesen, die ihn in der Nacht erschreckt hatten, in der Nähe zu sehen. Es waren große Felsengebilde; der Widder nannte sie „Raukar“, und der Junge konnte sich nicht satt daran sehen. Er meinte, wenn es wirklich in Steine verwandelte Zauberer gäbe, müßten sie so aussehen.

Obgleich es unten am Strande auch recht schön war, gefiel es dem Jungen doch noch besser oben auf der Felsenhöhe. Es war ihm unheimlich da unten, weil überall tote Schafe lagen, denn hier pflegten die Füchse ihre Mahlzeiten zu halten. Der Widder und der Junge sahen vollständig abgenagte Skelette, aber auch Körper, die nur halb abgefressen waren, und wieder andre, die die Füchse ganz unversehrt gelassen hatten. Mit Grausen sahen sie, daß die wilden Tiere nur zu ihrem Vergnügen über die Schafe herfielen, nur um zu jagen und zu morden.

Der Widder hielt nicht bei den Toten an, sondern ging still an ihnen vorbei. Aber selbstverständlich sah der Junge die ganze Abscheulichkeit; er konnte nicht anders.

Jetzt stieg der Widder wieder den Berg hinauf; als er aber oben angekommen war, blieb er stehen und sagte: „Wenn jemand, der klug und tüchtig wäre, all dieses Elend hier zu sehen bekäme, dann würde er gewiß nicht ruhen, bis die Füchse ihre gerechte Strafe bekommen hätten.“

„Die Füchse müssen aber doch auch leben,“ sagte der Junge.

„Jawohl,“ erwiderte der Widder. „Und wer nicht mehr Tiere tötet, als er zu seinem Unterhalt bedarf, der darf wohl am Leben bleiben. Diese hier aber sind Übeltäter!“

„Die Bauern, denen die Insel gehört, müßten kommen und euch helfen,“ meinte der Junge.

„Sie sind auch schon mehrere Male hier gewesen,“ sagte der Widder, „aber die Füchse versteckten sich in Höhlen und Felsenspalten, wo man nicht auf sie schießen konnte.“

„Ach, mein guter Alter, Ihr glaubt doch wohl nicht, daß so ein armer kleiner Wicht wie ich mit ihnen fertig werden könnte, nachdem weder ihr noch die Bauern sie haben überwältigen können?“ sagte der Junge.

„Wer klein und pfiffig ist, kann vieles ausrichten,“ antwortete der Widder.

Sie sprachen jetzt nicht weiter von dieser Sache, und der Junge begab sich zu den Wildgänsen, die auf dem Berggipfel weideten. Obgleich er es dem Widder nicht hatte zeigen wollen, war er doch sehr betrübt über das Schicksal der Schafe, und er hätte ihnen gar zu gern geholfen. „Ich will jedenfalls mit Akka und dem Gänserich Martin darüber reden,“ dachte er. „Vielleicht können sie mir einen guten Rat geben.“

Etwas später nahm der weiße Gänserich den Jungen auf den Rücken und wanderte mit ihm über den Felsengipfel nach dem Höllenloch. Ganz sorglos lief er über die offne Berghöhe hin und schien gar nicht daran zu denken, wie weiß und groß er war. Er suchte sich nicht hinter Erdhaufen oder andern Erhöhungen zu verstecken, sondern ging ruhig seines Weges weiter. Es war merkwürdig, daß er nicht ein bißchen vorsichtig war, denn es schien ihm während des gestrigen Sturmes gar schlecht gegangen zu sein. Er hinkte mit dem rechten Bein, und der linke Flügel schleifte am Boden, als ob er gebrochen wäre.

Er wanderte umher, als sei durchaus keine Gefahr zu befürchten, biß da und dort einen Grashalm ab und sah sich gar nicht um. Der Junge lag auf dem Gänserücken ausgestreckt und schaute zum blauen Himmel empor. Er war das Reiten jetzt so gewohnt, daß er auf dem Gänserücken stehen und liegen konnte.

Da der Gänserich und der Junge so sorglos waren, bemerkten sie natürlich die drei Füchse nicht, die jetzt auf dem Berggipfel auftauchten. Und die Füchse, die wohl wußten, daß es beinahe unmöglich ist, einer Gans auf offnem Felde beizukommen, dachten im ersten Augenblick gar nicht daran, auf sie Jagd zu machen. Da sie aber nichts andres zu tun hatten, sprangen sie schließlich in eine der langen Felsenspalten hinein und versuchten, sich an die Gans heranzuschleichen. Sie gingen dabei so vorsichtig zu Werk, daß der Gänserich auch nicht einen Schein von ihnen sehen konnte.

Als sie nicht mehr weit von dem Gänserich entfernt waren, machte dieser einen Versuch, aufzufliegen. Er schlug mit den Flügeln, aber es gelang ihm nicht, vom Boden wegzukommen. Daraus folgerten die Füchse, der Gänserich könne nicht fliegen, und sie eilten rascher vorwärts. Sie hielten sich nicht mehr in der Kluft versteckt, sondern liefen auf die Hochebene hinaus. Hier verbargen sie sich, so gut sie konnten, hinter Erdhaufen und Felsstücken und kamen so immer näher zu dem Gänserich hin, ohne daß dieser merkte, daß Jagd auf ihn gemacht wurde. Schließlich waren sie ihm ganz nahe, jetzt konnten sie den Sprung wagen, und mit einem großen Satz warfen sie sich alle drei zugleich auf ihn.

Im letzten Augenblick mußte der Gänserich aber doch etwas gemerkt haben, denn er sprang rasch zur Seite, und die Füchse verfehlten ihn. Aber das war nicht von großer Bedeutung, denn der Gänserich hatte nur ein paar Meter Vorsprung, und dazu war er lahm. Der Ärmste lief zwar, was er konnte, und Gänse können ja ungeheuer schnell laufen, selbst einem Fuchs kann es schwer fallen, sie zu fangen.

Der Junge saß rücklings auf dem Gänserücken und rief und schrie den Füchsen zu: „Ihr habt euch am Schaffleisch zu fett gefressen, ihr Füchse, ihr könnt ja nicht einmal eine Gans fangen!“ Er reizte und ärgerte sie; das machte sie ganz toll und hitzig, und sie rannten jetzt sinnlos vorwärts.

Der weiße Gänserich aber lief geradeswegs auf die große Kluft zu. Als er sie erreicht hatte, schlug er mit den Flügeln, und drüben war er! Gerade da hatten ihn die Füchse eingeholt.

Der Gänserich lief, nachdem er über das Höllenloch hinübergekommen war, ebenso schnell vorwärts wie vorher. Doch kaum war er einige Meter weiter gelaufen, als der Junge ihm auf den Hals klopfte und sagte: „Jetzt kannst du anhalten, Gänserich!“

In diesem Augenblick hörten sie hinter sich ein paar wilde Schreie, ein Kratzen von Krallen und das Aufschlagen von mehreren Körpern. Aber von den Füchsen sahen sie nichts mehr.

Am nächsten Morgen fand der Leuchtturmwächter auf der Großen Karlsinsel ein Stück Rinde unter seiner Haustür, auf dem mit krummen, eckigen Buchstaben geschrieben stand: „Die Füchse auf der kleinen Insel sind in das Höllenloch gefallen. Mach, daß du hinkommst!“

Und das tat der Leuchtturmwächter auch.

14
Zwei Städte

Die Stadt auf dem Meeresgrunde

Samstag, 9. April

Es war eine stille, klare Nacht. Die Wildgänse brauchten nicht in einer der Höhlen Schutz zu suchen; sie schliefen oben auf dem Felsengipfel, und der Junge hatte sich neben den Gänsen auf dem kurzen, trockenen Grase ausgestreckt.

Der Mond schien hell in jener Nacht, so hell, daß der Junge lange nicht einschlafen konnte. Er besann sich, wie lange er nun schon von Hause fort war, und als er nachrechnete, waren seit dem Beginn seiner Reise gerade drei Wochen verflossen. Und da fiel ihm ein, daß heute der stille Sonnabend vor Ostern war.

„Heute nacht sind alle Hexen vom Blocksberg unterwegs,“ dachte er und kicherte ein wenig. Vor dem Nöck und dem Wichtelmännchen fürchtete er sich wohl ein wenig, aber an die Hexen glaubte er ganz und gar nicht.

„Wenn in dieser Nacht das Hexenpack unterwegs wäre, dann müßte ich es doch sehen. Bei so vollständig hellem und klarem Himmel könnte sich nicht der kleinste Punkt durch die Luft bewegen, ohne daß ich ihn wahrnähme,“ dachte er weiter.

Während er nun zum Himmel aufschaute und an alles dies dachte, wurde ihm ein sehr schöner Anblick zuteil. Ziemlich hoch über dem Horizont segelte der Vollmond rund und hell dahin, und über ihn hin flog ein großer Vogel. Er flog nicht am Mond vorüber, sondern tauchte so auf, als flöge er gerade aus ihm heraus. Ganz schwarz hob sich der Vogel von dem hellen Hintergrunde ab, und seine Schwingen reichten von dem einen Rand der Mondscheibe bis zum andern. Sein Körper war klein, der Hals lang und schmal, die Beine hingen lang und dünn herab, und der Junge erkannte bald, daß es ein Storch sein mußte.

Ein paar Augenblicke später ließ sich auch wirklich der Storch, Herr Ermenrich, neben dem Jungen nieder. Er neigte sich über ihn und stieß ihn mit dem Schnabel an, um ihn zu wecken.

Der Junge setzte sich sogleich auf. „Ich schlafe nicht, Herr Ermenrich,“ sagte er. „Aber warum sind Sie mitten in der Nacht unterwegs, und wie steht es auf Glimmingehaus? Wollen Sie mit Mutter Akka sprechen?“

„Die Nacht ist zu hell zum Schlafen,“ antwortete Herr Ermenrich. „Ich bin daher über die Karlsinsel geflogen, um dich, meinen Freund Däumling, zu besuchen, denn ich habe von einer Fischmöwe gehört, du seiest heute nacht hier. Nach Glimmingehaus bin ich noch nicht gezogen, sondern wohne noch in Pommern.“

Der Junge freute sich über die Maßen, daß Herr Ermenrich ihn aufgesucht hatte. Sie plauderten eine Weile über alles mögliche wie alte Freunde. Plötzlich fragte der Storch den Jungen, ob er nicht Lust hätte, in dieser schönen Nacht einen Ausflug zu machen?

Doch, das wollte der Junge von Herzen gern, wenn der Storch ihn nur bis zum Sonnenaufgang wieder zu den Gänsen zurückbringen wolle. Herr Ermenrich versprach es, und sogleich ging es auf die Reise.

Wieder flog Herr Ermenrich geraden Weges auf den Mond zu. Höher und höher ging es hinauf, das Meer versank unter ihnen; aber sie schwebten gar leicht dahin, es war fast, als lägen sie ganz still.

Als Herr Ermenrich sich auf die Erde hinabsinken ließ und anhielt, war es dem Jungen, als sei erst eine unbegreiflich kurze Zeit vergangen; und doch hatte der Storch einen ganz bedeutenden Weg zurückgelegt, denn in demselben Augenblick, wo er den Jungen auf die Erde setzte, sagte er: „Dies ist Pommern. Jetzt bist du in Deutschland, Däumling.“ Der Junge war über die Nachricht, daß er sich in einem fremden Lande befinde, ganz verdutzt. Das hätte er nie gedacht. Schnell sah er sich um. Er stand auf einem einsamen, mit weichem, feinem Sand bedeckten Meeresstrand. Auf der Landseite lief eine lange Reihe oben mit Strandhafer bewachsener Dünenhügel hin, die zwar nicht sehr hoch waren, dem Jungen aber die Aussicht ins Land hinein vollständig versperrten.

Herr Ermenrich stieg auf einen Sandhügel hinauf, zog das eine Bein in die Höhe und legte den Hals zurück, um den Schnabel unter die Flügel zu stecken. „Während ich mich ausruhe, kannst du eine Weile am Strande umherwandern,“ sagte er zu Däumling. „Aber verlaufe dich nicht, damit du mich wiederfinden kannst.“

Der Junge wollte zuerst einen der Dünenhügel erklettern, um zu sehen, wie das Land dahinter aussehe. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht, als er mit der Spitze seines Holzschuhs an etwas Hartes stieß. Er bückte sich, und da sah er auf dem Sande eine kleine von Grünspan durch und durch zerfressene dünne Kupfermünze. Sie war so schlecht, daß sie ihn nicht einmal des Aufhebens wert deuchte, und er schleuderte sie mit dem Fuße weg.

Aber als sich der Junge wieder aufrichtete, wie grenzenlos überrascht war er da! Keine zwei Schritte vor ihm erhob sich eine dunkle Mauer mit einem großen turmgekrönten Tor.

Vor einem Augenblick, als er sich nach der Münze bückte, hatte sich das Meer noch glänzend und glitzernd vor ihm ausgebreitet, jetzt aber war es durch eine lange Mauer mit Zinnen und Türmen verdeckt. Und gerade vor dem Jungen, wo vorher nur einige Tangbänke gewesen waren, öffnete sich das große Tor in der Mauer.

Der Junge war sich ganz klar darüber, daß dies eine Art Geisterspuk sein mußte. Aber er dachte, davor brauche er sich wahrlich nicht zu fürchten. Was er sah, war ja gar nicht unheimlich oder grauenhaft. Die Mauern und Türme waren prächtig gebaut, und jetzt regte sich auch gleich der Wunsch in ihm, zu sehen, was dahinter sei. „Ich muß untersuchen, was das ist,“ dachte er, und damit ging er durchs Tor.

Unter dem kleinen Torgewölbe saßen in bunten, gepufften Anzügen, langstielige Streitäxte neben sich, die Wächter und spielten Würfel. Sie waren ganz in ihr Spiel vertieft und gaben nicht auf den Jungen acht, der hastig an ihnen vorbeieilte.

Dicht am Tor war ein freier, mit glatten Steinfliesen gepflasterter Platz. Ringsum standen hohe, prachtvolle Häuser, und zwischen diesen öffneten sich lange, schmale Straßen.

Auf dem Platz vor dem Tor wimmelte es von Menschen. Die Männer trugen lange, pelzverbrämte Mäntel über seidenen Unterkleidern, federngeschmückte Barette saßen ihnen schräg auf dem Scheitel, und über die Brust herunter hingen ihnen wunderschöne Ketten. Alle waren herrlich gekleidet, es hätten lauter Fürsten sein können.

Die Frauen trugen spitze Hauben und lange Gewänder mit engen Ärmeln. Sie waren auch prächtig geschmückt, aber ihr Staat konnte sich bei weitem nicht mit dem der Männer messen.

Dies alles glich ja ganz den Bildern in dem alten Märchenbuch, das Mutter ab und zu einmal aus ihrer Truhe holte und ihm zeigte. Der Junge wollte seinen Augen nicht trauen.

Aber noch viel merkwürdiger als die Männer und die Frauen war die Stadt selbst. Jedes Haus hatte einen Giebel nach der Straße zu, und diese Giebel waren so reich verziert, daß man hätte glauben können, sie wollten miteinander wetteifern, welcher von ihnen am schönsten geschmückt sei.

Wer rasch viel Neues zu sehen bekommt, kann sich nachher nicht mehr an alles erinnern. Aber der Junge erinnerte sich später doch noch, daß er ausgezackte Giebel gesehen hatte, auf deren verschiedenen Absätzen die Figuren von Christus und den Aposteln standen, Giebel, die an beiden Seiten hinauf mit Figuren geschmückte Nischen hatten, dann wieder solche, die mit buntem Glas oder mit weißem und schwarzem Marmor eingelegt waren und die ihm gewürfelt und gestreift entgegenschimmerten.

Doch während der Junge alles dies bewunderte, wurde er von einer ihm selbst unbegreiflichen Hast überfallen. „So etwas haben meine Augen noch nie gesehen. So etwas werde ich meiner Lebtage nicht wieder sehen,“ sagte er sich. Und er begann in die Stadt hineinzulaufen, Straße auf, Straße ab, ohne anzuhalten. Die Straßen waren eng und schmal, aber durchaus nicht leer und düster wie in den Städten, die er bis jetzt gesehen hatte. Überall waren Menschen; alte Weiber saßen vor ihren Türen und spannen ohne Spinnrädchen, nur an der Kunkel. Die Warenlager der Kaufleute waren wie Marktbuden nach der Straße zu offen. An einem Platze wurde Tran gekocht, an einem andern wurden Häute gegerbt, an einem Wege war eine Seilerbahn.

Wenn der Junge nur Zeit gehabt hätte, ja dann hätte er hier alles mögliche lernen können! Er sah, wie die Waffenschmiede dünne Brustharnische hämmerten, wie die Goldschmiede Edelsteine in Ringe und Armbänder einsetzten, wie die Drechsler ihre Dreheisen handhabten, wie die Schuhmacher weiche rote Schuhe sohlten, wie der Goldspinner Goldfäden drehte und wie die Weber Seide und Gold in ihre Gewebe hineinwoben.

Aber der Junge hatte keine Zeit zum Verweilen. Er stürmte nur immer vorwärts, um so viel als möglich zu sehen, ehe alles wieder verschwinden würde.

Die Stadtmauer ging rund um die ganze Stadt herum und umschloß sie, gerade wie in Schweden die Steinmäuerchen die Äcker einfrieden. Am Ende jeder Straße sah man die Mauer turm- und zinnengekrönt hervorschauen. Und oben darauf wanderten Kriegsknechte umher in glänzendem Harnisch und blankem Helm.

Als der Junge die ganze Stadt durchquert hatte, kam er wieder an ein Stadttor. Da draußen lag das Meer und der Hafen. Hier sah der Junge altertümliche Schiffe mit Ruderbänken in der Mitte und mit hohen Aufbauten vorn und hinten. Lastträger und Kaufleute liefen eifrig hin und her. Überall war Leben, und alle hatten es eilig.

Aber auch hier erlaubte ihm seine innere Unruhe nicht, sich aufzuhalten. Er eilte wieder in die Stadt hinein und kam jetzt auf den großen Marktplatz. Hier lag die Domkirche mit drei hohen Türmen und tiefen, mit steinernen Figuren geschmückten Toren. Die Wände waren mit Bildhauerarbeit so reich verziert, daß auch nicht ein einziger Stein zu sehen war, der nicht seinen Schmuck gehabt hätte. Und welch eine Pracht schimmerte durch das offne Portal heraus! Goldne Kruzifixe, mit vergoldeter Schmiedearbeit verzierte Altäre und Priester in goldnen Meßgewändern! Der Kirche gerade gegenüber stand ein Haus mit Zinnen auf dem Dach und mit einem einzigen schlanken himmelhohen Turm. Das war wohl das Rathaus. Und von der Kirche bis zum Rathaus, rings um den ganzen Markt herum, standen die schönsten Giebelhäuser mit den mannigfaltigsten Verzierungen.

Die Stadt auf dem Meeresgrunde
Die Stadt auf dem Meeresgrunde

Der Junge hatte sich warm und müde gelaufen; er dachte, er habe nun so ziemlich das Merkwürdigste von der Stadt gesehen, und ging deshalb etwas langsamer weiter. Die Straße, in die er eben eingebogen war, das war gewiß die, wo die Stadtbewohner ihre prächtigen Kleider kauften. Die Leute drängten sich vor den kleinen Läden, wo die Kaufleute auf ihren Tischen starre, geblümte Seidenstoffe, dicken Goldbrokat, schillernden Samt, leichte, flockig gewobene seidene Tücher und spinnwebdünne Spitzen ausbreiteten.

Vorher, als der Junge so rasch gelaufen war, hatte niemand auf ihn acht gegeben. Die Leute hatten gewiß geglaubt, es springe nur eine graue Ratte vorbei. Aber jetzt, wo er ganz langsam durch die Straße dahinwandelte, gewahrte ihn einer der Kaufleute, und sogleich begann er ihm zu winken.

Der Junge wurde zuerst ängstlich und wollte davonlaufen; aber der Kaufmann winkte ihm nur, lachte ihm zu und breitete ein herrliches Stück Seidensamt auf seinem Tische aus, als ob er ihn damit herbeilocken wollte.

Der Junge schüttelte den Kopf. „Ich werde in meinem ganzen Leben nicht so reich sein, um auch nur einen Meter von diesem Stoff kaufen zu können,“ dachte er.

Aber jetzt hatte man ihn die ganze Straße entlang von jedem Laden aus bemerkt. Wohin er auch sah, überall stand ein Krämer und winkte ihm. Sie ließen ihre reichen Kunden stehen und dachten nur noch an ihn. Er sah, wie sie in den verstecktesten Winkel des Ladens liefen, um das Beste, was sie zu verkaufen hatten, hervorzuholen, und wie ihnen, während sie es auf den Tisch legten, vor Hast und Eifer die Hände zitterten.

Als der Junge nicht anhielt, sondern weiterging, sprang einer der Kaufleute über seinen Tisch weg, hielt ihn fest und breitete Silberbrokat und in allen Farben schillernde gewebte Tapeten vor ihm aus. Der Junge konnte nicht anders, als den guten Mann auslachen. Er hätte ihm doch ansehen müssen, daß ein so armer Schlucker wie er keine solchen Waren kaufen konnte. Er blieb stehen und streckte dem Krämer seine beiden leeren Hände hin, um den Leuten zu zeigen, daß er nichts besaß und daß sie ihn in Ruhe lassen sollten.

Da hob der Kaufmann einen Finger auf, nickte ihm zu und schob ihm den ganzen Haufen von herrlichen Waren hin.

„Kann er meinen, er wolle dies alles für ein einziges Geldstück verkaufen?“ fragte sich Däumling.

Der Kaufmann zog ein kleines abgegriffenes, schlechtes Geldstück heraus, das geringste, das es überhaupt gibt, und hielt es dem Däumling hin. Und in seinem Eifer, zu verkaufen, legte er noch zwei große silberne Becher auf den Haufen.

Da begann der Junge in seinen Taschen zu suchen. Er wußte zwar wohl, daß er nicht einen einzigen roten Heller besaß, aber unwillkürlich sah er doch nach.

Alle die andern Kaufleute sahen eifrig zu, wie der Handel ablaufen würde, und als sie den Jungen in seinen Taschen suchen sahen, sprangen sie über ihre Tische, ergriffen so viel Gold- und Silberschmuck, als ihre Hände zu fassen vermochten, und boten es ihm an. Und alle machten ihm Zeichen, daß sie als Bezahlung nichts weiter verlangten, als einen einzigen Heller.

Aber der Junge drehte seine Westen- und Hosentaschen um und um; er besaß nichts, gar nichts. Da traten allen diesen stattlichen Kaufleuten, die doch so viel reicher waren als er, die Tränen in die Augen, und der Junge fühlte sich seltsam bewegt, denn sie sahen gar so ängstlich aus. Er besann sich, ob er ihnen denn nicht auf irgend eine Weise helfen könnte, und da fiel ihm plötzlich die grünspanige Kupfermünze ein, die er vorhin am Strand gesehen hatte.

Sofort lief er in größter Eile die Straße hinunter; und er hatte Glück, denn er kam an dasselbe Tor, durch das er zuerst gegangen war. Er stürzte hinaus und suchte nach der Kupfermünze, die vorhin hier gelegen hatte.

Und richtig, da lag sie; aber als er sie aufgehoben hatte und mit ihr in die Stadt zurückeilen wollte, sah er nur noch das Meer vor sich. Keine Stadtmauer, kein Tor, keine Wächter, keine Straßen, keine Häuser waren mehr zu sehen, nichts, nichts als das Meer!

Unwillkürlich traten dem Jungen die Tränen in die Augen. Von Anfang an hatte er ja alles, was er gesehen hatte, für eine Gesichtstäuschung gehalten, aber nachher hatte er dies ganz vergessen, und nur noch daran gedacht, wie schön alles sei; und jetzt, wo die Stadt verschwunden war, fühlte er sich aufs tiefste betrübt.

In demselben Augenblick erwachte Herr Ermenrich und ging zu Däumling hin. Aber der Junge hörte ihn nicht, und der Storch mußte ihn mit dem Schnabel anstoßen, um sich bemerklich zu machen. „Ich glaube, du hast ebenso fest geschlafen wie ich,“ sagte er.

„Ach, Herr Ermenrich,“ sagte Däumling. „Was war das für eine Stadt, die eben hier stand?“

„Hast du eine Stadt gesehen?“ erwiderte der Storch. „Du hast geschlafen und geträumt, ich hab es ja gesagt.“

„Nein, ich habe nicht geschlafen,“ sagte Däumling. Und er erzählte dem Storch alles, was er erlebt hatte.

Da sagte Herr Ermenrich: „Was mich selbst anbetrifft, so glaube ich doch, daß du hier am Strande geschlafen und alles dies geträumt hast. Aber ich will dir nicht verschweigen, daß Bataki, der Rabe, der der gelehrteste von allen Vögeln ist, mir einmal erzählt hat, hier habe einst eine Stadt gestanden, namens Vineta. Diese Stadt sei über die Maßen reich und schön gewesen, und keine einzige Stadt auf der Welt habe sich mit ihr vergleichen können. Aber unglücklicherweise seien ihre Einwohner hochmütig und prunksüchtig geworden. Und,“ fuhr der Storch fort, „Bataki sagt, zur Strafe dafür sei Vineta von einer Sturmflut überschwemmt und ins Meer hinab versenkt worden. Ihre Einwohner aber dürften nicht sterben und auch ihre Stadt nicht zerstören. Nur alle hundert Jahre einmal dürfe diese in all ihrer Pracht aus dem Meere aufsteigen und liege dann genau eine Stunde lang auf dem Festlande.“

„Ja, das muß wahr sein,“ sagte Däumling, „denn ich habe sie gesehen.“

„Aber wenn die Stunde vorübergegangen und es während dieser Zeit niemand in Vineta gelungen sei, irgend etwas an ein lebendes Wesen zu verkaufen, dann versinke die Stadt wieder ins Meer. Wenn du, Däumling, auch nur ein einziges, noch so ärmliches Geldstück gehabt hättest, um den Kaufmann zu bezahlen, dann hätte Vineta am Strande liegen bleiben dürfen, und deren Menschen hätten wie andre Menschen leben und sterben dürfen.“

„Ach, Herr Ermenrich,“ sagte der Junge, „jetzt weiß ich, warum Sie mitten in der Nacht gekommen sind und mich geholt haben. Sie glaubten, ich könne die alte Stadt retten. Ach, Herr Ermenrich, ich bin tief betrübt, daß es mir nicht gelungen ist!“

Er verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte; und man hätte kaum sagen können, welcher von den beiden betrübter aussah, der Junge oder Herr Ermenrich.

Die lebendige Stadt

Montag, 11. April

Am Ostermontag waren die Wildgänse mit Däumling wieder auf der Reise und flogen jetzt über Gotland hin. Die große Insel lag flach und gleichmäßig unter ihnen, der Erdboden war ganz so wie in Schonen, und sie sahen viele Kirchen und Bauernhöfe. Der Unterschied aber war, daß hier zwischen den Feldern viele Baumwiesen prangten und daß die Höfe nicht im Viereck gebaut waren. Und große Herrensitze mit alten, von reichen Parkanlagen umgebenen Schlössern und Türmen gab es auf Gotland gar nicht.

Däumlings wegen hatten die Wildgänse den Weg über Gotland gewählt, denn der arme Junge war nun schon zwei Tage lang sehr niedergedrückt.

Ohne Aufhören sah er jene Stadt vor sich, die sich ihm auf so merkwürdige Weise gezeigt hatte. Er konnte an nichts andres denken als an diese schönen Gebäude und prächtigen Menschen. „Ach, wenn es mir doch gelungen wäre, dies alles dem Leben zurückzugeben!“ dachte er. „Welch ein Unglück ist es doch, daß so viel Schönes auf dem Grunde des Meeres liegen soll!“

Akka und der Gänserich hatten sich alle Mühe gegeben, Däumling zu überzeugen, daß dieses Erlebnis ein Traum oder eine Gesichtstäuschung gewesen sei; aber davon wollte der Junge nichts hören. Er war ganz sicher, alles selbst gesehen zu haben, und niemand konnte ihn von seiner Überzeugung abbringen. Tiefbetrübten Herzens ging er umher, und schließlich wurden seine Reisegefährten besorgt um ihn.

Doch plötzlich, gerade als der Junge am allerniedergeschlagensten gewesen war, kam die alte Kaksi dahergeflogen. Sie war von dem Sturm nach Gotland verschlagen worden und hatte über die ganze Insel hinfliegen müssen, bis sie erfuhr, wo sich ihre Reisegefährten befanden. Als sie nun auf der Kleinen Karlsinsel eintraf und hörte, was Däumling fehlte, sagte sie plötzlich:

„Wenn Däumling über eine alte Stadt trauert, dann kann ich ihn schnell trösten. Kommt nur mit mir, ich zeige ihm einen Ort, den ich gestern gesehen habe, und dann braucht er nicht länger betrübt zu sein.“

Darauf hatten sich die Gänse von den Schafen verabschiedet, und jetzt waren sie auf dem Wege nach dem Ort, den Kaksi dem Däumling zeigen wollte. Und so betrübt er auch war, so konnte er es doch nicht lassen, auf das Land hinunterzusehen, über das sie eben hinflogen.

Da kam es ihm vor, als ob diese Insel von Anfang an eine ebenso hohe, steile Klippe gewesen sein müsse, wie die Karlsinsel, nur natürlich viel, viel größer. Aber später mußte sie auf irgend eine Weise platt gedrückt worden sein. Irgend jemand hatte wohl ein großes Wellholz genommen und war damit über die Insel hingefahren wie über ein Stück Teig; er hatte aber diese Arbeit nicht solange fortgesetzt, bis alles vollständig glatt und eben geworden war wie ein Fladen, denn als die Gänse dem Ufer entlang flogen, sah der Junge an mehreren Stellen hohe weiße Kalkwände mit Grotten und Felsenpfeilern; aber an den meisten Stellen war die Insel doch plattgedrückt, und der Strand fiel flach gegen das Meer ab.

Die Schar verbrachte einen schönen, friedlichen Sonntagnachmittag auf dem Festland. Das Wetter war so recht behaglich warm wie an einem Sommertag, die Bäume waren mit großen Knospen wie übersät, und die Frühlingsblumen bedeckten die Wiesen wie mit einem Teppich, die langen, schlanken Kätzchen der Pappelbäume schwankten, und in den Gärtchen, die jedes noch so kleine Häuschen umgaben, prangten die Stachelbeerbüsche im schönsten Grün.

Die Wärme und das Knospen und Blühen allüberall hatten die Menschen auf Wege und Stege herausgelockt; wo immer eine kleine Anzahl versammelt war, wurde gespielt, und zwar nicht allein von Kindern, sondern auch von Erwachsenen. Sie warfen um die Wette mit Steinen nach einem bestimmten Ziel und schlugen Bälle in so großen Bogen in die Luft hinauf, daß sie die Wildgänse fast erreichten. Es sah sehr lustig und hübsch aus, große Leute so spielen zu sehen, und der Junge hätte sich sicherlich darüber gefreut, wenn ihm nicht so sehr betrübt zumute gewesen wäre.

Aber er mußte doch zugeben, daß dies ein schöner Ausflug war. Überall sang und klang es fröhlich durch die Luft. Kleine Kinder spielten Ringelreihen und sangen dazu. Und die Heilsarmee war auch unterwegs. Der Junge sah eine ganze Menge schwarz und rot gekleidete Menschen auf einem Waldhügel sitzen; es wurde Gitarre gespielt und auf Blechinstrumenten geblasen. Auf einer Straße kam eine große Schar Menschen daher. Das waren die Guttempler oder Antialkoholiker, der Junge erkannte sie an ihren großen flatternden Fahnen mit goldnen Inschriften. Sie sangen ununterbrochen ein Lied ums andre. Der Junge vernahm fortwährend den Schall ihrer Stimmen, solange er sich in Hörweite befand.

So oft der Junge später an Gotland dachte, mußte er immer gleich auch an Spiel und Tanz denken.

Lange hatte er still hinabgeschaut, als er zufällig die Augen aufschlug. Nein, wie erstaunte er da! Ohne daß er es gemerkt hatte, waren die Gänse von dem Innern der Insel in westlicher Richtung auf die Küste zugeflogen. Jetzt lag das weite, blaue Meer vor ihnen! Aber nicht das Meer erschien dem Jungen so merkwürdig, sondern eine Stadt, die dort an dem hohen Meeresstrand aufragte.

Die Gänseschar kam von Osten her, und die Sonne war im Untergehen, als sie die Stadt erreichte, deren Mauern und Türme und hohe Giebelhäuser und Kirchen sich vollständig schwarz von dem hellen Abendhimmel abhoben. Der Junge konnte deshalb nicht sehen, wie sie in Wirklichkeit beschaffen waren, und ein paar Augenblicke glaubte er, dies sei eine ebenso prächtige Stadt wie jene, die er in der Osternacht gesehen hatte.

Als er aber richtig in die Stadt hineinkam, da sah er, daß die Stadt hier jener auf dem Meeresgrunde ähnlich und unähnlich zugleich war. Es herrschte derselbe Unterschied zwischen ihnen, wie zwischen dem Aussehen eines Menschen, der an dem einen Tag in Purpur und mit reichem Schmuck angetan, am nächsten aber in dürftige Lumpen gehüllt ist.

Ja, diese Stadt hier hatte wohl auch einmal so ausgesehen wie jene, die er an der pommerschen Küste bewundert hatte. Diese hier war auch von einer Ringmauer mit Türmen und Toren umgeben. Aber die Türme der Stadt, die auf der Erde hatte bleiben dürfen, waren ohne Dächer, leer und öde. Die Torbogen hatten keine Türen, die Wächter und Kriegsknechte waren verschwunden, die ganze glänzende Pracht war dahin. Nur die nackten, grauen Mauern waren noch da.

Als der Junge weiter über die innre Stadt hinflog, sah er, daß sie zum größten Teil aus kleinen, niedrigen hölzernen Häusern bestand; nur da und dort fanden sich einige hohe Giebelhäuser und Kirchen, die noch aus der alten Zeit stammten. Die Giebelhäuser waren weiß angestrichen und ohne jeglichen Zierat. Aber weil der Junge so ganz kürzlich erst die versunkene Stadt gesehen hatte, glaubte er zu wissen, wie sie geschmückt gewesen waren: die einen mit Bildsäulen, andre mit schwarzem und weißem Marmor.

Und genau so war es auch bei den alten Kirchen. Die meisten von ihnen waren ohne Dach mit kahlen Mauern. Überall öde Fensterhöhlen, grasbewachsener, mit zerbrochenen Fliesen bedeckter Boden und mit Schlingpflanzen bewachsene Mauerreste! Aber jetzt wußte der Junge, wie diese Kirchen einstmals ausgesehen hatten: die Wände waren mit Bildwerken und Gemälden bedeckt gewesen, im Chor hatten Altäre und goldne Kreuze gestanden, und da und dort hatten Priester in goldgestickten Meßgewändern ihres Amtes gewaltet.

Der Junge sah auch die kleinen, jetzt am Sonntagabend fast menschenleeren Stadttore. O er wußte, wie es hier von prächtig gekleideten Menschen gewimmelt hatte! Er wußte, daß diese Tore wie große Werkstätten gewesen waren, wo alle Arten von Arbeitern gewirkt und geschafft hatten.

Aber was Nils Holgersson nicht sah, das war, daß diese Stadt auch heute noch schön und merkwürdig ist. Er sah weder die hübschen Häuschen in den hinteren Gäßchen, mit ihren geschwärzten Mauern, ihren weißen Hausecken und der roten Pelargonienpracht hinter den blitzblanken Fensterscheiben, noch die vielen prächtigen Gärten und Alleen, und ebensowenig die großartige Schönheit der mit Schlingpflanzen bewachsenen Ruinen. Seine Augen waren so erfüllt von der vergangenen Herrlichkeit, daß er an der gegenwärtigen nichts Gutes sehen konnte.

Die Wildgänse flogen ein paarmal über der Stadt hin und her, damit Däumling alles recht genau sehen könnte. Zuletzt ließen sie sich in einer Kirchenruine auf dem grasigen Boden nieder, um dort zu übernachten.

Als die Gänse schon schliefen, war Däumling immer noch wach und schaute durch das zertrümmerte Dachgewölbe zu dem blaßroten Abendhimmel empor. Nachdem er so eine Weile in Gedanken versunken war, beschloß er, sich nicht mehr darüber zu grämen, daß er die versunkene Stadt nicht hatte retten können.

Nein, jetzt wollte er nicht mehr trauern! Wenn die Stadt, die er gesehen hatte, nicht ins Meer versunken wäre, hätte sie vielleicht nach einiger Zeit ebenso arm und verfallen ausgesehen wie diese hier. Vielleicht hätte sie der Zeit und der Vergänglichkeit auch nicht widerstehen können, sondern wäre bald gewesen wie diese hier mit ihren Kirchen ohne Dächer, mit Häusern ohne Zierat und mit ihren einsamen leeren Gassen. Da war es doch besser, sie stand im Verborgnen dort unten in all ihrer Herrlichkeit.

„Es wird ja wohl so am besten sein, wie es gekommen ist,“ dachte er. „Ich glaube, selbst wenn ich die Macht hätte, die Stadt zu retten, würde ich es jetzt wohl nicht mehr tun.“

Von da an trauerte er nicht mehr über diese Sache. Und es gibt sicher viele, die so denken, weil sie noch jung sind. Aber wenn die Menschen alt werden und sich daran gewöhnt haben, sich mit wenigem zu begnügen, dann freuen sie sich mehr über das Visby, das da ist, als über das schöne Vineta auf dem Meeresgrund.

15
Die Sage von Småland

Dienstag, 12. April

Die Wildgänse waren gut übers Meer gekommen und hatten sich im nördlichen Småland im Tjuster Bezirk niedergelassen. Hier erstreckten sich überall Meeresarme weit ins Land hinein und teilten es in Inseln, in Halbinseln, in Landengen und Landzungen. Das Meer war so aufdringlich, daß schließlich nur noch die Hügel und Bergrücken vom Wasser unbedeckt blieben.

Als die Wildgänse vom Meer hereinflogen, war es Abend geworden, und das hügelige Land lag schön zwischen den glänzenden Fjorden vor ihnen. Da und dort sah der Junge Hütten und Häuser auf den Inseln; und je weiter man ins Land hineinkam, desto größer und besser wurden die Wohnstätten, schließlich wuchsen sie zu großen weißen Herrenhöfen heran. Am Ufer hin stand gewöhnlich eine Reihe Bäume, diesseits davon lagen Ackerfelder, und oben auf den kleinen Hügeln wuchsen aufs neue Bäume. Der Junge mußte unwillkürlich an Blekinge denken. Hier war wieder eine Gegend, wo Land und Meer auf so schöne und stille Weise zusammentrafen, sich gleichsam das Schönste und Beste, was sie hatten, zu zeigen.

Die Wildgänse ließen sich auf einem kahlen Holm weit drinnen im Gåsfjord nieder. Beim ersten Blick auf den Strand merkten sie, daß der Frühling große Fortschritte gemacht hatte, während sie sich auf den Inseln aufgehalten hatten. Die großen, prächtigen Bäume waren zwar noch nicht belaubt, aber die Wiesen darunter schimmerten in weiß, grün, gelb und blau. Die Gänse hielten verwundert an und überlegten, woher das wohl komme. Aber dann ging ihnen auf einmal ein Licht auf; die Wiesen waren mit weißen Anemonen, Krokus und Leberblümchen bedeckt.

Als die Wildgänse den Blumenteppich sahen, erschraken sie, denn sie fürchteten, sich am Ende zu lange in dem südlichen Teil des Landes aufgehalten zu haben, und Akka sagte sogleich, sie würden wohl keine Zeit haben, einen von den Ruheplätzen in Småland aufzusuchen. Schon am nächsten Morgen müßten sie über Ostgötland nordwärts weiterreisen.

Demgemäß würde also der Junge nicht viel von Småland sehen, und es fehlte nicht viel, so hätte er sich darüber gegrämt. Von keiner andern Landschaft hatte er nämlich so viel sprechen hören, als gerade von Småland, und er hatte sich sehr gewünscht, es einmal mit eignen Augen zu sehen.

Wie wir wissen, war er im letzten Sommer bei einem Bauern in der Nähe von Jordberga als Gänsejunge angestellt gewesen, und da war er beinahe jeden Tag mit ein paar armen Kindern aus Småland zusammengetroffen, die auch Gänse hüteten. Und diese Kinder hatten ihn mit ihrem Småland beständig geneckt und geärgert.

Aber es wäre unrecht gewesen, wenn er behauptet hätte, das Gänsemädchen Åsa habe ihn geärgert. Dazu war es viel zu klug. Nein, wer einen mit Absicht ärgern konnte, das war ihr Bruder Klein-Mats gewesen.

„Du, Gänsejunge Nils, weißt du, wie es ging, als Småland und Schonen erschaffen wurden?“ konnte er fragen. Und wenn dann Nils nein sagte, begann er schnell die witzige Geschichte über Småland zu erzählen.

„Ja, weißt du,“ begann er, „es geschah zu der Zeit, wo der liebe Gott die Welt erschuf. Während er mitten darin war, kam Sankt Petrus des Wegs daher. Er blieb bei dem lieben Gott stehen und sah ihm eine Weile zu, dann aber fragte er, ob das eine sehr schwierige Arbeit sei? ‚O ja, so ganz leicht ist es gerade nicht,‘ antwortete der liebe Gott. Sankt Petrus blieb noch eine Weile stehen, und als er merkte, mit welcher Leichtigkeit der liebe Gott ein Land ums andre herausarbeitete, bekam er Lust, es auch zu versuchen. ‚Möchtest du nicht ein wenig ausruhen?‘ sagte er zum lieben Gott. ‚Dann könnte ich indessen deine Arbeit übernehmen.‘ Aber das wollte der liebe Gott nicht. ‚Ich weiß nicht, ob du dich auf diese Kunst so gut verstehst, daß ich dich da weiterarbeiten lassen kann, wo ich aufhöre,‘ antwortete er. Da wurde Sankt Petrus ärgerlich und sagte, er getraue sich, ebenso gute Länder erschaffen zu können, wie der liebe Gott.

In diesem Augenblick war der liebe Gott gerade an der Erschaffung von Småland. Es war zwar noch nicht einmal halbfertig, aber es versprach ein unbeschreiblich schönes und fruchtbares Land zu werden. Da aber der liebe Gott Sankt Petrus nur schwer etwas abschlagen konnte und außerdem wohl auch dachte, was so gut begonnen worden sei, könne eigentlich niemand mehr verderben, sagte er: ‚Wenn es dir recht ist, wollen wir einmal versuchen, welcher von uns sich auf diese Art Arbeit am besten versteht. Da du noch ein Anfänger bist, sollst du an dem Land hier, das ich angefangen habe, weiterarbeiten, ich aber will ein neues schaffen.‘ Sankt Petrus ging gleich auf den Vorschlag ein, und jeder begann sofort an seinem Platz zu arbeiten.

Der liebe Gott rückte ein wenig südwärts und machte sich daran, Schonen zu erschaffen. Es dauerte auch gar nicht lange, da war er fertig. Nun wendete er sich an Sankt Petrus und fragte ihn, ob er fertig sei und ob er das neue Land betrachten wolle. ‚Ich habe meines schon lange in Ordnung,‘ sagte Sankt Petrus; und man hörte seiner Stimme an, wie zufrieden er mit seinem Werk war.

Als Sankt Petrus Schonen sah, mußte er zugeben, daß von diesem Land nur Gutes gesagt werden könne. Es war ein fruchtbares, leicht zu bebauendes Land mit großen Ebenen, wohin man sah, und kaum einer leichten Andeutung von Berg. Es sah aus, als habe sich der liebe Gott vorgenommen, dieses Land besonders gut zu machen, damit es den Leuten da wohl sei. ‚Ja, das ist ein gutes Land,‘ sagte Sankt Petrus, ‚aber ich glaube, meines ist doch noch besser.‘ – ‚Dann wollen wir es gleich einmal ansehen,‘ sagte der liebe Gott.

Als Sankt Petrus die Arbeit aufnahm, war das Land im Norden und Osten schon fertig gewesen, aber den südlichen und westlichen Teil und die ganze Mitte hatte er allein machen dürfen. Als nun der liebe Gott sah, was Sankt Petrus gearbeitet hatte, erschrak er so, daß er unwillkürlich anhielt und ausrief: ‚Aber was hast du nur gemacht, Sankt Petrus?‘

Sankt Petrus selbst sah ganz verdutzt drein. Er hatte sich eingebildet, für das Land könne nichts besser sein, als wenn es recht warm sei. Deshalb hatte er eine ungeheure Menge Steine und Berge aufgehäuft und ein Hochland zusammengemauert, in dem Glauben, daß er es dadurch näher an die Sonne heranbringe, und daß es alsdann recht viel Sonnenwärme bekomme. Auf die Steinhaufen hatte er eine dünne Lage Erde gebreitet, und dann war seiner Meinung nach alles aufs Beste bestellt gewesen.

Aber während er in Schonen gewesen war, waren ein paar starke Regengüsse niedergerauscht, und mehr hatte es nicht bedurft, um zu zeigen, wessen Arbeit die beste sei. Als der liebe Gott herzutrat, das Land zu betrachten, war alles Erdreich weggeschwemmt, und der nackte Gebirgsstock wurde überall sichtbar. Wo es noch am besten aussah, lag Lehm und schwerer Kies auf den Steinflächen, aber auch dies sah äußerst mager aus, und man begriff leicht, daß da kaum etwas andres als Wacholder und Fichten, Moos und Heidekraut wachsen könnte. Nur allein das Wasser war in reicher Menge vorhanden, denn das hatte alle die Schluchten unten in dem Gebirge gefüllt, und überall sah man Seen, Bäche und Flüsse, von den Mooren und Teichen, die sich über große Flächen ausbreiteten, gar nicht zu reden. Das ärgerlichste aber war, daß die einen Gegenden zu viel Wasser hatten, während in andern großer Mangel daran war; weite Felder lagen wie ausgetrocknete Heiden da, und der geringste Luftzug wirbelte ganze Wolken von Erde und Sand auf.

‚Was kannst du nur für eine Absicht gehabt haben, daß du dieses Land so erschaffen hast?‘ fragte der liebe Gott. Sankt Petrus entschuldigte sich und sagte, er habe das Land so hoch gebaut, damit es recht viel Sonnenwärme bekomme.

‚Aber dann bekommt es ja auch sehr viel Nachtkälte,‘ entgegnete der liebe Gott, ‚denn auch sie kommt vom Himmel herunter. Ich fürchte, das wenige, was da wachsen kann, wird erfrieren.‘

Daran hatte Sankt Petrus natürlich nicht gedacht.

‚Ja, das wird ein mageres, vom Frost heimgesuchtes Land sein,‘ sagte der liebe Gott. ‚Daran läßt sich nun nichts mehr ändern.‘“

Wenn Klein-Mats in seiner Erzählung so weit gekommen war, fiel ihm immer die Gänsehirtin Åsa ins Wort. „Ich kann es nicht leiden, Klein-Mats,“ sagte sie, „daß du Småland so elendiglich hinstellst. Du vergißt ganz, wieviel guter Boden doch da ist. Denk nur an den Mörebezirk am Sund von Kalmar! Ich möchte wohl wissen, ob es irgendwo üppigere Getreidefelder gibt? Dort liegt Acker an Acker, ganz wie hier in Schonen. Das ist ausgezeichneter Boden, und ich wüßte wirklich nicht, was dort nicht wachsen würde.“

„Ich kann nichts daran ändern,“ sagte Klein-Mats, „denn ich erzähle die Geschichte, wie ich sie selbst gehört habe.“

„Und ich habe viele Leute sagen hören, ein so schönes Küstenland wie Tjust gebe es nirgends mehr. Denk doch an die Buchten und die Holme und die Herrenhöfe und die Wälder!“

„Ja, das ist wohl wahr,“ gab Klein-Mats zu.

„Und weißt du nicht mehr, was die Lehrerin sagte? Eine so belebte, schöne Gegend wie das Stückchen von Småland, das südlich vom Wettern liegt, gebe es in ganz Schweden nicht mehr. Denk an den schönen See und an die gelben Strandberge, und an Grenna und Jönköping mit den Zündholzfabriken und an den Munksee, und denk doch nur an Huskvarna und an alle die großen Anlagen dort!“

„Ja, das ist wohl wahr,“ sagte Klein-Mats noch einmal.

„Und denk an Visingö, Klein-Mats, mit den Ruinen dort, und an den Eichenwald, und an alle die historischen Erinnerungen! Denk an das Tal, wo der Emfluß entspringt, mit allen den Ortschaften und Mühlen und Holzstoffabriken und Sägereien und Schreinerwerkstätten dort!“

„Ja, das ist alles wahr,“ sagte Klein-Mats mit ganz betrübtem Gesicht.

Aber plötzlich schaute er auf. „Sind wir aber dumm!“ rief er. „Das alles liegt ja in dem Småland des lieben Gottes, in dem Teil des Landes, der schon fertig war, als Sankt Petrus sich an die Arbeit machte. Es ist also ganz richtig, denn das sollte ja schön und prächtig sein. Aber in Sankt Petrus Småland sah es ganz so aus, wie es in der Sage heißt, und es wundert mich gar nicht, daß der liebe Gott betrübt war, als er es sah. Sankt Petrus verlor aber jedenfalls den Mut nicht, er versuchte im Gegenteil, den lieben Gott zu trösten. ‚Sei mir nicht böse,‘ bat er. ‚Warte nur, bis ich Menschen geschaffen habe, die die Moore urbar machen und die Bergrücken in Äcker umwandeln.‘

Aber jetzt war die Geduld des lieben Gottes doch schließlich erschöpft. ‚Nein, du magst hinuntergehen nach Schonen, das ich zu einem guten, fruchtbaren Land gemacht habe, und dort den Schonen schaffen, aber den Småländer, den überlaß mir.‘ Und dann erschuf der liebe Gott den Småländer und machte ihn klug und genügsam, froh und fleißig, unternehmend und tüchtig, damit er sich in dem armen Land seinen Unterhalt erwerben könne.“

Sobald Klein-Mats an diesem Punkt angekommen war, pflegte er aufzuhören, und wenn dann Nils Holgersson auch geschwiegen hätte, wäre alles gut gegangen; der aber konnte es nicht lassen, zu fragen, wie es denn Sankt Petrus bei der Erschaffung der Menschen gegangen sei.

„Ja, wie gefällst du dir selber?“ antwortete Klein-Mats mit so verächtlicher Miene, daß Nils Holgersson sofort über ihn herfiel, um ihn durchzubläuen. Aber Mats war nur ein kleiner Kerl, und die ein Jahr ältre Åsa lief rasch herbei, ihm zu helfen. So gutmütig sie sonst war, sobald jemand dem Bruder zu nahe kam, fuhr sie auf wie eine Löwin. Nils Holgersson aber wollte sich nicht mit einem Mädel balgen, deshalb kehrte er den Geschwistern den Rücken und ging seiner Wege und schaute den ganzen Tag hindurch nicht ein einziges Mal nach der Seite, wo sich die småländischen Kinder befanden.

16
Die Krähen

Der tönerne Topf

In der südöstlichen Ecke von Småland liegt der Bezirk Sunnerbo. Dort ist aber ganz ebner, gleichmäßiger Boden, und wer diesen Bezirk im Winter sieht, kann sich nichts andres denken, als daß sich unter dem Schnee umgepflügte Brachfelder, grüne Roggenäcker und abgemähte Kleewiesen ausbreiten, wie es im Flachland zu sein pflegt. Aber wenn der Schnee in Sunnerbo im Anfang April endlich schmilzt, dann zeigt es sich, daß das, was grün darunter liegen sollte, nichts als trockne, sandige Heiden, nackte Felskuppen und große, sumpfige Moore sind. Wohl gibt es da und dort auch Äcker, aber sie sind so klein, daß man sie kaum bemerkt; und kleine graue oder rote Bauernhütten sind wohl auch da, aber meistens sind sie in einem Buchenwäldchen ganz versteckt, als ob sie Angst hätten, sich zu zeigen.

Wo der Sunnerboer Bezirk mit der Grenze von Halland zusammenstößt, liegt eine Sandheide, die so groß ist, daß jemand, der auf der einen Seite steht, nicht bis zum andern Ende sehen kann. Auf der ganzen Ebene wächst nichts als Heidekraut, und man könnte wohl auch schwerlich etwas andres dort zum Wachsen bringen. Zu allererst müßte man dann das Heidekraut ausrotten; denn obgleich dieses nur einen kleinen, verkrüppelten Stamm, kleine verkrüppelte Zweige und trockne, verkrüppelte Blätter hat, bildet es sich doch ein, es sei ein Baum, und beträgt sich demgemäß ganz wie die wirklichen Bäume, breitet sich waldartig über weite Strecken aus, hält treulich zusammen und will nicht leiden, daß andre kleine und große Gewächse in seinen Bereich eindringen.

Die einzige Stelle auf der Heide, wo das Heidekraut nicht Alleinherrscher sein kann, ist ein niedriger, steiniger Bergrücken, der sich mitten über das Heideland hinzieht. Da gibt es Wacholderbüsche, Ebereschen und mehrere große, schöne Buchen. Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, war auch eine Hütte mit einem kleinen Stück gepflügten Landes dort, aber die Leute, die da gewohnt hatten, waren aus dem einen oder andern Grunde weggezogen. Die kleine Hütte stand leer, und die Äcker lagen unbebaut.

Beim Verlassen ihrer Hütte hatten die Menschen zwar vorsorglich die Ofenklappe zugemacht, die Fensterhaken angelegt und die Tür verschlossen. Aber sie hatten nicht daran gedacht, daß eine Fensterscheibe zerschlagen und die Öffnung nur mit einem Lappen verstopft war. Nach ein paar tüchtigen Sommerregen war der Lappen verfault und zusammengesunken; und schließlich war es einer Krähe gelungen, ihn wegzupicken.

Der Bergrücken auf der Heide war nämlich nicht so einsam, wie man annehmen könnte, sondern er war von einem großen Volke Krähen bewohnt, das aber natürlich nicht das ganze Jahr hindurch seinen Aufenthalt da hatte. Im Winter zogen die Krähen ins Ausland, im Herbst flogen sie von einem Acker zum andern im ganzen Götaland umher und pickten Saatkörner auf, im Sommer zerstreuten sie sich auf die Höfe im Bezirk Sunnerbo und lebten von Eiern, Beeren und jungen Vögeln; aber in jedem Frühling, wenn sie Nester bauen und Eier legen wollten, kehrten sie auf dieses mit Heidekraut bewachsene Heideland zurück.

Die Krähe, die den Lappen aus dem Fenster herausgepickt hatte, hieß Garm Weißfeder, wurde aber nie anders als Fumle oder Drumle oder schlechtweg Fumle-Drumle genannt, weil sie sich immer dumm und ungeschickt anstellte und zu nichts zu gebrauchen war, als daß man sich über sie lustig machte. Fumle-Drumle war größer und stärker als alle die andern Krähen, aber das half ihr gar nichts, die andern trieben nach wie vor ihren Spott mit ihr. Und auch das half ihr nichts, daß sie aus sehr vornehmem Geschlecht stammte. Von Rechts wegen hätte sie sogar der Anführer der ganzen Schar sein müssen, weil diese Würde von Urzeiten her dem Ältesten der Weißfeder zu eigen gewesen war. Aber lange, ehe Fumle-Drumle zur Welt kam, hatte ihre Familie die Macht verloren, und diese gehörte jetzt einer grausamen wilden Krähe, namens Wind-Eile.

Der Herrscherwechsel aber stammte daher, daß die Krähen auf dem Krähenbergrücken beschlossen hatten, ihre Lebensweise zu ändern. Viele werden wohl glauben, alles, was Krähe heiße, lebe auf ein und dieselbe Weise, aber dies ist ganz unrichtig. Es gibt ganze Krähenvölker, die ein ehrenwertes Leben führen, das heißt, sich nur von Samenkörnern, Würmerlarven und schon gestorbenen Tieren nähren. Und es gibt andre, die ein wahres Räuberunwesen treiben; diese fallen über junge Hasen und kleine Vögel her und rauben jedes Vogelnest aus, das sie nur entdecken können.

Die alten Weißfeder waren streng und mäßig gewesen; und so lange sie die Anführer waren, hatten die Krähen sich so aufführen müssen, daß ihnen die andern Vögel nichts Böses nachsagen konnten. Aber die Krähen waren sehr zahlreich; es herrschte große Armut bei ihnen, und sie brachten es auf die Dauer nicht fertig, einen so strengen Wandel zu führen. Sie empörten sich deshalb gegen die Weißfeder und gaben die Macht einem Krähenmann namens Wind-Eile, der der schlimmste Räuber und Nestplünderer war, den man sich denken konnte, wenn nicht sein Weib, die Wind-Kåra, schließlich noch schlimmer war. Unter der Anführerschaft dieser beiden hatten sich die Krähen einem solchen Lebenswandel hingegeben, daß sie jetzt mehr gefürchtet waren als Habichte und Eulen.

Fumle-Drumle wurde natürlich keine Stimme eingeräumt. Die ganze Schar erklärte einstimmig, er schlage nicht im geringsten seinen Vorfahren nach und passe ganz und gar nicht zum Anführer. Es wäre überhaupt nicht von ihm gesprochen worden, wenn er nicht immer neue Dummheiten gemacht hätte. Einige besonders kluge sagten allerdings bisweilen, es sei vielleicht ein Glück für Fumle-Drumle, daß er ein so unbeholfener Tropf sei, sonst hätten Wind-Eile und Kåra es nicht gewagt, diesen Abkömmling des alten Häuptlingsgeschlechtes in der Schar bleiben zu lassen.

Jetzt waren diese beiden im Gegenteil sehr freundlich gegen Fumle-Drumle und nahmen ihn gern mit auf ihre Jagdzüge; da konnten dann alle andern sehen, daß sie viel geschickter und kühner waren als der gute Fumle-Drumle.

Keine von den Krähen wußte, daß Fumle-Drumle den Lappen aus der zerbrochenen Fensterscheibe herausgepickt hatte, und wenn sie es gewußt hätten, würden sie sich aufs höchste darüber verwundert haben. Die Keckheit, sich einer menschlichen Wohnung zu nähern, hätten sie Fumle-Drumle nie zugetraut. Fumle-Drumle behielt die Sache auch vollständig für sich, und dazu hatte er seine guten Gründe. Wind-Eile und Kåra behandelten ihn zwar bei Tage und in Gegenwart der andern immer gut, aber in einer sehr dunklen Nacht, als die Krähen schon auf ihren Zweigen aufgesessen waren, war er plötzlich von ein paar Krähen überfallen und beinahe ermordet worden. Von da an begab er sich jeden Abend, nachdem es dunkel geworden war, von seinem gewohnten Schlafplatz in die Hütte hinein.

Da geschah es, daß die Krähen, nachdem sie schon ihre Nester auf dem Krähenberge in Ordnung gebracht hatten, einen merkwürdigen Fund machten. Eines Nachmittags waren Wind-Eile, Fumle-Drumle und ein paar andre in ein großes, an dem einen Ende der Heide liegendes Loch im Boden hinabgeflogen. Dieses Loch war nichts weiter als eine Kiesgrube, aber die Krähen konnten sich mit einer so einfachen Erklärung nicht zufrieden geben; sie flogen beständig hinein und drehten jedes Sandkorn um, weil sie gar zu gern gewußt hätten, warum die Menschen diese Grube gemacht hatten. Während sie so eifrig beschäftigt waren, stürzte plötzlich eine Masse Kies von der einen Seite herunter. Die Krähen liefen erregt dorthin, und das Glück wollte es, daß zwischen den herabgestürzten Steinen und dem Kies ein ziemlich großer tönerner, mit einem Holzdeckel verschlossener Topf lag. Sie wollten natürlich wissen, ob etwas darin sei, versuchten auch, ein Loch in den Topf zu hacken und den Deckel aufzumachen; aber keins von beiden gelang ihnen.

Ganz ratlos standen sie um den Topf herum und betrachteten ihn, als sie plötzlich eine Stimme hörten: „Soll ich kommen und euch helfen, ihr Krähen?“ Sie schauten hastig auf, und da, am Rande der Grube, saß ein Fuchs, der zu ihnen herunterschaute. Der Fuchs war, was Farbe und Gestalt betraf, einer der schönsten Füchse, den die Krähen je gesehen hatten. Sein einziger Schönheitsfehler war, daß er ein Ohr verloren hatte.

„Wenn du Lust hast, uns eine Gefälligkeit zu erweisen,“ sagte Wind-Eile, „werden wir nicht nein sagen.“ Gleichzeitig aber flog sie aus der Grube heraus, und die andern Krähen folgten ihr eilig nach. Der Fuchs hüpfte an ihrer Statt hinunter, biß an dem Topf herum und zog am Deckel, aber auch er konnte ihn nicht öffnen.

„Kannst du dir denken, was darin ist?“ fragte Wind-Eile.

Der Fuchs rollte den Topf hin und her und horchte aufmerksam. „Silbermünzen sinds gewiß und wahrhaftig, lauter silberne Münzen sinds!“ sagte er.

Das war mehr, als die Krähen erwartet hatten. „Meinst du wirklich, es könnte Silber sein?“ fragten sie, und ihre Augen funkelten vor Begierde; denn so merkwürdig es auch klingen mag, es gibt auf der Welt nichts, was die Krähen mehr lieben, als Silbermünzen.

„Hört nur, wie sie klirren!“ sagte der Fuchs und rollte den Topf noch einmal hin und her. „Ich weiß nur nicht, wie wir dazu kommen sollen.“

„Nein, das ist wohl unmöglich,“ seufzten die Krähen.

Der Fuchs rieb sich den Kopf mit der linken Pfote und überlegte. Vielleicht könnte es ihm jetzt mit Hilfe der Krähen gelingen, diesen Knirps, der ihm immer wieder entging, in seine Gewalt zu bekommen. „Ich wüßte wohl einen, der uns den Topf öffnen könnte,“ sagte der Fuchs schließlich.

„Wen? Wen?“ riefen die Krähen, und in ihrem Eifer flatterten sie wieder in die Grube hinab.

„Das will ich euch sagen, wenn ihr mir versprecht, ihn mir nachher auszuliefern,“ sagte der Fuchs.

Und nun erzählte er den Krähen von Däumling und sagte, wenn sie ihn auf die Heide hier herausbringen könnten, würde der ihnen den Topf sicher öffnen können. Aber als Lohn für diesen Rat verlange er, daß ihm Däumling überlassen werde, sobald er den Krähen die Silbermünzen verschafft hätte. Die Krähen hatten keinen Grund, Däumling zu verschonen, und gingen ohne weitres auf die Bedingung ein.

Dies alles war leicht zu vereinbaren gewesen, schwerer aber war es, zu erfahren, wo der Däumling und die Wildgänse sich befanden. Wind-Eile machte sich selbst mit fünfzehn Krähen auf den Weg und sagte, er werde bald wieder zurück sein. Aber ein Tag um den andern verging, ohne daß die Krähen auf dem Krähenhügel auch nur einen Schein von ihm gesehen hätten.

Von den Krähen geraubt

Mittwoch, 13. April

Beim ersten Morgengrauen waren die Wildgänse draußen, um sich etwas Nahrung zu verschaffen, ehe sie die Reise nach Ostgötland antraten. Der Holm in der Gåsbucht, wo sie geschlafen hatten, war klein und kalt, aber im Wasser ringsum wuchsen allerlei Gewächse, an denen sie sich sättigen konnten. Der Junge war schlimmer daran, er suchte vergeblich etwas Eßbares für sich.

Als er sich nun hungrig und in der Morgenkühle schnatternd nach allen Seiten umsah, fiel sein Blick auf ein paar Eichhörnchen, die auf einer mit Bäumen bestandenen Landzunge gerade vor der kleinen Felseninsel spielten. Da dachte er, die Eichhörnchen hätten vielleicht noch etwas von ihrem Wintervorrat übrig, und er bat den weißen Gänserich, ihn auf die Landzunge hinüberzubringen, er wolle die Eichhörnchen um ein paar Haselnüsse bitten.

Der große Weiße schwamm gleich mit ihm über die Meerenge; aber zum Unglück waren die Eichhörnchen von ihrem Spiel vollständig in Anspruch genommen, sie jagten einander von Baum zu Baum und nahmen sich keine Zeit, den Jungen anzuhören, sondern zogen sich im Gegenteil immer tiefer ins Gebüsch hinein. Der Junge lief ihnen eilig nach und war bald aus dem Gesichtskreis des Gänserichs verschwunden, der ruhig am Strande liegen geblieben war.

Der Junge watete durch einige Wiesen, wo die Anemonen so hoch standen, daß sie ihm beinahe bis zum Kinn reichten, da fühlte er sich plötzlich hinten angefaßt, und es wurde der Versuch gemacht, ihn aufzuheben. Rasch wendete er sich um; da sah er, daß ihn eine Krähe am Halskragen gepackt hatte. Er versuchte sich loszureißen; aber ehe ihm dies gelang, eilte noch eine Krähe herbei, biß sich in einem von seinen Strümpfen fest und riß ihn zu Boden.

Wenn der Junge sogleich um Hilfe geschrieen hätte, wäre es dem Gänserich wohl gelungen, ihn zu befreien, aber der Junge dachte wahrscheinlich, mit ein paar Krähen müsse er es allein aufnehmen können. Er schlug und stieß um sich; aber die Krähen ließen nicht los, und es gelang ihnen auch wirklich, ihre Beute mit sich in die Luft hinaufzunehmen. Sie gingen aber dabei so unvorsichtig zu Werke, daß der Kopf des Jungen gegen einen Baum stieß. Er bekam einen starken Schlag auf den Wirbel; es wurde ihm schwarz vor den Augen, und er verlor das Bewußtsein.

Als der Junge die Augen wieder aufschlug, befand er sich hoch über der Erde. Nur langsam kehrte ihm das Gedächtnis zurück, und im Anfang wußte er weder, wo er war, noch was er sah. Als er unter sich schaute, glaubte er, da unten sei ein ungeheuer großer wolliger Teppich ausgebreitet, der in den unregelmäßigsten Mustern von grün und blau gewebt war. Es war ein sehr dicker, prachtvoller Teppich, aber der Junge dachte: „Wie schade, daß er so verdorben ist!“ Denn der Teppich sah geradezu zerfetzt aus, lange Risse liefen mitten hindurch, und an einigen Stellen waren große Stücke weggerissen. Das merkwürdigste aber war, daß der Teppich über einen Spiegel ausgebreitet zu sein schien, denn da, wo die Löcher und Risse waren, schimmerte helles, glänzendes Spiegelglas hervor.

Das nächste, was der Junge sah, war die aufgehende Sonne, die sich jetzt über dem Horizont zeigte, und siehe da, der Spiegel unter den Löchern und Rissen in dem Teppich begann plötzlich in rotem und goldnem Glanze zu schimmern. Das sah prachtvoll aus, und der Junge freute sich über das schöne Farbenspiel, obgleich er nicht recht begriff, was er eigentlich sah. Aber jetzt begannen die Krähen abwärts zu fliegen, und auf einmal entdeckte er, daß der große Teppich unter ihm die mit grünen Nadelholzwäldern und braunen, kahlen Laubwäldern bedeckte Erde war, die Löcher und Risse aber lauter glänzende Fjorde und kleine Seen waren.

Und nun fiel ihm ein, daß er, als er das erstemal auf dem Gänserücken durch die Luft geflogen war, geglaubt hatte, der Erdboden in Schonen sei ein gewürfeltes Tuch. Doch dieses Land hier, das wie ein zerrissener Teppich aussah, wie mochte es wohl heißen?

Eine Menge Fragen gingen ihm durch den Kopf. Warum saß er nicht auf dem Rücken des weißen Gänserichs? Warum flog ein großer Schwarm um ihn her? Und warum wurde er hierher und dorthin gezerrt und geschleudert, so daß er fast hinunterfiel?

Doch plötzlich wurde ihm alles klar. Er war von ein paar Krähen geraubt worden. Der weiße Gänserich lag noch am Strand und wartete auf ihn, und die Wildgänse wollten heute noch nach Ostgötland weiterreisen; ihn selbst aber brachte man fort. Südwestwärts ging es; das erkannte er daran, daß er die Sonnenscheibe hinter sich hatte. Ja, und der große Wälderteppich dort drunten mußte Småland sein.

„Wie wird es dem weißen Gänserich nun gehen, wenn ich nicht mehr für ihn sorgen kann?“ dachte der Junge. Er begann den Krähen zuzurufen, sie sollten ihn sogleich zu den Wildgänsen zurückbringen. Seiner selbst wegen war er jedoch nicht im geringsten beunruhigt, er glaubte, die Krähen hätten ihn aus reinem Mutwillen mitgenommen.

Die Krähen aber richteten sich ganz und gar nicht nach seinen Befehlen, sondern flogen so schnell als möglich weiter. Aber nach einer Weile schlug eine mit den Flügeln auf eine Art, die bei den Krähen bedeutet: „Seht euch vor! Gefahr!“ Sogleich tauchten alle in einen Fichtenwald unter und drangen zwischen riesigen Zweigen hindurch bis hinunter auf den Waldboden. Hier angekommen, setzten sie den Jungen unter einer dichten Fichte nieder, wo er so gut verborgen war, daß ihn nicht einmal der Blick eines Falken hätte entdecken können.

Die Schnäbel auf den Jungen gerichtet, stellten sich fünfzehn Krähen als Wache um ihn herum. „Nun, ihr Krähen, werde ich jetzt vielleicht erfahren, warum ihr mich geraubt habt?“ fragte der Junge.

Aber er hatte kaum ausgeredet, als ihn auch schon eine große Krähe anzischte: „Schweig! Oder ich hacke dir die Augen aus!“

Und mit diesem Ausspruch war es der Krähe sicherlich Ernst, darüber konnte kein Zweifel herrschen; dem Jungen blieb also nichts andres übrig, als zu gehorchen. Schweigend saß er da und starrte die Krähen an, und die Krähen starrten ihn an.

Aber je länger er sie betrachtete, desto weniger gefielen sie ihm. Ihr Federkleid war schrecklich schmutzig und schlecht geputzt, ganz als ob die Krähen von einem Bad oder von Einölen gar nichts wüßten. An ihren Zehen und Klauen klebte vertrocknete Erde, und in den Schnabelwinkeln saßen Speisereste. Das war ein andrer Schlag Vögel als die Wildgänse, das sah der Junge wohl. Sie hatten ein grausames, habsüchtiges, gieriges und freches Aussehen, ganz wie richtige Räuber und Landstreicher.

„Da bin ich ja wohl unter ein echtes Räuberpack geraten,“ dachte der Junge.

In demselben Augenblick hörte er den Lockruf der Wildgänse über sich: „Wo bist du? Hier bin ich! Wo bist du? Hier bin ich!“

Er erriet, daß Akka und die andern auf der Suche nach ihm waren; aber ehe er antworten konnte, zischte die große Krähe, die der Anführer der Bande zu sein schien, ihm ins Ohr: „Denk an deine Augen!“ Und es blieb ihm nichts andres übrig, als zu schweigen.

Die Wildgänse hatten wohl keine Ahnung, daß der Junge ihnen so nahe war; sie waren gewiß nur zufällig über diesen Wald hingeflogen, denn der Junge hörte sie nur noch ein paarmal rufen, dann verstummten sie. „Ja, nun mußt du dir selbst helfen, Nils Holgersson!“ sagte er zu sich selbst. „Nun mußt du zeigen, ob du während der in der Wildnis verbrachten Wochen etwas gelernt hast.“

Nach einer Weile machten die Krähen Anstalt, aufzubrechen; sie hatten offenbar die Absicht, den Jungen noch weiter mitzunehmen, und zwar wieder so, daß ihn die eine am Hemdkragen, die andre am Strumpf festhielt. Doch da sagte der Junge: „Ist denn keine unter euch stark genug, mich auf ihrem Rücken zu tragen? Ihr habt mich schon so mißhandelt, daß ich wie gerädert bin. Laßt mich doch reiten, ich werde mich gewiß nicht hinabstürzen, das verspreche ich.“

„Glaube nur nicht, daß wir uns darum kümmern, wie es dir geht,“ sagte der Anführer.

Aber jetzt kam die größte von den Krähen herbei; sie hatte eine weiße Feder im Flügel und sagte: „Es wäre gewiß besser für uns alle, Wind-Eile, wenn wir Däumling ganz und nicht halb an Ort und Stelle brächten, deshalb will ich versuchen, ihn auf meinem Rücken zu tragen.“

„Wenn du es kannst, Fumle-Drumle, dann hab ich nichts dagegen,“ sagte Wind-Eile. „Aber verliere ihn ja nicht!“

Damit war schon viel gewonnen, und der Junge war wieder ganz vergnügt. „Den Mut brauche ich noch nicht zu verlieren, weil mich die Krähen geraubt haben,“ dachte er. „Mit diesen Gaunern werde ich schon fertig werden.“

Die Krähen flogen in südwestlicher Richtung immer weiter über Småland hin. Es war ein herrlicher, sonniger, warmer Morgen, die Vögel auf der Erde drunten gingen alle auf Freiersfüßen, sie sangen und zwitscherten ihre zärtlichsten Weisen. In einem hohen, dunklen Wald, hoch droben in dem Wipfel einer Fichte, saß eine Drossel mit herabhängenden Flügeln und aufgeblähtem Hals und sang ein Mal ums andre: „Ach, wie schön bist du! Wie wunderbar schön bist du! Niemand ist so schön wie du!“ Und sobald sie mit diesem Liede zu Ende war, fing sie wieder von vorn an.

Aber gerade zu der Zeit flog der Junge über den Wald hin, und nachdem er das Lied ein paarmal mit angehört hatte und merkte, daß die Drossel sonst keines konnte, hielt er beide Hände wie eine Trompete vor den Mund und rief hinab: „Das haben wir schon früher gehört! Das haben wir schon früher gehört!“

„Wer macht sich über mein Lied lustig?“ fragte die Drossel und versuchte den Sprecher zu entdecken.

„Der von den Krähen Geraubte ist es!“ antwortete der Junge.

Da wendete der Krähenhäuptling den Kopf und sagte: „Hüte deine Augen, Däumling!“

Aber der Junge dachte: „Ach, was kümmere ich mich darum! Nun gerade will ich dir zeigen, daß ich mich nicht fürchte!“

Immer weiter ins Land hinein ging es, und überall gab es Wälder und Seen. Auf einem von Birken eingefriedigten Weideplatze saß die Waldtaube auf einem kahlen Zweige, und vor ihr stand der Täuberich. Er blies die Federn auf, verdrehte den Hals, wiegte den Körper auf und ab, so daß die Brustfedern den Zweig streiften, und dazwischen gurrte er: „Du, du, bist die schönste im Walde! Keine im Walde ist so schön wie du, du, du!“

Aber oben in den Lüften flog der Junge vorüber, und als er den Täuberich hörte, konnte er sich nicht still verhalten. „Glaub ihm nicht! Glaub ihm nicht!“ rief er hinab.

„Wer, wer, wer ist es, der mich verleumdet?“ gurrte der Täuberich und versuchte den zu entdecken, der ihm die Worte zugerufen hatte.

„Der von den Krähen Geraubte ist es!“ rief der Junge.

Wieder drehte Wind-Eile den Kopf nach dem Jungen und befahl ihm zu schweigen; aber Fumle-Drumle, der ihn trug, sagte: „Laß ihn doch schwatzen, dann denken die kleinen Vögel, wir Krähen seien gute, freundliche Vögel geworden.“

„O, die sind wohl auch nicht so dumm!“ entgegnete Wind-Eile; aber der Gedanke schmeichelte ihm doch, und von da an ließ er den Jungen rufen, so viel er wollte.

Weiter und weiter ging es, meistens über Wälder und Waldwiesen hin, aber natürlich kamen hin und wieder auch Kirchen und Dörfer und am Waldesrand kleine Häuser. Einmal sahen sie einen alten schönen Herrensitz mit rotangestrichenen Mauern und einem steilen Dach mit mehreren Absätzen. Dahinter lag der Wald, davor ein See, der Vorplatz war von mächtigen Ahornbäumen eingefaßt, und im Garten standen große, vielästige Stachelbeerbüsche. Ganz oben auf der Wetterfahne saß ein Star und zwitscherte so laut, daß jeder Ton bis zu dem Starenweibchen hinunterdrang, das in einem Starenkasten am Birnbaum auf seinen Eiern saß. „Wir haben vier kleine Eier!“ sang der Star. „Wir haben vier schöne, runde Eier! Wir haben das ganze Nest voll prächtiger Eier!“

Der Star sang sein Lied zum tausendsten Mal, als der Junge über den Hof hinflog. Da legte er die Hände wie ein Rohr vor den Mund und rief: „Die Dohle wird sie holen! Die Dohle wird sie holen!“

„Wer ist es, der mich erschrecken will?“ fragte der Star und schlug unruhig mit den Flügeln.

„Der Krähenreiter ists, der Krähenreiter!“ rief der Junge. Diesmal gebot der Krähenhäuptling dem Jungen nicht Schweigen. Er und die ganze Schar waren im Gegenteil so lustig, daß sie vor Befriedigung krächzten.

Je weiter sie ins Land hineinkamen, desto größer wurden die Seen, und desto mehr Inseln und Landzungen hatten sie. Am Ufer eines Sees stand der Enterich und machte tiefe Bücklinge vor der Ente. „Ich will dir treu bleiben mein Leben lang! Ich will dir treu bleiben mein Leben lang!“ erklärte er feierlich.

„Es dauert keinen Sommer lang!“ schrie der Junge, der eben vorüberflog.

„Was bist du denn für einer?“ rief ihm der Enterich nach.

„Ich heiße Krähenraub!“ schrie der Junge.

Um die Mittagszeit ließen sich die Krähen auf einer Waldwiese nieder. Sie flogen umher und suchten sich Speise, aber keiner von ihnen fiel es ein, auch dem Jungen etwas zu geben. Plötzlich flog Fumle-Drumle mit einem wilden Rosenzweig, an dem einige rote Hagebutten saßen, im Schnabel zu dem Häuptling hin. „Sieh, was ich dir bringe, Wind-Eile,“ sagte er. „Dies ist etwas Gutes, das für dich paßt.“

Aber Wind-Eile krächzte verächtlich. „Meinst du, ich wolle alte, vertrocknete Hagebutten fressen?“

„Und ich hatte gedacht, du würdest dich darüber freuen,“ sagte Fumle-Drumle und warf den Zweig in hellem Mißmut weg. Der Zweig aber fiel gerade vor dem Jungen nieder, und dieser war nicht faul, ihn aufzuheben und seinen Hunger mit den Beeren zu stillen.

Als die Krähen satt waren, begannen sie miteinander zu plaudern. „Woran denkst du, Wind-Eile? Du bist heute so still?“ sagte eine zu dem Anführer.

„Ich denke daran, daß in dieser Gegend einmal eine Henne lebte, die ihre Herrin sehr lieb hatte; und um ihr eine rechte Freude zu machen, legte sie ein besonders großes Ei, das sie unter dem Scheunenboden verbarg. So lange sie das Ei ausbrütete, freute sie sich immerfort, wie beglückt die Frau über das Küchlein sein werde. Die Frau wunderte sich natürlich, wo die Henne so lange blieb. Sie suchte überall nach, fand sie aber nicht. Langschnabel, kannst du erraten, wer sie fand?“

„Ich glaube, ich kann es erraten, Wind-Eile, und nachdem du dies erzählt hast, will ich etwas Ähnliches zum besten geben. Entsinnt ihr euch der großen schwarzen Katze im Hinneryder Pfarrhaus? Sie war mit ihrer Herrschaft unzufrieden, weil diese ihr immer die neugeborenen Jungen wegnahm und ertränkte. Nur ein einziges Mal gelang es der Katze, die kleinen Neugeborenen zu verstecken, denn da legte sie sie in eine Strohmiete auf dem Acker. Sie war überglücklich mit ihren Jungen, aber ich glaube, ich hatte noch mehr Freude an ihnen als sie.“

Jetzt wurden die andern Krähen so eifrig, daß sie einander ins Wort fielen. „Ist das eine Kunst, Eier und neugeborene Junge zu stehlen?“ rief eine. „Ich hab einmal einen jungen, beinahe ausgewachsenen Hasen erjagt. Da galt es, ihn von Dickicht zu Dickicht zu verfolgen – –“

Weiter kam sie nicht, denn schon fiel ihr eine andre ins Wort. „Es mag ja ganz lustig sein, Hühner und Katzen zu ärgern, aber viel interessanter finde ich es, wenn eine Krähe einem Menschen Verdruß bereiten kann. Ich hab einmal einen silbernen Löffel gestohlen – –“

Aber länger konnte der Junge diese Unterhaltung nicht mit anhören. „Nein, hört nun, ihr Krähen, ihr solltet euch schämen,“ sagte er, „so viele Schlechtigkeiten preiszugeben. Jetzt habe ich drei Wochen bei den Wildgänsen zugebracht, aber von ihnen habe ich nur Gutes gehört. Ihr müßt einen schlechten Häuptling haben, wenn er euch erlaubt, auf solche Weise zu rauben und zu morden. Ihr solltet ein neues Leben anfangen, denn ich sage euch, die Menschen sind eurer Bosheit so überdrüssig geworden, daß sie euch auszurotten versuchen, koste es, was es wolle. Und dann wird es bald aus mit euch sein.“

Als Wind-Eile und die Krähen dies hörten, wurden sie so erbost, daß sie sich auf den Jungen stürzten, um ihn zu zerhacken und zu zerreißen. Aber Fumle-Drumle lachte und krächzte und stellte sich vor ihn hin. „Nein, nein, nein!“ wehrte er ab und schien ganz entsetzt zu sein. „Was meint ihr wohl, was Wind-Kåra sagen wird, wenn ihr den Däumling umbringt, ehe er uns die Silbermünzen verschafft hat?“

„Ja du, du hast wohl Angst vor dem Weibervolk!“ rief Wind-Eile. Aber jedenfalls ließen er und die andern Krähen Däumling jetzt in Frieden.

Bald darauf zogen die Krähen weiter. Bis dahin hatte der Junge fortwährend gedacht, Småland sei doch kein so armes Land, wie ihm gesagt worden war. Es war ja wohl dicht bewaldet und voller Bergrücken, aber an den Flüssen und Seen lagen bebaute Felder, und eine wirkliche Wildnis hatte er bis jetzt noch nicht angetroffen. Aber je tiefer er ins Land hineinkam, desto weiter voneinander entfernt waren die Dörfer und Gehöfte, und schließlich war es doch, als fliege er über eine wahre Wildnis hin, denn er sah nichts als Moore, Heideland und Felsenhügel.

Die Sonne war im Untergehen, aber es war doch noch taghell, als die Krähen die mit Heidekraut bewachsene Ebene erreichten. Wind-Eile schickte eine Krähe voraus mit der Nachricht, daß ihr Suchen mit Erfolg gekrönt worden sei; und als dies bekannt wurde, flogen mehrere hundert Krähen, Wind-Kåra an der Spitze, vom Krähenhügel fort und den Ankommenden entgegen. Mitten unter dem ohrenzerreißenden Krächzen, das die Krähen bei der gegenseitigen Begrüßung ausstießen, sagte Fumle-Drumle zu dem Jungen: „Du bist auf der ganzen Reise so lustig und vergnügt gewesen, daß ich dich liebgewonnen habe. Deshalb will ich dir jetzt einen guten Rat geben. Sobald wir uns niederlassen, trägt man dir eine Arbeit auf, die dir sehr leicht vorkommen wird. Aber hüte dich wohl, sie auszuführen.“

Gleich darauf setzte Fumle-Drumle den Jungen in einer Sandgrube nieder. Der Junge ließ sich auf den Boden fallen und blieb wie zum Tode ermattet liegen. Flügelschlagend, daß es wie ein Sturm brauste, flatterten unzählige Krähen um ihn her; aber der Junge machte die Augen nicht auf.

„Steh auf, Däumling!“ befahl Wind-Eile. „Du mußt etwas für uns tun, was für dich eine Kleinigkeit ist.“

Aber der Junge rührte sich nicht, sondern stellte sich schlafend. Doch ohne ein weitres Wort zu verlieren, packte ihn Wind-Eile am Arm und schleppte ihn über den Sand zu einem altertümlich geformten tönernen Topf hin, der mitten in der Grube stand. „Steh auf, Däumling,“ befahl er, „und öffne uns den Topf!“

„Warum läßt du mich denn nicht schlafen?“ sagte der Junge. „Heute abend bin ich zu müde dazu. Wartet bis morgen!“

„Öffne den Topf!“ befahl Wind-Eile und schüttelte den Jungen.

Jetzt setzte sich der Junge auf und betrachtete den Topf sehr genau. „Wie sollte ich armes Kind einen solchen Topf öffnen können? Er ist ja ebenso groß wie ich selbst!“

„Öffne ihn!“ befahl Wind-Eile noch einmal. „Sonst geht es dir schlecht!“

Der Junge stand auf, wankte zu dem Topf hin, befühlte den Deckel und ließ die Arme sinken. „Ich bin doch sonst nicht so schwach,“ sagte er. „Laßt mich doch nur bis morgen schlafen, dann werde ich den Deckel gewiß aufbringen.“

Doch Wind-Eile war ungeduldig; er sprang vor und pickte den Jungen ins Bein. Aber eine solche Behandlung wollte dieser sich nicht gefallen lassen; rasch riß er sich los, sprang ein paar Schritte zurück, zog sein Messer aus der Scheide und hielt es ausgestreckt vor sich hin.

„Nimm dich in acht, du!“ rief er Wind-Eile zu.

Der aber war zu erbittert, um der Gefahr auszuweichen. Ganz blind vor Wut stürzte er auf den Jungen zu und direkt in das Messer hinein, das ihm durch das eine Auge ins Gehirn hineindrang. Der Junge zog zwar das Messer hastig zurück, aber Wind-Eile schlug nur noch ein paarmal mit den Flügeln, dann sank er tot zu Boden.

„Wind-Eile ist tot! Der Fremde hat unsern Häuptling Wind-Eile umgebracht!“ schrien die Krähen, die zunächst standen. Und dann erhob sich ein entsetzlicher Lärm; die einen jammerten, die andern schrien nach Rache. Alle miteinander, Fumle-Drumle an der Spitze, stürzten oder flatterten auf den Jungen zu. Aber wie gewöhnlich benahm sich Fumle-Drumle ganz verkehrt. Er flatterte nur mit ausgebreiteten Flügeln über dem Jungen und verhinderte dadurch die andern, an ihn heranzukommen und auf ihn loszuhacken.

Jetzt sah der Junge, daß er sich da in eine schlimme Lage gebracht hatte. Er konnte den Krähen nicht entfliehen, und nirgends war ein Ort, wo er sich hätte verstecken können? Aber dann fiel ihm der tönerne Topf ein. Mit einem kräftigen Ruck riß er den Deckel herunter und sprang hinein, um sich darin zu verstecken. Aber der Topf war ein schlechter Schlupfwinkel, denn er war fast bis zum Rande mit kleinen dünnen Silbermünzen gefüllt, und der Junge konnte nicht tief genug hineinkommen. Da beugte er sich vor und begann die Münzen herauszuwerfen.

Bis jetzt waren die Krähen in einem dichten Schwarm um ihn hergeflattert und hatten versucht, nach ihm zu hacken; als er aber die Münzen herauswarf, vergaßen sie auf einmal ihre Rachgier und pickten die Geldstücke eiligst auf. Mit vollen Händen warf der Junge Münzen heraus, und alle Krähen, ja selbst Wind-Kåra, versuchten sie aufzufangen. Und jede, der es gelang, eine Münze zu erhaschen, stürzte in größter Hast auf und davon nach ihrem Nest, die Beute dort zu verstecken.

Als der Junge alle Silbermünzen aus dem Topf herausgeworfen hatte, sah er auf. Da war nur noch eine einzige Krähe in der Sandgrube, Fumle-Drumle mit der weißen Feder im Flügel, der ihn getragen hatte. „Du hast mir einen größern Dienst geleistet, als du ahnen kannst, Däumling,“ sagte die Krähe mit einer ganz andern Stimme und mit ganz anderm Tonfall als vorher, „und deshalb will ich dir das Leben retten. Setz dich auf meinen Rücken, dann bringe ich dich in ein Versteck, wo du während der Nacht sicher bist. Morgen werde ich es dann so einrichten, daß du zu deinen Freunden zurückgebracht wirst.“

Die Hütte

Donnerstag, 14. April

Als der Junge am nächsten Morgen erwachte, lag er auf einem Bett, und als er vier Wände um sich her und ein Dach über sich sah, glaubte er daheim zu sein. „Ob Mutter nicht bald mit dem Kaffee kommt?“ murmelte er noch im Halbschlaf. Aber dann fiel ihm ein, daß er ganz verlassen in einer Hütte auf dem Krähenberg lag, und daß Fumle-Drumle mit der weißen Feder ihn am vorhergehenden Abend hierhergetragen hatte.

Dem Jungen taten alle Glieder weh nach der Reise, die er am gestrigen Tage gemacht hatte, und das Stilliegen kam ihm deshalb sehr schön vor. Er wartete auf Fumle-Drumle, der versprochen hatte, wiederzukommen, ihn zu holen. Das Bett war von einem Vorhang aus gewürfeltem Baumwollstoff umgeben, der Junge schob ihn zur Seite, um sich in der Stube umzusehen. Nein, ein solches Gebäude hatte er sicherlich noch nie gesehen! Die Wände bestanden nur aus einer doppelten Reihe Latten, dann kam gleich das Dach. Eine Zimmerdecke war nicht da, man konnte bis zum Dachfirst hinaufsehen. Die ganze Hütte war so klein, daß sie ihm mehr für solche Wesen, wie er jetzt eines war, als für richtige Menschen gemacht zu sein schien; aber der Herd und der Kamin waren ganz richtig gebaut und kamen ihm gerade so groß vor wie alle, die er früher gesehen hatte. Die Eingangstür auf der einen Giebelseite neben dem Herd war so schmal, daß sie beinahe einer Luke glich. An der andern Giebelseite war ein niedriges, breites Fenster mit vielen kleinen Scheiben. Es waren fast keine beweglichen Möbel im Zimmer, die Bank an der einen Langseite und der Tisch am Fenster waren an der Wand festgemacht, und desgleichen das große Bett, in dem der Junge lag, sowie auch der bunte Wandschrank.

Der Junge hätte gar zu gern gewußt, wem die Hütte gehörte, und warum sie unbewohnt sei. Es sah ganz so aus, als ob die abwesenden Bewohner die Absicht gehabt hätten, wiederzukommen. Die Kaffeekanne und der Grützentopf standen auf dem Herd, und in dem Ofenwinkel lag etwas Brennholz. Der Ofenschürer und die Backschaufel standen in einer Ecke, der Spinnrocken war auf einen Stuhl gestellt, auf dem Bort über dem Fenster lagen Werg und Flachs, ein paar Stränge Garn, ein Talglicht und ein Bund Zündhölzer.

Ja, es sah gerade aus, als ob die Leute, denen die Hütte gehörte, zurückzukehren gedächten. In der Bettlade lagen die nötigen Bettstücke, und an der Wand waren lange Tuchstreifen befestigt, auf denen drei Reiter zu sehen waren, die Kaspar, Melchior und Balthasar hießen. Dieselben Pferde und dieselben Reiter waren viele Male abgebildet. Sie ritten in der ganzen Stube herum und nahmen ihren Weg sogar bis zu den Dachbalken hinauf.

Aber oben im Dach erblickte der Junge etwas, das ihn eiligst auf die Beine brachte. Da oben auf einem Haken hingen ein paar trockne Brotkuchen. Sie sahen allerdings etwas schimmelig und alt aus, aber es war doch immerhin Brot. Er versetzte ihnen mit der Backschaufel ein paar Schläge, daß ein Stück herunterfiel. Schnell stillte er seinen Hunger und stopfte auch seine Taschen noch voll damit. Wie unglaublich gut doch Brot schmeckte!

Dann schaute er sich noch einmal in der Stube um, ob er nicht etwas entdecke, das ihm nützlich sein könnte! „Ich darf doch wohl das mitnehmen, was mir notwendig ist, da sich niemand darum kümmert,“ dachte er. Aber das meiste, was er sah, war zu groß und zu schwer. Das einzige, was er etwa mitnehmen konnte, waren ein paar Zündhölzer.

Er kletterte auf den Tisch hinauf und schwang sich mit Hilfe der Vorhänge auf das Brett über dem Fenster. Während er da oben stand und die Zündhölzer in sein Säckchen hineinstopfte, flog die Krähe mit der weißen Feder zum Fenster herein.

„Nun, da bin ich,“ sagte sie und hielt bei dem Tisch an. „Ich konnte nicht früher abkommen, weil wir Krähen heute einen neuen Häuptling gewählt haben.“

„Wen habt ihr denn gewählt?“ fragte der Junge.

„Einen, der keine Räuberei und Ungerechtigkeit dulden wird,“ sagte die Krähe und reckte sich, daß sie ganz majestätisch aussah. „Garm Weißfeder ist gewählt worden, der vorher Fumle-Drumle hieß.“

„Das ist eine gute Wahl,“ sagte der Junge, und er gratulierte Fumle-Drumle herzlich.

„Ja, du darfst mir wohl Glück wünschen,“ sagte Garm; und dann erzählte er dem Jungen, was für ein Leben er mit Wind-Eile und Kåra gehabt hätte.

Plötzlich hörte der Junge vor dem Fenster eine Stimme, die ihm bekannt vorkam. „Ist er hier?“ fragte Smirre, der Fuchs.

„Ja, da drinnen hat er sich versteckt,“ antwortete eine Krähenstimme.

„Nimm dich in acht, Däumling!“ rief Garm. „Wind-Kåra steht mit dem Fuchs draußen, der dich auffressen will!“

Mehr konnte er nicht sagen, denn der Fuchs machte einen Satz gegen das Fenster. Die alte, morsche Fensterverkleidung gab nach, und im nächsten Augenblick stand Smirre auf dem Tische am Fenster. Den neugewählten Häuptling, Garm Weißfeder, der keine Zeit zum Davonfliegen gehabt hatte, biß er sofort tot. Dann sprang er auf den Boden hinunter und schaute sich nach dem Jungen um.

Dieser versuchte sich hinter einem Garnhaspel zu verstecken, aber Smirre hatte ihn schon gesehen und duckte sich zum Sprunge. Ach, die Hütte war so gar klein und niedrig, der Junge war keinen Augenblick im Zweifel, daß ihn der Fuchs ohne Schwierigkeit erreichen könne! Aber in diesem Augenblick war der Junge nicht ohne Verteidigungswaffen. Eilig brannte er ein Zündholz an, hielt es an das Wergbündel, und als dieses aufflammte, warf er es auf Smirre hinunter. Und als das Feuer auf den Fuchs fiel, wurde dieser von einem wahnsinnigen Schrecken erfaßt. Er dachte nicht mehr an den Jungen; ohne sich zu besinnen, floh er aus der Hütte hinaus.

Aber es sah aus, als ob der Junge zwar einer Gefahr entgangen sei, jedoch nur, um sich in eine größere zu bringen. Von dem Wergbündel, das er nach Smirre geworfen hatte, verbreitete sich das Feuer weiter, und schon hatte es den Bettumhang ergriffen. Der Junge sprang hinunter und versuchte die Flammen zu löschen; aber das Feuer brannte schon zu stark, die Stube füllte sich schnell mit Rauch, und Smirre, der vor dem Fenster stehen geblieben war, erriet leicht, wie es da drinnen stand. „Na, Däumling,“ rief er, „was willst du wählen? Gebraten werden oder zu mir herauskommen? Ich möchte dich allerdings am liebsten auffressen, aber wenn dich der Tod auf andre Weise erreicht, bin ich es auch zufrieden.“

Der Junge war überzeugt, daß der Fuchs recht habe, denn das Feuer griff schrecklich schnell um sich. Schon brannte das ganze Bett, vom Boden stieg Rauch auf, und an den gemalten Tuchstreifen krochen die Flammen von einem Reiter zum andern. Der Junge war auf den Herd hinaufgesprungen und versuchte die Klappe zum Backofen zu öffnen; da hörte er plötzlich, daß ein Schlüssel in die Tür gesteckt und leise umgedreht wurde. Das mußten Menschen sein, und in der Not, in der der Junge sich befand, fürchtete er sich nicht, er freute sich nur. Er sah zwei Kinder vor sich; aber zu beobachten, was für Gesichter sie machten, als sie die Stube in Flammen stehen sahen, dazu ließ er sich keine Zeit, sondern stürzte an ihnen vorbei ins Freie.

Weit wagte er jedoch nicht zu laufen, denn er wußte wohl, daß Smirre ihm auflauerte, und daß er am besten tat, sich in der Nähe der Kinder aufzuhalten. Er wendete den Kopf, um zu sehen, wie sie aussähen; aber er hatte sie noch keine Sekunde betrachtet, als er auch schon auf sie zustürzte und ausrief: „Guten Tag, Åsa! Guten Tag, Klein-Mats!“

Denn als der Junge die Kinder erkannte, vergaß er vollständig, wo er sich befand. Die Krähen, die brennende Hütte und die sprechenden Tiere verschwanden aus seinem Gedächtnis. In Westvemmenhög auf einem Stoppelfelde hütete er seine Gänse, auf dem Felde daneben wanderten die beiden småländischen Kinder mit den ihrigen; und sobald er die Kinder sah, sprang er auf das Steinmäuerchen und rief: „Guten Tag, Gänsehirtin Åsa! Guten Tag, Klein-Mats!“

Als aber die beiden Kinder einen kleinen Knirps mit ausgestreckten Händen auf sich zulaufen sahen, faßten sie sich gegenseitig an, wichen ein paar Schritte zurück und sahen zum Tod erschrocken aus.

Und als der Junge ihren Schrecken wahrnahm, kam er zu sich und erinnerte sich, wer er war. Und da meinte er, es könnte ihm nichts Schlimmeres passieren, als wenn ihn gerade diese Kinder in seiner verhexten Gestalt sähen. Die Scham und der Kummer darüber, daß er kein Mensch mehr war, überwältigten ihn. Er wendete sich um und entfloh, wohin, das wußte er selbst nicht.

Aber siehe da, draußen auf der Heide, was begegnete ihm da Gutes? Aus dem Heidekraut schimmerte etwas Weißes hervor, und ihm entgegen kamen der weiße Gänserich und Daunenfein. Als der Weiße ihn in solcher Hast daherrennen sah, glaubte er, daß der Junge von gefährlichen Feinden verfolgt würde. In aller Eile hob er ihn auf seinen Rücken und flog mit ihm davon.

17
Die alte Bauernfrau

Donnerstag, 14. April

Drei müde Wanderer waren spät am Abend noch unterwegs und suchten sich eine Nachtherberge. Sie befanden sich in einer armen einsamen Gegend des nördlichen Smålands, und doch hätte sich ein solches Ruheplätzchen, wie sie es wünschten, eigentlich finden lassen müssen, denn es waren keine verwöhnten Schwächlinge, die nach weichen Betten oder wohleingerichteten Zimmern fragten.

„Wenn nur einer von diesen langen Bergrücken einen so steilen, hohen Gipfel hätte, daß ein Fuchs an keiner Seite hinaufklettern könnte, dann hätten wir einen guten Schlafplatz!“ sagte einer von ihnen.

„Wenn ein einziges von den großen Mooren aufgefroren und so weich und naß wäre, daß sich ein Fuchs nicht darauf hinauswagte, dann wäre das auch ein recht guter Nachtaufenthalt,“ sagte der zweite.

„Wenn nur an einem der zugefrorenen Seen, an denen wir vorbeikamen, das Eis vom Ufer ganz losgelöst wäre, so daß kein Fuchs vom Lande aus hinüber gelangen könnte, dann hätten wir das, was wir suchen,“ sagte der dritte.

Das Schlimmste aber war, daß zwei von den Reisenden nach Sonnenuntergang furchtbar schläfrig wurden und sich kaum noch aufrecht halten konnten. Deshalb wurde der dritte, der auch nachts wachen konnte, bei der zunehmenden Dunkelheit mit jedem Augenblick unruhiger. „Es ist doch wirklich ein Unglück,“ dachte er. „Nun sind wir in ein Land geraten, wo die Seen und Moore mit Eis bedeckt daliegen, so daß der Fuchs überall hinübergelangen kann. An andern Orten ist das Eis ganz geschmolzen; aber jetzt sind wir wohl in dem kältesten Småland, wo der Frühling seinen Einzug noch nicht gehalten hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll, um einen guten Schlafplatz ausfindig zu machen. Wenn ich nicht einen Ort erreiche, wo wir wohlbeschützt sind, fällt Smirre über uns her, ehe der Morgen anbricht.“

Er sah sich nach allen Seiten um; aber nirgends fand sich ein Platz, der ihm passend erschienen wäre. Ach, und es war ein trüber kalter Abend mit Wind und Sprühregen! Immer unheimlicher und unbehaglicher wurde es ringsum.

Es mag einem sonderbar vorkommen, aber die Reisenden schienen ganz und gar keine Lust zu haben, in irgend einem Hof um Obdach zu bitten. Sie waren schon an vielen Kirchspielen vorübergekommen, ohne an einer einzigen Tür anzuklopfen. Selbst die kleinen Schutzhütten am Waldesrand, bei deren Anblick alle armen Wanderer freudig aufatmen, schienen ihnen nicht zu gefallen. Man hätte sich schließlich versucht fühlen können, zu sagen, es geschehe ihnen ganz recht, wenn sie in Not seien, da sie ja die Hilfe, die ihnen geboten werde, nicht annehmen wollten.

Als es aber endlich so dunkel geworden war, daß kaum noch ein heller Streifen am Himmel zu sehen war, und die beiden, die sich des Schlafes nicht erwehren konnten, im Halbschlummer weiter wanderten, kamen sie an einen Bauernhof, der fern von allen andern Höfen ganz einsam dalag. Und er lag nicht allein einsam da, sondern sah auch aus, als sei er vollständig unbewohnt. Aus dem Schornstein stieg kein Rauch auf, aus den Fenstern drang kein Lichtschein heraus, kein Mensch war auf dem Hofplatze zu sehen. Als nun der eine, der sich auch nachts wach halten konnte, den Hof sah, dachte er: „Nun mag es gehen, wie es will, aber hier müssen wir hineinzukommen versuchen. Etwas Besseres finden wir wahrscheinlich doch nicht.“

Gleich darauf standen alle drei auf dem Hofplatze. Die beiden Schläfrigen schliefen wirklich ein, sobald sie anhielten, der dritte aber spähte eifrig umher, um herauszufinden, wo sie am besten unterkommen könnten. Der Hof war durchaus nicht klein; außer dem Wohngebäude, dem Pferde- und Viehstall, war noch eine lange Reihe von andern Wirtschaftsgebäuden, Scheunen, Lagerräumen und Geräteschuppen zu sehen. Aber alles sah schrecklich ärmlich und heruntergekommen aus; die Häuser hatten graue, moosbewachsene, schiefe Mauern, die einzufallen drohten. Die Dächer zeigten gähnende Löcher, und die Türen hingen schräg in ihren zerbrochenen Angeln. Offenbar hatte sich seit langer Zeit niemand mehr die Mühe gegeben, hier auch nur einen Nagel einzuschlagen.

Indessen aber hatte der von den Reisenden, der wach war, ausfindig gemacht, welches von den Gebäuden der Viehstall sein mußte. Er rüttelte die beiden andern auf und führte sie zu der Stalltür hin. Glücklicherweise war sie nur mit einem Haken zugemacht, den man mit einem Stecken leicht zurückschieben konnte. In dem Gedanken, daß sie nun bald alle in Sicherheit seien, stieß der Anführer der drei Wanderer einen Seufzer der Erleichterung aus; als aber die Stalltür laut knarrend aufging, hörte er plötzlich eine Kuh brüllen. „Kommt Ihr nun endlich, Mutter?“ sagte die Kuh. „Ich glaubte schon, Ihr würdet mir heute gar kein Futter bringen.“

Als er merkte, daß der Stall nicht leer war, blieb der wache Wanderer ganz erschrocken in der Tür stehen. Doch bald faßte er wieder Mut, denn er sah, daß nur eine Kuh und drei oder vier Hühner da waren.

„Wir sind drei arme Reisende, die eine Nachtherberge suchen, wo uns kein Fuchs überfallen und kein Mensch fangen kann,“ sagte er. „Wir möchten wohl wissen, ob dies ein guter Platz für uns wäre.“

„Das glaube ich gewiß,“ antwortete die Kuh. „Die Wände sind zwar schlecht, aber bis jetzt ist noch nie ein Fuchs hereingedrungen, und auf dem Hofe wohnt niemand als eine alte Frau, die gewiß nicht imstande ist, jemand zu fangen. Aber was seid ihr für Leute?“ fuhr sie fort und drehte den Kopf, um die Eingetretenen sehen zu können.

„Ach, ich bin Nils Holgersson aus Westvemmenhög, der in ein Wichtelmännchen verwandelt worden ist,“ antwortete der erste der Reisenden. „Ich habe eine zahme Gans bei mir, auf der ich gewöhnlich reite, und außerdem auch noch eine Graugans.“

„So liebe Gäste sind noch nie innerhalb meiner vier Wände gewesen,“ sagte die Kuh. „Ich heiße euch willkommen, obgleich ich fast noch lieber gesehen hätte, wenn meine Hausmutter mit meinem Nachtessen gekommen wäre.“

Der Junge geleitete nun die Gänse in den recht großen Stall hinein und brachte sie in einem leeren Stand unter, wo sie auch gleich wieder einschliefen.

Sich selbst machte er ein kleines Häufchen Stroh zurecht und dachte nicht anders, als daß er auch gleich einschlafen werde.

Aber daraus wurde nichts, denn die arme Kuh, die kein Futter bekommen hatte, verhielt sich keinen Augenblick ruhig. Sie rasselte mit ihrer Halskette, drehte sich in ihrem Stande hin und her und klagte, wie hungrig sie sei. Der Junge konnte kein Auge schließen; wachend lag er auf seinem Häuflein Stroh und dachte an alles, was er in den letzten Tagen erlebt hatte. Da war zuerst das unerwartete Zusammentreffen mit dem Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats, und er grübelte darüber nach, ob wohl die kleine Hütte in Småland, die er angezündet hatte, die Hütte der beiden Kinder gewesen sei. Er konnte sich ja wohl erinnern, daß sie gerade von so einem Häuschen an der großen Heide erzählt hatten. Sie waren also miteinander gekommen, ihre Heimat wiederzusehen, und als sie endlich dahingelangt waren, hatte sie in Flammen gestanden. Ach, welch ein großer Schmerz mußte das für sie gewesen sein! Und er, er war schuld daran! Es tat ihm schrecklich leid, und er gelobte sich, wenn er je wieder ein Mensch würde, sich alle Mühe zu geben, sie für den Verlust und die Enttäuschung schadlos zu halten.

Dann kehrten seine Gedanken zu den Krähen zurück, und als er an Fumle-Drumle dachte, der ihn gerettet, aber in demselben Augenblick, wo er zum Häuptling gemacht worden war, den Tod erlitten hatte, da wurde der Junge tief betrübt, und die Tränen traten ihm in die Augen. Ja, er hatte es recht schwer gehabt in den letzten Tagen. Aber ein großes Glück war ihm doch widerfahren – der Gänserich und Daunenfein hatten ihn gefunden.

Der Gänserich hatte ihm dann alles erzählt. Sobald die Wildgänse gemerkt hatten, daß Däumling verschwunden war, hatten sie alle die kleinen Tiere des Waldes nach ihm gefragt, und da hatten sie bald erfahren, daß eine Schar småländischer Krähen ihn fortgeführt habe. Die Krähen waren aber schon außer Sehweite gewesen, und niemand hatte gewußt, wohin sie sich gewandt hatten. Um nun den Jungen so schnell als möglich wiederzufinden, hatte Akka den Wildgänsen befohlen, sich zu zerstreuen und immer zwei und zwei zusammen nach allen Seiten hin zu suchen. Wenn sie zwei Tage lang gesucht hätten, sollten sie, ob sie ihn gefunden hätten oder nicht, im nordwestlichen Småland auf einem hohen Berggipfel, der einem jäh abgebrochenen Turm glich und Taberg hieß, wieder zusammentreffen. Und nachdem Akka ihnen noch die besten Wegzeichen angegeben und ihnen beschrieben hatte, wie sie den Taberg finden könnten, hatten die Gänse sich getrennt.

Der weiße Gänserich hatte sich Daunenfein als Reisegefährten gewählt. Aufs höchste besorgt waren sie da und dorthin geflogen, und wie sie so umhergeirrt waren, hatten sie eine Amsel in einem Baumwipfel klagen und schelten hören, weil sie von einem, der sich Krähenraub genannt habe, verspottet worden sei. Die beiden hatten die Amsel ausgefragt, und sie hatte ihnen gezeigt, in welcher Richtung dieser „Krähenraub“ gereist war. Später waren sie einem Täuberich begegnet, sowie einem Star und einer Wildente, die sich alle über einen Übeltäter beklagt hatten, der sie in ihrem Gesang unterbrochen und sich Krähenraub, Krähenbeute und Krähendiebstahl geheißen habe. Auf diese Weise hatten der Gänserich und Daunenfein die Spur des Däumlings bis zu der mit Heidekraut bewachsenen Heide im Bezirk Sunnerbo verfolgen können.

Sobald nun die beiden Däumling gefunden hatten, waren alle drei in nördlicher Richtung weitergezogen, um den Taberg zu erreichen. Aber das war ein sehr weiter Weg, und die Dunkelheit hatte sie überfallen, ehe sie den Berggipfel hatten wahrnehmen können. „Aber wenn wir nur morgen hinkommen, dann hat alle Not ein Ende,“ dachte der Junge und bohrte sich tiefer in das Stroh hinein, um es wärmer zu haben.

Die Kuh hatte sich indessen nicht beruhigt, und jetzt begann sie plötzlich mit dem Jungen zu sprechen. „Hat nicht einer von euch vorhin gesagt, er sei ein Wichtelmännchen? Wenn er wirklich eines ist, versteht er wohl auch, eine Kuh zu versorgen?“

„Was fehlt dir denn?“ fragte der Junge.

„Alles mögliche fehlt mir,“ antwortete die Kuh. „Ich bin weder gemolken noch versorgt worden, habe kein Futter für die Nacht und keine Streu unter mir. Die Hausmutter kam in der Dämmerung zu mir in den Stall, um mich wie gewöhnlich zu versorgen, aber sie fühlte sich so krank, daß sie sogleich wieder hineingehen mußte, und seither ist sie nicht wiedergekommen.“

„Da ist es recht schade, daß ich so klein und schwach bin,“ sagte der Junge, „denn ich werde dir leider nicht helfen können.“

„Du wirst mir doch nicht weismachen wollen, du seiest schwach, weil du so klein bist?“ sagte die Kuh. „Alle die Wichtelmännchen, von denen ich je gehört habe, waren so stark, daß sie ein ganzes Fuder Heu tragen und eine Kuh mit einem einzigen Faustschlag töten konnten.“

Unwillkürlich mußte der Junge lachen. „Das waren Wichtelmännchen von einer andern Sorte als ich!“ rief er. „Aber ich will deine Halskette lösen und die Stalltür aufmachen, dann kannst du hinausgehen und deinen Durst an einer der Wasserpfützen löschen. Und dann will ich sehen, ob ich auf den Heuboden hinaufklettern und Heu in deine Krippe hinunterwerfen kann.“

„Ja, das wäre doch immerhin etwas,“ sagte die Kuh.

Der Junge tat, wie er gesagt hatte; und als die Kuh eine volle Krippe vor sich hatte, hoffte er endlich selbst schlafen zu dürfen. Aber kaum hatte er es sich auf seinem Lager bequem gemacht, als die Kuh wieder mit ihm zu sprechen begann.

„Du wirst gewiß ärgerlich über mich, wenn ich dich um etwas bitte,“ sagte sie.

„Gewiß nicht,“ antwortete der Junge, „wenn es nur etwas ist, was ich tun kann.“

„Dann sei so gut und geh in das Haus hier über dem Hof gerade gegenüber und sieh nach, wie es der Hausmutter geht. Ich fürchte, es ist ihr ein Unglück zugestoßen.“

„Nein, das kann ich nicht, denn ich habe nicht den Mut, mich vor den Menschen sehen zu lassen.“

„Vor einer alten, kranken Frau wirst du dich doch nicht fürchten?“ sagte die Kuh. „Und du brauchst nicht einmal zu ihr in die Stube hineinzugehen. Stell dich nur vor die Tür und schau zu dem Türspalt hinein.“

„Ja, wenn du weiter nichts verlangst, kann ich es ja tun,“ sagte der Junge.

Damit öffnete er die Stalltür und trat auf den Hofplatz hinaus. Es war eine schreckliche Nacht, um draußen zu sein. Weder Mond noch Sterne leuchteten, der Wind heulte, und der Regen prasselte hernieder. Das Schlimmste aber war, daß sieben große Eulen auf dem Dachfirst des Wohnhauses saßen. Wie schauerlich war es für den Jungen, sie da droben krächzen und über das schlechte Wetter klagen zu hören! Aber noch schrecklicher war ihm doch das Bewußtsein, daß es um ihn geschehen sei, sobald auch nur eine von ihnen ihn erblicke.

„Ja, wer klein ist, der ist zu bedauern,“ sagte der Junge, als er auf den Hof trat. Und er hatte ein Recht, so zu sprechen. Zweimal wurde er vom Sturm umgeblasen, ehe er das Wohnhaus erreichte, und einmal fegte ihn ein Windstoß in einen Wassertümpel hinein, in dem er beinahe ertrunken wäre. Aber schließlich erreichte er doch sein Ziel.

Als er vor dem Hause angekommen war, kletterte er ein paar Stufen hinauf, stieg mühselig über eine Schwelle hinüber und gelangte in den Flur. Die Zimmertür war geschlossen, aber in der einen Ecke war ein großes Stück herausgesägt, damit die Katze aus und eingehen könnte. Das Hineingucken in die Stube fiel also dem Jungen durchaus nicht schwer.

Aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, als er auch schon erschrocken den Kopf zurückbog. Auf dem Boden da drinnen lag eine alte grauhaarige Frau. Sie rührte sich nicht und stöhnte auch nicht, und ihr Gesicht sah merkwürdig weiß aus. Es war, als ob ein unsichtbarer Mond einen bleichen Schein darauf werfe.

Da tauchte in dem Jungen eine Erinnerung auf. Als sein Großvater starb, war dessen Gesicht gerade auch so sonderbar weiß geworden. Die alte Frau, die da drinnen auf dem Boden lag, mußte tot sein. Sie hatte wohl einen Schlag bekommen, und der Tod hatte sie so rasch ereilt, daß sie sich nicht einmal mehr zu Bett hatte legen können.

Der Junge erschrak fürchterlich; mitten in der stockfinstern Nacht war er ganz allein mit einer Toten. Hals über Kopf stürzte er über die Schwelle und die Treppe hinunter und lief in größter Eile in den Stall zurück.

Als er der Kuh erzählt hatte, was er in der Stube gesehen, hörte sie auf zu fressen. „So, so, die Hausmutter ist tot,“ sagte sie. „Dann wird es auch mit mir bald aus sein.“

„Es wird schon jemand kommen, der Euch versorgt,“ sagte der Junge tröstend.

„Ach,“ sagte die Kuh, „du weißt nicht, daß ich schon doppelt so alt bin, als eine Kuh sonst zu werden pflegt, ehe sie auf die Schlachtbank gelegt wird. Aber wenn mich meine gute Hausmutter nicht mehr versorgen kann, habe ich auch gar kein Verlangen, noch länger zu leben.“

Eine Weile schwieg sie; aber der Junge merkte wohl, daß sie weder schlief noch fraß. Und es dauerte auch nicht lange, da begann die Kuh von neuem: „Liegt sie auf dem Boden?“

„Ja, mitten in der Stube,“ antwortete der Junge.

„Wenn sie hier im Stall war, sprach sie immer von allem, was sie bekümmerte,“ fuhr die Kuh fort. „Ich verstand alles, was sie sagte, obgleich ich ihr nicht antworten konnte. Und gerade in den letzten Tagen sagte sie, sie fürchte, wenn es bei ihr ans Sterben gehe, werde niemand bei ihr sein. Niemand werde ihr die Augen zudrücken, niemand ihr die Hände auf der Brust falten, wenn sie tot sei. Möchtest du nun nicht hinübergehen und dies tun?“

Der Junge war unentschlossen. Er erinnerte sich, daß seine Mutter den Großvater, als er gestorben war, sehr fürsorglich zurecht gelegt hatte. Und er wußte, daß dies etwas war, was man tun mußte. Aber er fühlte auch, daß er nicht den Mut habe, mitten in dieser schauerlichen Nacht zu der Toten hinüberzugehen. Er gab der Kuh keine abschlägige Antwort, aber er machte auch keinen Schritt in der Richtung der Stalltür.

Das alte Tier verhielt sich eine Weile stumm, als ob es auf Antwort wartete, und als der Junge fortgesetzt schwieg, wiederholte es seine Bitte nicht; statt dessen begann es dem Jungen von seiner Hausmutter zu erzählen.

Und wie viel war doch da zu erzählen! In allererster Linie von allen den Kindern, die sie aufgezogen hatte. Die Kinder waren ja jeden Tag in den Stall gekommen, und im Sommer waren sie mit dem Vieh auf das Moor und die Weideplätze gezogen. Die alte Kuh hatte alle genau gekannt, und es waren lauter gesunde, fröhliche, fleißige Kinder gewesen. „Ja, ja, das Vieh weiß sehr gut, ob die Hirten tüchtig sind,“ sagte die Kuh.

Und ebensoviel hatte sie von dem Hof zu berichten. Er war nicht immer so armselig gewesen wie jetzt. Ein sehr ausgedehntes Besitztum war es, obgleich es zum größten Teil aus Moor und steinigem Heideland bestand und nicht viel Platz zu Äckern vorhanden war; aber als Viehweide war es überall ausgezeichnet. Zu einer Zeit hatte in dem ganzen langen Stallgebäude in jedem Stand eine Kuh ihren Platz gehabt, und der jetzt ganz leere Ochsenstall war voll schöner Ochsen gewesen. Und damals hatte im Wohnhaus und im Stall eitel Lust und Freude geherrscht. Wenn die Hausmutter die Stalltür öffnete, sang und trällerte sie, und alle Kühe brüllten vor Freude, wenn sie sie kommen hörten.

Aber der Hausherr war gestorben, als die Kinder noch klein waren und sich noch nicht nützlich machen konnten. Die Frau hatte den Hof übernehmen müssen mit all seiner Arbeit und all seiner Sorge. Sie war stark wie ein Mann und pflügte und erntete. Wenn sie am Abend zum Melken in den Stall kam, war sie bisweilen müde und weinte. Aber sobald sie an ihre Kinder dachte, wurde sie wieder froh. Dann wischte sie sich die Tränen aus den Augen und sagte: „Das tut nichts, sobald meine Kinder erwachsen sind, bekomme auch ich gute Tage. Ja, wenn nur sie heranwachsen!“

Doch sobald die Kinder erwachsen waren, überfiel diese eine ganz eigentümliche Sehnsucht. Sie wollten nicht daheim bleiben, und so zogen sie fort in ein fremdes Land. Die Mutter bekam keine Hilfe. Einige der Kinder hatten sich verheiratet, ehe sie weggezogen waren, und diese ließen ihre kleinen Kinder bei der Großmutter zurück. Und gerade wie früher ihre Kinder, so begleiteten jetzt die Enkel die Frau in den Stall. Sie hüteten die Kühe, und es waren auch lauter gute, gesunde Menschenkinder. Und abends, wenn die Frau gar so müde war, daß sie beim Melken fast einschlief, rüttelte sie sich doch wieder auf und faßte neuen Mut, sobald sie an die Enkelkinder dachte. „Auch ich bekomme noch gute Tage,“ sagte sie, „wenn sie einmal herangewachsen sind.“

Aber als diese Kinder herangewachsen waren, zogen auch sie fort, hinüber zu den Eltern in das fremde Land. Keines kehrte zurück, keines blieb daheim. Die alte Frau war schließlich ganz allein auf dem Hof.

Sie bat auch niemals, daß eines bei ihr bleibe. „Meinst du denn, Rotkopf, ich hätte das Herz, sie zu bitten, bei mir zu bleiben, wenn sie es draußen in der Welt besser bekommen können?“ pflegte sie zu sagen, wenn sie neben der alten Kuh in deren Stand stand. „Hier in Småland steht ihnen ja nichts als Armut bevor.“

Als aber das letzte Enkelkind fortgezogen war, war auch die Frau am Ende ihrer Kräfte. Sie wurde auf einmal gebückt und grauhaarig und ging gar mühselig, als ob sie sich kaum noch von der Stelle bewegen möchte. Und dann hörte sie auf zu arbeiten. Die Fürsorge für den Hof wurde ihr gleichgültig, und sie ließ fünf gerade sein. Sie ließ das Gebäude verfallen und verkaufte die Ochsen und Kühe. Nur die alte Kuh, die jetzt mit Däumling sprach, behielt sie. Diese ließ sie am Leben, weil alle die Kinder mit ihr auf die Weide gezogen waren.

Sie hätte sich ja wohl Knechte und Mägde zur Hilfe halten können, aber seit die eignen Kinder sie verlassen hatten, mochte sie keine Fremden um sich sehen. Und vielleicht war es ihr gerade recht, wenn der Hof verfiel, da ja keines der Kinder ihn je übernehmen würde. Sie kümmerte sich nicht darum, ob sie selbst verarmte, weil sie nicht mehr für ihr Eigentum sorgte. Nur eins fürchtete sie, daß die Kinder erfahren könnten, wie schlecht es um sie stünde. „Daß es nur die Kinder nicht erfahren! Daß es nur die Kinder nicht erfahren!“ seufzte sie, wenn sie mit unsichern Schritten durch den Stall ging.

Die Kinder schrieben beständig und baten sie, zu ihnen zu kommen, aber das wollte sie nicht. Sie wollte das Land nicht sehen, das ihr die Kinder genommen hatte. Sie war böse auf das Land. „Es ist wohl dumm von mir, daß ich es nicht leiden kann, das Land, das gut gegen sie gewesen ist,“ sagte sie, „aber ich will es nicht sehen.“

Sie dachte an nichts als an die Kinder, und daran, daß sie in ein fremdes Land hatten ziehen müssen. Im Sommer führte sie die Kuh zur Weide hinaus auf das große Moor. Sie selbst saß den lieben langen Tag am Rande des Moors, die Hände im Schoß, und wenn sie heimging, sagte sie: „Siehst du, Rotkopf, wenn hier anstatt des unfruchtbaren Moorlandes große, fette Äcker gewesen wären, dann hätten sie nicht fortzuziehen brauchen.“

Sie konnte sich in einen wahren Zorn über das Moor hineinreden, das sich so groß vor ihr ausbreitete und doch von keinem Nutzen war. Und oftmals sagte sie auch, ihr Mann sei schuld daran, daß die Kinder von ihr fortgezogen seien.

Am letzten Abend war sie zittriger und schwächer gewesen als je vorher. Nicht einmal zum Melken hatte sie die Kraft gehabt. Über den Stand gebeugt erzählte sie von zwei Bauern, die dagewesen seien und ihr das Moor hätten abkaufen wollen. Sie hätten Ablaufgräben hindurchziehen, dann Getreide darein säen und ernten wollen. Diese Nachricht hatte die alte Frau froh und ängstlich zugleich gemacht. „Hör nur, Rotkopf,“ sagte sie, „hör nur, sie sagten, auf dem Moor könnte Roggen wachsen. Jetzt will ich den Kindern schreiben, sie sollen heimkommen. Sie brauchten nicht länger fortzubleiben, denn jetzt könnten sie ihr tägliches Brot daheim gewinnen.“

Um diesen Brief zu schreiben, war sie in ihre Stube gegangen – – –

Der Junge hörte nicht mehr, was die alte Kuh noch erzählte. Er öffnete die Stalltür und ging über den Hof in die Stube zu der Toten, vor der er sich vorhin so gefürchtet hatte.

An der Tür hielt er an und sah sich um.

Es sah in der Stube nicht so ärmlich aus, wie er erwartet hatte. Es waren viele solche Dinge da, wie die Leute sie zu haben pflegen, die Verwandte in Amerika haben. In einer Ecke stand ein amerikanischer Schaukelstuhl, auf dem Tisch am Fenster lag eine schöne Plüschdecke, und eine andre schöne Decke war über das Bett gebreitet. An den Fenstern hingen in reich geschnitzten Rahmen die Photographien der fortgezogenen Kinder und Enkel, auf der Kommode standen hohe Vasen und ein paar Leuchter mit dicken gedrehten Kerzen.

Der Junge suchte eine Zündholzschachtel und zündete die beiden Kerzen an; nicht weil er noch besser zu sehen wünschte, sondern weil er wußte, daß dies eine Sitte war, womit man die Toten ehrte.

Dann trat er zu der Toten, drückte ihr sanft die Augen zu, faltete ihr die Hände auf der Brust und strich ihr das dünne graue Haar aus dem Gesicht.

Er dachte gar nicht mehr an Furcht, er war im Gegenteil von Mitleid erfüllt und tief betrübt, daß die alte Frau auf ihre alten Tage so verlassen gewesen war und so bitteres Heimweh gelitten hatte. Diese eine Nacht wenigstens wollte er bei ihrem toten Körper Wache halten.

Er suchte nach dem Gesangbuch und begann einige Lieder halblaut zu lesen. Aber da hörte er mitten in einem Lied auf, denn er hatte plötzlich an seine Eltern denken müssen.

Nein, daß sich Eltern so nach ihren Kindern sehnen können! Das hatte er ja noch gar nicht gewußt. Nein, daß das Leben für sie zu Ende sein sollte, wenn die Kinder nicht mehr da sind! Wie, wenn sich nun seine Eltern daheim auch so nach ihm sehnten, wie die Alte hier sich nach ihren Kindern gesehnt hatte?

Der Gedanke machte ihn froh, aber er wagte nicht daran zu glauben. Er war nicht so gewesen, daß jemand nach ihm Heimweh haben könnte.

Aber was nicht war, das konnte vielleicht noch werden!

Ringsum im Zimmer sah er die Bilder der fernen Kinder. Bilder von großen, starken Männern und Frauen mit ernsten Gesichtern, Bräute in langen Schleiern, Herren in feinen Anzügen, und Kinder mit lockigem Haar und in schönen weißen Kleidern! Und ihm war, als starrten sie alle nur ins Blaue hinein und wollten nichts sehen.

„Ihr Armen!“ sagte er. „Eure Mutter ist tot. Ihr könnt nicht mehr gut machen, daß ihr sie verlassen habt. Aber meine Mutter lebt.“

Hier hielt er inne; er mußte lächeln. „Ja, meine Mutter lebt,“ sagte er. „Alle beide leben, Vater und Mutter.“

18
Von Taberg nach Huskvarna

Freitag, 15. April

Der Junge wachte fast die ganze Nacht hindurch, aber gegen Morgen schlief er ein, und da träumte er von seinem Vater und seiner Mutter. Er konnte sie kaum wieder erkennen, denn sie hatten beide graues Haar bekommen, und ihre Gesichter waren alt und runzlig geworden. Er fragte sie, woher das komme, und sie sagten, sie seien so gealtert, weil sie so bittres Heimweh nach ihm gehabt hätten. Dies rührte ihn, aber es verwunderte ihn auch, denn er hatte immer geglaubt, sie würden sich nur freuen, ihn los zu sein.

Als der Junge erwachte, war es Morgen und helles schönes Wetter draußen. Zuerst aß er selbst ein Stück Brot, das er in der Stube fand, dann gab er der Kuh und den Gänsen ihr Morgenfutter, zuletzt machte er die Stalltür auf und sagte zu der Kuh, sie solle sich nach dem nächsten Hof begeben. Wenn sie allein daherkomme, würden die Nachbarn schon erraten, wie es bei ihrer Hausmutter stehe. Sie würden dann herbeieilen, um nach ihr zu sehen, da würden sie den Leichnam finden und ihn begraben.

Kaum hatte die kleine Gesellschaft sich in die Lüfte erhoben, als sie auch schon einen hohen Berg mit fast senkrechten Wänden und einem flachen Gipfel sahen. Das mußte der Taberg sein. Und richtig, auf dem Berggipfel standen Akka, Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi, sowie die sechs jungen Gänse, und alle warteten auf die drei Ankömmlinge. Das war eine Freude, als sie sahen, daß es dem Gänserich und Daunenfein gelungen war, Däumling zu finden! Es erhob sich ein Geschnatter und Flügelschlagen und Hin- und Herfragen, das gar nicht beschrieben werden kann.

Der Taberg ist ziemlich hoch hinauf mit Wald bestanden, aber oben auf dem Gipfel ist er ganz kahl, und von da aus kann man nach allen Seiten hin weit umherschauen. Gegen Osten, Süden und Westen bietet sich dem Auge fast nichts dar, als ein armes bergiges Hochland mit dunklen Tannenwäldern, braunen Mooren, eisbedeckten Seen und blauenden Bergrücken. Unwillkürlich dachte der Junge, jene Sage über die Erschaffung von Småland müsse doch wohl wahr sein. Wer dieses Land geschaffen, habe sich nicht viele Mühe gegeben, sondern nur flüchtig drauf los gearbeitet. Als der Junge aber nach Norden schaute, da sah er etwas ganz andres. Hier sah das Land aus, als sei es mit der größten Liebe und Fürsorge geschaffen worden. Hier sah der Junge lauter schöne Berge, sanfte Täler, durch die sich Bäche schlängelten bis hin zu dem großen Wetternsee, der eisfrei und hell glänzend dalag und leuchtete, als sei er nicht mit Wasser, sondern mit blauem Licht gefüllt.

Ja, der Wettern war es, der gegen Norden alles so schön machte! Es sah gerade aus, als steige aus dem See ein blauer Schimmer auf, der sich über die Landschaft ausbreitete. Gehölze und Hügel und die Dächer und Türme der Stadt Jönköping lagen von einem blauen Schein umflossen da, den das Auge mit Wohlgefallen betrachtete. „Wenn es im Himmel Länder gibt,“ dachte der Junge, „dann sind sie wohl auch so blau wie dieses hier.“ Und es war ihm, als sei ihm eine Ahnung davon aufgegangen, wie es einst im Paradiese ausgesehen hatte.

Als die Gänse etwas später am Tage ihre Reise fortsetzten, flogen sie dem blauen Tale zu. Sie waren alle in bester Laune, schrieen und lärmten derart, daß alle, die nur Ohren zu hören hatten, auf sie aufmerksam werden mußten.

Dies war nun aber auch der erste so recht schöne Frühlingstag, den sie in diesem Landesteil erlebten. Bis dahin hatte der Frühling seine Arbeit unter Wind und Regen ausgeführt, und als es nun ganz schnell wunderschönes Wetter geworden war, überkam die Menschen drunten auf der Erde eine wahre Sehnsucht nach Sonnenwärme und nach grünen Wäldern, und sie konnten es kaum bei ihrer täglichen Arbeit aushalten. Als jetzt die Wildgänse frei und lustig hoch über ihnen dahinflogen, hielten alle ohne Ausnahme in ihrer Arbeit inne und schauten ihnen nach.

Die ersten, die an diesem Tage die Wildgänse erblickten, waren die Taberger Bergwerkleute, die damit beschäftigt waren, das Erz an der Oberfläche des Berges herauszubrechen. Als die Arbeiter die Wildgänse vernahmen, hörten sie auf, an ihren Sprenglöchern zu bohren, und einer von ihnen rief den Vögeln zu: „Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?“

Die Gänse verstanden nicht, was er sagte; aber der Junge beugte sich über den Gänserücken vor und antwortete an ihrer Statt: „Dahin, wo es weder Pickel noch Hämmer gibt!“

Als die Grubenarbeiter diese Worte hörten, glaubten sie, ihre eigne Sehnsucht habe das Gänsegeschnatter wie menschliche Worte in ihren Ohren erklingen lassen. „Nehmt uns mit! Nehmt uns mit!“ riefen die Arbeiter.

„Heuer nicht!“ schrie der Junge. „Heuer nicht!“

Die Wildgänse flogen den Tabergfluß entlang nach dem Munksee, und immer noch verführten sie dasselbe Gelärm und Getue. Hier auf dem schmalen Landstreifen zwischen dem Munksee und dem Wettern liegt Jönköping mit seinen großen Fabriken. Zuerst flogen die Gänse über die große Papierfabrik am Munksee hin. Die Mittagspause war eben zu Ende, und große Arbeiterscharen strömten dem Tor der Fabrik zu. Als sie die Wildgänse hörten, blieben sie einen Augenblick horchend stehen. „Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?“ rief einer von den Arbeitern den Gänsen zu.

Die Wildgänse verstanden nicht, was er sagte, aber an ihrer Statt antwortete der Junge: „Dahin, wo es weder Maschinen noch Dampfkessel gibt!“

Die Arbeiter hörten diese Antwort, aber auch sie glaubten, ihre eigne Sehnsucht lasse ihnen das Gänsegeschnatter wie menschliche Worte erklingen. „Nehmt uns mit! Nehmt uns mit!“ rief eine ganze Menge Arbeiter miteinander.

„Heuer nicht! Heuer nicht!“ entgegnete der Junge.

Dann flogen die Gänse über die großen Zündholzfabriken hin. Groß wie eine Festung erheben sie sich am Ufer des Wettern, und ihre hohen Schornsteine ragen bis zum Himmel auf. Kein Mensch war auf den Höfen zu sehen, aber in einem großen Saal saßen junge Fabrikmädchen und füllten die Zündhölzer in Schachteln. Bei dem schönen Wetter hatten sie ein Fenster geöffnet, und das Rufen der Wildgänse drang zu ihnen herein. Das dem Fenster zunächst sitzende Mädchen beugte sich mit ihrer Zündholzschachtel in der Hand zum Fenster hinaus und rief: „Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?“

„In ein Land, wo man weder Licht noch Zündhölzer braucht!“ antwortete der Junge.

Das Mädchen meinte freilich, was sie höre, sei nur Gänsegeschnatter, aber ein paar Worte schienen ihr doch klar geworden zu sein, und sie rief als Antwort: „Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!“

„Heuer nicht!“ entgegnete der Junge. „Heuer nicht!“

Östlich von den Fabriken liegt Jönköping auf dem herrlichsten Platz, den eine Stadt nur einnehmen kann. Der schmale Wettersee hat auf seiner östlichen und westlichen Seite hohe, steile aus Sand gebildete Ufer, aber gegen Süden sind die Sandmauern eingestürzt, wie um Platz für ein großes Tor zu schaffen, durch das man zum See gelangen kann. Und mitten in dem Tor, mit Bergen rechts und Bergen links, dem Munksee hinter sich und dem Wettersee vor sich, liegt Jönköping.

Die Gänse flogen über die lange, schmale Stadt hin und vollführten auch hier noch immer denselben Lärm wie draußen auf dem Lande. Aber in der Stadt gab lange niemand acht auf sie. Es war nicht zu erwarten, daß die Stadtbewohner auf der Straße stehen bleiben und die Wildgänse anrufen würden. Jetzt flogen diese über der Anlage hin, wo die Büste des Dichters Viktor Rydberg aufgestellt ist. In der Anlage war es still und menschenleer, keine Spaziergänger waren unter den hohen Bäumen zu sehen. Aber plötzlich drang eine kraftvolle Stimme zu den Wildgänsen herauf: „Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?“

„In das Land, wo es weder Straßen noch Plätze gibt!“ schrie der Junge.

„Nehmt mich mit!“ rief die starke Stimme. Sie klang so kräftig, als ob sie aus einem ehernen Halse käme.

„Heuer nicht! Heuer nicht!“ entgegnete der Junge.

Die Gänse flogen weiter, dem Ufer des Wettern entlang; und nach einer Weile kamen sie an das Sannaer Krankenheim. Einige von den Kranken standen auf einer Veranda, um sich an der Frühlingsluft zu erfreuen, da hörten sie das Gänsegeschnatter. „Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?“ fragte einer der Kranken mit schwacher kaum vernehmlicher Stimme.

„In ein Land, wo es weder Kummer noch Krankheit gibt!“ antwortete der Junge.

„Nehmt uns mit!“ sagten die Kranken.

„Heuer nicht! Heuer nicht!“ lautete die Antwort.

Als die Schar noch ein Stück weiter geflogen war, kamen sie nach Huskvarna. Dieser Ort liegt in einem Tal; steile, schön geformte Berge stehen rings umher, und in langen, schmalen Wasserfällen kommt ein Bach die Anhöhe herabgerauscht. Große Werkstätten und Fabriken liegen am Fuß der Berge, im Tal breiten sich die von kleinen Gärten umgebenen Arbeiterwohnungen aus, und mitten im Tal erhebt sich ein Schulhaus. In dem Augenblick, wo die Wildgänse vorüberflogen, läutete eine Glocke, und eine Menge Kinder strömte aus der Schule heraus. Es waren ihrer so viele, daß sie den ganzen Schulhof füllten. „Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?“ riefen die Kinder, als sie die Wildgänse hörten.

„Dahin, wo es weder Bücher noch Aufgaben gibt!“ rief der Junge.

„O, nehmt uns mit! Nehmt uns mit!“ schrien die Kinder.

„Heuer nicht, aber nächstes Jahr!“ erwiderte der Junge. „Heuer nicht, aber nächstes Jahr!“

19
Der große Vogelsee

Jarro, die Wildente

Am Ostufer des Wettern liegt Omberg, östlich von Omberg liegt Dagsmosse, östlich von Dagsmosse liegt der See Tåkern, und rings um den Tåkern breitet sich die große gleichmäßige Ostgötaebene aus.

Der Tåkern ist ein recht großer See, und in alten Zeiten scheint er noch größer gewesen zu sein. Aber dann meinten die Menschen, er bedecke einen gar zu großen Teil der fruchtbaren Ebene, und sie versuchten das Wasser abzulassen, um den Grund des Sees umzupflügen und Getreide darein zu säen. Es gelang ihnen jedoch nicht, den ganzen See trocken zu legen, wie es wohl ihre Absicht gewesen war; und so bedeckt er noch immer eine große Fläche. Aber seit der See zum erstenmal abgelassen wurde, ist das Wasser an keiner Stelle mehr als einen Meter tief. Die Ufer sind moorig und schlickrig geworden, und auf dem See draußen ragen überall kleine sumpfige Holme über dem Wasser auf.

Doch es gibt jemand, der gern mit den Füßen im Wasser steht, wenn nur sein Körper und Kopf in der Luft sind. Das ist das Schilf, und nirgends gedeiht es besser als an den langgestreckten, seichten Ufern des Tåkern und rings um die kleinen Sumpfholme herum. Ja, es gedeiht da so ausgezeichnet, daß es mehr als mannshoch wird und so dicht wächst, daß sich ein Boot mit knapper Not hindurchzwängen kann. Das Röhricht bildet einen breiten grünen Gürtel um den ganzen See herum, der dadurch nur an ein paar Stellen, wo die Menschen Luft geschafft haben, zugänglich ist.

Aber wenn das Schilf die Menschen vom See ausschließt, so verleiht es dagegen vielen andern Geschöpfen Schutz und Schirm. In dem Schilf selbst gibt es viele Teiche und Kanäle mit grünen stillstehenden Gewässern, wo Wasserlinsen und Laichkraut gedeihen, und wo Mückenlarven, Fischbrut und Kaulquappen in unermeßlichen Mengen ausgebrütet werden. An den Ufern dieser kleinen Teiche und Kanäle gibt es auch eine Menge wohlversteckter Plätze, wo die Seevögel ihre Eier ausbrüten und ihre Jungen füttern können, ohne von Feinden bedroht oder von Nahrungssorgen geplagt zu sein.

Es wohnt auch eine unglaubliche Menge Vögel in diesem Röhricht, und deren Zahl nimmt mit jedem Jahre zu, je mehr es bekannt wird, was für ein prächtiger Aufenthaltsort das ist. Die ersten, die sich am Tåkern niedergelassen haben, sind die Wildenten, die auch heute noch zu Tausenden da wohnen. Aber jetzt haben sie nicht mehr den ganzen See für sich allein, sie müssen ihn mit Schwänen, Tauchern, Bläßhühnern, Seetauchern, Löffelenten und vielen andern teilen.

Der Tåkern ist sicherlich der größte und ausgezeichnetste Vogelsee im ganzen Land, und die Vögel müssen sich glücklich preisen, so lange sie einen solchen Aufenthaltsort besitzen. Aber es ist ungewiß, wie lange sie die Herrschaft über die Röhrichtstrecken behalten dürfen, denn die Menschen können nicht vergessen, daß sich der See über eine bedeutende Strecke guten, fruchtbaren Landes erstreckt, und einmal übers andre taucht wieder der Vorschlag unter ihnen auf, den See trocken zu legen. Und wenn dieser Vorschlag verwirklicht würde, dann müßten die vielen tausend Vögel die Gegend verlassen.

Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, wohnte am Tåkern ein Wildenterich namens Jarro. Er war noch jung und hatte erst einen Sommer, einen Herbst und einen Winter erlebt. Das war sein erster Frühling. Er war erst kürzlich von Nordafrika zurückgekehrt, und zwar sehr frühzeitig, denn als er am Tåkern anlangte, war dieser noch mit Eis bedeckt.

Eines Abends, als Jarro und die andern jungen Erpel sich damit vergnügten, in ununterbrochenem Flug über dem See hin und her zu fliegen, erklangen plötzlich ein paar Schüsse, und Jarro wurde in die Brust getroffen. Er glaubte, er müsse sterben; aber damit der Jäger, der auf ihn geschossen hatte, ihn nicht finden und verspeisen solle, flog er weiter, so lange er nur konnte. Er überlegte nicht, wohin er flog, sondern suchte nur das Weite. Als ihn dann die Kräfte verließen und seine Flugkraft erlahmte, befand er sich nicht mehr über dem See, sondern über einem der großen Bauernhöfe am Tåkernstrand, und zum Tode erschöpft, sank er gerade vor dem Eingang dieses Hofes zu Boden.

Kurz darauf ging ein junger Knecht über den Hof. Er sah Jarro und hob ihn auf. Aber Jarro, der nur noch in Frieden zu sterben wünschte, nahm seine letzten Kräfte zusammen und biß den Knecht derb in den Finger, damit er ihn loslasse.

Doch es gelang Jarro nicht, sich freizumachen; aber sein Angriff hatte doch etwas Gutes, denn der Knecht merkte, daß Jarro nicht tot war. Ganz behutsam trug er ihn ins Haus hinein und zeigte ihn der Hofbäuerin, einer jungen Frau mit einem freundlichen Gesicht. Sie nahm dem Knecht Jarro sogleich ab, streichelte ihm den Rücken und trocknete ihm das Blut ab, das zwischen dem Flaum an seinem Hals hervorsickerte. Dann betrachtete sie ihn sehr genau, und als sie sah, wie schön er war mit seinem dunkelgrünen glänzenden Kopf, seinem weißen Halsband, seinem braunroten Rücken und seinen blauen Flügeldecken, dachte sie schließlich, es wäre schade, wenn er sterben müßte. Rasch richtete sie einen Korb her und bettete Jarro darein.

Jarro hatte die ganze Zeit mit den Flügeln geschlagen und loszukommen versucht, als er aber merkte, daß die Menschen ihn nicht umbringen wollten, legte er sich mit einem Gefühl des Wohlbehagens in dem Korbe zurecht. Jetzt erst fühlte er, wie ermattet er von den Schmerzen und dem Blutverluste war. Die Hausfrau nahm den Korb auf, um ihn in eine Ecke am Herd zu tragen; aber ehe sie ihn niedersetzte, hatte Jarro schon die Augen geschlossen und war eingeschlafen.

Nach einer Weile erwachte Jarro dadurch, daß ihn jemand leise anstieß. Als er die Augen aufschlug, erschrak er so fürchterlich, daß ihm beinahe das Bewußtsein schwand. Jetzt war er verloren, denn vor ihm stand einer, der für ihn gefährlicher war als Menschen und Raubvögel. Niemand anders als Cäsar selbst, der langhaarige Hühnerhund, stand vor ihm und beroch ihn.

Welche geradezu erbarmungswürdige Angst hatte nicht Jarro im vorigen Sommer ausgestanden, so oft er, als ein kleines mit gelbem Flaum bedecktes Junges, den Ruf über das Röhricht hin ertönen hörte: „Cäsar kommt! Cäsar kommt!“ Und wenn er den braun- und weißgefleckten Hund mit dem zähnefletschenden Maul durch das Schilf waten sah, glaubte er den Tod selbst vor sich zu sehen. Er hatte immer gehofft, die Stunde werde er nie erleben müssen, wo Cäsar ihm Auge in Auge gegenüberstehe.

Und jetzt hatte er zu seinem Unglück gerade in den Hof hinabfallen müssen, wo Cäsar daheim war, denn dieser stand vor ihm! „Was bist du denn für einer?“ brummte Cäsar. „Wie bist du denn ins Haus hereingekommen? Bist du nicht drunten im Röhricht daheim?“

Nur mit knapper Not brachte Jarro die Worte heraus: „Sei mir nicht böse, Cäsar, daß ich ins Haus hereingekommen bin! Ich kann nichts dafür. Eine Kugel hat mich getroffen, und die Menschen selbst haben mich in diesen Korb gebettet.“

„So, so, die Menschen selbst haben dich in den Korb gelegt,“ sagte Cäsar. „Dann haben sie gewiß die Absicht, dich zu heilen, obgleich sie meiner Meinung nach klüger daran täten, dich zu verspeisen, solange du in ihrer Macht bist. Aber hier im Hause herrscht jedenfalls Burgfriede. Du brauchst nicht so angstvoll auszusehen, wir sind jetzt nicht auf dem Tåkern.“

Damit machte Cäsar kehrt und legte sich vor dem flammenden Herdfeuer zum Schlafen nieder. Sobald Jarro begriff, daß diese gräßliche Gefahr überstanden war, überfiel ihn die große Mattigkeit aufs neue, und er schlief wieder ein.

Als Jarro wieder erwachte, sah er ein Gefäß mit Grütze und Wasser neben sich stehen. Er fühlte sich zwar noch sehr krank, aber Hunger hatte er trotzdem, und so begann er zu fressen. Als die Hausmutter sah, daß es ihm schmeckte, trat sie herzu, streichelte ihn und sah sehr vergnügt aus. Hierauf schlief Jarro abermals ein; mehrere Tage lang tat er nichts als essen und schlafen.

Eines Morgens aber fühlte er sich so gesund, daß er aus dem Korb herausstieg und auf dem Boden hinlief. Aber er war noch nicht weit gekommen, als er auch schon umfiel und nicht mehr aufstehen konnte. Da kam Cäsar herbei, öffnete sein großes Maul und packte ihn. Jarro glaubte natürlich, der Hund wolle ihn totbeißen; aber Cäsar trug ihn in seinen Korb zurück, ohne ihm etwas zuleide zu tun. Dadurch faßte Jarro großes Vertrauen zu Cäsar; ja, bei seinem nächsten Gehversuch ging er geradewegs zu dem Hunde hin und legte sich neben ihn. Von da an waren die beiden gute Freunde, und Jarro lag jeden Tag ganz ruhig schlafend zwischen Cäsars Pfoten.

Aber noch größere Hingabe als für Cäsar fühlte Jarro für die Hausfrau. Vor ihr fürchtete er sich auch nicht im geringsten, er rieb sogar seinen Kopf an ihrer Hand, so oft sie ihm sein Futter brachte. Wenn sie aus dem Zimmer ging, seufzte er schmerzlich, und wenn sie wieder eintrat, hieß er sie in seiner eignen Sprache willkommen.

Jarro vergaß vollständig, wie sehr er sich früher vor den Hunden und den Menschen gefürchtet hatte. Sie kamen ihm sanft und gut vor, er liebte sie und wünschte sehnlichst, gesund zu sein, um drunten am Tåkern den Wildenten erzählen zu können, daß ihre alten Feinde durchaus nicht gefährlich seien und sie sich ganz und gar nicht vor ihnen zu fürchten brauchten.

Jarro hatte herausgefunden, daß die Menschen hier in dem Hause und auch Cäsar vertrauenerweckende Augen hatten, in die hineinzuschauen einem wohl tat. Die einzige im Hause, deren Augen er nicht gern begegnete, war Klaurina, die Hauskatze. Sie tat ihm zwar nichts zuleide, aber er konnte nun einmal kein Vertrauen zu ihr fassen. Sie zankte sich auch immer mit ihm, weil er die Menschen lieb hatte. „Du meinst, sie sorgten für dich, weil sie dich lieb hätten,“ sagte Klaurina. „Warte nur, bis du ordentlich fett bist, dann drehen sie dir den Kragen um. Ich kenne sie, jawohl.“

Jarro hatte wie alle Vögel ein weiches, versöhnliches Herz, und wenn er die Katze so reden hörte, wurde er tief betrübt. Die Hausfrau sollte ihm den Kragen umdrehen wollen! Nein, das konnte er nicht von ihr glauben, ebensowenig als er so etwas von ihrem Söhnchen glauben würde, einem kleinen Jungen, der mit ihm schäkernd und plaudernd stundenlang neben seinem Korbe saß. Die beiden liebten ihn gewiß ebenso ehrlich wie er sie, dessen glaubte er sicher zu sein.

Eines Tages, als Jarro und Cäsar auf ihrem gewohnten Platze vor dem Herde lagen, saß Klaurina auf der Herdplatte und begann mit der Wildente zu zanken.

„Ich möchte wohl wissen, was ihr Wildenten im nächsten Jahre tun werdet, wenn der Tåkern trocken gelegt und in Äcker verwandelt wird?“ sagte die Katze.

„Was sagst du da, Klaurina?“ rief Jarro und sprang entsetzt auf.

„Jaso, Jarro, ich vergesse immer wieder, daß du die menschliche Sprache nicht so gut verstehst wie ich und Cäsar,“ erwiderte die Katze, „sonst wüßtest du doch, was die Männer, die gestern hier waren, gesprochen haben. Sie sagten, das Wasser des Tåkern solle abgelassen werden, und im nächsten Jahre werde der Grund des Sees beinahe so trocken sein wie ein Stubenboden. Deshalb möchte ich wissen, wohin ihr Wildenten euch dann begeben wollt?“

Als Jarro diese Rede hörte, geriet er in einen fürchterlichen Zorn. Wie eine Schlange zischend fuhr er die Katze an. „Du bist boshaft wie ein Bläßhuhn und willst mich nur gegen die Menschen aufhetzen. Ich glaube gar nicht, daß sie so etwas im Sinne haben, denn der See ist das Eigentum der Wildenten, und das müssen die Menschen doch wissen. Warum sollten sie so viele Vögel heimatlos und unglücklich machen wollen? Du hast gewiß das alles nur ausgeheckt, um mir Angst zu machen. Ich wollte, Gorgo, der Adler, würde dich zerfleischen, ja, ich wollte, die Hausfrau schnitte dir deinen Schnurrbart ab!“

Aber mit diesem Ausfall konnte Jarro die Katze nicht zum Schweigen bringen. „So, du meinst also, ich lüge?“ sagte sie. „Dann frage doch Cäsar. Er war gestern Abend auch hier in der Stube, und Cäsar lügt nie.“

„Cäsar,“ wendete sich Jarro an den Hund, „du verstehst die Sprache der Menschen viel besser als Klaurina. Sage, daß sie nicht recht verstanden hat! Bedenke doch, was geschehen würde, wenn die Menschen den Tåkern trocken legten und den Seegrund in Äcker verwandelten! Dann gäbe es doch für die erwachsenen Enten weder Wasserlinsen noch Laichkraut und für die jungen Entlein keine Fischbrut, keine Kaulquappen und keine Mückenlarven mehr. Dann würde auch das Röhricht verschwinden, wo die kleinen Entlein sich verstecken können, bis sie fliegen gelernt haben. Alle Enten müßten ja fortziehen und sich einen andern Aufenthalt suchen. Aber wo sollten sie einen solchen Zufluchtsort finden wie den Tåkern? Cäsar, sag, daß Klaurina nicht recht gehört hat!“

Cäsars Benehmen während dieser Anrede war im höchsten Grade sonderbar. Er war vorher hellwach gewesen; aber als Jarro sich an ihn wendete, gähnte er, legte seine lange Nase auf seine Vorderpfoten, und im nächsten Augenblick lag er im tiefsten Schlafe.

Mit einem durchtriebenen Lächeln sah die Katze auf Cäsar hinunter. „Ich glaube, Cäsar hat keine Lust, dir zu antworten,“ sagte sie zu Jarro. „Er ist gerade wie alle andern Hunde; sie wollen nie zugeben, daß die Menschen unrecht tun können. Aber du kannst dich auf mein Wort unbedingt verlassen. Und ich will dir auch sagen, warum die Menschen den See austrocknen wollen. Wenn ihr Wildenten die Herrschaft über den See noch hättet, würden sie ihn nicht ablassen, denn von euch haben sie doch noch einen gewissen Nutzen.

Aber jetzt haben ja die Taucher und die Bläßhühner und andre Vögel, die den Menschen nicht zur Nahrung dienen, beinahe das ganze Röhricht besetzt, und derentwegen meinen sie den See nicht beibehalten zu müssen.“

Jarro würdigte die Katze keiner Antwort mehr, aber er hob den Kopf und schrie Cäsar ins Ohr: „Cäsar! Cäsar! Auf dem Tåkern gibt es noch so viele Enten, daß sie die Luft wie mit Wolken erfüllen, das weißt du wohl! Darum sag, daß es nicht wahr ist! Nein, die Menschen können nicht im Sinn haben, uns heimatlos zu machen!“

Jetzt sprang Cäsar auf und fuhr so heftig auf Klaurina los, daß diese sich auf ein Wandbrett flüchten mußte. „Ich werde dich lehren, still zu sein, wenn ich schlafen will!“ donnerte er sie an. „Natürlich weiß ich, daß es sich darum handelt, den See in diesem Jahre abzulassen. Aber man hat ja schon so oft über diese Sache gesprochen, ohne daß sie je verwirklicht worden wäre. Und dieses Trockenlegen des Sees ist etwas, was ich durchaus nicht billige. Denn wie sollte es mit der Jagd gehen, wenn der Tåkern ausgetrocknet würde? Du bist ein Simpel, wenn du dich über so etwas freust. Was haben wir denn dann noch für ein Vergnügen, wenn es keine Vögel mehr auf dem Tåkern gibt?“

Der Lockvogel

Sonntag, 17. April

Ein paar Tage später war Jarro fast hergestellt, und er konnte schon durchs ganze Zimmer fliegen. Er wurde denn auch von der Hausfrau gestreichelt, und der kleine Junge pflückte die ersten hervorsprießenden Grashälmchen für ihn. Während die Hausfrau ihn streichelte, dachte Jarro, obgleich er jetzt wieder so gesund war, daß er, sobald es ihm beliebte, an den Tåkern hätte hinabfliegen können, er wolle sich doch noch nicht von den Menschen trennen, ja, am liebsten möchte er sein ganzes Leben lang bei ihnen bleiben.

Aber eines Morgens in aller Frühe legte die Hausmutter eine Halfter oder Schlinge um Jarro, die ihn am Gebrauch seiner Flügel hinderte, und dann übergab sie ihn jenem Knecht, der ihn damals auf dem Hofe gefunden hatte. Der Knecht nahm ihn unter den Arm und ging mit ihm zum Tåkern hinunter.

Während Jarro krank lag, war das Eis geschmolzen. Das alte vertrocknete Röhricht vom vorigen Jahre stand noch an den Ufern und Holmen, aber alle Wasserpflanzen hatten in der Tiefe Schößlinge getrieben, und die grünen Spitzen reichten schon bis zur Oberfläche des Wassers. Und jetzt waren fast alle Zugvögel zurückgekehrt. Die gebogenen Schnäbel der Scharben sahen aus dem Schilf hervor, die Taucher schwammen mit einem neuen Halskragen umher, und die Bekassinen sammelten eifrig Stroh zu ihren Nestern.

Der Knecht bestieg einen Kahn, legte Jarro auf den Boden und begann in den See hinauszustechen. Jarro, der sich jetzt daran gewöhnt hatte, nur Gutes von den Menschen zu erwarten, sagte zu Cäsar, der auch dabei war, er sei dem Knecht sehr dankbar, daß er ihn auf den See hinausfahre. Aber der Knecht hätte ihn nicht so fest zu fesseln brauchen, denn er wolle den Menschen gar nicht entfliehen. Cäsar gab keine Antwort, er war an diesem Morgen äußerst wortkarg.

Das einzige, was Jarro ein wenig sonderbar vorkam, war, daß der Knecht seine Flinte mitgenommen hatte. Die guten Leute auf dem Hofe würden doch sicherlich keine Vögel schießen wollen. Und außerdem hatte ihm Cäsar gesagt, die Menschen gingen in dieser Jahreszeit nicht auf die Jagd. „Es ist Schonzeit,“ hatte er gesagt, „obgleich das für mich natürlich nicht gilt.“

Der Knecht ruderte zu einem der schilfumkränzten Sumpfholme hinüber. Hier stieg er aus, schichtete altes Röhricht zu einem großen Haufen zusammen und legte sich dahinter nieder. Die Schlinge um die Flügel und mit einer langen Schnur an das Boot angebunden, durfte Jarro umhergehen.

Plötzlich erblickte dieser einige von den jungen Wildenten, in deren Gesellschaft er früher um die Wette über den See hin und her geschwommen war. Sie waren weit entfernt, aber Jarro rief sie mit einigen lauten Rufen herbei. Sie gaben ihm Antwort, und eine große schöne Schar näherte sich ihm. Bevor sie noch herangekommen war, begann Jarro von seiner wunderbaren Errettung und von der Güte der Menschen zu berichten. Aber schon knallten zwei Schüsse hinter ihm. Drei Enten sanken tot ins Röhricht. Cäsar platschte hinaus und fing sie auf.

Da verstand Jarro – die Menschen hatten ihn gerettet, um ihn als Lockvogel zu gebrauchen. Und das war ihnen auch geglückt. Drei Enten hatten um seinetwillen sterben müssen.

Es war ihm, als müsse er vor Scham selbst sterben, ja, es war ihm, als ob ihn auch sein Freund Cäsar verächtlich ansehe; und als sie wieder in der Stube waren, wagte er nicht mehr, sich neben den Hund zu legen.

Am nächsten Morgen wurde Jarro abermals an den kleinen Holm gebracht. Auch diesmal gewahrte er bald einige Enten. Als er sie aber auf sich zufliegen sah, rief er ihnen zu: „Fort! Fort! Nehmt euch in acht! Fliegt wo anders hin! Hinter dem Schilfhaufen liegt ein Jäger im Hinterhalt! Ich bin nur ein Lockvogel!“ Und es gelang ihm wirklich, die Enten zu verhindern, in Schußweite heranzukommen.

Jarro hatte kaum Zeit, ein Grashälmchen zu verzehren, so eifrig war er auf der Wacht. Sobald sich ein Vogel näherte, schrie er ihm seinen Warnungsruf entgegen; er warnte sogar auch Taucher und Bläßhühner, obgleich er sie verabscheute, weil sie die Enten aus ihren besten Verstecken verdrängten. Aber seinetwegen sollte gewiß kein einziger Vogel ins Unglück geraten. Und dank Jarros Wachsamkeit mußte der Knecht heimkehren, ohne Gelegenheit zu einem einzigen Schuß bekommen zu haben.

Dessenungeachtet sah Cäsar weniger mißvergnügt aus als am Tage vorher; und als es Abend wurde, nahm er Jarro ins Maul, trug ihn zum Herd hin und ließ ihn zwischen seinen Vorderpfoten schlafen.

Aber Jarro fühlte sich nicht mehr behaglich in der Stube; er war tief unglücklich, und das Herz tat ihm weh bei dem Gedanken, daß die Menschen ihn nie lieb gehabt hätten. Wenn jetzt die Hausfrau oder der kleine Junge ihn streichelten, steckte er den Schnabel unter den Flügel und tat, als ob er schliefe.

Mehrere Tage hatte Jarro seine traurige Wacht gehalten, und man kannte ihn schon am ganzen Tåkern. Eines Morgens, als er wie gewöhnlich rief: „Nehmt euch in acht, ihr Vögel! Kommt mir nicht nahe! Ich bin nur ein Lockvogel!“ sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen. Dies war nun nichts besonders Merkwürdiges; es war ein Nest vom vorigen Jahre, und da die Tauchernester so gebaut sind, daß sie wie Boote auf dem Wasser schwimmen können, treibt häufig eines auf den See hinaus. Aber Jarro blieb doch stehen und betrachtete es, denn es schwamm geradeswegs auf den Holm zu, als ob es jemand über das Wasser steuere.

Als es näher kam, sah Jarro, daß ein kleiner Mensch, der kleinste, den er je gesehen hatte, in dem Nest saß und mit zwei Stäbchen ruderte. Und dieses Menschlein rief ihm zu: „Komm so nahe ans Wasser heran, als du kannst, Jarro, und halte dich zum Fliegen bereit! Du wirst bald befreit werden.“

Einige Augenblicke später lag das Nest am Land, aber der kleine Ruderer verließ es nicht, sondern saß ganz still zwischen Zweigen und Halmen verborgen. Jarro verhielt sich auch beinahe regungslos. Der Gedanke, frei zu werden und seinem Unglück entfliehen zu können, hatte ihn förmlich gelähmt.

Das nächste, was geschah, war, daß eine Schar Wildgänse daherflog. Da kam Jarro wieder zu sich, und er warnte sie mit lauten Rufen; aber dessenungeachtet flogen sie mehrere Male über dem Holm hin und her. Sie hielten sich so hoch in der Luft, daß sie außer Schußweite waren; aber der Knecht ließ sich trotzdem verleiten, ein paar Schüsse auf sie abzugeben. Kaum waren diese abgefeuert, als der kleine Knirps auf und ans Land sprang, ein kleines Messer aus der Scheide zog und mit einem raschen Schnitt Jarros Schlinge löste. „Flieg nun davon, Jarro, ehe der Knecht wieder geladen hat!“ rief er, während er selbst in das Nest zurücksprang und vom Lande abstieß. Der Jäger hatte die Augen auf die Gänse gerichtet und daher nicht gemerkt, daß Jarro befreit worden war. Aber Cäsar hatte besser acht gegeben, und gerade als Jarro die Flügel hob, stürzte er herbei und packte ihn im Nacken.

Jarro schrie zum Erbarmen, aber der Knirps, der ihn befreit hatte, sagte mit der größten Ruhe zu Cäsar: „Wenn deine Gesinnung so edel ist wie dein Aussehen, so kannst du nicht jemand bei einer so gemeinen Beschäftigung, ein Lockvogel zu sein, zurückhalten wollen.“

Als Cäsar diese Worte hörte, grinste er boshaft mit der Oberlippe, aber nach einem Augenblick ließ er Jarro los. „Flieg, Jarro!“ sagte er. „Du bist wirklich zu gut zu einem Lockvogel. Ich wollte dich auch nicht deshalb zurückhalten, sondern weil die Stube ohne dich so leer sein wird.“

Die Trockenlegung des Sees

Mittwoch, 20. April

In der Bauernstube war es wirklich sehr leer, als Jarro nicht mehr da war. Dem Hund und der Katze wurde die Zeit lang, weil sie sich nicht mehr miteinander über ihn streiten konnten, und die Hausfrau vermißte das fröhliche Geschnatter, das Jarro angestimmt hatte, so oft sie ins Zimmer trat. Am meisten Heimweh nach ihm hatte aber doch der kleine Junge Per Ola. Per Ola war erst drei Jahre alt und überdies das einzige Kind, und er hatte noch nie einen so guten Spielkameraden gehabt wie Jarro. Als man Per Ola sagte, Jarro sei zu den andern Enten auf den Tåkern zurückgekehrt, wollte er sich mit dieser Nachricht nicht zufrieden geben, sondern dachte immerfort darüber nach, wie er wohl den guten Jarro wieder bekommen könnte.

Per Ola hatte sehr oft mit Jarro geplaudert, während dieser in seinem Korb lag, und das Kind war fest überzeugt, daß ihn der Erpel immer verstanden habe. Er bat die Mutter, mit ihm an den See hinunterzugehen, denn er wolle Jarro aufsuchen und ihn überreden, wieder zu ihnen zu kommen. Die Mutter wollte davon nichts hören, aber deshalb gab Per Ola sein Vorhaben nicht auf.

Am Tag, nachdem Jarro verschwunden war, spielte Per Ola draußen im Garten. Wie gewöhnlich spielte er ganz allein; aber Cäsar lag auf der Treppe, und als die Mutter Per Ola herausgebracht hatte, hatte sie zu dem Hunde gesagt: „Gib auf Per Ola acht, Cäsar!“

Wenn nun alles wie sonst gewesen wäre, hätte Cäsar auch dem Befehl Folge geleistet. Per Ola wäre gut bewacht gewesen und keinerlei Gefahr gelaufen. Aber in diesen Tagen war Cäsar gar nicht er selbst. Er wußte, daß die Bauern, die um den Tåkern herum wohnten, wegen der Trockenlegung des Sees verhandelt hatten, und daß die Sache beinahe so gut wie beschlossen war. Die Enten müßten also fortziehen, und Cäsar würde nie mehr ehrlich und ordentlich Jagd auf sie machen können. Der Gedanke an dieses Unglück beschäftigte den Hund vollständig, und er dachte nicht mehr daran, über das Kind zu wachen.

Und Per Ola sah sich kaum allein auf dem Hof, als er auch schon die rechte Stunde gekommen glaubte, nach dem Tåkern zu gehen und mit Jarro zu reden. Er öffnete ein Pförtchen und schlug den schmalen Wiesenpfad zum See hinunter ein. Solange man ihn von daheim sehen konnte, ging er ganz langsam, aber dann begann er zu laufen. Er hatte große Angst, die Mutter oder sonst jemand würde ihm zurufen, er dürfe nicht an den See hinunter. Er wollte zwar nichts Böses tun, nur Jarro überreden, zurückzukehren, fühlte aber wohl, daß die andern sein Vorhaben nicht gebilligt hätten.

Als Per Ola den Strand erreicht hatte, rief er Jarro mehrere Male mit Namen. Dann wartete er lange, aber Jarro zeigte sich nicht. Per Ola sah allerdings verschiedene Vögel, die wie Wildenten aussahen; diese flogen aber an ihm vorbei, ohne sich um ihn zu kümmern, und daraus schloß Per Ola, daß keiner von ihnen der rechte sei.

Als Jarro sich nicht zeigte, dachte der kleine Junge, er könne Jarro gewiß leichter finden, wenn er sich auf den See hinaus begebe. Es lagen mehrere gute Boote am Ufer, aber die waren alle angebunden. Das einzige nicht festgemachte Boot war ein alter lecker Kahn, dessen sich niemand mehr bediente. Per Ola kletterte unter großer Anstrengung hinein, ohne sich darum zu kümmern, daß der ganze Boden mit Wasser bedeckt war. Die Ruder konnte der kleine Bursche natürlich nicht handhaben, dafür aber begann er in dem Boot zu schaukeln und es hin und her zu wiegen. Es wäre sicher keinem erwachsenen Menschen gelungen, einen Kahn auf diese Weise auf den Tåkern hinauszubringen, aber wenn hoher Wasserstand ist und das Unglück es will, haben kleine Kinder eine wunderbare Fähigkeit, aufs Wasser hinauszukommen; Per Ola trieb wirklich bald auf dem Tåkern umher und rief nach seinem geliebten Jarro.

Als der alte Kahn auf diese Weise auf dem See schaukelte, öffneten sich alle seine Ritzen noch weiter, und das Wasser strömte stärker herein. Darum kümmerte sich aber Per Ola nicht im geringsten. Er saß vorn auf dem kleinen Brett, rief jeden Vogel an, den er sah, und wunderte sich, warum Jarro nicht erscheine.

Schließlich aber nahm Jarro den Jungen wirklich wahr. Er hörte, wie Per Ola ihn mit dem Namen rief, den er bei den Menschen gehabt hatte, und daraus schloß er, daß sich der Junge auf den Tåkern hinausbegeben habe, um ihn zu suchen. Jarro freute sich unaussprechlich über diese Entdeckung; also liebte ihn einer von den Menschen doch aufrichtig! Schnell wie ein Pfeil schoß er zu Per Ola hinunter, setzte sich neben ihn und ließ sich von ihm liebkosen. Alle beide waren sehr glücklich über das Wiedersehen.

Aber plötzlich merkte Jarro, wie es mit dem Kahn stand. Er war schon halb voll Wasser, in kurzer Zeit mußte er untersinken. Jarro versuchte Per Ola klar zu machen, daß er, da er weder fliegen noch schwimmen könne, versuchen müsse, ans Land zu kommen. Aber das Kind verstand Jarro nicht. Da zögerte Jarro keinen Augenblick, sondern flog eilig davon, um Hilfe herbeizuschaffen.

Nach einer kleinen Weile kehrte Jarro zurück, und da trug er auf seinem Rücken einen kleinen Knirps, der viel kleiner als Per Ola war. Wenn er nicht gesprochen und sich bewegt hätte, würde ihn Per Ola für eine Puppe gehalten haben. Und dieser Knirps befahl Per Ola, sofort eine lange, dünne Stange zu ergreifen, die im Kahn lag, und zu versuchen, das Fahrzeug nach einem der kleinen Sumpfholme hinüberzustoßen. Per Ola gehorchte, und dann begannen die beiden mit vereinten Kräften den Kahn vorwärts zu treiben. Mit einigen Stößen erreichten sie wirklich einen kleinen, schilfumkränzten Holm; und als sie hier angekommen waren, wurde Per Ola befohlen, ans Land zu gehen. Und gerade in dem Augenblick, wo Per Ola den Fuß ans Land setzte, war der Kahn so mit Wasser gefüllt, daß er sank.

Als Per Ola dies sah, fühlte er ganz deutlich, daß Vater und Mutter sehr böse über ihn werden würden, und er hätte sicherlich geweint, wenn nicht seine Gedanken sogleich von etwas ganz anderm in Anspruch genommen worden wären. Plötzlich kam eine große Schar grauer Vögel dahergeflogen, die sich auf der Insel niederließ. Dann führte der kleine Knirps Per Ola zu den Vögeln hin und erzählte ihm, wie sie hießen und was sie sagten. Und das war so lustig, daß Per Ola alles andre vergaß.

Doch schnell flog Jarro nach dem Bauernhof, um Cäsar mitzuteilen, wo Per Ola sei. Cäsar folgte Jarro an das Ufer hinunter, und von da schwamm und watete er nach dem Sumpfholm hinüber. Dort saß Per Ola laut lachend und vor Freude jubelnd auf einem Haufen trocknen Schilfs, die Wildgänse und die Wildenten rings um ihn herum.

Cäsar blieb lange auf dem Holm, und zwar nicht allein Per Olas wegen. Zum erstenmal in seinem ganzen Leben war er mit den Vögeln des Tåkern in friedlichen Verkehr gekommen, und er verwunderte sich über deren Klugheit. Sie fragten ihn, ob das, was Jarro berichtet habe, wahr sei, daß nämlich der Tåkern wirklich ausgetrocknet werden solle?

„Es ist noch nicht entschieden,“ sagte Cäsar, „aber morgen wollen die Strandeigentümer sich versammeln, um einen endgültigen Entschluß zu fassen, und ich fürchte, diesmal wird der Vorschlag durchgehen. Es ist recht traurig für die Vögel, aber auch für mich ist es kein Spaß, ich verliere das beste Jagdgebiet, das ein Hund je gehabt hat.“

Die Vögel wurden über die Maßen betrübt, als sie Jarros Aussage durch Cäsar bekräftigen hörten. Die Nachricht lief von einem Röhricht zum andern über den ganzen See hin, und überall erhoben sich laute Klagerufe. Die stolzen Schwäne jammerten nicht weniger als die kleinen Rohrsänger, und die Enten und Bläßhühner, die einander sonst verabscheuen, waren ganz einig darüber, daß dies ein furchtbares Unglück sei.

Als Cäsar endlich aufbrach, um nach dem Hof zurückzukehren, sagte die alte Akka, die Anführerin der Wildgänse, zu ihm: „Für mich ist es einerlei, denn ich bin nur ein durchreisender Zugvogel, aber wenn du die Vögel wirklich hier am Tåkern behalten möchtest, dann müßtest du den Eltern nicht so bald mitteilen, wo das Kind zu finden sei.“

Cäsar starrte die Wildgans mit weitoffnen Augen an. „Du bist ganz gewiß eine wunderbare alte Gans,“ sagte er.

„Ach, mir ist schon manches vorgekommen in meinem Leben,“ sagte Akka, „und ich weiß, es wird uns allen weich ums Herz, wenn wir unsre Jungen verlieren sollen.“

„Ich werde deinen Rat befolgen,“ sagte Cäsar, „aber ihr steht mir dafür ein, daß Per Ola kein Leid geschieht.“

Indessen hatten die Leute auf dem Hofe Per Ola vermißt und nach ihm gesucht. Sie suchten in den Wirtschaftsgebäuden, sahen in den Brunnen hinunter und untersuchten den Keller. Dann suchten sie auf Wegen und Stegen, eilten auch auf den Nachbarhof, um zu hören, ob sich das Kind nicht dahin verirrt habe, und schließlich suchten sie ihn auch am Tåkern. Aber so viel sie auch suchten, Per Ola war nirgends zu entdecken.

Cäsar, der Hund, wußte recht gut, wen die Herrschaft suchte, aber er tat nichts, sie auf die richtige Spur zu leiten. Dagegen lag er ganz ruhig da, als ob ihn die Sache gar nichts anginge. „Es kann euch Menschen nichts schaden, wenn ihr einmal ein paar Stunden lang in Sorge seid,“ dachte er. „Per Ola geschieht da draußen nichts Böses, und den andern gönne ich es, wenn sie ordentlich Angst ausstehen.“

Später am Tage entdeckte man Per Olas Fußtapfen drunten am Bootschuppen. Und dann merkte man, daß der alte lecke Kahn nicht mehr am Ufer lag. Da begann man zu verstehen, was geschehen war.

Der Hausherr und die Knechte schoben sogleich die Boote ins Wasser und fuhren hinaus, den Jungen zu suchen. Bis spät am Abend fuhren sie auf dem Tåkern umher, ohne auch nur einen Schein von ihm zu entdecken. Da konnten sie sich nichts andres denken, als daß das alte Fahrzeug gesunken sei und das Kind nun tot auf dem Grunde des Sees liege.

Am Abend wanderte Per Olas Mutter ruhelos am Strande hin und her. Die andern waren alle überzeugt, daß Per Ola ertrunken sei, sie aber konnte es nicht glauben und suchte und suchte unaufhörlich. Sie suchte zwischen Schilf und Binsen, sie wanderte auf dem sumpfigen Strand umher, ohne zu beachten, wie tief ihre Füße einsanken und wie naß sie wurden. Sie war am Verzweifeln, und das Herz tat ihr unsäglich weh. Sie weinte nicht, aber sie rang die Hände und rief mit lauter, klagender Stimme nach ihrem Kind.

Rings herum hörte sie die Klagen der Schwäne und Enten und Brachschnepfen. Ihr war, als wanderten alle klagend und jammernd hinter ihr drein. „Sie haben gewiß einen Kummer, weil sie so jammern,“ dachte die Mutter. „Aber es sind ja nur Vögel,“ dachte sie weiter, „die haben sicherlich keinen Kummer.“

Aber wunderbar war es doch, daß die Vögel jetzt nach Sonnenuntergang noch nicht verstummt waren. Sie hörte, wie alle diese unzähligen Vogelscharen, die rings um den Tåkern wohnten, nacheinander ihre Klagerufe ertönen ließen. Mehrere liefen hinter ihr her, andre sausten auf raschen Flügeln an ihr vorüber, alle jammerten und klagten.

Und die Angst, die sie selbst quälte, öffnete ihr das Herz. Ihr war, als stehe sie allen den andern lebenden Wesen gar nicht mehr so fern, wie dies bei den Menschen sonst der Fall zu sein pflegt. Viel besser als je vorher verstand sie, wie es den Vögeln zumut sein müsse. Auch sie hatten ihre tägliche Sorge für Haus und Kind. Es war wohl gar kein so großer Unterschied zwischen den Vögeln und den Menschen, wie sie bisher geglaubt hatte.

Dann fiel ihr die Trockenlegung des Sees ein. Diese war schon so gut wie fest beschlossen. Ach und dadurch würden alle die Tausende von Schwänen, Enten und Tauchern ihre Heimat hier am Tåkern verlieren! „Das wird sehr traurig für sie sein,“ dachte sie. „Wo sollen sie später ihre Jungen aufziehen?“

Sie blieb stehen und überlegte. „Ja, es mag ja wohl ganz gut und vorteilhaft sein, einen See in Äcker und Wiesen zu verwandeln,“ dachte sie, „aber der See braucht ja nicht gerade der Tåkern zu sein, sondern ein andrer, der nicht so vielen Tausenden von Tieren zur Heimat dient.“

„Morgen soll die Trockenlegung endgültig beschlossen werden,“ dachte sie weiter. Und sie fragte sich, ob nicht am Ende Per Ola deshalb gerade an diesem Tage sich verlaufen habe? Ob es nicht am Ende Gottes Absicht sei, durch den Kummer ihr Herz zu rühren, damit es sich der Barmherzigkeit öffne, gerade heute, ehe es zu spät wäre, die schlechte Tat zu verhindern?

Rasch ging sie auf den Hof zurück und sprach mit ihrem Mann über das alles. Sie sprach von dem See und den Vögeln und sagte schließlich, sie glaube, Per Olas Tod sei eine Strafe, die Gott über sie verhängt habe. Und sie sah bald, daß ihr Mann derselben Ansicht war.

Sie besaßen schon vorher einen großen Hof, und wenn die Trockenlegung des Sees zustande kam, fiel ihnen ein sehr bedeutender Teil des Seegrundes zu, wodurch ihr Besitztum beinahe noch einmal so groß wurde. Deshalb waren sie auch eifriger für den Plan gewesen als irgend einer von den andern Strandbesitzern. Die andern hatten die Ausgaben gescheut und die Befürchtung ausgesprochen, die Trockenlegung werde am Ende ebensowenig gelingen wie das erste Mal. Per Olas Vater wußte, daß nur er sie schließlich zu dem Unternehmen bestimmt hatte. Er hatte seine ganze Überredungskunst angewendet, um seinem Sohn einen doppelt so großen Hof hinterlassen zu können, als er selbst einst von seinem Vater geerbt hatte.

Jetzt fragte er sich, ob es wohl eine Fügung Gottes sei, daß der Tåkern ihm seinen Sohn genommen habe, gerade am Tage, bevor der Kontrakt zur Trockenlegung unterschrieben werden sollte? Und seine Frau brauchte nicht mehr viel zu sagen. „Ja, ja, vielleicht will Gott nicht, daß wir in seine Ordnung eingreifen,“ sagte er. „Ich will morgen mit den andern sprechen, und ich glaube, wir werden alles beim Alten lassen.“

Während die Eheleute so miteinander sprachen, lag Cäsar vor dem Herd. Mit aufgehobenem Kopf hörte er genau zu. Als er seiner Sache sicher zu sein glaubte, stand er auf, ging zur Mutter hin, faßte sie am Rock und zog sie nach der Tür hin. „Aber Cäsar!“ sagte sie und wollte sich frei machen. „Weißt du, wo Per Ola ist?“ rief sie gleich darauf. Und Cäsar bellte lustig und sprang an der Tür hinauf. Die Mutter öffnete, Cäsar stürmte in großen Sätzen zum Tåkern hinunter, und ohne sich lange zu besinnen, lief die Mutter hinter ihm drein, so fest war sie überzeugt, daß Cäsar wußte, wo ihr Kind war. Kaum hatte sie den Strand erreicht, da drang auch schon das Weinen einer Kinderstimme vom See herüber an ihr Ohr.

Per Ola hatte mit Däumling und den Vögeln den vergnügtesten Tag seines Lebens verbracht, aber jetzt weinte er, weil er hungrig war und sich bei der Dunkelheit fürchtete. Ach, wie froh war er, als Vater und Mutter und Cäsar kamen, ihn zu holen!

Und bei schönem, hellem Mondschein, während die Vögel des Tåkern lustig um sie herumflatterten, fuhren sie zurück, heim nach dem Bauernhof.

20
Die Wahrsagung

Freitag, 22. April

Eines Nachts schlief der Junge auf einem der Holme des Tåkern, als das Geräusch von Ruderschlägen ihn weckte. Kaum hatte er die Augen aufgemacht und sie auf den See gerichtet, als ein starker Lichtschein aufflammte, der ihn beinahe blendete.

Zuerst konnte er nicht begreifen, was draußen auf dem See so hell leuchtete, bald aber sah er, daß am Schilfrand ein Kahn lag, in dessen Hintersteven eine große Pechfackel an einer eisernen Gabel brannte. Die roten Flammen der Fackel spiegelten sich deutlich in dem nachtschwarzen See, und der prächtige Schein mußte die Fische herbeigelockt haben, denn um die Flamme in der Tiefe herum zeigte sich eine Menge dunkler Striche, die sich beständig bewegten und den Platz wechselten.

In dem Kahn befanden sich zwei alte Männer. Der eine saß bei den Rudern, der andre stand auf dem hintern Brett und hielt einen kurzen, mit großen Widerhaken versehenen Spieß in der Hand. Der Mann, der die Ruder führte, schien ein armer Fischer zu sein. Er war klein, ausgemergelt und wettergebräunt und hatte einen dünnen abgetragenen Rock an. Offenbar war dieser Mann gewohnt, bei jedem Wetter draußen zu sein, und machte sich nichts aus der Kälte. Der andre war wohlgenährt und gut gekleidet und sah wie ein gebieterischer, selbstbewußter Bauer aus.

„Halt nun still!“ sagte der Bauer, als sie dicht bei dem Holm waren, wo der Junge lag. In demselben Augenblick stieß er den Spieß ins Wasser, und als er ihn wieder herauszog, kam ein langer, prächtiger Aal mit aus der Tiefe herauf.

„Ei sieh da!“ sagte der Bauer, während er den Aal von der Gabel losmachte, „das ist einer, der sich sehen lassen kann. Jetzt haben wir, glaub ich, genug und können umdrehen.“

Aber der andre schaute sich um, ohne die Ruder zu bewegen. „Wie schön ist es heute Abend hier draußen!“ sagte er. Und das war in der Tat so. Kein Lüftchen rührte sich; mit Ausnahme des Streifens, den der Kahn gezogen hatte, lag der ganze Wasserspiegel regungslos da. Wie eine Fläche aus purem Golde leuchtete er in dem Feuerschein.

Hoch und klar wölbte sich der mit Sternen besäte dunkelblaue Nachthimmel darüber. Gegen Westen verdeckten die Schilfholme das Ufer. Dort drüben erhob sich der Omberg groß und dunkel, viel mächtiger als gewöhnlich, und er schnitt ein großes dreieckiges Stück des Himmelsgewölbes weg.

Der andre wendete den Kopf von dem Feuerschein ab und schaute sich um. „Ja, es ist schön hier in Ostgötland,“ sagte er. „Aber das beste an der Landschaft ist doch nicht ihre Schönheit.“

„Was ist denn das beste?“ fragte der Fährmann.

„Daß es von jeher eine angesehene, hochgepriesene Landschaft war.“

„Ja, das ist sehr wahr.“

„Und ferner, daß man weiß, daß es immer so bleiben wird.“

„Wie soll man das wissen?“ fragte der andre, der die Ruder führte.

Der Bauer richtete sich auf und stützte sich auf seinen Spieß. „In unserer Familie hat sich eine alte Geschichte immer wieder vom Vater auf den Sohn vererbt, und in dieser Geschichte erfährt man, wie es mit Ostgötland gehen wird.“

„Dann könntest du sie mir wohl erzählen,“ sagte der Ruderer.

„Wir pflegen sie sonst nicht dem ersten besten zu erzählen, aber einem alten Kameraden will ich sie nicht vorenthalten.“

„Auf dem Gute Ulvåsa hier in Ostgötland,“ fuhr er fort, und jetzt konnte man an seinem Ton merken, daß er etwas erzählte, was er selbst von andern gehört hatte und auswendig wußte, „wohnte vor vielen Jahren eine Schloßherrin, die die Gabe hatte, in die Zukunft zu schauen und den Leuten vorauszusagen, was ihnen widerfahren werde, und zwar sicher und genau, wie wenn es wirklich schon geschehen wäre. Deshalb wurde sie weitberühmt, und man kann sich wohl denken, wie die Leute von nah und fern herbeizogen, um zu erfahren, was sie Gutes oder Böses zu erwarten hätten.

Eines Tages, als die Frau auf Ulvåsa in ihrem Saal am Spinnrad saß, wie das in frühern Zeiten Sitte war, trat ein armer Bauer herein und setzte sich ganz unten an der Tür auf die Bank.

‚Ich möchte wohl wissen, was Ihr denkt, liebe Schloßherrin?‘ sagte der Bauer nach einer Weile.

‚Ich denke an hohe und heilige Dinge,‘ antwortete sie.

‚Es würde sich wohl nicht schicken, wenn ich Euch um etwas fragte, das mir sehr am Herzen liegt?‘ fragte der Bauer.

‚Ei, es wird dir wohl nichts am Herzen liegen, als die Frage, ob du viel Korn von deinen Äckern ernten werdest. Aber ich bin gewohnt, von dem Kaiser gefragt zu werden, wie es um seine Krone stehe, und von dem Papst, wie es mit seinen Schlüsseln bestellt sei?‘

‚Ja, so etwas ist wohl nicht leicht zu beantworten,‘ sagte der Bauer. ‚Und ich habe auch gehört, daß noch nie jemand von hier weggegangen sei, der mit der Antwort, die er erhalten habe, zufrieden gewesen wäre.‘

Als der Bauer dies sagte, sah er, daß die Schloßfrau sich auf die Lippe biß und auf der Bank weiter hinaufrückte. ‚So, das hast du von mir gehört?‘ sagte sie. ‚Nun, dann mache einmal den Versuch und frage mich nach dem, was du wissen möchtest, alsdann wirst du ja sehen, ob ich so antworten kann, daß du zufrieden bist.‘

Nach dieser Aufforderung zögerte der Bauer nicht länger mit seinem Anliegen. Er sagte, er sei gekommen, sich zu erkundigen, wie es zukünftig mit Ostgötland gehen werde. Denn nichts sei ihm so lieb wie dieses Land, und er wisse, er würde bis zu seiner letzten Stunde glücklich sein, wenn er eine gute Antwort auf diese Frage bekäme.

‚Wenn du sonst nichts wissen willst,‘ sagte die weise Frau, ‚dann werde ich dich wohl befriedigen können. Denn so wahr ich hier sitze, kann ich dir sagen, Ostgötland wird allezeit etwas haben, dessen es sich vor andern Landschaften wird rühmen können.‘

‚Ja, das ist eine gute Antwort, liebe Schloßfrau,‘ sagte der Bauer, ‚und ich wäre ganz befriedigt, wenn ich nur begreifen könnte, wie das zugehen soll.‘

‚Warum sollte es nicht möglich sein?‘ sagte die Frau von Ulvåsa. ‚Weißt du nicht, daß Ostgötland jetzt schon weit berühmt ist? Oder meinst du, es gebe in ganz Schweden eine Landschaft, die sich rühmen könnte, zwei solche Klöster zu besitzen wie Alvastra und Vreta, und eine so schöne Domkirche wie die in Linköping?‘

‚Das mag wohl so sein,‘ sagte der Bauer, ‚aber ich bin ein alter Mann und weiß, daß das Herz des Menschen veränderlich ist, und ich fürchte, es möchte eine Zeit kommen, wo sie uns weder wegen Alvastra oder Vreta noch wegen unserer Domkirche ehren werden.‘

‚Damit kannst du recht haben,‘ sagte die Frau von Ulvåsa, ‚aber deshalb brauchst du doch nicht an meiner Wahrsagung zu zweifeln. Ich werde jetzt ein neues Kloster auf Vadstena bauen lassen, und dieses wird sicherlich das berühmteste hier im Norden werden. Hoch und niedrig wird dorthin wallfahren, und alle werden diese Landschaft preisen, weil sie einen so heiligen Ort in ihren Grenzen birgt.‘

Der Bauer erwiderte, er freue sich ganz außerordentlich über diese Nachricht. Aber da er wohl wisse, daß alles vergänglich sei, möchte er eben doch gar zu gern erfahren, was dem Lande Ansehen verschaffen könne, wenn das Kloster Vadstena je einmal in üblen Ruf käme.

‚Du bist nicht leicht zufrieden zu stellen,‘ sagte die Frau von Ulvåsa, ‚aber ich sehe gar weit in die Zukunft, und deshalb kann ich dir sagen, ehe das Kloster Vadstena seinen Glanz verliert, wird daneben ein Schloß erbaut werden, das das prächtigste seiner Zeit sein wird. Könige und Fürsten werden da wohnen, und es wird der ganzen Landschaft zur Ehre gereichen, einen solchen Schmuck zu besitzen.‘

‚Das zu hören, freut mich auch sehr,‘ sagte der Bauer. ‚Aber ich bin ein alter Mann und weiß, wie es mit der Herrlichkeit dieser Welt zu gehen pflegt, und ich möchte wohl wissen, was die Blicke der Leute auf diese Landschaft lenken soll, wenn das Schloß einmal in Verfall gerät.‘

‚Du begehrst nicht wenig zu wissen,‘ sagte die Frau von Ulvåsa, ‚aber ich kann doch so weit in die Zukunft schauen, daß ich sehe, wie in den Wäldern um Finspång herum Leben und Bewegung entsteht. Ich sehe, daß dort Eisenhütten und Schmiedewerkstätten errichtet werden, und ich glaube, daß man die ganze Landschaft darum ehren wird, daß in ihrem Gebiet das Eisen verarbeitet wird.‘

Der Bauer verbarg nicht, wie sehr er sich über diese Nachricht freute. ‚Aber,‘ fuhr er fort, ‚wenn es nun so schlecht ginge, daß auch das Finspånger Hüttenwerk sein Ansehen verlöre, dann könnte wohl unmöglich noch etwas Neues aufkommen, dessen sich Ostgötland rühmen könnte?‘

‚Du bist nicht leicht zufriedenzustellen,‘ sagte die Frau von Ulvåsa, ‚aber so weit in die Zukunft kann ich doch noch schauen, daß ich sehe, wie hier von Herrenleuten, die in fremden Ländern Krieg geführt haben, Edelsitze erbaut werden, die so groß wie Schlösser sind, und ich glaube, daß diese Herrenhöfe dem Lande ebensoviel Ehre eintragen werden, wie alles andre, von dem ich gesprochen habe.‘

‚Aber wenn einst die Zeit kommt, wo niemand mehr die großen Herrenhöfe preist?‘

‚So brauchst du doch keineswegs ängstlich zu sein,‘ erwiderte die Frau von Ulvåsa. ‚Auf den Auen von Medevi in der Nähe des Wettern sehe ich Heilquellen hervorsprudeln, und die Quellen von Medevi werden dem Lande ebensoviel Ehre gewinnen wie irgend etwas, von dem ich bis jetzt gesprochen habe.‘

‚Ja, das ist wirklich etwas Großes, was ich da gehört habe,‘ sagte der Bauer. ‚Aber wenn nun eine Zeit kommt, wo die Menschen an andern Quellen Heilung suchen?‘

‚Deshalb brauchst du nicht ängstlich zu sein,‘ antwortete die Frau von Ulvåsa. ‚Denn ich sehe, wie die Menschen von Motala bis Mem arbeiten. Sie graben eine Wasserstraße quer durchs Land, und von dieser wird Ostgötland ebensoviel Ehre haben wie von irgend etwas anderm.‘

Aber der Bauer sah trotzalledem beunruhigt aus.

‚Ich sehe, wie die Fälle des Motalastromes Räder drehen,‘ sagte die Frau von Ulvåsa, und auf ihren Wangen zeigten sich zwei rote Flecke, denn jetzt begann sie ungeduldig zu werden. ‚Ich höre in Motala Hammerschläge dröhnen und in Norrköping Webstühle schlagen.‘

‚Ja, das ist ein angenehmer Klang,‘ sagte der Bauer, ‚aber alles ist vergänglich, und ich fürchte, auch dieses könnte einmal vergessen und verlassen sein.‘

Doch als der Bauer auch jetzt noch nicht befriedigt war, da war die Geduld der Schloßfrau erschöpft. ‚Du sagst, alles sei vergänglich!‘ rief sie. ‚Aber jetzt will ich dir etwas nennen, was immer und ewig sich gleich bleiben wird. Und das ist, daß es hier in dieser Landschaft bis zum jüngsten Tage solche hochmütige, eigensinnige Bauern geben wird, wie du einer bist!‘

Kaum hatte die Frau von Ulvåsa dies gesagt, als der Bauer auch schon fröhlich und vergnügt aufstand und ihr für die gute Auskunft dankte. Jetzt endlich sei er befriedigt, sagte er.

‚Jetzt verstehe ich nicht, was du meinst,‘ sagte die Frau von Ulvåsa.

‚Ja, seht Ihr, liebe Schloßfrau,‘ antwortete der Bauer, ‚ich denke so: alles, was Könige und Klosterleute und Gutsbesitzer und Stadtbewohner bauen und errichten, das hat nur einige Jahre Bestand. Aber wenn Ihr mir sagt, daß es in Ostgötland immer ehrgeizige und beharrliche Bauern geben werde, dann weiß ich auch, daß es seinen alten Ruhm behalten wird. Denn nur die, die unter der ewigen Arbeit zur Erde gebückt einhergehen, können das Land für alle Zeiten in Wohlstand und Ehren erhalten.‘“

21
Der Rock aus Drillich und Samt

Samstag, 23. April

Hoch droben in der Luft flog der Junge dahin. Er hatte die große Ostgötaebene unter sich, und im Vorüberfliegen zählte er die vielen weißen Kirchen, die zwischen den kleinen Baumgruppen aufragten. Und es dauerte nicht lange, da war er schon bei der Zahl fünfzehn angekommen. Aber dann kam er draus, und er konnte die richtige Reihenzahl nicht mehr einhalten.

Die meisten Höfe hatten große weißangestrichene zweistöckige Häuser, die sehr stattlich aussahen, und der Junge verwunderte sich sehr darüber. „Hierzulande gibt es, wie es scheint, keine Bauern,“ sagte er vor sich hin. „Ich sehe ja lauter Herrenhöfe.“

Doch da riefen die Wildgänse sogleich: „Hier wohnen die Bauern wie Herrenleute! Hier wohnen die Bauern wie Herrenleute!“

Auf der Ebene drunten waren Eis und Schnee verschwunden, und die Frühlingsarbeiten hatten begonnen. „Was sind das für lange Krebse, die über die Äcker hinkriechen?“ fragte der Junge nach einer Weile.

„Pflüge und Ochsen! Pflüge und Ochsen!“ antworteten alle Wildgänse zugleich.

Die Ochsen kamen auf den Äckern so langsam vorwärts, daß man gar nicht merkte, wie sie sich bewegten, und die Gänse riefen ihnen zu: „Ihr kommt erst im nächsten Jahr an Ort und Stelle! Ihr kommt erst im nächsten Jahr an Ort und Stelle!“

Aber die Ochsen blieben die Antwort nicht schuldig. Sie taten das Maul auf und brüllten: „Wir schaffen in einer Stunde mehr Nutzen, als solche Landstreicher wie ihr in eurem ganzen Leben!“

An einigen Orten wurden die Pflüge von Pferden gezogen, und diese zogen mit viel größerem Eifer als die Ochsen. „Schämt ihr euch nicht, Ochsenarbeit zu tun?“ riefen die Gänse den Pferden zu. „Schämt ihr euch nicht, Ochsenarbeit zu tun?“

„Schämt ihr euch nicht selbst, die Faulenzer zu spielen?“ wieherten die Pferde zurück.

Während Pferde und Ochsen bei der Arbeit draußen waren, lief der Stallhammel auf dem Hofe umher. Er war frisch geschoren und machte allerlei Bocksprünge, warf die kleinen Jungen um, trieb den Kettenhund in seine Hütte hinein und stolzierte dann umher, als sei er allein Herr auf dem Hofe. „Hammel, Hammel, was hast du mit deiner Wolle getan?“ fragten die Wildgänse, die über ihn hinflogen.

„Die hab ich in die Fabriken von Norrköping geschickt!“ antwortete der Hammel mit einem langen Meckern.

„Hammel, Hammel, was hast du mit deinen Hörnern gemacht?“ fragten die Gänse. Aber Hörner hatte der Hammel zu seinem großen Kummer nie gehabt, und man konnte ihn nicht mehr kränken, als wenn man ihn darnach fragte. Lange sprang er wild umher und stieß mit dem Kopfe, so zornig war er.

Auf der Landstraße trieb ein Mann aus Schonen eine Herde Ferkel vor sich her, die erst ein paar Wochen alt waren und weiter oben im Lande verkauft werden sollten. Die Ferkel trotteten tapfer voran, ob sie auch noch so klein waren, und hielten sich dicht zusammen, wie um beieinander Schutz zu suchen. „Nöff, nöff, nöff, wir sind zu zeitig von Vater und Mutter weggekommen! Nöff, nöff, nöff, wie soll es uns armen Kindern gehen?“ grunzten die Ferkelchen.

Nicht einmal die Wildgänse hatten das Herz, solche arme Tröpfchen zu necken. „Es wird euch besser gehen, als ihr denkt!“ riefen sie ihnen im Vorbeifliegen zu.

Die Wildgänse waren nie so guter Laune, als wenn sie über ebenes Land hinflogen. Da beeilten sie sich durchaus nicht, sondern flogen von Hof zu Hof und trieben ihren Spaß mit den Haustieren.

Während der Junge so über die Ebene hinritt, fiel ihm eine Sage ein, die er vor langer Zeit einmal gehört hatte. Er erinnerte sich ihrer nicht ganz genau, es handelte sich darin um einen Rock, dessen eine Hälfte aus goldglänzendem Samt, die andre aber aus grauem Drillich bestand. Aber der Besitzer des Rockes besetzte die Drillichseite mit so viel Perlen und Edelsteinen, daß sie schöner und köstlicher glänzte als der Goldstoff.

An diese Drillichseite mußte der Junge denken, als er jetzt auf Ostgötland hinabschaute, denn es bestand aus einer großen Ebene, die im Norden und Süden von zwei bewaldeten Bergen eingeschlossen war. Die beiden Bergeshöhen lagen schimmernd blau und wie mit einem goldnen Schleier verhüllt im Morgenlicht da, und die Ebene, die nur einen winterlich kahlen Acker neben dem andern ausbreitete, machte an und für sich keinen schöneren Eindruck als grauer Drillich.

Aber den Menschen war es gut gegangen auf dieser Ebene, weil sie freigebig und gütig ist, und deshalb hatten sie versucht, sie so schön als möglich herauszuputzen. Als der Junge hoch droben auf dem Gänserücken dahinritt, kamen ihm die Städte und Höfe, Kirchen und Fabriken, Schlösser und Bahnhöfe wie große und kleine Schmuckstücke vor, die darüber hingestreut waren. Die Ziegeldächer glänzten im Sonnenschein, und die Fensterscheiben funkelten wie Edelsteine. Gelbe Landstraßen, glänzende Eisenbahnschienen und blaue Kanäle liefen wie aus Seide gestickte Ranken zwischen den Ortschaften hin. Linköping lag um seine Domkirche herum wie die Perleneinfassung um einen kostbaren Stein, und die Höfe auf dem Lande waren wie Busennadeln und Knöpfe. Es war nicht viel Ordnung im Muster, aber es war eine Pracht, die zu sehen man nie müde wurde.

Die Gänse hatten die Omberggegend verlassen und flogen jetzt in östlicher Richtung am Götakanal hin. Dieser war auch dabei, sich für den Sommer herzurichten. Arbeiter besserten die Kanalufer aus und strichen die großen Schleusentüren mit Teer an.

Ja, überall auf dem Lande wurde gearbeitet, um den Frühling gut zu empfangen, und desgleichen auch in den Städten. Da standen Maler und Maurer auf den Gerüsten vor den Häusern und machten sie fein, die Dienstmädchen beugten sich zu den offnen Fenstern heraus und putzten die Scheiben. Drunten am Hafen wurden Segelboote und Dampfschiffe hergerichtet.

Bei Norrköping verließen die Wildgänse die Ebene und flogen gen Kolmården, und eine Weile folgten sie einer alten, hügeligen Landstraße, die sich an Felsenschluchten und wilden Bergwänden hinzog. Da stieß der Junge plötzlich einen Schrei aus. Er hatte, während er da auf dem Gänserich durch die Luft ritt, mit dem einen Fuß geschaukelt und dabei einen Holzschuh verloren.

„Gänserich! Gänserich!“ rief der Junge. „Ich habe meinen Holzschuh fallen lassen!“

Der Gänserich wendete sich um und ließ sich auf die Erde hinabfallen. Aber da sah der Junge, daß zwei Kinder, die auf dem Wege daherkamen, seinen Schuh aufgelesen hatten.

„Gänserich! Gänserich!“ schrie der Junge schnell. „Flieg wieder hinauf! Es ist zu spät! Ich kann meinen Schuh nicht wieder erlangen!“

Aber drunten auf dem Wege stand das Gänsemädchen Åsa mit ihrem Bruder Klein-Mats, und sie betrachteten einen kleinen Holzschuh, der vom Himmel heruntergefallen war.

„O Klein-Mats, erinnerst du dich, als wir am Övedskloster vorbeikamen, erzählte man uns in einem Bauernhofe, man habe dort ein Wichtelmännchen gesehen, das Lederhosen und Holzschuhe angehabt habe wie ein einfacher Arbeiter. Und weißt du, wie wir nach Vittskövle kamen, erzählte uns ein Mädchen, sie habe ein Wichtelmännchen in Holzschuhen gesehen, das auf dem Rücken einer Gans davongeflogen sei. Und weißt du, Klein-Mats, als wir selbst in unsere Hütte zurückkehrten, da haben wir ein Männlein gesehen, das gerade so angezogen war und auch auf eine Gans hinaufkletterte, mit der es dann davonflog. Vielleicht ist eben jetzt dasselbe gute Wichtelmännchen da oben auf seiner Gans über uns hingeflogen, und das hat den Schuh verloren.“

„Ja, so wirds wohl sein,“ sagte Klein-Mats.

Sie wendeten den Holzschuh um und betrachteten ihn genau, denn man findet nicht alle Tage den Holzschuh eines Wichtelmännchens auf der Landstraße.

„Warte, warte, Klein-Mats!“ rief Åsa. „Hier auf der einen Seite steht etwas.“

„Ja, wirklich. Aber es sind sehr kleine Buchstaben.“

„Laß mich einmal sehen! Ja, da steht – – da steht – Nils Holgersson von Westvemmenhög.“

„Das ist das Merkwürdigste, was ich je gehört habe!“ sagte Klein-Mats.

22
Die Geschichte von Karr und Graufell

Der Kolmården

Nördlich von Bråviken, gerade an der Grenze zwischen Ostgötland und Sörmland liegt ein Berg, der mehrere Meilen lang und über eine Meile breit ist. Wenn er auch ebenso hoch wie lang und breit wäre, dann wäre er der schönste Berg, den man sich nur denken könnte; aber er ist nun eben nicht so hoch.

Ab und zu trifft man wohl ein Gebäude, das von Anfang an so groß angelegt wurde, daß der Eigentümer es nicht ausbauen konnte. Wenn man ganz nahe herankommt, sieht man dicke Grundmauern, starke Gewölbe und tiefe Keller, aber gar keine Außenwände und keine Dächer, das Ganze erhebt sich nur ein paar Fuß hoch über der Erde; nun, beim Anblick des eben genannten Grenzberges muß man unwillkürlich an so ein verlassenes Bauwerk denken, denn er sieht fast aus, als sei er gar kein fertiger Berg, sondern nur die Grundlage für einen Berg. Mit steil abfallenden Hängen ragt er aus der Ebene empor, und nach allen Seiten sind große Felsmassen aufgetürmt, die aussehen, als wären sie dazu bestimmt gewesen, mächtige, hohe Felsenhallen zu tragen. Alles ist gewaltig und großartig und riesenmäßig angelegt, aber es hat keine richtige Höhe, keinen richtigen Stil. Der Baumeister muß der Sache überdrüssig geworden sein und sie aufgegeben haben, ehe er die steilen Felsenwände und die spitzigen Gipfel und scharfen Kuppen aufgeführt hatte, die sonst wie Mauern und Dächer auf den fertig gebauten Bergen stehen.

Aber gleichsam als Ersatz für die Gipfel und Felsenkuppen ist der große Berg von jeher mit prächtigen Bäumen bestanden gewesen. Eichen und Linden wuchsen am Saum des Waldes und in den Tälern, Birken und Erlen um den See herum, Tannen droben auf den steilen Terrassen, Fichten aber überall, wo sich nur eine Handvoll Erde fand, in der sie Wurzel schlagen konnten. Alle diese Bäume miteinander bildeten den in alten Zeiten so gefürchteten großen Wald von Kolmården, der so verrufen war, daß jeder Wanderer, der hindurch mußte, seine Seele Gott befahl und seines letzten Stündchens gewärtig war.

Jetzt ist es freilich schon so lange her, seit der Wald von Kolmården heranwuchs, daß niemand mehr imstande wäre, uns zu sagen, wie er allmählich so wurde, wie er heute ist. Im Anfang mußten sich die Bäume wohl ordentlich wehren, bis sie in dem harten Felsengrund Wurzel geschlagen hatten, und sie wurden darum so wetterfest, weil sie zwischen nackten Felsblöcken stehen und ihre Nahrung aus den magern Schutthalden ziehen mußten. Es ging ihnen wie so manchem Menschen, der sich in seiner Jugend schwer durchkämpfen muß, aber gerade dadurch später groß und stark wird. Als der Wald herangewachsen war, hatte er Bäume, die drei Mann kaum umspannen konnten; die Zweige waren zu einem undurchdringlichen Netzwerk verflochten, und der Boden ringsherum war von harten, glatten Wurzeln durchwoben. Der Wald war ein herrlicher Aufenthaltsort für wilde Tiere und für Räuber, die es verstanden, hindurchzukriechen und sich einen Weg durch die Wildnis zu bahnen. Aber für andre Wesen hatte dieser Wald nichts Verlockendes; er war kalt und düster, unwegsam und unzugänglich, voll stachligen Gestrüpps, und die alten Bäume mit ihren bärtigen Zweigen und moosbewachsenen Stämmen sahen aus wie wilde Spukgestalten.

In der ersten Zeit, wo sich die Menschen in Sörmland und Ostgötland niederließen, war ringsum beinahe nichts als Wald, der aber in den fruchtbaren Tälern und auf den Ebenen bald ausgerottet wurde. Den Kolmårder Wald dagegen, der auf magerem Felsengrund stand, nahm sich niemand die Mühe zu fällen. Und je länger er unberührt stehen bleiben durfte, desto dichter und mächtiger wuchs er heran, bis er schließlich eine Festung bildete, deren Mauern von Tag zu Tag dicker wurden; wer da hindurchdringen wollte, mußte die Axt zu Hilfe nehmen.

Andre Wälder müssen oft Angst vor den Menschen haben, aber bei dem Kolmårder Walde war es gerade umgekehrt, da waren es die Menschen, die sich fürchten mußten, denn er war so dunkel und dicht, daß die Jäger und Besenbinder sich immer wieder darin verirrten und oft halb verhungerten, bis sie sich endlich aus der Wildnis herausgearbeitet hatten. Und für die Leute, die von Ostgötland nach Sörmland oder umgekehrt reisen mußten, war dies ein geradezu lebensgefährliches Unternehmen. Auf schmalen Tierpfaden mußten sie sich mühselig durcharbeiten; denn die Grenzbevölkerung war nicht einmal imstande, einen gebahnten Weg durch den Wald zu unterhalten. Es führten weder Brücken über die Bäche, noch Fähren über die Seen, oder Baumstämme über die Moore. Und im ganzen Walde war nirgends eine Hütte, wo friedliche Menschen wohnten, während es Räuberhöhlen und Schlupfwinkel für die wilden Tiere in Menge gab. Nicht viele Reisende kamen unbeschädigt durch den Wald hindurch; aber um so mehr stürzten in Abgründe und versanken in Sümpfen, wurden von Räubern ausgeplündert, oder von wilden Tieren zu Tode gejagt. Selbst die Ansiedler, die am Rande des großen Waldes wohnten und sich nie hineinwagten, litten Schaden durch ihn, denn Wölfe und Bären drangen heraus und raubten ihnen das Vieh. Solange sich die wilden Tiere in dem dichten Kolmården verstecken konnten, war es ganz und gar unmöglich, sie auszurotten.

Soviel war sicher, sowohl die Ostgötländer als die Sörmländer wären den Wald mit Freuden losgewesen; aber das ging eben sehr langsam, solange es noch anderweitig fruchtbaren Boden gab. Allmählich aber rückte man doch vor; an den Abhängen rings um den dichten Urwald entstanden Dörfer und Bauernhöfe, der Wald wurde einigermaßen befahrbar gemacht, und bei Krokek mitten in der dichtesten Wildnis, bauten Mönche ein Kloster, wo die Reisenden einen sicheren Zufluchtsort fanden.

Immerhin verblieb der Wald auch fernerhin eine wilde, gefährliche Gegend, bis eines schönen Tages ein Wanderer, der ganz ins Herz hineingedrungen war, durch Zufall entdeckte, daß der Kolmårder Berg in seinem Innern Erzlager barg. Sobald dies bekannt wurde, strömten die Grubenarbeiter und Bergleute in den Wald, die Schätze zu heben. Und nun kam die Zeit, in der die Macht des Waldes gebrochen wurde; die Menschen warfen Gruben auf und bauten Schmelzöfen und Bergwerke in dem alten Walde. Doch dies allein hätte ihm nicht ernstlich geschadet, wenn bei dem Bergwerkbetrieb nicht auch so ungeheuer viel Brennmaterial verbraucht worden wäre. Kohlenbrenner und Holzfäller hielten ihren Einzug in dem alten düstern Urwald, und sie machten ihm nahezu den Garaus. Um die Bergwerke herum wurde er ganz niedergehauen und der ausgerodete Boden in Ackerland verwandelt. Viele Ansiedler zogen hinauf, und bald entstanden da, wo vor kurzem noch nichts als Bärenhöhlen gewesen waren, mehrere neue Dörfer mit Kirchen und Pfarrhöfen.

Selbst an den Stellen, wo man den Wald nicht vollständig ausgerottet hatte, wurden die alten Baumriesen gefällt und das Dickicht gelichtet. Nach allen Richtungen wurden Wege angelegt und die wilden Tiere und Räuber verjagt. Als die Menschen so allmählich Herr über den Wald geworden waren, handelten sie sehr schlecht gegen ihn; ohne eine Spur von Rücksicht wurden die Bäume gefällt und Kohlen daraus gebrannt. Sie hatten ihren alten Haß gegen den Wald nicht vergessen, und nun sah es aus, als wollten sie ihn ganz und gar von der Erde vertilgen.

Zum Glück für den Wald fand sich schließlich gar nicht so sehr viel Erz in den Kolmårder Gruben. Deshalb nahmen die Grubenarbeit und der Bergwerkbetrieb bald wieder ab. Dann hörte auch das Kohlenbrennen auf, und der Wald konnte ein wenig aufatmen. Viele von den Leuten, die sich in den Kolmårder Ortschaften niedergelassen hatten, wurden arbeitslos und konnten sich nur schwer durchbringen; der Wald aber wuchs wieder heran und breitete sich von neuem aus, daß die Höfe und Bergwerke schließlich wie Inseln in einem grünen Meere dalagen. Die Kolmårder Bewohner versuchten es nun mit dem Ackerbau, aber ohne besonderen Erfolg; der alte Waldboden wollte lieber Königseichen und Riesentannen hervorbringen, als Rüben und Getreide.

Zu der Zeit betrachteten die Menschen den Wald mit düstern Blicken; der Wald schien immer kräftiger und üppiger zu werden, während sie selbst ärmer und immer ärmer wurden. Aber schließlich fiel ihnen ein, es könnte doch möglicherweise an dem Walde selbst etwas Gutes sein. Vielleicht könnten sie gerade durch ihn ihr Auskommen finden; eines Versuches müßte es doch jedenfalls wert sein.

So begannen die Leute denn Balken und Bauholz aus dem Walde zu holen und sie dann an die Tieflandbewohner, die ihren Wald schon ganz gefällt hatten, zu verkaufen. Und die Menschen erkannten bald, daß sie, wenn sie einigermaßen vernünftig zu Werke gingen, ihr Auskommen ebensogut vom Walde als von den Äckern und den Erzgruben haben könnten. Von da an sahen die Menschen den Wald mit ganz andern Augen an. Sie lernten es, schonend mit ihm umzugehen und ihn zu lieben. Jetzt vergaßen sie auch die alte Feindschaft und betrachteten fortan den Wald als ihren besten Freund.

Karr

Ungefähr zwölf Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, geschah es, daß einer der Bergwerkbesitzer von Kolmården einen seiner Jagdhunde los sein wollte. Er ließ seinen Waldhüter kommen und sagte ihm, es sei ihm unmöglich, den Hund zu behalten, weil man diesem nicht abgewöhnen könne, alle Schafe und Hühner zu jagen, die er erblicke; deshalb solle der Waldhüter den Hund mit sich nehmen und draußen im Walde erschießen.

Der Waldhüter band dem Hund einen Strick um den Hals, um ihn an einen bestimmten Platz im Walde zu führen, wo man die alten Hunde vom Herrenhofe erschoß und vergrub. Der Waldhüter war ein guter Mensch, aber er war doch froh, daß der Hund erschossen werden sollte, denn es war ihm wohlbekannt, daß dieser Hund auch noch auf andres Wild Jagd machte, als auf Schafe und Hühner. Sehr häufig trieb er sich im Wald herum und stibitzte bald ein Häschen, bald einen jungen Auerhahn.

Es war ein kleiner schwarzer Hund mit einer gelben Brust und gelben Vorderpfoten. Er hieß Karr und war so klug, daß er alles verstehen konnte, was die Menschen sagten. Als nun der Waldhüter mit ihm durch den Wald zog, wußte Karr recht wohl, was seiner wartete. Aber das hätte ihm beileibe niemand ansehen können. Er ließ nicht den Kopf hängen und kniff auch nicht den Schwanz ein, sondern sah ganz ebenso unbekümmert aus wie sonst.

Wir werden gleich sehen, warum der Hund sich so viele Mühe gab, niemand merken zu lassen, daß er Angst hatte. Rings um das alte Bergwerk herum erstreckte sich nämlich ein großer dichter Wald, der allen Bewohnern der Umgegend und den Tieren recht wohl bekannt war, denn der Eigentümer des Waldes hatte diesem seit einer Reihe von Jahren die größte Schonung angedeihen lassen; kaum Brennholz hatte gefällt werden dürfen, ja, man hatte nicht einmal gewagt, ihn zu lichten, sondern hatte ihn einfach wachsen lassen, wie er wollte. Aber ein Wald, der auf solche Weise behütet wird, mußte selbstverständlich ein beliebter Zufluchtsort für die Tiere werden, und so hatten sich diese auch sehr zahlreich da niedergelassen. Unter sich nannten die Tiere den Wald den „Friedenswald“, und sie betrachteten ihn als den allerbesten Zufluchtsort im ganzen Lande.

Während der Hund nun an dem Strick durch den Wald geführt wurde, fiel ihm ein, wie sehr er von allen kleinen Tieren, die hier wohnten, gefürchtet war.

„Ei, Karr, denk dir, was das für eine Freude hier ringsum im Walde wäre, wenn sie wüßten, was deiner wartet!“ dachte er. Aber er wedelte mit dem Schwanze und stieß ein fröhliches Bellen aus, damit doch ja niemand denke, er fürchte sich und sei niedergeschlagen.

„Welches Vergnügen hätte ich denn im Leben, wenn ich nicht ab und zu einmal auf die Jagd gehen könnte!“ sagte er. „Bereue, wer Lust hat, ich tus gewiß nicht!“

Aber in demselben Augenblick, wo der Hund dies sagte, ging eine sonderbare Veränderung mit ihm vor. Er streckte den Kopf und Hals vor, als hätte er am liebsten laut hinausgeheult; auch lief er jetzt nicht mehr neben dem Forstwart her, sondern hielt sich hinter ihm. Offenbar war dem guten Karr etwas Unangenehmes eingefallen.

Der Sommer war jetzt angebrochen, die Elchkühe hatten vor kurzem ihre Jungen zur Welt gebracht, und am vorhergehenden Abend war es Karr gelungen, ein kaum fünf Tage altes Elchkälbchen von seiner Mutter weg und auf ein Moor hinauszutreiben. Da hatte er das Kälbchen zwischen den Rasenhügeln umhergejagt, nicht eigentlich, um es zu fangen, sondern um sich an dessen Angst zu ergötzen. Die Elchmutter wußte, daß das Moor jetzt, so kurz nach dem Auftauen des gefrorenen Bodens, grundlos war und noch kein großes Tier tragen konnte. Sie blieb deshalb am Rande stehen, solange sie es aushalten konnte; als aber Karr das Kälbchen immer weiter hinaustrieb, ging die Elchkuh plötzlich auch aufs Moor hinaus, jagte den Hund weg, nahm das Kälbchen an sich und ging mit ihm wieder dem Lande zu. Die Elentiere schreiten viel geschickter als andre Tiere über schwankenden gefährlichen Grund hin, und es sah aus, als würde es der Elchkuh gelingen, den festen Boden wieder zu erreichen. Aber als sie schon ganz dicht am Lande angelangt war, rutschte ein Rasenhügel, auf den sie den Fuß gesetzt hatte, plötzlich in den Sumpf hinein, und sie selbst sank mit. Sie gab sich alle Mühe, wieder herauszukommen, konnte aber nirgends festen Fuß fassen, und so sank sie immer tiefer hinein. Karr stand unbeweglich da und wagte kaum zu atmen, und als er merkte, daß die Elchkuh sich nicht allein heraushelfen konnte, lief er so schnell, als seine Füße ihn trugen, davon. Er hatte plötzlich an alle die Schläge denken müssen, die ihm zuteil werden würden, wenn es herauskäme, daß er die Elchkuh aufs Moor hinausgelockt hatte, und so wagte er vor lauter Angst nicht anzuhalten, bis er daheim angelangt war.

Dieses Erlebnis war unserm Karr vorhin eingefallen, und es quälte ihn jetzt mehr als alle andern lockeren Streiche, die er je ausgeführt hatte. Vielleicht kam es daher, weil er der Elchkuh und dem Kälbchen gar kein Leid hatte antun wollen, sondern ganz unabsichtlich schuld an ihrem Tode geworden war.

„Aber vielleicht sind die beiden noch am Leben,“ dachte der Hund mit einem Male. „Sie waren ja noch nicht tot, als ich von ihnen weglief. Vielleicht sind sie doch noch herausgekommen.“

Karr bekam eine unwiderstehliche Lust, etwas darüber zu erfahren, solange er noch Zeit hatte. Er sah, daß der Waldhüter den Strick nicht besonders festhielt. Da machte er einen raschen Sprung zur Seite – er kam wirklich los und rannte nun wie besessen in den Wald hinein und dem Moore zu; der Waldhüter hatte nicht einmal Zeit, die Flinte an die Wange zu legen, so schnell entschwand der Hund seinen Blicken.

Dem Waldhüter blieb nichts andres übrig, als hinter Karr herzulaufen, und als er an das Moor kam, stand der Hund ein paar Meter vom Rande entfernt auf einem Rasenhügel und heulte aus Leibeskräften. Der Waldhüter dachte, er müsse doch nachsehen, was das bedeute. Vorsichtig legte er die Flinte neben sich nieder und kroch auf allen vieren aufs Moor hinaus. Er war noch nicht weit gekommen, da sah er eine Elchkuh im Moor liegen und neben ihr ein Kälbchen. Die Kuh war tot, aber das Kälbchen lebte noch; es war aber ganz ermattet und konnte sich nicht rühren. Karr stand dicht daneben; bald bückte er sich nieder und leckte das Kälbchen, bald stieß er laute Klagetöne aus, um Hilfe herbeizurufen.

Der Waldhüter hob das Kälbchen auf und schleppte es ans Ufer. Als nun der Hund merkte, daß das Kälbchen gerettet würde, geriet er ganz außer sich vor Freude. Er sprang um den Waldhüter herum, leckte ihm die Hände und stieß ein fröhliches Bellen aus.

Der Waldhüter trug das Kälbchen nach Hause und legte es im Stall in einen Stand. Dann holte er Hilfe herbei, damit die tote Elchkuh aus dem Moor herausgezogen würde; und erst nachdem dies alles geschehen war, fiel ihm ein, daß er ja Karr hätte erschießen sollen. Er lockte den Hund, der die ganze Zeit über nicht von seiner Seite gewichen und ihm überall nachgelaufen war, und ging wieder mit ihm in den Wald hinein.

Der Waldhüter ging geradewegs nach dem Hundegraben; aber plötzlich schien er sich anders zu besinnen, denn er drehte wieder um und schlug den Weg nach dem Herrenhof ein.

Karr war ganz ruhig hinter ihm hergelaufen; aber als der Waldhüter umkehrte und den Weg nach seiner alten Heimstätte einschlug, wurde er unruhig. Ach, nun hatte der Waldhüter gewiß herausgefunden, daß Karr es gewesen war, der an dem Tode der Elchkuh schuld war, und nun führte er ihn nach dem Herrenhof, damit er dort noch vor seinem Tode seine Schläge bekäme!

Aber Schläge bekommen, das war das schlimmste, was Karr widerfahren konnte, und bei dieser Aussicht konnte er den Mut kaum noch aufrecht erhalten. Er ließ den Kopf hängen, und als die beiden den Herrenhof erreichten, sah Karr gar nicht auf, sondern tat, als erkenne er keinen Menschen.

Der gnädige Herr stand auf der Treppe, als der Waldhüter ankam.

„Was haben Sie denn da für einen Hund, Waldhüter?“ fragte er. „Das ist doch wohl nicht unser Karr, der müßte doch schon längst erschossen sein?“

Der Waldhüter erzählte nun von den Elchen; Karr aber machte sich so klein wie nur möglich und verkroch sich hinter den Beinen des Forstwarts, damit man ihn nicht sehe.

Aber der Forstwart erzählte die Geschichte nicht so, wie Karr gedacht hatte. Er lobte Karr über die Maßen und sagte, der Hund habe offenbar gewußt, daß die Elche in Not gewesen seien, und habe sie retten wollen.

„Nun können der gnädige Herr mit dem Hund machen, was Sie wollen; ich kann ihn nicht erschießen,“ sagte der Forstwart zum Schluß.

Der Hund richtete sich auf und horchte. Er wollte seinen Ohren nicht trauen, und obgleich er nicht zeigen wollte, wie groß seine Angst gewesen war, konnte er ein leises Bellen doch nicht unterdrücken. War es wirklich möglich, daß er das Leben behalten durfte, nur weil er so besorgt um die Elentiere gewesen war?

Der gnädige Herr fand auch, daß Karr sich gut benommen hatte; da er ihn aber unter keinen Umständen wieder auf dem Hofe haben wollte, wußte er nicht gleich, was er sagen sollte.

„Ja, wenn Sie ihn versorgen wollen, Waldhüter, und mir dafür einstehen, daß er sich künftig besser aufführt, dann mag er am Leben bleiben,“ sagte er schließlich.

Der Waldhüter war bereit, Karr zu sich zu nehmen; und so kam Karr zu dem Waldhüter.

Graufells Flucht

Von dem Tage an, wo Karr zu dem Waldhüter kam, gab er das unerlaubte Jagen vollständig auf. Nicht allein, weil er einen so heilsamen Schrecken davongetragen hatte, sondern vielmehr, weil er nicht wollte, daß der Waldhüter böse auf ihn würde. Denn seit der Waldhüter ihm das Leben gerettet hatte, liebte er ihn über alles in der Welt. Karr hatte keinen andern Gedanken mehr, als seinem neuen Herrn überall nachzulaufen und auf ihn aufzupassen. Wenn dieser ausging, rannte Karr voraus und untersuchte den Weg, und wenn er daheim war, lag Karr vor der Tür und beobachtete alle Aus- und Eingehenden mit scharfem Auge.

Wenn im Waldhause alles ganz still war, wenn ringsum kein Schritt laut wurde und Karrs Herr sich an den jungen Bäumchen, die er in seinem Garten heranzog, zu schaffen machte, vertrieb sich Karr die Zeit damit, mit dem Elchkälbchen zu spielen.

Im Anfang hatte Karr gar keine Lust verspürt, sich mit dem Tiere abzugeben. Da er aber seinem Herrn auf Weg und Steg nachlief, kam er auch mit ihm in den Stall, und während dieser das Kälbchen mit Milch tränkte, saß Karr vor dem Stand und schaute zu. Der Waldhüter nannte das Kälbchen Graufell; er meinte, einen feineren Namen verdiene es nicht, und darin stimmte Karr mit seinem Herrn überein. So oft er das Kälbchen ansah, meinte er, seiner Lebtage noch nie etwas so Häßliches und Unförmliches gesehen zu haben. Das Kälbchen hatte lange schlotterige Beine, die wie lose Stelzen unter seinem Körper saßen. Der Kopf war sehr groß; er hatte ein geradezu greisenhaftes Aussehen und hing immer auf die eine Seite herunter. Die Haut saß runzelig auf dem Körper, als hätte das Tier einen Pelz an, der nicht für es gemacht worden war. Auch sah es immer gedrückt und mißmutig aus; aber merkwürdigerweise stand es stets schnell auf, sobald es Karr vor dem Stand erblickte, wie wenn es sich über den Anblick des Hundes freute.

Mit jedem Tag wurde das Elchkälbchen elender; es wuchs nicht, und schließlich konnte es sich nicht einmal mehr aufrichten, wenn es Karr sah. Einmal sprang der Hund zu ihm in den Stand hinein, und da leuchteten die Augen des Kälbchens auf, als sei ihm ein besonderer Wunsch in Erfüllung gegangen. Von dieser Zeit an besuchte Karr das Kälbchen jeden Tag; er blieb stundenlang bei ihm, leckte ihm den Pelz, spielte und scherzte mit ihm und teilte ihm dies und das mit, was ein Tier des Waldes wissen sollte.

Und es war merkwürdig, von dem Tag an, wo Karr auf den Gedanken kam, zu dem Kälbchen hineinzugehen, begann dieses zu wachsen und zu gedeihen. Als es dann erst ein wenig zu Kräften gekommen war, nahm es in wenigen Wochen ungeheuer zu, und schon nach kurzer Zeit hatte es keinen Platz mehr in dem kleinen Stand, sondern mußte in einem Gehege untergebracht werden. Und nach ein paar weiteren Monaten waren seine Beine so lang geworden, daß es mit Leichtigkeit über die Hecke hätte springen können.

Da bekam der Waldhüter von dem Gutsbesitzer die Erlaubnis, den Platz mit einem starken hohen Zaun einzufriedigen. Hier verbrachte das Tier mehrere Jahre und wuchs allmählich zu einem großen gewaltigen Elch heran. Karr leistete ihm Gesellschaft, so oft er konnte; aber jetzt geschah dies nicht mehr aus Mitleid, sondern weil sich eine warme Freundschaft zwischen den beiden gebildet hatte. Der Elch war noch immer niedergeschlagen und schien auch träge und energielos; aber Karr verstand es, seinen Freund munter und fröhlich zu machen.

Graufell hatte nun fünf Sommer bei dem Waldhüter verbracht; da wurde eines Tages von einem Zoologischen Garten im Ausland an den gnädigen Herrn die Anfrage gerichtet, ob er den Elch vielleicht verkaufen würde. Ja, das wollte der gnädige Herr gern. Dem Waldhüter tat es sehr leid; aber es hätte ja nichts genützt, wenn er sich gesträubt hätte, und so wurde denn der Verkauf des Tieres endgültig beschlossen. Karr erfuhr bald, was bevorstand, und lief mit der Nachricht eilends zu seinem Freunde hinaus. Der Hund war unglückselig, daß er Graufell verlieren sollte; aber der Elch nahm die Sache ganz ruhig auf und schien weder betrübt noch erfreut darüber zu sein.

„Willst du dich denn so ohne allen Widerstand fortschicken lassen?“ fragte Karr.

„Was könnte es nützen, wenn ich mich auch wehren würde?“ erwiderte Graufell. „Ich bliebe freilich am liebsten da, wo ich bin, aber wenn man mich verkauft, muß ich eben fort von hier.“

Karr stand vor Graufell und betrachtete ihn mit prüfenden Blicken. Man konnte gut sehen, daß der Elch noch nicht ganz ausgewachsen war. Seine Schaufeln waren noch nicht so breit und sein Höcker nicht so hoch und seine Mähne nicht so wild, wie die der ausgewachsene Elche, aber um sich seine Freiheit zu erkämpfen, dazu wäre er doch stark genug gewesen.

„Man merkt wohl, daß er sein Leben lang in der Gefangenschaft gewesen ist,“ dachte Karr; aber er sagte nichts.

Erst nach Mitternacht kehrte der Hund in das Gehege zurück; er wußte, da hatte der Elch ausgeschlafen und war bei seiner ersten Mahlzeit.

„Es ist gewiß recht vernünftig von dir, daß du dich so ruhig in dein Schicksal findest, Graufell,“ sagte Karr, der jetzt ganz beruhigt und vergnügt zu sein schien. „Du wirst in einem großen Garten eingesperrt werden und da ein sorgenfreies Leben haben. Aber weißt du, es wäre doch recht schade, wenn du von hier fortkämest, ohne vorher den Wald gesehen zu haben. Du weißt, deine Stammesgenossen haben den Wahlspruch: ‚Der Elch ist eins mit dem Walde‘, und du bist noch nicht einmal in einem Walde gewesen.“

Graufell hob den Kopf von dem Klee, an dem er eben kaute. „Ich möchte den Wald wohl gern sehen, aber wie soll ich über den Zaun kommen?“ sagte er mit seiner gewöhnlichen Trägheit.

„Nein, das ist wohl ganz unmöglich für einen, der so kurze Beine hat,“ sagte Karr.

Der Elch schielte zu Karr hinüber, der trotz seiner Kleinheit jeden Tag mehrere Male über den Zaun sprang. Er trat an den Zaun, machte einen Sprung – und war im Freien, beinahe ohne daß er wußte, wie es zugegangen war.

Nun wanderten die beiden in den Wald hinein. Es war eine wunderschöne mondhelle Sommernacht; aber drinnen unter den Bäumen war es dunkel, und der Elch ging mit vorsichtigen Schritten vorwärts.

„Es wäre vielleicht am besten, wenn wir umkehrten,“ sagte Karr. „Du bist ja noch nie in solch einem wilden Walde gegangen und könntest dir leicht ein Bein brechen.“

Da begann Graufell plötzlich rascher und kecker vorwärts zu gehen.

Karr führte den Elch in den Teil des Waldes, wo mächtige Tannen wuchsen, die so dicht standen, daß nie ein Windhauch hindurchdrang. „Hier pflegen deine Stammesgenossen vor Sturm und Kälte Schutz zu suchen,“ sagte Karr. „Und sie stehen hier den ganzen Winter hindurch unter freiem Himmel. Aber du bekommst es ja dort, wo du hinkommst, viel besser. Da hast du ein Dach über dem Kopf und stehst dann wie eine Kuh in einem Stalle.“

Graufell gab keine Antwort; er blieb stehen und zog den würzigen Tannenduft ein. „Hast du mir noch mehr zu zeigen, oder habe ich jetzt den ganzen Wald gesehen?“ fragte er.

Da ging Karr mit ihm an ein großes Moor und zeigte ihm die Rasenhügel und das Bebemoor.

„Über dieses Moor hin fliehen die Elche, wenn ihnen Gefahr droht,“ sagte Karr. „Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber trotzdem sie so groß und schwer sind, können sie darauf gehen, ohne einzusinken. Du wüßtest dir gewiß auf so schwankem Grunde nicht zu helfen; aber du brauchst es ja auch gar nicht, denn du wirst nie von Jägern verfolgt werden.“

Graufell gab keine Antwort, aber mit einem großen Satz war er draußen auf dem Moor. Es war ihm eine Freude, als er fühlte, wie die Rasenhügel unter ihm schwankten. Er lief weit hinaus und kehrte zu Karr zurück, ohne ein einziges Mal eingesunken zu sein.

„Haben wir jetzt den ganzen Wald gesehen?“ fragte er.

„Nein, noch nicht,“ sagte Karr.

Jetzt ging er mit dem Elch an den Waldessaum, wo hohe Laubholzbäume wuchsen: Eichen, Espen und Linden.

„Hier pflegen deine Stammesgenossen Laub und Rinde zu fressen,“ sagte Karr. „Sie halten dies für die beste Nahrung; aber im Ausland bekommst du jedenfalls viel besseres Futter.“

Graufell betrachtete verwundert die prächtigen Bäume, die sich wie grüne Kuppeln über ihm wölbten. Er kostete das Eichenlaub und die Espenrinde.

„Das schmeckt bitter und gut,“ sagte er. „Es ist besser als Klee.“

„Dann kannst du dich ja freuen, daß du es einmal zu schmecken bekommen hast,“ sagte der Hund.

Hierauf führte er den Elch an einen kleinen Waldsee. Das Wasser lag ganz still und glänzend da, und die von leichten Nebelschleiern halb verhüllten Ufer spiegelten sich darin. Als Graufell den See erblickte, blieb er unbeweglich stehen.

„Was ist das, Karr?“ fragte er; denn er sah zum erstenmal einen See.

„Das ist ein großes Wasser, ein See,“ sagte Karr. „Dein Geschlecht pflegt von einem Ufer zum andern hinüberzuschwimmen. Von dir kann man das freilich nicht verlangen; aber du solltest doch jedenfalls hineinsteigen und ein Bad nehmen.“ Mit diesen Worten ging Karr selbst an den See hinunter und schwamm hinaus.

Graufell blieb ziemlich lange am Ufer stehen; schließlich aber stieg er doch in die Flut. Er hielt den Atem an vor Wohlbehagen, als das Wasser sich weich und kühl an seinen Körper anschmiegte. Er wollte es auch auf dem Rücken fühlen und ging deshalb weiter hinein. Da merkte er, daß das Wasser ihn trug, und nun fing er an zu schwimmen. Bald schwamm er lustig um Karr herum und war im Wasser wie zu Hause. Als die beiden wieder am Ufer angelangt waren, fragte der Hund, ob sie nun nach Hause gehen sollten.

„Ach, es ist noch lange bis zum Morgen, laß uns noch eine Weile im Walde umherstreifen!“ sagte Graufell.

Sie gingen wieder in den Nadelwald hinein und erreichten bald einen freien Platz, der vom hellen Mondschein übergossen dalag. Auf den Gräsern und Blumen funkelten Tautropfen. Mitten auf der Waldwiese weideten ein paar große Tiere, ein Elchstier, mehrere Elchkühe und verschiedene Rinder und Kälber. Als Graufell diese Tiere erblickte, hielt er jäh an. Die Elchkühe und das Jungvieh beachtete er kaum; seine Augen waren unverwandt auf den alten Elchstier gerichtet, der ein breites Schaufelgeweih mit vielen Spitzen, einen mächtigen Höcker auf dem Rist und am Halse einen großen Mähnensack herunterhängen hatte.

„Was ist denn das für einer?“ fragte Graufell, und seine Stimme bebte vor Erregung.

„Er heißt Hornkrone,“ sagte Karr, „und ist dein Stammesgenosse. Solche breite Schaufeln und eine ebensolche Mähne bekommst du wohl eines Tages auch, und wenn du im Wald verbliebest, würdest du wohl auch der Anführer einer Herde.“

„Wenn der dort drüben mein Stammesgenosse ist, dann will ich näher treten und ihn betrachten,“ sagte Graufell. „Ich hätte nie gedacht, daß ein Elchstier so stattlich sein könnte.“

Graufell ging zu den Elchen hin, kehrte aber fast augenblicklich wieder zu Karr zurück, der am Waldessaum stehen geblieben war.

„Bist du nicht freundlich aufgenommen worden?“ fragte Karr.

„Ich sagte zu ihm, ich treffe hier zum erstenmal mit Stammesgenossen zusammen, und bat ihn, mich hier unter ihnen weiden zu lassen; aber er wies mich fort und drohte mir mit seinem Geweih.“

„Du hast wohl getan, daß du ihm ausgewichen bist,“ sagte Karr. „Ein junger Stier, der noch kein Schaufelgeweih hat, muß sich vor einem Kampf mit alten Elchen hüten. Ein andrer hätte freilich einen schlechten Ruf im Walde bekommen, wenn er ohne Widerstand zurückgewichen wäre; aber das braucht dich nicht anzufechten, denn du begibst dich ja ins Ausland.“

Kaum hatte Karr diese Worte gesprochen, als Graufell sich auch schon wieder der Wiese zuwendete. Der alte Elch kam gerade auf ihn zu, und bald waren die beiden mitten im heftigsten Kampfe. Sie drangen mit den Geweihen aufeinander ein und stießen zu, und Graufell wurde über die ganze Wiese zurückgetrieben; er schien gar nicht zu verstehen, wie er seine Kraft gebrauchen sollte. Als er aber bis zum Waldessaum zurückgedrängt worden war, stemmte er die Füße fester auf den Boden, stieß heftig mit dem Geweih und begann nun seinerseits Hornkrone zurückzutreiben. Graufell kämpfte lautlos, aber Hornkrone keuchte und schnaubte. Nun wurde der alte Elch allmählich über die ganze Wiese zurückgedrängt. Plötzlich ertönte ein lautes Krachen. Von Hornkrones Geweih war die Spitze abgebrochen. Da riß er sich heftig von Graufell los und rannte in den Wald hinein.

Karr stand noch immer am Waldrand, als Graufell zu ihm zurückkehrte. „Jetzt hast du alles gesehen, was im Wald ist,“ sagte er zu Graufell. „Sollen wir jetzt nach Hause gehen?“

„Ja, es wird wohl allmählich Zeit dazu,“ sagte Graufell.

Auf dem Heimweg waren beide schweigsam. Karr seufzte mehrere Male, wie wenn er sich in etwas verrechnet hätte, Graufell aber schritt mit hoch erhobenem Kopf dahin und schien sich über sein Abenteuer zu freuen. Ohne das geringste Zögern ging er weiter, aber als er mit Karr vor seinem Gehege angekommen war, blieb er stehen. Er betrachtete den engen Raum, in dem er bisher sein Leben verbracht hatte, sah das festgetretene Erdreich, das verwelkte Futter, den kleinen Trog, aus dem er seinen Durst gelöscht, und den dunkeln Verschlag, wo er geschlafen hatte.

„Der Elch ist eins mit dem Walde!“ rief er und warf den Kopf so weit zurück, daß sein Nacken auf dem Rücken lag; und dann stürmte er in wilder Flucht in den Wald hinein.

Karr und Graufell
Karr und Graufell

Hilflos

Tief drinnen in einem Fichtengehölz des alten Friedenswaldes zeigten sich jedes Jahr im August grauweiße Nachtschmetterlinge von der Art, die man Nonnen heißt. Sie waren klein, und es waren ihrer so wenige, daß sie fast von niemand bemerkt wurden. Nachdem diese Nonnen ein paar Nächte hindurch in dem Walde umhergeflattert waren, legten sie ein paar Tausend Eier auf die Baumstämme, und kurz darauf sanken sie leblos zu Boden.

Wenn dann der Frühling kam, krochen aus den Eiern kleine Raupen, die sich sogleich von Tannennadeln nährten. Sie hatten einen guten Appetit, konnten aber den Bäumen doch keinen ernstlichen Schaden zufügen, weil ihnen von den Vögeln hart zugesetzt wurde. Mehr als einige hundert Raupen entgingen den Verfolgern nur selten.

Die wenigen Raupen, die zu wirklichem Wachstum gelangten, krochen auf die Zweige hinauf, spannen sich in weiße Fäden ein und blieben ein paar Wochen lang unbeweglich auf einem Fleck sitzen. Während dieser Zeit wurde gewöhnlich mehr als die Hälfte von ihnen weggeschnappt. Wenn im August hundert Nonnen wohlbeschwingt und ausgewachsen im Walde umherflogen, so konnten sie sich zu einem guten Jahre gratulieren.

Viele Jahre lang führten die Nonnen ein solches unsicheres und unbemerktes Dasein im Friedenswalde. In der ganzen Gegend war kein einziges Insekt in so geringer Zahl vertreten. Und so harmlos und ungefährlich wären sie auch ferner geblieben, wenn ihnen nicht ganz unvermutet ein Helfer erstanden wäre.

Aber daß die Nonnen einen Helfer bekamen, das hing mit der Flucht des Elchs aus dem Waldhüterhause zusammen. Graufell wanderte nämlich den ganzen ersten Tag nach seiner Flucht im Walde umher, um darin heimisch zu werden. Gegen Abend drang er durch dichtes Buschwerk und fand dahinter einen offenen Platz, wo der Boden aus Moor und weichem Schlick bestand. In der Mitte war ein Tümpel schwarzen Wassers, und ringsherum standen hohe Fichten, die vor Alter und Saftlosigkeit fast gar keine Nadeln mehr hatten. Graufell gefiel der Platz gar nicht, und er hätte ihn sogleich wieder verlassen, wenn er nicht dicht bei dem Tümpel einige hellgrüne Kallablätter entdeckt hätte.

Als er den Kopf zu den Kallablättern herunterneigte, sah er eine große schwarze Schlange, die darunter lag und schlief. Der Elch hatte Karr von den giftigen Ottern erzählen hören, die es im Walde gäbe, und als das Gewürm den Kopf hob, seine gespaltene Zunge herausstreckte und ihn anzischte, da glaubte Graufell, er habe ein furchtbar gefährliches Tier vor sich. Er erschrak sehr, hob den Fuß auf, schlug mit dem Huf nach der Schlange und zertrat sie. Hierauf eilte er in wilder Flucht davon.

Sobald Graufell verschwunden war, tauchte eine andre, ebenso lange und ebenso schwarze Schlange aus dem Tümpel auf. Sie kroch zu der Getöteten hin und fuhr ihr mit der Zunge über den zerschmetterten Kopf.

„Ist es möglich, daß du tot bist, meine gute alte Harmlos?“ zischte die Schlange. „Und wir beide haben so viele Jahre lang glücklich zusammen gelebt! Wir haben es gut beieinander gehabt, und es war so schön hier in dem Tümpel, daß wir älter wurden, als alle andern Nattern im Walde. Dies ist das bitterste Leid, das mich hätte treffen können.“

Die Natter war tiefbetrübt, ihr langer Körper ringelte sich, als ob er auch verwundet wäre. Selbst die Frösche, die in beständiger Angst vor ihr lebten, hatten Mitleid mit ihr.

„Welch ein böses Geschöpf muß doch das sein, das eine arme Natter totschlägt, die sich nicht wehren kann?“ zischte die Schlange. „Diese Untat verdiente wahrhaftig eine ausgesucht harte Strafe.“ Die Natter wand und krümmte sich eine Weile in ihrem Schmerz, aber plötzlich hob sie den Kopf. „So wahr ich Hilflos heiße und die älteste Natter im Walde bin, ich werde für diese Missetat hier Rache nehmen! Ich will nicht ruhen, bis der grausame Elch ebenso tot auf der Erde liegt, wie hier meine getreue Lebensgefährtin!“

Nachdem die Schlange dieses Gelübde abgelegt hatte, ringelte sie sich zu einem Knäuel zusammen und überlegte. Aber etwas Schwierigeres läßt sich wohl kaum ausdenken, als wie eine arme Natter sich an einem großen starken Elch rächen könnte, und der alte Hilflos überlegte zwei volle Tage und zwei Nächte hindurch, ohne einen Ausweg zu finden.

In einer Nacht jedoch, wo die Schlange noch schlaflos über ihren Rachegedanken brütete, hörte sie ein leichtes Rascheln über ihrem Kopfe, und als sie aufschaute, gewahrte sie einige schimmernde Nonnenschmetterlinge, die zwischen den Bäumen gaukelten. Sie sah ihnen lange zu, dann zischte sie laut vor sich hin, aber schließlich schlief sie, offenbar ganz zufrieden mit dem, was sie sich ausgedacht hatte, ein.

Am nächsten Vormittag begab sich die Natter zu Kryle, der Kreuzotter, die in einem steinigen, hochgelegenen Teil des Friedenswaldes wohnte. Dort angekommen, berichtete sie von dem Tod der alten Natter und stellte dann der Kreuzotter das Ansinnen, die Rache für sie auszuführen, weil sie so gefährliche Bisse versetzen könne. Aber Kryle war nicht sehr geneigt, sich mit den Elchen in Streit einzulassen.

„Wenn ich einen Elch anfallen würde,“ sagte sie, „würde er mich auf der Stelle töten. Die alte Harmlos ist tot, und wir können sie mit aller Mühe nicht wieder ins Leben zurückrufen. Warum sollte ich mich da ihretwegen ins Unglück stürzen?“

Als die Natter diese Antwort vernahm, hob sie den Kopf einen vollen Fuß hoch vom Boden auf und zischte ganz entsetzlich. „Wisch, wasch! Wisch, wasch!“ sagte sie. „Wie schade, daß jemand, der solche Waffen erhalten hat, zu feige ist, sie zu gebrauchen.“

Als die Kreuzotter dieses hörte, wurde sie auch zornig. „Krieche deines Weges weiter, alter Hilflos!“ zischte sie. „Das Gift läuft mir schon in die Zähne; aber ich möchte dich lieber verschonen, da du ja doch als ein Stammesgenosse von mir betrachtet wirst.“

Aber die Natter rührte sich nicht; und eine gute Weile lagen die Schlangen, einander anzischend und sich gegenseitig Grobheiten ins Gesicht schleudernd, auf demselben Fleck. Als aber Kryle so zornig war, daß sie nicht mehr zischen, sondern nur noch züngeln konnte, schlug die Natter plötzlich einen andern Ton an.

„Ich hatte eigentlich noch einen zweiten Auftrag für dich,“ sagte sie und ließ ihre Stimme zu einem sanften Flüstern sinken. „Aber jetzt hab ich dich wohl so erzürnt, daß du keine Lust mehr hast, mir zu helfen.“

„Wenn du nur nichts Unsinniges von mir verlangst, dann stehe ich dir gern zu Diensten.“

„In den Fichten bei meinem Wassertümpel,“ sagte die Natter, „wohnt ein Schmetterlingsvolk, das in den Nächten des Spätsommers umherfliegt.“

„Ich weiß schon, welche du meinst,“ sagte Kryle. „Was ist mit ihnen?“

„Sie sind das kleinste Insektenvolk,“ sagte Hilflos, „und dazu auch das unschädlichste von allen, weil ihre Raupen sich von nichts als Tannennadeln ernähren.“

„Das weiß ich wohl,“ sagte Kryle.

„Ich habe Angst, daß dieses Schmetterlingsvolk bald vollständig ausgerottet wird,“ fuhr die Natter fort. „Im Frühjahr werden die Raupen von gar so vielen weggeschnappt.“

Nun verstand die Kreuzotter die Absicht der Natter. Diese wollte die Raupen offenbar für sich allein behalten, und so antwortete sie freundlich: „Soll ich den Eulen sagen, sie sollen diese Tannenraupen in Frieden lassen?“

„Ja, es wäre mir lieb, wenn du dieses auswirken könntest; du hast ja hier im Walde etwas zu sagen,“ antwortete Hilflos.

„Vielleicht kann ich auch bei den Drosseln ein gutes Wort für die Nadelfresser einlegen,“ sagte die Kreuzotter. „Ich tue dir gern einen Gefallen, wenn du nichts Unsinniges verlangst.“

„Jetzt hast du mir ein gutes Versprechen gegeben, Kryle,“ sagte Hilflos, „und ich bin sehr froh, daß ich zu dir gekommen bin.“

Die Nonnen

Mehrere Jahre später schlief Karr eines Morgens auf dem Hausflur. Es war im Frühsommer, zur Zeit der kurzen Nächte, und tageshell, obgleich die Sonne noch nicht aufgegangen war. Da erwachte Karr davon, daß ihn jemand beim Namen rief. „Bist du es, Graufell?“ fragte er; denn der Elch kam beinahe jede Nacht, ihn zu begrüßen. Karr erhielt keine Antwort, aber wieder hörte er, daß ihn jemand rief. Diesmal glaubte er Graufells Stimme deutlich zu erkennen, und er lief dem Tone nach.

Karr hörte, daß der Elch vor ihm herlief, konnte ihn aber nicht erreichen. Ohne auf Weg oder Steg zu achten, stürmte der Elch mitten durchs Dickicht hindurch in den dichtesten Nadelwald hinein, und Karr konnte die Spur nur mit großer Mühe verfolgen.

„Karr, Karr!“ ertönte es wieder. Und die Stimme war sicher Graufells, aber mit einem Beiklang, den der Hund noch nie vernommen hatte.

„Ich komme, ich komme! Wo bist du?“ antwortete Karr.

„Karr, Karr! Siehst du nicht, wie es fällt, fällt?“ fragte Graufell.

Da sah Karr, daß von den Fichten unaufhörlich Nadeln herunterrieselten wie ein dichter Regen. „Ja, ich sehe, wie es fällt!“ rief er, lief aber zugleich tiefer in den Wald hinein, den Elch zu finden.

Graufell eilte gestreckten Laufes durchs Gebüsch, und abermals hätte Karr fast die Spur verloren.

„Karr, Karr!“ brüllte Graufell jetzt geradezu. „Merkst du nicht, wie es hier im Walde riecht?“

Karr blieb stehen und witterte. Es war ihm vorher nicht aufgefallen; aber jetzt merkte er, daß die Fichten einen viel stärkeren Duft ausströmten als gewöhnlich.

„Ja, ich rieche es auch,“ sagte er, nahm sich aber gar nicht Zeit, herauszubringen, woher der Geruch komme, sondern eilte nur weiter hinter Graufell drein.

Abermals rannte der Elch in größter Eile davon; der Hund konnte ihn nicht einholen. „Karr, Karr!“ rief er nach einer Weile wieder. „Hörst du nicht, wie es in den Bäumen knackt?“ Und jetzt war Graufells Stimme so betrübt, daß es einen Stein hätte erbarmen können.

Karr hielt an und lauschte. Da hörte er ein schwaches, aber deutliches Knacken in den Bäumen; es klang wie das Ticken einer Uhr.

„Ja, ich höre, wie es knackt!“ rief Karr; und diesmal lief er nicht weiter. Er fühlte, der Elch wollte nicht, daß er ihm folge, er wollte ihn auf etwas aufmerksam machen, das hier im Walde vorging.

Karr stand unter einer Fichte mit üppigen, schwer herabhängenden Zweigen und dicken dunkelgrünen Nadeln. Er betrachtete den Baum genau, und da war es ihm, als ob die Nadeln sich bewegten. Als er dann noch näher hinzutrat, entdeckte er eine Menge weißlichgrauer Raupen, die auf den Zweigen herumkrabbelten und die Nadeln fraßen. Jeder Zweig war bedeckt mit solchen Raupen, die nagten und fraßen; und es knackte in den Bäumen von allen den kleinen unermüdlichen Kiefern. Unaufhörlich fielen abgebissene Nadeln herunter, und der armen Fichte entströmte ein überwältigender Duft, den der Hund fast nicht aushalten konnte.

„Diese Fichte wird nicht viele von ihren Nadeln behalten dürfen,“ dachte Karr und richtete seine Blicke auf den nächsten Baum. Auch dieser war eine große stattliche Fichte, aber sie sah genau so aus wie die andre. „Was das nur ist?“ dachte Karr weiter. „Es ist schade um die stolzen Bäume, mit ihrer Schönheit wird es bald aus sein.“ Er ging von Baum zu Baum und suchte herauszubringen, was eigentlich mit ihnen geschehen war. „Hier ist eine Edeltanne,“ dachte er. „An diese haben sich die Raupen vielleicht nicht gewagt.“ Aber auch diese Tanne war angegriffen. „Und hier eine Birke. Jawohl, auch hier, auch hier! Da wird der Waldhüter keine Freude daran haben,“ dachte Karr.

Er lief weiter in den Wald hinein, um zu sehen, wie weit die Verheerung sich ausgedehnt hätte. Wohin er kam, ertönte dasselbe Ticken, verbreitete sich derselbe Geruch, fiel derselbe Nadelregen; Karr brauchte gar nicht mehr anzuhalten, um zu untersuchen, an diesen Zeichen erkannte er schon, wie die Sache stand. Die kleinen Raupen fanden sich überall. Der ganze Wald war in Gefahr, von ihnen kahl gefressen zu werden.

Plötzlich kam Karr in einen Waldstrich, wo ihm kein Geruch entgegenschlug und wo alles still und ruhig war. „Hier ist ihre Herrschaft zu Ende,“ dachte der Hund, er hielt an und schaute sich um. Aber hier war es sogar noch schlimmer, hier hatten die Raupen ihre Arbeit schon beendigt, und die Bäume standen ohne Nadeln kahl da. Wie tot sahen sie aus, und das einzige, was sie bedeckte, war eine Menge verwirrter Fäden, die die Raupen gesponnen und als Brücken und Stege benützt hatten.

Hier drinnen unter den sterbenden Bäumen stand Graufell und wartete auf Karr. Aber er war nicht allein, neben ihm standen vier alte Elche, die angesehensten vom ganzen Walde. Karr kannte sie wohl. Da war Krummrück, ein kleiner Elch, aber mit einem größeren Höcker als alle andern, dann Hornkrone, der stattlichste des ganzen Elchvolkes, sowie Wirrmähne mit seinem dichten Pelz, und dann noch ein alter hochbeiniger, der Riesenkraft hieß und entsetzlich hitzig und streitsüchtig gewesen war, bis er bei der letzten Herbstjagd eine Kugel in den Schenkel bekommen hatte.

„Was in aller Welt geht denn hier im Walde vor?“ fragte Karr, als er die Elche erreicht hatte, die mit gesenkten Köpfen und weit vorgeschobener Oberlippe dastanden und äußerst nachdenklich aussahen.

„Das weiß niemand,“ antwortete Graufell. „Dieses Insektenvolk ist immer das schwächste im ganzen Walde gewesen und hat noch nie einen Schaden angerichtet; aber in den letzten Jahren hat es sich ungeheuer rasch vermehrt, und jetzt sieht es aus, als wäre es imstande, den ganzen Wald zu zerstören.“

„Ja, es sieht schlimm aus,“ sagte Karr. „Aber wie ich sehe, sind die Weisesten des Waldes zusammengekommen, zu beraten, und sie haben vielleicht schon eine Hilfe ersonnen.“

Als der Hund dies sagte, hob Krummrück höchst feierlich seinen schweren Kopf, bewegte die langen Ohren und sagte: „Wir haben dich hierhergerufen, Karr, um von dir zu hören, ob die Menschen etwas von dieser Verheerung wissen?“

„Nein,“ erwiderte Karr, „sie wissen nichts von dem Unglück; so tief in den Wald hinein kommt ja außer zur Jagdzeit nie ein Mensch.“

„Wir, die Alten hier im Walde,“ nahm Hornkrone das Wort, „glauben nicht, daß wir Tiere allein über das Insektenvolk Herr werden können.“

„Dies halten wir jedoch fast für ein ebenso großes Unglück wie das andre,“ sagte Wirrmähne. „Nun wird es bald aus sein mit dem Frieden im Walde.“

„Aber wir können doch nicht den ganzen Wald zugrunde gehen lassen,“ sagte Riesenkraft. „Es bleibt uns durchaus keine Wahl.“

Karr fühlte, wie schwer es den Elchen wurde, mit ihrem Anliegen herauszurücken, und er versuchte ihnen zu helfen. „Meinet ihr vielleicht, ich solle es den Menschen zu wissen tun, wie es hier steht?“ fragte er.

Da nickten alle die alten Elche mit den Köpfen. „Es ist ein schweres Unglück, daß wir von den Menschen Hilfe verlangen müssen, aber es gibt keinen andern Ausweg,“ sagten sie.

Bald darauf war Karr auf dem Heimweg. Während er so tief bekümmert über alles, was er erfahren hatte, dahineilte, kam ihm eine große schwarze Natter entgegen. „Schön guten Tag hier im Walde!“ zischte die Natter.

„Schön guten Tag!“ bellte der Hund und eilte vorbei, ohne anzuhalten. Aber die Natter drehte um und versuchte, Karr einzuholen. „Vielleicht ist sie auch in Sorge um den Wald,“ dachte Karr und blieb stehen.

Die Natter begann sogleich von der großen Verheerung zu reden. „Wenn aber die Menschen herbeigerufen werden, dann wird es mit der Ruhe und dem Frieden hier im Walde bald aus sein,“ sagte sie.

„Das fürchte ich auch,“ erwiderte Karr, „aber die Alten im Walde wissen wohl, was sie tun.“

„Ich könnte einen bessern Rat geben,“ sagte die Natter. „Wenn ich nur den Lohn bekäme, den ich mir wünsche.“

„Bist du nicht das Tier, das man Hilflos heißt,“ sagte der Hund verächtlich.

„Ich bin im Walde alt geworden,“ erwiderte die Natter, „und ich weiß, wie solches Ungeziefer vertilgt werden muß.“

„Wenn du das könntest,“ sagte Karr, „dann wird dir sicher niemand dein Verlangen weigern.“

Nachdem Karr dies gesagt hatte, schlüpfte die Schlange unter eine Baumwurzel, und erst, als sie wohlbeschützt in einem engen Loch lag, setzte sie die Unterredung fort. „Nun, dann grüße Graufell von mir,“ rief sie, „und sag ihm, wenn er aus dem Friedenswalde fortziehen und nicht Rast machen wolle, bis er hoch in den Norden gezogen sei, wo keine Eiche mehr im Walde wächst, und auch versprechen wolle, nie wieder zurückzukehren, solange die Natter Hilflos lebt, dann werde der alte Hilflos über das Ungeziefer, das jetzt auf den Nadelholzbäumen herumkriecht und sich an ihren Nadeln mästet, Krankheit und Tod schicken.“

„Was sagst du da?“ fragte Karr, während sich ihm vor Entsetzen die Haare auf dem Rücken sträubten. „Was hat dir denn Graufell zuleide getan?“

„Er hat die umgebracht, die ich am liebsten hatte,“ antwortete die Schlange. „Und ich will mich an ihm rächen.“

Noch ehe die Natter ausgesprochen hatte, fuhr Karr auf sie los; aber sie lag wohlgeborgen unter der Baumwurzel.

„Bleib du nur da liegen, solang es dir gefällt!“ rief Karr schließlich. „Wir werden auch ohne deine Hilfe Herr über die Tannenraupen werden.“

Am nächsten Tage ging der Gutsbesitzer mit dem Waldhüter durch den Wald. Karr lief im Anfang neben ihnen her, aber nach einer Weile verschwand er, und bald nachher ertönte ein heftiges Bellen aus der Tiefe des Waldes heraus. „Da ist Karr wieder auf der Jagd,“ sagte der Gutsbesitzer.

Aber der Waldhüter wollte es nicht glauben. „Karr hat seit vielen Jahren nicht mehr unerlaubt gejagt,“ erwiderte er. Dann lief er rasch in den Wald hinein, um zu sehen, was für ein Hund gebellt hätte, und der Gutsbesitzer ging hinter ihm her.

Sie folgten dem Bellen bis in den dichtesten Wald hinein; aber da verstummte es plötzlich. Die beiden Männer blieben stehen, um zu lauschen; und da, in der tiefen Stille, hörten sie, wie die Kiefer der Insekten arbeiteten; sie sahen die Tannennadeln herunterrieseln und rochen den starken Duft. Dann sahen sie auch, daß alle Bäume mit den Raupen des Nonnenschmetterlings bedeckt waren, jenen kleinen Baumfeinden, die meilenweite Wälder zerstören können.

Der große Krieg gegen die Nonnen

Im nächsten Frühling ging Karr eines Morgens im Walde spazieren. „Karr, Karr!“ ertönte eine Stimme hinter ihm. Der Hund wendete sich um; er hatte richtig gehört. Ein alter Fuchs stand vor seinem Bau, der hatte ihn angerufen.

„Sag mir, ob die Menschen etwas mit dem Walde vorhaben?“ fragte der Fuchs.

„Ja, du kannst dich darauf verlassen,“ antwortete Karr. „Sie arbeiten, was das Zeug hält.“

„Sie haben mir mein ganzes Geschlecht umgebracht, und jetzt werden sie mich auch totschlagen,“ sagte der Fuchs. „Aber es sei ihnen verziehen, wenn sie nur den Wald retten.“

In diesem Jahre streifte Karr nie im Walde umher, ohne daß er gefragt wurde, ob die Menschen den Wald retten könnten. Es war nicht leicht für Karr, darauf zu antworten, denn die Menschen wußten selbst nicht, ob es ihnen gelingen würde, über die Nonnen Herr zu werden.

Wenn man bedenkt, wie gefürchtet und berüchtigt der alte Kolmården gewesen war, so war es ein merkwürdiger Anblick, daß jetzt jeden Tag über hundert Männer in den Wald gingen und aus Leibeskräften arbeiteten, ihn vor dem Verderben zu retten. Die am meisten verheerten Strecken wurden geschlagen, das Unterholz gelichtet und die niedrigsten Zweige der großen Bäume abgehauen, damit die Raupen nicht so leicht von Baum zu Baum kriechen könnten. Um den verheerten Wald herum hieben die Männer breite Wege aus und umhegten ihn mit Leimstangen; dadurch hofften sie die Raupen einzusperren und auf ihr jetziges Bereich zu beschränken. Nachdem dies getan war, legten sie Leimringe um die Baumstämme. Auf diese Weise wollte man die Raupen am Herunterkriechen von den schon abgefressenen Bäumen verhindern und sie zwingen, da zu bleiben, wo sie waren, weil sie dann verhungern müßten.

Bis spät ins Frühjahr hinein setzten die Menschen diese Arbeit fort. Sie waren voll guter Hoffnung und warteten fast mit Ungeduld auf das Ausschlüpfen der Raupen, denn sie waren fest überzeugt, sie so fest eingesperrt zu haben, daß die meisten Hungers sterben müßten.

Mit dem Beginn des Sommers schlüpften dann die Raupen aus, und sie waren jetzt noch viel, viel zahlreicher als im letzten Jahre. Aber die Menschen meinten, das tue nichts, wenn sie nur eingesperrt seien und nicht genug Futter fänden.

Aber in dieser Beziehung ging es nicht ganz so, wie man gehofft hatte. Es blieben freilich unzählige Raupen an den Leimstangen hängen, auch mußten große Mengen vor den Leimringen Halt machen und konnten nicht von den Bäumen heruntergelangen; aber trotzdem hätte man nicht behaupten können, daß die Raupen eingesperrt gewesen wären. Sie waren außerhalb und innerhalb der Einfriedigung; sie waren überall: auf den Landstraßen krochen sie hin, auf den Feldmäuerchen, an den Häusermauern hinauf. Sie wanderten aus dem Friedenswald hinaus und in andre Teile des Kolmården hinein.

„Sie hören nicht auf, bis der ganze Wald zerstört ist,“ sagten die Menschen, die sich vor Angst fast nicht zu helfen wußten, und denen die Tränen in die Augen traten, so oft sie in den Wald kamen.

Karr war das ganze Ungeziefer, das da draußen herumkroch und nagte, so zum Ekel, daß er sich kaum noch entschließen konnte, vors Haus hinauszugehen. Aber eines Tages dachte er, er müsse sich doch wieder einmal nach Graufell umsehen. So schlug er denn den Weg nach dessen Aufenthaltsgebiet ein, und mit der Nase an der Erde lief der Hund rasch vorwärts. Als er an die Baumwurzel kam, wo er im vergangenen Jahre mit dem alten Hilflos zusammengetroffen war, lag dieser wieder in dem Loch und rief ihn an.

„Hast du über das, was ich dir bei unserer letzten Begegnung sagte, mit Graufell gesprochen?“ fragte die Natter. Aber Karr bellte nur und versuchte, an sie heranzukommen. „Tu es auf alle Fälle,“ sagte die Schlange. „Du siehst ja, daß die Menschen nichts gegen die Verheerung ausrichten können.“

„Ja, und du auch nicht,“ antwortete Karr im Weitereilen.

Karr fand Graufell; aber der Elch war in sehr gedrückter Stimmung. Er begrüßte Karr nur ganz flüchtig und begann sogleich von dem Walde zu reden.

„Ich wüßte nicht, was ich dafür geben würde, wenn dieses Elend ein Ende nähme!“ sagte er.

„Dann müßte ich dir ja wohl mitteilen, daß es den Anschein hat, als könntest du den Wald retten,“ sagte Karr. Und nun richtete er dem Elch den Auftrag der Natter aus.

„Wenn dies ein andrer als der alte Hilflos versprochen hätte, würde ich sofort in die Verbannung gehen,“ sagte Graufell. „Aber woher sollte eine arme Natter solche Macht nehmen?“

„Es ist natürlich nur eine Großtuerei,“ sagte Karr. „Die Schlangen tun immer, als wüßten sie mehr als andre Tiere.“

Als Karr nach Hause gehen mußte, begleitete ihn Graufell eine Strecke. Da hörte Karr eine Drossel, die hoch oben in einem Tannenwipfel saß, rufen: „Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist! Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist!“

Karr wollte seinen Ohren nicht trauen; aber im nächsten Augenblick lief ein Hase über den Weg, und als dieser die beiden Daherkommenden sah, blieb er stehen, wedelte mit den Ohren und rief: „Da kommt Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist!“ Dann sprang er davon, so schnell er konnte.

„Was wollen sie denn damit sagen?“ fragte Karr.

„Ich weiß es nicht recht,“ antwortete Graufell. „Aber ich glaube, die kleinen Tiere im Wald sind unzufrieden mit mir, weil ich geraten hatte, daß wir Hilfe bei den Menschen suchen sollten; denn als das Unterholz geschlagen wurde, sind ihnen alle ihre Schlupfwinkel und Behausungen zerstört worden.“

Die beiden Freunde gingen eine Strecke weiter, und Karr hörte, wie es von allen Seiten ertönte: „Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist!“ Graufell tat, als höre er es nicht, aber Karr glaubte jetzt zu verstehen, warum der Elch so niedergedrückt war.

„Du, Graufell,“ fragte Karr hastig, „was meint denn die Natter damit, wenn sie sagt, du habest ihr ihre liebste Gefährtin umgebracht?“

„Wie soll ich das wissen?“ sagte Graufell. „Du weißt doch, daß ich keinem Tiere etwas zuleide tue.“

Kurz darauf begegneten sie den vier alten Elchen, Krummrück, Hornkrone, Wirrmähne und Riesenkraft. Still und nachdenklich wanderten sie daher, einer hinten dem andern.

„Schön guten Tag!“ rief ihnen Graufell entgegen.

„Schön guten Tag!“ antworteten die Elche. „Wir wollten dich eben aufsuchen, Graufell, um mit dir wegen des Waldes zu beraten.“

„Die Sache ist die,“ begann Krummrück. „Es ist uns zu Ohren gekommen, daß hier im Walde eine Missetat verübt worden ist, und weil diese nicht geahndet wurde, ist der ganze Wald dem Untergang geweiht.“

„Was ist das für eine Missetat?“ fragte Graufell.

„Ein Waldbewohner soll ein unschädliches Tier, das er doch nicht verzehren konnte, umgebracht haben. Dies wird im Friedenswalde für eine Missetat gerechnet.“

„Und wer hat denn eine solche Freveltat begangen?“ fragte Graufell.

„Ein Elch soll es gewesen sein. Und wir wollen dich jetzt fragen, ob du eine Ahnung hast, wer es sein könnte.“

„Nein,“ antwortete Graufell. „Ich habe nie etwas von einem Elch gehört, der ein unschädliches Tier getötet hätte.“

Graufell verließ die andern und ging mit Karr weiter. Er war noch schweigsamer als zuvor und schritt mit tiefgesenktem Kopf dahin. Jetzt kamen sie an der Kreuzotter Kryle vorbei, die auf einem Stein lag. „Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist,“ zischte Kryle, gerade wie alle andern. Aber jetzt war Graufells Geduld zu Ende. Er stellte sich vor die Kreuzotter hin und hob ein Vorderbein auf.

„Hast du im Sinn, mich auch umzubringen, wie du die Natter, das Weibchen des alten Hilflos, umgebracht hast?“ rief Kryle.

„Habe ich eine Natter umgebracht?“ fragte Graufell.

„Ja, am ersten Tag, wo du in den Wald herauskamst, hast du das Weibchen von der Natter Hilflos totgetreten.“

Graufell wendete sich rasch ab und gesellte sich wieder zu Karr. Plötzlich hielt er an. „Karr,“ sagte er, „ich habe die Freveltat begangen. Ich habe ein unschädliches Tier umgebracht. Ich bin schuld an der Zerstörung des Waldes.“

„Was sagst du da?“ unterbrach ihn Karr.

„Sage der Natter Hilflos, Graufell werde heute nacht noch in die Verbannung gehen.“

„Niemals werde ich so etwas sagen!“ rief Karr. „Der hohe Norden ist eine sehr gefährliche Gegend für die Elche.“

„Meinst du, ich wollte noch hier bleiben, nachdem ich so großes Unheil angestiftet habe?“ erwiderte Graufell.

„Übereile dich nicht. Warte bis morgen, ehe du irgend etwas unternimmst!“

„Du selbst hast mich gelehrt, daß die Elche eins mit dem Walde seien,“ sagte Graufell; und mit diesen Worten trennte er sich von Karr.

Karr ging nach Hause; aber durch die Unterredung unruhig geworden, ging er schon am nächsten Tag wieder in den Wald, den Elch aufzusuchen. Aber Graufell war nirgends zu finden, und der Hund suchte auch nicht lange. Er erriet sogleich, daß Graufell die Natter beim Wort genommen hatte und in die Verbannung gegangen war.

Während Karr in solche Gedanken versunken dahinwanderte, erblickte er plötzlich den Waldhüter, der unter einem Baum stand und hinaufdeutete. „Wonach schaust du?“ fragte ein Mann, der neben dem Waldhüter stand.

„Unter den Raupen ist eine Seuche ausgebrochen.“

Karr verwunderte sich über die Maßen; fast aber noch mehr entrüstete er sich darüber, daß die Natter die Macht gehabt hatte, ihr Wort zu halten. Nun mußte Graufell wahrscheinlich ewig lange fortbleiben, denn diese Natter starb wohl nie.

Während Karr noch tiefbetrübt war, kam ihm ein Gedanke, der ihn ein wenig tröstete. „Die Natter braucht vielleicht gar nicht so schrecklich alt zu werden, sie wird ja wohl nicht immer wohlbeschützt unter einer Baumwurzel liegen,“ dachte er. „Wenn sie nur erst die Raupen fortgeschafft hat, dann weiß ich einen, der ihr die Gurgel abbeißt.“

Ja, über die Raupen war wirklich eine Krankheit gekommen, aber im ersten Sommer verbreitete sie sich nicht in großer Ausdehnung. Kaum war sie ausgebrochen, da war es für die Raupen Zeit, sich einzupuppen, und aus den Puppen schlüpften dann Millionen von Schmetterlingen. Diese flatterten in jeder Nacht, Schneeflocken gleich, zwischen den Bäumen umher und legten unzählige Eier. Für das nächste Jahr konnte man sich auf noch größere Verheerungen gefaßt machen.

Die Verheerung kam, aber nicht allein für den Wald, sondern auch über die Raupen selbst. Die Seuche verbreitete sich rasch von einer Waldstrecke zur andern. Die erkrankten Raupen fraßen nicht mehr; sie krochen in den Gipfel des Baums hinauf und starben da. Unter den Menschen herrschte große Freude, als sie die Raupen sterben sahen; aber noch größere Freude griff unter den Tieren Platz. Der Hund Karr wanderte Tag um Tag in grimmiger Freude umher und dachte nur an den Augenblick, wo er es wagen dürfte, dem alten Hilflos die Gurgel abzubeißen.

Die Raupen hatten sich jedoch schon in meilenweitem Umkreis über den Nadelwald ausgebreitet, und auch in diesem Sommer erreichte die Krankheit nicht alle; viele blieben am Leben, die sich einpuppten und Schmetterlinge wurden.

Durch Zugvögel erhielt Karr oft Grüße von Graufell, der ihm sagen ließ, er sei noch am Leben, und es gehe ihm gut. Aber die Vögel vertrauten Karr an, Graufell sei wiederholt von Wilderern hart verfolgt worden und ihnen nur mit knapper Not entkommen.

Karr verzehrte sich in Sorge und Kummer und Heimweh nach Graufell. Aber noch zwei Sommer hindurch mußte er ausharren. Da erst war es zu Ende mit den Raupen.

Kaum hörte Karr den Waldhüter sagen, jetzt sei der Wald außer Gefahr, als er sich auch schon auf die Jagd nach dem alten Hilflos begab. Aber als er in das Dickicht kam, machte er eine entsetzliche Entdeckung: er konnte nicht mehr jagen, konnte nicht mehr rennen, konnte seinen Feind nicht aufspüren, konnte gar nichts mehr sehen. Während der langen Wartezeit war leise das Alter über Karr hereingebrochen; ohne daß er es gemerkt hatte, war er alt geworden. Nicht einmal eine Natter konnte er mehr totbeißen; er war nicht fähig, seinen Freund Graufell von seinem Feinde zu befreien.

Die Rache

Eines Nachmittags ließ sich Akka von Kebnekajse mit ihrer Schar am Ufer eines Waldsees nieder. Sie befanden sich zwar noch im Kolmården, hatten aber Ostgötland schon verlassen und waren jetzt im Jönåker Bezirk in Sörmland.

Wie es in den Gebirgsgegenden der Fall zu sein pflegt, brach der Frühling hier sehr spät an, und der ganze See war bis auf einen schmalen offnen Rand am Ufer noch ganz mit Eis bedeckt. Die Gänse stürzten sich sofort ins Wasser, um zu baden und Nahrung zu suchen; aber Nils Holgersson hatte am Vormittag seinen Holzschuh verloren und ging deshalb zwischen die am Ufer wachsenden Erlen und Birken hinein, um etwas zu suchen, das er sich an den Fuß binden könnte.

Der Junge mußte ziemlich weit gehen, bis er etwas Passendes fand, und er sah sich unruhig um, denn es kam ihm nicht ganz geheuer im Walde vor. „Nein, da ziehe ich Wasser und ebenes Land vor,“ dachte er, „denn da sieht man doch, wohin man kommt. Wenn dies wenigstens ein Buchenwald wäre, dann ginge es noch an; dort ist fast kein Unterholz, aber Birken- und Fichtenwälder sind gar so wild und unwegsam. Ich verstehe nicht, wie die Leute sich das gefallen lassen. Wenn dieser Wald hier mir gehörte, würde ich die ganze Herrlichkeit abhauen lassen.“

Schließlich entdeckte er ein Stück Birkenrinde und probierte es eben an seinen Fuß, als er hinter sich etwas rascheln hörte. Er wendete sich um und sah eine Schlange, die, durch das Unterholz kriechend, gerade auf ihn zukam. Sie war ungewöhnlich lang und dick; aber der Junge sah sogleich, daß sie auf beiden Seiten ihres Kopfes einen weißen Fleck hatte, und blieb deshalb ruhig stehen. „Es ist ja nur eine Natter,“ dachte er, „die kann mir wohl nichts tun.“

Im nächsten Augenblick aber bekam er einen so heftigen Stoß von der Schlange, daß er umfiel. Er war zwar in einem Nu wieder auf den Beinen und rannte davon, aber die Schlange verfolgte ihn. Der Boden war steinig und mit Gestrüpp bewachsen, deshalb kam der Junge nicht sehr schnell vorwärts, und die Schlange war ihm dicht an den Fersen.

Plötzlich erblickte er einen großen, steil aufragenden Felsblock, und rasch kletterte er hinauf. „Hierher kann mir die Natter nicht folgen,“ dachte er. Aber als er glücklich droben war und sich umschaute, sah er, daß die Schlange hinter ihm hinaufzuklettern versuchte.

Oben auf dem Felsblock, dicht neben dem Jungen, lag ein andrer Stein, rund und so groß wie ein Menschenkopf. Er lag ganz lose auf einem schmalen Rande; es war fast unbegreiflich, wie er überhaupt daliegen konnte. Als nun die Schlange näher kam, sprang der Junge hinter den runden Stein und versetzte diesem einen Stoß. Der Stein rollte auf die Schlange, riß sie mit auf den Boden hinunter und blieb da gerade auf dem Schlangenkopf liegen.

„Der Stein hat seine Sache gut gemacht,“ dachte der Junge und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Er sah, wie die Schlange noch ein paar heftige Zuckungen machte und dann ganz ruhig liegen blieb. „Ich glaube, ich bin auf der ganzen Reise fast noch nie in größerer Gefahr gewesen!“ rief er noch nachträglich schaudernd aus.

Aber kaum hatte er sich etwas von seinem Schrecken erholt, da hörte er ein Sausen in der Luft, und im nächsten Augenblick ließ sich ein Vogel dicht neben der Schlange nieder. Der Vogel war ungefähr von der Größe und Gestalt einer Krähe, hatte aber ein schönes Gewand aus schwarzen metallisch glänzenden Federn. Vorsichtig zog sich der Junge in einen Spalt des Felsblockes zurück. Die Erinnerung an sein Abenteuer mit den Krähen war noch frisch in seinem Gedächtnis, und er wollte sich deshalb nicht zeigen, wenn es nicht durchaus nötig war.

Der schwarze Vogel ging mit langen Schritten neben dem Schlangenkörper hin und her und drehte ihn mit dem Schnabel um. Schließlich schlug er mit den Flügeln und schrie mit heiserer, gellender Stimme: „Diese tote Natter hier ist gewiß der alte Hilflos!“

Noch einmal schritt er die Schlange entlang, dann blieb er in tiefem Nachdenken stehen und kratzte sich mit dem Fuß im Nacken. „Es kann unmöglich zwei so große Schlangen hier im Walde gegeben haben,“ sagte er. „Er ist es ganz gewiß.“

Der Vogel war schon im Begriff, seinen Schnabel in die Schlange zu schlagen, da besann er sich plötzlich eines andern. „Sei kein Dumrian, Bataki,“ sagte er. „Du wirst doch die Schlange nicht fressen, ehe du Karr herbeigerufen hast. Er würde nie und nimmer glauben, daß der alte Hilflos tot sei, wenn er ihn nicht selbst hier liegen sähe.“

Der Junge gab sich alle Mühe, ganz still zu sein; aber als er den Vogel so lächerlich-feierlich auf und ab schreiten sah und mit sich selbst sprechen hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken.

Der Vogel hörte es, und mit einem einzigen Flügelschlag war er droben auf dem Stein. Rasch richtete sich der Junge auf und ging auf den Vogel zu. „Bist du nicht der Rabe, der Bataki genannt wird und ein guter Freund von Akka von Kebnekajse ist?“ fragte er.

Der Vogel betrachtete den Jungen genau und nickte dann dreimal mit dem Kopfe. „Du bist doch wohl nicht der Junge, der mit den Wildgänsen umherzieht und den sie Däumling nennen?“ fragte er.

„Doch, der bin ich,“ antwortete der Junge.

„Ei, das ist herrlich, daß ich dich treffe!“ rief der Rabe. „Du kannst mir vielleicht sagen, wer diese Natter erschlagen hat?“

„Der Stein hier war es. Ich habe ihn auf die Natter hinuntergerollt, und er hat sie erschlagen,“ sagte der Junge und erzählte hierauf dem Raben, wie alles zugegangen war.

„Das ist ein ordentliches Stück Arbeit für einen so kleinen Kerl wie du,“ sagte der Rabe. „Ich habe hier in der Nähe einen Freund, der wird sehr beglückt sein, wenn er hört, daß die Schlange tot ist, und ich wünschte, ich könnte dir einen Gegendienst leisten.“

„Dann sage mir, warum du dich über den Tod der Schlange so sehr freust,“ erwiderte der Junge.

„Ach, das ist eine lange Geschichte!“ seufzte der Rabe. „Wenn du sie anhören müßtest, würde dir bald die Geduld ausgehen.“

Aber der Junge behauptete, er würde die Geduld sicher nicht verlieren, und so erzählte ihm denn der Rabe die ganze Geschichte von Karr und Graufell und der Natter Hilflos. Als er damit fertig war, schwieg der Junge noch eine Weile und starrte nur immer geradeaus.

„Ich danke dir recht schön,“ sagte er schließlich. „Nun ich dies alles gehört habe, ist es mir, als kennte ich mich hier im Walde viel besser aus. Ich möchte wohl wissen, ob von dem großen Friedenswalde noch etwas übrig geblieben ist?“

„Das meiste davon ist verheert,“ entgegnete Bataki. „Die Bäume sehen aus, als sei ein Waldbrand über sie hingegangen; sie müssen gefällt werden, und es wird viele Jahre dauern, bis der Wald wieder das ist, was er früher war.“

„Diese Schlange hier hat wirklich den Tod verdient,“ sagte der Junge. „Aber ich möchte doch wissen, ob sie tatsächlich sicher war, daß sie die Seuche unter die Raupen schicken konnte?“

„Vielleicht wußte sie, daß die Nonnen auf diese Weise umkommen würden,“ sagte Bataki.

„Das ist wohl möglich; jedenfalls war der alte Hilflos ein äußerst kluges Tier, soviel ist sicher.“

Der Junge schwieg, und der Rabe hatte auch gar nicht auf ihn gehört; er lauschte mit abgewendetem Kopf in den Wald hinein. „Hörst du!“ sagte er. „Karr ist in der Nähe. Wie glücklich wird er sein, wenn er erfährt, daß der alte Hilflos tot ist.“

Der Junge drehte den Kopf nach der Seite, woher der Ton kam. „Er spricht mit den Wildgänsen,“ sagte er.

„Ja, er hat sich wohl an den Strand hinunter geschleppt, um das Neueste von Graufell zu erfahren.“

Nun hüpften der Rabe und der Junge eiligst von dem Felsblock herunter und liefen miteinander nach dem Strande. Alle Gänse waren aus dem Wasser herausgegangen; sie umringten einen alten Hund, ein gichtbrüchiges, schwaches Tier, das aussah, als könnte es jeden Augenblick tot umfallen.

„Siehst du, das ist Karr,“ sagte Bataki zu dem Jungen. „Laß ihn nun zuerst hören, was ihm die Wildgänse zu berichten haben, nachher sagen wir ihm dann, daß die Schlange tot ist.“

Und sie hörten zu, was Akka dem guten Karr mitteilte.

„Es war im vorigen Jahre auf unserer Frühlingsreise,“ begann sie. „Eines Morgens waren wir, Yksi und Kaksi und ich, von Siljan in Dalarna weggeflogen, und unser Weg führte uns über die großen Grenzwälder zwischen Dalarna und Hälsingeland. Unter uns sahen wir nichts als den schwarzgrünen Nadelwald. Zwischen den Bäumen lag noch hoher Schnee, die Flüsse waren noch zugefroren, aber da und dort schimmerte eine offene Wake, und an den Ufern war der Schnee teilweise schon ganz verschwunden. Wir sahen fast nirgends Dörfer oder große Höfe, nur graue Sennhütten, die jetzt im Winter öde und verlassen waren. Ab und zu erblickten wir auch einen schmalen gewundenen Waldweg; da hatten die Leute während des Winters gefällte Bäume heimgefahren, und drunten an den Flüssen lagen große Stapel Bauholz aufgeschichtet.

Während wir nun so dahinflogen, sahen wir drei Jäger, die drunten durch den Wald gingen. Sie liefen auf Schneeschuhen, hatten Hunde am Riemen und das Messer im Gürtel, aber keine Flinten bei sich. Der Schnee hatte eine harte Eiskruste, und die Jäger hielten sich nicht an die gewundenen Waldpfade, sondern liefen ganz geradeaus. Es sah aus, als wüßten sie recht wohl, wohin sie sich zu wenden hätten, um das zu finden, was sie suchten.

Wir Wildgänse flogen hoch in der Luft dahin, und der ganze Wald lag deutlich erkennbar unter uns. Als wir die Jäger erblickten, hätten wir gar zu gerne gewußt, was für ein Wild sie erjagen wollten. Wir flogen deshalb hin und her und spähten zwischen die Bäume hinein. Da sahen wir in einem dichten Gehölz etwas, das wie große moosbewachsene Steine aussah. Aber es konnten doch keine Steine sein, denn es lag gar kein Schnee darauf.

Nun flogen wir eilig hinab und ließen uns mitten in dem Gehölz nieder. Da bewegten sich die drei Felsblöcke. Es waren drei Elche, die da in dem Waldesdunkel lagen: ein Elchstier und zwei Kühe. Als wir uns niederließen, stand der Elchstier auf und kam auf uns zu. Es war der größte und schönste Elch, den wir je gesehen hatten. Aber als er merkte, daß ihn nur so ein paar arme Wildgänse geweckt hatten, legte er sich wieder nieder.

‚Nein, Väterchen, leg dich nicht wieder schlafen,‘ sagte ich da zu ihm. ‚Flieht, so rasch ihr könnt; es sind Jäger im Walde, und sie steuern geradenwegs auf euren Aufenthaltsort zu.‘

‚Hab schönen Dank für die Warnung, Gänsemutter,‘ sagte der Elch, schon wieder halb im Schlafe. ‚Aber Ihr wißt doch wohl, daß uns Elchen seit vielen Jahren hier im Walde eine Freistatt gewährt ist. Diese Jäger sind wahrscheinlich nur auf die Fuchsjagd ausgezogen.‘

‚Es waren eine Menge Fußspuren im Schnee, aber die Jäger beachteten sie gar nicht. Glaubt mir, ihr Elche! Sie wissen, daß ihr hier liegt. Sie kommen hierher, euch zu erlegen. Ohne Flinte, nur mit Spieß und Messer bewaffnet, sind sie ausgezogen, weil sie um diese Zeit hier im Walde nicht zu schießen wagen.‘

Der Elchstier blieb ebenso ruhig liegen wie vorher, aber die Elchkühe wurden ängstlich. ‚Es ist vielleicht doch so, wie die Wildgänse sagen!‘ riefen sie und richteten sich auf.

‚Bleibt nur ruhig liegen!‘ befahl der Stier. ‚Es kommen keine Jäger hierher; ihr dürft euch darauf verlassen.‘

Es war nichts zu machen, und so flogen wir Wildgänse wieder in die Luft hinauf,“ fuhr Akka fort. „Aber wir schwebten noch über demselben Platze hin und her, denn wir wollten sehen, wie es den Elchen ergehen würde. Und kaum hatten wir uns zu unserer gewöhnlichen Flughöhe erhoben, als wir den Elchstier aus dem Dickicht heraustreten sahen. Er witterte ringsum und ging dann geradenwegs auf die Jäger zu. Beim Dahinschreiten trat er auf große Zweige, die mit lautem Krachen zerbrachen. Nun kam er an ein weites, kahles Moor. Er ging darauf hinaus und stellte sich mitten auf das offene Moor, wo ihm nichts Schutz bot.

Und dort blieb der Elch stehen, bis die Jäger am Waldrand auftauchten. In demselben Augenblick aber warf er sich herum und entfloh in einer andern Richtung, als in der, woher er gekommen war. Die Jäger ließen die Hunde los, und sie selber liefen auf ihren Schneeschuhen so rasch wie möglich hinter ihm her.

Mit weit zurückgeworfenem Kopf rannte der Elch in größter Eile davon. Unter seinen Hufen flog der Schnee empor und stob um ihn her wie eine dichte Wolke. Hunde und Jäger blieben weit zurück. Jetzt blieb der Elch stehen, wie um sie zu erwarten, und erst, als sie wieder in seinem Gesichtskreis auftauchten, stürmte er weiter. Wir errieten, daß es seine Absicht war, die Jäger von dem Lagerplatz der Kühe wegzulocken, und wir lobten ihn um seiner Tapferkeit willen; er selbst begab sich in Gefahr, damit den Seinigen kein Leid widerfahren sollte. Keine von uns wollte den Ort verlassen, bis wir wüßten, wie die Sache ablaufen würde.

Ein paar Stunden lang ging die Jagd in derselben Weise fort, und wir verwunderten uns, daß die Jäger sich die Mühe machten, den Elch immer weiter zu verfolgen, da sie doch keine Gewehre bei sich hatten. Sie konnten sich doch wohl nicht einbilden, sie wären imstande, im Laufen länger auszuhalten, als so ein Renner wie dieser Elch.

Aber allmählich entfloh der Elch nicht mehr mit derselben Geschwindigkeit. Er setzte die Füße vorsichtiger auf den Schnee. Und wenn er sie wieder herauszog, glaubten wir Blutspuren zu erkennen.

Da begriffen wir, warum die Jäger so beharrlich waren. Sie rechneten auf die Hilfe des Schnees. Der Elch war schwer, bei jedem Schritt sank er bis auf den Grund der Schneeschicht ein, und dabei scheuerte ihm die harte Eiskruste des Schnees die Beine wund. Sie schabte ihm die Haare weg und riß ihm die Haut auf, und das tat dem Elch bei jedem Schritt bitter weh.

Die Jäger und Hunde dagegen, die von viel leichterem Gewicht waren, konnten auf der Eisdecke gehen und verfolgten den Elch immer weiter. Er floh und floh, aber seine Schritte wurden immer unsicherer und schwankender, und er keuchte gewaltig. Er litt nicht allein starke Schmerzen, das Waten durch den tiefen Schnee ermüdete ihn auch zusehends.

Schließlich verlor er die Geduld. Er hielt an und ließ die Hunde und Jäger herankommen, um den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Während er so dastand und auf seine Verfolger wartete, warf er einen Blick nach oben, und als er uns Wildgänse, die über ihm schwebten, sah, rief er: ‚Bleibet hier, Wildgänse, bis alles zu Ende ist! Und wenn ihr wieder über den Kolmården hinzieht, dann suchet den Hund Karr auf und saget ihm, daß sein Freund Graufell einen schönen Tod gehabt habe.‘“

Als Akka so weit in ihrer Erzählung gekommen war, richtete sich der alte Hund auf und ging zwei Schritte näher zu ihr hin. „Graufell hat ein gutes Leben geführt,“ sagte er. „Er kennt mich. Er weiß, daß ich ein tapferer Hund bin und mich nur freue, wenn ich zu hören bekomme, daß er einen schönen Tod gehabt hat. Erzähl mir nun …“

Bei diesen Worten wedelte Karr mit dem Schwanze und hob den Kopf, wie um eine kecke, stolze Haltung anzunehmen, sank aber dann gleich wieder zusammen.

„Karr, Karr!“ ertönte eine menschliche Stimme aus dem Walde heraus.

Rasch stand der alte Hund auf. „Mein Herr ruft mich,“ sagte er, „und ich zögere nicht, ihm zu folgen. Ich sah ihn vorhin seine Flinte laden, und wir beide werden nun zum letzten Male miteinander in den Wald gehen. Ich danke dir, liebe Wildgans. Nun weiß ich alles, was ich zu wissen brauchte, um zufrieden in den Tod zu gehen.“

23
Der schöne Garten

Sonntag, 24. April

Am nächsten Tage flogen die Wildgänse über Sörmland weiter gen Norden. Der Junge schaute auf die Landschaft hinab und dachte, sie gleiche keiner von allen den Gegenden, die er bis jetzt gesehen hatte. Es gab da keine großen Ebenen wie in Schonen und Ostgötland, auch keine großen zusammenhängenden Waldbezirke wie in Småland, sondern eine Vermischung von allem möglichen.

„Hier haben sie einen großen See und einen breiten Fluß und einen mächtigen Wald mitsamt einem großen Gebirge zusammengenommen und in Stücke zerhackt, diese dann untereinander gemischt und ganz aufs Geratewohl auf der Erde ausgebreitet,“ dachte der Junge, denn er sah nichts als kleine Täler und kleine Seen, kleine Hügel und kleine Waldstrecken. Nichts durfte sich so recht ausbreiten. Sobald eine Ebene sich richtig dehnen wollte, stellte sich ihr ein Hügel in den Weg, und wenn der Hügel sich recken wollte, um ein ordentlicher Berg zu werden, fing gleich die Ebene wieder an. Sobald ein See so groß geworden war, daß er sich sehen lassen konnte, verengte er sich wieder zu einem Fluß, und auch dieser durfte nicht sehr weit fließen, bis er wieder zu einem See ausgedehnt wurde.

Da die Wildgänse ziemlich nahe an der Küste hinflogen, konnte der Junge das Meer überschauen, und da sah er, daß auch das Meer seinen mächtigen Wasserspiegel nicht ununterbrochen ausbreiten durfte; überall schauten kleine Inseln hervor, und selbst diese Inseln hatten keine große Ausdehnung, gleich schmiegte sich das Wasser wieder um sie her. Überall war ein beständiger Wechsel; Nadelwälder wurden von Laubholzwäldern abgelöst, die Äcker von Mooren, die großen Güter von Bauernhöfen.

Auf den Äckern sah man nirgends fleißige Menschen, dafür aber waren die Straßen und Wege überall belebt. Aus den kleinen Höfen am Rande des Kolmården kamen sie heraus, in schwarzen Kleidern, Gesangbuch und Taschentuch in der Hand.

„Es ist Sonntag,“ dachte der Junge und ließ seinen Blick andächtig auf den Kirchgängern ruhen. An einem Ort sah er ein Brautpaar, das mit großem Gefolge in die Kirche fuhr, und an einem andern kam ein Leichenzug langsam auf dem Wege daher. Er sah auch große Herrschaftskutschen und kleine Bauernchaisen, sowie auch große Boote auf den Seen, die alle auf dem Weg nach der Kirche waren.

Jetzt flogen die Gänse über die Kirche von Björkvik hin, dann über Bettna und Blaksta und Vadsbro, und dann ging es nach Sköldinge und Floda. Überall läuteten die Glocken; wunderbar schön drang das Geläute zu dem Jungen herauf; es war fast, als sei die ganze kristallklare Luft um ihn her zu lauter Tönen und Klängen geworden.

„So viel ist sicher,“ dachte der Junge, „ich mag hinkommen, wo ich will, überall höre ich das Läuten der Kirchenglocken.“ Und bei diesem Gedanken überkam ihn ein Gefühl der Sicherheit: obgleich er sich jetzt in einer ganz andern Welt befand, war ihm, als könne er sich nicht vollständig verirren, so lange diese gewaltigen Stimmen noch imstande wären, ihn zurückzurufen.

Die Wildgänse waren nun schon eine gute Weile über Sörmland hingeflogen, als der Junge plötzlich einen schwarzen Punkt entdeckte, der sich drunten auf der Erde unter ihnen hinbewegte. Zuerst glaubte er, es sei ein Hund, und er hätte nicht weiter darüber nachgedacht, wenn das Tier nicht mit den Wildgänsen über ihm gleichen Schritt zu halten versucht hätte. Es stürmte durch das offne Land und durch die Gehölze hindurch, sprang über Gräben, setzte über Feldmäuerchen und ließ sich durch nichts aufhalten.

„Es sieht fast aus, als sei der Fuchs Smirre wieder unterwegs,“ sagte der Junge. „Aber wir werden ihn jedenfalls bald hinter uns gelassen haben.“

Gleich darauf flogen die Wildgänse so rasch, wie es ihnen nur möglich war, und hielten nicht an, solange der Fuchs noch in Sicht war. Erst als dieser sie nicht mehr sehen konnte, wendeten sie um und flogen nun in einem großen Bogen in südwestlicher Richtung, fast als wollten sie nach Ostgötland zurückkehren. „Es muß doch Smirre gewesen sein,“ dachte der Junge, „da Mutter Akka hier abbiegt und einen andern Weg einschlägt.“

Als es Abend wurde, schwebten die Wildgänse über einem alten Rittergute in Sörmland, namens Groß-Djulö. Das große weiße Wohnhaus lag im Schutze eines prächtigen Laubholzparkes, und vor ihm breitete sich der große Djulösee aus mit seinen hervorspringenden Landzungen und hohen Ufern. Das Herrenhaus sah ehrwürdig und behaglich aus; der Junge konnte sich eines leisen Seufzers nicht enthalten, als die Wildgänse über das Gut hinflogen, und er dachte unwillkürlich, wie das wohl sein würde, wenn er nach vollendeter Tagereise, anstatt auf einem sumpfigen Moor oder einer eiskalten Eisscholle abgesetzt zu werden, in so ein einladendes Herrenhaus eintreten dürfte.

Aber von so etwas konnte natürlich keine Rede sein. Die Wildgänse ließen sich etwas nördlich von dem Herrenhofe auf einer überschwemmten Waldwiese nieder, wo nur da und dort ein Rasenhügel herausschaute. Dies war fast die schlechteste Nachtherberge, die der Junge auf der ganzen Reise bisher gehabt hatte.

Unschlüssig, was er tun sollte, blieb er noch eine Weile auf dem Rücken des Gänserichs sitzen. Plötzlich sprang er hinunter und eilte in großen Sätzen von einem Erdhügel zum andern, bis er festen Boden unter den Füßen hatte; dann lief er eilig in der Richtung, wo der Hof lag, weiter.

Zufälligerweise saßen an diesem Abend in einer Kätnerhütte, die zu dem Gute Groß-Djulö gehörte, ein paar Leute um die offene Feuerstelle in eifriger Unterhaltung beieinander. Sie hatten über die Predigt gesprochen, über die Frühjahrsarbeit und über die Wetteraussichten; aber als die Unterhaltung etwas ins Stocken kam, baten sie eine alte Frau, die Mutter des Kätners, ihnen eine Gespenstergeschichte zu erzählen.

Es ist ja wohl bekannt, daß es im ganzen Reiche nirgends so viele Herrenhöfe und nirgends so viele Spukgeschichten gibt wie gerade in Sörmland. Die alte Frau hatte in ihrer Jugend auf den großen Gütern gedient und wußte so viele seltsame Dinge, daß sie bis zum nächsten Morgen hätte erzählen können. Sie brachte ihre Geschichten auch überaus gut und glaubwürdig vor; wer ihr zuhörte, ganz einerlei wer es war, fühlte sich versucht, alles für reine Wahrheit zu halten. Und die Leute rückten voll Angst näher zueinander hin, so oft die Alte sich mitten in ihrer Erzählung unterbrach und fragte, ob die andern nicht auch ein Geräusch gehört hätten.

„Wie merkwürdig, daß ihr es nicht hört!“ sagte sie dann. „Irgend etwas schleicht hier herum.“ Aber die andern wollten durchaus nichts gehört haben.

Nachdem die Alte schon allerlei Geschichten von Eriksberg, Vibyholm, Julita, Lagmansö und noch von verschiedenen andern Orten erzählt hatte, fragte einer, ob denn auf Groß-Djulö nie so etwas Merkwürdiges passiert sei.

„O doch,“ sagte die Alte, „von da erzählt man sich auch allerlei.“

Und nun wollten natürlich alle sogleich die Geschichten von ihrem eignen Gute hören.

Und die Frau erzählte, auf einem Hügel, nördlich von Groß-Djulö, da wo jetzt nur noch Wald sei, habe einst ein Schloß gestanden, vor dem sich ein herrlicher Garten ausbreitete. Dann sei einmal ein Mann, den man allgemein den Herrn Karl genannt und der zu jener Zeit ganz Sörmland regiert habe, auf das Schloß gekommen. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, sei er in den Garten hinausgegangen und habe in tiefe Gedanken versunken lange über den Groß-Djulöer See und dessen schöne Ufer hingeschaut. Aber während er so dastand und sich an dem, was er sah, erlabte und im stillen dachte, es gebe doch kein schöneres Land als Sörmland, hörte er plötzlich hinter sich jemand einen tiefen Seufzer ausstoßen. Rasch drehte er sich um, und da sah er einen alten tief über seinen Spaten gebeugten Tagelöhner.

„Hast du so traurig geseufzt?“ fragte Herr Karl. „Worüber hast du denn zu seufzen?“

„Ach, ich darf schon seufzen, wenn ich tagaus, tagein hier so schwer arbeiten muß,“ antwortete der Tagelöhner.

Aber Herr Karl war von heftiger Gemütsart, und er konnte es nicht leiden, wenn die Leute sich beklagten.

„Hast du sonst über nichts zu klagen?“ rief er. „Ich sage dir, ich wollte ganz zufrieden sein, wenn ich mein Lebenlang Sörmlands Boden umgraben dürfte!“

„Möge es dem gnädigen Herrn so gehen, wie Er sich wünscht!“ antwortete der Tagelöhner.

Aber später sagten die Leute, Herr Karl habe um dieses Ausspruchs willen nach seinem Tode keine Ruhe im Grabe gefunden, sondern müsse jede Nacht nach Groß-Djulö kommen und in seinem Garten graben.

„Ja, jetzt ist freilich kein Schloß und kein Garten mehr da,“ sagte die Alte mit Nachdruck. „Wo diese einst lagen, ist jetzt nur ein ganz gewöhnlicher Waldhügel. Aber schon mancher Wanderer, der in einer dunkeln Nacht durch den Wald ging, hat dort den Garten wieder erblickt.“

Hier hielt die Alte inne und schielte nach einem dunkeln Winkel in der Stube. „Hat sich nicht dort etwas gerührt?“ fragte sie.

„Ganz gewiß nicht, Mutter, erzähl nur weiter!“ sagte die Schwiegertochter. „Ich habe gestern dort in der Ecke ein großes Mauseloch entdeckt, hatte aber so viel andres zu tun, daß ich vergaß, es zuzustopfen. Erzähl nur weiter, ob jemand, den du kennst, den Garten gesehen hat.“

„Jawohl,“ fuhr die Alte fort, „und zwar mein eigner Vater. In einer schönen Sommernacht kam er durch den Wald daher; da sah er plötzlich neben sich eine hohe Gartenmauer, und über diese hinweg konnte er die herrlichsten Obstbäume wahrnehmen, die über und über mit Blüten und Früchten bedeckt waren und deren Zweige weit über die Mauer heraushingen. Mein Vater ging ganz leise weiter und wunderte sich, woher dieser Garten auf einmal gekommen sei. Da wurde hastig ein Tor in der Mauer aufgerissen, ein Gärtner trat heraus und fragte, ob Vater nicht seinen Garten sehen wolle. Der Mann hatte einen Spaten in der Hand und trug einen gewöhnlichen großen Gärtnerschurz, und Vater wollte dem Manne gerade folgen, als sein Blick zufällig auf dessen Gesicht fiel. In demselben Augenblick erkannte er die große Stirnlocke und den Knebelbart. Es war der leibhaftige Herr Karl, so wie ihn mein Vater auf den Bildern in den Herrenhöfen ringsum oft gesehen hatte, wo er …“

Hier wurde die Alte aufs neue unterbrochen; diesmal durch ein brennendes Scheit Holz, das so hell aufloderte, daß die Funken und Kohlen auf den Boden herausstoben. Alle dunkeln Ecken in der Stube wurden hell erleuchtet, und die alte Großmutter glaubte einen Schimmer von einem Wichtelmännchen zu sehen, das neben dem Mauseloch saß und ihrer Erzählung zuhörte, sich aber jetzt eilig davonmachte.

Die Schwiegertochter holte Schaufel und Kehrbesen, kehrte die Kohlen zusammen und setzte sich dann wieder nieder. „Jetzt kannst du weiter erzählen, Mutter,“ sagte sie.

Aber die Frau wollte nicht mehr. „Es ist genug für heute,“ sagte sie mit sonderbar erregter Stimme.

Die andern wollten noch mehr hören; aber die Schwiegertochter sah, daß die Alte ganz bleich geworden war und daß ihre Hände zitterten. „Nein, Mutter ist müde geworden und muß jetzt zu Bett gehen,“ sagte sie.

Nach einer Weile kehrte der Junge wieder in den Wald und zu den Wildgänsen zurück. Er kaute an einer Moorrübe, die er vor dem Keller der Kätnerhütte gefunden hatte. Das war ein herrliches Abendessen für ihn, und er war sehr befriedigt, weil er mehrere Stunden lang in der warmen Stube hatte sitzen dürfen. „Wenn ich jetzt nur auch ein ordentliches Nachtquartier finden könnte!“ dachte er.

Da fiel ihm ein, das beste wäre wohl, wenn er sich eine Schlafstelle auf einer prächtigen Tanne, die dicht am Wege stand, einrichten würde. Er schwang sich hinauf, flocht ein paar Zweiglein zusammen und hatte nun ein Bett, in dem er ausgezeichnet lag.

Er dachte noch eine Weile über das nach, was er in der Hütte gehört hatte; vor allem aber beschäftigten sich seine Gedanken mit diesem Herrn Karl, der im Djulöer Walde spuken sollte. Aber bald schlief er ein, und er hätte wohl ruhig bis zum nächsten Morgen geschlafen, wenn ihn nicht das Knirschen einer eisernen Gitterpforte, die gerade unter ihm aufgemacht wurde, geweckt hätte.

Der Junge ist im Nu wach, wischt sich den Schlaf aus den Augen und sieht sich um. Dicht neben ihm ist eine hohe Mauer, und über die Mauer schauen Obstbäume heraus, die sich unter der Last ihrer Früchte beugen.

Der Junge denkt zuerst nur: „Das ist doch merkwürdig! Es war doch kein Garten da, als ich einschlief.“ Aber nach ein paar Augenblicken kehrt ihm die Erinnerung zurück, und er weiß, was das für ein Garten ist.

Aber das Merkwürdigste an der Sache ist vielleicht doch, daß er sich gar nicht fürchtet, sondern ein unbeschreibliches Verlangen hat, in den Garten hineinzukommen. Auf der Tanne, wo er liegt, ist es dunkel und kalt, in dem Garten da unten aber ist es hell; die Rosen und das Obst auf den Bäumen sind wie von goldnem Sonnenschein überflutet. Wie herrlich wäre es für ihn, wenn er jetzt, nachdem er so lange Zeit in Regen und Kälte umhergezogen war, auch einmal ein wenig Sonnenwärme genießen dürfte! Und das Hineinkommen in den Garten scheint überdies mit gar keiner Schwierigkeit verbunden zu sein; dicht neben der Tanne ist eine Pforte in der hohen Mauer, und ein alter Gärtner hat eben die großen Gittertüren aufgemacht. Er steht jetzt an der Pforte und späht in den Wald hinein, ganz als ob er jemand erwartete.

In einem Nu ist der Junge von seinem Baum herunter. Die Mütze in der Hand tritt er auf den Gärtner zu, verbeugt sich und fragt, ob man den Garten wohl ansehen dürfe.

„Jawohl,“ antwortet der Gärtner mit barscher Stimme. „Tritt nur ein!“

Dann macht er die Türen wieder zu und verschließt sie mit einem schweren Schlüssel, den er vorne in seinen Gürtel steckt. Indessen betrachtet ihn der Junge genau. Der Mann hat ein bärbeißiges Gesicht, mit großem Schnurrbart und spitzigem Knebelbart und einer scharfen Nase. Wenn er nicht eine blaue Gärtnerschürze umgebunden und einen Spaten in der Hand gehalten hätte, würde der Junge ihn für einen alten Soldaten gehalten haben.

Der Gärtner geht mit langen Schritten in den Garten hinein, daß der Junge laufen muß, um Schritt mit ihm halten zu können. Der Weg ist sehr schmal, und der Junge tritt unversehens auf die Raseneinfassung. Aber da wird ihm sogleich eingeschärft, das Gras nicht niederzutreten, und von da an geht er nur noch hinter seinem Führer her.

Der Junge hat das Gefühl, der Gärtner halte es für weit unter seiner Würde, einem so kleinen Wicht wie diesem Jungen den Garten zu zeigen, deshalb wagt er gar nichts zu fragen, sondern läuft nur mit, und lange Zeit wirft ihm der Gärtner nur ab und zu eine Bemerkung hin. Gleich hinter der Mauer ist eine dichte Hecke, und während die beiden hindurchgehen, sagt der Gärtner, diese heiße er den Kolmården.

„Ja, sie ist so groß, daß sie so einen Namen wohl verdient,“ erwidert der Junge. Aber der Gärtner hört gar nicht auf das, was Nils Holgersson sagt.

Jetzt haben sie das Buschwerk hinter sich, und der Junge kann einen ansehnlichen Teil des Gartens überschauen. Da sieht er gleich, daß dieser keine besonders große Ausdehnung hat, er mag wohl kaum ein paar Morgen groß sein. Im Süden und Westen beschützt ihn die Mauer, aber gegen Norden und Osten ist er von Wasser umgeben, da braucht er keine Einfriedigung.

Jetzt bleibt der Gärtner stehen, um eine Ranke aufzubinden, und der Junge hat Zeit, sich umzusehen. Er hat zwar in seinem Leben noch nicht viele Gärten gesehen, aber er hat das Gefühl, daß dieser hier ganz anders sei, als jeder andre Garten. Darüber ist er keinen Augenblick im Zweifel, daß er in ganz altmodischer Weise angelegt sein muß, denn eine so überwältigende Menge von kleinen Hügeln und kleinen Blumenbeeten und kleinen Hecken und kleinen Rasenflecken und kleinen Gartenhäuschen sieht man jetzt nirgends mehr. Und ebensowenig einen solchen Durcheinander von kleinen Teichen und gewundenen Kanälen, wie hier auf allen Seiten zu sehen sind.

Überall stehen herrliche Bäume und liebliche Blumen, und in den kleinen Kanälen ist durchsichtig klares, tiefgrünes Wasser, in dem sich alles ringsum widerspiegelt. Dem Jungen kommt es vor, als sei dies das Paradies. Er schlägt vor Entzücken die Hände zusammen und ruft: „So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen! Was ist doch das für ein wunderschöner Garten?“

Kaum hat der Junge diesen Ausruf getan, da wendet sich der Gärtner rasch nach ihm um und sagt mit seiner barschen Stimme: „Der Garten heißt Sörmland. Wer bist du denn, daß du das nicht weißt? Er hat von jeher für einen der schönsten Gärten im ganzen Lande gegolten.“

Bei dieser Antwort wird es dem Jungen wohl ein wenig wunderlich zumute; aber er hat so viel zu sehen, daß er gar keine Zeit hat, weiter über den Sinn dieses Ausspruchs nachzudenken. Aber so schön alle die vielen Blumen und die durch die Rasenflächen sich hinschlängelnden Kanäle auch sind, so macht dem Jungen doch etwas andres noch viel mehr Spaß, nämlich die vielen kleinen Lauben und Puppenhäuschen, die überall durch die Bäume hindurchschimmern. Sie sind im ganzen Garten verstreut, aber die meisten stehen doch am Rande der kleinen Teiche und der Kanäle. Es sind jedoch gar keine richtigen Häuser, denn sie sind so klein, wie wenn sie für Leute gebaut wären, die nicht größer sind als der Junge selbst; aber alle sind außerordentlich hübsch und fein ausgestattet. Und alle Arten von Gebäuden sind vertreten: die einen sehen aus wie Schlösser mit Türmen und Seitenflügeln, andre wie Kirchen und wieder andre wie Mühlen und Bauernhäuser.

Ja, alle sind außerordentlich hübsch, und der Junge hätte am liebsten bei jedem einzelnen Gebäude Halt gemacht, um es genau zu betrachten, aber er wagt nicht, vom Pfad abzuweichen, sondern geht nur immer hinter dem Gärtner her. Bald erreichen sie ein Gebäude, das größer und stattlicher ist als alle vorhergehenden. Es ist ein dreistöckiges Schloß mit großem Portal und breiten Seitenflügeln, das auf einem Hügel mitten zwischen Blumenbeeten steht, und der Weg dahin führt auf kleinen zierlichen Brücken über einen Kanal nach dem andern.

Der Junge folgt dem Gärtner noch immer gewissenhaft dicht auf den Fersen, er wagt nicht, etwas andres zu tun; aber als er an all dem Schönen vorübergehen muß, entschlüpft ihm ein tiefer Seufzer, den der gestrenge Herr nicht überhören kann. Er bleibt stehen und sagt: „Dieses Gebäude hier heißt Eriksberg. Wenn du hineingehen willst, habe ich nichts dagegen; aber hüte dich vor der Pintorpafrau.“

Wer sich das nicht zweimal sagen läßt, das ist der Junge. Er läuft die Allee hinunter. Alles scheint genau für so einen kleinen Kerl, wie er ist, ausgemessen zu sein. Die Treppenstufen haben die richtige Höhe, und er kann jede Türklinke aufmachen. Aber nie hätte er gedacht, daß er je so etwas Schönes zu sehen bekäme! Die eichenen Fußböden sind glänzend gebohnt, die Zimmerdecken gegipst und reich bemalt. An den Wänden hängt Bild an Bild, die mit Seidenstoff überzogenen Sofas und Sessel haben vergoldete Lehnen. Er kommt in ein Zimmer, wo die Wände über und über mit Büchern bedeckt sind, und wieder in Gemächer, wo auf den Tischen und in den Schränken herrliche Kostbarkeiten liegen. Der Junge beeilt sich soviel wie möglich, aber er ist eben doch erst durch das halbe Haus gegangen, als der Gärtner ihn auch schon ruft, und als er heraustritt, steht der Alte davor und kaut ungeduldig an seinem Schnurrbart.

„Nun, wie ist es dir ergangen?“ fragt er. „Hast du die Pintorpafrau gesehen?“

Aber der Junge ist keiner lebenden Seele begegnet, und als er dies sagt, verzerrt sich das Gesicht des Gärtners wie in großem Schmerz.

„Hat die Pintorpafrau Ruhe gefunden und ich nicht!“ sagt er; und der Junge hätte nie geglaubt, daß eine Menschenstimme je solche Verzweiflung ausdrücken könnte.

Dann geht der Gärtner wieder mit langen Schritten weiter, und der Junge läuft hinter ihm her, während er versucht, wenigstens soviel wie möglich von allen den Merkwürdigkeiten zu sehen. Jetzt geht es um einen Teich herum, der etwas größer ist als die andern. Lange weiße Lusthäuschen, die Herrschaftssitzen gleichen, schimmern überall zwischen den Gebüschen und Blumengruppen hervor. Der Gärtner hält nirgends an, aber im Weitergehen richtet er ab und zu ein paar Worte an den Jungen. „Dies hier nenne ich den Yngaren. Dies ist Danbyholm. Hier hast du Hagbyberga. Hier Hovsta. Und hier Åkerö.“

Kurz darauf erreicht der Gärtner mit ein paar Riesenschritten einen kleinen Teich, den er Båven heißt. Aber hier hört er den Jungen einen Ruf des Erstaunens ausstoßen, und so bleibt er stehen. Der Junge hat vor einer kleinen Brücke Halt gemacht, die zu einem Schloß führt, das mitten auf dem Teich liegt.

„Wenn du Lust hast, dann kannst du hinüberlaufen und dir Vibyholm ansehen,“ sagt er. „Aber nimm dich vor der Weißen Frau in acht.“

Und der Junge ist natürlich nicht faul, der Aufforderung Folge zu leisten. In dem Schloß hängen ungeheuer viele Bildnisse an den Wänden, und dem Jungen ist es fast, als sähe er ein großes Bilderbuch vor sich. Er findet es so unterhaltend, daß er gern die ganze Nacht hier umhergegangen wäre; aber es war noch nicht viel Zeit verstrichen, da hört er schon wieder die Stimme des Gärtners, die ihn ruft.

„Komm, komm!“ ruft er. „Ich habe noch andres zu tun, als hier auf dich zu warten, du kleiner Knirps.“

Als der Junge wieder über die Brücke zurückeilt, ruft ihm der Gärtner zu: „Nun, wie ist es dir ergangen? Hast du die Weiße Frau gesehen?“

Der Junge hat keine lebende Seele gesehen und sagt dies auch dem Gärtner. Da stößt der Alte seinen Spaten so hart auf einen Stein auf, daß der Stein zerspringt, und mit einer Stimme, die die allertiefste Verzweiflung ausdrückt, ruft er: „Hat die Weiße Frau auf Vibyholm Ruhe gefunden und ich nicht?“

Bis jetzt sind die beiden in dem südlichen Teil des Gartens umhergewandert; jetzt wendet sich der Gärtner dem westlichen Teile zu. Dieser ist ganz anders angelegt. Große ebene Rasenflächen wechseln mit Erdbeerbeeten, Kohlfelder mit Stachel- und Johannisbeerbüschen ab. Auch hier sind kleine Gartenhäuschen, aber die meisten sind rot angestrichen; sie sehen aus wie Bauernhäuser und sind von Hopfengärten und Kirschbäumen umgeben.

Hier hält sich der Gärtner nicht auf; nur im Vorbeigehen sagt er zu dem Jungen: „Diese Gegend hier heiße ich Vingåker.“

Gleich darauf deutet er auf ein Gebäude, das viel einfacher aussieht als die übrigen und am ehesten mit einer Schmiede verglichen werden könnte. „Dies ist eine große Werkstatt,“ sagt er. „Ich nenne sie Eskilstuna. Wenn du Lust hast, kannst du hineingehen und dich darin umsehen.“

Der Junge geht hinein; sieht aber zuerst nichts als eine ungeheure Menge von Rädern, die schnurren, von Hämmern, die stampfen, und Winden, die knirschen. Es ist hier so viel zu sehen, daß er wohl die ganze Nacht dageblieben wäre, wenn ihn der Gärtner nicht gerufen hätte.

Hierauf wandern sie miteinander im nördlichen Teil des Gartens dem See entlang. Das Ufer tritt bald zurück, ragt bald ins Wasser hinein, Landzungen und Buchten, Buchten und Landzungen wechseln miteinander ab. Vor den Landzungen liegen kleine Inseln, die nur durch schmale Wasserarme vom Lande getrennt sind. Diese Inselchen gehören auch noch zum Garten. Sie sind mit derselben Sorgfalt angelegt wie alles übrige.

Der Junge kommt an einem schönen Gebäude nach dem andern vorüber, aber der Gärtner hält nirgends an. Jetzt gelangen sie an eine prächtige rote Kirche, die von schwerbeladenen Obstbäumen umgeben auf einer Landzunge liegt und sich da ganz großartig ausnimmt. Der Gärtner will auch hier nur vorübergehen, aber der Junge faßt sich ein Herz und fragt, ob er nicht hineingehen dürfe.

„Ja, ja, geh nur hinein,“ antwortet der Gärtner. „Aber hüte dich vor dem Bischof Rogge. Es ist wohl möglich, daß er sich bis zum heutigen Tage hier in Strängnäs aufhält.“

Rasch läuft der Junge in die Kirche hinein und sieht da schöne Grabdenkmäler und Altarbilder. Vor allem bewundert er in einer Kapelle neben der Vorhalle einen Reiter in vergoldeter Rüstung. Auch hier ist so viel zu sehen, daß der Junge gern die ganze Nacht hier zugebracht hätte; aber er muß wieder hinaus, denn er darf den Gärtner nicht auf sich warten lassen.

Als er wieder herauskommt, sieht er, daß der Gärtner eine Eule beobachtet, die hinter einem Rotschwänzchen herjagt. Der Alte pfeift dem Rotschwänzchen; es fliegt herbei und läßt sich vertrauensvoll auf der Schulter des Gärtners nieder, und als die Eule in ihrem Jagdeifer hinter ihm dreinfliegt, jagt er sie mit seinem Spaten fort.

„Er ist doch nicht so gefährlich, wie er aussieht,“ denkt der Junge, als er sieht, wie zärtlich der Alte den armen Singvogel beschützt.

Aber sobald der Gärtner den Jungen erblickt, wendet er sich zu ihm und fragt, ob er den Bischof Rogge gesehen habe. Und als der Junge es verneint, sagt er in bitterem Gram: „Hat der Bischof Ruhe bekommen und ich nicht?“

Bald erreichen sie das stattlichste von den vielen Puppenhäusern. Es ist eine aus Backsteinen aufgeführte Burg mit drei massiven runden, durch lange Flügel verbundenen Türmen.

„Geh hinein und sieh dich um, wenn du Lust hast!“ sagt der Gärtner. „Dies ist Gripsholm, und hier mußt du dich in acht nehmen, daß du dem König Erich nicht begegnest.“

Der Junge geht durch ein tiefes Torgewölbe und gelangt auf einen großen dreieckigen, von niedrigen Häusern umgebenen Hof. Die Häuser sehen nicht besonders vornehm aus, und der Junge hat keine Lust, hineinzugehen. Er springt nur Bock über zwei lange Kanonen, die hier aufgepflanzt sind, und eilt dann weiter. Nun geht es durch ein zweites tiefes Torgewölbe, und dann gelangt er in einen zweiten Schloßhof, der von prächtigen Gebäuden umgeben ist; hier geht er hinein. Er durchschreitet zuerst große altertümliche Zimmer, wo an den Decken die Querbalken sichtbar sind und an allen Wänden große dunkle Bilder hängen, auf denen ernst aussehende Herren und Damen in seltsamen steifen Gewändern abgebildet sind.

Eine Treppe höher kommt der Junge durch hellere und freundlichere Gemächer. Hier fühlt er so recht deutlich, daß er sich in einem königlichen Schloß befindet, denn an den Wänden sind lauter glänzende Bildnisse von Königen und Königinnen. Noch eine Treppe höher ist ein großer Bodenraum, auf den ringsherum die verschiedenartigsten Räume münden: die einen sind freundliche Zimmer mit schönen weißen Möbeln, dann kommt ein kleines Theater, und gleich daneben ist ein richtiges Gefängnis, ein düsterer Raum mit nackten, steinernen Wänden, vergitterten Fenstern und einem Boden, dessen Fliesen von den schweren Tritten der Gefangenen ausgetreten sind.

Hier ist so viel zu sehen, daß der Junge gern viele Tage lang da verweilt hätte; aber der Gärtner ruft ihn, und er wagt es nicht, den Ruf zu überhören.

„Hast du König Erich gesehen?“ fragt der Gärtner, als der Junge aus dem Schlosse heraustritt. Aber der Junge hat niemand gesehen, und da sagt der Alte wieder wie zuvor, nur mit noch größerer Verzweiflung im Ton: „Hat König Erich zur Ruhe gehen dürfen, ich aber nicht!“

Jetzt richten die beiden ihre Schritte nach dem östlichen Teil des Gartens. Sie kommen an einem Badeort vorüber, den der Gärtner Södertelje nennt, sowie an einem alten Schloß, dem er den Namen Hörningsholm gibt. Hier ist übrigens nicht viel zu sehen. Überall ragen Felsen und Klippen auf, die immer einsamer und kahler werden, je weiter draußen sie liegen.

Jetzt wenden sie sich nach Süden, und der Junge erkennt die Hecke wieder, die der Gärtner Kolmården nannte, und daran errät er, daß sie sich dem Ausgange nähern.

Der Junge ist hocherfreut über alles, was er gesehen hat, und als sie nun schon nahe bei dem großen Gittertor sind, versucht er dem Gärtner seinen Dank auszusprechen. Aber der Alte hört gar nicht auf ihn, sondern geht nur geradenwegs auf das Tor zu. Hier angekommen wendet er sich an den Jungen und reicht ihm seinen Spaten. „Da, halte ihn, während ich das Tor aufschließe,“ sagt er zu dem Jungen.

Diesem aber ist es ohnedies leid, daß er dem barschen alten Mann schon so viel Mühe gemacht hat, und er will ihm daher jede weitere Anstrengung ersparen.

„Meinetwegen braucht Ihr das schwere Tor gar nicht aufzumachen,“ sagt er und schlüpft gleichzeitig zwischen den Gitterstäben hindurch; für so einen kleinen Knirps hatte das natürlich nicht die geringste Schwierigkeit.

Der Junge tut es in der besten Absicht und ist höchst bestürzt, als er hört, daß der Gärtner hinter ihm in heftigen Zorn ausbricht, auf den Boden stampft und an dem Gitter rüttelt.

„Was ist denn? Was ist denn?“ fragt der Junge bestürzt. „Ich wollte Euch ja nur die Mühe ersparen. Warum seid Ihr denn so böse?“

„Sollte ich etwa nicht böse sein?“ entgegnet der Alte. „Es wäre nichts weiter nötig gewesen, als daß du meinen Spaten genommen hättest, dann hättest du hierbleiben und den Garten besorgen müssen, während ich abgelöst gewesen wäre. Jetzt weiß ich nicht, wie lange ich noch hier ausharren muß.“

Bei diesen Worten rüttelt der Gärtner wieder heftig an dem Gittertor und sieht schrecklich zornig aus; aber dem Jungen tut er unwillkürlich von Herzen leid und er versucht ihn zu trösten.

„Seid doch nicht so betrübt darüber, Herr Karl von Södermanland,“ sagt er. „Denn es findet sich gewiß niemand, der Euren Garten so gut pflegen würde, wie Ihr es tut.“

Als der Junge das sagt, wird der alte Gärtner ganz still und ruhig, und der Junge meint einen hellen Schein über die harten Züge hingleiten zu sehen. Aber er kann es nicht deutlich sehen, denn plötzlich verblaßt die ganze Gestalt und verschwindet wie im Nebel. Und nicht nur die Gestalt, nein, auch der ganze Garten mit allen Blumen und Früchten und dem Sonnenschein verbleicht und verschwindet, und wo er gestanden hat, ist nichts andres mehr als der öde, wilde Wald.

24
In Närke

Die Ysätter-Kajsa

In Närke gab es in früheren Zeiten etwas, was es anderswo gar nicht gab, nämlich eine Hexe, die die Ysätter-Kajsa hieß.

Den Namen Kajsa hatte sie bekommen, weil sie soviel mit Sturm und Wind zu tun hatte, und solche Wetterhexen werden immer so genannt; der Beinamen aber war ihr gegeben worden, weil es hieß, sie stamme aus dem Ysätter Sumpf im Kirchspiel Asker.

Es hatte allerdings den Anschein, als habe sie ihre eigentliche Heimat in Asker, aber man sah sie auch häufig an andern Orten. In ganz Närke mußte man stets darauf gefaßt sein, sie vor sich auftauchen zu sehen.

Sie war aber keine traurige oder unheimliche Hexe, sondern munter und lustig, und am allerwohlsten war es ihr, wenn ein richtiger Sausewind daherfegte. Sobald es tüchtig stürmte, machte sie sich auf, um auf der Ebene von Närke einen ordentlichen Reigen zu tanzen.

Der Närker Bezirk ist eigentlich bloß eine einzige Ebene, die von allen Seiten von waldigen Höhen umgeben ist. Nur im nordöstlichsten Winkel durchbricht der Hjälmar die lange Gebirgsmauer.

Wenn nun der Wind am Morgen draußen auf der Ostsee ordentlich Kräfte gesammelt hat und sich ins Land hinein auf den Weg macht, fährt er ungehindert zwischen den Sörmländer Hügeln hindurch und gelangt ohne jegliche Schwierigkeit dort am Hjälmar nach Närke hinein. Hier fegt er quer über die Ebene hin; aber gerade gegenüber stößt er im Westen auf die hohe Kilsberger Felsenwand und wird von dieser zurückgeworfen. Da krümmt sich der Wind wie eine Schlange und jagt gegen Süden. Aber hier trifft er auf den Tived und bekommt einen Stoß, der ihn nach Osten schleudert. Im Osten jedoch liegt der Tylöwald, und dieser schickt den Wind nordwärts zu dem Kägla. Und von dem Kägla jagt der Wind aufs neue gegen Kilsberg, Tived und den Tylöwald.

So geht es fort: der Wind dreht und dreht sich in immer kleineren Kreisen, bis er sich schließlich wie ein Kreisel mitten auf der Ebene um sich selbst dreht. Aber an solchen Tagen, wenn der Wirbelwind über die Ebene hinfuhr, da war die Ysätter-Kajsa so recht vergnügt. Dann stand sie mitten drin im Wirbel und drehte sich selbst wie ein Kreisel. Ihr langes Haar flatterte bis hinauf zu den Wolken, ihr Gewand schleifte über den Boden hin wie eine Staubwolke, und die ganze Ebene breitete sich unter ihr aus wie ein Tanzboden.

Morgens saß die Ysätter-Kajsa meist auf einer hohen Tanne am Bergabhang und schaute über die Ebene hin. Zur Winterzeit, wenn es tüchtig geschneit hatte, kamen viele Schlitten dahergefahren. Und sobald Kajsa die Schlitten sah, trieb sie eiligst ein ordentliches Schneegestöber daher und fegte so hohe Schneewehen zusammen, daß die Leute nur mit Mühe und Not wieder nach Hause kommen konnten. Bei schönem Sommerwetter aber, zur Zeit der Heuernte, saß die Ysätter-Kajsa ganz still auf ihrem Baum, bis die ersten Heuwagen hoch beladen zur Abfahrt bereit waren. Dann aber hui! sauste sie mit ein paar Platzregen daher, die der Arbeit für diesen Tag ein Ende machten.

Soviel war sicher, daß sie selten an etwas andres dachte, als Unheil anzurichten. Die Kohlenbrenner droben in den Kilsbergen wagten die ganze Nacht kaum ein Auge zu schließen; denn sobald Kajsa einen unbewachten Meiler sah, kam sie leise herbeigeschlichen und blies hinein, bis die hellen Flammen herausschlugen. Und wenn die Fuhrleute von Laxå und Svartå einmal noch spät abends mit Erzlasten unterwegs waren, hüllte Kajsa den Weg und die ganze Gegend in so dichten Nebel, daß Menschen und Pferde sich verirrten und mit den schweren Karren in Moore und Sümpfe hineingerieten.

Wenn die Pröpstin von Glanshammar an einem schönen Sommertage den Kaffeetisch draußen im Garten gedeckt hatte, und dann ein Windstoß daherkam, der die Decke aufwirbelte und Tassen und Teller umwarf, da wußte man schon, wem man diesen Spaß zu verdanken hatte. Wenn dem Bürgermeister von Örebro der Hut vom Kopf geweht wurde und er ihm über den ganzen Marktplatz nachlaufen mußte, wenn die Leute von Vinö mit ihren Gemüsebooten im Hjälmar auf den Grund fuhren, wenn zum Trocknen aufgehängte Wäsche heruntergerissen und in den Schmutz geworfen wurde, wenn am Abend der Rauch in die Stuben hineindrang und es aussah, als könne er den Weg durch den Schornstein gar nicht finden, dann herrschte keine Spur von Zweifel darüber, wer sich auf diese Weise die Zeit vertrieb.

Aber wenn auch die Ysätter-Kajsa ihre Lust an lauter solchem Schabernack hatte, war sie doch im Grunde ihres Herzens nicht eigentlich boshaft. Man merkte wohl, daß sie mit den Händelsüchtigen, den Geizigen und den Hartherzigen am schlimmsten verfuhr, die guten Leute dagegen und die armen Kinder nahm sie sehr oft in Schutz. Und alte Leute erzählen auch heute noch, die Ysätter-Kajsa sei, als in Asker die Kirche brannte, mitten in den Rauch und die hohen Flammen hineingefahren und habe die Gefahr abgewendet.

Immerhin waren die Leute in Närke der Wetterhexe oft recht überdrüssig, sie jedoch, die Ysätter-Kajsa, war ihrer tollen Streiche nie überdrüssig. Wenn sie droben auf dem Rande einer Wolke saß und auf Närke hinabschaute, das so freundlich und wohlhabend dalag, mit seinen stattlichen Bauernhöfen auf der Ebene und seinen reichen Erzgruben und Bergwerken in dem Gebirge, mit dem langsam dahinfließenden Svartå, den seichten fischreichen Binnenseen, der guten Stadt Örebro, die sich rings um das ernstaufragende Schloß mit den massiven Ecktürmen ausbreitete, dann dachte sie gewiß: „Hier hätten es die Menschen sicherlich allzugut, wenn ich nicht da wäre. Hier muß jemand sein wie ich, der sie aufrüttelt und in Atem erhält.“

Dann stieß sie ein wildes, gellendes Gelächter aus, das klang wie das Schreien einer Elster, und jagte davon, tanzend und wirbelnd von einem Ende der Ebene zum andern. Und wenn die Bewohner von Närke sahen, wie sie ihre Staubschleppe über die Ebene hinzog, konnten sie ein Lächeln nicht unterdrücken. Denn unartig und neckisch war sie, das konnte nicht geleugnet werden, aber sie hatte auch einen herrlichen Humor. Der Umgang mit der Ysätter-Kajsa war für die Bauern ebenso belebend, wie der Sturmwind für die Ebene, wenn er so recht toll darüber hinfegte.

Heutigentages wird nun behauptet, die Ysätter-Kajsa sei längst tot und begraben, wie alles andre Hexen- und Zaubervolk auch. Aber das kann man fast nicht glauben. Das wäre gerade, wie wenn jemand daherkäme und behaupten wollte, die Luft werde von jetzt an über der Ebene ganz still stehen und der Sturm werde nie mehr mit Saus und Braus und frischem Wind und gewaltigem Platzregen darüber hinwirbeln.

Ja, wer da meint, die Ysätter-Kajsa sei tot und begraben, der soll nur hören, wie es in jenem Jahr in Närke ging, wo Nils Holgersson durch diese Gegend zog, und dann soll er selbst sagen, was er darüber denkt.

Der Jahrmarktsabend

Mittwoch, 27. April

Es war am Tag vor dem großen Viehmarkt in Örebro, und es goß so vom Himmel herunter, daß man draußen nichts mehr voneinander unterscheiden konnte. Das war ein Regen gerade wie die Sündflut. Der Himmel schien alle seine Schleusen geöffnet zu haben, und gar mancher dachte im stillen: „Dies ist ganz wie zur Zeit der Ysätter-Kajsa. Gerade an den Jahrmärkten, da trieb sie den tollsten Schabernack. So ein Regenwetter am Vorabend des Jahrmarktes, das hätte ihr gepaßt.“

Je weiter der Abend vorrückte, desto schlimmer wurde der Regen. Als die Dunkelheit einbrach, ging ein wahrer Wolkenbruch nieder, die Wege wurden ganz grundlos, und den Leuten, die mit ihrem Vieh unterwegs waren, um bei guter Zeit nach Örebro zu kommen, ging es schlecht. Die Kühe und Ochsen waren übermüdet und sträubten sich, weiterzugehen, mehrere von den armen Tieren warfen sich mitten auf der Landstraße zu Boden, um zu zeigen, daß sie nicht mehr weiter könnten. Alle die Leute, die am Wege wohnten, mußten den Jahrmarktbesuchern Tür und Tor öffnen und sie so gut es eben ging für die Nacht aufnehmen. Alles war überfüllt, nicht nur die Wohnhäuser, nein, auch die Ställe und Scheunen.

Wer nur immer konnte, versuchte indes sich bis zum Wirtshaus durchzukämpfen; aber wer es erreicht hatte, bereute fast, nicht in einem der Häuser an der Straße geblieben zu sein, denn alle Stände in den Kuhställen und alle Krippen im Pferdestall waren längst besetzt. Die armen Leute hatten keine Wahl, sie mußten ihre Pferde und Kühe unter freiem Himmel im Regen stehen lassen, ja, ihre Besitzer selbst konnten nur mit Mühe und Not unter Dach und Fach kommen.

Auf dem Hofplatz war ein Gedränge, ein Schmutz und eine Nässe, die man gar nicht beschreiben konnte. Viele von den Tieren standen geradezu im Wasser und konnten sich nicht einmal niederlegen. Manchen von den Bauern gelang es allerdings, Stroh für ihr Vieh zu ergattern, da konnten sich die armen Tiere wenigstens niederlegen, und man konnte sie notdürftig zudecken; andre aber saßen drin im Wirtshaus, tranken und spielten und vergaßen darüber ihr Vieh, für das sie sorgen sollten, vollständig.

Nils Holgersson und die Wildgänse hatten an diesem Abend einen Holm im Hjälmar erreicht. Die kleine Insel war nur durch einen schmalen, seichten Wasserarm vom Lande getrennt; bei niedrigem Wasserstand konnte man trockenen Fußes hinüberkommen.

Auf dem Holm draußen regnete es ebenso heftig wie sonst überall auch. Der Junge konnte bei dem Regen, der unaufhörlich auf ihn herabfiel, nicht einschlafen. Schließlich stand er auf und wanderte auf der Insel umher. Er meinte, er fühle den Regen weniger, wenn er sich bewegte.

Kaum war er rings auf der Insel herumgegangen, als er in dem Wasser, das den Holm vom Festland trennte, ein Plätschern hörte, und schon im nächsten Augenblick sah er ein einzelnes Pferd zwischen den Büschen daherkommen. Es war eine alte Mähre, ein so elendes, kraftloses Pferd, wie Nils Holgersson noch nie eines gesehen hatte. Es war lendenlahm und steifbeinig und entsetzlich mager, man konnte alle Rippen unter der Haut zählen. Es trug weder Sattel noch Zaumzeug, nur eine alte Halfter, von der ein halbverfaultes Strickende herunterhing. Offenbar hatte ihm das Losreißen keinerlei Schwierigkeiten bereitet.

Das Pferd ging geradenwegs auf die Stelle zu, wo die Wildgänse schliefen, und der Junge bekam Angst, es könnte sie treten. „Wohin willst du? Nimm dich in acht!“ rief er dem Pferde zu.

„Ach so, da bist du,“ sagte das Pferd und kam auf den Jungen zu. „Ich bin eine ganze Meile weit gegangen, dich zu finden.“

„Weißt du denn etwas von mir?“ fragte der Junge verwundert.

„Ich habe ja wohl Ohren zum Hören, wenn ich auch alt bin. Es wird gegenwärtig viel von dir gesprochen.“

Während es dies sagte, senkte das Pferd den Kopf, um besser sehen zu können, und Nils Holgersson bemerkte, daß es einen kleinen Kopf mit schönen Augen und einem feinen, weichen Maule hatte.

„Das ist einstmals ein gutes Pferd gewesen, wenn es auch auf seine alten Tage heruntergekommen ist,“ dachte der Junge.

„Ich möchte dich bitten, mit mir zu gehen und mir in einer Sache beizustehen,“ sagte das Pferd.

Der Junge dachte, es wäre wohl eine gewagte Sache, mit so einem elenden Geschöpf fortzugehen, und entschuldigte sich mit dem schlechten Wetter.

Doch das Pferd sagte: „Auf meinem Rücken hast du es nicht schlechter, als wenn du hier liegst. Aber du hast vielleicht den Mut nicht, mit so einer alten Schindmähre, wie ich eine bin, wegzugehen.“

„O doch, dazu habe ich schon den Mut,“ sagte der Junge.

„Dann wecke jetzt die Gänse, damit wir mit ihnen ausmachen, wo sie dich morgen wieder abholen werden,“ sagte das Pferd.

Kurz darauf saß Nils Holgersson auf dem Rücken des Pferdes, das viel besser trabte, als der Junge gedacht hatte; aber es war doch ein weiter Ritt durch Nacht und Regen, bis sie endlich vor einer großen Herberge Halt machten. Hier sah es schrecklich unheimlich aus. Die Wagengeleise auf der Straße waren übermäßig tief; der Junge war überzeugt, er würde ertrinken, wenn er da hineinfiele. An dem Lattenzaun, der das Gehöft rings umgab, waren ungefähr dreißig bis vierzig Pferde und Kühe angebunden; ohne jeglichen Schutz gegen den Regen standen sie da, und innen im Hofraum sah Nils Holgersson Karren mit hohen Kisten, in denen Schafe und Kälber, Schweine und Hühner untergebracht waren.

Das Pferd stellte sich an dem Lattenzaun auf. Der Junge saß noch auf seinem Rücken, und mit seinen guten Nachtaugen, die er seit seiner Verzauberung hatte, sah er ganz deutlich, wie schlecht es die armen Tiere hier hatten.

„Wie kommt es nur, daß ihr hier außen im Regen steht?“ fragte er.

„Wir sind auf dem Wege nach dem Jahrmarkt in Örebro, aber des Regens wegen mußten wir hier haltmachen. Dies ist zwar eine Herberge, es sind jedoch so viele Reisende angekommen, daß wir keinen Platz mehr im Hause fanden.“

Der Junge erwiderte nichts; schweigend schaute er sich um. Nicht viele von den Tieren schliefen, von allen Seiten ertönten Klagen und lautes Murren. Und die armen Geschöpfe hatten allen Grund zum Jammern, denn das Wetter war jetzt noch schlimmer als am Tage. Ein eiskalter Wind hatte sich erhoben, und der scharfe peitschende Regen war jetzt mit Schnee vermischt. Da war es nicht schwer zu erraten, welche Hilfe das Pferd von dem Jungen verlangte.

„Siehst du dort den großen Bauernhof, der dem Wirtshause gerade gegenüber liegt?“ fragte das Pferd.

„Jawohl,“ sagte der Junge, „ich sehe ihn, und ich begreife nicht, warum ihr nicht dort um Obdach gebeten habt. Ist dort auch schon alles voll?“

„Nein, es sind keine fremden Tiere dort,“ antwortete das Pferd. „Aber die Besitzer dieses Hofes sind so geizig und ungefällig, daß es gar nichts nützen könnte, wenn man sie um ein Obdach bitten würde.“

„Ach, so hängt es also zusammen! Ja, dann müßt ihr freilich bleiben, wo ihr seid.“

„Aber ich bin auf dem Hofe drüben geboren und aufgewachsen,“ sagte das Pferd, „und ich weiß, daß dort ein großer Pferdestall und auch ein Kuhstall ist mit vielen Krippen und Ständen, und ich möchte wissen, ob du uns nicht den Eintritt dazu verschaffen könntest.“

„Ach nein, dazu habe ich sicher den Mut nicht,“ erwiderte der Junge. Aber die armen Tiere taten ihm schrecklich leid, und so entschloß er sich, es jedenfalls einmal zu versuchen.

Er lief hinüber auf den fremden Hof und sah da gleich, daß alle Wirtschaftsgebäude verschlossen und alle Schlüssel abgezogen waren. Ratlos und hilflos stand er da, doch da wurde ihm von einer ganz unerwarteten Seite Hilfe zuteil. Mit gewaltigem Sausen kam plötzlich eine Windsbraut dahergefahren und riß eine große Scheunentür auf, vor der der Junge eben Halt gemacht hatte.

Natürlich kehrte der Junge mit größter Eile zu dem Pferde zurück und sagte: „Ihr könnt zwar nicht in die Ställe hinein, aber eine große leere Scheune ist zu schließen vergessen worden, und dahin will ich euch führen.“

„Dafür sollst du schön bedankt sein,“ sagte das Pferd. „Es wird mir gut tun, wenn ich noch einmal in meiner alten Heimat schlafen darf. Dies ist die einzige Freude, die mir in meinem Leben noch zuteil werden kann.“

Auf dem reichen Bauernhofe, der dem Wirtshaus gerade gegenüber lag, waren indes die Bewohner an diesem Abend viel länger als gewöhnlich aufgeblieben.

Der Bauer war ein Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren. Er war groß und schlank und hatte ein schönes, aber etwas finsteres Gesicht. Am Tage war er im Regen draußen gewesen und war da ebenso naß geworden wie alle andern Leute auch. Deshalb hatte er beim Abendessen seine alte Mutter, die noch Herrin auf dem Hofe war, gebeten, ein Feuer auf der offenen Feuerstelle anzuzünden, damit er seine Kleider trocknen könnte. Die Mutter hatte ein ärmliches Holzfeuerchen angezündet, denn in diesem Hause wurde kein Brennholz verschwendet, und der Bauer hatte seinen Rock auf einem Stuhl dicht vor dem Feuer aufgehängt. Dann hatte er den Fuß auf den Herd gestellt, den Ellbogen aufs Knie gestützt und nachdenklich in die Flammen geschaut. So stand er nun schon seit mehreren Stunden, ohne sich zu rühren; die einzige Bewegung, die er machte, war, ab und zu ein neues Stück Holz aufs Feuer zu werfen.

Die Mutter hatte den Tisch abgeräumt und sein Bett hergerichtet, dann war sie ins Hinterstübchen gegangen und hatte es sich da bequem gemacht. Von Zeit zu Zeit trat sie an die Tür und sah ihren Sohn fragend an, der noch immer vor dem Feuer stand und nicht zu Bett ging.

„Es fehlt mir nichts, Mutter,“ sagte er. „Ich muß nur an etwas aus früherer Zeit denken.“

Die Sache aber war die: Als der Sohn bei seiner Heimkehr am Wirtshaus vorbeigekommen war, hatte ihn ein Pferdehändler gefragt, ob er nicht ein Pferd kaufen wolle. Dabei hatte er ihm einen alten Gaul gezeigt, der so jämmerlich zugerichtet war, daß der Bauer den Mann unwillkürlich mit den Worten anfuhr, er müsse ja verrückt sein, wenn er meine, er könne ihn mit so einer Schindmähre anführen.

„Ach nein,“ antwortete der Pferdehändler, „das meine ich nicht. Aber da dieses Pferd früher in Euerm Besitz war, dachte ich, Ihr hättet vielleicht Lust, ihm das Gnadenbrot zu gewähren, denn das tut ihm not.“

Da hatte der Bauer das Pferd näher angesehen und es wieder erkannt. Ja, er hatte es einst selbst großgezogen und eingefahren. Aber deshalb fiel es ihm doch nicht ein, so ein altes, unbrauchbares Tier zu kaufen. Nein, davon konnte keine Rede sein. Er gehörte nicht zu denen, die ihr Geld wegwarfen!

Trotzdem hatte der Anblick des Pferdes viele Erinnerungen in ihm wachgerufen, und diese Erinnerungen hielten ihn jetzt fest. Deshalb mochte er nicht zu Bett gehen.

Ach ja, dieses Pferd war ein gutes, ein flottes Tier gewesen! Sein Vater hatte es von Anfang an ihm allein überlassen. Er hatte es eingefahren, und es war ihm lieber gewesen als alles andre, was er sein eigen nannte. Der Vater hatte sich beklagt, daß er es zu gut füttere, und da hatte er oft den Hafer für seinen Liebling stibitzt.

Solange er dieses Pferd hatte, ging er nie zu Fuß in die Kirche, sondern fuhr immer, und zwar aus keinem andern Grunde, als um mit seinem Pferde groß zu tun. Er selbst trug eigengewobene und eigengemachte Kleider, das Fuhrwerk war ärmlich und unangestrichen, aber das Pferd war das schönste Tier, das den Kirchenhügel hinauffuhr.

Einmal hatte er sich ein Herz gefaßt und seinen Vater gefragt, ob er sich nicht einen Tuchanzug kaufen und das Fuhrwerk mit Ölfarbe anstreichen dürfe. Aber der Vater hatte ihn wie versteinert angesehen, ja, der Sohn hatte einen Augenblick gefürchtet, den Vater werde der Schlag treffen. Er hatte dann versucht, seinem Vater begreiflich zu machen, daß er, wenn er mit einem so prächtigen Pferd fahre, selbst auch ein wenig hübsch aussehen sollte.

Der Vater hatte gar nichts gesagt, aber ein paar Tage nachher war er mit dem Pferd nach Örebro gegangen und hatte es da verkauft.

Das war grausam vom Vater gewesen; aber dieser hatte offenbar gefürchtet, das Pferd könnte den Sohn zur Eitelkeit und zur Verschwendung verleiten. Und jetzt, so lange nachher, mußte der Sohn zugeben, daß der Vater damals recht gehabt hatte. Ein solches Pferd konnte einem wohl zum Fallstrick werden. Aber im Anfang war ihm der Verlust seines Lieblings schrecklich nahe gegangen. Von Zeit zu Zeit war er nur deshalb nach Örebro gefahren, um, an einer Straßenecke stehend, das Pferd vorbeifahren zu sehen, oder um sich mit einem Stück Zucker zu ihm in seinen neuen Stall zu schleichen.

„Wenn der Vater stirbt und ich den Hof bekomme, dann kaufe ich mir mein Pferd wieder. Das ist das erste, was ich tue,“ hatte er damals gesagt.

Jetzt war der Vater tot, und er selbst saß schon seit mehreren Jahren auf dem Hofe; aber er hatte keinen einzigen Versuch gemacht, das Pferd wieder zu kaufen. Ja, seit langer Zeit hatte er an diesem Abend zum ersten Male wieder an das Tier gedacht.

Wie merkwürdig, daß er es so ganz und gar hatte vergessen können! Aber der Vater war ein sehr gebieterischer und eigensinniger Mann gewesen, und als der Sohn erwachsen war und die beiden den Hof miteinander bewirtschafteten, da hatte sein Vater große Gewalt über ihn bekommen. Schließlich dachte er, alles, was der Vater tat, sei gut und recht. Und als er dann selbst den Hof bekam, hatte er sich nur immer Mühe gegeben, in allem genau so zu handeln, wie sein Vater gehandelt hatte.

Er wußte ja wohl, daß die Leute sagten, sein Vater sei geizig gewesen; aber es war doch gewiß nur recht, wenn man den Geldbeutel fest zumachte und das Geld nicht unnötig zum Fenster hinauswarf. Man durfte das Hab und Gut, das einem anvertraut worden war, nicht vergeuden. Besser ein Geizhals heißen und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die andern Bauern mit großen Hypotheken herumschlagen müssen.

So weit war der Bauer in seinen Gedanken gekommen, als er plötzlich heftig zusammenfuhr, weil er etwas Sonderbares gehört hatte. Es war, als ob eine laute, spottende Stimme gerade das wiederholte, was er eben gedacht hatte. „Es ist am besten, den Geldbeutel fest zuzumachen. Es ist besser, ein Geizhals heißen und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die andern Hofbesitzer mit Hypotheken herumschlagen müssen.“

Das klang gerade, als wolle sich jemand über seine Klugheit lustig machen, und er war auf dem Punkt, in Wut zu geraten, als er entdeckte, daß alles auf einem Irrtum beruhte. Draußen hatte sich ein heftiger Wind erhoben, er aber hatte die ganze Zeit hier gestanden und war schläfrig geworden; da hatte er das Heulen des Windes im Schornstein für eine menschliche Stimme gehalten.

Er wendete sich um und sah auf die große Wanduhr; es schlug eben elf Uhr. „Da ist es höchste Zeit, daß du zu Bett gehst,“ dachte er. Aber dann fiel ihm ein, daß er seine allabendliche Runde auf dem Hofe noch nicht gemacht hatte, um nachzusehen, ob alle Türen und Läden geschlossen und alle Lichter gelöscht seien. Dies hatte er noch nie unterlassen, seit er Herr auf dem Hofe geworden war. Rasch warf er seinen Rock über und ging in den Regen hinaus.

Draußen fand er alles, wie es sein sollte, nur die Tür der leeren Scheune war vom Wind aufgerissen worden. Er holte also den Schlüssel, verschloß die Scheune und steckte den Schlüssel in die Rocktasche. Dann kehrte er in die Stube zurück, zog den Rock aus und hängte ihn aufs neue vors Feuer. Aber er ging auch jetzt noch nicht zu Bett, sondern wanderte in der Stube hin und her. Das war doch ein gräßliches Wetter! So ein durchdringend kalter Wind und ein eisiger Schneeregen! Und sein altes Pferd stand nun da draußen, ohne auch nur eine Decke als Schutz gegen das Unwetter zu haben! Er müßte doch eigentlich hinausgehen und seinem alten Freund ein Obdach gewähren, da er nun doch einmal in diese Gegend gekommen war.

Jetzt hörte der Junge in dem gegenüberliegenden Gasthof eine alte Uhr mit schrillem Ton elf Uhr schlagen. Er war gerade im Begriff, die Tiere loszubinden, um sie in den Bauernhof hineinzuführen. Es dauerte ziemlich lange, bis er sie geweckt und aufgestellt hatte; aber schließlich war alles in Ordnung, und in einer langen Reihe, der Junge als Wegweiser voran, bewegte sich der Zug in den Hof des geizigen Bauern hinein.

Aber während der Junge mit den Tieren beschäftigt gewesen war, hatte der Bauer seine Runde beendet und das Scheunentor zugeschlossen. Als nun der Junge vor der Scheune ankam, war der Eingang versperrt. Ganz bestürzt blieb der Junge stehen. Aber nein, die armen Tiere konnte er nicht hier draußen lassen. Er mußte ins Haus hinein und sich den Schlüssel verschaffen.

„Sorge dafür, daß sie sich still verhalten, während ich den Schlüssel hole,“ sagte er zu dem alten Pferd. Mit diesen Worten eilte er davon.

Mitten auf dem Hofplatz hielt er an, um zu überlegen, wie er ins Haus hineinkommen sollte. Während er noch gedankenverloren dastand, sah er auf der Straße zwei kleine Wanderer daherkommen, und jetzt eben machten sie vor dem Wirtshaus halt.

Der Junge sah gleich, daß es zwei kleine Mädchen waren, und er lief auf sie zu, denn er dachte, sie würden ihm vielleicht helfen können.

„Komm, Britta Marie,“ sagte das eine von den Kindern, „jetzt darfst du nicht mehr weinen. Hier ist die Herberge. Hier bekommen wir gewiß ein Nachtlager.“

Kaum hatte das Mädchen dies gesagt, als der Junge ihr auch schon zurief: „Nein, ihr braucht gar nicht erst zu fragen, ob man euch im Wirtshaus aufnehmen wolle, denn das ist ganz unmöglich. Aber in dem Bauernhof hier sind keine Gäste. Gehet nur hinein!“

Die beiden kleinen Mädchen hörten die Worte deutlich, konnten aber den, der mit ihnen sprach, nicht sehen. Sie verwunderten sich indes nicht weiter darüber, denn ringsum war es stockdunkel. Das größere Mädchen erwiderte denn auch sogleich: „In diesen Hof wollen wir nicht hineingehen, denn die Leute, die darin wohnen, sind hart und geizig. Sie sind schuld daran, daß wir hier auf der Landstraße betteln gehen müssen.“

„Das ist wohl möglich,“ sagte der Junge. „Aber gehet trotzdem nur hinein; ihr werdet sehen, es läuft alles gut ab.“

„Nun, wir können es jedenfalls versuchen, aber man wird uns nicht einmal hineinlassen,“ sagten die beiden Kinder; damit gingen sie auf das Wohnhaus zu und klopften an die Tür.

Der Bauer stand noch immer am Feuer und dachte an sein altes Pferd; da drang das Klopfen der Kinder an sein Ohr. Er ging an die Haustür, um zu sehen, wer draußen sei, beschloß aber zugleich, sich gewiß nicht überreden zu lassen, irgendeinen Wanderer aufzunehmen. Aber in dem Augenblick, wo er einen Spalt an der Tür öffnete, lag auch schon die Windsbraut auf der Lauer. Sie riß dem Bauern die Tür aus der Hand und warf ihn selbst gegen die Wand zurück. Um die Tür wieder zuzuziehen, mußte er auf die Haustreppe hinaustreten, und als er in die Stube zurückkehrte, standen die beiden Kinder schon mitten darin.

Es waren zwei arme, schmutzige, in Lumpen gehüllte, halb verhungerte Bettelkinder, zwei kleine Mädchen, die unter der Last von zwei Bettelsäcken, die ebenso groß waren wie sie selbst, heftig keuchten.

„Was seid denn ihr für Pack, das noch so spät in der Nacht unterwegs ist?“ fragte der Bauer unfreundlich.

Die beiden Kinder antworteten nicht sogleich, sondern stellten zuerst ihre Säcke ab. Dann traten sie mit zum Gruß ausgestreckten Händen auf den Bauern zu. „Wir sind die Anne und die Britta Marie vom Engärd,“ sagte die ältere, „und wir möchten um eine Nachtherberge bitten.“

Der Bauer ergriff die ihm dargebotenen Händchen nicht, ja, er wollte die beiden Bettelmädchen gerade vor die Tür setzen, als eine neue Erinnerung vor ihm auftauchte. Das Engärd war ein kleines Haus, wo eine bedürftige Witwe mit ihren fünf Kindern gewohnt hatte. Die Witwe war dem alten Bauern einige hundert Kronen schuldig gewesen, und um seine Forderung zu befriedigen, hatte der Bauer ihre Hütte verkaufen lassen. Die Witwe war hierauf mit ihren drei ältesten Kindern nach Nordland gezogen, dort Arbeit zu suchen, die beiden jüngeren aber waren der Gemeinde zur Last gefallen.

Dem Bauern stieg der Ärger auf, als er an dieses Vorkommnis dachte. Er wußte, wie sehr sein Vater im Kirchspiel verurteilt worden war, weil er das Geld verlangt hatte, das ihm doch von Rechts wegen gehört hatte.

„Was tut ihr denn gegenwärtig?“ fragte er mit barscher Stimme. „Sorgt denn der Armenpfleger nicht für euch? Warum streicht ihr auf der Landstraße umher und bettelt?“

„Wir können nichts dafür,“ antwortete das ältere Mädchen. „Die Leute, bei denen wir sind, haben uns auf den Bettel ausgeschickt.“

„Ja, und ihr könnt euch nicht beklagen, denn eure Säcke sind ja ganz voll,“ sagte der Bauer. „Es ist am besten, ihr esset euch an dem, was ihr darin habt, satt, denn hier gibt es nichts zu essen. Alle Frauenzimmer auf dem Hofe sind schon zu Bett. Und dann könnt ihr euch hier in die Ecke am Herd legen, da friert ihr nicht.“

Dabei machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand, wie um die Kinder zurückzuscheuchen, und seine Augen nahmen einen fast harten Ausdruck an, denn er dachte, er müsse ja froh sein, daß er einen Vater gehabt hatte, der um sein Besitztum besorgt gewesen war, sonst hätte er, der Sohn, vielleicht auch als kleiner Junge mit dem Bettelsack umherlaufen müssen, wie diese Kinder hier.

Kaum hatte der Bauer diesen Gedanken zu Ende gedacht, als die gellende, spöttische Stimme, die er an diesem Abend schon einmal gehört hatte, Wort für Wort wiederholte. Er horchte und erkannte gleich, daß es keine Menschenstimme war, sondern nur der Wind, der im Schornstein sein Wesen trieb. Aber es war seltsam, sobald der Wind seine Gedanken in dieser Weise laut wiederholte, erschienen sie ihm merkwürdig dumm, hartherzig und falsch.

Die Kinder hatten sich indessen nebeneinander auf dem harten Boden ausgestreckt; aber sie waren nicht still, sondern murmelten noch etwas vor sich hin.

„Wollt ihr wohl schweigen!“ rief der Bauer. Er war jetzt in so gereizter Stimmung, daß er die Kinder hätte schlagen können.

Aber das Gemurmel hörte nicht auf, obgleich er den Kindern noch einmal barsch zu schweigen befahl.

„Als unsere Mutter von uns fortging,“ sagte da plötzlich eine helle Kinderstimme, „mußte ich ihr versprechen, mein Abendgebet nie zu vergessen. Dieses Versprechen muß ich halten und Britta Marie auch. Sobald wir: ‚Müde bin ich, geh zur Ruh, schließ die müden Augen zu‘ gebetet haben, sind wir ganz still.“

Der Bauer blieb wortlos sitzen und hörte die Kleinen ihr Abendgebet sprechen. Dann ging er mit langen Schritten im Zimmer hin und her, und zuweilen preßte er wie in großer Seelenangst die Hände zusammen.

Das Pferd zugrunde gerichtet! Die beiden Kinder zu umherstrolchenden Bettlern gemacht! Und beides das Werk seines Vaters! Ach, was der Vater getan hatte, war am Ende doch nicht immer ganz recht gewesen!

Er warf sich auf einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hände. Plötzlich begann es in seinem Gesicht zu zucken; die Tränen traten ihm in die Augen, aber rasch wischte er sie weg. Doch neue Tränen drangen hervor, und es half nichts, daß er auch diese eilig wegwischte, es kamen immer neue.

Jetzt öffnete seine Mutter die Tür des Hinterstübchens, und eilig drehte der Bauer seinen Stuhl um, damit er ihr den Rücken zuwendete. Aber sie mußte doch etwas Außergewöhnliches gemerkt haben, denn sie blieb eine gute Weile hinter ihm stehen, wie wenn sie darauf wartete, daß er etwas sage. Dann fiel ihr ein, wie schwer es den Männern immer wird, von dem zu sprechen, was sie am tiefsten berührt; ja, sie mußte ihm wohl ein wenig helfen.

Vom Hinterstübchen aus hatte sie gesehen, was sich in der großen Stube zugetragen hatte; sie brauchte deshalb nicht zu fragen. Sie ging nur ganz leise zu den beiden schlafenden Kindern hin, hob sie auf, trug sie ins Hinterstübchen und legte sie da in ihr eigenes Bett. Dann kam sie wieder zu dem Sohne heraus.

„Du, Lars,“ sagte sie und tat, als sähe sie gar nicht, daß er weinte. „Laß mich die Kinder hier behalten!“

„Was sagst du, Mutter?“ fragte er und versuchte seine Tränen zu unterdrücken.

„Ich habe sie schon immer herzlich bedauert, gleich damals, als dein Vater ihrer Mutter das Haus verkaufte. Und auch du hast Mitleid mit ihnen gehabt.“

„Ja, aber …“

„Ich möchte sie gerne hier behalten und ordentliche Menschen aus ihnen machen. Sie sind zu gut zum Betteln.“

Der Bauer konnte nichts erwidern, denn jetzt stürzten ihm die hellen Tränen aus den Augen; er ergriff die runzlige Hand seiner Mutter und streichelte sie.

Doch plötzlich fuhr er, wie von Angst erfaßt, jäh auf. „Was würde der Vater dazu sagen?“ rief er.

„Der Vater hat zu seiner Zeit hier geherrscht, jetzt ist die deinige gekommen. Solange der Vater lebte, mußte ihm gehorcht werden. Jetzt aber ist die Reihe an dir, zu zeigen, wer du bist.“

Der Sohn war so überrascht über diese Worte, daß seine Tränen versiegten. „Aber ich zeige mich doch, wie ich bin!“ sagte er.

„Nein,“ erwiderte seine Mutter, „das tust du eben nicht. Du gibst dir nur alle Mühe, deinem Vater zu gleichen. Der aber hat harte Zeiten hier durchgemacht, und deshalb graute ihm vor der Armut. Er meinte, er sei verpflichtet, in erster Linie nur immer an sich selbst zu denken. Du aber hast solche schwere Zeiten, die dich hätten hart machen können, nie gekannt. Du hast mehr, als du brauchst, und da wäre es unnatürlich, wenn du nicht auch an andre denken würdest.“

Hinter den beiden Kindern war der Junge ins Haus und in die Stube hineingeschlüpft und hatte sich da in einem dunkeln Winkel versteckt. Schon im ersten Augenblick hatte er den Scheunentürschlüssel, der aus der Rocktasche des Bauern herausguckte, entdeckt.

„Wenn der Bauer die Kinder fortschickt, nehme ich den Schlüssel und laufe mit ihm davon,“ dachte er.

Aber dann wurden die Kinder nicht fortgeschickt; der Junge mußte in seinem Winkel sitzen bleiben und wußte nicht, was er tun sollte. Die Mutter sprach lange mit ihrem Sohn, und während sie mit ihm sprach, hörte dieser auf zu weinen; schließlich nahm sein Gesicht einen geradezu schönen Ausdruck an, es war, als sei er ein ganz andrer Mensch geworden, und noch immer streichelte er die alte runzlige Hand seiner Mutter.

„Jetzt müssen wir aber doch zu Bett gehen,“ sagte die Mutter, als sie sah, daß er seine Fassung wieder erlangt hatte.

„Nein,“ sagte er und stand rasch auf, „ich kann noch nicht zu Bett gehen. Draußen ist noch ein Gast, dem ich ein Obdach für die Nacht geben muß.“

Mehr sagte er nicht, er warf nur rasch seinen Rock über, zündete eine Laterne an und ging hinaus. Draußen war es noch ebenso kalt und regnerisch, aber als er auf die Haustreppe trat, summte er eine Melodie vor sich hin. Er fragte sich, ob ihn das Pferd wohl erkennen, und ob es sich freuen werde, wenn es wieder in seinen alten Stall hineinkäme.

Als er über den Hofplatz ging, hörte er eine Tür im Winde auf- und zuschlagen. „Der Wind hat die Scheunentür wieder aufgerissen,“ dachte er und ging hin, sie abermals zu schließen.

Im nächsten Augenblick stand er vor der Scheune, und er wollte eben die Tür zumachen, da war es ihm, als ob sich drinnen etwas bewegte.

Das kam aber daher, daß der Junge die Gelegenheit benützt und mit dem Bauern zu gleicher Zeit das Haus verlassen hatte. Rasch war er an die Scheune gelaufen, vor der er die Tiere verlassen hatte. Aber diese standen nicht mehr im Regen draußen. Ein heftiger Windstoß hatte schon lange die Scheunentür abermals aufgerissen und so den armen Tieren ein Dach über dem Kopf verschafft. Und das Geräusch, das der Bauer gehört hatte, hatte von dem Jungen hergerührt, als er in die Scheune hineinlief.

Jetzt leuchtete der Bauer mit seiner Laterne hinein, und da sah er, daß die ganze Tenne voll von schlafendem Vieh lag. Kein Mensch war zu sehen. Die Tiere waren nicht angebunden, sie hatten sich auf dem Stroh niedergelegt, wie es eben ging.

Der Bauer wurde zornig über diese uneingeladenen Gäste; er begann zu rufen und zu schelten, um sie zu wecken und hinauszujagen. Aber die Tiere blieben ganz still liegen, wie wenn sie sich durchaus nicht stören lassen wollten. Ein einziges erhob sich, ein altes Pferd, und kam ruhig auf den Bauern zu.

Und plötzlich verstummte der Bauer. Schon am Gang erkannte er dieses Tier. Er hob die Laterne, das Pferd kam zu ihm heran und legte ihm den Kopf auf die Schulter.

Liebevoll streichelte ihm der Bauer die Nase. „Mein altes gutes Pferd! Alter guter Kerl!“ sagte er. „Was haben sie mit dir gemacht? Jawohl, mein alter Freund, ich werde dich kaufen. Du sollst nie wieder vom Hofe hier vertrieben werden, und du sollst es so gut haben, wie du dir nur wünschen kannst, mein guter Alter. Die andern, die du mitgebracht hast, dürfen hier übernachten, du aber kommst mit mir in den Stall. Jetzt darf ich dir so viel Hafer geben, als du nur fressen kannst, ohne daß ich ihn stibitzen muß. Du wirst wohl auch noch nicht ganz zugrunde gerichtet sein. Das schönste Pferd auf dem Kirchplatz, das wirst du wieder sein. Ja, wie einst! So, so, mein gutes Tier, so so!“

25
Der Eisgang

Donnerstag, 28. April

Am nächsten Tag war wunderschönes Wetter. Es blies allerdings noch ein tüchtiger Westwind; aber darüber freute man sich nur, denn er trocknete die von dem gestrigen Regen aufgeweichten Wege.

Früh am Morgen wanderten auf der Landstraße, die von Sörmland nach Närke führt, das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats, die beiden Småländer Kinder. Der Weg führte an dem südlichen Ufer des Hjälmar hin, und die Kinder betrachteten eifrig das Eis, das noch den größten Teil des Sees bedeckte. Die Morgensonne goß ihren hellen Schein auf den Eisspiegel, der durchaus nicht düster und drohend aussah, wie dies im Frühling gewöhnlich der Fall ist, sondern glänzend hell und einladend zu den Kindern herüberleuchtete. So weit das Auge reichte, war das Eis fest und trocken. Das Regenwasser war schon durch alle Löcher und Sprünge hindurchgesickert, oder es war vom Eis selbst aufgesogen worden; so sahen die Kinder nichts als eine herrliche Eisdecke.

Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats waren nach dem nördlichen Schweden unterwegs, und unwillkürlich stieg der Gedanke in ihnen auf, wie viele Schritte es ihnen doch ersparen würde, wenn sie quer über den großen See gehen könnten, anstatt rings um ihn herumwandern zu müssen. Sie wußten allerdings, daß das Frühlingseis gefährlich sei; aber dieses hier sah ja vollständig sicher aus. Am Ufer war es mehrere Zoll dick, das sahen sie deutlich. Sie sahen auch einen ausgetretenen Pfad, dem sie folgen könnten, und das andre Ufer schien überdies ganz nahe vor ihnen zu liegen; in einer Stunde wären sie sicher drüben.

„Komm, wir wollen es versuchen,“ sagte Klein-Mats. „Wenn wir gut achtgeben, daß wir nicht in eine Wake hineingeraten, geht es ganz leicht.“

Damit begaben sich die beiden Kinder aufs Eis hinaus. Das Eis war gar nicht glatt, sondern im Gegenteil ganz leicht zu beschreiten. Es war mehr Wasser darauf, als die Kinder vom Lande aus hatten wahrnehmen können, und da und dort waren kleine Löcher, wo das Wasser herausquoll. Vor solchen Stellen mußte man sich hüten; aber mitten am Tage und bei dem hellen Sonnenschein war das nicht schwer.

Die Kinder kamen rasch und leicht vorwärts, und sie sagten immer wieder, wie klug es doch gewesen sei, daß sie, anstatt sich auf der aufgeweichten Landstraße weiter zu plagen, den Weg übers Eis genommen hätten.

Als sie eine Strecke weit gegangen waren, kamen sie an die Vinö. Auf dieser Insel sah sie eine alte Frau von ihrem Fenster aus. Eilig lief sie aus ihrem Hause heraus, winkte den Kindern und rief ihnen etwas zu, was diese aber nicht verstehen konnten; so viel errieten sie indes doch, die Frau warnte sie vor dem Weitergehen. Aber die Kinder auf dem Eis draußen dachten, sie sähen ja deutlich, daß ihnen keine Gefahr drohte. Sie wären wohl dumm, wenn sie das Eis jetzt verließen, da doch alles so gut ging.

Sie wanderten also an der Vinö vorüber, und jetzt hatten sie eine meilenweite Eisfläche vor sich. Von da an trafen die Kinder wiederholt auf große Wasserpfützen, um die herum sie große Umwege machen mußten. Aber das machte ihnen nur Spaß. Sie liefen um die Wette, um herauszufinden, wo das Eis am besten sei, und fühlten weder Hunger noch Müdigkeit. Sie hatten ja den ganzen Tag vor sich und lachten nur, so oft sie auf ein neues Hindernis stießen.

Ab und zu richteten sie den Blick auf das gegenüberliegende Ufer. Es schien noch immer gleich weit entfernt zu sein, obgleich sie schon eine ganze Stunde gegangen sein mochten. Da wurden sie doch ein wenig stutzig; sie hatten den See nicht für gar so breit gehalten. „Es ist, als ob das Ufer drüben vor uns zurückwiche,“ sagte Klein-Mats.

Hier auf dem Eise war kein Schutz vor dem Westwind, der jetzt von Minute zu Minute heftiger wurde und ihnen die Kleider so um die Beine schlug, daß sie kaum noch vorwärts kommen konnten. Dieser kalte Wind war die erste wirkliche Unannehmlichkeit, die ihnen auf ihrem Weg begegnete.

Und über etwas verwunderten sie sich: der Wind kam mit einem sonderbaren Dröhnen dahergefegt, wie wenn er das Klappern einer großen Mühle oder den Lärm einer mechanischen Werkstatt mit sich brächte. Aber auf den Eisfeldern hier gab es ja nichts derartiges.

Die Kinder waren jetzt westwärts um die große Insel Valen herumgegangen, und jetzt meinten sie auch zu sehen, daß sie dem nördlichen Ufer immer näher rückten. Aber zugleich wurde der Wind immer unerträglicher; das laute Donnern, das hinter ihm herklang, nahm auch zu, und da wurden die Kinder allmählich ängstlich.

Plötzlich stieg der Gedanke in ihnen auf, das Donnern, das sie hörten, könnte am Ende von Wellen herkommen, die sich mit wildem Schäumen am Ufer brächen. Aber das war auch unmöglich, denn der See war ja noch ganz mit Eis bedeckt.

Trotzdem blieben sie stehen und sahen sich um. Weit drüben im Westen, dort bei Björnö und Göksholmland erhob sich ein weißer Wall, der quer über das Eis hinging. Sie glaubten zuerst, es sei eine Schneeschanze, die den Weg entlang lief, aber bald erkannten sie, daß es der Schaum von Wellen war, die gegen das Eis getrieben wurden.

Als die Kinder das sahen, faßten sie sich bei den Händen und liefen, ohne ein Wort zu sagen, so schnell als ihre Beine sie zu tragen vermochten, davon. Dort drüben im Westen war der See offen, und sie meinten auch zu sehen, wie der aufschäumende Rand gegen Osten vordrang. Sie wußten zwar nicht, ob das Eis nun überall zugleich aufbrechen würde, oder was sonst geschehen könnte, aber sie fühlten deutlich, daß sie in Gefahr waren.

Auf einmal war es ihnen, als hebe sich das Eis gerade an der Stelle, über die sie hinliefen. Ja, ja, es hob sich und senkte sich wieder, wie wenn jemand von unten darangestoßen hätte. Gleich darauf ertönte ein dumpfer Knall, dann liefen nach allen Seiten Sprünge über die Eisdecke hin, und die Kinder sahen, wie diese Sprünge sich rasch nach allen Seiten weiter ausdehnten.

Jetzt wurde es einen Augenblick ganz still auf dem Eise; aber dann fühlten die Kinder aufs neue, wie sich das Eis unter ihnen hob und senkte, und darnach wurden die Sprünge zu Rissen, durch die Wasser heraussprudelte. Und gleich darauf wurden die Risse zu klaffenden Spalten, die das Eis in große Schollen zerteilten.

„Åsa!“ rief Klein-Mats. „Das ist gewiß der Eisgang!“

„Ja, so ist es, Klein-Mats,“ sagte Åsa. „Aber wir können das Land noch erreichen. Lauf nur rasch weiter!“

In Wirklichkeit hatten die Wellen und der Wind noch ein schweres Stück Arbeit vor sich, bis das Eis von dem See weggeschafft sein konnte. Das Schwierigste war zwar getan, als die Eisdecke zerbrochen war, aber alle diese großen Schollen mußten noch zerkleinert und gegeneinander geschleudert werden, bis sie ganz zertrümmert, zerrieben und aufgelöst waren. Es gab noch eine Menge ganz hartes, festes Eis, das große, unbeschädigte Flächen bildete.

Die größte Gefahr für die Kinder lag aber darin, daß sie keinen Überblick über das Eis hatten. Sie konnten nicht sehen, wie breit die Risse waren und ob sie hinüberspringen könnten, und sie wußten auch nicht, welche Eisschollen groß genug waren, sie zu tragen. So irrten sie ratlos hin und her und gerieten dabei nur weiter auf den See hinaus, anstatt dem Lande näher zu kommen. Schließlich wußten sie sich auf dem brechenden Eise gar nicht mehr zu helfen; in höchster Angst blieben sie stehen und fingen an zu weinen.

Plötzlich flog eine Schar Wildgänse in sausender Eile über ihnen hin. Die Gänse schnatterten überlaut, und zu ihrer höchsten Verwunderung hörten die Kinder mitten aus dem Gänsegeschnatter heraus die Worte: „Ihr müßt nach rechts gehen, nach rechts!“

Die Kinder folgten hurtig dem Rat; aber es dauerte nicht lange, da standen sie schon wieder ratlos vor einem breiten, klaffenden Spalt.

Und wieder hörten sie die Gänse über sich schreien, und aus dem Geschnatter heraus unterschieden sie die Worte: „Bleibt, wo ihr seid! Bleibt, wo ihr seid!“

Die Kinder sprachen kein Wort über das, was sie hörten, sie gehorchten nur und blieben stehen. Gleich darauf glitten die Eisschollen wieder zusammen, und sie konnten über den Riß hinüberspringen. Nun faßten sie einander wieder an und rannten weiter. Sie hatten Angst, nicht allein vor der Gefahr, sondern auch vor der Hilfe, die ihnen zuteil geworden war.

Bald mußten sie wieder zweifelnd innehalten; aber sofort drang eine Stimme zu ihnen herunter, die rief: „Geradeaus! Geradeaus! Geradeaus!“

So ging es ungefähr eine halbe Stunde lang fort; da hatten die Kinder die lange Lungerspitze erreicht und konnten von da ans Land waten. Man merkte ihnen wohl an, wie groß ihre Angst gewesen war, denn als sie das Ufer erreicht hatten, hielten sie nicht an, um den See noch einmal zu betrachten, wo die Wellen jetzt ein immer wilderes Spiel mit den Eisschollen trieben, sondern eilten nur immer weiter. Als sie aber eine Strecke weit gegangen waren, machte Åsa plötzlich halt. „Warte hier ein wenig, Klein-Mats,“ sagte sie. „Ich hab etwas vergessen.“

Damit ging sie wieder ans Ufer zurück. Hier suchte sie eifrig in ihrem Sack und zog schließlich einen kleinen Holzschuh heraus; den stellte sie auf einen Stein, wo er recht deutlich sichtbar war. Dann kehrte sie, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen, zu Klein-Mats zurück.

Sie hatte sich aber kaum umgedreht, als rasch wie der Blitz eine große, weiße Gans aus der Luft herabsauste, den Holzschuh mit dem Schnabel packte und ebenso rasch wieder hoch hinaufflog.

26
Die Teilung

Donnerstag, 28. April

Nachdem die Wildgänse dem Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats über den Hjälmarsee hinübergeholfen hatten, flogen sie gen Norden, bis sie Westmanland erreichten. Hier ließen sie sich auf den großen Getreidefeldern im Fellingsbroer Kirchspiel nieder, um auszuruhen und zu weiden.

Der Junge war auch hungrig, schaute sich aber vergeblich nach etwas Eßbarem um. Während er nun nach allen Seiten umherspähte, sah er auf dem nächsten Feld zwei Männer hinter dem Pflug hergehen. Jetzt gerade ließen sie ihre Pflüge stehen und setzten sich nieder, um ihren mitgenommenen Imbiß zu verzehren. Rasch eilte der Junge hinter ihnen her und schlich sich ganz nahe zu den beiden Männern hin. Wenn diese mit ihrer Mahlzeit fertig seien, dachte er, fänden sich für so einen kleinen Knirps doch vielleicht noch ein paar Brosamen oder eine Brotrinde.

An dem Feld lief ein Pfad hin, und auf diesem kam ein alter Mann dahergegangen. Als er die beiden Arbeiter erblickte, hielt er an, kletterte über das Steinmäuerchen und trat zu ihnen.

„Für mich ist es auch Zeit zum Frühstücken,“ sagte er, nahm seinen Ranzen ab und holte sein Butterbrot heraus. „Ich freue mich, daß ich mein Frühstück nicht allein essen muß,“ fuhr er fort.

Bald war unter den dreien eine Unterhaltung im Gange, und die beiden Pflüger erfuhren, daß der Fremde ein Grubenarbeiter aus dem Norberger Bezirk war. Er arbeite jetzt nicht mehr, denn er sei zu alt, die Grubenleitern herauf und hinunter zu klettern, aber er wohne noch in der Nähe der Grube in einem kleinen Häuschen. Seine Tochter sei in Fellingsbro verheiratet, und er sei eben zu Besuch bei ihr gewesen. Sie wolle, er solle ganz zu ihr ziehen, aber dazu könne er sich nicht entschließen.

„Es gefällt Euch also hier nicht so gut wie in Norberg?“ fragte der eine der Bauern mit einem leisen Lächeln, denn er wußte wohl, daß Fellingsbro eines der größten und reichsten Kirchspiele in der ganzen Umgegend war.

„Meint ihr, ich könnte es in so einer flachen Gegend aushalten?“ erwiderte der Alte mit einer abweisenden Handbewegung, wie wenn so etwas gar nicht denkbar wäre.

Und nun begannen die drei in aller Freundschaft sich darüber zu streiten, wo es in Westmanland am schönsten sei. Der eine der Bauern war in Fellingsbro geboren und lobte die Ebene sehr, der andre aber stammte aus dem Weståser Bezirk, und er hielt die Ufer des Mälar mit seinen bewaldeten Holmen und schönen Landzungen für den besten Teil dieses Landes. Aber der Alte wollte sich durchaus nicht überzeugen lassen, und um den andern zu beweisen, daß er recht habe, fragte er, ob er ihnen eine Geschichte erzählen dürfe, die er in seiner eigenen Jugend von ganz alten Leuten gehört hatte.

„Hier in Westmanland,“ so begann er, „wohnte in alten Zeiten eine betagte Frau aus dem Riesengeschlecht, die sehr reich war, denn ihr gehörte das ganze Land. Sie hatte natürlich alles, was sie sich nur wünschen konnte, und doch drückte sie ein schwerer Kummer, denn sie wußte nicht, wie sie ihr Besitztum zwischen ihre drei Söhne verteilen sollte.

Das kam aber daher, daß sie die beiden ältesten Söhne nicht so lieb hatte wie den jüngsten, der ihr Augapfel war. Diesem jüngsten wollte sie den Löwenanteil an der Erbschaft zuwenden; zugleich aber hatte sie Angst, es würde Streit und Zank zwischen den Brüdern entstehen, wenn sie die Erbschaft nicht gleichmäßig unter sie verteilte.

Eines Tages fühlte sich die alte Frau dem Tode nahe, und jetzt war keine Zeit mehr zum Überlegen. Sie rief alle drei Söhne an ihr Lager und sprach mit ihnen wegen der Erbschaft.

‚Ich habe mein Besitztum in drei Teile geteilt, zwischen denen ihr wählen müßt,‘ sagte sie. ‚Zu dem ersten gehören die mit Eichen bestandenen Hügel und bewaldeten Holme und blühenden Wiesen, und das alles habe ich um den Mälar herum zusammengetan. Wer von euch diesen Teil erwählt, wird an den Ufern eine gute Weide für Schafe und Kühe haben, und auf den Holmen findet er Laub zum Winterfutter, wenn er nicht etwa Gartenbau dort treiben will. An den Ufern ziehen sich eine Menge Buchten und Landzungen hin; es ist da also reichlich Gelegenheit zur Beförderung der Erzeugnisse des Landes und jeglicher Art von Verkehr. Wo sich die Flüsse in den See ergießen, lassen sich gute Hafenplätze anlegen, und ich glaube, daß dort bald Dörfer und Städte heranwachsen werden. Und an gutem Ackerboden wird es ihm auch nicht fehlen, obgleich das Land so zerrissen daliegt. Es kann nur von Vorteil sein, wenn die Söhne von Anfang an lernen, von einer Insel zur andern zu ziehen; denn dadurch werden sie gute Seefahrer, die in fremde Länder reisen können und von da große Reichtümer heimbringen. Ja, das ist also der erste Teil. Was sagt ihr dazu?‘

Nun, alle Söhne stimmten miteinander überein, daß dies ein ausgezeichneter Teil sei, und wer ihn bekomme, dürfe sich glücklich preisen.

‚Nein, an ihm ist nichts auszusetzen,‘ sagte die alte Frau aus dem Riesengeschlecht, ‚und der zweite Teil ist nicht minder gut. Zu diesem hab ich alles getan, was ich an ebenem Land und freiem Feld besitze. Da liegt nun ein Acker neben dem andern, vom Mälar bis hinauf nach Dalarna. Wer diesen Teil wählt, wird es sicher nicht bereuen. Er kann so viel Getreide bauen, als er will, und große Güter anlegen, und weder er noch seine Nachkommen brauchen sich wegen ihres Unterhalts graue Haare wachsen zu lassen. Damit die Ebene nicht sumpfig wird, habe ich große Wasserläufe durchgezogen, die bilden öfters Wasserfälle, wo Mühlen und Schmieden errichtet werden können. Den Gräben entlang habe ich den Schutt hoch aufgehäuft, da können leicht Wälder angepflanzt werden, aus denen Brennholz gewonnen wird. Dies ist nun also der zweite Teil, und ich meine, wer den bekommt, hätte alle Ursache, zufrieden zu sein.‘

Auch darin stimmten alle drei Söhne überein, und sie dankten der Mutter sehr, weil sie alles so gut für sie eingerichtet habe.

‚Ja, ich habe mir alle Mühe gegeben, es so gut wie möglich zu machen,‘ fuhr diese fort. ‚Aber jetzt komme ich zu dem Teil, der mir am meisten Kopfzerbrechen gemacht hat. Denn seht, nachdem ich alle meine Haine und meine Weiden und Waldhügel zu dem einen Teil, meine Äcker und fruchtbaren Landstrecken aber zu dem andern getan hatte, merkte ich, daß mir von meinem Besitztum nichts andres mehr übrig blieb, als die bergigen Fichten- und Tannenwälder, die Berggipfel, die Gebirgsschluchten, die kahlen Felswände und mageren Wacholdergebüsche, die ärmlichen Birkengruppen und kleinen Seen. Dies alles zusammen wird nun natürlich keiner von euch haben wollen. Trotzdem habe ich all dies kleine Zeug gesammelt und es im Norden und Westen von dem ebenen Land aufgestellt; aber ich fürchte, wer diesen Teil wählt, hat nichts als Armut in Aussicht. Er wird nichts als Schafe und Geißen halten können, und um sich seinen Unterhalt zu verschaffen, wird er auf den Seen dem Fischfang, im Wald der Jagd obliegen müssen. Wasserfälle und Stromschnellen sind freilich in Menge vorhanden, so daß er so viele Mühlen bauen könnte, als er nur Lust hat; aber leider wird er nichts andres zu mahlen haben, als die Rinde von seinen Bäumen. Und mit Bären und Wölfen wird er wohl auch seine liebe Not haben, denn in dieser Wildnis werden sie sich sicherlich heimisch fühlen.

Ja, dies ist nun der dritte Teil. Ich weiß ja wohl, er läßt sich mit den beiden andern nicht vergleichen, und wenn ich nicht schon so alt wäre, hätte ich die Teilung noch einmal gemacht, aber das ist mir nicht möglich. Und jetzt hab ich in meinem letzten Stündlein keine Ruhe, weil ich nicht weiß, welchem von euch ich diesen schlechtesten Teil geben soll. Ihr seid mir alle drei gute Söhne gewesen, und es bedrückt mich, daß ich gegen einen von euch ungerecht sein soll.‘

Nachdem die alte Frau aus dem Riesengeschlecht ihren Söhnen die Sache also dargelegt hatte, sah sie alle drei bekümmert an. Jetzt sagten sie nicht mehr, wie bei den beiden ersten Malen, sie habe richtig geteilt und gut für sie gesorgt. Schweigend standen sie da, und man konnte wohl merken, daß der, so den letzten Teil erhielt, sehr unzufrieden sein würde.

Ja, da lag nun die alte Mutter mit bangem Herzen, und die Söhne sahen, daß sie schon im voraus Todesqualen erlitt, weil sie die Teile bestimmen mußte und doch nicht wußte, welchen von den Söhnen sie unglücklich machen sollte, indem sie ihm den schlechtesten Teil gab.

Doch der jüngste von den dreien, der liebte seine Mutter am meisten, und er konnte es nicht mit ansehen, wie sie sich abquälte. Deshalb sagte er: ‚Du brauchst dir keinen Kummer über diese Sache zu machen, Mutter, leg dich beruhigt nieder und scheide in Ruhe und Frieden aus diesem Leben. Gib den schlechten Teil mir; ich werde mich schon durchschlagen, und wie es auch gehen mag, ich werde mich nicht darüber grämen, wenn die andern es besser haben als ich.‘

Sobald der jüngste Sohn dies gesagt hatte, beruhigte sich die Mutter; sie dankte ihm innig und lobte ihn. Das Bestimmen der beiden andern Teile machte ihr keinen Kummer, denn diese waren fast ganz gleich gut.

Als nun alles geordnet war, dankte die Mutter dem Sohne noch einmal und sagte, sie habe erwartet gehabt, daß gerade er ihr aus der Not helfen werde. Zugleich sagte sie noch, wenn er nun in seine Einöde hinaufkomme, solle er sich an die große Liebe erinnern, die sie immer für ihn gehabt habe.

Damit schloß sie die Augen und starb; und nachdem sie begraben war, ging jeder von den Brüdern auf sein Erbteil, es in Augenschein zu nehmen. Jawohl, die beiden ältesten konnten nicht anders, als höchst zufrieden mit dem ihrigen sein.

Der dritte aber wanderte hinauf in die Einöde, und da sah er, daß die Mutter die Wahrheit gesprochen hatte: sein Teil bestand hauptsächlich aus Felswänden und kleinen Seen. Aber er erkannte doch, mit welcher Liebe sie dieses Erbteil für ihn hergerichtet hatte, denn es waren zwar nur ärmliche Überreste, aber sie waren so gut zusammengestellt, daß das allerschönste Land daraus geworden war. An vielen Stellen war es wild und unheimlich, aber schön war es trotzdem. Dieser Anblick tat dem Sohne ordentlich wohl; aber froh war er darum doch nicht.

Allmählich jedoch machte er eine Entdeckung: er sah, daß der Felsengrund da und dort ein merkwürdiges Aussehen hatte. Und als er genauer hinsah, war er überall mit Erzadern durchzogen. Eisen war vorherrschend, außerdem fand sich auch noch viel Silber und Kupfer auf seinem Eigentum. Jetzt ahnte der Sohn, daß er größern Reichtum erhalten hatte als seine beiden Brüder, und jetzt dämmerte ihm die Erkenntnis auf, was für eine Absicht seine Mutter mit ihrer Erbteilung gehabt hatte.“

27
Im Bergwerkdistrikt

Donnerstag, 28. April

Die Wildgänse hatten eine beschwerliche Reise. Es war ihre Absicht gewesen, gleich nachdem sie gefrühstückt hätten, geradenwegs über Westmanland hinzuziehen, aber der Westwind nahm zu und trieb sie anstatt nordwärts ganz an die Grenze von Uppland.

Sie flogen hoch droben, und der Wind jagte sie in größter Eile davon. Der Junge schaute hinunter, um zu sehen, wie es in Westmanland beschaffen sei, konnte aber nicht viel unterscheiden. Der östliche Teil dieser Landschaft war flach und eben, das sah er deutlich, aber er konnte nicht begreifen, was alle die Furchen und Striche bedeuteten, die von Norden nach Süden und quer über die Ebene hinliefen. Das alles sah höchst wunderbar aus, denn fast alle die Striche erstreckten sich beinahe schnurgerade und mit ganz gleichem Zwischenraum.

„Dieses Land ist ebenso gestreift wie die Schürze meiner Mutter,“ sagte der Junge. „Ich möchte nur wissen, was das für Streifen sind, die darüber hinlaufen?“

„Flüsse und Bergrücken, Straßen und Eisenbahnen!“ antworteten die Wildgänse. „Flüsse und Bergrücken, Straßen und Eisenbahnen!“

Und das war wirklich wahr, denn als die Gänse ostwärts getrieben wurden, kamen sie zuerst über den Hedstrom, der zwischen zwei Bergrücken fließt und neben dem eine Eisenbahn hinläuft. Dann erreichten sie den Kolbäkfluß, der auf seiner einen Seite eine Eisenbahn und auf der andern einen Bergrücken hat, über den eine Landstraße führt. Hierauf kam der Svartå, der auch an Bergen und Landstraßen hinfließt, dann der Lillå mit dem Badelundberg, und schließlich der Sagå mit Straße und Eisenbahn auf seiner rechten Seite.

„Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Wege gesehen, die alle von einer Seite herkommen,“ dachte der Junge. „Es müssen doch schrecklich viele Waren von Norden her durch dieses Land hindurchgeführt werden.“

Zugleich erschien ihm das aber sehr merkwürdig, denn der Junge glaubte, gleich hinter Westmanland sei Schweden zu Ende. Was dann noch käme, könne nicht viel andres sein als Wald und Einöde.

Als der Wind die Wildgänse ganz bis zum Sagå hingetrieben hatte, mußte Akka erkannt haben, daß sie wo anders hingekommen war, als sie beabsichtigt hatte, denn hier drehte sie um, und die Schar arbeitete sich bei heftigem Gegenwind zurück gegen Westen. Sie flogen also noch einmal über die gestreifte Ebene und dann nach dem westlichen Teil der Landschaft, die aus waldigem Hügelland bestand.

Solange es über die Ebene hinging, hatte sich der Junge über den Hals des Gänserichs gebeugt und hinabgeschaut, aber als sie die Ebene hinter sich hatten, richtete er sich auf, um seine Augen ausruhen zu lassen, denn da, wo die Erde mit Wald bedeckt ist, gab es selten etwas Besonderes zu sehen.

Als sie jedoch eine Strecke über die Waldhügel hingeflogen waren, war es dem Jungen plötzlich, als höre er drunten auf der Erde etwas knirschen und ächzen.

Da mußte er sich natürlich wieder vorbeugen und hinuntersehen. Die Wildgänse flogen jetzt bei dem starken Gegenwind nicht besonders rasch, deshalb konnte der Junge das Land unter sich sehr deutlich erkennen. Das erste, was er sah, war ein schwarzes Loch, das senkrecht in die Erde hineinging. Über dem Loch war von großen Balken ein Hebewerk errichtet, und das Hebewerk holte unter Knirschen und Ächzen eben eine mit Felsstücken beladene Tonne herauf. Ringsherum lagen große Steinhaufen; in einem Schuppen zischte eine Dampfmaschine. Frauen und Kinder saßen in einem Kreis auf dem Boden und sortierten die Steine. Auf einer kleinen Schienenbahn rollten ein paar mit grauen Steinen beladene Wagen dahin, und am Waldessaum lagen kleine Arbeiterwohnungen.

Der Junge konnte nicht begreifen, was das sein sollte, und aus vollem Halse rief er auf die Erde hinunter: „Was ist denn das für ein Ort, wo man so viele Feldsteine aus der Erde heraufholt?“

„Hört den Dumrian! Hört den Dumrian!“ zwitscherten die Sperlinge, die hier daheim waren und gut Bescheid wußten. „Er kann Eisenerz nicht von Feldsteinen unterscheiden! Er kann Eisenerz nicht von Feldsteinen unterscheiden!“

Da erkannte der Junge, daß das, was er da unten sah, eine Grube war. Er war ziemlich enttäuscht, denn er hatte geglaubt, eine Grube müßte auf einem hohen Berg liegen, diese hier aber lag auf dem ebenen Boden zwischen zwei Hügeln.

Bald hatten die Wildgänse die Grube hinter sich; der Junge saß wieder aufrecht und sah geradeaus, denn die Waldhügel und die Birkengehölze, die da unter ihm lagen, hatte er schon gar so oft gesehen. Da drang plötzlich eine starke Hitze von der Erde bis zu ihm herauf, und rasch mußte er sich wieder vorbeugen, um zu sehen, woher sie käme.

Unter ihm lagen große Haufen Kohlen und Erz, und zwischen diesen stand ein hohes achteckiges, rotangestrichenes Gebäude, das eine ganze Flammengarbe zum Himmel hinaufsandte.

Zuerst konnte sich der Junge nichts andres denken, als daß da unten eine Feuersbrunst ausgebrochen sei; aber als er sah, wie die Leute ruhig umhergingen und sich nicht im geringsten um das Feuer kümmerten, da wußte er gar nicht, was er daraus machen sollte.

„Was ist denn das für ein Ort, wo sich niemand darum kümmert, wenn ein Haus in Flammen steht?“ rief er auf die Erde hinunter.

„Trala! der hat Angst vor dem Feuer!“ zwitscherten die Finken, die am Waldrande nisteten und wohl wußten, was in ihrer Nachbarschaft vorging. „Er weiß nicht, wie das Eisen aus dem Erz herausgeschmolzen wird. Er kann das Feuer aus einem Schmelzofen nicht von einer Feuersbrunst unterscheiden!“

Bald hatten die Wildgänse den Schmelzofen hinter sich, und der Junge schaute, wieder aufrecht sitzend, geradeaus, weil er meinte, in dieser Waldgegend sei nichts Besonderes zu sehen.

Aber sie waren noch nicht weit gekommen, als aus der Tiefe der Erde ein fürchterlicher Lärm und Spektakel zu ihm heraufdrang, und als er hinunterschaute, fiel ihm zuerst ein Wasserfall auf, der über eine Felswand hinunterstürzte. Neben dem Wasserfall stand ein großes Gebäude mit einem schwarzen Dach und einem hohen Schornstein, der einen dicken mit Funken vermischten Rauch ausstieß. Vor dem Gebäude lagen Eisenklumpen und Eisenstangen und wirkliche kleine Berge von Kohlen. Der Boden war weit umher ganz schwarz, und nach allen Seiten hin erstreckten sich schwarze Pfade. Aus dem Gebäude heraus tönte ein unbeschreiblicher Lärm; es dröhnte und donnerte ununterbrochen, und es war, als ob sich jemand mit gewaltigen Schlägen gegen ein brüllendes wildes Tier zu verteidigen suchte. Aber merkwürdigerweise kümmerte sich niemand um das, was hier vorging. Eine Strecke weiterhin lagen Arbeiterwohnungen unter grünen Bäumen, und noch etwas weiter ragte ein großer weißer Herrensitz auf. Auf den Stufen vor den Arbeiterwohnungen spielten die Kinder seelenvergnügt, und in der Allee, die zum Herrenhofe führte, gingen die Leute vollkommen beruhigt spazieren.

„Was ist denn das für ein Ort, wo sich niemand darum kümmert, wenn die Leute in dem Gebäude dort einander totschlagen?“ rief der Junge hinunter.

„Hak ak ak ak, der hat eine Ahnung! Hak ak ak ak!“ lachte eine Elster. „Dort wird niemand in Stücke gerissen. Das Eisen siedet und zischt, wenn es unter den Hammer kommt.“

Bald waren die Wildgänse auch über das Eisenwerk hinweggeflogen; der Junge hatte sich abermals aufgerichtet und schaute geradeaus, denn er dachte, jetzt sei hier im Walde gewiß nichts Besonderes mehr zu sehen.

Nachdem sie eine Weile geflogen waren, hörte der Junge eine Glocke läuten, und noch einmal mußte er sich vorbeugen, um zu sehen, woher der Klang käme.

Da sah er unter sich einen Bauernhof, wie er noch nie einen gesehen hatte. Das Wohnhaus war ein langes, rotangestrichenes, einstöckiges Gebäude; es war nicht einmal übermäßig groß, aber was den Jungen in Verwunderung setzte, waren die vielen großen, stattlichen Wirtschaftsgebäude, die daneben lagen. Der Junge wußte ungefähr, wie viele Nebengebäude zu einem Hofe gehörten, hier aber waren alle doppelt und dreifach vorhanden. So einen Überfluß an Wirtschaftsgebäuden hätte er sich nie träumen lassen. Und er konnte sich auch durchaus nicht denken, was darin aufbewahrt werden sollte, denn in der Nähe des Hofes waren fast gar keine bebauten Felder. Drinnen im Walde sah er wohl ein paar kleine Äcker; diese waren aber einerseits so klein, daß man sie kaum Äcker nennen konnte, und andrerseits stand auf jedem von ihnen schon eine Scheune, wo die zu erwartende Ernte untergebracht werden konnte.

Auf dem Stallgebäude hing die Vesperglocke in einem Türmchen, und das Läuten dieser Glocke hatte der Junge vorhin vernommen. Eben ging der Bauer mit seinen Knechten nach der Küche, und der Junge sah, daß er ein zahlreiches stattliches Gesinde hatte.

„Was sind das für Leute, die mitten im Walde, wo es doch kein Ackerland gibt, so große Höfe bauen?“ rief der Junge hinunter.

Auf dem Misthaufen stand der Hofhahn, und er blieb die Antwort nicht schuldig.

„Kikeriki! Dies ist ein altes Bergwerk! Ein altes Bergwerk!“ krähte er. „Die Äcker liegen unter der Erde! Die Äcker liegen unter der Erde!“

Jetzt verstand der Junge. Das war kein gewöhnliches Waldland, über das man nur so hinfliegen durfte. Ringsum waren allerdings Wälder und Berge, diese aber bargen unglaublich viel Merkwürdiges in ihrer Mitte.

Er sah Grubenfelder, wo die Hebebäume am Umfallen waren, weil die Erde durch Grubenlöcher schon ganz durchbohrt war, dann andre Grubenfelder, wo noch immer gearbeitet wurde; von diesen dröhnten dumpfe Sprengschüsse bis zu den Wildgänsen herauf, und in deren Nähe zogen sich die Arbeiterwohnungen wie ganze Dörfer am Waldrande hin. Er sah auch alte verlassene Schmiedewerkstätten, wo er durch die eingestürzten Dächer hindurch auf riesige eisenbeschlagene Hammerstiele und plump gemauerte Essen sehen konnte. Dann kamen wieder große Eisenwerke, wo so eifrig gearbeitet und gehämmert wurde, daß die Erde erzitterte. Tief drinnen in der Waldeinöde lagen still verborgen kleine Weiler, die aussahen, als wüßten sie gar nichts von dem Gelärm um sie her. Dann sah er Luftbahnen, an deren Drahtseilen die mit Erz beladenen Körbe lautlos hin und her glitten. In allen Wasserfällen drehten sich klappernde Räder, elektrische Leitungen führten durch den stillen Wald, und ungeheuer lange Eisenbahnzüge kamen dahergerollt, Züge von sechzig bis siebzig mit Erz und Kohlen, mit Eisenstangen und Stahldraht beladenen Wagen.

Nachdem der Junge dies alles eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, konnte er sich nicht länger zurückhalten.

„Wie heißt denn dieses Land hier, wo nichts als Eisen wächst?“ fragte er, obgleich er jetzt wußte, daß die Vögel drunten ihn verspotten würden.

Da fuhr ein alter Uhu, der in einer verlassenen Schmelzhütte eben ein Schläfchen machte, aus dem Traume auf, streckte seinen runden Kopf heraus und rief mit unheimlich krächzender Stimme: „Uhu, uhu, uhu! Das Land hier heißt Bergwerkdistrikt! Wenn hier kein Eisen wüchse, würden bis zum heutigen Tag nichts als Bären und Eulen hier wohnen.“

28
Der Eisenhammer

Donnerstag, 28. April

Der heftige Westwind blies fast den ganzen Tag hindurch, während die Wildgänse über den Bergwerkdistrikt hinflogen; und sobald sie sich gen Norden wenden wollten, wurden sie wieder ostwärts getrieben. Aber Akka glaubte, der Fuchs Smirre versuche ihnen durch den östlichen Teil des Landes zu folgen, deshalb wollte sie nicht nach dieser Seite fliegen, und so drehte sie einmal ums andre wieder um und arbeitete sich mühselig gen Westen zurück. Auf diese Weise kamen die Wildgänse nur sehr langsam vorwärts, und am Nachmittag waren sie noch immer im Bergwerkdistrikt von Westmanland. Gegen Abend legte sich indes der Wind, und die ermatteten Reisenden hofften vor Sonnenuntergang mit Leichtigkeit noch eine gute Strecke zurücklegen zu können. Aber da fuhr plötzlich eine heftige Windsbraut daher, die die Wildgänse wie Bälle vor sich hertrieb, und der Junge, der ganz sorglos dasaß und an nichts Böses dachte, wurde unvermutet von dem Gänserücken aufgehoben und in den weiten Luftraum hinausgeschleudert.

Der Junge war indes so klein und leicht, daß er bei dem heftigen Sturm nicht geradeswegs auf die Erde hinunterfiel, sondern zuerst eine Strecke weit mit dem Winde fortgetrieben wurde, dann erst sank er langsam und flatternd hinunter, gerade wie ein Blatt, das von einem Baum herabwirbelt.

„O das ist nicht gefährlich!“ dachte der Junge noch im Fallen. „Ich sinke so langsam auf den Boden hinunter, wie wenn ich ein Blatt Papier wäre. Gänserich Martin wird schon heruntersausen und mich auflesen.“

Als er unten auf der Erde angekommen war, riß er zuerst die Mütze vom Kopfe und winkte mit ihr, damit der Gänserich sehen könnte, wo er war. „Hier bin ich, wo bist du? Hier bin ich, wo bist du?“ rief er und war fast erstaunt, als der Gänserich Martin nicht schon neben ihm stand.

Aber der große Weiße war nirgends zu sehen, und ebensowenig hob sich die Schar der Wildgänse irgendwo vom Himmel ab. Sie waren spurlos verschwunden.

Dies kam zwar dem Jungen etwas sonderbar vor, aber er beunruhigte sich deshalb nicht. Es fiel ihm keinen Augenblick ein, Mutter Akka und der Gänserich Martin könnten ihn im Stiche lassen. Er dachte, der heftige Windstoß habe sie wohl mitgenommen, und sobald sie umdrehen könnten, würden sie zurückkehren, ihn zu holen.

Aber was war denn das? Wo befand er sich denn eigentlich? Zuerst hatte er immer nur zum Himmel hinaufgeschaut, um die Wildgänse zu entdecken, aber jetzt hatte er sich plötzlich umgesehen. Er war gar nicht auf die ebene Erde hinabgefallen, sondern in eine tiefe, weite Bergschlucht, oder was es sonst sein mochte. Es war ein Raum, so groß wie eine Kirche, mit fast senkrechten Felswänden auf allen Seiten, ohne irgend ein Dach darüber. Auf dem Boden lagen einige große Felsblöcke zerstreut, und zwischen diesen wuchs Moos und Heidekraut und kleine, niedrige Birken. Da und dort waren an den Felswänden hervorspringende Felsen, und von diesen hingen zerbrochene Leitern herab. Auf der einen Seite gähnte ein tiefes Gewölbe, das aussah, als ginge es weit, weit in den Berg hinein.

Der Junge war nicht umsonst einen ganzen Tag lang über die vielen Bergwerke hingeflogen. Er erriet gleich, daß diese große Schlucht von Menschen geschaffen worden war, die in alten Zeiten hier Erz aus dem Gebirge gebrochen hatten. „Ich muß gleich versuchen, ob ich hinaufklettern kann,“ dachte er, „denn sonst finden mich meine Reisekameraden am Ende nicht mehr.“

Er wollte gerade an die Felswand herangehen, als er sich von hinten angefaßt fühlte und eine rauhe Stimme vernahm, die ihm ins Ohr brummte: „Was bist denn du für ein Geschöpf?“

Rasch wendete sich der Junge um, und in der ersten Bestürzung glaubte er einem großen, mit langem braunem Moos bedeckten Felsblock gegenüber zu stehen; aber dann sah er, daß der Felsblock breite Füße, einen Kopf, Augen und ein großes brummendes Maul hatte.

Der Junge brachte kein Wort heraus, und das große Tier schien auch gar keine Antwort zu erwarten. Es warf den kleinen Wicht um, rollte ihn mit der Tatze hin und her und schnupperte an ihm herum. Es sah aus, als wollte es den Jungen im nächsten Augenblick verschlingen, doch da schien es sich anders zu besinnen und rief: „Murre und Brumme, kommt, kommt! Hier ist ein guter Bissen für euch!“

Augenblicklich kamen zwei zottelige Junge dahergetrottet, die noch unsicher auf den Beinen waren und eine ganz weiche Haut wie junge Hunde hatten.

„Was hast du denn gefunden, Bärenmutter? Dürfen wir es sehen?“ riefen die Jungen.

„Na, da bin ich also unter die Bären geraten,“ dachte der Junge. „Ja, nun kann sich Smirre wohl die Mühe sparen, noch länger hinter mir herzujagen.“

Mit ihrer Schnauze schob die Bärenmutter den Fund ihren Jungen zu; das eine packte ihn auch sogleich mit dem Maule und lief mit ihm davon. Aber es biß nicht hart zu, denn es war ausgelassen und wollte erst eine Weile mit dem Däumling spielen, ehe es ihn umbrächte. Das zweite Junge lief hinter dem ersten her, ihm das Spielzeug abzujagen; es humpelte und trottete aber so schwerfällig daher, daß es seinem Bruder, der den Jungen in der Schnauze hatte, gerade auf den Kopf fiel. Und dann wälzten sich die beiden übereinander, bissen und balgten sich und brummten dazu.

Während die beiden jungen Bären so beschäftigt waren, gelang es dem Jungen zu entwischen; er rannte hurtig zu der Felswand hin und begann hinaufzuklettern.

Aber die beiden Bärenjungen stürzten hinter ihm her, kletterten rasch und behende die Wand hinauf, holten den Jungen ein und warfen ihn wie einen Ball aufs Moos hinunter.

„Nun weiß ich doch, wie es einem armen Mäuschen zumute sein muß, wenn es in die Krallen einer Katze geraten ist,“ dachte der Junge.

Noch mehrere Male versuchte er zu entwischen; er lief weit in den alten Grubengang hinein, verbarg sich hinter Steinblöcken und kletterte auf die Birken hinauf; aber wo er sich auch zu verstecken suchte, die jungen Bären fanden ihn überall. Und sobald sie ihn gefangen hatten, ließen sie ihn wieder los, damit er aufs neue entfliehen sollte und sie ihn abermals einfangen könnten.

Schließlich war der Junge so müde und der ganzen Geschichte so überdrüssig, daß er sich platt auf den Boden warf. „Lauf, lauf!“ brummten die jungen Bären. „Sonst fressen wir dich!“

„Ja, tut es nur,“ sagte der Junge, „ich kann nicht mehr laufen.“

Rasch liefen die beiden Jungen zu der Bärenmutter hin. „Bärenmutter, Bärenmutter!“ klagten sie. „Er will nicht mehr spielen!“

„Nun, dann nehmt ihn und verteilt ihn unter euch,“ sagte die Bärenmutter. Aber als der Junge das hörte, erschrak er so sehr, daß er das Spiel sogleich wieder aufnahm.

Als es Schlafenzeit war und die Bärenmutter ihre Jungen herbeirief, damit sie sich dicht neben ihr niederlegen sollten, waren sie so vergnügt gewesen, daß sie sich am nächsten Tag an demselben Spiel ergötzen wollten. Sie nahmen den Jungen mit, legten ihre Tatzen auf ihn; so konnte er sich nicht rühren, ohne daß sie erwachten. Sie schliefen auch gleich ein, und der Junge dachte, er werde nach einer Weile einen Versuch machen können, sich davonzuschleichen. Aber der arme Kerl war in seinem ganzen Leben noch nie so hin und her geworfen und gerollt, noch nie so herumgejagt und wie ein Kreisel herumgedreht worden, er war todmüde und schlief deshalb auch gleich ein.

Nach einer Weile kam auch der Bärenvater nach Hause. Er kletterte die Felswand herunter, und der Junge erwachte von dem Gerassel der herabrollenden Steine, als der Alte sich in die Grube hinuntergleiten ließ. Er war ein furchtbar großer Bär mit gewaltigen Gliedmaßen, einem riesigen Rachen, großen, blendendweißen Eckzähnen und kleinen, boshaften Augen. Dem Jungen lief unwillkürlich ein kalter Schauder den Rücken hinab, als er diesen alten Waldkönig erblickte.

„Es riecht hier nach Menschen!“ sagte der Bärenvater, gleich als er bei der Bärin angekommen war, und dabei stieß er ein dröhnendes Brummen aus.

„Wie kannst du dir so etwas Dummes einbilden,“ erwiderte die Bärin und blieb ganz ruhig auf ihrem Platze liegen. „Es ist zwar ausgemacht, daß wir den Menschen keinen Schaden mehr zufügen; aber wenn einer hierherkäme, wo ich und die Jungen unsern Aufenthaltsort haben, dann wäre bald nicht mehr so viel von ihm übrig, daß du es riechen könntest.“

Der Bärenvater legte sich neben der Bärin nieder; er schien aber mit der Antwort, die sie ihm gegeben hatte, nicht recht zufrieden zu sein, denn er schnupperte und witterte immer wieder von neuem.

„Hör doch auf mit diesem Geschnupper!“ sagte die Bärenmutter. „Nachgerade solltest du mich doch so gut kennen, daß ich den Jungen niemand nahe kommen lasse, der ihnen etwas zuleide tun könnte. Erzähl mir lieber, was du getan hast, denn ich habe dich ja seit acht Tagen nicht mehr gesehen.“

„Ich habe mich nach einer andern Wohnung für uns umgesehen,“ begann der Bärenvater. „Zuerst ging ich nach Wärmland hinein, um von den Verwandten in Nyskoge zu hören, wie es ihnen ginge. Aber diese Mühe hätte ich mir sparen können, denn sie sind gar nicht mehr dort. In dem ganzen Wald ist nicht eine einzige Bärenhöhle mehr bewohnt.“

„Ich glaube, die Menschen wollen den ganzen Wald für sich allein haben,“ erwiderte die Bärin. „Selbst wenn wir sie mitsamt ihrem Vieh ganz in Frieden lassen und uns von nichts als von Preiselbeeren, Ameisen und Kräutern nähren, dürfen wir nicht im Walde bleiben. Ich möchte wissen, wo wir eigentlich hin sollen, um einen sichern Aufenthaltsort zu finden.“

„Hier in dieser Grube ist es uns freilich seit Jahren ausgezeichnet gegangen,“ sagte der Bärenvater. „Aber seit das große Klopfwerk dicht neben uns errichtet worden ist, kann ich es eben hier nicht mehr aushalten. Schließlich habe ich mich dann noch östlich vom Dalälf, in der Nähe von Garpenberg umgesehen. Dort gibt es auch noch viele Grubenlöcher und andre gute Schlupfwinkel, und es kam mir vor, als könnte man dort ziemlich sicher vor den Menschen sein …“

In dem Augenblick, wo der Bärenvater dies sagte, richtete er sich auf und fing wieder an zu schnuppern. „Es ist doch merkwürdig, sobald ich von Menschen spreche, steigt mir dieser Geruch wieder in die Nase,“ sagte er.

„Dann geh und sieh selber nach, wenn du mir nicht glaubst,“ sagte die Bärin. „Ich möchte wohl wissen, wo hier ein Mensch verborgen sein sollte?“

Schnuppernd ging der Bär in der Höhle umher. Schließlich kehrte er unverrichteter Sache zu der Bärenmutter zurück und legte sich neben ihr nieder.

„Hab ich nicht recht gehabt?“ fragte sie. „Aber du meinst natürlich, außer dir habe niemand Augen und Ohren.“

„Bei der Nachbarschaft, die wir haben, kann man nie vorsichtig genug sein,“ sagte der Bär ruhig. Aber plötzlich fuhr er mit großem Gebrüll empor: Unglücklicherweise hatte einer von den jungen Bären seine Tatze auf Nils Holgerssons Gesicht hingeschoben, dies hatte dem Jungen den Atem benommen, und er hatte niesen müssen.

Jetzt konnte die Bärin den alten Bären nicht mehr beschwichtigen. Ein Junges flog nach rechts, das andre nach links, und dann sah er Nils Holgersson, ehe dieser sich aufrichten konnte.

Und er hätte ihn auch mit einem Happ hinuntergeschluckt, wenn sich die Bärenmutter nicht ins Mittel gelegt hätte. „Rühr ihn nicht an! Das ist den Jungen ihr Spielzeug. Sie sind den ganzen Abend so vergnügt mit ihm gewesen, daß sie ihn nicht aufaßen, sondern für morgen früh aufgehoben haben.“

Aber der Bär stieß die Bärin weg. „Mische dich nicht in das, was du nicht verstehst!“ brummte er. „Merkst du denn nicht, daß es schon von weitem nach Menschen riecht? Sogleich werde ich ihn fressen, sonst spielt er uns irgend einen schlimmen Streich.“

Wieder sperrte er das Maul auf. Indessen aber hatte der Junge ein wenig nachdenken können, und dann hatte er in aller Eile seine Zündhölzer aus seinem Ränzel herausgerissen – das war das einzige Verteidigungsmittel, das er hatte. Er rieb eins an seinen Lederhosen an und steckte dem Bären das brennende Streichholz in den Rachen.

Der Bär fauchte, als ihm der Schwefelgeruch in die Nase stieg, und damit war die Flamme gelöscht. Der Junge hielt schon ein zweites Zündholz bereit, aber merkwürdigerweise griff ihn der Bär nicht wieder an.

„Kannst du viele solche blaue Blumen anzünden?“ fragte der Bär.

„So viele, daß ich den Wald einäschern könnte,“ antwortete der Junge, denn er glaubte, er könne den Bären dadurch in Angst versetzen.

„Könntest du vielleicht ein Haus oder einen ganzen Hof anzünden?“ fragte der Bär.

„Das wäre keine Kunst für mich,“ prahlte der Junge, in der Hoffnung, sich bei dem Bären in Respekt zu setzen.

„Das ist gut,“ sagte der Bär. „Dann mußt du mir einen Dienst leisten. Jetzt bin ich froh, daß ich dich nicht aufgefressen habe.“

Damit nahm der Bärenvater den Jungen ganz sachte und vorsichtig zwischen die Zähne und begann mit ihm die Felswand hinaufzuklettern. Es ging unbegreiflich leicht und hurtig, obgleich der Bär so groß und schwer war, und sobald er oben angekommen war, rannte er eiligst in den Wald hinein. Auch hier ging es rasch vorwärts; es war klar, der Bär war wie dazu geschaffen, sich einen Weg durch dichte Wälder hindurch zu bahnen. Sein plumper Körper schob sich durchs Gestrüpp hindurch, wie ein Boot durch das Röhricht im Wasser hindurchgleitet.

„Sieh dir nun das große Klopfwerk dort unten an,“ sagte der Bär zu dem Jungen.

Der große Eisenhammer mit seinen vielen mächtigen Gebäuden lag am Rande eines Wasserfalls. Riesige Schornsteine sandten schwarze Rauchwolken empor, die Feuer der Schmelzöfen züngelten hell auf, alle Fenster und Luken waren erleuchtet. Da drinnen waren die Hämmer und Walzwerke im Gang, und es wurde mit voller Kraft gearbeitet, daß einem von dem Gerassel und Gedröhne die Ohren gellten. Rings um die Werkstätten herum lagen ungeheure Kohlenställe, große Schlackenhaufen, Packhäuser, Bretterstapel und Werkzeugschuppen. Eine kleine Strecke davon befanden sich lange Reihen von Arbeiterwohnungen, schöne Villen, Schulhäuser, Vereinshäuser und Kaufläden. Aber dort war alles still und wie eingeschlafen. Der Junge sah nicht dorthin, er hatte nur Augen für den Eisenhammer. Der Boden ringsumher war kohlschwarz, der Himmel wölbte sich herrlich dunkelblau über den aus den Schmelzöfen herausschlagenden Flammen, der Wasserfall rauschte weißschäumend herunter, die Gebäude selbst standen riesengroß da und stießen Licht und Rauch und Feuer und Funken heraus. Es war das großartigste Bild, das der Junge jemals gesehen hatte.

„Du willst doch wohl nicht behaupten, daß du so ein großes Gebäude in Brand stecken könntest?“ fragte der Bärenvater.

Da war nun der Junge zwischen den Bärentatzen eingeklemmt, und er war überzeugt, wenn er überhaupt mit dem Leben davonkommen sollte, mußte er dem Bären Respekt vor seiner Geschicklichkeit beibringen. „Ein großes oder kleines Gebäude, das ist mir ganz einerlei,“ sagte er deshalb. „Ich kann es gut in Brand stecken.“

„Dann will ich dir etwas sagen,“ fuhr der Bär fort. „Meine Vorfahren haben von der Zeit an, wo der Wald hier heranwuchs, in dieser Gegend gewohnt. Ich habe das Jagdgebiet und die Weideplätze, die Höhlen und Schlupfwinkel von ihnen geerbt und mein ganzes Leben lang in Ruhe und Frieden hier gewohnt. Im Anfang störten mich die Menschen nur wenig. Sie kamen daher, hackten an den Bergen herum, holten etwas Erz heraus und bauten am Wasserfall einen Eisenhammer und einen Schmelzofen. Der Hammer dröhnte nur ein paarmal am Tage, der Schmelzofen wurde nie länger als ein paar Mondwechsel lang geheizt, und darein konnte ich mich schon finden. Aber seit die Menschen vor einigen Jahren dieses Klopfwerk da errichtet haben, das Tag und Nacht hindurch gleichmäßig weitergeht, kann ich es nicht mehr aushalten. Früher waren nur ein Fabrikdirektor und einige Schmiede da, aber jetzt sind eine Unmenge Leute hier, und ich bin nie mehr sicher vor ihnen. Ich glaubte schon, ich müßte fortziehen, aber jetzt hab ich etwas Besseres herausgefunden.“

Der Junge überlegte, was der Bärenvater wohl ausgeheckt habe; aber er hatte keine Zeit mehr, zu fragen, denn jetzt nahm ihn der Bär wieder zwischen die Zähne und trottete mit ihm dem Hügel zu. Der Junge konnte nichts sehen; aber an dem zunehmenden Getöse erriet er, daß sie sich dem Eisenhammer näherten.

Der Bärenvater kannte den Eisenhammer genau. In dunkeln Nächten war er oft herumgestreift und hatte beobachtet, was da drinnen vorging, und sich gefragt, ob man denn niemals mit der Arbeit aussetze. Er hatte mit den Tatzen an den Mauern zu rütteln versucht und nur gewünscht, so stark zu sein, daß er das ganze Gebäude mit einem Schlage zerschmettern könnte.

Der Bär war von dem schwarzen Boden nicht leicht zu unterscheiden, und wenn er sich überdies im Schatten der Mauern hielt, schwebte er nicht gerade in Gefahr, entdeckt zu werden. Jetzt ging er ohne Furcht zwischen die Werkstätten hinein und kletterte auf einen Schlackenhaufen; hier stellte er sich auf die Hinterbeine, nahm den Jungen zwischen die Vorderbeine und hob ihn in die Höhe. „Probiere, ob du in das Haus hineinsehen kannst!“ sagte er.

In dem Eisenhammer waren sie gerade beim Bessemerblasen. Oben an der Decke hing eine große schwarze, runde, mit geschmolzenem Eisen gefüllte Kugel; in diese wurde ein starker Luftstrom hineingepreßt. Und als diese Luft mit furchtbarem Getöse in die Eisenmasse hineindrang, stob ein ganzer Funkenschwall heraus. In Strahlen, in Garben, in langen Dolden fuhren die Funken empor. Sie hatten die verschiedensten Farben, waren groß und klein, brachen sich an der Wand und flogen in dem ganzen Saale herum. Der Bärenvater ließ den Jungen das prächtige Schauspiel genießen, bis die Leute mit dem Blasen fertig waren und der rote flüssige, schönglänzende Stahl aus der runden Kugel heraus in ein paar Gefäße floß. Dem Jungen kam alles, was er da sah, wundervoll vor; er war ganz hingerissen davon und hatte fast vergessen, daß er zwischen zwei Bärentatzen gefangen saß.

Jetzt ließ der Bärenvater den Jungen auch in das Walzwerk hineinsehen. Ein Arbeiter nahm eben ein kurzes, dickes Stück Eisen aus dem Ofen heraus und legte es dann unter eine Walze. Als die Eisenstange unter der Walze wieder hervorkam, war sie zusammengepreßt und in die Länge gezogen. Rasch ergriff sie ein andrer Arbeiter und steckte sie unter eine härtere Walze, die sie noch länger und dünner preßte. So ging es von Walze zu Walze; die Eisenstange wurde gestreckt und gezogen und schlängelte sich schließlich als ein mehrere Meter langer rotglühender Draht am Boden hin. Aber während das erste Stück Eisen also gepreßt wurde, hatten die Arbeiter ein zweites aus dem Ofen herausgenommen und unter die Walzen gelegt, und nachdem dieses halbwegs fertig war, holten sie ein drittes. Unaufhörlich schlängelten sich neue rotglühende Drähte wie zischende Schlangen auf dem Boden hin. Dem Jungen gefiel dies alles außerordentlich gut; aber noch besser gefielen ihm die Arbeiter, die leicht und behende die glühenden Stangen mit ihren Zangen packten und sie unter die Walzen hinunterzwangen. Wie spielend hantierten sie da mit dem glühenden Eisen. „Das ist eine richtige Mannesarbeit, das muß ich sagen,“ flüsterte der Junge vor sich hin.

Jetzt ließ der Bär den Jungen auch in die Schmelzhütte und in die Eisenschmiede hineinsehen; da sperrte er vor Verwunderung Mund und Nase auf. „Diese Leute haben keine Angst vor Hitze und Flammen,“ dachte er. Schwarz und rußig waren sie auch, und sie kamen ihm wie eine Art Feuermenschen vor, weil sie imstande waren, das Eisen nach Belieben zu biegen und zu formen. Er konnte sich gar nicht denken, daß gewöhnliche Menschen wirklich solche Macht hätten.

„So geht es da drinnen Tag um Tag, Nacht um Nacht weiter,“ klagte der Bär und legte sich auf den Boden. „Nein, es ist auf die Dauer nicht zum Aushalten, das wirst du begreifen. Deshalb bin ich goldfroh, daß ich der Sache jetzt ein Ende machen kann.“

„So, das könnt Ihr,“ fragte der Junge. „Wie wollt Ihr denn das anfangen?“

„Nun, ich meine, du sollst die Gebäude hier in Brand stecken,“ sagte der Bär. „Dann bekäme ich Ruhe vor dem ewigen Spektakel und könnte in meiner alten Heimat verbleiben.“

Dem Jungen lief es eiskalt den Rücken hinunter. Also deshalb hatte der Bärenvater ihn hierhergebracht!

„Wenn du das Klopfwerk anzündest, dann schenke ich dir das Leben, wenn du aber nicht tust, was ich will, wird es bald aus mit dir sein.“

Die großen Werkstätten hatten dicke Backsteinmauern, und der Junge dachte, der Bärenvater habe gut befehlen, das Gehorchen sei ihm von selbst unmöglich gemacht. Im nächsten Augenblick jedoch erkannte er, daß es vielleicht doch nicht so ganz unmöglich wäre. Dicht neben ihnen lag ein Haufen Stroh und Hobelspäne, die er leicht anzünden konnte; neben den Spänen ragte ein Stapel Bretter auf, und die Bretter reichten bis dicht an einen großen Kohlenschuppen heran. Der Kohlenschuppen stieß an die Werkstätten; und wenn diese in Brand gerieten, griff das Feuer bald auf das Dach des Eisenhammers hinüber. Alles, was brennen konnte, fing dann Feuer, die Mauern barsten vor Hitze, und die Maschinen würden vollständig zerstört.

„Nun, willst du, oder willst du nicht?“ fragte der Bär.

Der Junge wußte, daß er sofort nein sagen sollte; aber er wußte auch, daß ihn dann die Bärentatzen, die ihn noch immer festhielten, mit einem einzigen Griff zerdrückten. Deshalb sagte er: „Ich muß es mir zuerst etwas überlegen.“

„Nun, so tu es,“ brummte der Bär. „Aber ich will dir noch etwas sagen. Das Eisen ist es, das den Menschen eine solche Macht über uns Bären verliehen hat, und auch aus diesem Grunde will ich der Arbeit hier ein Ende gemacht haben.“

Der Junge wollte die Bedenkzeit benützen, um irgend etwas herauszufinden, wodurch er entwischen könnte; aber er war so von Angst überwältigt, daß er gar nicht Herr über seine Gedanken werden konnte, sondern nur immer daran denken mußte, welche große Hilfe das Eisen doch für die Menschen sei. Sie brauchten ja das Eisen zu allem. Aus Eisen bestand die Pflugschar, die das Feld umpflügte, aus Eisen die Axt, die das Haus baute, aus Eisen die Sense, die das Getreide schnitt, aus Eisen das Messer, das zu allem möglichen gebraucht wurde. Aus Eisen bestand der Zaum, der das Pferd lenkte, das Schloß, das die Tür verschloß, die Nägel, die die Möbel zusammenhielten, die Platten, die das Dach deckten. Das Gewehr, das die wilden Tiere ausgerottet hatte, war aus Eisen, und ebenso der Pickel, der in der Grube das Erz heraushackte. Eisen bekleidete die Kriegsschiffe, die der Junge in Karlskrona gesehen hatte, auf Eisenschienen rollten die Lokomotiven durchs Land; aus Eisen bestand die Nadel, die das Kleid nähte, die Schere, die die Schafe schor, der Topf, in dem das Essen gekocht wurde. Das Große und das Kleine, alles, was nützlich und unentbehrlich war, bestand aus Eisen. Ja, der Bärenvater hatte ganz recht, das Eisen war es, das den Menschen die Übermacht über die Bären gegeben hatte.

„Nun, willst du, oder willst du nicht?“ fragte der Bär noch einmal.

Der Junge fuhr auf. Da hatte er nun an vollständig unnötige Sachen gedacht und noch nichts herausgefunden, was ihn retten könnte.

„Seid doch nicht so ungeduldig,“ sagte er. „Dies ist eine sehr wichtige Sache für mich, und ich muß ordentlich Zeit zum Überlegen haben.“

„Nun, dann überleg dirs noch eine Weile,“ sagte der Bärenvater. „Aber das will ich noch sagen: das Eisen ist schuld daran, daß die Menschen soviel klüger geworden sind als wir Bären, und gerade deshalb möchte ich der Arbeit hier ein Ende machen.“

Als der Junge diese neue Bedenkzeit gewonnen hatte, wollte er sie zum Entwerfen eines Rettungsplanes anwenden. Aber er konnte und konnte in dieser Nacht seine Gedanken nicht zusammenhalten, sie beschäftigten sich immer wieder mit dem Eisen. Da ging ihm allmählich ein helles Licht darüber auf, was die Menschen hatten alles denken und ausklügeln müssen, bis sie herausgebracht hatten, wie sie das Eisen aus dem Erz herausschmelzen könnten; und er sah plötzlich ganz deutlich die alten schwarzen Schmiede vor sich, die sich über die Esse beugten und darüber nachgrübelten, wie sie die Sache richtig angreifen müßten. Und vielleicht gerade deshalb, weil sie so lange hatten darüber nachgrübeln müssen, war den Menschen der Verstand gewachsen, daß sie schließlich so große Fabriken hatten bauen können. Ja, ja, darüber konnte kein Zweifel herrschen, die Menschen verdankten dem Eisen mehr, als sie sich selbst bewußt waren.

„Nun, wie stehts?“ fragte der Bärenvater. „Willst du, oder willst du nicht?“

Der Junge fuhr zusammen. Noch immer nahmen ihn unnötige Gedanken gefangen, obgleich er nicht wußte, was er tun sollte, um zu entwischen! „Die Wahl ist gar nicht so leicht, wie Ihr meint,“ sagte er. „Gebt mir noch ein wenig Bedenkzeit, Bärenvater.“

„Eine kleine Weile will ich noch warten,“ sagte der Bär. „Aber dann gibts keine Ausflucht mehr. Ich sage dir, dem Eisen allein verdanken es die Menschen, daß sie hier im Bärenland wohnen können, und eben deshalb will ich ihnen die Fabrik hier zerstören.“

„Diese letzte Bedenkzeit will ich mir aber nun zunutze machen,“ dachte der Junge. Doch ängstlich und verwirrt, wie er war, konnte er durchaus nicht Herr über seine Gedanken werden, und diese beschäftigten sich jetzt mit allem, was er gesehen hatte, während er auf dem Rücken des Gänserichs über den Bergwerkdistrikt hingeflogen war. Ja, ja, es war merkwürdig, wie viel Leben und Bewegung und wie viel nützliche Arbeit in der Wildnis erstanden war! Wie arm und öde wäre es doch da, wenn es kein Eisen gäbe! Der Junge dachte an den Eisenhammer hier, der, seit er gebaut worden war, so vielen Menschen ihr tägliches Brot gab, der so viele von Menschen bewohnte Häuser um sich versammelt und Eisenbahnen und Telegraphendrähte herbeigezogen hatte, und der in die Welt hinaus …

„Nun, wie stehts?“ fragte der Bär. „Willst du, oder willst du nicht?“

Der Junge fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Keinerlei Rettung hatte er sich ausgedacht; aber so viel wußte er, daß er nichts gegen das Eisen unternehmen würde, gegen das Eisen, dem reich und arm so viel verdankte und das so vielen Menschen in diesem Land das tägliche Brot gab.

„Ich will nicht,“ sagte der Junge.

Ohne etwas zu sagen, drückte der Bärenvater seine Tatzen fester zusammen.

„Ihr werdet mich nie dazu bringen, den Eisenhammer zu zerstören,“ sagte der Junge. „Denn das Eisen ist ein großer Segen, und es wäre unrecht, sich daran zu vergreifen.“

„Dann erwartest du wohl auch nicht, daß ich dich am Leben lasse?“ fragte der Bär.

„Nein, das erwarte ich nicht,“ antwortete der Junge und sah dem Bären fest in die Augen.

Der Bärenvater drückte die Tatzen immer fester zusammen. Es tat sehr weh, und dem Jungen traten die Tränen in die Augen; aber er schwieg und sagte kein Wort.

„Gut! Eins, zwei, dr..!“ sagte der Bär und hob langsam die eine Tatze, denn er hoffte bis zuletzt, der Junge werde nachgeben.

In diesem Augenblick hörte der Junge ganz in der Nähe etwas knacken, und nur ein paar Schritte entfernt sah er einen glänzenden Gewehrlauf blitzen. Er und der Bärenvater waren beide vollständig mit sich selbst beschäftigt gewesen und hatten deshalb gar nicht gemerkt, daß sich ein Mensch bis dicht zu ihnen herangeschlichen hatte.

„Bärenvater!“ schrie der Junge. „Hört Ihr nichts? Es hat jemand einen Hahn gespannt! Flieht, flieht, sonst werdet Ihr erschossen!“

Wie der Blitz sprang der Bär auf, fand aber doch noch Zeit, den Jungen mitzunehmen. Ein paar Schüsse knallten hinter ihm her, und die Kugeln pfiffen ihm um die Ohren, trafen ihn aber nicht.

Während der Junge nun so im Maule des Bären hing, dachte er, so dumm wie in dieser Nacht sei er doch noch nie gewesen. Wenn er nur geschwiegen hätte, dann wäre der Bär erschossen worden, und er hätte entwischen können. Aber er hatte sich so daran gewöhnt, den Tieren zu helfen, daß er es ganz unwillkürlich tat.

Als der Bär ein Stück weit in den Wald hineingelaufen war, blieb er stehen und stellte den Jungen auf den Boden. „Ich danke dir, Kleiner,“ sagte er. „Wenn du nicht gewesen wärest, hätten die Kugeln sicher besser getroffen. Und nun will ich dir einen Gegendienst leisten. Wenn du je wieder mit einem Bären zusammentriffst, dann sage nur das zu ihm, was ich dir jetzt ins Ohr flüstere, und dann wird er dich nicht anrühren.“

Hierauf sagte der Bärenvater dem Jungen ganz leise ein paar Worte ins Ohr und trottete dann eiligst davon, denn er glaubte zu hören, daß die Hunde und Jäger ihn verfolgten.

Der Junge aber stand allein im Walde, frei und unverletzt, und konnte selbst kaum glauben, daß es so war.

Die Wildgänse waren den ganzen Abend immerfort hin und her geflogen, hatten gespäht und gerufen, aber keinen Däumling finden können. Sie suchten auch noch weiter, nachdem schon die Sonne untergegangen war, und als es so dunkel wurde, daß es Schlafenszeit für sie war, fühlten sich alle sehr niedergedrückt. Sie glaubten, der Junge sei beim Hinunterfallen verunglückt und liege nun irgendwo tot im Waldgestrüpp, wo sie ihn nicht sehen könnten.

Aber am nächsten Morgen, als die Sonne das Gesicht über die Berge erhob und die Gänse weckte, siehe! da lag der Junge wie gewöhnlich ruhig schlafend mitten unter ihnen, und als er erwachte und ihr verwundertes Geschrei und Geschnatter hörte, mußte er hell auflachen.

Die Gänse waren äußerst begierig, zu hören, was passiert war, ja, sie wollten nicht einmal auf die Weide gehen, ehe sie die ganze Geschichte erfahren hatten. Da berichtete der Junge rasch und vergnügt sein ganzes Abenteuer mit dem Bären, aber dann schien er plötzlich nicht weiter erzählen zu wollen. „Nun, wie ich zu euch zurückgekommen bin, das wißt ihr wohl schon,“ sagte er.

„Nein, nein, wir wissen gar nichts! Wir glaubten, du habest dich zu Tod gefallen!“

„Das ist doch merkwürdig,“ sagte der Junge. „Denn als der Bärenvater mich verlassen hatte, kletterte ich auf eine Tanne und schlief ein. Aber beim ersten Morgengrauen erwachte ich davon, daß ein Adler auf mich zusauste, mich in seine Klauen nahm und mit mir davonflog. Ich dachte natürlich, jetzt sei es aus mit mir. Aber er tat mir gar nichts zuleide, flog nur geradeswegs hierher und setzte mich mitten unter euch ab.“

„Sagte er nicht, wer er sei?“ fragte der große Weiße.

„Ehe ich mich bedanken konnte, war er schon verschwunden. Ich glaubte, Mutter Akka habe ihn geschickt, mich zu holen.“

„Das ist wirklich merkwürdig,“ sagte der Gänserich. „Bist du auch sicher, daß es ein Adler war?“

„Ich habe zwar noch nie einen Adler gesehen,“ sagte der Junge. „Aber der Vogel war so groß, daß ich keinen andern Namen für ihn wüßte.“

Der Gänserich Martin wendete sich an die Wildgänse und fragte sie, was sie von der Sache hielten. Diese aber schauten nur in die Luft hinauf, als dächten sie an ganz andre Dinge.

„Wir dürfen aber doch unser Frühstück nicht ganz vergessen,“ sagte Mutter Akka; damit breitete sie die Flügel aus und flog eilig davon.

29
Der Dalälf

Freitag, 29. April

An diesem Tag bekam Nils Holgersson den südlichen Teil von Dalarna zu sehen. Die Wildgänse flogen über das ungeheure Grubenfeld von Grängesberg hin, über die großen Anlagen bei Ludovika, über das Ulvhütter Eisenwerk und die alte Fabrik von Gränghammer bis zur Ebene von Groß-Tuna und dem Dalälf.

Als der Junge gleich im Anfang hinter jedem Hügel Fabrikschlote aufragen sah, glaubte er, es sei hier alles wie in Westmanland; als er aber dann an den großen Fluß kam, da sah er etwas ganz Neues. Dies war der erste richtige Fluß, den er in seinem Leben zu sehen bekam, und der Anblick dieser großen, breiten Wassermasse, die durch die Landschaft hinzog, machte einen überwältigenden Eindruck auf ihn.

Als die Wildgänse die Schiffbrücke von Torsång erreichten, änderten sie die Richtung und flogen dem Flusse entlang nordwestwärts weiter, gerade als wollten sie diesen als Wegzeiger benützen. Der Junge betrachtete die Ufer, wo meilenlang ein Gebäude dicht neben dem andern lag. Er sah die großen Wasserfälle bei Domnarvet und Kvarnsveden, sowie die großen Fabriken, deren Räder von diesen Wassern getrieben wurden. Er sah die Schiffbrücken auf dem Wasser liegen, die Boote, die diese Brücke trugen, die Flöße, die auf dem Flusse hintrieben, die Eisenbahnen, die dem Ufer entlang oder quer übers Wasser fuhren, und allmählich wurde ihm klar, was dies für ein großes und merkwürdiges Wasser war.

Gegen Norden machte der Fluß einen großen Bogen. Innerhalb dieser Krümmung war das Land öde und menschenleer, und hier ließen sich die Wildgänse auf einer Wiese nieder, um zu weiden. Der Junge lief gleich auf den Uferrain hinauf; er wollte den Fluß betrachten, der hier in einem breiten Bette tief unter ihm hinzog. Die Landstraße führte zum Fluß hinunter, und die Reisenden wurden auf einer Fähre übergesetzt. Das war etwas Neues für den Jungen, und es machte ihm eine Weile großen Spaß, da zuzusehen. Doch plötzlich überfiel ihn eine ungeheure Müdigkeit. „Ich glaube, ich muß ein wenig schlafen, denn ich habe in der letzten Nacht kein Auge geschlossen,“ dachte er. Damit kauerte er an einem dichten Grashügel nieder, versteckte sich, so gut er konnte, unter Gras und Kräutern und schlief ein.

Er erwachte an einem Geräusch: neben ihm saßen Menschen, die sich miteinander unterhielten. Sie waren auf der Landstraße dahergekommen, konnten aber nicht gleich über den Fluß gesetzt werden, weil große Eisschollen im Wasser trieben, die die Fähre am Überfahren hinderten. Um sich die Wartezeit zu verkürzen, hatten die Leute den Wall erstiegen und sich da niedergesetzt; jetzt redeten sie davon, welche Beschwer man mit dem Flusse doch habe.

„Ob wir wohl heuer auch wieder so eine große Überschwemmung bekommen wie im vorigen Jahre?“ sagte ein Bauer. „Da ging das Wasser bei uns daheim bis oben an die Telegraphenstangen, und die ganze Schiffbrücke wurde mit fortgerissen.“

„Im letzten Jahr richtete er in unserer Gegend nicht so viel Schaden an,“ sagte ein andrer Bauer. „Aber vor zwei Jahren wurde mir ein ganzer Heuschober weggeschwemmt.“

„Die Nacht werde ich nie vergessen, wo die Überschwemmung die große Brücke bei Domnarvet zerstörte,“ sagte ein Eisenbahnarbeiter. „In jener Nacht hat in der ganzen Fabrik niemand auch nur ein Auge geschlossen.“

„Ja, der Fluß richtet viel Schaden an,“ sagte ein großer, stattlicher Mann. „Aber wenn ich euch hier so über ihn losziehen höre, muß ich unwillkürlich an unsern Propst denken. In der Propstei wurde einmal ein Fest gefeiert, und da beklagten sich die Leute auch über den Fluß, gerade wie ihr jetzt, doch da wurde der Propst ganz erregt und sagte, er wolle uns eine Geschichte erzählen. Und als er dies getan hatte, wagte von der ganzen Gesellschaft auch nicht einer mehr ein böses Wort über den Dalälf zu sagen, und ich möchte wissen, ob es euch nicht auch so gegangen wäre, wenn ihr zugehört hättet.“

Als die Leute dies hörten, wollten alle wissen, was der Propst über den Fluß gesagt hätte, und der Bauer erzählte ihnen die Geschichte, so gut er sich noch daran erinnern konnte.

Hoch droben an der norwegischen Grenze lag tief im Gebirge ein See. Aus diesem floß ein Bach heraus, der sofort eifrig schäumend daherrauschte. So klein er auch war, wurde er doch gleich von Anfang an der Storå, der „Große Fluß“ genannt, weil er aussah, als könnte etwas Rechtes aus ihm werden.

Gleich nachdem er den See verlassen hatte, schaute er sich neugierig nach allen Seiten um, welche Richtung er jetzt wohl am besten einschlagen würde. Aber was er sah, war nicht gerade ermutigend. Nach rechts, nach links und geradeaus waren nichts als waldige Hügel, die allmählich zu kahlen Felsrücken, und weiterhin steile, kahle Felswände, die zu hohen Berggipfeln wurden.

Der Fluß richtete seine Blicke gen Westen; da hatte er den Långfjäll mit dem Djupgravstöten, sowie Barfröhågna und Storvätteshågna vor sich. Jetzt schaute er nordwärts. Da war der Näsfjäll, im Osten ragte der Nipfjäll, im Süden aber der Städjan auf. Der Fluß überlegte eben, ob er nicht am besten täte, wieder in den See zurückzukehren. Aber dann dachte er, er müßte doch wenigstens einen Versuch machen, bis zum Meere durchzudringen, und so machte er sich denn auf den Weg.

Wie man sich denken kann, war es ein schweres Stück Arbeit für den Fluß, sich einen Weg durch die Wildnis hindurchzubahnen. Wenn ihm nichts andres im Wege stand, war immer noch der Wald da. Um freien Lauf zu bekommen, mußte er eine Kiefer um die andre entwurzeln. Im Frühjahr, wenn der erste Zulauf kam und sich sein Bett mit Schneewasser aus den Wäldern füllte, und wenn später die Schneeschmelze auf den Bergen begann, so daß die Gebirgswasser von den Felsen herabstürzten, da war der Fluß am stärksten und reißendsten. Da nahm er alle seine Kraft zusammen, rauschte mächtig daher, fegte Stämme und Erde hinweg und grub sich einen Weg durch die Sandhügel hindurch. Aber auch im Spätjahr, wenn er nach den Herbstregen gestiegen war, vollbrachte er ein tüchtiges Stück Arbeit.

Eines schönen Tages, als der Storå sich wie gewöhnlich seinen Weg eifrig weiterbahnte, hörte er rechts von sich tief im Walde ein Rauschen und Plätschern. Er lauschte so eifrig, daß er fast ganz still hielt. „Was mag das nur sein?“ fragte er.

Der Wald, der ringsumher aufragte, konnte es nicht lassen, sich über den Fluß ein wenig lustig zu machen.

„Du meinst wohl, du seiest ganz allein auf der Welt?“ sagte er. „Aber ich will dir nur sagen: was du da hörst, ist der Grövel aus dem Grövelsee. Jetzt eben hat er sich durch ein schönes Tal hindurchgegraben, und er erreicht das Meer gewiß ebenso schnell wie du.“

Aber der Storå hatte seinen eigenen Kopf, und als er dies hörte, sagte er, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern: „Der Grövel ist gewiß ein armer Schlucker, der nicht allein vorwärts kommt. Sag ihm deshalb, der Storå vom Vånsee sei auf dem Weg zum Meere, der wolle sich seiner annehmen, und wenn er sich ihm anschließen wolle, ihm weiterhelfen.“

„Du bist ein rechter Prahlhans,“ sagte der Wald. „Ja, ich will ihm deinen Gruß bestellen, aber der Grövel wird keine Freude daran haben.“

Am nächsten Morgen jedoch stand der Wald vor dem Storå und sagte, er solle von dem Grövel einen Gruß bestellen. Dieser habe sich so mühselig durchkämpfen müssen und sei deshalb um jede Hilfe froh, er werde sich daher so rasch er könne, mit dem Storå vereinigen.

Nachdem dies geschehen war, arbeitete sich der Storå natürlich nur noch schneller weiter, und nach kurzer Zeit erblickte er einen schönen schmalen See, in dessen klarem Wasser sich der Idreberg und die Städjanfelsen widerspiegelten.

„Was ist denn das?“ fragte der Fluß, der vor lauter Verwunderung wieder beinahe stillstand. „Ich kann doch nicht so verrückt gewesen und wieder zum Vånsee zurückgekehrt sein?“

Aber der Wald, der zu jener Zeit überall zur Hand war, sagte sogleich: „O nein, du bist nicht zum Vånsee zurückgekommen, dies ist der Idresee, den der Sörälf mit seinem Wasser gefüllt hat. Das ist ein tüchtiger Fluß. Jetzt hat er den See ganz gefüllt und sucht sich einen Ausfluß zu verschaffen.“

Als der Storå das hörte, sagte er rasch zu dem Walde: „Du, der überall hinreicht, könntest dem Sörälf einen Gruß von mir ausrichten und ihm sagen, der Storå vom Vånsee sei da, und wenn er mich durch den See hindurchziehen lasse, wolle ich ihn dafür mit nach dem Meere nehmen. Er brauche sich dann gar nicht mehr um sein Fortkommen zu bekümmern, dafür würde ich sorgen.“

„Nun, ich kann ihm deinen Vorschlag wohl ausrichten,“ sagte der Wald, „aber der Sörälf wird wohl nicht auf deinen Vorschlag eingehen, denn er ist ebenso mächtig wie du.“

Am nächsten Tag jedoch richtete der Wald aus, der Sörälf sei es auch müde, sich allein einen Weg zu bahnen, und er wolle sich gern mit dem Storå vereinigen.

Der Fluß zog also mitten durch den See hindurch und arbeitete sich immer weiter durch den Wald und das Gebirge. Eine Weile kam er ordentlich vorwärts; aber dann geriet er in eine Felsenschlucht hinein, die von allen Seiten verschlossen war. Da gab es keinen Ausweg für ihn. Er brauste und schäumte vor Zorn, und als der Wald hörte, wie rasend er war, sagte er: „Jetzt ist es doch aus mit dir!“

„Aus mit mir!“ rief der Fluß. „O nein, aber ich habe hier etwas ganz Besonderes vor. Ich will nur sehen, ob ich nicht ebensogut wie der Sörälf einen See machen kann.“

So fing er an, den Särnasee zu schaffen, und dazu brauchte er einen ganzen Sommer hindurch. Je höher das Wasser in dem See stieg, desto höher hob sich auch der Storå, und schließlich fand er am südlichen Rand eine Stelle, wo er hinausfließen konnte.

Nachdem der Fluß wohlbehalten aus dieser Klemme hinausgekommen war, hörte er eines Tages zu seiner Linken ein lautes Brausen und Rauschen. So ein lautes Brausen hatte er im Walde noch nie vernommen, und er fragte schnell, was denn das sei.

Und natürlich hatte der Wald auch sogleich eine Antwort bereit. „Das ist der Fjätälf,“ sagte er. „Hörst du, wie er rauscht und braust? Er ist auf dem Weg nach dem Meere.“

„Wenn du so weit reichst, daß der Fluß dich hören kann,“ rief der Storå, „dann grüß ihn von mir und sage dem Schwächling, der Storå vom Vånsee biete sich an, ihn mit nach dem Meere zu nehmen; doch nur unter der Bedingung, daß er meinen Namen annehme und gehorsam mit mir weiter fließe.“

„O, der Fjätälf gibt seine Selbständigkeit nicht auf, das glaube ich nun und nimmer!“ sagte der Wald.

Aber am nächsten Tag mußte er dem Storå gestehen, daß auch der Fjätälf es müde geworden sei, sich seinen eigenen Weg zu bahnen, und sich gerne mit dem Storå vereinigen wolle.

Und der Storå zog immer weiter durchs Land. Er war indes noch gar nicht so groß, wie man eigentlich hätte erwarten können, da er jetzt doch so viele Helfer bei sich hatte. Aber stolz war er! Sein Lauf bestand fast aus lauter Wasserfällen, und mit lautem Rauschen rief er alles, was im Walde plätscherte und rieselte, ja selbst das kleinste Frühlingsbächlein, zu sich heran.

Eines Tages hörte er weit, weit im Westen einen Fluß rauschen, und als er den Wald fragte, was das sei, antwortete dieser, das sei der Fuluälf, der das Wasser von den Fulufelsen aufnehme und sich schon ein sehr langes und breites Bett gegraben habe.

Kaum hatte der Storå das vernommen, als er dem Wald auch schon den gewohnten Gruß auftrug; der Wald übernahm auch den Auftrag, und am nächsten Tag brachte er dann Botschaft vom Fuluälf. „Sage dem Storå,“ hatte der Fluß geantwortet, „ich wolle durchaus keine Hilfe. Ein solcher Gruß hätte außerdem besser mir angestanden als dem Storå, denn ich bin der mächtigere von uns beiden und komme sicher früher zum Meere als er.“

Kaum hatte der Storå diese Botschaft gehört, als er auch schon seine Antwort bereit hatte. „Sage dem Fuluälf sofort,“ rief er dem Walde zu, „ich fordere ihn zum Wettstreit heraus. Wenn er meint, er sei stärker als ich, soll er es beweisen und mit mir um die Wette laufen. Wer zuerst am Meere anlangt, hat gewonnen!“

Als der Fuluälf diese Botschaft hörte, erwiderte er: „Ich habe nichts gegen den Storå, und es wäre mir lieber gewesen, wenn ich meinen Weg in Ruhe und Frieden hätte fortsetzen dürfen. Aber die Fulufelsen schicken mir gewiß soviel Beistand, daß es feig von mir wäre, wenn ich die Herausforderung nicht annähme.“

Hierauf begannen die beiden Ströme das Wettrennen. Mit noch größerer Eile als vorher rauschten sie dahin und ließen sich Sommer und Winter keine Ruhe.

Aber es hatte allen Anschein, als ob der Storå sehr bald Grund hätte, seine verwegene Herausforderung zu bereuen, denn er stieß auf ein Hindernis, das ihm beinahe unüberwindlich wurde. Dieses Hindernis war ein Berg, der mitten auf seinem Wege lag, und durch den nur eine ganz enge Felsenspalte führte. Der Storå machte sich so schmal wie möglich und drängte sich unter wildem Schäumen hinein; aber er mußte viele Jahre lang waschen und aushöhlen, bis er die Spalte zu einer annähernd genügend breiten Rinne ausgeweitet hatte.

Während dieser Zeit fragte der Storå den Wald mindestens alle sechs Monate einmal, wie es dem Fuluälf gehe.

„Dem Fuluälf geht es so gut, wie er es sich nur wünschen kann,“ antwortete der Wald. „Er hat sich mit dem Görälf vereinigt, der das Wasser von dem norwegischen Gebirge aufnimmt.“

Und ein andres Mal, als der Storå den Wald wieder gefragt hatte, antwortete dieser:

„Um den brauchst du dir keine Sorge zu machen, er hat eben den ganzen Horrmundsee mitgenommen.“

Aber den Horrmundsee hatte der Storå selbst mitzunehmen die Absicht gehabt, und als er nun von dessen Übergang in den Fuluälf hörte, wurde er so wütend, daß er sich endlich durch seinen Engpaß hindurchzwängte und so wildschäumend davonstürzte, daß er mehr Erde und Wald mit sich fortriß, als eigentlich notwendig gewesen wäre. Es war gerade im Frühling, und der Fluß überschwemmte die ganze Gegend zwischen Hyckjeberg und Väsaberg, und ehe er sich wieder beruhigen konnte, hatte er eine Landschaft geschaffen, die das Älfdal genannt wurde.

„Ich möchte nur wissen, was der Fuluälf dazu sagt!“ rief der Storå dem Walde zu.

Der Fuluälf hatte indessen Transtrand und Lima ausgegraben, aber nun stand er schon ziemlich lange vor Limed und suchte nach einem Ausweg, weil er sich nicht über das steile Gebirge hinunterzustürzen wagte. Als er jedoch hörte, daß der Storå seinen Engpaß durchbrochen und das Älfdal ausgegraben habe, sagte er, nun möge es gehen, wie es wolle, er könne sich nicht länger aufhalten. Und er warf sich die Limedwand hinunter.

Es war ein gewaltiger Sprung, aber er kam wohlbehalten unten an, und jetzt ging es natürlich schnellen Laufes weiter. Er grub Malung und Järna aus, und hier gelang es ihm, den Vanfluß zu überreden, sich mit ihm zu vereinigen, obgleich der Vanfluß ganze zehn Meilen lang war und sich auf eigene Faust einen so großen See wie den Vänjan ausgegraben hatte.

Ab und zu glaubte der Fuluälf ein merkwürdig starkes Brausen zu vernehmen.

„Jetzt ist mir, als höre ich, wie sich der Storå ins Meer stürzt,“ sagte er.

„Nein,“ sagte der Wald, „was du hörst, ist freilich das Rauschen des Storå, aber er hat das Meer noch nicht erreicht. Er hat allerdings den Orsasee und den Skattungen aufgenommen und prahlt nun, er wolle das ganze Siljantal füllen.“

Das war eine gute Nachricht für den Fuluälf. Er dachte, wenn sich der Storå einmal ins Siljantal hinunter verirrt hätte, dann sei er dort wie in einem Gefängnis eingeschlossen, und er selbst werde alsdann das Meer sicher zuerst erreichen.

Von da an zog der Fuluälf ganz behaglich dahin. Im Frühjahr vollbrachte er sein schwerstes Stück Arbeit. Da stieg er hoch über Wälder und Hügel hinauf und wo er hinzog, hinterließ er ein breites Tal. Auf diese Weise schritt er von Järna nach Näs und von Näs nach Floda. Von Floda kam er nach Gagnef. Hier war schon im voraus eine Ebene. Die Berge waren weit zurückgewichen, und der Fuluälf konnte ohne jegliche Schwierigkeit weiterziehen; da vergaß er seinen vorherigen Eifer vollständig und schlängelte sich in allerlei Buchten und Krümmungen dahin, fast wie ein ganz junges, fröhliches Bächlein.

Aber wenn der Fuluälf den Storå vergessen hatte, so hatte doch der Storå den Fuluälf nicht vergessen. Jeden Tag war er eifrig an seiner Arbeit, das Siljantal ganz mit Wasser zu füllen, damit er an irgend einer Stelle hinauskommen könnte; aber wie ein ungeheures Becken lag das Tal noch immer da und schien niemals voll zu werden. Der Storå war oft am Verzweifeln und glaubte schon, er müsse schließlich den ganzen Gesundaberg unter Wasser setzen, nur um aus seinem jetzigen Gefängnis herauszukommen. Er versuchte bei Rättvik durchzubrechen, aber da stand ihm der Lerdalberg im Wege. Schließlich kam er aber doch bei Leksand heraus.

„Sag dem Fuluälf nicht, daß ich herausgekommen bin!“ rief er dem Wald zu; und der Wald versprach zu schweigen.

Im Vorbeigehen nahm der Storå nun den Insee mit, und dann floß er als stolzer, gewaltiger Fluß durch Gagnef hindurch.

Als er in Gagnef nahe bei Mjälgen war, sah er einen prachtvollen, breiten Fluß, der mit hellem, glänzendem Wasser dahergezogen kam, und der die Wälder und Sandhügel, die ihm im Wege lagen, wie spielend auf die Seite schob.

„Was ist denn das für ein wunderschöner Fluß?“ fragte der Storå.

Aber gerade in diesem Augenblick fragte der andre Fluß, der der Fuluälf war, ganz dasselbe. „Was ist denn das für ein Fluß, der so stolz und gewaltig von Norden daherkommt? Ich hätte nie geglaubt, daß ich einen Fluß sehen würde, der so mächtig und kraftvoll zu Tale zieht,“ sagte er.

Da sagte der Wald so laut, daß beide Flüsse es hörten: „Nachdem ihr alle beide, der Storå und der Fuluälf, so Gutes über einander gesagt habt, meine ich, ihr solltet euch nun ohne Säumen miteinander vereinigen und euch dann gemeinsam einen Weg zum Meere bahnen.“

Das schien den beiden Flüssen zu gefallen. Aber noch ein Hindernis stand ihnen im Wege. Keiner wollte seinen Namen aufgeben und den des andern annehmen.

Aus diesem Grunde wäre die Vereinigung schließlich fast nicht zustande gekommen; da schlug der Wald vor, sie sollten doch einen neuen Namen annehmen, der bis jetzt keinem von ihnen gehöre.

Darauf gingen sie ein, und der Wald sollte den Namen wählen. Dieser bestimmte nun, der Storå solle seinen Namen ablegen und sich Ost-Dalälf nennen, und der Fuluälf solle seinen auch ablegen und den Namen West-Dalälf annehmen. Und nachdem sie sich dann vereinigt hätten, sollten beide zusammen recht und schlecht Dalälf heißen.

Und jetzt, nachdem die beiden Flüsse sich vereinigt hatten, ging es mit gewaltiger Kraft weiter: nun konnte ihnen nichts mehr widerstehen. Sie machten den Boden von Groß-Tuna so eben wie einen Hofplatz; sie stürzten sich ohne Zögern über die Felsen bei Kvarnsveden und Domnarvet hinunter. Als sie in die Nähe des Runnsees kamen, sogen sie dessen Wasser auf und zwangen alle Flüsse der Umgegend, sich mit ihnen zu vereinigen. Dann zogen sie ohne große Hindernisse ostwärts, immer weiter dem Meere zu und wurden an manchen Stellen so breit wie ganze Seen. Bei Söderfors errangen sie sich großen Ruhm, desgleichen auch bei Älfkarleby, und endlich erreichten sie das Meer.

Als sie eben im Begriff waren, sich ins Meer zu stürzen, gedachten sie ihres langen Wettstreits, und wie viele Mühe und Beschwer sie dadurch gehabt hätten.

Jetzt fühlten sie sich alt und müde und verwunderten sich, daß sie sich in ihrer Jugend so gerne gestritten und gegenseitig herausgefordert hatten, ja, sie fragten sich, was für einen Nutzen sie eigentlich davon gehabt hätten.

Aber auf diese Frage erhielten sie keine Antwort, denn der Wald war weit droben im Lande stehen geblieben; sie selbst aber konnten sich in ihrem Bette nicht umdrehen und also auch nicht sehen, wie die Menschen überall vorgedrungen waren, wie viele Straßen sie gebaut hatten, wie an den Seen des Ost-Dalälfs und in den Tälern des West-Dalälfs eine Ortschaft um die andre herangewachsen war, und wie im ganzen Lande noch immer überall nur öde Wälder und kahle Gebirge waren, ausgenommen da, wo die beiden Flüsse während ihres heftigen Wettstreits hingezogen waren.

30
Der Bruderteil

Die alte Grubenstadt

Freitag, 29. April

Bataki, der Rabe, wußte in ganz Schweden keinen Ort, wo es ihm so gut gefiel wie in Falun. Sobald im Frühjahr die Erde wieder ein wenig hervorschimmerte, begab er sich dahin und hielt sich dann mehrere Wochen lang in der Nähe der alten Bergwerkstadt auf.

Falun liegt in einer Talsenkung, durch die ein Flüßchen von kurzem Lauf hinzieht. An dem nördlichen Ende des Tals liegt ein schöner, heller kleiner See mit grünen, reich gegliederten Ufern, namens Varpan. Am südlichen Ende ist eine weite, große vom Runnsee gebildete Bucht, die auch fast wie ein See ist; sie heißt Tisken und hat niedriges, trübes Wasser und sumpfige, unschöne mit allem möglichen Abfall übersäte Ufer. Östlich von dem Tale zieht sich eine reizende Hügelkette hin, auf deren Gipfel stattliche Tannenwälder und saftige Birkengehölze prangen und deren Hänge überall mit schattigen Obstgärten bedeckt sind. Westlich von der Stadt liegt auch ein Bergrücken. Dieser ist ganz oben mit ärmlichen Kiefern bestanden, die Hänge aber sind vollständig kahl, ohne Bäume und Kräuter, wie eine richtige Wüste. Nichts gibt es dort oben, nichts als große runde Steinblöcke, die überall verstreut liegen.

Die Stadt Falun, die in der Talsenkung rechts und links von dem Flusse liegt, sieht aus, als sei sie ganz nach der Bodenbeschaffenheit, auf der sie steht, gebaut worden. Auf der grünen Seite des Tales sind alle die Gebäude, die ein stattliches oder hübsches Aussehen haben. Da stehen die beiden Kirchen, das Rathaus, die Wohnung des Bezirkspräsidenten, die Bergwerkskanzleien, die Bank, die Gasthäuser, die vielen Schulen, das Spital, sowie alle hübschen Villen und schönen Landhäuser. Auf der schwarzen Seite dagegen gibt es Straßen auf, Straßen ab nichts als rotangestrichene einstöckige Häuser, lange traurige Holzschuppen und große plumpe Fabrikgebäude. Und auf der andern Seite dieser Gassen, mitten in der großen Steinwüste, liegen die Faluner Gruben mit ihren Fahrkünsten, Winden und Pumpwerken, mit altmodischen Gebäuden, die schief auf dem untergrabenen Erdreich stehen, mit hohen schwarzen Schlackenbergen und langen Reihen Schmelzöfen ringsumher.

Was nun Bataki betrifft, so pflegte er niemals auch nur einen Blick auf den östlichen Stadtteil zu werfen und ebensowenig auf den schönen Varpansee. Um so besser aber gefiel ihm die westliche Seite und der kleine Tiskensee.

Der Rabe Bataki liebte alles, was geheimnisvoll war, alles, was ihm Gelegenheit zum Grübeln gab und ihn zum Nachdenken anregte, und dazu fand er auf der schwarzen Seite reichlich Gelegenheit. So machte es ihm zum Beispiel ein großes Vergnügen, zu ergründen, warum diese alte rote Holzstadt nicht auch abgebrannt sei, wie alle andern roten Holzstädte in diesem Lande? Ebenso hatte er sich gefragt, wie lange wohl die windschiefen Häuser am Rande der Gruben noch stehen bleiben könnten? Er hatte über den großen „Schacht“, jene ungeheure Öffnung im Boden mitten auf dem Grubenfeld, ernstlich nachgedacht und war auch ganz bis auf den Grund hineingeflogen, um zu untersuchen, wie dieser unermeßlich große leere Raum entstanden sei. Er war in helle Verwunderung ausgebrochen über die riesigen Schlackenhaufen, die wie Mauern den Schacht und die Grubenhäuser umgaben. Auch hatte er sich klar zu machen versucht, was die kleine Signalglocke zu bedeuten habe, die das ganze Jahr hindurch in bestimmten Zwischenräumen einen kurzen, unheimlich klingenden Glockenschlag vernehmen ließ; und in erster Linie hätte er gerne gewußt, wie es ganz drunten in der Erde aussähe, wo das Kupfererz seit so vielen hundert Jahren herausgebrochen wurde, und wo die Erde so untergraben und so voller Gänge war wie ein Ameisenhaufen. Wenn es dann Bataki schließlich gelungen war, einigermaßen Klarheit in diese seine Gedanken zu bringen, schwebte er fort und hinaus in die unheimliche Steinwüste, um weiter darüber nachzusinnen, warum kein Gras zwischen den Feldsteinen wüchse, oder zuweilen begab er sich auch hinunter an den Tisken. Dieser See erschien ihm als das wunderbarste Wasser, das er je gesehen hatte. Woher mochte es nur kommen, daß gar keine Fische darin waren, und woher wurde denn das Wasser, wenn es ein Sturm aufwühlte, manchmal ganz rot? Das war um so wunderbarer, als ein Grubenfluß, der in den See floß, glänzendes hellgelbes Wasser hatte. Bataki zerbrach sich den Kopf über die Ruinen der zerstörten Gebäude, die noch am Ufer des Sees lagen, sowie über die Tisker Sägemühle, die von grünen Gärten umgeben und von hohen Bäumen beschattet zwischen der öden Steinwüste und dem merkwürdigen See hervorschimmerte.

In dem Jahr, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land zog, stand am Ufer des Tisken eine Strecke vor der Stadt draußen ein altes Haus, das die „Schwefelküche“ genannt wurde, weil dort alle paar Jahre einige Monate lang Schwefel gekocht wurde. Das Haus war eine alte Baracke, die einst rot angestrichen gewesen war, allmählich aber eine graubraune Färbung angenommen hatte. Statt der Fenster sah man nur eine Reihe Luken, die überdies beinahe fast immer verrammelt waren. In dieses Haus hatte Bataki fast noch nie einen Blick hineinwerfen können, und deshalb war es ihm viel interessanter als jedes andre. Er hüpfte auf dem Dach umher, um irgend ein Loch zu entdecken, und oftmals saß er auf dem hohen Schornstein und schaute durch die enge Öffnung hinunter.

Aber eines Tages ging es Bataki schlecht. Es hatte tüchtig gestürmt, und in der alten Schwefelküche war eine Luke aufgerissen worden. Bataki hatte die Gelegenheit natürlich sogleich benützt und war durch die Luke in das Gebäude hineingeflogen. Doch kaum war er drinnen, da schlug die Luke hinter ihm wieder zu, und Bataki war gefangen. Er hoffte, der Sturm werde die Luke von neuem aufreißen, aber dazu schien der gar keine Lust zu haben.

Durch die Risse in den Mauern fiel ziemlich viel Licht in das Gebäude hinein, und so wurde Bataki wenigstens die Freude zuteil, sich in dem Raume umsehen zu können. Es war nichts darin, als ein großer Herd mit einem eingemauerten Kessel, und daran hatte sich der Rabe bald satt gesehen. Er wollte darum das Gebäude jetzt wieder verlassen, fand dies aber noch immer unmöglich; der Wind wollte die Luke nicht wieder aufreißen. Kein einziges Loch und keine Tür stand offen; der Rabe befand sich ganz allein in seinem Gefängnis.

Bataki begann um Hilfe zu rufen, und als keine kam, setzte er sein Geschrei den ganzen Tag hindurch fort. Es gibt wohl kein andres Tier, das einen so ununterbrochenen Spektakel verführen kann wie ein Rabe, und das Gerücht, daß Bataki in Gefangenschaft geraten sei, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die graugestreifte Katze von der Tisker Sägemühle war die erste, die Kunde von dem Unglück erhielt. Sie teilte es den Hühnern mit, und diese gackerten es den vorbeifliegenden Vögeln zu. Bald wußten alle Dohlen und Tauben und Krähen und Sperlinge in ganz Falun, was geschehen war, und alle flogen auch sogleich nach der alten Schwefelküche, um die Sache in der Nähe zu besehen. Alle hatten großes Mitleid mit dem Raben, aber keinem kam ein guter Gedanke, wie man ihm heraushelfen könnte.

Da plötzlich rief ihnen Bataki mit seiner scharfen, krächzenden Stimme zu: „Still, ihr da draußen! Und hört mich an! Da ihr sagt, ihr möchtet mir gern heraushelfen, so erforscht, wo sich die alte Wildgans von Kebnekajse mit ihrer Schar befindet. So viel ich weiß, ist sie zu dieser Jahreszeit in Dalarna. Sagt Akka, wie es hier um mich steht. Ich glaube, der einzige, der mir helfen kann, ist unter ihrer Schar!“

Die Taube Agar, der beste Botschafter im ganzen Land, traf die Schar der Wildgänse am Ufer des Dalälf, und als die Dämmerung anbrach, kam sie mit Akka dahergeflogen. Die beiden ließen sich vor der Schwefelküche nieder. Auf Akkas Rücken saß der Däumling; die andern Wildgänse waren auf einer kleinen Insel im Runnsee zurückgeblieben, weil Akka gefürchtet hatte, es könnte mehr schaden als nützen, wenn alle miteinander nach Falun kämen.

Nachdem Akka sich einen Augenblick mit Bataki beraten hatte, nahm sie den Däumling auf den Rücken und flog nach einem Hofe, der ganz in der Nähe der Schwefelküche lag. Sachte schwebte sie über den Garten und das Birkengehölz hin, die den kleinen Hof umgaben, und währenddessen schauten die beiden, Akka und der Junge, unverwandt auf die Erde hinab. Hier spielten die Kinder im Freien, das war leicht zu erraten, denn auf dem Boden lagen allerlei Spielsachen umher, und es dauerte auch gar nicht lange, bis die beiden in der Luft droben entdeckt hatten, was sie suchten. In einem lustig plätschernden Frühlingsbach hämmerte eine Reihe kleiner Mühlen, und ganz in der Nähe davon lag ein kleines Stemmeisen. Auf ein paar kleinen Holzböcken stand ein halbfertiges Boot, und daneben fand der Junge einen winzigen Knäuel Bindfaden.

Mit diesen Sachen flogen die beiden nach der Schwefelküche zurück. Der Junge band das eine Ende des Bindfadens um den Schornstein, führte das andre in das tiefe Loch hinein und ließ sich dann selbst daran hinuntergleiten. Nachdem er Bataki begrüßt hatte, der ihm mit vielen schönen Worten für sein Kommen dankte, machte sich der Junge daran, mit dem Stemmeisen ein Loch in die Wand zu schlagen.

Die Schwefelküche hatte keine dicken Wände, aber der Junge brachte mit jedem Schlag nur einen ganz kleinen dünnen Span los; ein Mäuschen hätte mit seinen Vorderzähnen ganz dasselbe leisten können. Ach, der Junge sah schon, er würde unfehlbar die ganze Nacht arbeiten müssen, wenn er ein genügend großes Loch für den Raben zustande bringen wollte!

Bataki sehnte sich ungeheuer nach der Freiheit und konnte vor lauter Aufregung nicht schlafen. Im Anfang war der Junge sehr fleißig; aber nach einer Weile hörte der Rabe, daß die Schläge in immer längeren Zwischenräumen ertönten, und schließlich setzten sie ganz aus.

„Du bist gewiß müde,“ sagte Bataki, „und kannst vielleicht nicht mehr weitermachen.“

„Nein, ich bin nicht müde,“ antwortete der Junge und griff wieder nach dem Stemmeisen. „Aber ich habe schon längere Zeit keine Nacht ordentlich geschlafen, und nun weiß ich nicht, wie ich mich wach halten soll.“

Wieder ging die Arbeit eine Weile rasch vorwärts, doch nach kurzer Zeit ertönten die Schläge wieder in immer längeren Zwischenräumen. Und wieder weckte der Rabe den Jungen; aber soviel war ihm jetzt klar, wenn er nicht irgend etwas ausfindig machte, mit dem er ihn wach erhalten konnte, mußte er nicht nur diese eine Nacht, sondern auch noch den ganzen nächsten Tag in seinem Gefängnis verbleiben.

„Meinst du, die Arbeit ginge dir besser von der Hand, wenn ich dir eine Geschichte erzählen würde?“ fragte Bataki.

„Ja, das wäre wohl möglich,“ antwortete der Junge. Zugleich aber mußte er laut gähnen; der arme Kerl war furchtbar schläfrig und konnte kaum noch sein Werkzeug festhalten.

Die Geschichte von der Grube zu Falun

„Siehst du, mein lieber Däumling,“ begann der Rabe, „ich habe schon sehr lange auf der Welt gelebt. Gutes und Schlimmes ist mir widerfahren, und mehrere Male bin ich sogar von den Menschen gefangen gehalten worden; dadurch habe ich nicht allein ihre Sprache verstehen lernen, sondern ich habe mir auch viel von ihrer Gelehrsamkeit zu eigen gemacht. Und jetzt kann ich behaupten, daß es im ganzen Land keinen Vogel gibt, der so gut Bescheid über deine Stammesgenossen wüßte wie ich.

Einmal saß ich viele Jahre lang ununterbrochen in einem Käfig bei einem Obersteiger hier in Falun, und in seinem Hause erfuhr ich das, was ich dir jetzt erzählen will.

In alten Zeiten wohnte hier in Dalarna ein Riese mit seinen beiden Töchtern. Als nun der Riese alt war und fühlte, daß er sterben mußte, ließ er seine Töchter vor sich kommen, um sein Besitztum zwischen ihnen zu teilen.

Sein Hauptreichtum bestand in einigen ganz mit Kupfer angefüllten Bergen, und diese wollte er seinen Töchtern schenken. ‚Aber ehe ich euch die Erbschaft übergebe,‘ sagte der Riese, ‚müßt ihr mir versprechen, jedweden Fremdling, der euern Kupferberg entdeckt, totzuschlagen, ehe er seine Entdeckung irgend einem andern Menschen mitteilen kann.‘

Die älteste der beiden Riesentöchter war wild und grausam, und sie versprach ohne Zögern, dem Gebot des Vaters Folge zu leisten. Die andre aber hatte ein weicheres Gemüt, und der Vater sah, daß sie überlegte, ehe sie das Versprechen gab. Deshalb vermachte er ihr nur ein Drittel der Erbschaft; und die älteste erhielt also gerade noch einmal so viel wie die jüngste.

‚Auf dich kann ich mich verlassen wie auf einen Mann, das weiß ich,‘ sagte der Riese, ‚und deshalb erhältst du den Bruderteil.‘

Gleich darauf starb der Riese, und lange Zeit hielten die beiden Töchter gewissenhaft ihr Gelübde. Mehr als ein armer Holzfäller oder Jäger entdeckte das Kupfererz, das an mehreren Stellen ganz an der Oberfläche der Berge lag; aber kaum war er zu Hause angelangt und hatte den Seinigen mitgeteilt, was er gesehen hatte, als ihm auch schon ein Unglück zustieß. Entweder wurde er von einem stürzenden Baum erschlagen oder unter einem Bergsturz begraben. Nie hatte er Zeit, einem andern Menschen zu zeigen, wo der Schatz in der Wildnis zu finden war.

Die Geschichte von der Grube zu Falun
Die Geschichte von der Grube zu Falun

Zu jener Zeit war es allgemein Brauch im Lande, daß die Bauern im Sommer ihr Vieh weit hinein in die Wälder auf die Weide schickten. Die Hirtenmädchen zogen mit aus, sie zu bewachen, sie zu melken und Butter und Käse zu bereiten. Und damit die Leute und das Vieh ein Obdach in der Einöde hätten, rodeten die Bauern mitten in der Wildnis ein Stück Wald um und errichteten ein paar kleine Blockhäuser, die sie Sennhütten nannten.

Nun aber hatte einmal ein Bauer, der am Dalälf im Kirchspiel Torsång wohnte, seine Sennhütten drüben am Runnsee errichtet, wo der Boden so steinig war, daß ihn bis dahin niemand urbar zu machen versucht hatte. In einem Herbst begab sich der Bauer mit zwei Lastpferden nach der Viehweide, um beim Heimschaffen des Viehs, der Butterfässer und der Käslaibe zu helfen. Als er das Vieh zählte, bemerkte er, daß einer der Geißböcke ganz rote Hörner hatte.

‚Was hat denn der Geißbock Kåre für merkwürdig rote Hörner?‘ fragte der Bauer die Sennerin.

‚Ich weiß nicht, was es ist,‘ antwortete das Mädchen. ‚Den ganzen Sommer hindurch ist er jeden Abend mit solchen roten Hörnern zurückgekommen. Er glaubt gewiß, das sei schön.‘

‚Meinst du?‘ fragte der Bauer.

‚Ach, dieser Bock ist eine eigensinnige Kreatur; ich mag ihm die roten Hörner noch so oft abreiben, sofort läuft er wieder davon und macht sie sich von neuem rot.‘

‚Reibe die rote Farbe noch einmal ab,‘ sagte der Bauer. ‚Dann will ich sehen, woher er sie bekommt.‘

Kaum hatte das Mädchen die Hörner abgerieben, als der Bock auch schon wieder rasch in den Wald hineinsprang. Der Bauer lief hinter ihm her, und als er den Bock einholte, rieb dieser eben seine Hörner an einigen roten Steinen. Der Bauer hob die Steine auf, leckte und roch daran und war überzeugt, daß er hier Erz gefunden hätte.

Während er noch dastand und über die Sache nachdachte, rollte dicht neben ihm ein Felsblock den Berg herunter. Der Bauer sprang auf die Seite und rettete sich, der Bock Kåre aber wurde getroffen und erschlagen; und als der Bauer den Abhang hinaufschaute, sah er ein großes, starkes Riesenweib, das eben im Begriff war, einen zweiten Felsblock auf ihn herunter zu wälzen.

‚Was tust du denn?‘ rief der Bauer. ‚Ich habe doch weder dir noch den Deinigen etwas zuleide getan.‘

‚Das weiß ich wohl,‘ erwiderte die Riesin. ‚Aber ich muß dich umbringen, weil du meinen Kupferberg entdeckt hast.‘ Sie sagte dies mit so betrübter Stimme, wie wenn sie den Bauern ganz gegen ihren Willen töten müsse, und so faßte sich dieser ein Herz und knüpfte ein Gespräch mit ihr an. Da erzählte sie ihm von dem alten Riesen, ihrem Vater, von dem Versprechen, das sie hatte geben müssen, und von der Schwester, die den Bruderteil bekommen hatte.

‚Ach, es ist mir in der Seele zuwider, wenn ich die armen unschuldigen Tröpfe, die meinen Kupferberg entdecken, immer gleich umbringen muß, und ich wünschte, ich hätte die Erbschaft gar nicht angetreten,‘ sagte die Riesin. ‚Aber was ich versprochen habe, muß ich halten.‘ Und damit machte sie sich wieder an dem Felsblock zu schaffen.

‚Habe es nur nicht gar so eilig!‘ rief der Bauer. ‚Mich brauchst du deines Versprechens wegen nicht umzubringen, denn ich habe ja das Kupfer nicht entdeckt; der Bock ist es gewesen, und ihn hast du doch schon erschlagen.‘

‚Meinst du, ich könnte mir daran genügen lassen?‘ fragte die Riesentochter mit zweifelnder Stimme.

‚Ja, sicherlich,‘ antwortete der Bauer. ‚Du hast dein Versprechen treulich gehalten, mehr kann niemand von dir verlangen.‘ Und er redete ihr so verständig zu, bis sie ihn wirklich am Leben ließ.

Zu allererst zog der Bauer nun mit seinem Vieh heimwärts. Dann ging er hinunter in den Bergwerkdistrikt und dingte sich da ein paar Bergleute. Diese halfen ihm, an der Stelle, wo der Bock erschlagen worden war, nach dem Erz zu schürfen. Im Anfang hatte er Angst, er würde noch nachträglich erschlagen; aber die Riesentochter war der ewigen Bewachung ihres Kupferbergs überdrüssig geworden, und deshalb tat sie ihm nie etwas zuleid.

Die Erzader, die der Bauer entdeckt hatte, lief an der Oberfläche des Berges hin. Das Ausbrechen des Erzes war deshalb weder eine schwierige noch eine mühselige Arbeit. Der Bauer und die Knechte schleppten Holz aus dem Walde herbei, schichteten große Holzstöße auf dem Kupferberg auf und zündeten sie an. Von der Hitze zersprang das Gestein, und nun konnten sie leicht zu dem Erz gelangen. Hierauf läuterten sie das Erz so lange immer wieder in einem andern Feuer, bis sie das reine Kupfer von allen Schlacken befreit hatten.

In früheren Zeiten verwendeten die Leute noch viel mehr Kupfer zum täglichen Gebrauch als heutzutage. Kupfer war deshalb eine sehr gesuchte, nützliche Ware, und der Bauer, dem die Grube gehörte, wurde bald ein steinreicher Mann. Er baute sich einen großen prächtigen Hof, und die Grube nannte er nach dem Bock das Kårerbe. Wenn er nach Torsång in die Kirche fuhr, war sein Pferd mit Silber beschlagen, und bei der Hochzeit seiner Tochter ließ er aus zwanzig Tonnen Malz Bier brauen und zehn große Ochsen am Spieße braten.

Zu jener Zeit blieben die Leute meistens ruhig daheim, jeder in seinem eigenen Bezirk, und die Neuigkeiten verbreiteten sich nicht so hurtig wie jetzt. Aber das Gerücht von der Kupfergrube drang doch allmählich zu vielen Menschen, und wer nichts Wichtigeres zu tun hatte, machte sich auf den Weg hinauf nach Dalarna. Auf dem Kårerbe wurden alle bedürftigen Wanderer gut aufgenommen. Der Bauer nahm sie in seinen Dienst, gab ihnen einen guten Lohn und ließ sie Erz für ihn graben. Es gab genug, ja übergenug Erz, und je mehr Leute der Bauer beschäftigte, desto reicher wurde er.

Eines Abends, so geht die Sage, kamen vier starke Männer mit dem Bergmannspickel über der Schulter zum Kårerbe gewandert. Sie wurden freundlich aufgenommen wie alle andern, aber als der Bauer sie fragte, ob sie für ihn arbeiten wollten, verneinten sie es rundweg.

‚Wir wollen auf eigene Rechnung Erz graben,‘ sagten sie.

‚Ihr wißt doch wohl, daß der Erzberg mir gehört?‘ fragte der Bauer.

‚Wir wollen gar nichts aus deiner Grube holen,‘ entgegneten die Fremden. ‚Der Berg ist groß; und an dem, was frei und unbeschützt in der Wildnis liegt, haben wir ebensoviel Anrecht wie du.‘

Mehr wurde nicht über die Sache geredet, und der Bauer bezeigte den Fremden auch jetzt noch alle Gastfreundschaft. Früh am nächsten Morgen zogen die Fremden zur Arbeit aus; eine Strecke weiterhin fanden sie wirklich Kupfererz und fingen an, es auszubrechen. Nachdem sie so ein paar Tage gearbeitet hatten, kam der Bauer zu ihnen heraus.

‚Der Berg ist sehr reich an Erz,‘ sagte er.

‚Ja, da müssen noch viele Leute fleißig sein, bis dieser Schatz gehoben ist,‘ erwiderten die Fremden.

‚Das weiß ich wohl,‘ sagte der Bauer, ‚aber ich meine doch, ihr solltet mir von dem Erz, das ihr ausbrecht, eine Abgabe zahlen, denn mir habt ihr es zu verdanken, daß ihr überhaupt hier arbeiten könnt.‘

‚Wir wissen nicht, was du damit sagen willst,‘ entgegneten die Männer.

‚Nun, ich habe doch den Berg durch meine Klugheit erlöst,‘ sagte der Bauer. Und dann erzählte er den Fremden von den beiden Riesentöchtern und dem Bruderteil.

Die Männer hörten aufmerksam zu; aber was sie sich aus der Erzählung merkten, war etwas ganz andres, als was der Bauer gemeint hatte.

‚Ist es auch gewiß, daß die andre Riesentochter gefährlicher ist als die, mit der du zusammengetroffen bist?‘ fragten sie.

‚Jawohl, und sie würde euch nicht verschonen,‘ lautete die Antwort des Bauern.

Damit verließ er die Männer, beobachtete sie aber doch noch aus der Ferne. Nach einer Weile sah er, daß sie ihre Arbeit einstellten und in den Wald hineinwanderten.

Als an diesem Abend der Bauer mit seinen Leuten beim Abendessen saß, drang plötzlich lautes Wolfsgeheul aus dem Walde heraus. Und durch das Heulen der wilden Tiere hindurch ertönten menschliche Hilferufe. Rasch sprang der Bauer auf, aber die Knechte schienen keine Lust zu haben, ihm zu folgen. ‚Es geschieht dem Diebsgesindel ganz recht, wenn es von den Wölfen zerrissen wird,‘ sagten sie.

‚Wer in Not ist, dem muß man beistehen,‘ sagte der Bauer und begab sich rasch mit allen seinen fünfzig Knechten in den Wald.

Dort sahen sie gleich ein großes Rudel Wölfe, die umeinander sprangen und sich um eine Beute balgten. Nachdem die Knechte die Wölfe auseinandergejagt hatten, lagen vier menschliche Körper auf der Erde, die so entsetzlich zugerichtet waren, daß man sie nicht hätte erkennen können, wenn nicht vier Bergmannspickel daneben gelegen hätten.

Nach diesem Ereignis verblieb der Kupferberg im Besitz des einen Bauern bis an dessen Tod. Hierauf übernahmen ihn die Söhne; diese ließen die Grube gemeinsam bearbeiten; alles Erz, das im Laufe des Jahres gewonnen worden war, wurde in Haufen geteilt, um diese das Los geworfen, und dann schmolz jeder das Kupfer in seiner eigenen Hütte aus. Sie alle wurden mächtige Bergleute und bauten sich große stattliche Höfe. Nach ihnen kamen deren Erben an die Reihe; diese öffneten neue Grubenschächte und vermehrten den Erzgewinn. Mit jedem Jahre nahm die Grube an Umfang zu, und immer mehr Bergwerkleute hatten teil daran. Die einen wohnten ganz in der Nähe, andre hatten ihre Höfe und Schmelzöfen im ganzen Bezirk ringsumher. Es entstand allmählich eine Anzahl Dörfer, und alles zusammen bekam den Namen Großer-Kupferbergwerkbezirk.

Nun darf man aber eins nicht vergessen. Das Erz lag an der Oberfläche des Berges, und man konnte es herausbrechen wie die Steine aus einem Steinbruch. Mit der Zeit aber nahm das ein Ende, und nun waren die Grubenarbeiter gezwungen, das Erz tief unter der Erde zu suchen. Mit Hilfe von tiefen Schächten und langen, gewundenen Gängen mußten sie sich in die dunkeln Eingeweide der Erde hineinwühlen, dort ihre Minen legen und das Erz heraussprengen. Das Sprengen ist an und für sich ein sehr mühseliges und schweres Stück Arbeit, und sie wird noch beschwerlicher, weil der Rauch nicht abziehen kann; dazu kommt dann noch das Herausschaffen des Erzes auf steilen Leitern. Je tiefer es ins Innere der Erde hineinging, desto gefährlicher war die Arbeit. Manchmal drangen reißende Wildwasser aus einem Winkel in die Grube hinein, manchmal stürzte die Decke über den Arbeitern zusammen. Dadurch war die Arbeit in der großen Grube schließlich so berüchtigt, daß sich niemand freiwillig dazu hergeben wollte. Nun bot man zum Tode verurteilten Verbrechern und vogelfreien Menschen, die den Wald unsicher machten, an, ihnen ihre Missetaten zu vergeben, wenn sie Grubenarbeiter in Falun werden wollten.

Seit vielen, vielen Jahren hatte niemand mehr daran gedacht, den Bruderteil zu suchen. Aber unter den vogelfreien Männern, die zum Großen Kupferberg kamen, gab es auch solche, die ein ordentliches Abenteuer mehr schätzten als ihr Leben, und sie streiften oft im Walde umher, in der Hoffnung, den andern Kupferberg, den Bruderteil, zu finden.

Wie es allen denen, die suchten, erging, weiß niemand, aber eine Geschichte von ein paar Grubenarbeitern hat sich noch erhalten. Diese Arbeiter kamen eines Abends ganz spät zu ihrem Herrn und erzählten, sie hätten eine gewaltige Erzader im Walde entdeckt. Sie hätten den Weg bezeichnet, und am nächsten Tage wollten sie ihrem Herrn die Ader zeigen. Aber der nächste Tag war ein Sonntag, und an diesem Tag wollte der Herr nicht in den Wald und Erz suchen; statt dessen ging er mit allen seinen Leuten in die Kirche. Es war Winter, und die ganze Schar nahm ihren Weg über den Varpansee. Auf dem Hinweg ging alles gut, aber auf dem Rückweg gerieten jene beiden Männer in eine Wake und ertranken. Da begannen die Leute sich an die alte Sage von dem Bruderteil zu erinnern, und sie raunten einander zu, diese Männer seien ganz gewiß darauf gestoßen.

Um die Schwierigkeiten bei der Grubenarbeit nach Möglichkeit zu heben, ließen die Bergwerkbesitzer erfahrne Bergleute aus dem Auslande kommen; und diese fremden Meister unterrichteten die Leute in Falun, Fahrkünste in die Gruben zu bauen, mit denen man das Wasser herauspumpen und das Erz heraufwinden konnte. Die Fremden glaubten nicht so recht an die Sage von den Riesentöchtern: aber das wollten sie gerne glauben, daß sich irgendwo in der Nähe noch eine mächtige Erzader finden könnte, und sie suchten auch eifrig danach. Eines Abends kam denn auch ein deutscher Obersteiger in das Gasthaus bei der Grube und sagte, er habe den Bruderteil gefunden. Aber der Gedanke an den großen Reichtum, den er jetzt gewinnen würde, machte ihn vollständig verwirrt und unzurechnungsfähig. An demselben Abend hielt er ein großes Gelage in dem Wirtshaus; er trank und tanzte und spielte, und schließlich entstand Streit und Schlägerei, und der Deutsche wurde von einem seiner Saufkumpane erstochen.

Aus dem Großen-Kupferbergwerk wurde noch immer so viel Erz gebrochen, daß diese Grube für die reichste im ganzen Lande galt. Sie war nicht allein für die nächste Umgebung eine Quelle unversiegbaren Reichtums, – auch die Abgaben, die davon erhoben wurden, waren in schweren Zeiten eine große Hilfe für das schwedische Reich. Durch die Grube entstand nach und nach die Stadt Falun, die Grube selbst galt für eine Merkwürdigkeit ersten Ranges und war so nutzbringend, daß selbst die Könige nach Falun zu reisen pflegten, um sie zu sehen, ja, sie nannten sie geradezu das Glück und die Schatzkammer des Sveareiches.

Einer der letzten, der den Bruderteil sah, war ein junger Faluner Bergmann aus einer vornehmen, reichen Familie, der einen Hof und einen Schmelzofen in der Stadt besaß. Er wollte eine schöne Bauerntochter von Leksand heiraten, und so machte er sich eines Tages dorthin auf den Weg. Er brachte seine Werbung vor; sie aber sagte, wenn er sich nicht entschließen könnte, von Falun wegzuziehen, wolle sie ihn nicht heiraten. In Falun liege der Rauch aus den Schmelzöfen dick und drückend über der Stadt, und es werde ihr schon ganz schwer ums Herz, wenn sie nur daran denke.

Der Bergmann hatte das Mädchen sehr lieb, und auf dem Rückweg war er tief betrübt. Er hatte von jeher in Falun gewohnt, und es war ihm noch nie der Gedanke gekommen, es könnte jemand schwer fallen, da zu leben. Als er sich aber jetzt der Stadt näherte, erstaunte er über die Maßen. Aus der großen Grubenöffnung, aus den hundert Schmelzöfen ringsum wallte ein schwarzer, beißender Schwefelrauch heraus und hüllte die ganze Stadt wie in einen Nebel ein. Der Rauch hinderte die Pflanzen am richtigen Wachstum, kahl und öde lagen die Felder ringsumher. Überall sah der Bergmann von schwarzen Kohlenschuppen umgebene Schmelzöfen, aus denen die Flammen herausschlugen, und zwar nicht allein hier in der Stadt und in deren nächster Umgebung, sondern in der ganzen Umgegend bei Grycksbo, bei Bengtsarvet, bei Bergsgården, bei Stennäset, bei Korsnäs, in Vika, selbst bis nach Aspeboda. Ja, nun verstand er es: wer gewohnt war, im hellen Sonnenschein an den grünen Ufern des glänzenden Siljansees zu wohnen, der konnte hier unten nicht gedeihen.

Der Anblick der Stadt stimmte ihn noch trauriger, als er schon vorher gewesen war. Er hatte keine Lust, gleich nach Hause zu gehen, sondern wich vom Wege ab und wanderte in den Wald hinein. Hier streifte er den ganzen Tag umher, ohne daran zu denken, wohin er ging.

Gegen Abend stand er plötzlich vor einer Bergwand, die wie lauteres Gold glänzte, und als er näher hinsah, entdeckte er, daß der Glanz von einer großen Kupferader herrührte. Zuerst freute er sich über die Entdeckung; aber dann fiel ihm die Sage von dem Bruderteil ein, der schon so vielen zum Verderben gereicht hatte, und da erschrak er im tiefsten Innern. ‚Heute bin ich wirklich vom Unglück verfolgt,‘ dachte er. ‚Vielleicht muß ich nun auch noch das Leben lassen, weil ich den Reichtum hier entdeckt habe.‘

Rasch wendete er sich ab und machte sich auf den Heimweg. Nach einer Weile begegnete er einer großen starken Frau. Sie sah aus, als könnte sie die ehrfurchtgebietende Mutter eines Bergmanns sein; aber er konnte sich nicht erinnern, sie je gesehen zu haben.

‚Ich möchte wohl wissen, was du im Walde vorgehabt hast, denn ich habe dich den ganzen Tag darin umherstreifen sehen?‘ sagte die Frau.

‚Ich habe mich nach einem Bauplatz umgesehen, denn das Mädchen, das ich liebe, will nicht in Falun wohnen,‘ antwortete der Bergmann.

‚Hast du nicht im Sinn, Erz aus dem Kupferberg zu brechen, den du vorhin entdeckt hast?‘ fragte sie weiter.

‚Nein, ich muß die Grubenarbeit aufgeben, sonst bekomme ich das Mädchen, das ich liebe, nicht.‘

‚Nun, dann halte dein Wort, und es wird dir nichts Böses widerfahren,‘ sagte die Frau; und damit verließ sie ihn.

Er aber beeilte sich, das zu verwirklichen, was er nur aus Not als Ausrede gesagt hatte. Er gab die Grubenarbeit auf und baute sich weit entfernt von Falun einen Hof. Da hatte sie, die er liebte, nichts mehr gegen seine Werbung; sie wurde seine Frau und zog mit ihm.“

Damit endigte die Erzählung des Raben. Der Junge hatte sich wirklich die ganze Zeit wach erhalten, trotzdem aber hatte er sein Werkzeug nicht besonders fleißig gehandhabt.

„Nun, wie ging es dann später?“ fragte er, als der Rabe zu sprechen aufgehört hatte.

„Ach, seit jener Zeit ist es mit dem Kupfergewinn rückwärts gegangen. Die Stadt steht allerdings noch, aber die alten Schmelzöfen sind nicht mehr da. Die ganze Gegend ist mit alten Bergmannshöfen übersät, aber die darin wohnen, müssen Land- und Forstwirtschaft betreiben. Die faluner Grube ist nächstens erschöpft, und es wäre jetzt notwendiger als je, daß man den Bruderteil fände.“

„Ob wohl dieser Bergmann, von dem du eben erzählt hast, der letzte gewesen ist, der ihn gesehen hat?“ fragte der Junge.

„Sobald du ein Loch in die Wand gehauen und mich befreit hast, werde ich dir sagen, wer dieser letzte gewesen ist,“ antwortete der Rabe.

Der Junge fuhr zusammen und begann sein Stemmeisen wieder rascher zu handhaben. Es war ihm gewesen, als ob Bataki dies letzte in einem merkwürdig bedeutungsvollen Ton gesagt hätte, beinahe wie wenn er dem Jungen zu verstehen geben wollte, er selbst, der Rabe, habe die große Erzader gesehen. Mochte er wohl eine Absicht gehabt haben, als er ihm diese Geschichte erzählt hatte?

„Du bist gewiß viel in dieser Gegend umhergestreift?“ fragte der Junge, um etwas Näheres zu erfahren. „Und während du über die Berge und Wälder hingeschwebt bist, hast du gewiß allerlei gefunden?“

„Allerdings, und ich könnte dir viel Merkwürdiges zeigen, wenn du nur erst mit dieser Arbeit fertig wärest,“ sagte der Rabe.

Jetzt hackte der Junge mit einem Eifer darauf los, daß die Späne nur so flogen. Ganz gewiß hatte der Rabe den Bruderteil gefunden!

„Da ist es nur schade, daß du als Rabe gar keinen Nutzen aus dem Reichtum ziehen kannst,“ sagte der Junge.

„Ich spreche jetzt nicht weiter über die Sache, bis ich sehe, ob du wirklich ein Loch zustande bringst, durch das ich hinausschlüpfen kann,“ entgegnete Bataki.

Der Junge arbeitete und arbeitete; schließlich wurde das Eisen ganz heiß in seiner Hand. Er glaubte, die Absicht des Raben zu erraten. Dieser konnte doch nicht selbst Erz ausbrechen, und da hatte er gewiß im Sinn, seine Entdeckung ihm, Nils Holgersson, zu vermachen. Das war das glaubwürdigste und natürlichste. Aber wenn der Junge dann das Geheimnis kannte, dann wußte er, was er tat: sobald er seine menschliche Gestalt wieder erlangt hätte, würde er hierher zurückkehren, den großen Reichtum zu heben. Und wenn er dann genug Geld erworben hätte, kaufte er das ganze Kirchspiel Westvemmenhög und baute sich da ein Schloß, so groß wie Vittskövle. Und eines schönen Tages lüde er dann den Häusler Holger Nilsson und dessen Frau aufs Schloß ein. Wenn diese ankämen, stünde er auf der Freitreppe und sagte: „Bitte, treten Sie ein und tun Sie, als ob Sie zu Hause wären!“ Sie erkennten ihn natürlich nicht, sondern fragten sich nur immer wieder, wer denn der feine Herr sei, der sie eingeladen habe. Und dann fragte der feine Herr: „Würden Sie nicht gerne auf so einem Schlosse wie diesem hier wohnen?“ – „Doch, das versteht sich von selbst, aber das ist nichts für uns,“ antworteten sie. – „Doch, doch, Sie sollen das Schloß hier als Zahlungsstatt bekommen für den großen weißen Gänserich, der im vorigen Jahre davongeflogen ist,“ antwortete dann der feine Herr .....

Der Junge bewegte sein Eisen immer hurtiger. Das zweite, wozu er sein Geld anwenden würde, wäre, für das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats ein neues Häuschen auf der Heide von Sunnerbo zu bauen. Natürlich ein viel schöneres und größeres als das alte. Und dann wollte er den ganzen Tåkern kaufen, und dann .....

„Jetzt muß ich deinen Fleiß tatsächlich loben,“ sagte der Rabe. „Ich glaube, das Loch ist schon groß genug.“

Und der Rabe konnte sich wirklich hindurchzwängen. Der Junge folgte ihm, und da sah er Bataki ein paar Schritte entfernt auf einem Stein sitzen.

„Jetzt werde ich mein Versprechen halten, Däumling,“ begann Bataki in höchst feierlichem Ton, „und dir sagen, daß ich selbst den Bruderteil gesehen habe. Aber ich möchte dir nicht raten, ihn zu suchen, denn ich habe mich viele Jahre lang abgemüht, bis ich ihn gefunden hatte.“

„Ich dachte, du würdest mir zur Belohnung für meine Hilfe zeigen, wo er ist,“ sagte der Junge.

„Ach, Däumling, du mußt doch schrecklich schläfrig gewesen sein, während ich von dem Bruderteil erzählte,“ sagte Bataki. „Sonst könntest du so etwas nicht erwarten. Hast du denn nicht gehört, daß alle, die offenbaren wollten, wo der Bruderteil sich befände, das Leben eingebüßt haben? Nein, mein Freund, Bataki hat in seinem langen Leben gelernt, den Mund zu halten.“

Damit breitete Bataki seine Flügel aus und flog davon.

Dicht neben der Schwefelküche schlief Mutter Akka; aber es dauerte eine gute Weile, bis der Junge zu ihr trat und sie weckte. Er war verstimmt und betrübt, weil er um den großen Reichtum gekommen war, und er hatte jetzt das Gefühl, als habe er nicht das geringste, worüber er sich freuen könnte.

„Im übrigen glaube ich gar nicht an die Geschichte mit den Riesentöchtern und ebensowenig an die Wölfe und an das trügerische Eis,“ sagte er vor sich hin. „Natürlich sind die armen Grubenarbeiter, als sie die reiche Erzader mitten im wilden Wald entdeckten, vor lauter Freude ganz von Sinnen gekommen und haben deshalb später den rechten Platz nicht mehr finden können. Und dann hat sie die Enttäuschung so vollständig überwältigt, daß sie einfach nicht mehr leben konnten. Denn ganz so ist es mir jetzt zumute.“

31
Walpurgisnacht

Samstag, 30. April

Auf einen Tag im Jahre freuen sich die Kinder in Dalarna ebensosehr wie auf den Weihnachtsabend. Das ist die Walpurgisnacht, wo sie ringsumher im Lande Freudenfeuer anzünden dürfen.

Schon wochenlang vorher denken die Jungen und Mädchen an nichts weiter, als nur recht viel Holz zu den Walpurgisfeuern zusammenzutragen. Sie gehen in den Wald und sammeln dürre Zweige und Tannenzapfen, sie sammeln Späne beim Schreiner und Knüppel und Rinde und Holzknorren beim Holzfäller. Alle Tage gehen sie zum Kaufmann und betteln um alte Kisten; und wenn eines irgendwo eine alte Teertonne ergattert hat, dann versteckt es sie als seinen größten Schatz und wagt erst in der letzten Stunde damit herauszurücken, gerade ehe die Feuer angezündet werden sollen. Die kleinen Reisigzweige, mit denen man die jungen Bohnen und Erbsen stützt, sind in großer Gefahr, desgleichen auch alle die alten herausgerissenen Zaunpfähle, alles zerbrochene Holzgeschirr und alle auf dem Felde vergessenen Heureiter.

Wenn der große Abend endlich da ist, haben in jedem Dorfe die Kinder entweder auf einem Hügel oder auch am Seeufer aus dürren Zweigen und Reisig und allem möglichen nur erdenklichen Brennbarem einen großen Haufen aufgeschichtet. An einzelnen Orten haben sie sogar zwei, ja drei Holzstöße; denn manchmal entzweien sich die Mädchen und Knaben schon beim Sammeln des Holzes, oder die Kinder vom südlichen Teil des Dorfes wollen das Feuer bei sich haben, aber die Kinder vom nördlichen Teil gehen nicht darauf ein und verschaffen sich deshalb ihr Feuer auf eigene Rechnung.

Die Holzstöße sind meist schon früh am Nachmittag fertig; und dann versammeln sich alle Kinder mit Zündholzschachteln in der Tasche um sie herum und warten ungeduldig auf den Einbruch der Dunkelheit. Um diese Jahreszeit ist es in Dalarna so schrecklich lang Tag! Um acht Uhr abends fängt es kaum erst an zu dämmern. Kalt und feucht ist es draußen, denn es ist ja noch halb Winter, und den Kindern wird die Zeit lang. Auf den freien Plätzen und auf den offenen Feldern ist aller Schnee schon geschmolzen, und mitten am Tage wenn die Sonne hoch am Himmel steht, ist es auch ganz behaglich warm; aber in den Wäldern liegen noch große Schneewehen, die Seen sind noch mit Eis bedeckt, und in der Nacht sinkt das Thermometer häufig immer noch mehrere Grade unter Null herab. Deshalb wird ab und zu auch einmal ein Feuer angezündet, ehe es so recht dunkel ist. Aber nur die kleinsten und ungeduldigsten Kinder übereilen sich in dieser Weise; die großen warten, bis die Nacht vollständig hereingebrochen ist, damit sich die Feuer recht großartig ausnehmen.

Endlich ist die richtige Stunde gekommen. Jedes Kind, es mag einen noch so kleinen Zweig zum Holzstoß beigetragen haben, ist anwesend; nun zündet der älteste Junge einen Strohwisch an und steckt ihn unten in den Haufen hinein. Sogleich beginnt das Feuer zu arbeiten; es knattert und knistert im Reisig; der Rauch wallt schwarz und drohend auf; endlich dringen die Flammen oben aus dem Reisighaufen heraus; hell und klar steigen sie auf einmal mehrere Meter in die Höhe, so daß sie in der ganzen Gegend gesehen werden können.

Wenn die Kinder eines Dorfes ihren eignen Holzstoß in vollen Brand gesetzt haben, nehmen sie sich Zeit, sich umzusehen. Ja, dort brennt ein Feuer, und dort drüben ein zweites! Jetzt flammt eins auf dem Hügel dort auf, und jetzt eins ganz droben auf dem Berge! Alle Kinder hoffen, ihr eignes Feuer werde das größte und hellste sein; und sie haben so große Angst, es könnte die andern möglicherweise nicht übertreffen, daß sie jetzt in der letzten Stunde nach den Häusern rennen und Vater und Mutter noch um ein paar Bretterstumpen oder um etwas Brennholz bitten.

Wenn das Feuer eine Weile gebrannt hat, kommen die Erwachsenen und die alten Leute auch herbei, es sich anzusehen. Aber das Feuer ist nicht allein schön und hell, es verbreitet auch eine schöne gute Wärme und verlockt dadurch die Zuschauer, sich auf den Steinen und Erdhügeln ringsum niederzulassen. Da sitzen sie und schauen in die Flammen, bis es einem einfällt, es wäre doch recht behaglich, wenn man an dem schönen Feuer ein Schälchen Kaffee kochen würde. Während der Kaffeekessel summt, erzählt wohl einer eine Geschichte; und wenn diese zu Ende ist, ist gleich wieder ein andrer mit einer neuen bei der Hand.

Die Erwachsenen denken hauptsächlich an den Kaffee und die Geschichten, die Kinder aber suchen das Feuer möglichst lange in hellem Brand zu erhalten. Dem Frühling ist es so schrecklich schwer geworden, den Schnee zu schmelzen und das Eis aufzutauen. Wie schön wäre es, wenn man ihm nun mit dem Feuer ein wenig helfen könnte! Sonst kann er ja unmöglich den Boden rechtzeitig von der Kälte befreien, damit Bäume und Kräuter auch rechtzeitig ausschlagen können.

Die Wildgänse hatten sich für die Nacht auf dem Eise des Siljansees niedergelassen, und da ein schrecklich kalter Nordwind daherfegte, mußte der Junge unter den Flügel des weißen Gänserichs kriechen. Aber er hatte noch nicht lange dagelegen, als ihn ein Flintenschuß auffahren ließ. Rasch glitt er unter dem Flügel hervor und sah sich erschrocken um.

Hier draußen auf dem Eise, wo die Gänse ruhten, war alles ganz still, so sehr der Junge auch umherspähte, er konnte nirgends einen Jäger entdecken. Aber als er nach dem Lande hinschaute, nahm er etwas ganz Merkwürdiges wahr; er meinte zuerst, er sehe eine Gespenstererscheinung, etwas in der Art, wie damals die Stadt Vineta, oder den Garten bei Groß-Djulö.

Am Nachmittag waren die Gänse mehrere Male über dem großen See hin und her geflogen, ehe sie den Platz gewählt hatten, wo sie sich niederlassen wollten. Und da hatten sie dem Jungen die großen Kirchen und Dörfer gezeigt, die an den Ufern des Sees lagen. Er hatte Leksand, Rättvik, Mora und die Sollerö gesehen. Die Kirchendörfer waren sehr groß, sie sahen wie richtige Landstädte aus, und der Junge hatte sich sehr verwundert, wie dicht bebaut dies Land hier im Norden war. Die ganze Gegend erschien ihm viel freundlicher und lachender, als er erwartet hatte; er hatte durchaus nichts Unheimliches oder Schreckeneinjagendes entdecken können.

Aber jetzt, in der dunkeln Nacht, flammte an diesen selben Ufern ein großer Kranz von hellen Feuern auf. Überall sah man sie lodern: in Mora am nördlichen Ende des Sees, am Ufer der Sollerö in Vikarby, auf der Höhe über dem Dorfe Sjurberg, auf dem Kirchenplatz ganz draußen auf der Landzunge bei Rättvik, auf dem Lerdalberg, und dann weiterhin auf allen Landzungen und Hügeln bis hinunter nach Leksand. Der Junge zählte mehr als hundert Feuer; er konnte ganz und gar nicht begreifen, wo sie hergekommen wären, und ob nicht Hexerei und Zauberkunst mit im Spiele sei.

Bei dem Schuß waren auch die Wildgänse erwacht, aber sobald Akka einen Blick auf den Strand geworfen hatte, sagte sie: „Die Menschenkinder treiben heute Kurzweil.“ Hierauf steckten alle Wildgänse die Köpfe aufs neue unter die Flügel und schliefen sogleich wieder ein.

Der Junge aber betrachtete die Feuer, die das ganze Ufer wie eine lange Reihe von goldenen Kleinodien schmückten, und wie eine Motte wurde er von dem Licht und der Wärme unwiderstehlich angezogen; er wäre gern näher hingegangen, aber er wußte nicht recht, ob er die Gänse ohne Gefahr verlassen könnte. Ein Schuß um den andern tönte zu ihm herüber, und da er jetzt wußte, daß keine Gefahr damit verbunden war, lockten ihn auch diese. Die Leute dort drüben bei den Feuern schienen so vergnügt zu sein, daß sie sich am Lachen und Jubeln nicht genügen lassen konnten, sie mußten auch noch Freudenschüsse abfeuern. Und jetzt wurden bei einem Feuer, das auf einem Berg brannte, überdies noch Raketen abgebrannt. Dort hatten sie ein riesiges Feuer, und es lag hoch droben; aber das war ihnen noch nicht genug, sie wollten es noch schöner haben. Bis hinauf in die Wolken des Himmels sollte man sehen, wie vergnügt sie wären.

Der Junge hatte sich ganz allmählich dem Ufer genähert; da drang plötzlich Gesang an sein Ohr, und jetzt hielt ihn nichts mehr zurück; er rannte dem Lande zu, da mußte er dabei sein.

Aus der Tiefe der Rättviker Bucht führt eine ungewöhnlich lange Dampfschiffbrücke ins Wasser hinaus; am äußersten Ende dieser Brücke stand eine Anzahl von Sängern, die in der späten Nachtstunde ihre Lieder über den See hinklingen ließen. Es war fast, als meinten sie, der Frühling schlafe, den Wildgänsen gleich, draußen auf dem Eise des Siljansees, und sie müßten ihn wecken.

Die Sänger huben an mit dem Lied: „Ich weiß ein Land weit droben im Nord!“ Dann kam: „Im Sommer gar schön, wenn die Erde sich freut, im Tal bei zwei Flüssen, den großen.“ Dann: „Der Marsch geht nach Tuna!“ Hierauf: „Freie, große, kecke Männer,“ und zum Schluß: „In Dalarna wohnten, in Dalarna wohnen“. Es waren lauter Lieder über Dalarna. Auf der Brücke selbst brannte kein Feuer, und die Sänger konnten nicht weit umhersehen, aber mit den Tönen tauchte vor ihnen und vor allen, die zuhörten, ihr Land auf, schöner und hinreißender, als wenn sie es beim Tageslicht gesehen hätten. Es war, als wollten sie den Frühling also anflehen: „Sieh, solch ein Land wartet auf dich! Willst du uns nicht zu Hilfe kommen? Willst du den Winter noch länger seinen Druck über diese wunderschöne Gegend ausüben lassen?“

Nils Holgersson lauschte dem Gesang unbeweglich bis zum Ende, dann erst eilte er dem Lande zu. Ganz drinnen in der Bucht war das Eis schon geschmolzen; es war aber hier so viel Sand angeschwemmt, daß der Junge ganz gut bis zu einem Feuer hingelangen konnte, das dicht am Uferrain lag. Vorsichtig, vorsichtig schlich er sich immer näher heran, bis er die Menschen, die neben dem Feuer standen oder saßen, sehen und auch hören konnte, was sie sprachen. Und wieder begann er sich über das, was sie sagten, zu verwundern und sich zu fragen, ob er nicht eine Spukerscheinung vor sich habe. Noch nie hatte er Menschen in solchen Anzügen gesehen. Die Frauen trugen schwarze spitzige Mützen auf dem Kopf, kleine weiße Pelzjäckchen, rosa Tücher um den Hals, grünseidene Leibchen und schwarze Röcke mit einem weiß, rot, grün und schwarz gestreiften Vorderblatt. Die Männer hatten runde Hüte mit niedrigem Kopf, blaue Röcke mit rot eingefaßten Säumen, gelbe Lederhosen, die bis an die Kniee reichten und von roten mit Quästchen gezierten Strumpfbändern festgehalten wurden. Der Junge wußte nicht, ob es nur von den Anzügen herkäme, aber er meinte, diese Menschen sähen ganz anders aus als an andern Orten: viel stattlicher und viel vornehmer. Er hörte, daß sie miteinander sprachen, konnte aber lange kein Wort verstehen. Da fielen ihm die schönen Kleider ein, die seine Mutter in ihrer Truhe verwahrte und die seit ewiger Zeit niemand hatte tragen wollen, und er fragte sich, ob er hier nicht am Ende Leute aus früheren Zeiten vor sich habe, Leute, die in den letzten hundert Jahren nicht mehr auf Erden geweilt hätten.

Dies war jedoch nur ein Gedanke, der ihm durch den Kopf ging und gleich wieder verschwand, denn er sah wohl, daß diese Leute hier lebendige Menschen waren. Die Ursache aber, warum der Junge so dachte, ist die, daß sich die Bewohner am Siljansee in ihrer Rede, in ihrer Tracht und in ihren Sitten noch mehr von den vergangenen Zeiten bewahrt haben, als es an andern Orten der Fall ist.

Bald wurde sich der Junge auch darüber klar, daß die Leute dort am Feuer von alten Zeiten sprachen. Sie erzählten, wie es ihnen in ihren jungen Jahren ergangen sei, wo sie auf weiten Wegen in andre Landesteile hätten wandern müssen, um durch ihre Arbeit den ihrigen daheim das tägliche Brot zu verschaffen. Der Junge hörte mehrere Leute ihre Geschichte erzählen; aber später konnte er sich doch am besten an das erinnern, was eine ganz alte Frau aus ihrem Leben mitgeteilt hatte.

Die Geschichte der Kerstis vom Moore

„Meine Eltern hatten einen kleinen Hof in Ostbjörka,“ begann die Alte, „aber wir waren viele Geschwister, und die Zeiten waren sehr hart, deshalb mußte ich schon mit sechzehn Jahren in die Fremde hinaus. Wir zogen miteinander, so ungefähr zwanzig junge Leute, von Rättvik aus; im Jahre 1845, am 14. April kam ich zum erstenmal nach Stockholm. Als Mundvorrat auf der Reise hatte ich etwas Brot, ein Stück Kalbfleisch und etwas Käse. Vierundzwanzig Groschen waren mein ganzer Geldvorrat. Die andern Lebensmittel, die ich von Hause mitbekam, packte ich in meinen Reisesack und schickte ihn samt meinem Arbeitsanzug mit einem Bauernwagen im voraus nach Stockholm.

So schlugen wir denn alle zwanzig den Weg nach Falun ein; wir legten täglich drei bis vier Meilen zurück, und so erreichten wir Stockholm am siebenten Tage. Das war noch anders, als wenn die Mädchen sich heutzutage nur auf die Eisenbahn setzen und dann höchst bequem in acht bis neun Stunden an Ort und Stelle sind.

Als wir in Stockholm einzogen, riefen die Leute einander zu: ‚Seht, da kommt das Dalregiment!‘ Und es war auch, als ob ein ganzes Regiment dahermarschiert käme, als wir in unsern Schuhen mit den hohen Absätzen, in die der Schuhmacher mindestens fünfzehn große Nägel hineingeschlagen hatte, durch die Straßen schritten; und da wir die spitzigen Pflastersteine nicht gewohnt waren, traten mehrere von uns häufig fehl und fielen zu Boden.

Wir gingen in ein Wirtshaus, in das ‚Weiße Roß‘, wo die Leute aus Dalarna abzusteigen pflegten und das auf dem Södermalm in der großen Badstraße lag. Die Leute aus Mora wohnten in derselben Straße, in der ‚Großen Krone‘. Jetzt aber mußte eilig etwas verdient werden, das kann ich euch sagen, denn von den vierundzwanzig Groschen, die ich von daheim mitbekommen hatte, waren nur noch achtzehn übrig. Eines von den andern Mädchen sagte, ich solle mich bei einem Rittmeister, der am Hornstull wohne, nach Arbeit umsehen. Dort wurde ich auf vier Tage gedungen, während der ich in seinem Garten graben und pflanzen mußte. Als Lohn erhielt ich vierundzwanzig Groschen, mußte mich aber selbst verköstigen. Da konnte ich mir nur wenig zum Essen kaufen, doch die kleinen Töchterchen der Herrschaft sahen, daß ich hungrig war; sie liefen in die Küche hinein und verlangten noch etwas zum Essen für mich, und so wurde ich doch satt.

Hierauf kam ich zu einer Frau in der Norrlandstraße. Da mußte ich in einer ganz miserabeln Kammer schlafen; die Mäuse zernagten mir meine Mütze und mein Halstuch und fraßen ein Loch in meinen Reisesack. Ich mußte ihn mit einem alten Stiefelschaft, den man mir gab, flicken. In diesem Haus hatte ich nur auf vierzehn Tage Arbeit, und dann mußte ich mit zwei Reichstalern in der Tasche nach Hause wandern. Diesmal nahm ich den Weg über Leksand und hielt mich da in einem Dorfe namens Rönnäs ein paar Tage auf. Ich erinnere mich, daß die Leute dort Hafergrütze kochten, die mit Spreu und Kleie vermischt war. Sie hatten nichts andres, und in jenen Tagen der Hungersnot mußten sie noch froh daran sein.

Ja, in jenem Jahr war es mir nicht gerade glänzend gegangen, aber im nächsten ging es mir noch schlechter.

Seht, ich mußte eben wieder ausziehen, denn sonst hätten sie daheim nichts zum Leben gehabt. Diesmal schloß ich mich an zwei andre Mädchen an, und wir wanderten zusammen nach Hundiksvall. Bis dorthin waren es fünfundzwanzig Meilen, und wir mußten unsere Reisesäcke den ganzen Weg selber auf dem Rücken tragen, denn jetzt hatten wir keinen Bauernwagen, der sie mitgenommen hätte.

Wir hatten gehofft, Gartenarbeit zu finden; aber als wir hinkamen, lag noch überall der Schnee, und mit der Gartenarbeit war es nichts. Da ging ich vors Dorf hinaus auf die großen Bauernhöfe und bat flehentlich, man solle mir doch irgend eine Arbeit geben. Ach, ihr lieben Leute, wie hungrig und müde war ich, bis ich einen Hof fand, wo man mich behielt und mich um acht Groschen am Tag Wolle krempeln ließ! Später fand ich schließlich doch auch Arbeit in den Gärten der Stadt, und da blieb ich bis Juli. Dann aber überkam mich das Heimweh mit solcher Macht, daß ich mich auf den Weg nach Rättvik machte. Ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt. Meine Schuhe waren durchgelaufen, und so mußte ich die vierundzwanzig Meilen barfuß zurücklegen. Aber ich wanderte frohen Herzens dahin, denn jetzt hatte ich fünfzehn Reichstaler erspart, und für meine kleinen Geschwister brachte ich ein paar altbackene Weißbrötchen und eine Tüte voll Zuckerstückchen mit, die ich mir zusammengespart hatte. So oft mir jemand zwei Stückchen Zucker in meinen Kaffee gab, warf ich immer nur eines hinein und hob das andre auf.

Ja, da sitzt ihr nun, ihr Mädchen, und wißt nicht, wie sehr ihr dem lieben Gott dafür danken solltet, daß er uns bessere Zeiten gegeben hat, denn damals folgte ein Hungerjahr auf das andre; alle jungen Leute in Dalarna mußten sich auswärts nach einem Verdienst umsehen. Im nächsten Jahre – das war Anno 1847 – wanderte ich wieder nach Stockholm und arbeitete im großen Hornberger Garten. Außer mir waren noch mehrere Mädchen da, und wir hatten jetzt einen etwas besseren Taglohn, mußten aber trotzdem tüchtig sparen. Wir sammelten im Gartenland alte Nägel und Knochen, die wir an den Lumpensammler verkauften. Für das Geld kauften wir uns dann eine Art steinharten Zwieback, wie sie in der Militärbäckerei für die Soldaten gebacken wurden. Ende Juli kehrte ich wieder nach Hause zurück, um daheim bei der Ernte zu helfen. Diesmal hatte ich mir dreißig Reichstaler erspart.

Auch im folgenden Jahre mußte ich auf den Verdienst ausziehen. Diesmal kam ich zu einem Stallmeister, der vor Stockholm wohnte. In diesem Sommer war Manöver auf dem Lagårdsgärdet, und der Kellermeister schickte mich hinaus, die Küche zu überwachen, die er in einem großen Rüstwagen eingerichtet hatte. Und wenn ich hundert Jahre alt werde, wird mir jener Tag unvergeßlich sein, wo ich draußen im Lager vor dem König Oskar auf der Lur blasen mußte. Der König schickte mir einen ganzen Speziestaler zur Belohnung.

Dann war ich mehrere Sommer nacheinander Fährmädchen bei Brunswik; da ruderte ich die Leute zwischen Albano und Haga über. Dies war meine beste Zeit; wir hatten die Luren mit im Boot, und manchmal nahmen die Reisenden selbst die Ruder, damit wir ihnen auf den Luren blasen konnten. Als im Herbst die Fähre eingestellt wurde, ging ich nach Uppland hinauf und half in den Bauernhöfen beim Dreschen. Gegen Weihnachten kehrte ich dann allemal mit etwa hundert Reichstalern in der Tasche nach Hause zurück. Und dann hatte ich beim Dreschen auch noch Saatkorn verdient; der Vater holte es ab, sobald man mit dem Schlitten fahren konnte. Ja, seht, wenn ich und meine Geschwister nicht mit unsern Sparpfennigen heimgekommen wären, dann hätten sie daheim nichts zu leben gehabt, denn die Ernte vom eigenen Boden war meist gegen Weihnachten schon zu Ende, und zu jener Zeit baute man noch nicht viel Kartoffeln. Dann mußte man beim Kaufmann das Korn kaufen; wenn aber die Tonne Roggen vierzig Reichstaler und der Hafer vierundzwanzig Reichstaler kostete, dann galt es haushälterisch zu sein. Zu jener Zeit wurde bei uns feingehacktes Stroh unter das Brotmehl gemischt. Dieses Strohbrot glitt nicht leicht hinunter, das kann ich euch sagen; man mußte ordentlich Wasser dazu trinken, daß man es überhaupt hinunterbrachte.

So wanderte ich jedes Jahr hin und her, bis ich mich verheiratete, und das war im Jahre 1856. Jon und ich waren in Stockholm gute Freunde geworden. Aber jedes Jahr, wenn ich wieder nach Hause ging, war mir immer ein wenig bänglich ums Herz, die Stockholmer Mädchen könnten seine Gedanken von mir abwendig machen. Sie nannten ihn den schönen Moor-Jon und den schönen Dalmann, das wußte ich. Doch in seinem Herzen wohnte keine Falschheit, und als er sich genug erspart hatte, machten wir Hochzeit.

Während der nächsten Jahre herrschte lauter Freude und keine Sorge bei uns; aber das dauerte nicht lange, 1863 starb Jon, und ich stand mit meinen fünf Kindern allein auf der Welt. Es ging uns jedoch nicht einmal so schlecht, denn in Dalarna waren bessere Zeiten angebrochen. Jetzt gab es Kartoffeln und auch reichlich Getreide. Das war ein großer Unterschied gegen die früheren Zeiten. Ich bewirtschaftete die kleinen Äcker, die ich geerbt hatte, und hatte auch mein eigenes Häuschen. So verging ein Jahr ums andre, die Kinder wuchsen heran, und die von ihnen, die noch leben, sind jetzt vermögliche Leute, Gott sei Dank! Sie können sich gar nicht so recht vorstellen, wie knapp die Leute es hier in Dalarna gehabt haben, als ihre Mutter noch jung war.“

Damit schloß die Alte ihre Erzählung. Während sie gesprochen hatte, war das Feuer niedergebrannt. Jetzt standen alle auf und sagten, es sei Zeit, nach Hause zu gehen. Der Junge ging wieder aufs Eis hinaus, sich nach seinen Reisegefährten umzusehen; aber während er so allein über das Eis hinlief, klang in seinen Ohren noch immer der Vers, den er die Leute auf der Brücke hatte singen hören. „In Dalarna wohnten, in Dalarna wohnen trotz Armut auch Treue und Ehre …“ Dann kamen einige Verse, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, aber den Schluß wußte er noch: „Sie mischten mit Rinde nicht selten ihr Brot, doch mächtigen Herren ward Hilfe in Not bei den armen Männern in Dale.“

Der Junge hatte nicht alles vergessen, was er einst in der Schule von den Männern aus dem Hause Sture und von Gustav Wasa gehört hatte, und er hatte sich immer gewundert, warum sie gerade bei den Dalmännern Hilfe gesucht haben sollten. Aber jetzt verstand er es; denn in einem Lande, wo es solche Frauen gab wie die Alte, die dort am Feuer ihre Geschichte erzählt hatte, mußten ja die Männer geradezu unbesiegbar sein.

32
Vor den Kirchen

Sonntag, 1. Mai

Als der Junge am nächsten Morgen erwachte und aufs Eis hinunterglitt, mußte er hell auflachen. Während der Nacht hatte es geschneit, ja es schneite noch immer, die ganze Luft war voll von weißen Flocken, und solange sie herunterfielen, sah es fast aus, als seien es lauter Flügel von erfrorenen Schmetterlingen. Auf dem See lag der Schnee mehrere Zentimeter tief, die Ufer schimmerten ganz weiß, und die Wildgänse sahen wie kleine Schneewehen aus, soviel Schnee hatten sie auf dem Rücken.

Ab und zu rührten sich Akka oder Yksi oder Kaksi ein wenig; wenn sie aber sahen, daß es noch immer weiter schneite, steckten sie schnell den Kopf wieder unter den Flügel. Sie dachten wohl, bei solchem Wetter könnten sie nichts Besseres tun als schlafen, und darin gab ihnen der Junge vollkommen recht.

Einige Stunden später erwachte er von dem Geläute der Kirchenglocken in Rättvik, die zum Gottesdienst riefen. Das Schneien hatte jetzt aufgehört, aber ein starker Nordwind fegte daher, und auf dem Eise draußen war es bitter kalt. Der Junge war froh, als die Wildgänse endlich den Schnee abschüttelten und ans Land flogen, um sich etwas zum Essen zu verschaffen.

An diesem Tage war in Rättvik Konfirmation, und die Konfirmanden, die schon früh zur Kirche gekommen waren, standen in kleinen Gruppen an der Kirchhofmauer. Sie waren alle in ihren Sonntagsgewändern, und ihre Kleider waren so neu und bunt, daß man sie schon von weitem leuchten sah.

„Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich die Kinder dort sehen kann!“ rief der Junge.

Die alte Wildgans hielt dies offenbar für einen sehr natürlichen Wunsch, denn sie ließ sich so tief wie möglich hinabsinken und flog dreimal um die Kirche herum. Es wäre schwer zu sagen, wie die Kinder in Wirklichkeit ausgesehen hätten; aber als Nils Holgersson die Knaben und die Mädchen von oben herab betrachtete, meinte er, noch nie so viele schöne junge Menschenkinder beisammen gesehen zu haben. „Ich glaube nicht, daß es in des Königs Schloß schönere Prinzen und Prinzessinnen geben kann,“ sagte er vor sich hin.

Es hatte in der Tat tüchtig geschneit. In Rättvik waren alle Felder mit Schnee bedeckt, und Akka konnte nirgends ein Plätzchen entdecken, wo sie sich mit ihrer Schar hätte niederlassen können. Da besann sie sich nicht lange und flog südwärts gen Leksand.

In Leksand waren wie gewöhnlich alle jungen Leute auf Arbeit ausgezogen. Es waren also hauptsächlich alte Leute daheim, und als die Wildgänse dahergeflogen kamen, wanderte eben ein langer Zug von lauter alten Frauen durch die stattliche Birkenallee, die zur Kirche führt. Sie kamen auf den weißen Wegen durch die weißstämmigen Birken in schneeweißen Mänteln aus Schaffellen, weißen Pelzröcken, gelb oder schwarz- und weißgestreiften Schürzen und weißen Hauben, die das weiße Haar dicht umrahmten.

„Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die alten Leute ansehen kann!“ rief der Junge.

Das schien der alten Anführerin wohl ein natürlicher Wunsch, denn sie ließ sich so weit, wie sie es wagen konnte, herabsinken und flog dreimal über der Birkenallee hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie die alten Leute in der Nähe ausgesehen hätten, aber dem Jungen war es, als habe er noch niemals alte Frauen mit einem so klugen und freundlichen Ausdruck gesehen. „Diese alten Frauen sehen aus, als hätten sie Könige zu Söhnen und Königinnen zu Töchtern,“ sagte der Junge vor sich hin.

Aber in Leksand war es auch nicht besser als in Rättvik. Überall lag tiefer Schnee, und Akka wußte sich keinen andern Rat, als weiter gen Süden nach Gagnef zu fliegen.

In Gagnef hatte an diesem Tage vor dem Gottesdienst ein Begräbnis stattgefunden. Der Leichenzug hatte sich etwas verspätet, und dann hatte das Begräbnis auch noch länger gedauert, als man gedacht hatte. Als die Wildgänse dahergeflogen kamen, waren noch nicht alle Leute in der Kirche, mehrere Frauen gingen sogar noch auf dem Kirchhof umher und besuchten ihre Gräber. Sie trugen grüne Leibchen mit roten Ärmeln, und auf dem Kopfe hatten sie farbige Tücher mit bunten Fransen.

„Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die Bauernweiber ansehen kann!“ rief der Junge.

Dies hielt die alte Gans wohl für einen natürlichen Wunsch, denn sie flog dreimal über dem Kirchhof hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie sich die Leute in der Nähe ausgenommen hätten, aber als der Junge die Frauen von oben her durch die Bäume des Kirchhofs hindurch sah, erschienen sie ihm wie lauter schöne Blumen. „Sie sehen alle aus, als seien sie im Garten eines Königs gewachsen,“ dachte er.

Aber selbst in Gagnef fand sich nirgends ein freies Feld, und so blieb den Wildgänsen nichts andres übrig, als sich noch weiter südwärts nach Floda zu wenden.

In Floda saßen die Leute schon in der Kirche, als die Wildgänse dahergeflogen kamen; aber gleich nach dem Gottesdienst sollte eine Hochzeit stattfinden, und der ganze Hochzeitszug stand draußen auf dem Kirchenhügel. Die Braut trug eine goldene Krone auf dem aufgelösten Haar und war so über und über mit Blumen und bunten Bändern und Schmucksachen behängt, daß einem die Augen ordentlich weh taten, wenn man sie ansah. Der Bräutigam trug einen langen blauen Gehrock, Kniehosen und eine rote Mütze. Die Leibchen und Rocksäume der Brautjungfern waren mit Rosen und Tulipanen bestickt, und die Eltern und Nachbarn gingen in ihren bunten Bauerntrachten mit im Zuge.

„Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, daß ich die jungen Leute sehen kann!“ bat der Junge.

Und die Anführerin ließ sich so weit, als sie es nur wagen konnte, hinabsinken und flog dreimal über dem Kirchenhügel hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie die Hochzeitsleute in der Nähe ausgesehen hätten, aber so von oben aus meinte der Junge, eine so schöne Braut und einen so stolzen Bräutigam und einen so stattlichen Hochzeitszug könne es gewiß sonst nirgends geben. „Ich möchte wissen, ob der König und die Königin schöner aussehen, wenn sie in ihrem Schlosse umhergehen?“ dachte er in seinem Herzen.

Hier in Floda fanden die Wildgänse endlich ein vom Schnee befreites Feld und mußten also nicht noch länger nach Futter suchen.

33
Die Überschwemmung

1. – 4. Mai

Mehrere Tage lang herrschte in den Gebieten nördlich vom Mälar entsetzliches Wetter. Der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, der Wind heulte, und es regnete in Strömen. Die Menschen und Tiere wußten wohl, daß es so sein mußte, wenn es Frühling werden sollte, trotzdem aber erschien ihnen dieses Wetter fast unerträglich.

Nachdem es einen Tag lang geregnet hatte, fingen die Schneemassen in den Wäldern im Ernst zu schmelzen an, und die Frühlingsbäche begannen zu rauschen. Alle Wasserpfützen auf den Höfen, das stillstehende Wasser in den Gräben, das Wasser, das zwischen den Grashügeln auf den Mooren und in den Teichen hervorquoll, alles miteinander kam in Bewegung und suchte sich einen Weg nach den Bächen, um nach dem Meere mitgenommen zu werden.

Die Bäche liefen so rasch wie nur möglich nach den Mälarflüssen, und die Flüsse taten ihr bestes, ihrerseits die Wassermassen dem Mälar zuzuführen. Und dann warfen an ein und demselben Tage alle kleinen Seen in Uppland und im Bergwerkdistrikt ihre Eisdecken ab. Dadurch füllten sich die Bäche mit Eisschollen, und das Wasser in ihnen stieg hurtig bis zu den Uferrändern. So vergrößert stürzten sich die Flüsse jetzt in den Mälar, und es dauerte nicht lange, da hatte dieser so viel Wasser aufgenommen, als er überhaupt fassen konnte. Reißend und wild schäumend drängte er seinem Ausfluß zu; aber der Norrstrom ist eine enge Wasserstraße, die das Wasser nicht so hurtig durchfließen lassen konnte, wie es nötig gewesen wäre. Überdies wehte ein sehr starker Ostwind, die Meereswellen brachen sich hoch aufschäumend am Ufer und standen dadurch dem Strom hindernd im Wege, als dieser sein Süßwasser in die Ostsee ergießen wollte. Da nun die Flüsse dem Mälar unaufhörlich neues Wasser zuführten, der Strom aber seine Fülle nicht so rasch hinausführen konnte, blieb dem großen See nichts andres übrig, als über seine Ufer zu treten.

Der See stieg sehr langsam, wie wenn er den schönen Ufern nur ungern Schaden zufügen würde. Da diese aber überall sehr niedrig und flach sind, hatte das Wasser schon nach kurzer Zeit das Land weit überschwemmt, und mehr brauchte er nicht, um allerorten die größte Aufregung hervorzurufen.

Der Mälar ist ein See von ganz besonderer Beschaffenheit; er besteht aus lauter engen Fjorden, Buchten und Sunden. Nirgends breitet er sich zu weiten, sturmgepeitschten Flächen aus; er scheint zu nichts anderm geschaffen zu sein, als für Lustfahrten, Segeltouren und fröhlichen Fischfang, und er hat viele reizende bewaldete Holme und Landzungen. Nirgends sind nackte, einsame, vom Wind umfegte Ufer; es ist, als habe der See nie daran gedacht, daß hier etwas andres als Lustschlösser, Sommerhäuser, Herrenhöfe und Vergnügungsorte stehen sollten. Und weil er sich für gewöhnlich so freundlich und mild zeigt, gerät vielleicht gerade deshalb alles in so fürchterliche Aufregung, wenn er ab und zu einmal seine freundliche Miene ablegt und offenbart, daß er auch ernstlich gefährlich werden kann.

Da es nun aussah, als wolle der Mälar wirklich eine Überschwemmung anrichten, wurden alle Boote und Einbäume, die während des Winters ans Land gezogen waren, in aller Eile gedichtet und geteert, damit sie so rasch wie möglich zum Gebrauch bereit wären. Die Brücken der Waschfrauen wurden hereingezogen, die Landungsbrücken dagegen verstärkt. Die Bahnwärter, deren Aufgabe es war, die dem Ufer entlang laufenden Eisenbahnstrecken zu bewachen, gingen beständig auf dem Bahndamm hin und her und wagten weder bei Nacht noch bei Tag ein wenig zu schlafen.

Die Bauern, die auf den niedrigen Holmen Heu oder dürres Laub in Scheunen aufbewahrt hatten, schafften alles eilig ans Land herüber. Die Fischer zogen ihre Netze und Reusen ein, damit sie nicht vom Hochwasser mit fortgerissen würden. An den Fähren wimmelte es von Menschen, die rasch übergesetzt werden wollten. Wer immer unterwegs war, ob auf dem Heimwege oder nach auswärts, mußte sich beeilen, solange die Überfahrt noch möglich war.

In der Stockholmer Gegend, wo an den Ufern ein Dorf neben dem andern liegt, war die Geschäftigkeit am größten. Die meisten Landhäuser lagen allerdings so hoch über den Ufern, daß ihnen keine Gefahr drohte; aber jedes von diesen Landhäusern hatte ja auch sein Badehaus und seine Landungsbrücke, und sie mußten in Sicherheit gebracht werden.

Doch nicht allein die Menschen gerieten in Aufregung, als der Mälar über seine Ufer stieg, nein, auch die Tiere waren in großer Not: Die Enten, deren Eier zwischen den Büschen am Ufer lagen, die Wasserratten und die Spitzmäuse, die am Ufer wohnten und kleine hilflose Junge in ihrem Neste hatten, ja selbst die stolzen Schwäne bekamen Angst für ihre Nester und ihre Eier.

Und es waren keine unnötigen Sorgen, denn mit jeder Stunde wuchs der Mälar.

Den Weiden und Erlen an den Ufern ging das Wasser schon hoch an den Stämmen herauf. In die Gärten war das Wasser eingedrungen; es arbeitete da in seiner eigenen Weise, und in den Gemüsebeeten und auf den Roggenfeldern, die ihm erreichbar waren, richtete es großen Schaden an.

Der See stieg und stieg, mehrere Tage hindurch. Die tiefgelegenen Wiesen um Gripsholm herum standen unter Wasser, und das große Schloß war jetzt nicht allein durch einen schmalen Graben, sondern durch breite Sunde vom Festlande getrennt. In Strängnäs wurde die schöne Strandpromenade in einen brausenden Fluß verwandelt, und in Wästerås bereitete man sich darauf vor, mit Booten in den Straßen umherzufahren. Ein paar Elche hatten auf einem Holm im Mälar überwintert; deren Lagerstatt geriet unter Wasser und kam ans Land geschwommen. Ganze Stapel Brennholz, eine Menge Bretter und Balken, Bottiche und Eimer schwammen umher, und überall waren die Leute eifrig bemüht, sie zu bergen.

In dieser schwierigen Zeit schlich Smirre, der Fuchs, eines Tages durch ein Birkengehölz, das etwas nördlich vom Mälar lag. Wie gewöhnlich beschäftigten sich seine Gedanken mit den Wildgänsen und dem Däumling, und er sann und sann, wie er sie wieder finden könnte, denn er hatte ihre Spur vollständig verloren.

Während er so ganz mutlos dahinwanderte, entdeckte er plötzlich die Taube Agar, die Botschafterin, auf einem Birkenzweig. „Wie gut, daß ich dich treffe, Agar!“ rief Smirre. „Du kannst mir vielleicht sagen, wo sich Akka von Kebnekajse mit ihrer Schar aufhält.“

„Es ist wohl möglich, daß ich es weiß,“ sagte Agar; „aber ich habe nicht im Sinn, es dir mitzuteilen.“

„Das ist mir auch einerlei,“ fuhr Smirre fort, „wenn du ihr nur eine Botschaft ausrichten willst, die man mir für sie aufgetragen hat. Du weißt doch, wie schrecklich es in diesen Tagen am Mälar aussieht. Es ist eine fürchterliche Überschwemmung, und das große Schwanenvolk, das in der Hjälstabucht wohnt, ist in größter Sorge um seine Nester und Eier. Nun hat der Schwanenkönig Dagklar von dem Knirps gehört, der mit den Wildgänsen umherzieht und für alles Rat weiß, und er hat mich zu Akka geschickt, sie zu bitten, mit dem Däumling nach der Hjälstabucht zu kommen.“

„Ich werde deinen Auftrag ausrichten,“ erwiderte Agar. „Aber es ist mir nicht recht klar, wie der kleine Wicht den Schwänen helfen könnte.“

„Mir ist es auch nicht klar, aber er kann ja alles mögliche.“

„Ich wundere mich auch sehr darüber, daß Dagklar einen Fuchs mit einem Auftrag an die Wildgänse schickt,“ wandte Agar ein.

„Da hast du ganz recht, wir sind sonst Feinde,“ erwiderte Smirre mit freundlicher Stimme. „Aber in der Not muß man einander beistehen. Übrigens wirst du gut tun, wenn du Akka nicht sagst, daß du die Botschaft durch einen Fuchs erhalten hast, sonst könnte sie am Ende mißtrauisch werden.“

Die Schwäne in der Hjälstabucht

Der sicherste Zufluchtsort für die Schwimmvögel am ganzen Mälar ist die Hjälstabucht; dies ist der innerste Teil der Ekolsundbucht, die wieder eine Ausweitung des Norra-Björköfjords ist. Dieser Fjord aber ist die zweitgrößte von den langen Buchten, die der Mälar nach Uppland hinein erstreckt.

Die Hjälstabucht hat flache Ufer, einen niedrigen Wasserstand und eine Menge Binsen ganz wie der Tåkern. Sie ist zwar lange nicht so groß wie der berühmte Vogelsee, aber trotzdem eine ausgezeichnete Heimat für die Vögel, weil sie seit vielen Jahren als Freistatt anerkannt ist. Es wohnt nämlich ein großes Schwanenvolk dort, und der Besitzer des ganz in der Nähe liegenden alten Krongutes Ekolsund hat die Jagd da verboten, damit die Schwäne nicht gestört oder beunruhigt würden.

Sobald Akka erfahren hatte, daß die Schwäne ihrer Hilfe bedürften, flog sie eiligst nach der Hjälstabucht. Sie gelangte am Abend hin und sah da gleich, welche ungeheuern Zerstörungen die Überschwemmung angerichtet hatte. Die großen Schwanennester waren losgerissen und von dem heftigen Wind auf die Bucht hinausgetrieben worden; einige waren schon auseinandergefallen, andre umgestürzt, und die Eier lagen jetzt hell glänzend drunten im Wasser auf dem Grund.

Als sich Akka in der Bucht niederließ, waren alle hier wohnenden Schwäne am östlichen Ufer versammelt, wo sie vor dem Winde am besten geschützt waren. Die Überschwemmung hatte freilich großen Schaden bei ihnen angerichtet, aber sie waren viel zu stolz, irgend einen Kummer zu zeigen. „Es hat keinen Wert, unglücklich darüber zu sein. Hier herum gibt es genug Wurzelfasern und Stiele, um neue Nester zu bauen,“ sagten sie. Kein einziger Schwan hatte daran gedacht, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, und sie hatten keine Ahnung, daß Smirre die Wildgänse herbeigerufen hatte.

Es waren mehrere hundert Schwäne versammelt, und sie hatten sich ihrem Rang und ihrer Stellung gemäß aufgestellt; die jungen und unerfahrenen zu äußerst im Kreis, die alten und weisen mehr nach innen. Ganz in der Mitte lag Dagklar, der Schwanenkönig, mit Schneefrid, der Schwanenkönigin; diese beiden waren älter als alle andern, und fast alle Mitglieder des Schwanenvolkes waren ihre Kinder und Kindeskinder.

Dagklar und Schneefrid konnten von jenen Zeiten erzählen, wo es in Schweden noch gar keine wilden Schwäne gab, sondern nur zahme in den Schloßgräben und Teichen. Aber dann war einmal ein Schwanenpaar entwischt und hatte sich in der Hjälstabucht niedergelassen. Von diesen beiden stammten nun alle die Schwäne ab, die hier wohnten. In der jetzigen Zeit gibt es allerdings eine Menge wilder Schwäne im Mälar, sowie im Tåkern und im Hornborgasee; aber alle diese Ansiedler stammen aus der Hjälstabucht, und die Schwäne waren sehr stolz darauf, daß sich ihre Familie über einen See nach dem andern ausbreitete.

Die Wildgänse hatten sich zufälligerweise auf der westlichen Seite der Bucht niedergelassen; aber nachdem Akka entdeckt hatte, wo die Schwäne lagen, schwamm sie sogleich zu ihnen hinüber. Sie war selbst sehr erstaunt, daß nach ihr geschickt worden war; aber sie betrachtete es als eine Ehre und wollte keinen Augenblick verlieren, wenn sie den Schwänen beistehen konnte.

Als Akka in die Nähe der Schwäne kam, hielt sie an, um zu sehen, ob die Gänse hinter ihr auch in einer geraden Linie und in der rechten Entfernung voneinander schwämmen. „Schwimmt nun hübsch und gerade!“ sagte sie. „Starrt die Schwäne nicht an, als ob ihr noch nie etwas Schönes gesehen hättet, und kümmert euch nicht um das, was sie zu euch sagen!“

Akka besuchte die alte Schwanenherrschaft nicht zum ersten Male, und bis jetzt war sie immer mit der Aufmerksamkeit empfangen worden, die einem so weitgereisten und angesehenen Vogel gebührte. Aber es war ihr nie angenehm, wenn sie durch alle die andern Schwäne, die die Alten umringten, hindurchschwimmen mußte. Sie kam sich nie so klein und grau vor, als wenn sie mit den Schwänen zusammen war, und zuweilen ließ auch der eine oder der andre eine Bemerkung über gewisse graue häßliche Leute fallen. Aber da hielt es Akka immer fürs klügste, zu tun, als ob sie es nicht gehört hätte, und nur ruhig weiter zu schwimmen.

Diesmal schien alles ungewöhnlich gut zu gehen. Die Schwäne glitten ganz still zur Seite, und die Wildgänse schwammen wie durch eine mit großen weißschimmernden Vögeln eingefaßte Straße hindurch. Und diese weißen Vögel, die ihre Flügel wie Segel ausspannten, um sich vor den Fremden in ihrer ganzen Schönheit zu zeigen, boten einen überaus prächtigen Anblick. Sie machten nicht eine einzige spitzige Bemerkung, worüber Akka sich sehr verwunderte. „Gewiß hat König Dagklar von ihren Unarten Kenntnis erhalten und ihnen gesagt, sie sollten sich wie gebildete Tiere benehmen,“ dachte die alte Wildgans.

Aber während die Schwäne sich so alle Mühe gaben, ihre guten Sitten zu zeigen, entdeckten sie plötzlich den weißen Gänserich, der ganz hinten in der langen Reihe der Gänse schwamm. Da ging ein Raunen der Verwunderung und des Zorns durch die Schwanenreihen, und mit einem Schlage war es aus mit dem gebildeten Benehmen.

„Was ist denn das?“ rief einer von den Schwänen. „Wollen die Wildgänse jetzt weiße Federn haben?“

„Sie werden sich doch nicht einbilden, daß sie deshalb Schwäne würden!“ schrie es von allen Seiten.

Und mit ihren weithintönenden Stimmen schrien die Schwäne immer lauter durcheinander; es war Akka ganz unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, um ihnen zu erklären, daß dies eine zahme Gans sei, die sich ihnen angeschlossen habe.

„Da kommt gewiß der Gänsekönig selbst daher!“ spotteten die Schwäne.

„Sie sind ganz unglaublich unverschämt!“ riefen die andern.

„Es ist gar keine Gans, es ist eine zahme Ente!“

Der große Weiße gedachte Akkas Ermahnung, sich nicht um das zu kümmern, was ihnen zugerufen würde. Er schwieg also ganz still und schwamm so schnell wie möglich vorwärts; aber es half nichts, die Schwäne wurden nur noch ausfälliger.

„Was hat er denn für eine Kröte auf dem Rücken?“ fragte einer von ihnen. „Die Gänse meinen wohl, wir könnten nicht sehen, daß es eine Kröte ist, trotzdem sie sich wie ein Mensch herausgeputzt hat?“

Nun schwammen alle die Schwäne, die vorher in so schöner Ordnung dagelegen hatten, in wilder Aufregung durcheinander; alle drängten sich vor, um die weiße Wildgans zu sehen.

„So ein weißer Gänserich sollte sich wenigstens schämen, sich hier vor uns Schwänen sehen zu lassen!“

„Er ist gewiß ebenso grau wie die andern und nur in einen Melkkübel getaucht.“

Jetzt hatte Akka den König Dagklar erreicht und wollte ihn eben fragen, womit sie ihm behilflich sein könnte, als dieser den Aufruhr unter seinem Volke gewahr wurde.

„Was ist denn da los? Habe ich ihnen nicht befohlen, höflich gegen die Fremden zu sein?“ rief er und sah sehr unzufrieden aus.

Schneefrid, die Schwanenkönigin, schwamm zu ihren Untertanen hin, um Ordnung unter ihnen zu schaffen, und Dagklar wendete sich wieder an Akka. Doch schon kehrte Schneefrid sehr erregt zurück. „Kannst du sie nicht zum Schweigen bringen?“ rief ihr der Schwanenkönig entgegen.

„Es ist eine weiße Wildgans unter ihnen,“ antwortete die Schwanenkönigin. „Das ist wirklich schändlich. Es wundert mich nicht, daß sie wütend sind.“

„Eine weiße Wildgans!“ rief Dagklar. „Das ist zu toll! Das gibt es ja gar nicht. Du wirst nicht recht gesehen haben.“

Das Gedränge um den Gänserich Martin herum wurde immer größer. Akka und die andern Wildgänse versuchten, zu ihm hinzuschwimmen; aber sie wurden hin und her gepufft und konnten nicht bis zu ihm gelangen.

Jetzt setzte sich auch der alte Schwanenkönig, der stärkste von dem ganzen Volke, in Bewegung. Er schob alle andern zur Seite und bahnte sich einen Weg zu dem weißen Gänserich hin. Aber als er sah, daß da wirklich eine weiße Gans auf dem Wasser lag, wurde er ebenso erregt wie alle andern. Er fauchte vor Zorn, stürzte geradeswegs auf den Gänserich los und rupfte ihm ein paar Federn aus. „Ich will dich lehren, du Wildgans, in so einem Aufzug zu den Schwänen zu kommen!“ rief er.

„Flieh, Martin, flieh, flieh!“ rief Akka, denn sie erkannte, daß ihm die Schwäne jede Feder ausrupfen würden. Und „Flieh, flieh!“ schrie auch der Däumling.

Aber der Gänserich war so fest zwischen den Schwänen eingekeilt, daß er seine Flügel nicht ausspannen konnte; und von allen Seiten streckten die erzürnten Schwäne ihre starken Schnäbel vor, ihm die Federn auszurupfen.

Der Gänserich verteidigte sich, so gut er konnte; er biß und stieß um sich, und die andern Wildgänse griffen die Schwäne auch an. Aber das Ende war nur zu gut abzusehen; doch da wurde den Wildgänsen ganz unerwartet von andrer Seite Hilfe zuteil. Ein Rotkehlchen, das gesehen hatte, wie übel es den Wildgänsen bei den Schwänen erging, war der Helfer. Es stieß jenen scharfen Warnungsruf aus, dessen sich die kleinen Vögel bedienen, wenn es gilt, einen Habicht oder Falken in die Flucht zu jagen. Und kaum war der Ruf dreimal erklungen, als auch schon alle kleinen Vögel der Umgegend auf blitzschnellen Schwingen in einem großen kreischenden Schwarm auf die Hjälstabucht zustürmten.

Und diese armen schwachen Vögelein warfen sich auf die Schwäne; sie zwitscherten ihnen in die Ohren, versperrten ihnen die Aussicht mit ihren Flügeln, machten sie mit ihrem Geflatter verwirrt und brachten sie ganz außer sich, indem sie ihnen in die Ohren schrieen: „Schämt euch! Schämt euch, ihr Schwäne!“

Der Überfall der kleinen Vögel dauerte nur ein paar Augenblicke; aber als der Vogelschwarm wieder weggeflogen und die Schwäne einigermaßen zu sich gekommen waren, hatten die Wildgänse die Flucht ergriffen und schon die andre Seite der Bucht erreicht.

Der neue Kettenhund

Etwas Gutes wenigstens hatten die Schwäne: als sie sahen, daß die Wildgänse entkommen waren, fanden sie es unter ihrer Würde, ihnen nachzujagen. Die Wildgänse durften also in aller Ruhe auf einer mit Binsen bewachsenen Insel schlafen.

Nils Holgersson aber konnte vor lauter Hunger nicht einschlafen. „Ich muß sehen, daß ich in irgend einem Hause etwas zum Essen finde,“ sagte er.

In diesen Tagen, wo so vielerlei auf dem Wasser umhertrieb, war es für so einen kleinen Wicht wie Nils Holgersson nicht schwer, ein Beförderungsmittel zu finden. Er besann sich daher nicht lange, sondern sprang auf ein Bretterstück, das zwischen die Binsen hineingetrieben war. Dann fischte er einen kleinen Stock auf und stieß durch das seichte Wasser dem Ufer zu.

Kaum hatte er dieses erreicht, als er neben sich ein Plätschern im Wasser hörte. Er blieb unbeweglich stehen und sah da zuerst eine Schwänin, die ganz in seiner Nähe in ihrem großen Neste lag; dann aber erblickte er einen Fuchs, der ein paar Schritte ins Wasser hineingewatet war und sich zu dem Schwanenneste hinschlich.

„Hallo, hallo! Steh auf, steh auf!“ rief der Junge und schlug mit seinem Stock ins Wasser.

Die Schwänin stand auf, aber doch nicht so rasch, daß der Fuchs sich nicht hätte auf sie werfen können, wenn er gewollt hätte. Aber er gab diesen Plan auf und rannte eiligst auf den Jungen zu.

Der Däumling sah den Fuchs auf sich zukommen und lief spornstreichs ins Land hinein. Vor ihm lag weiter, flacher Wiesengrund, nirgends sah er einen Baum, den er hätte erklettern, nirgends ein Loch, in dem er sich hätte verstecken können. Es blieb ihm nichts übrig, als zu fliehen. Nun war der Junge zwar ein guter Läufer, aber daß er es in der Geschwindigkeit mit einem Fuchs, der frei und ungehindert laufen konnte und nichts zu tragen hatte, nicht aufnehmen könnte, dessen war er sich nur zu klar.

Eine Strecke weit im Lande drinnen lagen einige Kätnerhütten, aus deren Fenstern heller Lichtschein herausdrang. Natürlich lief der Junge darauf zu; aber er mußte sich selbst sagen, daß ihn der Fuchs längst eingeholt haben würde, ehe er die Häuser erreicht hätte.

Einmal war ihm der Fuchs schon so nahe, daß er den Jungen sicher zu haben meinte; aber da sprang dieser hastig zur Seite und lief wieder der Bucht zu. Diese Wendung hielt den Fuchs ein wenig auf, und ehe er den Jungen aufs neue eingeholt hatte, war dieser zu ein paar Männern hingelaufen, die den ganzen Tag hindurch und noch am Abend das auf dem Wasser umhertreibende Gut geborgen hatten und jetzt auf dem Heimweg waren.

Die Männer waren müde und schläfrig; sie hatten weder den Fuchs noch den Jungen bemerkt, obgleich dieser auf sie zugelaufen war. Der Junge wollte sie indes gar nicht anreden und sie auch nicht um Hilfe bitten; er begnügte sich damit, neben ihnen herzulaufen, denn er dachte: „Der Fuchs wird sich wohl hüten, ganz dicht zu den Menschen hinzugehen.“

Aber bald hörte er, wie der Fuchs herbeischlich. Ja, er wagte sich wirklich ganz nahe an die Menschen heran, denn er dachte: „Sie werden mich wohl für einen Hund halten.“

„Was schleicht denn da für ein Hund hinter uns her?“ sagte auch in der Tat einer von den Männern. „Er kommt uns so nahe, als ob er uns beißen wollte.“

Der andre blieb stehen und sah sich um. „Weg mit dir! Was willst du?“ rief er und versetzte dem Fuchs einen Stoß, der ihn auf die andre Seite des Weges beförderte. Von da an hielt sich der Fuchs in ein paar Metern Abstand, lief aber unentwegt hinter den Männern her.

Bald erreichten die Männer die Kätnerhütten und gingen miteinander in eine von ihnen hinein. Der Junge hatte eigentlich im Sinne gehabt, sich mit ihnen hineinzuschleichen; aber kaum war er auf dem Flur angekommen, da sah er einen großen, schönen, langhaarigen Kettenhund aus der Hundehütte herausrasen und den Hausherrn stürmisch begrüßen. Da änderte der Junge seine Absicht und blieb vor dem Hause.

„Hör einmal, Hofhund,“ sagte er leise, sobald die Männer die Tür hinter sich zugemacht hatten. „Willst du mir nicht helfen, heute nacht einen Fuchs zu fangen?“

Der Hofhund hatte keine scharfen Augen, und zornig und hitzig war er von dem Angebundensein auch geworden. „Wie soll ich einen Fuchs fangen?“ bellte er wütend. „Wer bist denn du, daß du daherkommst und mich verspottest? Komm mir nur so nahe, daß ich dich fassen kann, dann werde ich dich lehren, deinen Spott mit mir zu treiben.“

„O, ich habe durchaus keine Angst vor dir!“ rief der Junge und lief zu dem Hund hin. Und als der Hund den kleinen Knirps sah, war er so überrascht, daß er kein Wort herausbringen konnte.

„Ich bin der Junge, den die Tiere den Däumling nennen, und der mit den Wildgänsen umherzieht,“ sagte Nils Holgersson. „Hast du noch nicht von mir reden hören?“

„Doch, die Schwalben haben wohl so etwas von dir gezwitschert,“ antwortete der Hund. „Du scheinst große Dinge ausgerichtet zu haben, obwohl du nur so klein bist.“

„Ja, bis heute ist es mir ganz gut gegangen, aber wenn du mir nicht hilfst, dann ist es wohl aus mit mir. Ein Fuchs ist mir dicht an den Fersen. Er steht dort an den Ecke und lauert auf mich.“

„Ei freilich, ich wittre ihn wirklich deutlich,“ sagte der Hund. „Den werden wir bald haben.“

Damit jagte der Hofhund davon, so weit seine Kette reichte, und bellte und kläffte eine gute Weile.

„Ich glaube nicht, daß er sich jetzt noch einmal heranwagt,“ sagte er dann.

„Ach, mit dem Bellen allein wird dieser Fuchs nicht in die Flucht geschlagen,“ sagte der Junge. „Er wird gleich wieder da sein, und das wäre auch am besten, denn ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß du ihn gefangen nehmen sollst.“

„Treibst du schon wieder deinen Spott mit mir?“ rief der Hund.

„Nein, gewiß nicht. Komm nur mit mir in die Hundehütte hinein, damit der Fuchs uns nicht hören kann; dann sage ich dir, wie du es machen mußt,“ sagte der Junge.

Der Junge und der Hund krochen miteinander in die Hütte hinein und flüsterten da eifrig zusammen.

Nach einer Weile steckte der Fuchs die Nase um die Ecke, und als alles still war, schlich er sich sachte in den Hof hinein. Er verfolgte die Spur des Jungen bis zur Hundehütte hin und setzte sich in angemessener Entfernung davon nieder, um zu überlegen, wie er ihn herauslocken könnte. Plötzlich steckte der Hund den Kopf heraus und knurrte den Fuchs an. „Mach daß du fort kommst, sonst komme ich heraus und packe dich!“ rief er.

„Deinetwegen bleibe ich ruhig hier sitzen, solange ich Lust habe,“ erwiderte der Fuchs.

„Geh deiner Wege!“ brummte der Hund noch einmal in drohendem Ton. „Sonst hast du heute nacht zum letzenmal gejagt.“

Aber der Fuchs grinste den Hund nur an und wich nicht vom Fleck. „Ich weiß schon, wie weit deine Kette reicht,“ sagte er.

„Nun habe ich dich zweimal gewarnt,“ sagte der Hund und trat aus seiner Hütte heraus. „Jetzt mußt du die Folgen selbst tragen.“

Und in demselben Augenblick fuhr er mit einem großen Satz auf den Fuchs los. Er erreichte ihn ohne jegliche Schwierigkeit, denn er war frei; der Junge hatte ihm sein Halsband abgenommen.

Einen Augenblick kämpften die beiden Tiere miteinander; aber der Streit war bald entschieden: Der Hund stand als Sieger, der Fuchs lag auf dem Boden und wagte sich nicht zu rühren. „Ruhig, ruhig! Wenn du nicht ganz ruhig bleibst, beiße ich dich tot,“ sagte der Hund. Dann packte er ihn am Nacken und schleppte ihn in seine Hütte hinein. Da stand der Junge mit der Hundekette; er legte dem Fuchs das Halsband zweimal um den Hals und zog es recht fest zu, damit er ganz sicher gefangen saß; und die ganze Zeit über mußte der Fuchs vollkommen still liegen und wagte sich nicht zu rühren.

„So so, mein Herr Smirre, nun hoffe ich, daß ein guter Kettenhund aus dir wird,“ sagte der Junge, als er fertig war.

34
Die Sage von Uppland

Donnerstag, 5. Mai

Am nächsten Tag hatte der Regen aufgehört, aber es stürmte noch den ganzen Vormittag, und die Überschwemmung nahm immer mehr überhand. Gleich nach Mittag jedoch trat ein Umschlag in der Witterung ein. Es wurde auf einmal herrliches Wetter: warm, windstill und wunderschön.

Der Junge lag höchst vergnügt mitten in einem Busch prachtvoll blühender Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als zwei Schulkinder mit ihren Büchern und ihrem Vesperbrot auf einem Wiesenpfad daherkamen, der sich am Ufer hinschlängelte. Die Kinder gingen ganz langsam und sahen sehr betrübt aus. Als sie dicht bei dem Jungen angekommen waren, setzten sie sich auf ein paar Steine und schütteten sich gegenseitig das Herz aus.

„Mutter wird sehr ärgerlich werden, wenn sie hört, daß wir heute unsere Aufgabe wieder nicht gekonnt haben,“ sagte eines von ihnen.

„Ja, und der Vater auch,“ fuhr das andre fort. Und von ihrem Kummer ganz überwältigt, brachen die beiden Kinder in lautes Weinen aus.

Der Junge überlegte eben, ob er sie denn nicht auf irgendeine Weise trösten könnte, als eine kleine, bucklige alte Frau mit einem lieben, freundlichen Gesicht auf dem Pfade daherkam und vor den Kindern Halt machte.

„Kinder, warum weint ihr denn?“ fragte die Alte.

Da erzählten ihr die Kinder, sie hätten in der Schule ihre Aufgabe nicht gekonnt, und nun schämten sie sich so, daß sie nicht nach Hause gehen wollten.

„Aber was ist denn das für eine schwere Aufgabe, die ihr gar nicht lernen könnt?“ fragte die Alte. Da berichteten die Kinder, sie hätten die Geographie von ganz Uppland aufgehabt.

„Das ist allerdings nach dem Buch vielleicht gar nicht so leicht zu lernen,“ sagte die Alte. „Aber nun sollt ihr hören, was meine Mutter mir einmal von diesem Land erzählt hat. Ich selbst bin nicht in die Schule gegangen und habe deshalb auch nichts weiter davon gelernt, aber was meine Mutter mir darüber erzählt hat, hab ich meiner Lebtage nicht wieder vergessen.“

„Nun also, meine Mutter sagte,“ so begann die Alte, indem sie sich neben die Kinder auf einen Stein setzte, „in alten Zeiten sei Uppland die ärmste und unbedeutendste Landschaft von ganz Schweden gewesen. Sie habe nur aus mageren Lehmfeldern und einigen niedrigen Steinhaufen bestanden, und es soll bis zum heutigen Tage noch viele solcher Landstrecken da geben, wenn wir hier unten am Mälar auch nicht viel davon sehen.

Nun ja, woher es nun auch kommen mochte, traurig und betrübt sah es in Uppland aus, und das arme Uppland hatte das Gefühl, daß die andern Landschaften es für einen richtigen armen Schlucker hielten, und das ist auf die Dauer doch recht ärgerlich. Eines schönen Tages jedoch hatte Uppland das ganze Elend so gründlich satt, daß es einen Sack auf den Rücken und einen Stab in die Hand nahm und auszog, um bei denen, die es so viel besser hatten, zu betteln.

Zuerst wanderte das arme Uppland immer südwärts, bis es nach Schonen kam. Dort angelangt, jammerte es, wie arm es sei, und bettelte um etwas fruchtbares Erdreich.

‚Nächstens weiß man nicht mehr, was man allen Bettelleuten, die einen überlaufen, geben soll,‘ sagte Schonen. ‚Aber wir wollen einmal sehen. Da habe ich gerade ein paar Mergelgruben eröffnet, und du kannst dir einige von den Rasenstücken nehmen, die ich dort an den Rand geworfen habe!‘

Uppland nahm die Rasenstücke, bedankte sich schön, und wanderte von Schonen nach Westgötland. Dort angekommen, jammerte es, wie arm es sei, und bat wieder um Erdboden.

‚Erdboden kann ich dir nicht geben,‘ sagte Westgötland. ‚Einem Bettler gönne ich auch nicht ein Stückchen von meinen fetten Wiesen. Wenn du aber einen von meinen kleinen Flüssen brauchen kannst, die durch die Ebene hinziehen, dann nimm ihn dir.‘

Uppland nahm den Fluß und bedankte sich schön. Hierauf zog es nach Halland. Dort jammerte es aufs neue, wie arm es sei, und bat um Erdboden.

‚Ich bin auch nicht reicher als du,‘ sagte Halland, ‚und deshalb brauchte ich dir auch nichts zu geben. Wenn du aber meinst, es verlohne sich der Mühe, kannst du dir ein paar Steinhaufen ausbrechen und mitnehmen.‘

Uppland nahm das Geschenk, bedankte sich schön und eilte weiter nach Bohuslän. Da durfte es so viele kahle Felsen in seinen Sack stecken, als es nur wollte. ‚Sie sehen zwar nichts gleich,‘ sagte Bohuslän, ‚aber als Schutz gegen den Wind kannst du sie schon verwenden. Sie werden dir nützlich sein, denn du wohnst ja auch am Meere, gerade wie ich.‘

Uppland nahm alles, was ihm geschenkt wurde, dankbar an und wies nichts zurück, obgleich man ihm überall nur das gab, was die andern am leichtesten entbehren zu können glaubten. Wärmland warf ihm ein Stück Berg hin, Westmanland gab ihm eine Reihe von seinen Hügeln, Ostgötland schenkte ihm ein Stück von dem wilden Kolmården, und Småland stopfte ihm fast den ganzen Sack voll Moorboden, Steinhaufen und Heidehügeln.

Sörmland wollte nichts herschenken als ein paar Mälarbuchten, und Dalarna wollte auch nichts von seinem Land hergeben und fragte deshalb, ob sich Uppland nicht mit einem Stück vom Dalälf begnügen wolle.

Zuletzt bekam es von Närke noch einige sumpfige am Hjälmar gelegene Wiesen; dann aber war sein Sack ganz voll, und nun meinte Uppland auch genug zusammengebettelt zu haben.

Als es wieder zu Hause anlangte und alles, was es erbettelt hatte, aus seinem Sack herausnahm, dachte es freilich: ‚Da habe ich nichts als einen Haufen Gerümpel mit heimgebracht.‘ Es seufzte und zerbrach sich den Kopf darüber, wie es denn seine Gaben nützlich verwenden könnte.

Nun verging ein Jahr ums andre, währenddessen Uppland daheim sein Eigentum ordnete, und schließlich hatte es auch alles nach seinem Gutdünken aufgestellt.

Zu jener Zeit wurde in Schweden viel darüber verhandelt, wo in dem schwedischen Reiche der König wohnen und wo er sein Schloß und die Hauptstadt errichten sollte. Natürlich wollte jede Landschaft den König bei sich haben, und es wurde lange darüber hin und her gestritten.

‚Ich meine, der König sollte in der Landschaft wohnen, die sich als die klügste und tüchtigste ausweist,‘ sagte schließlich Uppland; und die andern Landschaften erklärten diesen Ausspruch für einen klugen Rat. Es wurde also beschlossen, daß die Landschaft, die sich als die klügste und tüchtigste ausweise, den König und die Hauptstadt bekommen solle.

Kaum waren alle Landschaften wieder zu Hause angelangt, als auch schon eine Botschaft von Uppland bei ihnen eintraf, die sie zu einem Fest zu sich einlud. ‚Was könnte uns denn dieser arme Schlucker wohl zu bieten haben?‘ sagten alle Landschaften; aber sie nahmen doch die Einladung an.

Als sie ankamen, waren sie über das, was sie sahen, aufs höchste überrascht. Dicht bebaut breitete sich Uppland vor ihnen aus. In der Mitte der Landschaft lag ein schöner Hof neben dem andern, an der Küste dehnten sich Ortschaften aus, und auf allen Wassern der Landschaft fuhren zahlreiche Schiffe hin und her.

‚Es ist eine Schande, mit dem Bettelsack umherzuziehen, wenn man es daheim so gut hat,‘ sagten die andern Landschaften.

‚Ich habe euch eingeladen, um euch eure Geschenke ordentlich zu zeigen, denn euch habe ich es zu verdanken, daß ich mich jetzt so gut fortbringen kann,‘ sagte Uppland.

‚Als ich heimkam,‘ fuhr Uppland fort, ‚leitete ich zu allererst den Dalälf in meinen Bereich herein, und zwar so, daß er zwei prächtige Wasserfälle bilden mußte, den einen bei Söderfors und den andern bei Älfkarleby. Südlich vom Dalälf bei Dannemora stellte ich den Berg auf, den ich von Wärmland bekam, und da entdeckte ich, daß Wärmland nicht so genau nachgesehen hatte, was es weggab, denn der Berg bestand aus dem besten Eisenerz. Ringsherum pflanzte ich den Wald, das Geschenk Ostgötlands, nun waren an ein und derselben Stelle Erz, Wälder und Wasserkraft beieinander, und daß da reiche Bergwerke entstehen würden, versteht sich von selber.

Nachdem ich es nun im Norden so gut eingerichtet hatte, stellte ich die Westmanländischen Hügel auf; aber ich streckte und dehnte sie, bis sie bis zum Mälar hinreichten und da Landzungen und Holme bildeten, die sich bald mit Grün bekleideten und zu schönen Gärten wurden. Die Buchten von Sörmland aber dehnte ich so weit wie möglich ins Land hinein; dadurch wurde dieses den Schiffen zugänglich und trat in Verbindung mit der Welt draußen.

Nachdem im Norden und Süden alles fertig war, wendete ich mich der östlichen Küste zu, und nun sammelte ich alle die nackten Klippen und Steinhaufen, die Heidestrecken und die kahlen Felder, die ihr mir gegeben hattet, und warf sie ins Meer. So entstanden alle meine Holme und Inseln, die mir für die Schiffahrt und den Fischfang äußerst nützlich sind und die ich für mein wertvollstes Eigentum halte.

Dann hatte ich von euern Geschenken nichts mehr übrig als die Rasenstücke von Schonen; diese legte ich mitten ins Land hinein, und daraus wurde die fruchtbare Vaksala-Ebene. Den trägen Fluß aber, den mir Westgötland gegeben hatte, leitete ich über die Wiese hin, und so bildet er eine gute Verbindung zu den Mälarbuchten.‘

Jetzt verstanden die andern Landschaften, wie alles zugegangen war, und obgleich sie immer noch etwas ärgerlich waren, mußten sie doch zugeben, daß Uppland seine Sache gut gemacht hätte. ‚Du hast mit wenig Mitteln Großes geleistet. Ja, du bist wirklich am klügsten und tüchtigsten von uns allen,‘ sagten sie.

‚Ich danke euch für diesen Ausspruch,‘ sagte Uppland. ‚Wenn ihr das sagt, dann bin ich auch die Landschaft, die den König und die Hauptstadt bekommen soll.‘

Wieder wurden die Landschaften etwas ärgerlich; aber ein Wort ist ein Wort, und so blieb es dabei.

So bekam Uppland den König und die Hauptstadt und wurde die erste von allen Landschaften. Und das war nicht mehr als recht und billig, denn Klugheit und Tüchtigkeit, diese beiden sind es, die auch heute noch aus Bettlern Fürsten machen.“

35
In Uppsala

Der Student

Donnerstag, 5. Mai

Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land zog, war in Uppsala ein sehr tüchtiger junger Student. Er wohnte in einem Dachstübchen, und die jungen Leute sagten, er lebe geradezu von der Luft. Sein Studium betrieb er mit Lust und Liebe, und er wurde früher fertig als alle seine Studiengenossen. Trotzdem aber war er kein Bücherwurm und Spielverderber, sondern freute sich mit seinen Kameraden der akademischen Freiheit, gerade wie ein rechter Student sein soll. Er hatte nicht einen einzigen Fehler, wenn man nicht etwa das einen Fehler nennen wollte, daß er vom Glück etwas verwöhnt worden war. Aber das kann dem besten passieren; das Glück ist nicht so leicht zu ertragen, besonders nicht in der Jugend.

Eines Morgens, gleich nachdem der Student aufgewacht war, dachte er darüber nach, wie gut es ihm doch immer gegangen sei. „Alle Menschen haben mich lieb, die Lehrer und die Kameraden,“ sagte er vor sich hin. „Und wie gut ist es mir bei meinem Studium ergangen! Heut muß ich zum letzten Male zum ‚Tentamen‘, und dann habe ich nicht mehr viel zu tun. Wenn ich nur zur rechten Zeit fertig werde, bekomme ich gewiß eine gute Stelle mit einem ordentlichen Gehalt. Ja, ich habe in der Tat merkwürdig viel Glück, aber ich habe es mir auch tüchtig sauer werden lassen, da kann es mir nicht anders als gut gehen.“

Die Studenten in Uppsala sitzen nicht in Klassenzimmern und lernen da wie Schulkinder miteinander, sondern jeder studiert daheim auf seiner eignen Bude. Wenn sie dann mit einem Fach fertig sind, gehen sie zu ihren Professoren und werden gleich in diesem Fach examiniert. Eine solche Prüfung wird ein „Tentamen“ genannt, und jetzt sollte der obengenannte Student gerade in dem letzten und schwersten Fach seiner ganzen Studienzeit examiniert werden.

Sobald er sich angezogen und sein Frühstück eingenommen hatte, setzte er sich an den Schreibtisch, um einen letzten Blick in die Bücher zu werfen.

„Ich glaube, es ist ganz überflüssig, denn ich bin ja sehr gut vorbereitet,“ dachte er. „Aber ich will doch lieber bis zuletzt büffeln, dann habe ich mir nichts vorzuwerfen.“

Er hatte noch nicht lange studiert, als es an seiner Tür klopfte und ein Student mit einem dicken Band unter dem Arm bei ihm eintrat. Dieser Student war von einem ganz andern Kaliber als der, der am Schreibtisch saß. Er war bleich und schüchtern und sah ärmlich und bedürftig aus. Es war einer von denen, die sich einzig und allein auf die Bücher und nichts weiter verstehen. Man sagte ihm nach, er sei sehr gelehrt; aber er war so scheu und schüchtern, daß er sich noch nicht ein einziges Mal zu einem Tentamen herangewagt hatte. Alle seine Kameraden glaubten, es werde ein „ewiger Student“ aus ihm werden, ein solcher, der ein Jahr ums andre in Uppsala bleibt, immerfort studiert und studiert, und aus dem doch nie etwas Rechtes wird.

Jetzt kam dieser „ewige Student“ zu unserm Studenten, ihn zu bitten, ein Buch durchzulesen, das er geschrieben hatte. Es war noch nicht gedruckt, sondern nur im Manuskript fertig.

„Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du ein wenig hineinsehen möchtest und mir dann sagen, ob es irgend einen Wert hat,“ sagte der schüchterne Student.

Der Student, der immer Glück hatte, dachte im stillen: „Da haben wirs wieder, mich können alle Menschen besonders gut leiden; es mögen mich eben alle. Da kommt nun auch dieser Sonderling zu mir; der kann sich nicht überwinden, irgend jemand sein Werk zu zeigen, und nun bittet er mich, mein Urteil darüber abzugeben.“

Er versprach, das Manuskript sobald wie möglich zu lesen, und der andre legte es vor ihn auf den Schreibtisch. „Du mußt gut Acht darauf geben,“ sagte er. „Ich habe fünf Jahre lang daran gearbeitet; und wenn es verloren ginge, könnte ich es nicht noch einmal schreiben.“

„So lange es bei mir ist, wird ihm nichts passieren,“ sagte der Student. Und darauf entfernte sich der andre.

Der Student zog den großen Stoß Papier zu sich heran. „Was der wohl da zusammengeschmiert hat?“ sagte er. „Ah, die Geschichte der Stadt Uppsala; das klingt ja nicht so übel!“

Nun war aber unserm Studenten Uppsala die liebste Stadt von ganz Schweden, und er war überaus neugierig, zu sehen, was der „ewige Student“ über diese Stadt geschrieben hätte. „Wenn ich mir die Sache recht überlege, kann ich seine Geschichte ebensogut gleich lesen,“ murmelte er. „Es hat ja doch keinen Wert, wenn ich mich hier bis zum letzten Augenblick schinde. Deshalb geht es mir doch nicht besser beim Professor.“

Der Student fing also zu lesen an und hob den Kopf nicht mehr von den Blättern, bis er das letzte gelesen hatte. „Ei sieh einmal!“ sagte er. „Das ist ja ein fürchterlich gelehrtes Werk. Wenn dieses Buch herauskommt, ist der ewige Student ein gemachter Mann. Nein, wie freue ich mich, ihm sagen zu können, daß mir sein Werk gefällt!“

Er sammelte alle die losen Blätter, aus denen das Manuskript bestand, wieder sorgfältig zusammen und legte sie auf den Tisch. Während er noch damit beschäftigt war, hörte er eine Uhr schlagen.

„Ei der Tausend, es ist höchste Zeit, daß ich zum Professor gehe!“ rief er und eilte zur Türe hinaus, seine schwarzen Kleider zu holen, die in einem Kämmerchen auf dem Bodenraum hingen. Aber wie es öfters zu gehen pflegt, wenn man in Eile ist: Schloß und Schlüssel waren widerwillig, und es dauerte eine gute Weile, bis der Student wieder in sein Zimmer zurückkam.

Als er über die Schwelle trat, stieß er einen lauten Schrei aus. In der Eile, mit der er hinausgegangen war, hatte er die Tür seines Zimmers hinter sich offen gelassen, und das Fenster am Schreibtisch war auch offen gewesen. Dadurch war ein heftiger Zug entstanden, und jetzt sah der Student die losen Blätter des Manuskripts zum Fenster hinauswirbeln. Mit einem großen Satz war er am Schreibtisch und legte die Hand auf die Blätter. Aber es war nicht mehr viel zu retten: höchstens zehn bis zwölf Blätter lagen noch auf der Tischplatte, alle andern flatterten, vom Wind getrieben, über die Dächer und Höfe hin.

Der Student bog sich weit zum Fenster hinaus und sah den Blättern nach. Auf dem Dach vor dem Mansardenfenster saß ein schwarzer Vogel, der ihn mit spöttischer Überlegenheit ansah. „Ist das nicht ein Rabe?“ dachte der Student. „Man sagt doch, die Raben bedeuteten Unglück.“

Einige von den Blättern lagen noch auf dem Dache, und so hätte er vielleicht wenigstens noch einen Teil des verlorenen Gutes retten können, wenn das Tentamen nicht gewesen wäre. Nun aber meinte er, er müsse sich in erster Linie um seine eignen Angelegenheiten kümmern. „Es handelt sich ja um meine ganze Zukunft,“ dachte er.

Er warf sich in seinen schwarzen Anzug und stürzte zu dem Professor. Unterwegs mußte er immerfort an das verlorene Manuskript denken. „Das ist eine recht ärgerliche Geschichte,“ dachte er. „Wie schade, daß ich in so großer Eile war!“

Der Professor begann das Examen; aber der Student konnte an nichts andres denken, als an das verlorene Manuskript. „Was sagte doch der arme Kerl?“ dachte er. „Sagte er nicht, er habe fünf Jahre lang an dem Buch gearbeitet und wäre nicht imstande, es noch einmal zu schreiben? Ach, woher soll ich nun den Mut nehmen, ihm zu gestehen, daß es mir abhanden gekommen ist?“

Der Student war sehr aufgeregt und höchst unglücklich über sein Mißgeschick mit dem Manuskript und konnte sich auf nichts besinnen. Alle seine Kenntnisse waren wie weggeblasen. Er hörte nicht, was der Professor fragte, und hatte auch keine Ahnung, was er antwortete. Der Professor war ganz entsetzt über eine solche Unwissenheit und konnte nichts andres tun, als ihn durchfallen lassen.

Als der Student wieder auf die Straße kam, war er unglückselig. „Jetzt entgeht mir die gute Stelle!“ dachte er. „Und wer ist ganz allein schuld daran? Dieser alte Bücherwurm! Warum mußte er auch gerade heute mit seinem Werk daherkommen? Aber so geht es, wenn man immer gefällig ist.“

In diesem Augenblick sah der Student den, an den er eben dachte, auf sich zukommen. Er wollte ihm natürlich nicht sagen, daß ihm das Manuskript abhanden gekommen sei, ehe er einen Versuch gemacht hätte, es wieder zu erlangen, und suchte deshalb stillschweigend an ihm vorübergehen. Aber der andre wanderte ganz betrübt und niedergedrückt daher und dachte nur immerfort, was der Student wohl über sein Buch sagen werde. Als dieser nun mit einem unfreundlichen Kopfnicken vorübereilte, wurde er von einer grenzenlosen Angst erfaßt. Er hielt ihn am Ärmel fest und fragte ihn, ob er schon ein wenig in das Manuskript hineingesehen habe.

„Ich komme eben von meinem Tentamen,“ antwortete der Student und wollte rasch weitergehen. Aber der andre glaubte, er weiche ihm aus, damit er ihm nicht sagen müsse, wie wenig ihm das Manuskript gefallen habe. Ach, da war ihm, als müsse ihm das Herz brechen! Diese Arbeit, der er fünf Jahre seines Lebens geopfert hatte, war also ganz wertlos! Tief betrübt sagte er zu dem Studenten: „Höre nun, was ich dir sage. Lies mein Buch, so rasch du kannst, und dann teile mir mit, was du darüber denkst; aber wenn es nichts wert ist, verbrenne es, dann will ich es gar nicht mehr sehen.“

Nach diesen Worten ging er hastig davon. Der Student sah ihm nach und wollte ihn zurückrufen, besann sich dann aber anders und lenkte seine Schritte heimwärts.

Hier angekommen, zog er rasch seinen Werktagsanzug wieder an und eilte fort, nach den verlorenen Blättern zu suchen. Er suchte in den Straßen, auf den freien Plätzen und in den Gärten. Dann suchte er in den Höfen, ja er ging sogar weit vor die Stadt hinaus; aber er fand nicht ein einziges Blatt.

Nachdem er ein paar Stunden ununterbrochen gesucht hatte, war er so hungrig, daß er etwas essen mußte. In seinem gewohnten Gasthaus traf er wieder mit dem ewigen Studenten zusammen, der auch sogleich auf ihn zukam, um etwas über sein Buch zu erfahren.

„Ich werde heute abend zu dir kommen und mit dir darüber sprechen,“ sagte der Student ziemlich abweisend. Er wollte den Verlust des Manuskripts nicht gestehen, ehe er ganz sicher wäre, daß er es nicht wieder erlangen könnte.

Der andre erblaßte: „Vergiß nicht, daß du es vernichten mußt, wenn es nichts wert ist!“ sagte er im Fortgehen; denn jetzt war er vollkommen überzeugt, daß dem Studenten sein Buch ganz und gar nicht gefallen habe.

Der Student eilte wieder in die Stadt zurück und suchte ununterbrochen, bis es ganz dunkel war; aber nirgends war eine Spur von den verlorenen Blättern zu entdecken. Auf dem Rückweg nach seiner Wohnung traf er mit ein paar Kameraden zusammen.

„Wo hast denn du dich herumgetrieben; du bist ja nicht zum Maienfest gekommen?“ fragten sie.

„Ach, ist heute das Maienfest gewesen?“ rief der Student. „Das hatte ich ganz vergessen.“

Während er noch mit seinen Kameraden sprach, kam ein junges Mädchen, das der Student sehr lieb hatte, an der Gruppe vorüber. Sie sah ihn nicht an, sondern sprach mit einem andern Studenten, dem sie überaus freundlich zulächelte. Da fiel dem Studenten plötzlich etwas ein: Er hatte dieses junge Mädchen gebeten gehabt, doch ja gewiß zum Maienfest zu kommen, damit er mit ihr zusammen sein könnte; und nun hatte er selbst sich nicht eingefunden. Ach, was mochte sie von ihm denken!

Ein Stich ging ihm durchs Herz, und er wollte ihr nacheilen; aber da sagte einer von seinen Freunden: „Mit Stenberg, unserm guten Bücherwurm, scheint es schlecht zu stehen. Er ist heute nachmittag krank geworden.“

„Es wird doch nicht gefährlich sein?“ fragte der Student hastig.

„Irgend ein Herzleiden. Er hat einen schlimmen Anfall gehabt, der sich jederzeit wiederholen kann. Der Doktor meint, er habe irgend einen schweren Kummer, und seine Wiederherstellung hänge davon ab, ob man ihn von dieser Sorge befreien könne.“

Kurz darauf trat der Student bei dem Kranken ein. Dieser lag bleich und matt in seinem Bett und war nach dem schweren Anfall noch gar nicht wieder recht zu sich gekommen.

„Ich komme, wegen deines Buches mit dir zu reden,“ begann der Student. „Es ist ein ausgezeichnetes Werk; ich habe selten so etwas Schönes gelesen.“

Der ewige Student richtete sich in seinem Bette auf und sah den andern mit großen Augen an. „Warum warst du dann heute nachmittag so sonderbar?“ fragte er.

„Ich war in schlechter Laune, weil ich in dem Tentamen durchgefallen bin, und ich glaubte auch nicht, daß du dir so viel aus meinem Urteil machen würdest,“ sagte der Student. „Aber dein Buch hat mir ausnehmend gut gefallen.“

Der Kranke sah den andern forschend an und war immer fester überzeugt, daß ihm dieser etwas verheimlichen wollte. „Du sagst das nur, weil ich krank bin und du mich nun trösten möchtest.“

„Ganz gewiß nicht. Es ist eine ausgezeichnete Arbeit, ich versichere es dir.“

„Hast du es wirklich nicht vernichtet, wie ich dir gesagt hatte?“

„So verrückt bin ich nicht.“

„Dann hole es. Beweise mir, daß du es nicht vernichtet hast, alsdann will ich dir glauben,“ sagte der Kranke und sank schwach und ermattet auf sein Kissen zurück. Dem Studenten wurde ganz bang, er fürchtete, der Ärmste bekomme einen neuen Anfall.

Das war ein entsetzlicher Augenblick für den Studenten. Er nahm die Hände des Kranken zwischen die seinigen und erzählte ihm, daß der Wind die Blätter des Manuskripts zum Fenster hinausgeweht hätte, und daß er unglückselig darüber sei, weil er ihm einen so großen Schaden verursacht habe.

Als er fertig war, streichelte ihm der Kranke zärtlich die Hand. „Du bist gut gegen mich, ja, sehr gut,“ sagte er. „Aber gib dir keine Mühe, mir solche Geschichten zu erzählen, um mich zu schonen. Ich weiß, du hast mir gehorcht und das Manuskript vernichtet, weil es zu schlecht war; aber nun willst du es nicht eingestehen, weil du meinst, ich könnte die Wahrheit nicht ertragen.“

Der Student versicherte hoch und teuer, die Wahrheit gesprochen zu haben; aber der Kranke blieb eigensinnig bei seiner Ansicht und wollte es nicht glauben. „Wenn du mir mein Manuskript wiedergeben könntest, ja, dann würde ich dir glauben,“ sagte er.

Er wurde immer elender, und der Student hielt es schließlich fürs beste, sich zu entfernen; er fürchtete, durch seine Anwesenheit die Sache nur noch zu verschlimmern.

Zu Hause angelangt, fühlte er sich so trostlos und müde, daß er sich kaum noch aufrecht halten konnte. Er machte sich eine Tasse Tee und legte sich dann zu Bett. Als er die Decke heraufzog, mußte er unwillkürlich daran denken, wie glücklich er am Morgen beim Erwachen gewesen war. Und jetzt waren seine eignen schönen Hoffnungen zerstört; aber das wäre ja noch zu ertragen gewesen. „Das Schlimmste ist doch, daß ich nun mein ganzes Leben lang das Bewußtsein mit mir herumtragen muß, das Unglück eines andern Menschen verschuldet zu haben,“ sagte er.

Er war überzeugt, er werde die ganze Nacht kein Auge schließen können. Aber merkwürdigerweise schlief er gleich ein, sobald er den Kopf aufs Kissen gelegt hatte. Er hatte nicht einmal mehr Zeit, die Lampe, die auf dem Tischchen, das neben seinem Bett stand, zu löschen.

Das Maienfest

Aber in dem Augenblick, wo der Student einschlief, stand just draußen auf dem Dache vor dem Mansardenfenster ein kleiner Knirps in gelben Lederhosen, grüner Weste und mit einer weißen Zipfelmütze auf dem Kopf, und dieser kleine Knirps dachte, wenn er an der Stelle des jungen Mannes wäre, der da drin in seinem Bette lag und schlief, dann wäre er vollkommen glücklich.

Daß sich aber Nils Holgersson, der vor ein paar Stunden in einem Dotterblumenbusch bei Ekolsundviken lag, jetzt in Uppsala befand, daran war Bataki, der Rabe, schuld, der ihn mit sich auf Abenteuer gelockt hatte.

Der Junge selbst hatte an dergleichen nicht im entferntesten gedacht. Er lag da zwischen den Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als er plötzlich Bataki mitten zwischen den dahinziehenden Wolken entdeckte. Der Junge hätte sich am liebsten vor dem Raben versteckt; aber Bataki hatte ihn schon gesehen, und im nächsten Augenblick stand er auch mitten in den Dotterblumen und redete Nils Holgersson an, wie wenn er und der Junge immer die besten Freunde gewesen wären.

Und so düster und feierlich Bataki auch aussah, der Junge merkte doch, daß ihm der Schelm im Auge saß, ja, er hatte das Gefühl, der Rabe sei nur gekommen, sich auf irgend eine Weise über ihn lustig zu machen. Der Junge nahm sich deshalb vor, auf gar nichts einzugehen, was Bataki auch sagen möchte.

Bataki sagte, er habe nicht vergessen, daß er dem Jungen eine Genugtuung schuldig sei, weil er ihm nicht habe sagen dürfen, wo sich der Bruderteil befinde, und er wolle ihm jetzt dafür ein andres Geheimnis anvertrauen. Er wisse nämlich, wie einer, der so verzaubert worden sei wie der Junge, wieder ein Mensch werden könne.

Der Rabe war der festen Überzeugung gewesen, wenn er eine solche Lockspeise auswerfe, werde der Junge sogleich anbeißen. Dieser aber antwortete in abweisendem Ton, er wisse schon, daß er wieder ein Mensch werden könne, wenn es ihm gelinge, den weißen Gänserich wohlbehalten zuerst nach Lappland und dann wieder zurück nach Schonen zu führen.

„Aber wie du weißt, ist es gar nicht so leicht, einen Gänserich wohlbehalten durchs Land zu führen,“ entgegnete Bataki. „Da wäre es gar nicht so übel, wenn du noch einen andern Ausweg wüßtest, falls dir der eine nicht gelingen sollte. Wenn du es jedoch nicht wissen willst, dann halte ich meinen Schnabel.“

Da antwortete der Junge, er habe nichts dagegen, wenn ihm Bataki das Geheimnis mitteilen wolle.

„Und das will ich auch,“ sagte der Rabe, „doch erst im richtigen Augenblick. Setze dich auf meinen Rücken und komm mit auf einen Ausflug, dann werden wir sehen, ob sich vielleicht eine gute Gelegenheit bietet.“

Da wurde der Junge wieder mißtrauisch, und er wußte nicht recht, wie er mit Bataki daran war. „Du hast wohl den Mut nicht, dich mir anzuvertrauen,“ sagte der Rabe. Aber der Junge konnte durchaus nicht ertragen, wenn jemand meinte, er fürchte sich vor etwas; und so saß er im nächsten Augenblick auf dem Rücken des Raben.

Bataki trug ihn nach Uppsala und setzte ihn dort auf einem Dach ab. Hierauf befahl er ihm, sich recht umzuschauen und ihm dann zu sagen, wer wohl in dieser Stadt wohne und regiere.

Der Junge schaute über die Stadt hin. Sie war ziemlich groß und hatte eine herrliche Lage mitten auf einer weiten, fruchtbaren Ebene. Er sah viele vornehme, stattliche Häuser, und auf einem Hügel ragte ein festgemauertes Schloß mit zwei massiven Türmen auf.

„Vielleicht wohnt der König mit seinem Gefolge da,“ sagte der Junge.

„Du hast nicht gerade schlecht geraten,“ versetzte der Rabe. „Der Ort ist in alten Zeiten eine Königsstadt gewesen; aber jetzt ist es mit dieser Herrlichkeit vorbei.“

Noch einmal sah sich der Junge um. Da fiel ihm vor allem die schöne Domkirche auf, die mit ihren drei schlanken Türmen, mit ihren prächtigen Portalen und reichverzierten Mauern in der Sonne glänzte.

„Vielleicht wohnt hier ein Bischof mit seinen Pfarrern,“ sagte er.

„Das ist auch nicht gerade schlecht geraten,“ erwiderte der Rabe. „Es haben hier wirklich einmal Erzbischöfe gewohnt, die ebenso mächtig waren wie Könige, und auch jetzt noch hat ein Kirchenfürst seinen Sitz hier, aber er regiert auch nicht in dieser Stadt.“

„Dann weiß ich nicht, wen ich nennen soll,“ sagte der Junge.

„In dieser Stadt regiert die Wissenschaft,“ sprach der Rabe feierlich. „Die großen Gebäude, die du hier überall siehst, sind für sie und ihre Jünger eingerichtet.“

Der Junge wollte dies kaum glauben. Aber der Rabe sagte: „Komm nur mit, dann sollst du selbst sehen!“

Hierauf flog er mit dem Jungen davon, und sie sahen miteinander in die großen Häuser hinein. An mehreren Orten standen die Fenster offen, und der Junge konnte da und dort tief hineinschauen. Da sah er, daß der Rabe die Wahrheit gesprochen hatte.

Bataki zeigte ihm die große Bibliothek, die vom Erdgeschoß bis zum Dachfirst mit Büchern angefüllt ist; er führte ihn in das stolze Universitätsgebäude hinein und zeigte ihm die prächtigen Hörsäle. Dann flog er mit ihm an den alten Gebäuden vorüber, die das Gustavianum heißen; da konnte der Junge durch die Fenster ausgestopfte Tiere wahrnehmen. Sie flogen über das große Gewächshaus mit den vielen seltenen Pflanzen hin und schauten auf das Observatorium hinunter, wo das lange Fernrohr zum Himmel gerichtet war.

Sie flogen auch an vielen Fenstern vorüber; und der Junge sah da in Zimmer, wo die Wände ringsum von oben bis unten mit Büchern bedeckt waren, und wo alte Herren mit Brillen auf den Nasen eifrig lasen oder schrieben. Dann flogen sie an Giebelfenstern vorbei, wo die Studenten, auf ihren Sofas ausgestreckt, dicke Manuskripte vor sich hatten.

Schließlich ließ sich der Rabe auf einem Dache nieder. „Siehst du nun, daß ich die Wahrheit gesprochen habe, als ich dir sagte, in dieser Stadt regiere die Wissenschaft?“ sagte er. Und der Junge mußte zugeben, daß es sich so verhalte. „Wenn ich nicht ein Rabe wäre,“ fuhr Bataki fort, „sondern nur ein Mensch wie du, dann würde ich mich hier niederlassen. Ich würde dann Tag für Tag in einem Zimmer voll Bücher sitzen und alles lesen, was darin stünde. Hättest du nicht auch Lust zu so etwas?“

„Nein, ich glaube, ich würde viel lieber mit den Wildgänsen umherziehen,“ antwortete der Junge.

„Wie, möchtest du nicht ein Mensch werden, der die Krankheiten heilen kann?“ fragte der Rabe.

„Doch, das möchte ich vielleicht schon.“

„Möchtest du nicht ein Mensch werden, der alles weiß, was sich je in der Welt zugetragen hat, der alle Sprachen sprechen und einem sagen kann, welche Bahnen die Sonne, der Mond und die Sterne am Himmel beschreiben?“ fragte der Rabe.

„O ja, das könnte ja auch ganz unterhaltend sein.“

„Möchtest du nicht lernen, zwischen gut und böse zu unterscheiden, zwischen Recht und Unrecht?“

„Auch das ist gut und nützlich,“ antwortete der Junge. „Ich habe es schon oft bemerkt.“

„Und möchtest du nicht ein Pfarrer werden und in deiner Kirche daheim predigen?“

„Wenn ich es so weit brächte, würden Vater und Mutter überglücklich sein!“ seufzte der Junge.

Auf diese Weise gab der Rabe dem Jungen zu verstehen, wie glücklich die jungen Leute seien, die in Uppsala studieren konnten. Aber der Däumling wünschte trotzdem nicht, einer von ihnen zu sein.

Gerade an diesem Abend wurde zufälligerweise das große Maienfest gefeiert, das in Uppsala jedes Jahr dem Frühlingsanfang zu Ehren gehalten wird. Es hätte eigentlich schon am ersten Mai stattfinden sollen; aber an diesem Tage hatte es in Strömen geregnet, und so war es auf einen andern Tag verschoben worden.

Jetzt sah Nils Holgersson die Studenten, als sie nach dem botanischen Garten zogen, wo das Fest gehalten wurde. In einem langen, breiten Zuge kamen sie daher mit den weißen Studentenmützen auf dem Kopfe, und die ganze Straße sah aus wie ein schwarzer, mit weißen Wasserrosen bedeckter Strom. Dem Zuge voran wurden weißseidene goldgestickte Fahnen getragen, und den ganzen Weg entlang sangen die Teilnehmer lauter Frühlingslieder. Aber Nils Holgersson war es, als seien es gar nicht die Studenten, die die Lieder sangen; ihm war, als schwebe der Gesang über dem Zuge, ja er hatte das Gefühl, als sängen nicht die Studenten dem Frühling zu Ehren, sondern als sei der Frühling irgendwo verborgen und singe für die Studenten. Nils Holgersson hätte gar nicht gedacht, daß Menschengesang so schön klingen könnte! Er klang wie das Sausen des Windes in den Tannenwipfeln, klang wie eherne Glockentöne und wie das Lied der wilden Schwäne draußen am Meeresufer.

Als die Studenten den Garten erreicht hatten, wo die Rasenflächen im Schmucke des ersten zarten hellgrünen Grases glänzten und die Frühlingsknospen der Bäume und Sträucher am Aufbrechen waren, hielt der Zug vor einer Rednerbühne; ein alter Herr stieg hinauf und begann eine Rede.

Die Rednerbühne war auf der Freitreppe des großen Gewächshauses errichtet, und der Rabe setzte den Jungen auf das Dach des Treibhauses. Da saß er in aller Ruhe und konnte alles ganz behaglich sehen und hören. Der alte Herr auf der Rednerbühne sagte, das beste im Leben sei, jung zu sein und in Uppsala studieren zu dürfen. Er sprach von der guten, friedlichen Arbeit des Studiums und von der reichen, sonnigen Jugendfreude, die nirgends so genossen werden könnte, wie in einem großen Kreise von Studiengenossen. Einmal ums andre betonte er das Glück, das darin liege, im Kreise froher, hochgesinnter Genossen leben zu dürfen; das mache die Arbeit so leicht, das Leid so flüchtig, die Hoffnungen so golden.

Der Junge betrachtete die in einem Halbkreis um die Rednerbühne versammelten Studenten, und da ging ihm ein Licht auf, wie über die Maßen herrlich es sein müßte, ihrem Kreise anzugehören. Welch eine Ehre und welch ein Glück, Mitglied einer solchen Schar zu sein! Da galt jeder gleich mehr, als er für sich allein gegolten hätte.

Nach der Rede wurde ein Lied angestimmt, und nach dem Gesang betrat ein neuer Redner die Bühne. Der Junge hätte nie geglaubt, daß die menschliche Sprache so erschüttern, aufmuntern und erfreuen könnte.

Bisher hatte Nils Holgersson hauptsächlich die Studenten betrachtet; jetzt sah er, daß diese sich nicht allein in dem Garten befanden, sondern daß auch junge Mädchen in hellen Gewändern und viele andre Leute da waren. Aber diesen allen ging es offenbar gerade wie dem Jungen, sie schienen auch alle nur der Studenten wegen gekommen zu sein.

Ab und zu gab es eine Pause zwischen den Reden und Gesängen, und dann zerstreuten sich die Scharen über den ganzen Garten. Aber schon nach kurzer Zeit stand ein neuer Redner auf der Bühne, und rasch sammelten sich die Zuhörer wieder um ihn. Und so ging es weiter, bis die Dunkelheit anbrach.

Als alles zu Ende war, atmete der Junge tief auf, und wie aus einem Traum erwachend rieb er sich die Augen, denn er war in einem Lande gewesen, in das er noch nie einen Fuß gesetzt hatte. Alle diese vielen jungen Leute, die so lebensfroh waren und der Zukunft so siegessicher entgegensahen, wirkten mit ihrem Frohsinn und ihrer Freude ansteckend auf die andern, und jetzt war der Junge mit ihnen in dem Lande der Freude gewesen. Als aber die Töne des letzten Liedes hinstarben, da überkam ihn die Erkenntnis, wie traurig sein eigenes Leben doch war, und er konnte es fast nicht über sich gewinnen, zu seinen armen Reisegenossen zurückzukehren.

Der Rabe hatte die ganze Zeit über neben dem Jungen gesessen; jetzt kratzte er sich mit dem Fuße hinter dem Ohr. „Nun, Däumling, soll ich dir jetzt mitteilen, wie du wieder ein Mensch werden kannst?“ fragte er. „Du mußt warten, bis du mit jemand zusammentriffst, der zu dir sagt, er möchte gern an deiner Stelle mit den Wildgänsen umherziehen; dann mußt du den Augenblick wahrnehmen und zu ihm sagen …“

Und nun teilte Bataki dem Jungen ein paar Worte mit, die so wirksam und gefährlich waren, daß sie gar nicht laut ausgesprochen, sondern nur geflüstert werden durften, solange sie nicht im Ernst gesagt sein sollten.

„So, mehr brauchst du nicht zu sagen, um wieder ein Mensch zu werden,“ sagte Bataki zum Schluß.

„Ja, das glaube ich wohl,“ erwiderte der Junge, „denn ich finde natürlich nie jemand, der sich an meine Stelle wünschte.“

„O, das ist nicht so ganz unmöglich,“ sagte der Rabe. Und hierauf war er mit dem Jungen wieder in die Stadt hineingeflogen und hatte ihn auf dem Dach vor jenem Kammerfenster abgesetzt, wo, wie wir oben gehört haben, der Junge nun schon eine Weile saß und darüber nachdachte, wie glücklich doch der Student sein müsse, der in der Dachkammer da drinnen in seinem Bett lag und schlief.

Die Probe

Der Student fuhr aus seinem Schlafe auf und sah, daß die Lampe noch immer auf seinem Nachttischchen brannte. „Ei, die habe ich zu löschen vergessen,“ dachte er und richtete sich auf den Ellenbogen auf, um sie hinunterzuschrauben. Aber ehe er so weit gekommen war, sah er, daß sich auf seinem Schreibtisch etwas bewegte.

Das Zimmer war sehr klein; zwischen dem Bett und dem Schreibtisch war kein breiter Raum, und der Student konnte die Bücher und Papiere, das Schreibzeug und die Photographien auf dem Tische alle deutlich sehen. Wie merkwürdig: ganz ebenso deutlich wie alles andre sah er auch einen ganz kleinen Knirps, der sich eben über die Butterdose neigte und sich ein Butterbrot zurechtmachte.

Der Student hatte im Laufe des Tages so viel erlebt, daß er allem, was ihm noch passieren konnte, fast ganz gleichgültig gegenüberstand. Er erschrak nicht und verwunderte sich auch nicht, sondern nahm es als etwas ganz Natürliches hin: dieser kleine Knirps war hereingekommen, sich etwas zum Essen zu holen.

Ohne die Lampe zu löschen, legte sich der Student wieder zurück und betrachtete den Knirps mit halbgeschlossenen Augen, der jetzt ganz seelenvergnügt auf einem Briefbeschwerer saß und sich an den Überresten von des Studenten Abendessen labte. Er zog seine Mahlzeit absichtlich so lange wie nur möglich hinaus, ja, er verdrehte die Augen vor Wohlbehagen und schmatzte mit der Zunge. Die trockene Brotrinde und die Käsereste schienen offenbar seltene Leckerbissen für den kleinen Kerl zu sein.

Der Student wollte ihn bei seiner Mahlzeit nicht stören, aber als er vollständig satt zu sein schien, redete er ihn an:

„Hallo, du, was bist denn du für ein Kerlchen?“ fragte er.

Der Junge fuhr zusammen und lief ans Fenster; als er aber merkte, daß der Student ganz ruhig liegen blieb und ihn nicht verfolgte, hielt er inne.

„Ich bin Nils Holgersson von Westvemmenhög,“ begann er. „Und ich bin ein Mensch wie du auch, aber ich bin in ein Wichtelmännchen verwandelt worden, und seitdem ziehe ich mit den Wildgänsen umher.“

„Das ist ja eine sonderbare Geschichte,“ sagte der Student. Und dann fragte er den Jungen aus, bis er ungefähr alles wußte, was Nils Holgersson seit seinem Weggange von Hause widerfahren war.

„Du hast es wahrhaftig gut,“ seufzte der Student. „Ach, wer doch an deiner Stelle wäre und alle seine Sorgen hinter sich lassen könnte!“

Bataki stand draußen auf dem Fensterbrett und hörte zu. Als nun der Student diesen Seufzer ausstieß, klopfte er mit dem Schnabel ans Fenster, und der Junge merkte wohl, daß ihn der Rabe damit mahnen wollte, doch ja die Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen, falls der Student das rechte Wort sagen sollte.

„Ach, du wirst mir doch nicht weismachen wollen, daß du mit mir tauschen möchtest!“ erwiderte der Junge. „Wer Student ist, will sicher nichts andres sein.“

„So hab ich heute morgen beim Erwachen auch gedacht,“ sagte der Student. „Aber du solltest nur wissen, was mir heute zugestoßen ist. Für mich gibt es kein Glück mehr. Das beste für mich wäre, wenn ich mit den Wildgänsen auf und davon fliegen könnte.“

Wieder klopfte Bataki ans Fenster; dem Jungen selbst wurde es ganz schwindlig, und sein Herz begann heftig zu klopfen, denn es klang ja fast, als sei der Student auf dem Punkt, das richtige Wort zu sagen.

„Jetzt habe ich dir erzählt, wie es mir ergangen ist,“ sagte der Junge zu dem Studenten. „Teile mir nun auch deine Geschichte mit.“

Der Student war nur zu froh, sich jemand anvertrauen zu können, und erzählte ganz der Wahrheit gemäß alles, was ihm widerfahren war. „Das eine wäre ja am Ende nicht hoffnungslos verloren, aber ich habe einen andern ins Unglück gestürzt, und das ist mir ganz unerträglich,“ sagte er zum Schlusse. „Es wäre in der Tat besser für mich, wenn ich an deiner Stelle wäre und mit den Wildgänsen umherziehen könnte.“

Jetzt klopfte Bataki noch lauter ans Fenster; aber der Junge blieb eine gute Weile ganz ruhig und still sitzen und schaute nur geradeaus.

„Warte einen Augenblick, ich komme wieder,“ sagte er dann leise zu dem Studenten.

Hierauf ging er mit kleinen, zögernden Schritten über den Schreibtisch und durchs Fenster hinaus. Als er aufs Dach hinauskam, ging eben die Sonne auf, und die Stadt Uppsala breitete sich, vom roten Morgenlicht übergossen, vor ihm aus. Es glänzte und gleißte von allen Türmen und Zinnen, und wieder dachte der Junge unwillkürlich, daß dies doch eine richtige Stadt der Freude sei.

„Was hast du denn aber gedacht?“ rief der Rabe. „Jetzt hast du die Gelegenheit, wieder ein Mensch zu werden, verpaßt!“

„Ich habe keine Lust, mit dem Studenten zu tauschen,“ entgegnete der Junge. „Denn dann hätte ich nichts als Unannehmlichkeiten wegen der weggeflogenen Papiere.“

„Derentwegen brauchtest du dir keine Sorge zu machen, die kann ich dir wieder verschaffen,“ sagte Bataki.

„Ja, das glaube ich schon, aber ich bin nicht sicher, ob du es auch tust. In dieser Beziehung müßte ich zuerst ganz beruhigt sein,“ erwiderte der Junge.

Ohne ein Wort zu sagen, breitete Bataki die Flügel aus und flog davon. Aber schon im nächsten Augenblick kehrte er mit ein paar Blättern Papier im Schnabel zurück. Und so flog er eine ganze Stunde lang hin und her, fleißig wie eine Schwalbe, die ihr Nest baut, und brachte dem Jungen ein Blatt ums andre.

„So, jetzt hast du wohl fast alles beieinander,“ sagte er schließlich und stellte sich keuchend auf das Fensterbrett.

„Ich danke dir schön, Bataki,“ sagte der Junge. „Jetzt will ich wieder hineingehen und mit dem Studenten sprechen.“

In diesem Augenblick warf der Rabe einen Blick ins Zimmer hinein, und da sah er, daß der Student eben die Papiere sorgfältig glattstrich und aufeinanderschichtete. „Du bist doch der größte Dummkopf, den ich je gesehen habe,“ fuhr Bataki den Jungen an. „Hast du dem Studenten die Blätter gegeben? Dann brauchst du nicht mehr zu ihm hineinzugehen. Jetzt sagt er gewiß nicht mehr, er wolle mit dir tauschen.“

Der Junge betrachtete den Studenten. Dieser war überglücklich und tanzte im bloßen Hemde vor lauter Freude in dem kleinen Zimmer umher.

„Ach, Bataki, du hast mich ja nur auf die Probe stellen wollen, das weiß ich wohl,“ sagte Nils Holgersson. „Du dachtest natürlich, ich würde den Gänserich Martin auf seiner beschwerlichen Reise allein lassen, und er könnte dann selbst sehen, wie er durchkomme, wenn es mir nur selber gut ginge. Aber als mir der Student da drinnen seine Geschichte erzählte, erkannte ich, wie häßlich das ist, wenn man einen Freund in der Not verläßt, und das wollte ich nicht tun.“

Bataki kratzte sich mit dem Fuß im Nacken und sah beinahe verlegen aus. Er wußte gar nicht, was er sagen sollte, und flog darum mit dem Jungen geradenwegs zu den Wildgänsen zurück.

36
Daunenfein

Die schwimmende Stadt

Freitag, 6. Mai

Es gab nichts Lieberes und Gütigeres als die kleine Graugans Daunenfein. Alle andern Wildgänse hatten sie sehr lieb, und der weiße Gänserich hätte gern sein Leben für sie gelassen. Wenn Daunenfein um etwas bat, konnte es ihr selbst die alte Akka nicht abschlagen.

Sobald Daunenfein an den Mälar kam, erkannte sie die Landschaft wieder. Gleich davor mußte das Meer mit den großen Schären sein, wo ihre Eltern und Schwestern auf einem kleinen Holm wohnten. Daunenfein bat die Wildgänse, ehe sie weiter nach Norden zögen, mit ihr nach ihrer Heimat zu fliegen, damit sie den Ihrigen zeigen könne, daß sie noch am Leben sei; das würde daheim eine große Freude geben.

Akka sagte Daunenfein gerade heraus, sie sei der Ansicht, Daunenfeins Eltern und Geschwister hätten sich damals, als sie Öland verließen, nicht gerade liebevoll gegen die kranke Schwester benommen. Aber Daunenfein wollte Akka nicht recht geben. „Was hätten sie denn tun sollen, als sie sahen, daß ich nicht fliegen konnte?“ erwiderte sie. „Sie hätten doch meinethalben nicht auf Öland zurückbleiben können.“

Um die Wildgänse zu bewegen, mit ihr nach den Schären hinauszufliegen, erzählte ihnen Daunenfein von ihrer Heimat. Diese liege auf einer Felseninsel. Wenn man die Insel aus der Ferne sehe, meine man, es gäbe gar nichts als Steine da, wenn man aber dort ankomme, finde man in den Rissen und Spalten herrliches Futter. Und bessere Brutplätze als dort in den Felsenspalten und unter den Weidenbüschen könnte man lange suchen. Das beste von allem aber sei doch ein alter Fischer, der auf dem Holm wohne. Daunenfein habe gehört, daß er in seiner Jugend ein großer Jäger gewesen sei, der immer zwischen den Schären gelegen und Vögel erlegt habe. Aber auf seine alten Tage, nachdem seine Frau gestorben und seine Kinder fortgezogen seien, wohne er ganz allein in seinem Häuschen, und jetzt beschütze er die Vögel auf seiner Schäreninsel. Er lege nie mehr auf sie an und halte auch die andern Fischer davon ab. Statt dessen gehe er jetzt bei den Vogelnestern umher, und wenn die Weibchen auf ihren Eiern säßen, bringe er ihnen Futter. Kein einziger Vogel fürchte sich vor ihm. Daunenfein sei oft in seiner Hütte gewesen, und da habe er ihr Brotkrumen hingestreut. Weil nun der Fischer so gut gegen die Vögel sei, hätten sich diese auch in großer Menge auf der Schäre niedergelassen, und es fehle dort nächstens an dem nötigen Platz. Wenn man im Frühling zu spät eintreffe, könnten möglicherweise schon alle Brutplätze besetzt sein. „Und deshalb haben meine Eltern und Geschwister mich auch allein in Öland zurücklassen müssen,“ schloß Daunenfein die Erzählung.

Und Daunenfein bat und bettelte so lange, bis sie ihren Willen durchgesetzt hatte, obgleich die Wildgänse sich schon etwas verspätet hatten und eigentlich ohne Aufenthalt nordwärts reisen sollten. Aber der Besuch in den Schären würde die Reise allerdings nur um einen einzigen Tag verzögern.

Eines Morgens, nachdem sie sich wohl gestärkt hatten, brachen sie auf und flogen in östlicher Richtung über den Mälar hin. Der Junge wußte nicht genau, wohin die Gänse flogen, aber er sah bald, wie viel lebhafter der Verkehr wurde, und wie viel dichter bebaut die Ufer waren, je weiter ostwärts sie kamen.

Schwerbeladene Prahme und Kähne und Fischerbarken waren in derselben Richtung wie die Wildgänse unterwegs, und viele schöne, weiße Dampfschiffe kamen ihnen entgegen, oder fuhren an ihnen vorbei. An den Ufern liefen Eisenbahnen und Landstraßen hin, alle einem und demselben Ziel entgegen. Dort im Osten mußte irgendein Ort sein, den alle an diesem Morgen noch zu erreichen suchten.

Auf einer der Inseln sahen sie ein großes, weißes Schloß, und eine Strecke weiter waren die Ufer allmählich mit Villen bedeckt. Im Anfang lagen diese in großen Zwischenräumen, später aber dichter, und bald stand dem ganzen Ufer entlang eine Villa neben der andern. Die Häuser waren von höchst verschiedener Bauart: hier lag ein Schloß, dort eine Hütte. Hier erhob sich ein langer, niedriger Herrenhof, dort eine Villa mit vielen kleinen Türmen. Die einen standen mitten in Obstgärten, die meisten aber waren von kleinen Gehölzen umgeben, die ohne besondere Pflege die Ufer einfaßten. Aber so ungleich sie auch waren, eins hatten sie alle gemeinsam, sie waren nicht einfach und ernst, wie andre Häuser, sondern wie Puppenhäuser, leuchtend grün und blau und weiß und rot angestrichen.

Der Junge betrachtete eben eifrig alle diese lustigen Sommerhäuser am Strande, als Daunenfein plötzlich einen Schrei ausstieß. „Jetzt erkenne ich meine Heimat deutlich wieder!“ rief sie. „Dort drüben liegt die schwimmende Stadt!“

Da schaute Nils geradeaus, er sah aber zuerst gar nichts als feinen Dunst und Nebel, die über dem Wasser schwebten. Dann unterschied er hohe Türme und da und dort ein Haus mit langen Fensterreihen. Die Gebäude tauchten auf und verschwanden wieder, je nachdem der Nebel hin und her wogte. Aber ein Uferstreifen war nirgends zu erblicken; alles schien auf dem Wasser zu ruhen.

Als der Junge der Stadt näher kam, sah er keine lustigen Puppenhäuser mehr am Ufer, die waren dafür mit rauchigen Fabrikgebäuden bedeckt. Hinter hohen Plankenzäunen erstreckten sich große Kohlen- und Bretterhaufen, und an schwarzen, schmutzigen Brücken lagen schwerfällige Frachtdampfer; darüber aber breitete sich überall der wogende, durchsichtige Nebelschleier aus, und dadurch erschien alles so großartig und gewaltig und fremdartig, daß es einen beinahe schönen Eindruck machte.

Die Wildgänse flogen an Fabriken und Frachtdampfern vorüber und kamen der nebelumhüllten Stadt immer näher. Da sanken plötzlich alle Nebelschleier aufs Wasser hinunter, nur ein dünner, leichter in zartestem Rosa und Hellblau schimmernder Dunst schwebte noch darüber. Die andern Nebel aber wälzten sich unter der Schar über das Wasser und das Land hin. Sie verbargen die Grundmauern und den untern Teil der Häuser, während die oberen Stockwerke, die Dächer, Türme, Giebel und Dachfirste deutlich sichtbar waren. Einige der Häuser erschienen auf diese Weise übermäßig hoch und erinnerten unwillkürlich an den Turm zu Babel. Der Junge konnte sich ja wohl denken, daß sie auf Hügel und Felsenrücken gebaut sein mußten; diese selbst sah er allerdings nicht, nur die Häuser, die über den Nebelmassen aufragten. Der Nebel war glänzend weiß, und die Häuser lagen schwarz und dunkel mitten darin, denn die Sonne stand im Osten, und ihre Strahlen fielen nicht auf diese Seite.

Wohin der Junge schaute, überall sah er Dächer und Türme aus dem Nebelmeer auftauchen; die Wildgänse flogen offenbar über eine große Stadt hin. Bisweilen teilten sich die wallenden Nebelmassen, und dann sah der Junge einen rauschenden, brausenden Strom, aber Land konnte er nirgends entdecken. Es war ein wunderschöner Anblick, aber er fühlte sich doch ein wenig beklommen, wie es meistens geht, wenn man etwas sieht, was einem unverständlich ist.

Sobald sie die Stadt hinter sich hatten, war die Erde nicht mehr vom Nebel verhüllt. Jetzt konnte man Ufer, Wasser und Inseln deutlich unterscheiden. Der Junge schaute zurück, um einen letzten Blick auf die Stadt zu werfen. Sie sah jetzt noch mehr wie ein Zaubermärchen aus. Die Sonne hatte alle die Nebelschleier rosig angehaucht, und diese schwebten nun, in herrlichstem Blau und Rot und Gelb leuchtend, über der Landschaft. Die Häuser waren ganz weiß, wie wenn sie aus Licht gebaut wären, die Fenster und Türme aber glänzten wie lauter Feuer. Und alles schwamm auf dem Wasser wie zuvor.

Die Wildgänse flogen rasch ostwärts. Im Anfang sah es hier ganz so aus wie am Mälar. Zuerst ging es über Fabriken und Werkstätten hin, dann zeigten sich an den Ufern allmählich hübsche Landhäuser. Es wimmelte von Dampfschiffen und Booten; aber jetzt kamen diese von Osten her und fuhren westwärts der Stadt zu.

Die Wildgänse flogen weiter, und anstatt der schmalen Mälarfjorde und der kleinen Inseln breitete sich jetzt eine größere Wasserfläche mit umfangreicheren Inseln unter ihnen aus. Das Festland wich zur Seite und war bald nicht mehr zu sehen. Die Pflanzenwelt wurde kärglicher; Laubhölzer gab es nur noch wenig, das Nadelholz bekam das Übergewicht. Die Landhäuser hörten auf, und statt ihrer sah man Bauernhäuser und Fischerhütten.

Immer weiter flogen die Wildgänse; jetzt waren keine großen, bebauten Inseln mehr zu sehen, nur unzählige kleine über das Wasser verstreute Schären. Die Fjorde wurden nicht mehr vom Festland eingeengt, das weite, unbegrenzte Meer dehnte sich vor ihnen aus.

Hier draußen ließen sich die Wildgänse auf einer Felseninsel nieder, und als der Junge abgestiegen war, wendete er sich an Daunenfein. „Was ist denn das für eine Stadt, über die wir hingeflogen sind?“ fragte er.

„Ich weiß nicht, wie sie bei den Menschen genannt wird,“ antwortete Daunenfein. „Wir Graugänse nennen sie nur die schwimmende Stadt.“

Die Schwestern

Daunenfein hatte zwei Schwestern: Flügelschön und Goldauge. Es waren kluge und starke Vögel; aber sie hatten kein so weiches, glänzendes Federgewand wie Daunenfein und auch keinen so freundlichen, liebenswürdigen Charakter. Schon zu der Zeit, wo sie noch kleine häßliche Gösselchen gewesen waren, hatten ihnen die Eltern und Verwandten, ja sogar auch der alte Fischer deutlich zu verstehen gegeben, daß sie Daunenfein lieber hätten, und deshalb hatten diese beiden ihre Schwester Daunenfein von jeher gehaßt.

Als die Wildgänse sich auf der Felseninsel niederließen, weideten Daunenfeins Schwestern, Flügelschön und Goldauge, eben auf einem grünen Fleck, und sie sahen die Wildgänse sogleich.

„Sieh nur, Schwester Goldauge, welche stattlichen Wildgänse sich da auf unsrer Insel niederlassen!“ sagte Flügelschön. „Ich habe noch nicht oft Vögel gesehen, die eine so prächtige Haltung gehabt hätten. Und sieh nur, sie haben einen weißen Gänserich bei sich! Hast du je einen so schönen Vogel gesehen? Man könnte ihn fast für einen Schwan halten.“

Goldauge stimmte der Schwester bei und meinte auch, da sei gewiß sehr vornehmer Besuch auf die Insel gekommen. Aber plötzlich unterbrach sie sich und rief: „Schwester Flügelschön! Schwester Flügelschön! Siehst du nicht, wer bei ihnen ist?“

In demselben Augenblick erkannte auch Flügelschön ihre Schwester Daunenfein, und sie war so überrascht, daß sie eine ganze Weile nur mit offenem Schnabel dastand und zischte.

„Es ist nicht möglich, es ist nicht möglich! Wie sollte sie zu solchen Leuten gekommen sein? Wir ließen sie ja auf Öland zurück, und dort hat sie verhungern müssen.“

„Nun wird sie uns natürlich bei Vater und Mutter verklagen und sagen, daß wir sie gestoßen hätten, bis sie sich den Flügel ausrenkte. Aber das ist noch nicht das schlimmste von allem, denn du wirst sehen, wir werden dafür von der Insel verjagt.“

„Ja, das wird eine nette Geschichte geben; denn wenn der verzärtelte Nestkegel wieder da ist, gibt es natürlich lauter Widerwärtigkeiten,“ sagte Flügelschön. „Aber ich würde es doch fürs klügste halten, wenn wir im Anfang täten, als ob wir uns über ihre Rückkehr freuten. Sie ist nämlich sehr dumm, und vielleicht hat sie nicht einmal gemerkt, daß wir sie mit Absicht stießen.“

Während Flügelschön und Goldauge so miteinander redeten, hatten die Wildgänse drunten am Strand ihre von dem raschen Flug zerzausten Federn geglättet, und jetzt wanderten sie in einer langen Reihe auf den Felsenspalt zu, wo, wie Daunenfein wußte, die Eltern zu wohnen pflegten.

Daunenfeins Eltern waren ausgezeichnete Leute; sie wohnten schon länger auf der Insel als alle die andern Vögel. Sie halfen deshalb auch allen Neuankommenden und gaben ihnen guten Rat. Auch sie hatten die Wildgänse daherfliegen sehen, aber Daunenfein in der Schar nicht erkannt.

„Sieh nur, da lassen sich Wildgänse auf der Felseninsel nieder, das ist doch merkwürdig!“ sagte der Gänsevater. „Es ist eine prächtige Schar, das sieht man schon am Fluge, aber es wird schwierig sein, für so viele ordentliche Weideplätze zu finden.“

„Bis jetzt ist die Insel noch nicht überfüllt, und wir können schon noch Gäste aufnehmen,“ meinte die Gänsefrau, die freundlichen, gutherzigen Gemütes war, gerade wie Daunenfein.

Als Akka näher herankam, gingen Daunenfeins Eltern ihr entgegen, und sie wollten die Gäste eben auf der Insel willkommen heißen, als Daunenfein von ihrem Platze hinten im Zug aufflog und sich gerade vor ihren Eltern niederließ.

„Vater und Mutter, hier bin ich! Kennt ihr denn eure Daunenfein nicht mehr?“ rief sie.

Zuerst wollten die Alten ihren Augen nicht trauen; aber dann erkannten sie die Tochter und waren natürlich glückselig über das Wiedersehen.

Während nun die Wildgänse und der Gänserich Martin und auch Daunenfein eifrig durcheinanderschnatterten, weil alle erzählen wollten, wie Daunenfein gerettet worden war, kamen Flügelschön und Goldauge dahergelaufen. Schon aus der Ferne riefen sie: „Guten Tag! Guten Tag!“ und taten so erfreut über Daunenfeins Rückkehr, daß diese ganz gerührt wurde.

Den Wildgänsen gefiel es sehr gut auf der Felseninsel, und so beschlossen sie, nicht vor dem nächsten Morgen weiterzureisen. Nach einer Weile fragten die beiden Schwestern Daunenfein, ob sie mit ihnen kommen wolle, um zu sehen, wo sie ihre Nester zu bauen beabsichtigten. Daunenfein war sogleich bereit, und als sie die Plätze sah, lobte sie die Schwestern und sagte, sie hätten sich da sehr wohlgeschützte Brutstätten ausgewählt.

„Wo willst denn du dich niederlassen, Daunenfein?“ fragten die Schwestern.

„Ich?“ erwiderte Daunenfein. „Ich habe nicht die Absicht, auf der Insel zu bleiben, denn ich will mit den Wildgänsen nach Lappland reisen.“

„Wie schade! Du willst uns also wieder verlassen?“ sagten die Schwestern.

„Ich wäre recht gerne bei euch und bei unsern Eltern geblieben,“ erwiderte Daunenfein. „Aber ich bin schon mit dem großen weißen Gänserich verlobt.“

„Hör ich recht?“ rief Flügelschön. „Du bekommst den schönen Gänserich? Das ist doch ....“ Aber in diesem Augenblick stieß Goldauge sie heftig an, und so sprach sie nicht weiter.

Die beiden bösen Schwestern steckten während des Vormittags wiederholt eifrig die Köpfe zusammen. Sie waren ganz außer sich vor Zorn, weil Daunenfein einen Freier wie den weißen Gänserich hatte. Sie selbst hatten zwar auch Freier; aber die ihrigen waren ganz gewöhnliche Graugänse, und seit sie den Gänserich Martin gesehen hatten, kamen ihnen ihre Freier häßlich und ärmlich vor, sie mochten sie gar nicht mehr ansehen.

„Man könnte sich wirklich zu Tode darüber grämen,“ sagte Goldauge. „Hättest wenigstens du ihn bekommen, Schwester Flügelschön!“ rief sie.

„Ich wollte, der Kerl wäre tot, dann müßte ich mir jetzt nicht den ganzen Sommer hindurch unaufhörlich vorsagen: Deine Schwester Daunenfein hat sich mit einem weißen Gänserich verlobt,“ sagte Flügelschön.

Trotzdem waren die Schwestern fortgesetzt sehr freundlich gegen Daunenfein; und nachmittags nahm Goldauge Daunenfein mit sich, damit sie Goldauges Freier sehen sollte. „Er ist zwar nicht so schön wie dein Bräutigam,“ sagte Goldauge. „Dafür kann man aber auch ganz sicher sein, daß er das wirklich ist, wofür er sich ausgibt.“

„Was willst du damit sagen, Goldauge?“ fragte Daunenfein.

Goldauge wollte zuerst nicht mit der Sprache heraus, aber schließlich kam es doch an den Tag: Goldauge und Flügelschön hatten sich darüber besonnen, ob die Sache mit dem Weißen auch auf ganz natürliche Weise zugegangen sei. „Noch niemals ist ein weißer Gänserich mit Wildgänsen umhergezogen,“ sagten die Schwestern, „und wir möchten wohl wissen, ob er nicht am Ende verzaubert ist.“

„Seid ihr verrückt?“ sagte Daunenfein gekränkt. „Er ist ja ein zahmer Gänserich.“

„Er hat aber einen bei sich, der verzaubert ist,“ sagte Goldauge, „und da könnte er gut selbst auch verzaubert sein. An deiner Stelle hätte ich Angst, er sei möglicherweise ein schwarzer Kormoran.“

Goldauge wußte ihre Worte sehr gut zu setzen und jagte der armen Daunenfein einen großen Schrecken ein.

„Was du da sagst, ist doch wohl nicht dein Ernst!“ rief die kleine Graugans. „Du willst mich nur erschrecken.“

„Ich will nur dein Bestes, Daunenfein,“ sagte Goldauge. „Denn ich könnte mir nichts Schrecklicheres denken, als wenn du mit einem Kormoran fortfliegen würdest. Aber ich will dir etwas sagen. Bring ihn dazu, von diesen Wurzeln hier, die ich für dich gesammelt habe, zu essen. Wenn er verzaubert ist, wird es sich sofort zeigen. Ist dies nicht der Fall, dann bleibt er so, wie er ist.“

Der Junge saß mitten unter den Graugänsen und hörte der Unterhaltung zwischen Akka und dem Gänsevater zu, als plötzlich Daunenfein dahergestürzt kam. „Däumling! Däumling!“ schluchzte sie. „Der Gänserich Martin ist am Sterben. Ich habe ihn umgebracht!“

„Nimm mich auf den Rücken, Daunenfein, und trage mich rasch zu ihm hin!“ rief der Junge.

Die beiden flogen davon, und Akka eilte mit den andern Wildgänsen hinter ihnen her. Als sie bei dem Gänserich ankamen, lag dieser auf dem Boden ausgestreckt. Er konnte kein Wort herausbringen, sondern schnappte nur immer nach Luft.

„Kitzle ihn an der Gurgel und schlage ihn auf den Rücken!“ befahl Akka.

Der Junge tat es; da hustete der große Weiße einige lange Wurzeln heraus, die ihm im Halse stecken geblieben waren.

„Hast du hiervon gegessen?“ fragte Akka und deutete auf die am Boden liegenden Wurzeln.

„Ja,“ antwortete der Gänserich.

„Dann darfst du von Glück sagen, daß sie dir im Halse stecken geblieben sind,“ sagte Akka. „Die Wurzeln sind giftig, und wenn du sie geschluckt hättest, wärest du unrettbar verloren gewesen.“

„Daunenfein sagte, ich solle davon essen,“ sagte der Gänserich.

„Ich habe sie von meiner Schwester bekommen,“ rief Daunenfein und erzählte, wie alles zugegangen war.

„Nimm dich vor deinen Schwestern in acht, Daunenfein,“ sagte Akka. „Sie meinen es nicht gut mit dir.“

Aber Daunenfein hatte ein gar zu gutes Herz, sie konnte niemand etwas Böses zutrauen. Als nun Flügelschön nach einer Weile zu ihr kam und sagte, sie wolle ihr jetzt auch ihren Freier zeigen, ging sie sogleich mit.

„Er ist freilich nicht so schön wie der deinige,“ sagte die Schwester, „aber dafür ist er auch viel tapferer und kühner.“

„Woher weißt du das?“ fragte Daunenfein.

„Das will ich dir sagen. Unter den Möwen und Enten hier herrscht Jammer und Not, weil jeden Morgen bei Tagesanbruch ein großer Raubvogel dahergeflogen kommt und eine von ihnen mitnimmt.“

„Was ist es für ein Vogel?“ fragte Daunenfein.

„Wir wissen es nicht,“ antwortete die Schwester. „Es ist noch nie so einer hier auf der Insel gesehen worden. Merkwürdigerweise hat er noch nie eine Gans angefallen. Da hat sich nun mein Freier entschlossen, morgen mit ihm zu kämpfen und ihn zu verjagen.“

„Wenn die Sache nur gut abläuft!“ sagte Daunenfein.

„Ich fürchte, das wird nicht der Fall sein,“ versetzte die Schwester. „Ja, wenn mein Gänserich so groß und stark wäre wie der deinige, dann hätte ich auch Hoffnung auf Erfolg.“

„Soll ich den Gänserich Martin bitten, mit diesem fremden Raubvogel anzubinden?“ fragte Daunenfein.

„Das wäre mir freilich das allerliebste,“ erwiderte Flügelschön. „Du könntest mir gar keinen größeren Gefallen tun.“

Am nächsten Morgen war der Gänserich Martin schon vor der Sonne auf; er stellte sich auf die höchste Klippe und spähte nach allen Seiten umher. Bald tauchte im Westen ein großer dunkler Vogel auf, der auf die Insel zuflog. Er hatte ungeheuer große Flügel, und der Gänserich sah gleich, daß es ein Adler war. Er hatte keinen gefährlicheren Gegner als eine Eule erwartet und erkannte jetzt wohl, daß es das Leben galt. Aber es fiel ihm nicht ein, dem Kampf mit einem Vogel, der so viel stärker war als er, auszuweichen.

Jetzt schoß der Adler aus der Höhe herab und schlug seine Klauen in eine Möwe; aber ehe er mit ihr auffliegen konnte, stürmte der Gänserich heran.

„Laß die Möwe los!“ schrie er. „Und laß dich nie wieder hier blicken, sonst bekommst du es mit mir zu tun!“

„Was bist denn du für ein Prahlhans?“ sagte der Adler. „Es ist ein Glück für dich, daß ich nie eine Gans angreife, sonst wäre es bald um dich geschehen.“

Der Gänserich Martin glaubte, der Adler sei zu hochmütig, mit ihm zu kämpfen. Er ging darum wutschnaubend auf ihn los, biß ihn in den Hals und schlug ihn mit den Flügeln. Das konnte sich der Adler natürlich nicht gefallen lassen, und nun kämpfte er mit dem Gänserich, aber nicht einmal mit voller Kraft.

Der Junge schlief noch bei Akka und den andern Wildgänsen. Da hörte er Daunenfein rufen: „Däumling! Däumling! Der Gänserich wird von einem Adler zerrissen!“

„Nimm mich auf den Rücken, Daunenfein, und trage mich zu ihm hin,“ sagte der Junge.

Als die beiden die Klippe erreicht hatten, blutete der Gänserich aus mehreren Wunden; er kämpfte aber trotzdem weiter. Der Junge konnte sich nicht mit einem Adler einlassen, und es blieb ihm also nichts andres übrig, als bessere Hilfe herbeizurufen. „Schnell, schnell, Daunenfein! Rufe Akka und die Wildgänse herbei!“ befahl er.

Doch in dem Augenblick, wo der Junge das sagte, hörte der Adler auf zu kämpfen. „Wer spricht hier von Akka?“ fragte er. Und als er den Däumling gewahr wurde und das Geschnatter der herbeieilenden Wildgänse hörte, breitete er rasch die Schwingen aus. „Sage Akka, ich hätte nicht erwartet, sie oder irgend jemand aus ihrem Gefolge hier draußen auf dem Meere anzutreffen!“ rief er; und damit flog er stolz und majestätisch davon.

„Das ist derselbe Adler, der mich einmal zu den Wildgänsen zurückgebracht hat,“ sagte der Junge und schaute ihm verwundert nach.

Die Wildgänse wollten in aller Frühe von der Insel wegfliegen, beschlossen aber, vorher doch noch ein wenig zu frühstücken. Während sie noch weideten, flog eine Felsenente zu Daunenfein hin. „Ich soll dich von deinen Schwestern grüßen,“ sagte sie. „Sie wagen es nicht mehr, sich unter den Wildgänsen sehen zu lassen, aber ich soll sagen, du solltest doch ja die Insel nicht verlassen, ohne dem alten Fischer einen Besuch gemacht zu haben.“

„Das will ich auch tun!“ rief Daunenfein. Sie war jedoch sehr ängstlich geworden und wollte nicht allein hingehen. Deshalb bat sie den Gänserich und den Däumling, sie nach der Hütte zu begleiten.

Die Tür der Hütte stand offen. Daunenfein ging hinein, die beiden andern blieben draußen. Im nächsten Augenblick hörten sie Akka das Zeichen zum Aufbruch geben. Die Graugans trat auch gleich darauf aus der Hütte heraus und flog mit den Wildgänsen von der Insel fort.

Die Schar war schon eine ziemliche Strecke zwischen den Schären hingeflogen, als der Junge sich über die Graugans, die mit ihnen flog, sehr verwunderte. Daunenfein flog doch sonst so leicht und ruhig dahin, diese aber hier ruderte mit schweren rauschenden Flügelschlägen durch die Luft. „Akka, wende um! Akka, wende um!“ rief der Junge erregt. „Es ist ein fremder Vogel unter uns. Wir haben Flügelschön in unsrer Schar!“

Kaum hatte er dies gesagt, als die Graugans einen häßlichen zornigen Ruf ausstieß, und nun war niemand mehr im Zweifel, wer sie war. Akka und die andern wendeten sich gegen sie; die Graugans entfloh jedoch nicht sogleich, sondern stürzte sich auf den großen Weißen, packte den Däumling mit dem Schnabel und flog mit ihm davon.

Nun entspann sich eine wilde Jagd zwischen den Schären. Flügelschön flog sehr rasch, aber die Wildgänse waren dicht hinter ihr, und sie hatte nicht die geringste Hoffnung, ihnen zu entkommen.

Da stieg plötzlich ein leichter, weißer Rauch aus dem Meere auf, und zugleich ertönte der Knall eines Schusses. In ihrem Eifer hatten die Vögel nicht gemerkt, daß sie über einem Boot hinflogen, in dem ein einzelner Fischer saß.

Es wurde indes niemand getroffen; aber gerade über dem Boot öffnete Flügelschön den Schnabel und ließ den Däumling ins Meer fallen.

37
Stockholm

Vor mehreren Jahren wohnte auf Skansen, dem großen Freiluftmuseum bei Stockholm, wo so gar vielerlei Merkwürdiges aus ganz Schweden zusammengebracht worden ist, ein kleiner, alter Mann, namens Klement Larsson. Er stammte aus Hälsingeland und war nach Skansen gekommen, um dort alte Volkstänze und Volkslieder auf seiner Geige zu spielen. Er trat aber natürlich meist nur an den Nachmittagen als Geiger auf, vormittags saß er als Wächter in einem der schönen Bauernhäuser, die man aus allen Teilen des Landes nach Skansen verpflanzt hat. Im Anfang dachte Klement, er habe es jetzt auf seine alten Tage besser, als er sich in seinem ganzen Leben je einmal zu träumen gewagt hätte. Aber nach einiger Zeit wurde es ihm schrecklich langweilig da droben, besonders in den Stunden, wo er Aufsicht hatte. Wenn Leute kamen, die sich das Haus ansahen, dann ging es ja noch an; aber manchmal saß der gute Klement stundenlang ganz allein da drinnen, und dann überkam ihn das Heimweh mit solcher Gewalt, daß er es oft kaum mehr aushalten konnte und allen Ernstes daran dachte, seine Stelle aufzugeben. Er war freilich sehr arm, und wenn er in seine Heimat zurückkehrte, fiel er der Gemeinde zur Last, das wußte er recht wohl. Deshalb kämpfte er auch mit aller Macht gegen das Heimweh an, obgleich er sich von Tag zu Tag unglücklicher fühlte.

Eines schönen Tages, zu Anfang Mai, hatte Klement ein paar Stunden frei, und er ging eben den steilen Hügel hinab, auf dem Skansen liegt, als er einem Fischer aus den Schären begegnete, der mit seinem Kasten auf dem Rücken daherkam. Der Fischer war ein junger, kräftiger Mann, der öfters nach Skansen kam und Seevögel anbot, die er lebendig gefangen hatte; Klement war schon oft mit ihm zusammengetroffen.

Heute nun hielt der Fischer Klement an und fragte ihn, ob der Vorstand von Skansen daheim sei. Nachdem Klement ihm Auskunft gegeben hatte, fragte er seinerseits den Fischer, was er denn Seltenes in seinem Kasten habe.

„Ich will es dir zeigen, Klement,“ sagte der Fischer, „wenn du mir dafür einen guten Rat geben und mir sagen willst, was ich dafür verlangen soll.“

Damit streckte er Klement seinen Fischkasten hin. Klement sah hinein, sah noch einmal hinein und trat hastig einen Schritt zurück. „Um alles in der Welt, Asbjörn, wo hast du denn diesen aufgetrieben?“

Es war ihm eingefallen, daß ihm seine Mutter, als er noch ein Kind war, oft von den Wichtelmännchen, die unter dem Steinboden wohnten, erzählt hatte. Er sollte nicht weinen und nicht schreien, damit die Wichtelmännchen nicht erzürnt würden. Als er dann erwachsen war, hatte er geglaubt, seine Mutter habe die Geschichten von den Wichtelmännchen nur erfunden, um ihm einen heilsamen Schrecken einzujagen. „Aber nun ist es also doch keine Erfindung von meiner Mutter gewesen,“ dachte Klement. „Denn hier in Asbjörns Kasten liegt ja einer aus dem Wichtelvolk.“

In Klements Herzen wohnte noch immer ein Rest von jener Kinderangst, und es lief ihm kalt über den Rücken hinab, als er in den Kasten hineinschaute. Asbjörn sah Klements Schrecken und fing zu lachen an; aber Klement nahm die Sache sehr ernst.

„Erzähle mir doch, wo du ihn her hast,“ sagte er.

„O, du mußt nicht denken, ich hätte ihm aufgelauert,“ sagte Asbjörn. „Das Kerlchen ist selbst zu mir gekommen. Heute morgen bin ich in aller Frühe im Boot hinausgefahren, und kaum hatte ich das Festland hinter mir, als eine Schar Wildgänse mit lautem Geschnatter von Osten dahergezogen kam. Ich feuerte einen Schuß auf sie ab, traf jedoch keine von ihnen, dafür aber sauste dieser kleine Kerl aus der Luft herunter und fiel dicht neben meinem Boot ins Wasser, ich brauchte nur die Hand nach ihm auszustrecken.“

„Du wirst ihn doch nicht getroffen haben, Asbjörn?“

„O nein, er ist ganz frisch und gesund; aber zuerst war er nicht so recht bei sich, und diese Gelegenheit benützte ich, ihm Hände und Füße mit einem Stück Bindfaden zusammenzubinden, damit er mir nicht davonlaufen könnte. Denn ich dachte ja gleich, das sei etwas für Skansen.“

Klement wurde es ganz sonderbar zumut, als der Fischer sein Erlebnis erzählte. Alles, was er in seiner Jugend von den Wichtelmännchen gehört hatte, von ihrer Rachgier gegen Feinde und ihrer Hilfsbereitschaft gegen Freunde, tauchte in seiner Seele auf. Wer es je einmal versucht hatte, ein Wichtelmännchen gefangen zu halten, dem war es schlecht ergangen.

„Höre, Asbjörn, du hättest ihn gleich wieder freigeben sollen,“ sagte Klement.

„Ich hätte auch beinahe gar nicht anders gekonnt,“ antwortete Asbjörn. „Die Wildgänse verfolgten mich bis nach Hause, und selbst dann flogen sie noch lange über den Schären hin und her und schrieen immerfort, wie wenn sie das Kerlchen wieder haben wollten. Ja, und das war noch nicht einmal alles, denn die ganze Vogelgesellschaft da draußen, Möwen und Seeschwalben und alle andern, die keinen ehrlichen Schuß Pulver wert sind, ließen sich laut schreiend auf den Klippen nieder, und als ich aus meiner Hütte heraustrat, flatterten sie wie toll um mich her; es blieb mir nichts übrig, als wieder umzukehren. Meine Frau sagte, ich solle den Knirps wieder laufen lassen, aber ich hatte mir nun einmal in den Kopf gesetzt, ihn hierher nach Skansen zu bringen. Da stellte ich denn eine Puppe von unserm Kleinen ans Fenster, steckte den Knirps rasch in meinen Kasten und machte mich wieder auf den Weg. Die Vögel meinten wohl, die Puppe am Fenster sei das Kerlchen, denn sie ließen mich diesmal unbehelligt gehen.“

„Spricht er nicht?“ fragte Klement.

„Doch, im Anfang machte er einen Versuch, den Vögeln etwas zuzurufen; aber das wollte ich nicht, und so stopfte ich ihm einen Knebel in den Mund.“

„Aber Asbjörn, daß du das gewagt hast! Hast du denn gar kein Verständnis? Dies ist doch etwas Übernatürliches.“

„Ach, wie soll ich wissen, was es ist,“ sagte Asbjörn ruhig. „Das müssen die andern herausbringen, ich bins zufrieden, wenn man mich nur gut dafür bezahlt. Und nun sag mir, Klement, wie viel wird mir der gelehrte Herr Doktor droben auf Skansen wohl für das Kerlchen geben?“

Klement überlegte lange, ehe er antwortete. Er hatte auf einmal schreckliche Angst für den Knirps bekommen. Es war ihm gerade, als stehe seine Mutter neben ihm und sage zu ihm, er solle immer gut gegen das Wichtelvolk sein.

„Ich weiß nicht, was der Doktor dir dafür geben wird,“ sagte er schließlich. „Aber wenn du ihn mir verkaufen willst, dann biete ich dir zwanzig Kronen dafür.“

Als der Spielmann diese große Summe nannte, sah ihn der Fischer grenzenlos überrascht an. Er dachte, Klement meine wohl, der Kleine sei im Besitz von geheimen Kräften, die ihm von Nutzen sein könnten; und da er keineswegs sicher war, ob der Doktor seinen Fund für ebenso wichtig halten und ihm so viel dafür bieten würde, nahm er Klements Angebot an.

Der Spielmann steckte seinen Einkauf in eine seiner weiten Taschen, stieg wieder den Hügel hinauf und ging in eine der Sennhütten, wo weder fremde Besucher noch sonst ein Aufseher waren. Er schloß die Tür hinter sich zu, nahm das Kerlchen heraus, das noch immer an Händen und Füßen gebunden war und einen Knebel im Mund hatte, und legte es vorsichtig auf eine Bank.

„Gib nun wohl acht, was ich dir sage,“ begann Klement. „Ich weiß, du und deinesgleichen, ihr laßt euch nicht gern vor den Menschen sehen, sondern wollt am liebsten ungehindert euer Wesen treiben. Ich will dir deshalb deine Freiheit zurückgeben, aber nur unter einer Bedingung: du mußt hier im Park bleiben, bis ich dir erlaube, dich von hier zu entfernen. Wenn du darauf eingehen willst, dann nicke dreimal mit dem Kopfe.“

Erwartungsvoll sah Klement den Kleinen an; dieser aber rührte sich nicht.

„Es soll dir nicht schlecht gehen,“ fuhr Klement fort. „Ich werde dir jeden Tag dein Essen bringen; überdies wirst du auch sicher hier allerlei zu tun bekommen und brauchst also keine Langeweile zu haben. Aber du darfst nirgends anders hingehen, bis ich es dir erlaube, hörst du! Wir wollen ein Zeichen ausmachen: so lange ich dir dein Essen in einem weißen Napf hinstelle, mußt du hierbleiben, wenn es aber in einer blauen Schale ist, dann darfst du dich entfernen.“

Wieder sah Klement den Kleinen erwartungsvoll an und hoffte auf das verabredete Zeichen; das Kerlchen aber rührte sich nicht.

„Ja, dann muß ich dich eben doch dem Direktor von Skansen zeigen, es bleibt nichts andres übrig,“ sagte Klement. „Du wirst dann in eine Glasflasche gesteckt, und alle Leute aus der großen Stadt Stockholm kommen hierher und gucken dich an.“

Dieser Ausspruch schien dem Kleinen Schrecken einzujagen; denn kaum hatte Klement ihn getan, als der Kleine mit dem Kopfe nickte.

„So ists recht!“ sagte Klement. Er zog sein Messer heraus, durchschnitt dem Kerlchen die Fessel an den Händen und ging dann hastig zur Tür hinaus.

Vor allem andern löste der Junge jetzt die Schnur von seinen Füßen und zog sich den Knebel aus dem Mund. Als er sich dann aber nach Klement Larsson umsah, um ihm zu danken, war dieser schon verschwunden.

Klement war noch nicht weiter als nur eben zur Tür hinausgekommen, als er einem schönen alten Herrn begegnete, der nach einem nahegelegenen, herrlichen Aussichtspunkt unterwegs zu sein schien. Klement konnte sich nicht erinnern, den vornehmen alten Herrn schon einmal gesehen zu haben; dieser aber hatte Klement wohl schon öfters bemerkt, wenn er seine Volkweisen spielte, denn er blieb stehen und redete ihn an.

„Guten Tag, Klement,“ sagte er. „Wie geht es dir? Du wirst doch nicht krank sein? Du kommst mir seit einiger Zeit etwas abgemagert vor.“

Der Herr hatte etwas so unbeschreiblich Leutseliges in seinem Wesen, daß sich Klement ein Herz faßte und ihm erzählte, wie sehr ihn das Heimweh plage.

„Wie? Hier in Stockholm hast du Heimweh? Das ist doch wohl nicht möglich!“ sagte der vornehme alte Herr und sah dabei fast ein wenig gekränkt aus. Aber dann fiel ihm ein, daß er ja einen alten Bauern aus Hälsingeland vor sich hatte, und der frühere freundliche Ausdruck trat wieder in sein Gesicht.

„Du hast gewiß noch nie gehört, wie Stockholm eigentlich entstanden ist, Klement? Sonst wüßtest du ganz genau, daß du dir das Heimweh nur einbildest. Komm, begleite mich zu der Bank dort drüben, dann will ich dir ein wenig von Stockholm erzählen.“

Nachdem der vornehme alte Herr sich auf der Bank niedergelassen hatte, ließ er seinen Blick zuerst einige Augenblicke auf Stockholm ruhen, das sich in seiner ganzen Pracht vor ihm ausbreitete, und er atmete tief auf, wie wenn er die ganze Schönheit der Gegend in sich aufnehmen wollte. Dann wendete er sich an den Spielmann.

„Siehst du, Klement,“ begann er und zeichnete, während er sprach, in den Sandweg vor sich eine kleine Landkarte. „Dies hier ist Uppland, und hier gegen Süden schiebt sich eine von vielen Buchten zerrissene Landzunge herein. Und hier schließt sich Sörmland an mit einer zweiten von ebensovielen Buchten zerschnittenen Landzunge, die direkt nach Norden läuft. Und hier von Westen her kommt ein See mit vielen Inseln. Dies ist der Mälar. Und hier von Osten fließt ein andres Wasser herbei, das vor lauter Inseln und Schären kaum vorwärts kommen kann. Das ist die Ostsee. Hier aber, Klement, hier, wo Uppland mit Sörmland und der Mälar mit der Ostsee zusammentreffen, fließt ein kleiner Fluß, der heißt der Norrstrom, und mitten drin im Norrstrom liegen drei kleine Holme.

Ursprünglich waren diese Holme nichts weiter als gewöhnliche Inseln mit ein paar Bäumen darauf, die seit undenklichen Zeiten ganz unbewohnt dalagen, wie es heutigentages noch viele hier im Mälar gibt. Sie hatten ganz zweifellos eine recht gute Lage, da sie gerade in der Mitte von zwei Seen und zwei Landschaften lagen, aber das fiel niemand auf. Ein Jahr ums andre verging, die Menschen siedelten sich sowohl an den Mälarufern als draußen auf den Schären an, aber die drei Holme mitten im Norrstrom bekamen keine Bewohner. Nur selten einmal legte ein Seefahrer dort an und schlug sein Nachtlager auf; aber niemand ließ sich dauernd da nieder.

Eines Tages nun hatte ein Fischer, der auf der Lidinginsel draußen am Meere wohnte, sein Boot in den Mälar hereingesteuert, und fing da eine solche Menge Fische, daß er ganz vergaß, zu rechter Zeit sein Boot wieder heimwärts zu lenken. Er war nicht weiter gekommen als bis zu den drei Holmen, als auch schon die Nacht hereinbrach. Da dachte der Fischer, er täte gewiß am besten, hier an Land zu gehen und zu warten, bis der Mond aufgegangen wäre, denn der Mond war im Zunehmen.

Es war im Spätherbst und noch wunderschönes Wetter, obwohl die Abende schon recht dunkel zu sein pflegten. Der Fischer zog also sein Boot an Land, legte sich daneben, bettete seinen Kopf auf einen Stein und versank bald in einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, war der Mond schon hoch am Himmel; er stand gerade über dem Fischer und leuchtete gar prächtig mit fast tageshellem Schein.

Der Mann sprang auf und wollte eben sein Boot ins Wasser schieben, als er draußen auf dem Norrstrom viele dunkle Punkte sah, die sich hin und her bewegten. Eine große Schar Seehunde schwamm eilig auf den Holm zu, und als der Fischer merkte, daß die Seehunde ans Land kriechen wollten, bückte er sich nach seinem Spieß, den er im Boot liegen hatte. Doch als er sich wieder aufrichtete, sah er keine Seehunde mehr; anstatt der Seehunde standen wunderschöne junge Mädchen am Strande, in grünen, langnachschleppenden, seidenen Gewändern, jede mit einer Perlenkrone auf dem Kopfe. Da wußte der Fischer, wen er vor sich hatte, nämlich die Meerweibchen, die auf den öden Schären weit draußen im Meere wohnten. Sie hatten ihre Seehundgewänder nur übergeworfen, um ans Land zu schwimmen, wo sie sich im Mondschein auf den grünen Holmen zu ergötzen gedachten.

Ganz leise legte der Fischer seinen Speer wieder hin, und als die Meerweibchen tiefer in die Insel hineingingen, um zu spielen, schlich er ihnen nach und betrachtete sie. Er hatte gehört, die Meermädchen seien wunderbar schön, wer sie sehe, werde von ihrer Schönheit ganz bezaubert; und er mußte wirklich zugeben, daß nicht zu viel von ihnen behauptet worden war.

Nachdem die Meerweibchen eine Weile unter den Bäumen getanzt hatten, ging der Fischer ans Ufer hinunter, nahm eines von den Seehundfellen, die noch dalagen, und versteckte es unter einem Stein. Dann ging er nach seinem Boot zurück, legte sich neben ihm nieder und stellte sich schlafend.

Nach kurzer Zeit sah er die Meermädchen an den Strand zurückkehren und ihre Seehundhüllen wieder überwerfen. Im Anfang herrschte eitel Lachen und Scherzen unter ihnen; aber bald verwandelte sich die Freude in lautes Jammern und Klagen, weil eine von ihnen ihr Seehundgewand nicht mehr finden konnte. Alle liefen am Ufer hin und her und halfen ihr suchen, aber kein Seehundfell war zu finden. Während sie noch eifrig suchten, sahen sie, daß sich der Himmel im Osten lichtete und der Tag graute. Da schienen sie nicht länger bleiben zu können, und alle schwammen davon, ausgenommen die eine, die ohne Seehundfell war. Sie blieb am Strand sitzen und weinte bitterlich.

Dem Fischer tat das arme Meerweibchen herzlich leid; aber er zwang sich, ganz ruhig liegen zu bleiben, bis es heller Tag war. Da stand er auf, schob sein Boot ins Wasser, und erst als er schon das Ruder aufgehoben hatte, tat er, als ob er sie ganz zufälligerweise wahrnähme.

‚Wer bist denn du?‘ rief er. ‚Bist du eine Schiffbrüchige?‘

Sie stürzte auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht ihr Seehundfell gesehen habe; aber der Fischer tat, als verstehe er nicht einmal, was sie meinte. Da setzte sie sich wieder nieder und fing aufs neue zu weinen an. Aber jetzt schlug er ihr vor, zu ihm ins Boot zu steigen.

‚Komm mit mir in meine Hütte,‘ sagte er, ‚meine Mutter wird sich deiner annehmen. Du kannst doch nicht hier auf dem Holm bleiben, wo du weder ein Bett findest, noch etwas zu essen bekommst.‘ Und er sprach ihr gar freundlich zu, bis sie sich überreden ließ und zu ihm ins Boot stieg.

Der Fischer und seine Mutter waren alle beide außerordentlich gut gegen das arme Meerweibchen, und es schien sich auch ganz wohl bei ihnen zu befinden. Mit jedem Tag wurde es fröhlicher, half der Alten bei der Arbeit und war ganz wie ein andres Mädchen, nur viel schöner als alle andern aus der Umgegend. Eines Tages fragte sie der Fischer, ob sie seine Frau werden wolle; da hatte sie gar nichts dagegen und sagte sogleich ja.

Nun richtete man die Hochzeit her, und als sich die Jungfrau zur Hochzeit schmücken sollte, zog sie das grünseidene Schleppkleid an und setzte die schimmernde Perlenkrone auf, die sie damals getragen hatte, als der Fischer sie zum ersten Male sah. In jenen Zeiten aber gab es weder eine Kirche noch einen Geistlichen auf den Schären; die Hochzeitsleute setzten sich in ein Boot, fuhren in den Mälar hinein und ließen sich in der ersten Kirche, an die sie kamen, trauen.

Der Fischer hatte seine Braut und seine Mutter im Boot, und er steuerte sein Boot so gut, daß es allen andern vorauskam. Als sie jenen Holm sehen konnten, wo er seine Braut gewonnen hatte, die nun glücklich und geschmückt neben ihm im Boot saß, mußte er unwillkürlich lächeln.

‚Warum lachst du?‘ fragte die Braut.

Die Meermädchen
Die Meermädchen

‚Ach, ich denke an jene Nacht, wo ich dein Seehundfell versteckte,‘ antwortete der Fischer; er fühlte sich ihrer jetzt vollkommen sicher und meinte, er brauche nichts mehr vor ihr zu verheimlichen.

‚Was sagst du da?‘ fragte die Braut. ‚Ich habe doch nie ein Seehundfell gehabt.‘ Es war, als habe sie alles vergessen.

‚Weißt du denn nicht mehr, wie du mit den Meermädchen getanzt hast?‘ fragte der Fischer.

‚Ich weiß nicht, was du meinst,‘ antwortete die Braut. ‚Du hast wohl heute nacht einen sonderbaren Traum gehabt.‘

‚Wenn ich dir nun aber dein Seehundfell zeige, glaubst du mir dann?‘ fragte der Fischer und steuerte sogleich auf jenen Holm zu. Als sie dort angekommen waren, stieg das Brautpaar aus, und der Fischer zog das Fell unter dem Stein hervor, wo er es damals versteckt hatte.

Aber kaum erblickte die Braut das Seehundfell, als sie es auch schon an sich riß und sich über den Kopf warf. Das Fell schmiegte sich ihr um die Glieder wie etwas Lebendiges, und sie warf sich augenblicklich in den Strom hinein.

Der Bräutigam sah sie fortschwimmen. Rasch sprang er ihr nach ins Wasser, konnte sie aber nicht mehr erreichen. Als er sah, daß er sie nicht mehr zurückhalten konnte, warf er in seiner Verzweiflung seinen Spieß hinter ihr her. Dieser traf besser, als der Fischer gewollt hatte, denn das arme Meerweibchen stieß einen lauten Schrei aus und verschwand in der Tiefe.

Der Fischer blieb am Ufer stehen und hoffte, sie werde wieder an der Oberfläche auftauchen. Aber da sah er, wie sich über das Wasser ringsum ein milder Glanz ergoß, der ihm eine wunderbare Schönheit verlieh. So etwas hatte der Fischer noch nie gesehen; das Wasser glänzte und blinkte und spielte in rosigem und weißem Schimmer, gerade wie Perlmutter in einer Muschel.

Und als die glitzernden Wellen ans Ufer schlugen, sah der Fischer, daß auch dieses sich veränderte. Überall begann es zu blühen und zu duften; ein weicher Glanz breitete sich aus, und es bekam eine Schönheit, die es früher nicht gehabt hatte.

Und der Fischer erriet, woher das alles kam. Die Sache ist nämlich die: Wer ein Meerweibchen sieht, findet es schöner als alle andern Menschenkinder – er kann gar nicht anders – und als sich nun das Blut des Meerweibchens mit dem Wasser vermischte und alsdann mit den Wellen über die Ufer floß, teilte sich ihre Schönheit auch diesen mit; die Schönheit wurde ihnen als Erbteil geschenkt, daß alle, die sie sahen, von der Lieblichkeit dieser Ufer hingerissen wurden und von da an stets von Sehnsucht nach ihnen erfüllt waren.“

Als der vornehme Herr in seiner Erzählung so weit gekommen war, sah er Klement an, und dieser nickte dem Erzähler ernst zu, sagte aber nichts, denn er wollte ihn nicht unterbrechen.

„Und nun paß wohl auf, Klement, was ich dir sage,“ fuhr der vornehme alte Herr fort, und jetzt blitzte es plötzlich schalkhaft in seinen Augen auf. „Von jener Zeit an siedelten sich die Menschen auf den Holmen an. Zuerst waren es nur Bauersleute und Fischer, aber eines schönen Tages kam der König mit seinem Jarl den Strom heraufgezogen. Als er die drei Holme sah, machte er die andern gleich darauf aufmerksam, daß jedes Schiff, das in den Mälar hineinwollte, daran vorbeifahren müsse. Und der Jarl meinte, hier müßte man eigentlich das Fahrwasser unter Schloß und Riegel legen, dann könnte man es nach Belieben öffnen und schließen, also die Handelsschiffe hereinlassen, die Seeräuberflotten aber hinaussperren.

Und siehst du, Klement, dieser Vorschlag wurde ausgeführt,“ sagte der alte Herr, indem er aufstand und von neuem mit seinem Stock in den Sand zeichnete. „Auf der größten der drei Inseln, siehst du, hier, baute der Jarl eine Burg mit einem prächtigen Wachturm, der Kärnan genannt wurde. Und rings um den Holm herum zog er Mauern, siehst du, so. Und hier im Süden machte er ein Tor in die Mauer und setzte einen starken Turm darauf. Er baute Brücken nach den andern Holmen hinüber und versah auch diese mit hohen Türmen. Und draußen auf dem Wasser, in weitem Umkreis um die Holme herum, schlug er einen Kranz von Pfählen mit Querbalken, die geöffnet und geschlossen werden konnten; nun konnte kein Schiff ohne seine Erlaubnis vorbeifahren.

Du siehst also, Klement, die drei Holme, die so lange unbemerkt dagelegen hatten, waren plötzlich in eine starke Festung verwandelt worden. Aber damit war es noch nicht genug. Diese Ufer und Sunde hier zogen die Menschen an, und bald strömten von allen Seiten Leute herbei, die sich auf den Holmen niederließen. Für diese Leute baute der Jarl eine Kirche, die später die Storkyrka genannt wurde. Hier liegt sie heute noch, ganz dicht bei der Burg, und hier, innerhalb der Mauern lagen die kleinen Häuser der ersten Ansiedler. Sie waren nicht großartig, aber damals brauchte es nicht mehr, um den Ort eine Stadt zu nennen. Die Stadt wurde Stockholm genannt, und so heißt sie noch bis auf den heutigen Tag.

Dann kam ein Tag, Klement, wo der Jarl nach seiner großen Arbeit zur Ruhe eingehen durfte; aber Stockholm fehlte es darum doch nicht an einem Baumeister. Mönche kamen dahergezogen, die man die schwarzen Brüder nannte; Stockholm hatte es ihnen angetan, und so baten sie darum, sich da ein Kloster bauen zu dürfen. Das Kloster wurde dann auch wirklich auf dem Stadtholm gebaut, hier gleich hinter der Storkyrkan. Nach einiger Zeit kamen auch noch andere Mönche ins Land, die sich die grauen Brüder nannten. Diese baten auch um Erlaubnis, sich in Stockholm anzubauen. Aber auf dem großen Holm war nun kein Platz mehr für ihr Kloster; es wurde daher auf einem der kleineren, dem Mälar zugekehrten Holme erbaut, und dieser Holm heißt von jener Zeit an der Gråmunkeholm, oder der Holm der grauen Mönche. Auf dem dritten Holm aber siedelten sich fromme Männer an, die sich Brüder vom heiligen Geist nannten und sich besonders um die Krankenpflege annahmen. Sie bauten ein Krankenhaus, und der Holm wurde seit jener Zeit der Helgeandsholm, der Holm des heiligen Geistes, genannt.

Siehst du, Klement, nun waren die drei Holme schon ganz mit Häusern bedeckt; aber immer neue Leute strömten herbei, denn das Wasser und die Ufer hier haben ja, wie du weißt, die Eigenschaft, die Menschen anzuziehen. Es kamen fromme Frauen vom Orden der heiligen Klara, die auch um einen Bauplatz baten. Doch war guter Rat teuer, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich am nördlichen Ufer anzubauen, auf dem Norrmalm, wie dieser Teil genannt wurde. Sie waren freilich nicht so recht zufrieden damit, denn mitten durch den Norrmalm zieht sich ein hoher Bergrücken, und dort hatte die Stadt ihren Galgenhügel, deshalb war der Ort verachtet; aber die Schwestern vom Orden der heiligen Klara bauten doch ihre Kirche und ihr Kloster am Ufer, gerade unter dem Galgenhügel. Und nachdem sie sich einmal in dieser Gegend niedergelassen hatten, kamen bald andre hinzu. Hier, ganz im Norden auf dem Hügel selbst, wurde ein Krankenhaus und eine Kirche gebaut, die dem heiligen Georg geweiht waren, und hier, gerade unter dem Hügel, erstand eine Kirche für den heiligen Jakob.

Auch auf dem Södermalm, wo die Klippen steil aus dem Meere aufragen, fing man zu bauen an. Hier entstand bald eine Kirche zu Ehren der Heiligen Jungfrau Maria.

Aber nun, Klement, darfst du nicht glauben, es seien nur Klosterleute nach Stockholm gezogen. O nein, außer ihnen kamen noch viele andre Leute; vor allem eine Menge deutscher Handwerker und Kaufleute, und da diese tüchtiger waren als die schwedischen, wurden sie gut aufgenommen. Sie ließen sich in der Stadt innerhalb der Mauern nieder, rissen die kleinen, ärmlichen Häuser, die vorher da standen, nieder und bauten dafür große, prächtige Gebäude aus Stein. Aber es war nur wenig Platz da drinnen innerhalb der Mauern, und so mußten die Häuser mit den Giebeln nach der Straße dicht nebeneinander gebaut werden.

Ja ja, Klement, da siehst du, wie Stockholm die Menschen herbeizog.“

In diesem Augenblick tauchte unten am Wege ein andrer Herr auf, der rasch auf die beiden zukam. Doch der alte Herr, der mit Klement sprach, winkte den Neuangekommenen mit einer Handbewegung zurück; da blieb dieser in der Ferne stehen. Der vornehme alte Herr aber setzte sich neben den Spielmann auf die Bank.

„Nun sollst du mir einen Gefallen tun, Klement,“ sagte er. „Ich habe keine Zeit, mich noch länger mit dir zu unterhalten, aber ich werde dir ein Buch über Stockholm schicken, und das sollst du von Anfang bis zu Ende durchlesen. Jetzt habe ich sozusagen bei dir den Grund von Stockholm gelegt, Klement, nun sollst du weiter daran bauen. Ja, studiere jetzt selbst weiter und mache dir klar, wie es der Stadt ferner ergangen ist, und wie sie sich allmählich verändert hat. Lies, wie die kleine enge, mauerumschlossene Stadt auf den Holmen sich zu diesem Häusermeer ausgebreitet hat, das wir hier vor uns sehen. Lies, wie aus dem düsteren Turm Kärnan das schöne helle Schloß da drunten geworden ist, und wie die Kirche der grauen Mönche in die Grabstätte der schwedischen Könige umgewandelt wurde. Lies, wie der eine Holm nach dem andern bebaut wurde. Lies, wie die Gemüseländer auf Söder und Norr in schöne Gärten oder bebaute Stadtviertel umgewandelt wurden. Lies, wie die Hügel geebnet und die Wasserstraßen ausgefüllt wurden. Lies, wie die Könige die Tiergärten einfriedigen ließen, woraus dann die schönen Ausflugsorte des Volkes wurden. Gib dir Mühe, so recht vertraut mit Stockholm zu werden, Klement, denn die Stadt gehört nicht allein den Stockholmern, sie gehört dir und ganz Schweden.

Und wenn du dann das alles über Stockholm liest, Klement, dann denke daran, daß ich dir gesagt habe, Stockholm habe die Kraft, alles andre anzuziehen. Zuerst zog der König hierher, dann bauten sich die vornehmen Herren ihre Paläste da. Dann zog einer nach dem andern hierher, so daß Stockholm jetzt nicht nur eine Stadt für sich oder für die nächste Umgebung ist, nein, Klement, es ist eine Stadt für das ganze Reich.

Du weißt doch, Klement, in jedem Kirchspiel gibt es einen Gemeinderat, aber in Stockholm wird der Reichstag fürs ganze Volk gehalten. Du weißt, im ganzen Lande hat jeder Bezirk einen Richter, aber in Stockholm ist ein Gerichtshof, der über allen andern steht. Du weißt, überall gibt es Kasernen und Truppen, aber in Stockholm sind die höchsten, die das ganze Heer unter sich haben. Überall im Lande sind Eisenbahnen, aber alle werden von Stockholm aus geleitet. Hier sind die Vorgesetzten der Pfarrer, der Lehrer, der Ärzte, der Vögte, der Richter. Hier ist der Mittelpunkt für unser Land. Von hier kommt das Geld, das du in deiner Tasche hast, und die Marken, die wir auf unsere Briefe kleben. Von hier erhalten alle Schweden irgend etwas, und hier haben auch alle Schweden irgend etwas zu tun. Hier braucht sich niemand fremd zu fühlen oder Heimweh zu haben. Hier sind alle Schweden daheim.

Und wenn du das alles liest, Klement, dann denk auch an das letzte, was Stockholm herbeigezogen hat. Das sind auf Skansen die alten Häuser, die alten Tänze, die alten Trachten und das alte Hausgerät. Hier sind auch Spielleute und Märchenerzähler; alles Alte und Gute ist nach Stockholm gekommen, hierher nach Skansen, damit es in Ehren gehalten werde, und damit es neugeehrt draußen unter dem Volk wieder erstehen soll.

Aber wenn du dies alles von Stockholm gelesen hast, Klement, dann sollst du dich vor allem auf diesen Platz hier setzen; du sollst sehen, wie die Wellen ihr glitzerndes Spiel treiben und die Ufer in blendender Schönheit erglänzen. Ja, du sollst selbst dafür sorgen, daß auch du von dem Zauber ergriffen und hingerissen wirst.“

Der schöne alte Herr hatte die Stimme etwas erhoben; sie klang nun laut und majestätisch gebietend, und seine Augen blitzten. Jetzt stand er auf, winkte Klement noch freundlich mit der Hand und verließ ihn. Klement aber fühlte plötzlich in seinem Herzen ganz deutlich, der Herr, der da mit ihm gesprochen hatte, mußte ein sehr vornehmer Herr sein, und er verbeugte sich hinter ihm, so tief er nur konnte.

Am nächsten Tage kam ein königlicher Lakai mit einem großen, roteingebundenen Buch und einem Brief zu Klement, und in dem Briefe stand, daß das Buch vom König sei.

Darnach war der gute alte Klement Larsson mehrere Tage lang ganz wirr im Kopfe; es war fast kein vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen, und nach acht Tagen kam er zu dem Direktor von Skansen und kündigte seine Stelle. Als Grund brachte er vor, er müsse durchaus in seine Heimat zurückkehren.

„Warum willst du denn nach Hause?“ fragte der Direktor. „Gefällt es dir denn gar nicht hier?“

„Doch, doch, es gefällt mir gut,“ antwortete Klement. „In dieser Beziehung habe ich nichts mehr zu klagen, aber ich muß trotzdem nach Hause.“

Klement hatte sich in einer schweren Not befunden, weil der König zu ihm gesagt hatte, er solle Stockholm genau kennen lernen, dann werde es ihm da gewiß gefallen. Aber Klement fand Tag und Nacht keine Ruhe mehr, bis er daheim in seiner Heimat berichten konnte, daß der König das zu ihm gesagt hatte. Ach, welch ein Glück würde das sein, wenn er vor der Kirche daheim hoch und nieder erzählte, wie gut der König gegen ihn gewesen war, wie er auf derselben Bank neben ihm gesessen, sich in ein Gespräch mit ihm eingelassen und mit ihm, einem armen alten Spielmann, eine ganze Stunde lang geredet hatte, um ihn von seinem Heimweh zu heilen. Es war ja schon etwas Großes, daß er es hier auf Skansen den Lappländern und den Mädchen von Dalarna erzählen konnte; aber was war das gegen das Glück, es denen daheim mitteilen zu können!

Und wenn Klement auch schließlich ins Armenhaus kommen sollte, selbst das erschien ihm nach diesem Erlebnis nicht mehr schwer. Er wäre trotzdem ein ganz andrer Mensch als vorher und würde auf ganz andre Weise geachtet und geehrt werden.

Und diese neue Sehnsucht überwältigte ihn. Er konnte nicht anders, er mußte zu dem Direktor gehen und ihm sagen, er wolle durchaus in seine Heimat zurückkehren.

38
Der Adler Gorgo

Im Felsental

Weit droben auf dem lappländischen Gebirge lag ein altes Adlernest auf einem Felsenvorsprung, der über einer schroffen Bergwand herausragte. Das Nest war aus Tannenzweigen verfertigt, die schichtenweise quer übereinandergelegt waren. Seit Jahren war es immer mehr erweitert und erhöht worden, und jetzt hatte es mehrere Meter im Durchmesser und lag da droben, fast ebenso groß wie eine Lappenhütte.

Die Felsenwand, auf der das Adlernest lag, überschattete ein ziemlich hohes Tal, das im Sommer immer von einer Schar Wildgänse bewohnt war; und dieses Tal war auch wirklich ein ausgezeichneter Zufluchtsort für die Gänse, denn es lag so gut versteckt zwischen den Bergen, daß es nicht vielen Leuten bekannt war; ja, selbst unter den Lappen wußte man nur wenig davon. Mitten in dem Tal lag ein kleiner runder See, wo sich reichlich Nahrung für die kleinen Gänschen fand, und an den mit Weidenbüschen und kleinen verkrüppelten Birken dicht bestandenen Ufern gab es so gute Brutplätze, wie sie sich die Gänse nur wünschen konnten.

Seit undenklichen Zeiten hatten droben auf dem Felsen Adler und drunten im Tal Wildgänse gewohnt. Alle Jahre raubten die Adler einige von den Wildgänsen, hüteten sich aber wohl, so viele zu rauben, daß diese aus dem Tale verscheucht worden wären. Ihrerseits hatten die Wildgänse auch nicht so gar wenig Nutzen von den Adlern; diese waren ja wohl Räuber, aber sie hielten andre Räuber fern.

Ein paar Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, stand die alte Führerin der Schar, Akka von Kebnekajse, eines Morgens in dem Felsental und schaute zu dem Adlernest hinauf. Die Adler pflegten kurz nach Sonnenaufgang auf die Jagd auszufliegen; und in allen den Sommern, die Akka in diesem Tal verbracht hatte, war sie jeden Morgen auf ihrem Posten gewesen und hatte beobachtet, ob die Adler im Tale blieben, um da zu jagen, oder ob sie sich nach andern Jagdgebieten begaben.

Sie brauchte nicht lange zu warten, bis die beiden stattlichen Vögel die Felsenplatte verließen. Schön, aber furchtbar schwebten sie durch die Luft dahin. Sie schlugen die Richtung nach dem Flachlande ein, und Akka stieß einen erleichterten Seufzer aus.

Die alte Anführerin war nun zu alt zum Eierlegen und Junge aufzuziehen. So vertrieb sie sich denn im Sommer die Zeit damit, daß sie von einem Gänsenest zum andern wanderte und über das Ausbrüten und Aufziehen der Jungen gute Ratschläge erteilte. Außerdem hielt sie nicht allein Ausschau nach den Adlern, sondern auch nach den Bergfüchsen, den Eulen und andern Feinden, von denen den Gänsen und deren Jungen Gefahr drohen konnte.

Gegen Mittag spähte Akka wieder nach den Adlern aus. Das hatte sie nun in jedem Sommer, seit sie in diesem Tale Aufenthalt nahm, getan. Sie sah auch den Adlern immer schon am Fluge an, ob sie eine gute Jagd gehabt hatten, und dann fühlte sie sich für die Ihrigen beruhigt. Aber heute kehrten die Adler nicht zurück.

„Ich muß alt und stumpfsinnig geworden sein,“ dachte Akka, nachdem sie eine Weile gewartet hatte. „Die Adler müssen ja längst daheim sein.“

Am Nachmittag schaute sie abermals nach der Felsenwand hinauf; jetzt hätten die Adler auf dem schroffen Felsenvorsprung auftauchen müssen, wo sie ihre Nachmittagsruhe zu halten pflegten; und am Abend spähte sie abermals, denn da pflegten die Adler im Bergsee ein Bad zu nehmen; aber immer und immer spähte sie vergeblich. Und wieder jammerte Akka, daß sie alt werde. Sie war es so gewohnt, die Adler über sich auf dem Berge zu sehen, deshalb konnte sie sich gar nicht denken, daß sie noch nicht zurückgekehrt sein könnten.

Am nächsten Morgen war Akka schon früh auf den Beinen, und wieder schaute sie nach den Adlern aus. Aber auch jetzt sah sie nichts von ihnen. Dagegen drang durch die Morgenstille ein Schrei an ihr Ohr, der zornig und jämmerlich zugleich klang und aus dem Neste zu kommen schien.

„Sollte da droben wirklich ein Unglück geschehen sein?“ dachte Akka. Sie breitete die Flügel aus und flog so hoch hinauf, daß sie in das Adlernest hineinsehen konnte.

Da oben war nichts von dem Adlerpaar zu entdecken; im ganzen Neste war niemand als ein halbnacktes Junges, das nach Nahrung schrie.

Langsam und zögernd ließ sich Akka zu dem Adlernest hinabsinken. Das war ein unheimlicher Ort! Man merkte gleich, was für Räuber hier wohnten. In dem Neste und auf der Felsenplatte lagen gebleichte Knochen, blutige Federn und Hautfetzen, Hasenköpfe, Vogelschnäbel und federnbesetzte Füße von Schneehühnern. Auch das Adlerjunge, das mitten in allen diesen Überbleibseln lag, bot mit seinem großen aufgesperrten Schnabel, seinem unbeholfenen flaumigen Körper und seinen unfertigen Flügeln einen widerwärtigen Anblick.

Schließlich überwand Akka ihren Widerwillen und setzte sich auf den Rand des Nestes, sah sich aber doch ängstlich nach allen Seiten um, denn sie war darauf gefaßt, die alten Adler im nächsten Augenblick dahersausen zu sehen.

„Gut, daß endlich jemand kommt!“ rief das Adlerjunge. „Verschaff mir sogleich etwas zu essen!“

„Na na, das hat wohl keine so große Eile,“ sagte Akka. „Sag mir zuerst, wo deine beiden Eltern sind.“

„Ja, wenn ich das wüßte! Gestern morgen sind sie fortgeflogen und haben mir nichts als eine Maus dagelassen. Du wirst dir denken können, daß die schon lange verzehrt ist! Es ist unverschämt von meiner Mutter, mich so Hunger leiden zu lassen.“

Jetzt war Akka überzeugt, daß die alten Adler erschossen worden waren, und sie dachte, wenn sie das Junge hier verhungern ließe, wäre sie die ganze Räubergesellschaft in Zukunft los. Aber sie konnte sich eben doch nicht entschließen, ein solches verlassenes Junge so elendiglich umkommen zu lassen, wenn es in ihrer Macht stand, ihm zu helfen.

„Was starrst du mich denn so an?“ schrie das Junge. „Hörst du nicht, daß ich etwas zu essen will?“

Akka breitete die Flügel aus und flog rasch zu dem kleinen See hinunter; kurz darauf erschien sie wieder im Adlernest mit einer Forelle im Schnabel.

Aber als sie den Fisch vor den jungen Adler hinlegte, geriet dieser ganz außer sich vor Zorn. „Meinst du, ich esse solches Zeug?“ schrie er, stieß den Fisch weg und hackte mit seinem scharfen Schnabel nach Akka. „Verschaff mir ein Schneehuhn oder eine Wühlmaus, hörst du!“

Aber jetzt streckte Akka den Kopf vor und gab dem Jungen einen ordentlichen Schlag in den Nacken. „Das laß dir gesagt sein,“ rief die Alte, „wenn ich dir Futter verschaffen soll, mußt du mit dem zufrieden sein, was ich dir bringen kann. Dein Vater und deine Mutter sind tot, von ihnen kannst du also keine Hilfe mehr erwarten. Wenn du aber lieber hier verhungern willst, während du auf Schneehühner und Wühlmäuse wartest, dann habe ich nichts dagegen.“

Nachdem Akka dies gesagt hatte, flog sie sogleich davon und ließ sich erst nach einer guten Weile wieder in dem Neste sehen. Da hatte das Junge den Fisch verzehrt, und als Akka ihm einen neuen Fisch hinlegte, verschlang es diesen sogleich, obgleich man ihm gut anmerkte, daß er ihm abscheulich schmeckte.

Nun hatte Akka eine schwere Aufgabe. Die alten Adler kehrten niemals wieder, und so mußte sie alle Nahrung für das Junge ganz allein herbeischaffen. Sie brachte ihm Fische und Frösche, und diese Kost schien dem jungen Adler gar nicht übel zu bekommen, denn er wuchs groß und kräftig heran. Bald hatte er seine Eltern vollständig vergessen und glaubte, Akka sei seine rechte Mutter. Und Akka liebte ihn wie ein eigenes Kind. Sie erzog ihn mit aller Sorgfalt und gab sich die größte Mühe, ihm seinen wilden Sinn und seinen Hochmut abzugewöhnen.

Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, fühlte Akka die Zeit herbeikommen, wo sie ihre Federn verlor und also nicht fliegen konnte. Sie wußte, während eines ganzen Monats würde sie dann nicht imstande sein, dem Jungen im Adlernest Nahrung zu bringen, und so müßte dieses elendiglich verhungern.

„Hör nun, Gorgo,“ sagte Akka eines Tages zu dem jungen Adler. „Jetzt kann ich dir keine Fische mehr hier heraufbringen, und nun fragt es sich, ob du dich ins Tal hinunterwagst, damit ich dir auch ferner deine Nahrung verschaffen kann. Du mußt jetzt wählen, ob du lieber hier oben verhungern, oder dich ins Tal hinunterwerfen willst, was dich möglicherweise das Leben kosten kann.“

Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stieg Gorgo auf den Rand des Nestes. Er nahm sich kaum die Mühe, die Entfernung mit dem Blick zu messen, sondern breitete seine kleinen Flügel aus und flog hinunter. Er überschlug sich zwar ein paarmal in der Luft, gebrauchte aber doch seine Flügel ganz geschickt, und so kam er unbeschädigt drunten im Tal an.

Von da an verbrachte Gorgo den Sommer zusammen mit den jungen Gösselchen und wurde ihnen bald ein sehr guter Kamerad. Da er sich selbst für einen jungen Gänserich hielt, gab er sich alle Mühe, gerade so zu leben wie sie, und wenn sie in den See hinausschwammen, lief er hinter ihnen her, bis er fast ertrank. Er schämte sich fürchterlich, daß er nicht schwimmen lernen konnte, und ging zu Akka, ihr sein Leid zu klagen.

„Warum kann ich nicht ebensogut schwimmen lernen wie die andern?“ fragte er.

„Du hast allzu gekrümmte Zehen und zu große Klauen bekommen, während du da droben auf dem Felsenvorsprung lagst,“ sagte Akka. „Aber du brauchst dich deshalb nicht zu grämen, es wird doch noch ein rechter Vogel aus dir.“

Die Flügel des jungen Adlers waren bald groß genug, ihn zu tragen; aber es dauerte doch noch bis zum Herbst, wo die jungen Gänse fliegen lernen sollten, bis es ihm einfiel, daß er seine Flügel auch zum Fliegen gebrauchen könnte. Nun aber brach eine herrliche Zeit für ihn an, denn in dieser Kunst war er bald der erste von allen. Seine Kameraden blieben nie länger in der Luft droben, als sie durchaus mußten; er aber hielt sich fast den ganzen Tag da droben auf und übte sich im Fliegen. Er war noch immer nicht darauf gekommen, daß er von andrer Art war als die Gösselchen. Aber es fiel ihm doch allerlei auf, was ihn in Erstaunen setzte, und immer wieder kam er mit neuen Fragen zu Akka.

„Warum laufen die Schneehühner und die Wühlmäuse davon, sobald sich auch nur mein Schatten droben am Felsen zeigt?“ fragte er. „Vor den andern Gänsen zeigen sie keinen solchen Schrecken.“

„Deine Flügel sind zu groß geworden, während du droben auf dem Felsenvorsprung lagst, und vor denen fürchten sich die kleinen Tiere,“ sagte Akka. „Aber du brauchst dich nicht darüber zu grämen, es wird doch ein rechter Vogel aus dir.“

Nachdem Gorgo fliegen gelernt hatte, lernte er auch ganz von selbst, Fische und Frösche zu fangen, aber bald begann er auch darüber nachzugrübeln.

„Woher kommt es, daß ich von Fischen und Fröschen lebe?“ fragte er. „Das tun ja meine Brüder und Schwestern auch nicht?“

„Das kommt daher, weil ich keine andre Nahrung für dich hatte, solange du droben auf dem Felsenvorsprung lagst,“ sagte Akka. „Aber du brauchst dich nicht darüber zu grämen, es wird doch ein rechter Vogel aus dir.“

Als die Wildgänse im Herbst südwärts zogen, flog Gorgo mit in der Schar. Er betrachtete sich immer als zu ihnen gehörig; aber ringsumher in der Luft flogen unzählige Vögel, die alle auf dem Wege nach dem Süden waren, und als Akka mit einem Adler in ihrem Gefolge daherkam, gerieten sie in große Aufregung. Bald war die Schar der Wildgänse von einem Schwarm neugieriger Vögel umringt, die ihre Verwunderung laut kundgaben. Akka gebot ihnen Schweigen, aber es war nicht möglich, so viele böse Zungen im Zaum zu halten.

„Warum nennen sie mich einen Adler?“ fragte Gorgo unaufhörlich, und er wurde immer hitziger. „Können sie denn nicht sehen, daß ich eine Wildgans bin? Ich bin doch kein Vogelräuber, der seinesgleichen verzehrt! Wie kommen sie nur darauf, mir einen so häßlichen Namen zu geben?“

Eines Tages flogen die Wildgänse über einen Bauernhof hin, wo viele Hühner auf dem Misthaufen scharrten. „Ein Adler! Ein Adler!“ riefen alle Hühner und liefen eiligst davon, sich zu verstecken. Aber jetzt konnte Gorgo, der von den Adlern immer als von wilden Bösewichten hatte reden hören, seinen Zorn nicht mehr bemeistern. Er schlug mit den Flügeln, schoß hinunter und schlug seine Fänge in eines von den Hühnern. „Ich will dich lehren, daß ich kein Adler bin!“ schrie er heftig und hackte mit dem Schnabel auf das Huhn los.

Da hörte er, daß Akka ihn von oben aus rief. Er gehorchte augenblicklich und flog hinauf. Die alte Wildgans kam ihm entgegengeflogen, um ihn zu züchtigen. „Was tust du?“ rief sie und schlug mit dem Flügel nach ihm. „Hattest du etwa im Sinne, das arme Huhn zu zerreißen? Du solltest dich schämen!“

Als aber der Adler die Züchtigung ohne Widerstand hinnahm, erhob sich unter den großen Vogelscharen ringsumher ein wahrer Sturm von Spottreden und Schmähungen. Der Adler hörte es, und nun wendete er sich mit zornigen Blicken an Akka, wie wenn er sie anfallen wollte. Aber er änderte seine Absicht sogleich wieder, stieg mit heftigen Flügelschlägen hoch in die Luft hinauf, so hoch, bis ihn kein Ruf mehr erreichen konnte, und schwebte da droben umher, solange die Wildgänse ihn noch sehen konnten.

Drei Tage später erschien er wieder bei den Wildgänsen.

„Jetzt weiß ich, wer ich bin,“ sagte er zu Akka. „Und da ich ein Adler bin, muß ich so leben, wie es einem Adler geziemt. Aber deshalb können wir doch gute Freunde bleiben; dich oder eine der Deinigen werde ich nie angreifen.“

Aber Akka hatte ihren ganzen Stolz darein gesetzt, diesen Adler zu einem ungefährlichen Vogel heranzuziehen, und sie wollte es nicht leiden, daß er nach seiner Art leben wollte.

„Meinst du, ich werde mit einem Vogelräuber Freundschaft halten?“ sagte sie. „Lebe so, wie ich es dich gelehrt habe, dann darfst du wie bisher in meiner Schar bleiben.“

Beide waren stolz und unbeugsam; keines wollte nachgeben, und schließlich verbot Akka dem Adler geradezu, sich in ihrer Nähe sehen zu lassen, ja, sie war so böse auf ihn, daß in Akkas Nähe niemand seinen Namen auch nur auszusprechen wagte.

Von dieser Stunde an zog Gorgo im Lande umher, einsam und von allen gemieden, wie alle großen Räuber. Er war oftmals in trüber Stimmung, und sicherlich sehnte er sich oft nach der Zeit zurück, wo er sich noch für eine Wildgans gehalten und mit den lustigen jungen Gösselchen gespielt hatte. Unter den Tieren war er wegen seiner Kühnheit berühmt. Es hieß, er fürchte sich vor nichts und vor niemand als vor seiner Pflegemutter Akka, und er stand auch in dem Rufe, sich noch nie an einer Wildgans vergriffen zu haben.

Gefangen

Gorgo war erst drei Jahre alt und hatte noch nicht daran gedacht, sich eine Frau zu nehmen und eine Heimat zu gründen, als er eines Tages von einem Jäger gefangen wurde, der ihn an das Freiluftmuseum Skansen in Stockholm verkaufte. Als Gorgo nach Skansen kam, waren schon zwei Adler da. Sie wurden in einem Käfig aus eisernen Stangen und Stahldraht gefangen gehalten; der Käfig stand im Freien und war sehr groß, und damit die Adler sich heimisch fühlen sollten, hatte man sogar einige Bäume hinein verpflanzt und einen ordentlichen Berg aus Steinblöcken darin aufgeführt. Aber trotz allem gediehen die Vögel nicht; fast den ganzen Tag saßen sie unbeweglich auf demselben Platz, ihr schönes dunkles Gefieder wurde struppig und verlor seinen Glanz und, hoffnungslose Sehnsucht im Blick, starrten die armen Tiere gerade in die Luft hinaus.

In der ersten Woche seiner Gefangenschaft war Gorgo noch wach und lebendig; aber dann überfiel ihn allmählich eine dumpfe Gleichgültigkeit. Er saß ganz ruhig auf demselben Platz, starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen, und die Tage vergingen, ohne daß er es merkte.

Eines Morgens, als Gorgo wie gewöhnlich im Halbschlaf befangen war, hörte er, daß ihn jemand vom Boden aus anrief.

„Wer ruft mich?“ fragte er.

„Aber Gorgo, erkennst du mich denn nicht mehr? Ich bin der Däumling, der mit den Wildgänsen umherzog.“

„Ist Akka auch gefangen worden?“ fragte Gorgo, in einem Ton, wie wenn er aus einem tiefen Schlafe erwachte und seine Gedanken erst zusammennehmen müßte.

„Nein, Akka und der weiße Gänserich und die ganze Schar der Wildgänse sind wahrscheinlich jetzt droben in Lappland,“ sagte der Junge. „Nur ich bin hier gefangen.“

Während der Junge dies sagte, sah er, daß Gorgo die Augen abwendete und wie vorher in die Luft hinausstarrte.

„Königsadler!“ rief der Junge. „Ich habe nicht vergessen, daß du mich einmal zu den Wildgänsen zurückgebracht und auch das Leben des weißen Gänserichs verschont hast. Sag mir, ob ich dir in irgend einer Weise helfen könnte!“

Aber Gorgo hob kaum den Kopf. „Störe mich nicht, Däumling!“ sagte er. „Ich träume eben, ich flöge hoch droben in der Luft umher, und ich will nicht erwachen.“

„Du mußt dir Bewegung machen und dich darum kümmern, was um dich her vorgeht,“ mahnte der Junge. „Sonst siehst du bald ebenso elendig aus wie die andern Adler hier.“

„Ich wünschte, ich wäre schon wie sie. Sie sind so traumverloren, daß sie nichts mehr berühren kann,“ sagte Gorgo.

Als es Nacht geworden war und alle Adler schliefen, ertönte ein leichtes Kratzen an dem Stahldrahtnetz, das den Adlerkäfig bedeckte. Die beiden alten und abgestumpften Gefangenen ließen sich von dem Geräusch nicht stören, aber Gorgo erwachte. „Wer da?“ rief er. „Wer bewegt sich da oben auf dem Dache?“

„Ich bin's, Gorgo, der Däumling,“ antwortete der Junge. „Ich versuche hier den Draht durchzufeilen, damit du entfliehen kannst.“

Der Adler hob den Kopf und sah in der hellen Nacht, wie der Junge eifrig an dem Drahtnetz, das über den Käfig gespannt war, feilte. Einen Augenblick regte sich die Hoffnung in seinem Herzen, aber die Mutlosigkeit gewann doch gleich wieder die Oberhand. „Ach, Däumling, ich bin ein sehr großer Vogel,“ sagte er. „So viele Drähte, daß ich hinauskommen kann, wirst du kaum durchfeilen können. Gib dein Vorhaben lieber gleich auf und laß mich in Frieden.“

„Schlaf du nur und kümmere dich nicht um mich,“ erwiderte der Junge. „Heute nacht werde ich freilich noch nicht fertig und morgen nacht auch nicht; aber ich will nun einmal versuchen, dich zu befreien, denn hier gehst du ja vollständig zugrunde.“

Gorgo schlief wieder ein; als er aber am nächsten Morgen erwachte, sah er gleich, daß schon eine große Menge Drähte durchgefeilt waren. An diesem Tag fühlte er sich nicht so schläfrig wie am vorhergehenden; er schlug oft mit den Flügeln und hüpfte auf den Ästen umher, um seine steifen Glieder wieder geschmeidig zu machen.

Eines Morgens in aller Frühe, gerade als der erste Streifen Morgenlicht am Himmel aufleuchtete, weckte der Däumling den Adler. „Versuch es jetzt, Gorgo!“ sagte er.

Der Adler schaute auf. Der Junge hatte wirklich die vielen Drähte durchgefeilt; da droben in dem Stahldrahtnetz war ein großes Loch. Gorgo bewegte die Flügel und schwang sich hinauf. Zweimal fiel er wieder in den Käfig zurück, aber schließlich gelangte er doch glücklich ins Freie.

Mit stolzen Flügelschlägen stieg er hoch zu den Wolken empor. Der kleine Däumling stand unten und sah ihm mit einem wehmütigen Ausdruck nach. Ach wie sehr wünschte er, es käme jemand und gäbe auch ihm die Freiheit!

Der Junge war jetzt ganz heimisch auf Skansen. Er hatte mit allen Tieren Bekanntschaft geschlossen und viele Freunde unter ihnen gewonnen; er sah ja auch wohl ein, daß in diesem Freiluftmuseum außerordentlich viel Interessantes und Lehrreiches zu sehen war, und es wurde ihm nicht schwer, sich die Zeit zu vertreiben; aber doch zogen seine Gedanken jeden Tag sehnsüchtig hinaus zu seinem lieben Gänserich Martin und allen seinen andern Reisegefährten.

„Wenn ich doch nur nicht durch mein Versprechen gebunden wäre! Dann wollte ich schon einen Vogel finden, der mich zu den Wildgänsen trüge,“ dachte er.

Es klingt recht merkwürdig, daß Klement Larsson dem Jungen seine Freiheit nicht wiedergegeben hatte, aber man muß bedenken, wie verwirrt der kleine Spielmann war, als er Skansen verließ. An dem Morgen, wo er abreiste, hatte er sich allerdings vorgenommen gehabt, dem kleinen Knirps sein Essen in einem blauen Napf hinzustellen, aber zum Unglück hatte er keinen solchen finden können. Dann waren alle die Leute von Skansen – die Lappen, die Mädchen aus Dalarna, die Maurer und Gärtner – herbeigekommen, ihm Lebewohl zu sagen, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich einen blauen Napf zu verschaffen. Die Stunde der Abreise kam heran, und schließlich wußte er sich nicht anders zu helfen, als einen der Lappländer um Hilfe zu bitten.

„Hör einmal,“ sagte er. „Hier auf Skansen wohnt einer von dem Wichtelvolk, dem ich jeden Morgen etwas zu essen bringe. Willst du mir nun einen Gefallen tun? Hier ist etwas Geld, dafür kaufe einen blauen Napf und stelle ihn morgen mit etwas Grütze und Milch auf die Treppe der Bollnäshütte.“

Der alte Lappe machte ein sehr verwundertes Gesicht; aber Klement hatte keine Zeit mehr, ihm die Sache noch näher zu erklären, denn er mußte jetzt auf den Bahnhof.

Der Lappe war dann auch wirklich in die Stadt gegangen, einen blauen Napf zu kaufen; als er aber keinen blauen sah, der ihm für seinen Zweck passend erschien, kaufte er einen weißen, und in diesem stellte er gewissenhaft jeden Morgen Milch und Grütze hin.

Auf diese Weise war der Junge seines Versprechens nicht entbunden worden. Er wußte wohl, daß Klement fort war, aber er selbst durfte nicht davongehen.

In dieser Nacht nun sehnte sich der Junge mehr als gewöhnlich nach der Freiheit, und das kam daher, daß es jetzt im Ernst Frühling und Sommer geworden war. Er hatte während der Reise ja oft unter der Kälte und dem schlechten Wetter gelitten, und in der ersten Zeit auf Skansen hatte er öfters gedacht, es sei vielleicht ganz gut, daß er die Reise hatte aufgeben müssen, denn wenn er im Mai nach Lappland gekommen wäre, hätte er dort droben sicherlich erfrieren müssen. Aber jetzt war es warm geworden, die Wiesen prangten in frischem Grün, Birken und Pappeln hatten ein seidig schillerndes Blätterkleid, die Kirschbäume, ja alle möglichen Obstbäume standen mit Blüten übersät da, die Beerensträucher hatten schon ganz kleine Früchte auf den Zweiglein, die Eichen rollten äußerst vorsichtig ihre Blätter auf, Erbsen, Kohl und Bohnen grünten auf den Gemüsebeeten auf Skansen.

„Jetzt wäre es wohl auch in Lappland warm und schön,“ dachte der Junge. „Wie gerne säße ich an einem schönen Morgen auf dem Rücken des Gänserichs Martin! Wie prächtig wäre jetzt ein Ritt durch die warme stille Luft da droben, von wo ich auf die mit grünem Gras und mit herrlichen Blumen geschmückte Erde herunterschauen könnte!“

Der Junge war noch mit diesem Gedanken beschäftigt, als plötzlich Gorgo aus der Luft heruntersauste und sich neben dem Däumling auf das Dach des Käfigs setzte. „Ich wollte nur meine Flügel prüfen, um zu sehen, ob sie mich noch ordentlich tragen,“ sagte er. „Du hast hoffentlich nicht gedacht, ich werde dich hier in der Gefangenschaft zurücklassen? Setze dich jetzt auf meinen Rücken, dann bringe ich dich zu deinen Reisegefährten zurück.“

„Nein, das ist unmöglich,“ sagte der Junge. „Ich habe mein Wort darauf gegeben, daß ich hier bleibe, bis man mir die Freiheit zurückgibt.“

„Was schwatzest du da für dummes Zeug?“ erwiderte Gorgo. „Zuerst hat man dich gegen deinen Willen hierhergebracht und dich dann noch obendrein gezwungen, hierzubleiben. So ein Versprechen braucht man nicht zu halten, das wirst du doch verstehen?“

„Ich muß es trotzdem halten,“ sagte der Junge. „Nein, mein lieber Gorgo, ich danke dir für deine gute Absicht, aber du kannst mir nicht helfen.“

„So, kann ich es nicht?“ erwiderte Gorgo. „Das sollst du bald sehen!“ Und in demselben Augenblick ergriff Gorgo den Jungen mit seinen großen Fängen, schwang sich mit ihm zu den Wolken hinauf und verschwand in nördlicher Richtung.

39
Über Gästrikland hin

Der kostbare Gürtel

Mittwoch, 15. Juni

Der Adler flog ununterbrochen in nördlicher Richtung weiter, bis er ein gutes Stück über Stockholm hinausgekommen war; da ließ er sich auf einen bewaldeten Hügel hinab und lockerte den Griff, mit dem er den Jungen festhielt.

Aber kaum fühlte sich dieser frei, als er, so schnell er nur konnte, wieder nach der Stadt zurücklief.

Da machte der Adler einen großen Sprung, holte den Jungen ein und legte die Klaue auf ihn. „Willst du ins Gefängnis zurückkehren?“ fragte er.

„Was willst du eigentlich von mir? Ich werde doch wohl gehen dürfen, wohin ich will!“ rief der Junge und versuchte sich von dem Adler los zu machen. Doch da ergriff ihn Gorgo abermals mit seinen starken Fängen, hob ihn auf und trug ihn fort.

Nun flog er mit dem Jungen über ganz Uppland hin und hielt nicht an, bis er den großen Wasserfall bei Älvkarleby erreicht hatte. Hier ließ er sich auf einen Stein nieder, der mitten im Strom gerade unter dem rauschenden Wasserfall lag, und ließ dann seinen Gefangenen aufs neue los.

Der Junge erkannte sogleich, daß es ihm ganz unmöglich war, dem Adler von hier aus zu entfliehen. Von oben her kam der weißschäumende Schwall herabgestürzt, und ringsum brandete und wogte das Wasser mit wildem Schäumen. Der Junge war sehr erbittert, daß er auf diese Weise wortbrüchig werden mußte; er wendete dem Adler den Rücken und wollte kein Wort mehr mit ihm sprechen.

Aber nachdem jetzt der Adler den Jungen an einer Stelle abgesetzt hatte, wo er ihm nicht mehr entfliehen konnte, erzählte er ihm, wie er von Akka von Kebnekajse aufgezogen worden, mit dieser seiner Pflegemutter aber jetzt in Feindschaft geraten sei.

„Und jetzt kannst du vielleicht verstehen, Däumling, warum ich dich zu den Wildgänsen zurückbringen möchte,“ sagte er zum Schluß. „Ich habe gehört, in welch hoher Gunst du bei Akka stehst, und deshalb wollte ich dich bitten, den Friedensstifter zwischen uns zu machen.“

Sobald der Junge hörte, daß der Adler ihn nicht nur aus Eigensinn fortgetragen hatte, wurde er wieder freundlich gegen ihn.

„Ich würde dir außerordentlich gern in dieser Sache helfen,“ sagte er, „aber ich bin ja durch mein Versprechen gebunden.“ Und nun erzählte er seinerseits dem Adler, wie er in Gefangenschaft geraten sei, und daß Klement Larsson Skansen verlassen hätte, ohne ihm sein Wort zurückzugeben.

Doch der Adler wollte um keinen Preis seinen Plan aufgeben. „Höre mich an, Däumling!“ sagte er. „Meine Flügel tragen mich, wohin du nur willst, und meine Augen machen alles ausfindig, was du nur sehen möchtest. Erzähl mir, wie der Mann aussah, der dir das Versprechen abgenommen hat, ich will ihn aufsuchen und dich zu ihm tragen. Alsdann mußt du sehen, wie du ihn dazu bringst, dich von deinem Versprechen zu entbinden.“

Dieser Vorschlag leuchtete dem Jungen ein. „Ja, ja, Gorgo, man merkt wohl, welchen klugen Vogel du als Pflegemutter gehabt hast,“ sagte er. Dann beschrieb er dem Adler Klement Larsson ganz genau und fügte auch noch hinzu, er habe auf Skansen gehört, daß der kleine Spielmann aus Hälsingeland stammte.

„Wir wollen ganz Hälsingeland absuchen, von Lingbo bis Mellansjö, von Storberg bis Hornsland!“ rief der Adler. „Gleich morgen, noch ehe es Abend geworden ist, wirst du mit dem Manne reden können.“

„Jetzt versprichst du sicher mehr, als du halten kannst, Gorgo,“ sagte der Junge.

„O, ich wäre ein schlechter Adler, wenn ich das nicht könnte!“ erwiderte Gorgo.

Als Gorgo mit dem Däumling von Älvkarleby aufbrach, waren die beiden ganz gute Freunde geworden, und der Junge ritt jetzt auf Gorgos Rücken. Auf diese Weise sah er wieder etwas von den Gegenden, über die sie hinflogen. Solange ihn der Adler in den Klauen getragen hatte, war ihm das nicht möglich gewesen. Es war vielleicht ganz gut für ihn, daß er sich nicht so genau auskannte, denn wenn er gewußt hätte, daß er am Morgen über so schöne Orte wie die alten Königshügel von Uppsala, über die große Österbyer Fabrik, die Danemoraer Grube und das alte Schloß zu Örbyhus hingeflogen war, hätte er sich gewiß sehr gegrämt, weil er nichts davon gesehen hatte.

Jetzt trug ihn der Adler hurtig über Gästrikland hin. In dem südlichen Teil war nicht viel zu sehen, was die Aufmerksamkeit gefangen nehmen konnte. Eine fast ganz mit Tannenwald bestandene Ebene breitete sich ungeheuer groß unter ihm aus; weiter gegen Norden aber erstreckte sich quer durch die Landschaft, von der Dalagrenze bis zum Bottnischen Meerbusen, ein schöner Landstrich mit bewaldeten Hügeln, glänzenden Seen und rauschenden Strömen. Da lagen dichtbevölkerte Kirchspiele um weiße Kirchen herum, Landstraßen und Eisenbahnen kreuzten sich, die Häuser waren in Grün gebettet, und blühende Gärten schickten holde Düfte in die Luft hinauf.

An den Wasserläufen sah der Junge mehrere große Eisenhämmer, ganz ähnliche, wie er schon im Bergwerkdistrikt gesehen hatte. In ungefähr gleichen Zwischenräumen lagen sie in einer Reihe bis zum Meere hin, wo schließlich eine große Stadt ihre weißen Häusermassen ausbreitete. Nördlich von dieser dichtbevölkerten Gegend setzten die dunkeln Wälder wieder ein; doch war hier das Land nicht eben, sondern bildete Hügel und Täler, es hob und senkte sich wie ein aufgeregtes Meer.

„Dieses Land hat ein Kleid aus Tannenzweigen und eine Jacke aus Feldsteinen an,“ sagte sich der Junge im stillen. „Aber um die Mitte trägt es einen Gürtel, der an Kostbarkeit nicht seinesgleichen hat, denn er ist mit blauschimmernden Seen und blumigen Wiesen bestickt; die großen Eisenhämmer schmücken ihn wie eine Reihe von Edelsteinen, und als Schnalle dient ihm eine große Stadt mit Schlössern und Kirchen und großen Häusergruppen.“

Nachdem Gorgo mit dem Jungen eine Strecke weit in die nördlich sich hinziehende Waldgegend hineingeflogen war, ließ sich Gorgo ganz oben auf dem Gipfel eines kahlen Felsen nieder, und als der Junge auf den Boden hinuntergesprungen war, sagte der Adler: „Es gibt hier im Walde allerlei Leckerbissen für dich, und ich selbst kann die drückenden Gedanken an die Gefangenschaft gewiß nicht los werden und mich nicht so recht frei fühlen, bis ich wieder auf der Jagd gewesen bin. Du hast doch wohl keine Angst, wenn ich davonfliege?“

„O nein,“ sagte der Junge, „fliege du nur.“

„Du kannst gehen, wohin es dir beliebt, nur gegen Sonnenuntergang solltest du wieder hier sein,“ sagte der Adler, und dann flog er davon.

Der Junge fühlte sich ziemlich einsam und verlassen, als er dann auf einem Stein saß und über die nackten Gebirgshalden und die großen Wälder hinschaute, die ihn rings umgaben. Aber er hatte noch nicht lange dagesessen, als von drunten aus dem Walde Gesang zu ihm heraufdrang und er etwas Helles zwischen den Bäumen schimmern sah. Bald erkannte er eine blau-gelbe Fahne, und an dem Gesang und dem fröhlichen Rufen erriet er auch, daß die Fahne einem ganzen Zug von Menschen vorausgetragen wurde; aber es dauerte noch recht lange, bis er sehen konnte, welche Art von Zug es war. Die Fahne wurde auf Zickzackwegen heraufgetragen, und Nils Holgersson war außerordentlich gespannt, wohin diese Fahne und die Menschen dahinter wollten. Auf die einsame, öde Berghalde, wo er sich eben befand, kamen sie gewiß nicht, das konnte er sich gar nicht denken. Und doch war es so. Jetzt tauchte die Fahne am Waldessaum auf, und hinter ihr strömten eine Menge Menschen heraus, denen die Fahne den Weg gewiesen hatte. Auf dem ganzen Berge war nun Leben und Bewegung, und an diesem Tage hatte der Junge so viel zu sehen, daß er sich keinen Augenblick langweilte.

Der große Tag des Waldes

Auf dem breiten Gebirgsrücken, wo der Junge von Gorgo zurückgelassen worden war, hatte vor ungefähr zehn Jahren ein Waldbrand gewütet. Die verkohlten Bäume waren gefällt und fortgeschafft worden, und da, wo der große Brandplatz an den frischen Wald stieß, hatte sich allmählich wieder einiges Wachstum eingestellt. Aber der größte Teil lag noch immer unheimlich kahl und verlassen da. Zwischen den Steinen waren zwar noch schwarze Baumstümpfe und legten Zeugnis davon ab, daß einst ein großer, prächtiger Wald hier gestanden hatte, aber nirgends sproßten junge Schößlinge aus dem Boden heraus.

Die Leute wunderten sich darüber, wie lange es dauerte, bis sich die leere Fläche wieder mit Wald bekleidete; sie vergaßen ganz, daß seit jener Zeit, wo das Feuer hier gewütet hatte, die Erde aller Feuchtigkeit ermangelte. Deshalb waren nicht allein alle Bäume gänzlich verbrannt und alles, was auf dem Waldboden wuchs – Heidekraut, Maiblumen, Moos und Preißelbeerstauden –, verschwunden, sondern auch die Erde, die den Felsengrund bedeckte, war nach dem Brande so trocken und lose wie Asche geworden. Jeder Windstoß, der daherjagte, wirbelte sie hoch in die Luft hinauf; und da die Berghöhe dem Winde sehr ausgesetzt war, wurde ein Steinblock um den andern reingefegt. Der Regen tat natürlich auch das Seine, das Erdreich hinwegzuschwemmen; und nachdem sich nun Wind und Wetter zehn Jahre lang alle Mühe gegeben hatten, den Berg abzufegen, sah er so kahl aus, daß man sich nichts andres denken konnte, als daß er bis ans Ende der Welt so liegen bleiben würde.

Aber eines Tages, gleich in der ersten Sommerzeit, versammelten sich alle Kinder des Dorfes, in dessen Gebiet der abgebrannte Berg lag, vor einer der Schulen. Jedes Kind trug eine Hacke oder einen Spaten auf der Schulter, sowie ein Paket Mundvorrat in der Hand. Sobald alle Kinder versammelt waren, wanderten sie in einem langen Zuge dem Walde zu. Die Fahne wurde vorausgetragen, die Lehrer und Lehrerinnen gingen nebenher, und hinterdrein kamen einige Waldhüter und ein Pferd, das eine große Ladung Tannenschößlinge und Tannensamen trug.

Dieser Zug hielt in keinem der dem Dorf zunächstliegenden Birkengehölze an, nein, er wanderte weit hinauf in den Wald. Immer höher ging es auf verlassenen alten Viehwegen, und die Füchse streckten die Köpfe aus ihrem Bau heraus und fragten verwundert, was doch das für Hirtenvolk sei, das zu Berg ziehe. Der Zug kam an verlassenen Weilern vorüber, wo früher in jedem Herbst Kohlen gebrannt worden waren, und die Kreuzschnäbel wendeten ihren krummen Schnabel nach dem Zuge und konnten nicht begreifen, was das für Kohlenbrenner sein sollten, die da in den Wald eindrangen.

So erreichte der Zug schließlich die große abgebrannte Hochebene. Da waren die Felsen ganz kahl, ohne die feinen Linäenranken, von denen sie einstmals bedeckt gewesen waren, und die Steinplatten waren des schönen silberweißen Mooses und auch der feinen niedlichen Renntierflechten entkleidet. Rings um die schwarzen Wassertümpel herum, die sich in den Felsenspalten und Vertiefungen angesammelt hatten, wuchsen weder Kallablätter noch Sauerklee. Auf den kleinen Plätzen, wo zwischen den Steinblöcken und Rissen noch Erde lag, standen keine Farrenkräuter, keine Sternmieren, keine weißen Pyrola, nirgends war eine Spur von all dem Grünen und Roten und Buschigen und Weichen und Zierlichen, was sonst den Waldboden schmückt.

Es war, als ob plötzlich heller Sonnenschein über die graue Hochebene hinleuchtete, als die Kinder des Dorfes sich darauf zerstreuten. Das war doch wieder etwas Frohes und Schönes, etwas Frisches und Rosiges, etwas Junges und etwas im Wachsen Begriffenes! Vielleicht konnten sie dem armen verlassenen Waldboden wieder zu etwas Leben verhelfen!

Nachdem die Kinder sich ausgeruht und gesättigt hatten, ergriffen sie die Hacken und Spaten und fingen an zu arbeiten. Die Waldhüter zeigten ihnen, wie sie es machen müßten, und nun steckten die Kinder in jedes noch so kleine Fleckchen Erde, das sie entdecken konnten, die kleinen Tannenpflänzchen hinein.

Während die Kinder also pflanzten, sprachen sie ganz altklug miteinander davon, wie diese kleinen Pflänzchen, die sie jetzt in die Erde hineinsteckten, das Erdreich festhalten würden, damit es nicht wieder weggeblasen werden könnte. Aber das sei nicht das einzige Gute daran, denn dadurch bilde sich auch neue Erde unter den Wurzeln, in diese falle Samen hinein, und in einigen Jahren könnten sie da, wo jetzt nichts als kahle Felsblöcke seien, Himbeeren und Heidelbeeren pflücken. Und die kleinen Pflanzen, die sie hier einsetzten, würden allmählich zu großen Bäumen heranwachsen, ja in späteren Jahren könne man große Häuser oder stolze Schiffe daraus bauen.

Wenn aber sie, die Kinder, jetzt nicht heraufgekommen wären und gepflanzt hätten, solange noch ein bißchen Erde in den Felsenspalten lag, dann wäre durch den Wind und den Regen jede Möglichkeit, daß je hier etwas gepflanzt werden könnte, vollends zerstört worden, und es hätte also niemals wieder ein Wald auf diesem Berge entstehen können.

„Ja, es ist nur gut, daß wir heraufgekommen sind,“ sagten die Kinder. „Es war wirklich die höchste Zeit.“ Und sie kamen sich ungeheuer wichtig vor.

Während die Kinder so auf dem Berge arbeiteten, waren Vater und Mutter daheim; nachdem aber einige Zeit vergangen war, hätten sie gar zu gerne gewußt, wie es den Kindern droben auf dem Berge gehe. Sie dachten, es sei natürlich nur zum Spaß, daß solche kleinen Leute einen Wald pflanzen sollten, aber es könnte jedenfalls ganz unterhaltend sein, wenn sie nachsähen, wie es da droben zugehe. Und ehe sie sich versahen, waren Vater und Mutter schon auf dem Wege nach dem Walde. Als sie den Bergpfad erreicht hatten, trafen sie mit andern Nachbarn zusammen.

„Wollt ihr hinauf zum Brandplatz?“

„Ja, wir sind eben auf dem Wege.“

„Um nach den Kindern zu sehen?“

„Ja, wir wollen hinauf und sehen, was sie da treiben.“

„Es ist natürlich nur zum Spaß.“

„Freilich, viele Bäume werden da droben nicht wachsen.“

„Wir haben den Kaffeekessel bei uns, damit sie etwas Warmes bekommen, da sie den ganzen Tag von trockner Kost leben müssen.“

Jetzt erreichten Vater und Mutter den Brandplatz, und zuerst dachten sie nichts weiter, als wie hübsch alle die roten Wangen der Kinder auf dem grauen Berge aussähen. Aber dann gaben sie genau acht, wie die Kinder arbeiteten: die einen setzten die Pflänzchen ein, die andern zogen Furchen und säten Samen hinein, wieder andere rissen das Heidekraut heraus, damit es die jungen Bäumchen nicht ersticken sollte.

Sie sahen auch, wie eifrig und ernsthaft die Kinder es mit der Arbeit nahmen; sie hatten ja kaum Zeit, aufzuschauen.

Der Vater sah eine Weile zu, dann fing er auch an Heidekraut herauszureißen. Nur zum Scherze natürlich. Die Kinder waren die Lehrmeister, denn jetzt kannten sie die Kunst, und sie durften nun Vater und Mutter zeigen, wie man es machen mußte.

Schließlich nahmen dann auch alle die Erwachsenen, die heraufgekommen waren, nach den Kindern zu sehen, an der Arbeit teil. Da war es natürlich noch viel unterhaltender als vorher, und nach kurzer Zeit bekamen die Kinder noch mehr Hilfe.

Man brauchte nämlich noch mehr Handwerkszeug, und ein paar Jungen mit langen Beinen wurden nach Hacken und Spaten ins Dorf hinuntergeschickt. Als diese an den Häusern vorbeirannten, kamen die Bewohner heraus und fragten: „Was ist denn los? Ist ein Unglück geschehen?“

„Nein, nein, aber das ganze Dorf ist droben auf dem Brandplatz und hilft den Wald pflanzen.“

„Ei, wenn das ganze Dorf droben ist, dann wollen wir auch nicht daheimbleiben.“

So strömte alles auf den abgebrannten Berg hinauf. Zuerst blieben die Neuangekommenen ruhig stehen und schauten eine Weile zu; aber dann konnten sie es nicht lassen, sich an der Arbeit zu beteiligen. Denn es mochte wohl sehr vergnüglich sein, wenn der Bauer im Frühjahr seinen Acker bestellt und dabei an das Getreide denkt, das aus der Erde herauswachsen soll, aber dies war doch noch verlockender.

Hier sollten nicht nur schwache Halme aus dieser Saat aufgehen, sondern starke Bäume mit hohen Stämmen und mächtigen Zweigen. Hier handelte es sich nicht nur darum, die Ernte eines Sommers hervorzurufen, sondern Wachstum für viele Jahre. Das hier bedeutete so viel, wie Insektensummen, Drosselschlag und Auerhahnbalzen hervorzurufen und ungezähltes Leben auf dem Brandplatz zu wecken. Und dann war es auch wie ein Denkmal, das man für die kommenden Geschlechter errichtete. Bisher hätte man ihnen einen kahlen, nackten Berg als Erbe hinterlassen, jetzt aber sollten sie einen stolzen Wald dafür bekommen; und wenn die Nachkommen dies erkannten, dann verstanden sie sicher auch, daß ihre Vorfahren gute und kluge Leute gewesen waren, und darum würden sie mit Ehrerbietung und Dankbarkeit der Vorfahren gedenken.

40
Ein Tag in Hälsingeland

Ein großes grünes Blatt

Donnerstag, 16. Juni

Am nächsten Morgen ritt der Junge auf Gorgos Rücken über Hälsingeland hin. Hellschimmernd lag es unter ihm; die Nadelholzbäume hatten hellgrüne Triebe, die Birkengehölze frisches Laub, die Wiesen neues saftiges Gras, und auf den Äckern wogte die junge, grüne Saat. Es war ein hochgelegenes, bergiges Land, aber mitten hindurch zog sich ein offenes, lachendes Tal, und von diesem erstreckten sich bald kurze und enge, bald lange und breite Täler nach beiden Seiten ins Land hinein.

„Dieses Land werde ich wohl mit dem Blatt eines Baumes vergleichen müssen,“ dachte Nils Holgersson, „denn es ist so grün wie ein Blatt, und die Täler verzweigen sich ungefähr in derselben Weise, wie die Rippen auf einem ausgebreiteten Blatte.“

Von dem großen Haupttal zweigten sich zuerst gewaltige Seitentäler ab, eins nach Osten, eins nach Westen. Dann schickte es nur noch kleine Täler aus, bis es ziemlich weit nach Norden gekommen war. Da streckte es wieder zwei starke Arme aus, lief alsdann noch eine Strecke weiter, wurde hierauf immer schmäler und verlor sich schließlich in der Wildnis.

Mitten durch das große Tal floß ein breiter, prächtiger Fluß, der sich an vielen Stellen zu Seen erweiterte. Ganz dicht am Flusse lagen Wiesen, die mit kleinen grauen Scheunen wie übersät waren; nach diesen Wiesen kamen die Äcker, und an der Talgrenze, wo der Wald einsetzte, standen die Höfe. Diese waren stattlich und schön gebaut, einer lag neben dem andern in einer fast ununterbrochenen Reihe. Die Kirchen ragten am Flußufer hoch empor, und rings um diese sammelten sich die Höfe zu großen Dörfern. Andre Häusergruppen drängten sich um die Bahnhöfe zusammen, sowie um die Sägewerke, die da und dort an den Seen und Flüssen lagen und leicht zu erkennen waren an den großen Bretterstapeln, die sich ringsherum auftürmten.

Die Seitentäler waren ebenso wie das mittlere Tal voller Seen und Wiesen, Dörfern und Gehöften. Lachend und freundlich glitten sie zwischen die dunklen Berge hinein, von denen sie allmählich so zusammengepreßt wurden, daß sie schließlich ganz schmal waren und nur noch für einen kleinen Bach Platz hatten.

Auf den Bergkuppen zwischen den Tälern ragte der Nadelwald auf. Er hatte keinen ebenen Boden, und eine Menge Felsblöcke lagen da droben wild durcheinander, aber der Wald verdeckte alles wie eine Pelzdecke, die über einen eckigen Körper gebreitet ist.

Ja, es war ein schönes Land, und der Junge sah auch ein gut Teil davon, denn der Adler suchte ja den alten Spielmann Klement Larsson; und so flog er, immerfort nach dem alten Manne ausspähend, unermüdlich von Tal zu Tal.

Als der Morgen anbrach, entstand Leben und Bewegung auf den Höfen. An den Kuhställen, die in diesem Lande sehr groß und hoch sind und sowohl Schornsteine als auch breite Fenster haben, wurden die Türen sperrangelweit aufgemacht und die Kühe herausgelassen; es waren schöne weiße feingebaute und geschmeidige Tiere, überaus sicher auf den Füßen und so munter, daß sie die lächerlichsten Sprünge machten. Die Kälber und Schafe wurden auch herausgelassen, und auch diese waren unverkennbar in der allerbesten Laune.

Und mit jedem Augenblick wurde es lebendiger auf den Höfen. Ein paar junge Dirnen mit Ranzen auf dem Rücken gingen zwischen dem Vieh umher. Ein Junge mit einem langen Stock in der Hand hielt die Schafe beieinander, ein Hündchen lief zwischen den Kühen umher und bellte solche Tiere, die sich stoßen wollten, zornig an. Der Bauer spannte ein Pferd vor einen Karren und belud ihn mit Butterkübeln, Käseformen und allerlei Lebensmitteln. Fröhliches Lachen und Singen ertönte, und das Vieh war so vergnügt, wie wenn heute ein besonderer Festtag wäre.

Bald darauf waren alle miteinander auf dem Wege nach dem Walde. Eine von den Mägden ging an der Spitze und lockte das Vieh mit schönen Jodlern. Hinter ihr kam der Zug in einer langen Reihe. Der Hirtenjunge und der Hirtenhund liefen hin und her und gaben wohl acht, daß keines der Tiere vom Wege abwich. Ganz hinten kamen der Bauer und sein Knecht. Sie gingen neben dem Karren, um ihn vor dem Umstürzen zu bewahren, denn es ging einen gar schmalen, steinigen Waldpfad hinauf.

Entweder ist es in Hälsingeland Sitte, daß die Bauern ihr Vieh an ein und demselben Tage in die Wälder schicken, oder es traf sich in diesem Jahre zufälligerweise so. Soviel ist sicher, Nils Holgersson sah solche fröhlichen Züge von Menschen und Vieh aus jedem Tal und jedem Hof nach dem öden Walde hinaufziehen und diesen mit Leben erfüllen. Aus den dunkeln Wäldern heraus hörte er den ganzen Tag das Jodeln der Sennerinnen und das Läuten der Kuhglocken. Die meisten hatten einen langen beschwerlichen Weg vor sich, und der Junge sah, wie sie mit großer Mühe über sumpfige Moore hinzogen und, um einen Windbruch zu vermeiden, oft große Umwege machen mußten. Die Karren stießen oft gegen Steinblöcke und stürzten um; aber die Männer überwanden alle Schwierigkeiten mit fröhlichem Lachen und unverwüstlicher Laune.

Im Lauf des Nachmittags gelangten die Wanderer auf ausgerodete Plätze, wo ein niedriger Kuhstall und einige kleine graue Hütten standen. Als die Kühe den Platz zwischen den Hütten erreicht hatten, brüllten sie vergnügt, als erkennten sie den Ort wieder, und fraßen sogleich von dem grünen saftigen Gras. Unter Scherzen und lustigen Reden holten die Leute Wasser und Brennholz herbei, und was auf dem Karren war, wurde in die größte der Hütten hineingetragen. Bald stieg der Rauch aus dem Schornstein auf, dann setzten sich die Sennerinnen, der Hirtenjunge und die Männer draußen im Freien um einen flachen Stein, der als Tisch diente, und hielten ihre Mahlzeit.

Der Adler Gorgo war fest überzeugt, daß er Klement Larsson unter diesen Leuten, die auf dem Wege in den Wald waren, finden würde. Sobald er einen Viehzug entdeckte, ließ er sich hinabsinken und untersuchte ihn mit seinem scharfen Auge. Aber eine Stunde um die andre verging, und noch immer hatte er Klement nicht gefunden.

Nachdem er sehr oft hin und her geflogen war, erreichte der Adler gegen Abend eine bergige, einsame, östlich von dem großen Haupttal gelegene Gegend. Wieder sah er eine Sennhütte unter sich; die Leute und das Vieh waren schon angekommen, die Männer spalteten Brennholz, und die Mägde melkten die Kühe.

„Sieh dort!“ rief Gorgo. „Ich glaube, jetzt haben wir ihn!“

Er ließ sich hinuntersinken, und zu seiner großen Verwunderung sah Nils Holgersson, daß Gorgo recht hatte. Da stand wirklich der kleine Klement Larsson und machte Brennholz klein.

Gorgo ließ sich eine kurze Strecke von der Sennhütte entfernt im Walde nieder.

„Nun habe ich ausgeführt, was ich übernommen hatte,“ sagte er und warf den Kopf stolz zurück. „Jetzt mußt du sehen, daß du mit dem Manne sprichst. Ich werde mich inzwischen auf jenen dichten Tannenwipfel dort setzen und auf dich warten.“

Die Neujahrsnacht der Tiere

Auf der Almhütte war die Arbeit zu Ende und das Abendbrot gegessen, aber die Leute saßen noch beieinander und plauderten. Es war lange her, seit sie zum letztenmal in einer schönen Sommernacht im Walde gewesen waren, und alle hatten das Gefühl, als hätten sie gar keine Zeit zum Schlafen. Es war noch taghell ringsum, und die Sennerinnen waren eifrig mit ihrer Handarbeit beschäftigt, bisweilen aber hoben sie den Kopf, schauten in den Wald hinein und lächelten leise vor sich hin.

„Ja, nun sind wir wieder hier oben,“ sagten sie; und damit versank das Dorf mit all seiner Unruhe aus ihrer Erinnerung, und der Wald umschloß sie mit seinem stillen Frieden. Wenn sie daheim auf ihren Höfen daran dachten, daß sie den ganzen Sommer hindurch allein da droben im Walde sein müßten, konnten sie sich kaum denken, wie sie das aushalten sollten; sobald sie aber in die Sennhütten heraufgekommen waren, kam es ihnen vor, als sei dies doch ihre allerbeste Zeit.

Vor ein paar Sennhütten, die nahe beieinander lagen, waren die jungen Mädchen und Burschen zusammengekommen, einander zu begrüßen; es war also eine ziemliche Anzahl Menschen, die sich da auf der Wiese vor den Hütten niedergelassen hatten, aber eine rechte Unterhaltung wollte trotzdem nicht in Gang kommen. Die Burschen mußten am nächsten Tage wieder hinunter ins Dorf, und die Sennerinnen trugen ihnen noch allerlei kleine Bestellungen und Grüße an die Ihrigen daheim auf.

Da sah die älteste der Sennerinnen von ihrer Arbeit auf und sagte ganz lustig: „Es ist gar nicht nötig, daß es heute abend so still bei uns zugeht, denn wir haben ja zwei Burschen unter uns, die sonst gern etwas erzählen. Der eine ist Klement Larsson, der hier neben mir sitzt, und der andere Bernhard von Sunnansee, der dort drüben steht und nach dem Blackåsen hinaufschaut. Kommt, wir wollen sie bitten, daß jeder von ihnen eine Geschichte zum besten gebe, und wer die schönste Geschichte erzählt, dem verspreche ich das Halstuch hier, an dem ich eben stricke.“

Dieser Vorschlag fand großen Beifall; die beiden, die miteinander wetteifern sollten, machten natürlich zuerst Einwendungen, gaben aber bald nach. Klement bat Bernhard, den Anfang zu machen, und dieser hatte nichts dagegen. Er kannte Klement Larsson nicht genau, aber er meinte, von diesem könnte man nur irgendeine alte Geschichte von Gespenstern und Trollen erwarten; und da er wußte, daß die Leute so etwas gerne hörten, hielt er es fürs klügste, gleich selbst etwas derartiges zu wählen.

„Vor mehreren hundert Jahren,“ begann er, „geschah es, daß ein Propst von Delsbo hier in der Nähe in einer Neujahrsnacht mitten durch den dichten Wald ritt. In seinen dicken Pelz gehüllt und die Pelzmütze auf dem Kopf, saß er auf seinem Pferd, und an dem Sattelknopf hing ein Felleisen, in dem er den Abendmahlskelch, das Kirchenbuch und den Kirchenrock verwahrt hatte. Aus dem entfernten Filialdorf, weit drinnen im Walde, hatte man ihn zu einem Kranken gerufen; er hatte bis spät in der Nacht bei diesem gesessen und mit ihm gesprochen. Jetzt endlich war er auf dem Heimweg, aber er war überzeugt, daß er erst zu Hause ankommen werde, wenn Mitternacht längst vorüber sei.

Während er nun so durch den Wald dahinreiten mußte, zu einer Zeit, wo er sonst daheim in seinem Bette lag, war er froh, daß wenigstens kein schlimmes Wetter herrschte. Es war eine stille Nacht mit ruhiger Luft und überzogenem Himmel. Der Vollmond segelte groß und rund hinter den Wolken am Himmel und verbreitete eine gewisse Helle, obgleich er selbst nicht zu sehen war. Wenn das bißchen Mondlicht nicht geschienen hätte, wäre der Weg nur schwer von den Feldern zu unterscheiden gewesen; denn es war ja mitten im Winter, und alles hatte ein und dieselbe graubraune Farbe.

In dieser Nacht ritt der Propst ein Pferd, auf das er große Stücke hielt. Es war stark und ausdauernd und fast ebenso klug wie ein Mensch. Unter anderem konnte es von jedem Ort in dem ganzen Kirchspiel, es mochte sein, wo es wollte, den Weg nach Hause finden. Dies hatte der Propst schon mehrere Male erfahren, und er verließ sich so fest darauf, daß er nie mehr an den Weg dachte, wenn er dieses Pferd ritt. So kam er auch jetzt, mit lose herunterhängenden Zügeln und in seinen Gedanken weit weg, mitten in der grauen Nacht durch den wilden Wald dahergeritten.

Der Propst dachte an seine Predigt, die er am nächsten Tage halten mußte, und außerdem auch noch an vieles andere. Es dauerte eine gute Weile, bis er wieder auf den Weg achtete und sich fragte, wie weit er wohl jetzt gekommen sei. Als er dann schließlich aufschaute und sah, daß der Wald noch immer ebenso dicht war wie zu Anfang des Rittes, verwunderte er sich höchlich. Er war jetzt schon sehr lange geritten, eigentlich hätte er bereits an dem bebauten Teil des Kirchspiels angekommen sein müssen.

Es sah damals in Delsbo gerade so aus wie heute noch. Die Kirche und der Pfarrhof und alle großen Höfe lagen im Norden des Kirchspiels um Dellen her, während gen Süden nur Wälder und Berge waren. Als daher der Propst sah, daß er sich noch in der Wildnis befand, wußte er, daß dies der südliche Teil seines Kirchspiels war und er, um nach Hause zu kommen, also nach Norden hätte reiten müssen. Aber gerade dies schien er nicht zu tun. Am Himmel leuchteten zwar weder Mond noch Sterne, nach denen er sich hätte richten können, aber der Propst war einer von denen, die die Himmelsrichtung im Kopf haben, und er hatte das bestimmte Gefühl, daß er gen Süden, vielleicht auch gen Osten reite.

Er war schon im Begriff, das Pferd zu wenden, besann sich aber dann anders. Das Pferd hatte sich noch nie verirrt und würde es gewiß auch heute nicht tun. Viel eher könnte er, der Propst, sich täuschen. Er war in tiefe Gedanken versunken gewesen und hatte des Weges nicht geachtet. So ließ er denn das Pferd in der bisherigen Richtung weitergehen und versank aufs neue in seine Grübeleien.

Aber gleich darauf traf ihn ein großer Zweig so heftig, daß er fast vom Pferde gefallen wäre. Da wurde ihm klar: jetzt mußte er untersuchen, wohin er eigentlich gekommen war; es half alles nichts.

Er betrachtete den Weg; er ritt über weiches Moos hin, wo kein ausgetretener Pfad zu erblicken war. Das Pferd aber schritt ohne jegliches Zögern rasch dahin. Doch gerade wie vorhin war der Propst auch jetzt überzeugt, daß es in der verkehrten Richtung vorwärts gehe.

Diesmal besann er sich nicht lange, ob er eingreifen solle. Er ergriff die Zügel, zwang das Pferd, umzudrehen, und es gelang ihm auch, es auf den Pfad zurückzuführen. Aber kaum waren sie da angekommen, als das Pferd einen Umweg machte und aufs neue geradeswegs in den Wald hineinlief.

Der Propst war seiner Sache so sicher, wie man einer Sache überhaupt sicher sein kann. ‚Aber wenn das Pferd so gar eigensinnig ist,‘ dachte er, ‚dann will es gewiß einen bessern Weg aufsuchen.‘ Und so ließ er es weitergehen.

Das Pferd kam gut vorwärts, obgleich es keinen gebahnten Weg vor sich hatte. Wenn ihm ein Berggipfel im Wege stand, kletterte es gewandt wie eine Geiß hinauf, und wenn es dann wieder bergab ging, stemmte es die Füße zusammen und rutschte die steilen Felsplatten hinunter.

‚Wenn ich nur wenigstens so zeitig nach Hause komme, daß ich die Kirche noch erreichen kann,‘ dachte der Propst. ‚Was würden meine Delsboer sagen, wenn ich nicht zu rechter Zeit zum Gottesdienst da wäre?‘

Er hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, denn plötzlich erreichte er einen Ort, den er wiedererkannte. Es war ein kleines dunkles Wasser, wo er im letzten Sommer gefischt hatte. Da merkte der Propst, daß er mit seiner Befürchtung recht gehabt hatte. Er befand sich tief drinnen im Walde, und das Pferd drang immer weiter gegen Südosten vor. Es schien sich ordentlich vorgenommen zu haben, seinen Herrn so weit wie nur möglich von der Kirche und dem Pfarrhause wegzutragen.

Rasch sprang der Propst aus dem Sattel. Auf diese Weise konnte er sich von dem Pferd nicht in die Wildnis hineintragen lassen. Er mußte nach Hause, und da das Pferd eigensinnig in verkehrter Richtung gehen wollte, beschloß er, zu Fuß zu gehen und das Tier am Zügel zu führen, bis sie auf bekannten Wegen angekommen wären. Er wickelte sich also die Zügel um den Arm, und die Wanderung begann. In dem dicken Pelz durch den Wald zu wandern, war freilich keine leichte Sache; doch der Propst war ein starker, abgehärteter Mann, der vor nichts zurückschrak. Aber bald machte ihm das Pferd neue Sorgen. Anstatt ihm zu folgen, stemmte es die Hufe fest auf den Boden und sperrte sich.

Da wurde der Propst zornig. Er schlug dieses Pferd sonst nie und wollte das auch jetzt nicht tun. Statt dessen warf er ihm die Zügel über den Hals und ließ es stehen. ‚Wir müssen uns hier wohl trennen, da du durchaus deinen eigenen Weg gehen willst,‘ sagte er.

Er war kaum ein paar Schritte gegangen, als das Pferd hinter ihm herkam, ihn vorsichtig am Rockärmel faßte und ihn zurückzuhalten versuchte. Der Propst wendete sich um und sah dem Tier in die Augen, wie um zu erforschen, warum es sich so sonderbar gebärdete.

Der Propst konnte eigentlich nicht recht begreifen, wie es möglich war, – aber soviel ist sicher: trotz der Dunkelheit sah er das Gesicht des Pferdes ganz deutlich, er konnte darin lesen wie in dem eines Menschen, und da begriff er plötzlich, daß sich das Pferd in einer fürchterlichen Angst und Unruhe befand; es warf seinem Herrn einen Blick zu, der flehend und vorwurfsvoll zugleich war. ‚Ich habe dir gedient und Tag um Tag nach deinem Willen getan,‘ schien es zu sagen. ‚Könntest du mir nun nicht in dieser einzigen Nacht nachgeben?‘

Der Propst wurde gerührt über diese Bitte, die er in den Augen des Tieres las. Es war klar, das Pferd brauchte in dieser Nacht seine Hilfe auf irgendeine Weise, und da er ein ganzer Mann war, beschloß er sofort, ihm zu folgen. Ohne weiteres Zögern führte er es an einen Stein, wo er sich in den Sattel schwingen konnte, und sagte: ‚Geh du weiter! Da du mich mithaben möchtest, will ich dich nicht verlassen. Niemand soll von dem Propst von Delsbo sagen können, daß er sich geweigert habe, jemand beizustehen, der in Not war.‘

Danach ließ er das Pferd gehen, wohin es wollte, und er richtete sein Augenmerk nur darauf, daß er sich im Sattel hielt. Es war ein gefährlicher und beschwerlicher Ritt, fast die ganze Zeit über ging es bergan durch dichten ungebahnten Wald, wo man keine zwei Schritte vor sich sehen konnte. Aber der Propst meinte doch zu erkennen, daß es einen hohen Berg hinaufging. Das Pferd arbeitete sich steile Felswände hinauf; wenn der Propst selbst das Tier geleitet hätte, wäre es ihm gewiß nie eingefallen, sein Pferd auf solchen Wegen gehen zu lassen.

‚Du wirst doch nicht daran denken, den Blackåsen hinaufzuklettern!‘ sagte er; und dabei lachte er ein wenig, denn der Blackåsen war, wie er wohl wußte, der höchste Berg in Hälsingeland.

Während er nun so dahinritt, merkte der Propst, daß er und das Pferd nicht allein draußen in der Nacht unterwegs waren. Er hörte Steine rollen und Zweige krachen; es hörte sich an, wie wenn große Tiere sich einen Weg durch den Wald bahnten; und da es in dieser Gegend viele Wölfe gab, fragte sich der Propst, ob ihn das Pferd am Ende einem Kampf mit wilden Tieren entgegentrage.

Bergan ging es, bergan! Und je höher sie kamen, desto lichter wurde der Wald.

Schließlich ritt der Propst über einen fast kahlen Bergrücken, wo er nach allen Seiten ausschauen konnte. Unermeßlich dehnte sich das Land vor seinen Blicken; mit düstern Wäldern bedeckt, reihten sich Hügel und Bergketten wellenförmig aneinander. Bei der herrschenden Dunkelheit wurde es dem Propst schwer, sich in der Gegend zurechtzufinden, aber nach kurzer Zeit wurde ihm doch ganz klar, wo er sich befand.

‚Ja, ich bin wahrhaftig auf den Blackåsen geritten,‘ dachte er. ‚Es kann kein andrer Berg sein. Dort im Westen sehe ich den Järvsee, und im Osten drüben glänzt bei Agön das Meer. Im Norden sehe ich auch etwas schimmern, das wird Dellen sein, und da in der Tiefe unter mir sehe ich den weißen Dunst des Nianwasserfalls. Ja, ja, dies ist der Blackåsen, es ist kein Zweifel. Das ist wahrhaftig ein Abenteuer!‘

Als er auf dem höchsten Gipfel angekommen war, hielt das Pferd hinter einem dichten Fichtenbaum an; es war, als wolle es sich da verborgen halten. Der Propst beugte sich vor und bog die Zweige auseinander; so erhielt er einen freien Ausblick.

Des Berges kahler Scheitel lag vor ihm; aber nicht einsam und verlassen, wie er erwartet hatte. Mitten auf dem offenen Platze lag ein großer Felsblock, und rings um diesen her waren viele wilde Tiere versammelt. Es kam dem Propst vor, als seien diese Tiere zur Abhaltung einer Art Thing hier zusammengekommen.

Dem großen Felsen zunächst sah der Propst die Bären; diese waren so schwerfällig und von so mächtigem Körperbau, daß sie aussahen wie pelzbekleidete Steinblöcke. Sie hatten sich niedergelegt und blinzelten ungeduldig mit ihren kleinen Augen. Man sah, sie waren aus ihrem Winterschlaf aufgestanden, um zum Thing zu gehen, und es wurde ihnen schwer, sich wach zu erhalten. Hinter den Bären saßen einige hundert Wölfe in dichten Reihen; diese waren nicht schläfrig, sondern jetzt mitten in der Winternacht heller wach als je im Sommer. Wie Hunde saßen sie auf den Hinterfüßen, peitschten den Boden mit den Schwänzen und schnauften gewaltig, während ihnen die Zunge zum Maule heraushing. Hinter den Wölfen schlichen mit steifen Beinen und klotzigen Gliedmaßen, wie große mißgestaltete Katzen, die Luchse umher. Sie schienen sich vor den andern Tieren zu scheuen und zischten, wenn ihnen eines nahe kam. Das nächste Glied hinter den Luchsen bildeten die Vielfraße, die ein Katzengesicht und einen Bärenpelz haben. Diesen gefiel es nicht auf dem Erdboden, sie trampelten ungeduldig mit ihren breiten Füßen und wollten wieder hinauf auf die Bäume. Hinter diesen auf dem ganzen Platze bis hinüber an den Waldrand tummelten sich die Füchse, die Wiesel, die Marder, lauter Tiere, die alle klein und besonders schön gebaut waren, aber ein noch viel wilderes und blutdürstigeres Aussehen hatten als die größern Raubtiere.

Der Propst sah alle diese Tiere sehr gut, denn der ganze Platz war erhellt. Auf dem hohen Felsblock in der Mitte stand nämlich der Waldgeist, in der Hand einen brennenden Kienspan, der mit einer hellen, klaren Flamme brannte. Der Geist war so groß wie der höchste Baum im Walde; er trug einen Mantel aus Tannenzweigen, und seine Haare waren Tannenzapfen. Ganz ruhig stand er da und sah spähend und lauschend in den Wald hinein.

Obgleich der Propst alles ganz deutlich sah, wunderte er sich doch so sehr, daß er sich förmlich dagegen wehrte und seinen eignen Augen nicht trauen wollte. ‚Es ist ja ganz und gar unmöglich,‘ dachte er. ‚Bei mir muß irgend etwas nicht in Ordnung sein. Ich bin zu lang im Waldesdunkel umhergeritten; es ist eine Einbildung, die Gewalt über mich bekommen hat.‘

Aber trotzdem verfolgte er alles mit gespannter Aufmerksamkeit und fragte sich, was er wohl hier zu sehen bekäme und was geschehen würde.

Er brauchte nicht lange zu warten. Aus dem Walde herauf drang jetzt das Bimmeln einer kleinen Glocke. Und gleich nachher hörte er wieder das Geräusch von Schritten und brechenden Zweigen, als bräche eine Menge Tiere durch die Wildnis hindurch.

Eine große Schar Haustiere kam den Berg herauf. Sie tauchten in derselben Ordnung, wie wenn sie auf dem Wege nach dem Stalle wären, aus dem Walde auf; voran ging die Leitkuh mit der Glocke, dann kam der Stier, dann die andern Kühe und dahinter das Jungvieh und die Kälber. Ihnen folgten die Schafe in einer dichten Herde. Hierauf kamen die Ziegen und zuletzt einige Pferde und Füllen. Der Schäferhund lief neben der Herde her, die aber weder von einem Hirten noch von einer Hirtin begleitet war.

Dem Propst zerriß es fast das Herz, als er die Haustiere so geradeswegs auf die Raubtiere zugehen sah. Er hätte sich ihnen gerne in den Weg gestellt, sie mit lautem Rufen vor dem Weitergehen zu warnen, aber er fühlte wohl, daß es in keiner menschlichen Macht stand, in dieser Nacht die Schritte der Tiere aufzuhalten, und so verhielt er sich ganz still.

Man konnte leicht sehen, wie sehr es den Haustieren vor dem Wege graute, den sie machen mußten. Sie sahen elend und angstvoll aus; selbst die Leitkuh schritt mit hängendem Kopf und mutlosen Schritten vorwärts. Die Ziegen hatten zu nichts Lust, weder zum Hüpfen noch zum Bocken, die Pferde versuchten mutig auszusehen, aber es lief ihnen ein Schauder nach dem andern über den Rücken. Am jammervollsten sah der Schäferhund aus; er hatte den Schwanz eingezogen und kroch beinahe am Boden hin.

Die Leitkuh führte den ganzen Zug bis dicht vor den Waldgeist, der dort auf dem Felsblock stand. Sie ging rings um den Felsen herum und wendete sich dann wieder dem Walde zu, ohne daß die wilden Tiere sie angerührt hätten. Und auf diese Weise wanderte die ganze Herde unangetastet an den Raubtieren vorüber.

Während die Haustiere so an dem Waldgeist vorüberzogen, sah der Propst, daß er über einige von ihnen seine Kienfackel senkte und abwärts kehrte.

So oft dies geschah, brachen die Raubtiere in ein lautes, vergnügtes Gebrüll aus, besonders wenn die Fackel über einer Kuh oder sonst über einem größern Tier gesenkt wurde. Aber das Tier, auf das sich also die Fackel herabsenkte, stieß einen lauten, gellenden Schrei aus, als würde ihm ein Messer ins Herz gestoßen, und die ganze Herde, zu der es gehörte, brach gleichfalls in lautes Klagen aus.

Jetzt begann der Propst zu verstehen, was er hier vor sich sah. Er hatte früher schon von einer Sage gehört, nach der sich die Haustiere von Delsbo in jeder Neujahrsnacht auf dem Blackåsen versammeln müßten, damit der Waldgeist da die Tiere bezeichnen könnte, die im Lauf des nächsten Jahres den Raubtieren zum Opfer fallen sollten. Der Propst wurde von innigem Mitleid erfaßt für das arme Vieh, das also in die Gewalt der Raubtiere verfiel, obgleich es ja eigentlich keinen andern Herrn haben sollte als den Menschen.

Kaum war die erste Herde wieder abgezogen, als auch schon der Ton einer neuen Kuhglocke aus dem Walde ertönte und der Viehstand von einem andern Hofe den Berg heraufgezogen kam. Alles verlief in ganz derselben Weise wie das erstemal. Die Tiere gingen zu dem Waldgeist hin, der streng und ernst da droben stand und da ein Tier und dort ein Tier als dem Tode verfallen bezeichnete. Und nach dieser Herde kam ohne Unterbrechung eine Schar um die andre daher. Einige von den Herden waren so klein, daß sie nur aus einer einzigen Kuh und einigen Schafen bestanden; andre wieder bestanden nur aus ein paar Geißen. Man sah, diese kamen aus kleinen, ärmlichen Waldhütten; aber auch sie mußten vor den Waldgeist, und weder die einen noch die andern blieben verschont.

Der Propst dachte an die Bauern von Delsbo, die eine so große Liebe für ihre Haustiere hatten. ‚Wenn sie das nur wüßten, würden sie es nicht auf diese Weise geschehen lassen!‘ dachte er. ‚Sie würden eher ihr eignes Leben wagen, als ihren Viehstand zwischen Bären und Wölfen zum Waldgeist hinwandern und diesen das Urteil über sie fällen lassen.‘

Die letzte Schar, die herankam, war der Viehstand des Pfarrhofs. Der Pfarrer erkannte von weitem die Glocke der Leitkuh, und das mußte auch das Pferd getan haben. Es begann an allen Gliedern zu zittern, und sein Körper bedeckte sich mit Schweiß. ‚Jaso, nun ist die Reihe an dir, am Waldgeist vorüberzugehen und dein Urteil zu vernehmen,‘ sagte der Propst zu dem Pferd. ‚Aber fürchte dich nicht! Ich verstehe, warum du mich hierher geführt hast, und werde dich nicht verlassen.‘

Der prächtige Viehstand des Pfarrhofs tauchte in einem langen Zug aus dem Walde auf und ging auf die Raubtiere und den Waldgeist zu. Den Schluß des Zuges bildete das Pferd, das seinen Herrn auf den Blackåsen gebracht hatte. Der Propst war nicht abgestiegen, sondern saß ruhig im Sattel und ließ sich von dem Tier zum Waldgeist hintragen.

Der Propst hatte weder eine Flinte noch ein Messer zu seiner Verteidigung; aber er hatte das Kirchenbuch herausgenommen und drückte es fest an die Brust, als er sich jetzt in Kampf mit dem Unhold einließ.

Zuerst schien es, als habe niemand den Propst bemerkt. Genau wie die andern Herden wanderte auch die aus dem Pfarrhof an dem Waldgeist vorüber, und dieser senkte seine Kienfackel nicht ein einziges Mal. Erst als das kluge Pferd vorüberging, machte er eine Bewegung, um es für den Tod zu kennzeichnen.

Die Neujahrsnacht der Tiere
Die Neujahrsnacht der Tiere

Aber in demselben Augenblick streckte der Pfarrer dem Waldgeist das Kirchenbuch entgegen, und der Fackelschein fiel auf das Kreuz des Einbandes. Da stieß der Waldgeist einen lauten, gellenden Schrei aus, die Fackel entfiel seiner Hand, und die Flamme erlosch in demselben Augenblick.

In dem plötzlichen Übergang von Licht und Dunkel konnte der Propst nichts sehen, und er hörte auch nichts mehr. Um ihn her herrschte dieselbe tiefe Stille, wie immer hier draußen in der Wildnis zur Winterzeit.

Da teilten sich plötzlich die dichten Wolken, die den Himmel verdeckten; in dem Spalt erschien der Vollmond, und sein Licht fiel auf die Erde. Jetzt sah der Propst, daß er und das Pferd ganz allein auf dem Gipfel des Blackåsen waren; nicht ein einziges von allen den wilden Tieren war noch vorhanden, und der Boden war von allen den Viehherden, die darüber hingewandert waren, nicht zertreten. Er selbst aber saß auf seinem Pferde, das Kirchenbuch in den ausgestreckten Händen. Das Pferd unter ihm aber zitterte und war in Schweiß gebadet.

Als der Propst den Berg hinuntergeritten war und seinen Hof erreicht hatte, wußte er nicht mehr, ob das, was er gesehen hatte, ein Traum oder Wirklichkeit gewesen war; aber daß es eine Mahnung an ihn sein sollte, auch der armen Haustiere zu gedenken, die in der Gewalt der wilden Tiere waren, das verstand er. Und er predigte den Bauern von Delsbo mit so gewaltigen Worten, daß zu seiner Zeit alle Bären und Wölfe im Walde ausgerottet wurden; allerdings scheinen sie, nachdem er gestorben war, leider wieder zurückgekehrt zu sein.“

Hier schloß Bernhard seine Erzählung. Er wurde von allen Seiten sehr gelobt, und es schien eine ausgemachte Sache, daß er den Preis bekommen würde. Den meisten tat Klement sogar ordentlich leid, weil er mit Bernhard wetteifern sollte.

Aber Klement begann seine Erzählung unerschrocken.

„Eines Tages ging ich auf Skansen, dem großen Lustgarten vor Stockholm umher und hatte Heimweh,“ begann er; und dann erzählte er von dem Wichtelmännchen, das er da freigekauft habe, damit es nicht in einen Käfig gesetzt und wie ein wildes Tier den Leuten gezeigt worden sei. Und er erzählte weiter, wie er, nachdem er kaum diese gute Tat getan hatte, auch dafür belohnt worden war. Er erzählte und erzählte, während die Verwunderung seiner Zuhörer beständig zunahm, und als er endlich an den königlichen Lakaien und an das prächtige Buch kam, hatten alle Sennerinnen ihre Handarbeiten in den Schoß sinken lassen; sie saßen unbeweglich da und sahen Klement an, der so wunderbare Erlebnisse gehabt hatte.

Sobald Klement geendigt hatte, sagte die älteste Sennerin, daß das Halstuch ihm gehöre. „Denn,“ sagte sie, „Bernhard hat uns das erzählt, was einem andern passiert ist, Klement aber hat selbst eine richtige Geschichte erlebt, und das halte ich für mehr.“

Darin stimmten alle mit ihr überein. Seit sie erfahren hatten, daß Klement mit dem König gesprochen hatte, sahen sie ihn mit ganz andern Augen an als vorher, und der kleine Spielmann fürchtete sich fast, zu zeigen, wie stolz er sich fühlte. Aber mitten in seinem großen Glück fragte ihn plötzlich jemand, was er denn mit dem Wichtelmännchen gemacht habe.

„Die blaue Schale konnte ich ihm leider nicht selbst hinstellen,“ sagte Klement, „aber ich habe den alten Lappen gebeten, es für mich zu tun. Was später aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.“

Kaum hatte Klement dies gesagt, als ein kleiner Tannenzapfen dahergesaust kam und ihm an die Nase flog. Der Tannenzapfen war nicht vom Baume heruntergefallen und auch nicht von einem Menschen geschleudert worden; niemand konnte begreifen, woher er gekommen war.

„Ei, ei, Klement,“ sagte die Sennerin, „es sieht fast aus, als könnte das Wichtelvolk hören, was wir sprechen! Ich glaube, Ihr hättet nicht einen andern mit dem Hinausstellen der blauen Schale beauftragen, sondern es selbst tun sollen.“

41
In Medelpad

Freitag, 17. Juni

Der Adler und der Junge waren am nächsten Morgen in aller Frühe wieder unterwegs, und Gorgo dachte, er werde an diesem Tage weit nach Västerbotten hinaufkommen, aber da hörte er ganz zufälligerweise den Jungen vor sich hinsagen, in so einem Land, wie in diesem hier, über das er jetzt hinfliege, könnten sich wohl Menschen unmöglich fortbringen.

Das Land, das unter ihnen lag, war das südliche Medelpad, und weit umher war nichts zu sehen als wilde, dunkle Wälder. Aber sobald der Adler hörte, was Nils Holgersson sagte, rief er: „Hier oben ist der Wald der Acker!“

Der Junge mußte daran denken, welch ein großer Unterschied doch zwischen den goldig schimmernden Getreidefeldern sei mit ihren weichen Halmen, die in einem Sommer in die Höhe schossen, und den dunkeln Tannenwäldern mit ihren harten Stämmen, die Jahre brauchten, bis sie zum Fällen herangewachsen waren.

„Wer sein Auskommen von so einem Acker haben will, muß ordentlich Geduld haben,“ erwiderte er.

Mehr wurde nicht gesprochen, bis sie einen Ort erreichten, wo der Wald gefällt und der Boden mit Baumstümpfen und abgehackten Zweigen bedeckt war. Während sie über dieses Rodland hinflogen, hörte der Adler den Jungen wieder vor sich hinsagen, das sei doch eine schrecklich häßliche und armselige Gegend.

„Dies hier ist ein Acker, der im letzten Winter geschnitten worden ist,“ sagte der Adler sogleich.

Der Junge dachte daran, wie die Schnitter in seinem Heimatdorfe am hellen Sommermorgen mit ihren blanken schönen großen Mähmaschinen auszogen und in ganz kurzer Zeit einen Acker geschnitten hatten. Aber der Ertrag dieses Ackers hier wurde im Winter geerntet! Wenn hoher Schnee lag und die Kälte am strengsten war, zogen die Holzfäller hinaus ins Ödland. Welch ein hartes Stück Arbeit war schon das Fällen eines einzigen Baumes! Um aber eine so große Strecke Wald, wie diese hier, auszuroden, mußten die Arbeiter wahrscheinlich mehrere Wochen im Walde gehaust haben.

„Das müssen tüchtige Leute sein, die einen solchen Acker schneiden können,“ sagte der Junge.

Nachdem der Adler wieder ein paar Flügelschläge getan hatte, sah der Junge eine kleine Hütte auf dem ausgerodeten Waldboden. Sie war aus groben, unbehauenen Baumstämmen zusammengezimmert, hatte keine Fenster, und als Türe dienten nur ein paar lose Bretter. Das Dach war mit Rinde und Zweigen bedeckt gewesen, die aber jetzt auseinandergefallen waren. Der Junge sah, daß innen in der Hütte nur ein paar hölzerne Bänke und ein paar große Steine waren, die als Herd gedient hatten. Als sie über die Hütte hinflogen, hörte der Adler den Jungen vor sich hinsagen, wer denn wohl in so einer elenden Hütte gewohnt haben könnte.

„Die Schnitter haben hier gewohnt, als sie den Waldacker mähten,“ versetzte der Adler.

Der Junge dachte daran, wie daheim in seiner Gegend die Schnitter am Abend froh und lustig von der Arbeit heimkehrten und ihnen das Beste, was Mutter im Vorratshause hatte, vorgesetzt wurde. Hier mußten sie nach der strengen Arbeit auf harten Bänken schlafen, in einer Hütte, die schlechter war als ein Schuppen. Und von was sie sich hier nährten, das konnte er einfach nicht begreifen.

„Ach, hier wird wohl den Schnittern kein Erntefest gehalten!“ sagte er.

Etwas weiter hin sahen sie unter sich einen furchtbar schlechten Weg; er war schmal und uneben, mit Steinen übersät und voll von Löchern und zog sich in Schlangenwindungen durch den Wald hin. An mehreren Stellen war er auch von Bächen durchschnitten; und während der Adler über diesen Waldweg hinflog, hörte er den Jungen sagen, was denn auf so einem Weg befördert werden könnte?

„Auf diesem Weg ist die Ernte in die Scheune geführt worden,“ sagte Gorgo.

Unwillkürlich mußte der Junge daran denken, welch ein Fest es daheim war, wenn die großen, mit zwei starken Pferden bespannten Erntewagen das Getreide vom Acker hereinholten. Der Knecht thronte hoch droben auf dem Wagen, die Pferde warfen sich stolz in die Brust, und die Dorfkinder, die auf den Wagen hatten hinaufklettern dürfen, saßen halb beglückt, halb ängstlich auf den Garben und schrien und lachten durcheinander. Hier aber wurden Stämme geladen und dann steile Abhänge hinauf- und hinabgefahren. Die Pferde mußten wie gerädert sein, und der Kutscher war gewiß oft der Verzweiflung nahe. „Da werden wohl nicht viel lustige Reden unterwegs hin und her fliegen,“ sagte der Junge.

Der Adler segelte mit gewaltigen Flügelschlägen weiter durch die Luft dahin, und so gelangten sie bald an einen Fluß. Hier sahen sie einen Platz, der mit Spänen, Holzstücken und Rinde bedeckt war, und der Adler hörte den Jungen sagen, warum es denn da drunten so unordentlich aussähe?

„Hier sind die Garben in Haufen gesetzt worden.“

Der Junge mußte unwillkürlich an die Garbendiemen in seiner Heimat denken, die dicht bei den Höfen errichtet werden, als wenn sie deren schönster Schmuck wären. Hier aber wurde die Ernte nach einem einsamen Flußufer geschafft und dann da liegen gelassen. „Ob wohl ein einziger Besitzer in diese Wildnis hier herauskommt, seine Diemen zu zählen und sie mit denen seiner Nachbarn zu vergleichen?“ rief der Junge unwillkürlich.

Bald erreichten sie einen großen Fluß, den Ljungan, der in einem breiten Tale dahinzieht, und da war mit einem Schlage alles so verändert, daß man hätte meinen können, man sei in einem ganz andern Lande. Der dunkle Nadelwald war auf den steilen Abhängen über dem Tale zurückgeblieben, und die Hänge prangten jetzt überall mit weißstämmigen Birken und Eschen. Das Tal war so breit, daß sich der Fluß an mehreren Stellen zu einem See erweitern konnte, und an den Ufern stand ein großer wohlhabender Hof dicht neben dem andern. Als nun die beiden über das Tal hinflogen, hörte der Adler, wie der Junge sich fragte, ob denn wohl die Wiesen und Äcker da drunten für diese ganze Bevölkerung ausreichten?

„Hier wohnen die Schnitter, die den Waldacker geschnitten haben,“ sagte der Adler.

Der Junge dachte an die niedrigen Häuser und die eng zusammengebauten Höfe in Schonen. „Hier wohnen ja die Bauern geradezu in Herrenhäusern, und es sieht aus, als lohne sich die Arbeit im Walde doch recht gut,“ sagte er.

Der Adler hatte die Absicht gehabt, quer über den Ljungan hinüberzufliegen; als er aber ein Stück weit über den Fluß geflogen war, hörte er den Jungen vor sich hinsagen, wer denn nun weiter für das Holz sorge, nachdem es in Haufen geschichtet worden sei? Da drehte Gorgo um und flog in östlicher Richtung weiter.

„Der Fluß sorgt weiter dafür; er führt es nach der Mühle,“ sagte er.

Der Junge dachte daran, wie sorgfältig man daheim mit den Garben umging, damit nichts verschleudert wurde. Hier kamen große Mengen von Balken den Fluß heruntergeschwommen, ohne daß sich jemand darum bekümmerte. Er war überzeugt, daß nicht die Hälfte von denen da ankommen würden, wo sie sollten. Die einen schwammen allerdings mitten in der Strömung, und dann ging alles gut, andre aber wurden gegen die Ufer getrieben, oder sie stießen an Landzungen an, wo sie dann in dem ruhigen Uferwasser der Buchten liegen blieben. In den Seen sammelten sich die Stämme in solch großer Zahl, daß sie oft die ganze Oberfläche bedeckten. Hier blieben sie liegen und schienen sich bis ins Unendliche ausruhen zu wollen. An den Brücken stauten sie sich, in den Wasserfällen brachen sie mittendurch, in den Stromschnellen wurden sie zwischen Steine hineingeklemmt und türmten sich zu hohen, schwankenden Stapeln auf.

„Ich möchte wohl wissen, wie lange diese Ernte braucht, bis sie die Mühle erreicht?“ sagte der Junge.

Aber Gorgo flog nur langsam immer weiter den Ljungan entlang. Zu wiederholten Malen hielt er sich mit weit ausgebreiteten Flügeln ganz still in der Luft droben, damit der Junge sehen konnte, in welcher Weise diese Erntearbeit vor sich ging.

Nach einer Weile gelangten sie an einen Platz, wo die Flößer an der Arbeit waren. Und der Adler hörte den Jungen fragen, was denn das für Leute seien, die da am Ufer hinliefen?

„Diese Leute sorgen für das Getreide, das sich unterwegs aufgehalten hat,“ sagte Gorgo.

Der Junge dachte daran, wie ruhig und still die Leute in seiner Heimat ihre Garben in die Mühle fuhren. Hier liefen die Männer mit langen Bootshaken in den Händen am Ufer hin und halfen den Stämmen mit vieler Mühe und Beschwerlichkeit weiter. Sie wateten ins Uferwasser hinaus, wobei sie von Kopf bis zu Fuß naß wurden. Sie sprangen von Stein zu Stein in die Stromschnellen hinein und schritten auf den schwankenden Stämmen so ruhig umher, wie wenn sie auf dem festen Boden gingen. Das waren kühne und entschlossene Männer!

„Wenn ich dies alles hier sehe, muß ich unwillkürlich an die Schmiede im Bergwerkdistrikt denken, die mit dem Feuer umgingen, als sei es vollständig ungefährlich,“ sagte der Junge. „Diese Flößer hier spielen mit dem Wasser, als seien sie dessen Herren. Sie scheinen es so unterjocht zu haben, daß es sich nicht mehr an sie heran traut.“

Ganz allmählich hatten sie die Mündung des Flusses erreicht, und nun lag der Bottnische Meerbusen vor ihnen. Aber Gorgo flog nicht geradeaus, sondern in nördlicher Richtung dem Ufer entlang. Er war noch nicht weit geflogen, als sie unter sich ein Sägewerk sahen, das eine förmliche kleine Ortschaft bildete; und während der Adler darüber hin und her schwebte, hörte er den Jungen vor sich hinsagen, das sei doch ein prächtiger großer Ort!

„Hier hast du die große Sägemühle, die Svartvik heißt,“ rief der Adler.

Der Junge dachte an die Windmühlen in seiner Heimat, die so friedlich von grünen Bäumen umgeben dalagen und langsam ihre Flügel drehten. Diese Mühle hier, wo die Waldernte gemahlen wurde, lag dicht am Meeresufer. Auf dem Wasser davor schwamm eine Menge Balken, von denen einer nach dem andern mit eisernen Ketten zuerst auf eine schräge Brücke und von da in ein scheunenartiges Haus hineingezogen wurde. Was da drinnen mit ihnen geschah, konnte der Junge nicht sehen, aber er hörte ein lautes Rasseln und Dröhnen, und auf der andern Seite des Hauses kamen kleine, mit weißen Brettern hochbeladene Wagen herausgerollt. Die Wagen fuhren auf blanken Schienen nach dem Zimmerplatz, wo die Bretter zu großen Stapeln aufgebaut waren, die ganze Straßen bildeten, gerade wie in einer Stadt die Häuser. An einer Stelle wurden neue Stapel gebaut, an einer andern die alten eingerissen und die Bretter auf zwei große Schiffe geladen, die schon ihrer Last harrten. Überall wimmelte es von Arbeitern, deren Häuser hinter dem Zimmerplatz lagen.

„Hier wird ja gearbeitet, daß schließlich der ganze Wald in Medelpad zusammengesägt werden wird,“ sagte der Junge.

Der Adler bewegte seine Flügel ein wenig, und sofort sah der Junge ein neues Sägewerk mit Sägemühle, Zimmerplatz, Hafen und Arbeiterwohnungen, das dem ersten ganz ähnlich sah.

„Hier ist noch eine von den großen Mühlen. Diese heißt die Bienenburg,“ sagte Gorgo.

„Ja, ich sehe wohl, der Wald gibt eine viel größere Ernte, als ich gedacht hatte,“ sagte Nils Holgersson. „Aber noch mehr solcher Holzmühlen gibt es doch wohl nicht?“

Der Adler bewegte nur ganz sachte die Flügel; er flog an einigen Sägewerken vorüber, und so gelangten sie rasch an eine große Stadt. Als der Adler hörte, daß der Junge fragte, was das wohl für eine Stadt sein könnte, rief er: „Dies ist Sundsvall. Das ist der Hauptplatz des Bezirks.“

Da mußte der Junge an die Städte drunten in Schonen denken, die gar so alt und grau und ernst aussahen. Hier oben im kalten Norden lag Sundsvall ganz drinnen in einer schönen Bucht und sah neu und vergnügt und strahlend schön aus. Von oben gesehen hatte die Stadt etwas überaus Lustiges, denn in der Mitte lag eine Gruppe schöner, hoher steinerner Häuser, die kaum in Stockholm ihresgleichen haben konnten; rings um diese hohen steinernen Gebäude her war ein freier Raum, und dann erst kam ein Kranz von Holzhäusern, die freundlich und gemütlich von kleinen Gärten umgeben dalagen, aber allem Anscheine nach sehr gut wußten, daß sie geringer waren als die steinernen Häuser und sich deshalb nicht ganz zu ihnen hinwagen dürften.

„Das ist ja eine sehr große, reiche Stadt,“ sagte der Junge. „Sollte der magere Waldboden dies alles hervorgebracht haben? Das ist aber doch wohl nicht möglich?“

Der Adler bewegte die Flügel und flog hinüber nach Alnön, das Sundsvall gerade gegenüber liegt. Hier konnte sich der Junge nicht genug verwundern über alle die vielen Sägewerke, die der Küste entlang lagen. Hier bei Alnön lagen sie dicht nebeneinander, und auf dem Festland gerade gegenüber lag auch Sägewerk neben Sägewerk, Zimmerplatz neben Zimmerplatz. Der Junge zählte mindestens vierzig, aber er glaubte, es seien noch mehr.

„Es ist doch recht merkwürdig, daß es hier oben so aussehen kann,“ sagte er. „So viel Leben und so viel Bewegung habe ich auf der ganzen Reise noch nirgends gesehen. Das ist doch ein wunderbares Land! Wohin ich auch kommen mag, überall gibt es etwas, wodurch sich die Menschen ihren Lebensunterhalt verschaffen können.“

42
Ein Morgen in Ångermanland

Das Brot

Samstag, 18. Juni

Als der Adler am nächsten Morgen eine Strecke weit nach Ångermanland hineingeflogen war, sagte er, heute sei er hungrig, er wolle sich etwas Nahrung verschaffen. Er setzte Nils Holgersson auf einer mächtigen Tanne ab, die auf einem hohen Felsen stand, und flog davon.

Der Junge machte sich einen guten Sitzplatz auf einem gegabelten Ast, und von da aus schaute er nach Ångermanland hinunter. Es war ein wunderschöner Morgen, die Sonne vergoldete die Baumwipfel, ein sanfter Wind strich wie liebkosend durch die Nadeln, und ein lieblicher Duft stieg aus dem Walde auf. Dem Jungen war froh und sorglos zumute; er dachte, niemand könnte es besser gehen als ihm.

Nach allen Seiten war die Aussicht offen, und er konnte frei umherschauen. Gegen Westen war das Land voller Felsenkuppen und Berggipfel, die in der Ferne immer höher und wilder wurden. Ostwärts war auch hügeliges Land; da aber senkte es sich und wurde niedriger, bis es sich drunten am Meere schließlich ganz flach hinzog. Überall blinkten Bäche und Flüsse, die, so lange sie zwischen den Bergen flossen, einen gar beschwerlichen Lauf mit vielen Stromschnellen und Wasserfällen hatten, sich aber ausbreiteten, glänzend hell und breit wurden, sobald sie sich der Küste näherten. Den Bottnischen Meerbusen konnte Nils Holgersson auch sehen. In der Nähe des Landes war er mit Inseln gespickt und in Landzungen ausgezackt, aber weiterhin lag die Wasserfläche dunkelblau glänzend da wie ein Sommerhimmel.

„Dieses Land sieht aus wie ein Flußufer, gleich nachdem es geregnet hat,“ dachte der Junge. „Viele kleine Bäche fließen heraus und graben Furchen in den Boden, die sich winden und hinschlängeln und ineinanderlaufen. Und es ist in der Tat ein recht schöner Anblick. Ich erinnere mich wohl, daß der alte Lappe auf Skansen immer sagte, der liebe Gott habe Schweden, als er es auf der Erde ausbreitete, verkehrt hingestellt. Die andern lachten ihn aus, aber er blieb bei seinem Ausspruch und sagte, wenn sie gesehen hätten, wie schön es da droben im Norden sei, dann würden sie wohl einsehen, daß es nicht von Anfang beabsichtigt gewesen sei, ein solches Land so abseits zu legen. Und ich glaube fast, darin hatte er recht.“

Nachdem sich der Junge an der Landschaft satt gesehen hatte, nahm er sein Ränzel ab, zog ein Stück feines Weißbrot heraus und begann zu essen.

„Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein so gutes Brot gegessen,“ sagte er. „Und wieviel ich noch habe! Das genügt noch für mehrere Tage. Gestern um diese Zeit hätte ich nicht geglaubt, daß ich heute im Besitz von solchem Reichtum sein würde.“

Während er lustig kaute und drauf los aß, dachte er daran, auf welche Weise er das Brot bekommen hatte.

„Es schmeckt mir gewiß auch deshalb so ausgezeichnet, weil ich es auf eine so schöne Weise erhalten habe,“ sagte er.

Schon am Abend vorher hatte der Königsadler Medelpad verlassen, und kaum hatte er die Grenze von Ångermanland erreicht, als der Junge ein Wiesental und einen Fluß erblickte, die an Schönheit und Größe alles andre, was er bisher gesehen hatte, übertrafen.

Das Tal lag ungeheuer breit zwischen den Bergen, und der Junge fragte sich, ob nicht am Ende dieses Tal in frühern Zeiten von einem andern Flusse, einem viel größern und breitern als dem jetzigen, ausgegraben worden sein könnte. Nachdem das Tal hergestellt gewesen war, mußte es durch irgendein Ereignis mit Sand und Erde verschüttet worden sein, zwar nicht vollständig, aber doch ein gutes Stück an dem Gebirge hinauf. Durch das Geröll hindurch hatte sich dann der jetzige Fluß, der sehr breit und wasserreich war, auch ein tiefes Bett gegraben. Er hatte seine Ufer wunderschön ausgeschnitten: bald umsäumten ihn Abhänge, die in roter, blauer und gelber Blumenpracht bis herauf zu dem Jungen leuchteten, bald ragten die felsigen Strecken, die dem Wasser zu hart zum Durchbrechen gewesen waren, wie steile Mauern und Türme am Flußufer auf.

Als der Adler den Jungen so hoch droben durch die Lüfte getragen hatte, war es diesem gewesen, als könne er zu gleicher Zeit in drei verschiedene Welten hineinschauen. Ganz drunten im Tale, wo der Fluß hinzog, war die eine Welt. Da wurden Balken fortgeflößt, da eilten Dampfboote von Brücke zu Brücke, da klapperten die Sägewerke, da wurden große Frachtschiffe beladen, da wurde der Lachs gefangen, da wurde gerudert und gesegelt, da flogen unzählige Schwalben, die ihre Nester in der Nähe des Ufers hatten, hin und her!

Aber ein Stockwerk höher, sozusagen zur ebenen Erde, die sich ganz bis an den Rand der Berge erstreckte, war die zweite Welt. Da lagen Gehöfte, Dörfer und Kirchen; da bestellten die Bauern ihre Felder, da weidete das Vieh, da grünten die Wiesen, da waren die Weiber in ihren kleinen Gemüsegärten eifrig an der Arbeit, da zogen sich die Landstraßen in vielen Krümmungen hin, da brauste die Eisenbahn einher!

Und dann, weit entfernt von all diesem, droben auf den waldbestandenen Höhen, da war die dritte Welt. Da lag das Weibchen des Auerhahns auf seinen Eiern, da stand der Elch im tiefen Waldesdunkel verborgen, da lauerte der Luchs, da knabberte das Eichhörnchen, da dufteten die Tannen, da blühten die Heidelbeeren, da schlug die Drossel ihre Triller!

Als Nils Holgersson das reiche Flußtal erblickte, fing er an, über Hunger zu klagen. „Nun habe ich seit zwei vollen Tagen nichts zu essen bekommen,“ sagte er, „und ich bin ganz ausgehungert.“

Gorgo war der Gedanke unerträglich, es könne nachher heißen, dem Jungen sei es bei ihm schlechter gegangen als bei den Wildgänsen, und er flog deshalb sogleich langsamer.

„Warum hast du das nicht früher gesagt?“ fragte er. „Du kannst so viel zu essen haben, wie du nur willst. Wenn du einen Adler als Reisekameraden hast, brauchst du nicht zu hungern.“

Gleich darauf gewahrte Gorgo einen Bauern, der drunten am Flusse ein Feld besäte. Das Saatkorn trug der Mann in einem Korbe vorn auf der Brust, und so oft der Korb leer war, holte er sich neuen Vorrat aus einem Sack, der drüben am Rande des Ackers stand. Der Adler vermutete mit Recht, daß dieser Sack mit dem Besten gefüllt sei, was sich der Junge nur wünschen könnte, und er ließ sich deshalb an dieser Stelle hinuntersinken.

Aber ehe der Adler den Boden erreicht hatte, entstand um ihn her ein entsetzlicher Lärm; in dem Glauben, der Adler wolle sich auf einen Vogel stürzen, kamen Krähen, Sperlinge und Schwalben mit lautem Geschrei eilig dahergeflogen.

„Weg, weg, du Räuber! Weg, weg, du Vogelmörder!“ schrien sie; und sie verführten einen solchen Spektakel, daß der Bauer aufmerksam wurde und herbeilief. Da war der Adler gezwungen, zu fliehen, und der Junge hatte auch nicht ein einziges Körnchen bekommen.

Diese kleinen Vögel hatten sich zu sonderbar benommen; nicht genug, daß sie den Adler in die Flucht zwangen, sie verfolgten ihn auch noch eine gute Strecke das Tal entlang. Und überall wurden die Leute auf das laute Vogelgeschrei aufmerksam; die Weiber liefen vor die Häuser heraus und klatschten so laut in die Hände, daß es wie Gewehrsalven klang, und die Männer kamen mit der Flinte in der Hand herbeigelaufen.

Und so ging es jedesmal, sobald sich der Adler auf die Erde hinabsinken ließ. Der Junge hatte die Hoffnung, der Adler werde ihm etwas Nahrung verschaffen können, schon aufgegeben. Ach, er hatte bis jetzt gar nicht gewußt, wie verhaßt und verabscheut Gorgo war! Dieser tat dem Jungen herzlich leid, und er meinte fast, es geschähe ihm unrecht.

Nach einer Weile flogen sie über einen schönen Bauernhof hin, wo die Hausfrau offenbar großen Backtag gehabt hatte. Die frischgebackenen Weißbrote standen zum Abkühlen auf dem Hofplatz, und die Bäuerin selbst stand zur Aufsicht daneben, damit weder Hund noch Katze eines davon stibitze.

Der Adler hätte sich auf den Hof hinabsinken lassen können; aber vor den Augen der Bäuerin wagte er die Brote nicht anzugreifen. Ratlos flog er hin und her; ein paarmal war er schon dicht über dem Schornstein, flog aber jedesmal wieder in die Höhe.

Jetzt gewahrte die Bäuerin den Adler; sie hob den Kopf und sah ihm nach.

„Wie sonderbar dieser Vogel sich benimmt!“ sagte sie. „Ich glaube gar, er möchte eines von meinen Brötchen.“

Es war eine sehr schöne Frau, groß und blondhaarig, mit einem offenen, fröhlichen Gesicht. Sie lachte herzlich, nahm eines der Brötchen von der Platte und hielt es hoch über ihrem Kopf empor. „Wenn du es willst, dann hol es dir!“ rief sie.

Der Adler konnte nicht verstehen, was sie sagte; aber er war sich doch sogleich klar darüber, daß sie ihm das Brot geben wollte. Blitzschnell schoß er hinunter, schnappte ihr das Brot aus der Hand und schoß wieder in die Luft hinauf.

Als der Junge den Adler das Brot ergreifen sah, traten ihm die Tränen in die Augen; einerseits aus Freude, weil er nun mehrere Tage lang nicht zu hungern brauchte, andrerseits aber, weil er tief gerührt war, daß die Bäuerin ihr Brot mit einem wilden Raubvogel geteilt hatte.

Und während Nils Holgersson nun hier in dem Tannenwipfel saß, konnte er sich, sobald er nur wollte, das Bild der großen, blondhaarigen Frau ins Gedächtnis zurückrufen; er sah sie ganz deutlich vor sich, wie sie auf dem Hofplatz stand und das Brot in die Höhe hob. O, sie hatte ohne Zweifel gewußt, daß der große Vogel ein Königsadler war, ein Räuber, den die Leute sonst mit scharfen Schüssen begrüßen, und sie hatte wohl auch das sonderbare Wesen bemerkt, das der Adler auf dem Rücken trug; aber sie hatte nicht erst lange gefragt, wer die beiden waren; sobald sie begriff, daß sie hungrig waren, hatte sie ihnen von ihrem guten Brot mitgeteilt!

„Wenn ich einmal wieder ein Mensch bin,“ dachte der Junge, „dann mache ich mich auf den Weg und suche die schöne Bäuerin an dem großen Flusse auf, um ihr dafür zu danken, daß sie so gut gegen uns gewesen ist.“

Der Waldbrand

Während Nils Holgersson noch mit seinem Frühstück beschäftigt war, wehte ihm plötzlich von Norden her ein schwacher Brandgeruch entgegen. Er wendete sich gleich nach dieser Seite und sah von einem der bewaldeten Hügel eine ganz dünne Rauchsäule aufsteigen, und zwar nicht von dem ihm am nächsten liegenden, sondern von einem aus der dahinter aufragenden Hügelkette. Dieser Rauch, der da mitten aus dem wilden Walde aufstieg, machte den Jungen stutzig; aber dann dachte er, es könne ja möglicherweise dort eine Sennhütte sein, und die Sennerinnen seien beim Kaffeekochen.

Aber es war doch sonderbar, wie sehr der Rauch zunahm und wie er sich immer weiter ausbreitete! Von einer Sennhütte konnte er nicht aufsteigen; aber vielleicht waren dort Kohlenbrenner bei ihren Meilern. Auf Skansen hatte der Junge eine Kohlenbrennerhütte und einen Kohlenmeiler gesehen, und er hatte auch gehört, daß in diesen Wäldern hier an verschiedenen Orten Kohlen gebrannt würden. Aber eigentlich hatten Kohlenbrenner doch nur im Frühjahr und im Winter brennende Meiler!

Der Rauch nahm mit jedem Augenblick zu; jetzt wogte er über den ganzen Hügel hin. Ein Kohlenmeiler konnte nicht so viel Rauch hervorbringen, das war ausgeschlossen. Irgendwo mußte ein Brand sein; der Junge sah auch eine Menge Vögel aufsteigen und nach dem nächsten Hügel hinüberfliegen. Habichte und Auerhähne und andre kleine Vögel, die der Junge aus dieser Entfernung nicht erkennen konnte, flüchteten sich vor dem Brande.

Aus der kleinen weißen Rauchsäule war jetzt eine schwere weiße Wolke geworden, die sich am Hügelrand hinwälzte und von da ins Tal hinabsenkte. Aus der Wolke heraus flogen Funken und Rußflocken, und ab und zu leckte auch eine rote Flamme durch den Rauch. Dort drüben mußte sicher eine gewaltige Feuersbrunst ausgebrochen sein! Aber was in aller Welt brannte denn dort? Es konnte doch unmöglich ein Bauernhof so tief drinnen im Walde versteckt liegen?

Und bei einer solchen Feuersbrunst, wie die da drüben, hätte sicher auch mehr als ein Hof brennen müssen. Jetzt wallte der Rauch nicht nur von dem Hügel auf; nein, auch aus dem Tale drunten, das der Junge zwar nicht sehen konnte, weil es von dem nächsten Hügel verdeckt war, stiegen große Rauchmassen auf. Es war nicht anders möglich, der Wald selbst mußte in Brand geraten sein.

Der Junge konnte sich fast nicht vorstellen, daß der frische grüne Wald in Brand geraten könnte. Und doch mußte es so sein! Aber wenn nun der Wald dort drüben wirklich brannte, dann konnte das Feuer ja bis zu ihm herüberdringen! „Sehr wahrscheinlich ist dies zwar nicht, aber es wäre mir doch recht angenehm, wenn der Adler jetzt bald käme,“ dachte der Junge. „Wenn ich doch nur von hier fort wäre!“ Schon allein der Brandgeruch, den er bei jedem Atemzug einatmen mußte, war ihm unerträglich.

Plötzlich erklang ringsum ein entsetzliches Knattern und Dröhnen. Es kam von dem nächsten Hügel her. Ganz oben auf dem Gipfel stand eine ebenso hohe Tanne wie die, auf der Nils Holgersson saß. Sie war sehr hoch und ragte über alle andern hinaus. Vorhin war sie von der Morgensonne rot beleuchtet gewesen, jetzt glühten alle ihre Nadeln wie auf einen Schlag, und sie fing Feuer. So schön war sie noch niemals gewesen; aber dies war das letztemal, wo sie ihre Schönheit zeigen konnte. Sie war der erste Baum auf diesem Hügel, der Feuer fing, und der Junge konnte gar nicht begreifen, wie es zugegangen war. War das Feuer auf roten Schwingen dahergeflogen gekommen? Oder war es zischend an der Erde hingekrochen wie eine Schlange? Das war nicht leicht zu entscheiden, jedenfalls war es nun da; der ganze Baum loderte hell auf wie ein Haufen Reisig.

Da, da! Jetzt schlug der Rauch an verschiedenen Stellen auf dem Hügel zugleich heraus! Der Waldbrand war Vogel und Schlange zugleich; er konnte sich ebensogut weit durch die Luft schwingen wie an der Erde hinkriechen; er entzündete den ganzen Waldhügel auf einen Schlag.

Nun entstand eine wahre Panik; die Vögel flohen in wilder Eile. Wie große Rußflocken flatterten sie aus dem Rauche heraus, flogen quer übers Tal hin und auf den Hügel, wo sich der Junge befand. Ein Uhu ließ sich neben dem Jungen nieder, und gerade über ihm setzte sich ein Habicht auf einen Zweig. Zu jeder andern Zeit wären dies gefährliche Nachbarn gewesen; aber jetzt beachteten die Vögel den Jungen gar nicht. Sie starrten nur in das Feuer hinein und konnten offenbar durchaus nicht begreifen, was dort im Walde vorging. Ein Marder lief auch auf den Baum herauf; er stellte sich auf die äußerste Spitze eines Zweiges und schaute unverwandt zu dem brennenden Waldhügel hinüber. Dicht neben dem Marder saß ein Eichhörnchen; aber die beiden schienen einander gar nicht zu sehen.

Jetzt jagte das Feuer den Abhang herunter. Es zischte und dröhnte wie ein brausender Sturm. Durch den Rauch hindurch konnte man die Flammen von Baum zu Baum züngeln sehen. Ehe eine Tanne in Brand geriet, wurde sie zuerst in eine dünne Rauchwolke wie in einen Schleier gehüllt, dann wurden mit einem Schlag alle ihre Nadeln rot, und dann begann sie zu knistern und zu brennen.

Drunten im Tal vor dem Hügel floß ein kleiner von Erlen und Birken umsäumter Bach. Es sah aus, als müsse das Feuer hier Halt machen. Die Laubholzbäume gerieten nicht so rasch in Brand wie die Nadelhölzer. Hier stand das Feuer wie vor einer Mauer und konnte nicht weiter. Es glühte und sprühte und versuchte, nach dem Nadelwald auf der andern Seite des Baches hinüberzuspringen; aber es gelang ihm nicht.

Für eine Weile war das Feuer zum Stillstand gebracht; doch jetzt leckte eine lange Feuerzunge hinüber nach einer hohen, abgestorbenen Fichte, die unten am Abhang wuchs; sofort stand auch der ganze Baum in heller Lohe, und damit war das Feuer über den Bach herübergekommen. Die Hitze war überaus stark; jeder Baum am ganzen Abhang war in größter Gefahr: er konnte im nächsten Augenblick in Brand geraten. Und mit solchem wilden Brausen und Donnern, wie es nur der heftigste Sturm oder der wildeste Wasserfall hervorbringt, jagte das Feuer jetzt den jenseitigen Hügel hinauf.

Da breiteten der Habicht und der Uhu die Flügel aus und flogen davon. Der Marder schoß von dem Baum hinunter. Allem Anscheine nach dauerte es jetzt nicht mehr lange, bis das Feuer diese Tanne ergriff, und der Junge mußte machen, daß er herunterkam. Aber es war nicht so leicht für ihn, an dem hohen, geraden Stamm der Tanne hinabzuklettern; er klammerte sich an, so gut es ging, und ließ sich so von einem Zweig zum andern hinuntergleiten, und schließlich stürzte er schwer zu Boden. Aber er hatte keine Zeit, sich zu überzeugen, ob er sich verletzt hatte. Nur fort, fort! Das war die Losung. Wie ein zischender Blitz schlug das Feuer in die Tanne, der Erdboden darunter war glühend heiß und begann zu rauchen. Auf der einen Seite von dem Jungen lief ein Luchs, auf der andern ringelte sich eine lange Kreuzotter, und ganz dicht neben der Kreuzotter kluckte eine Auerhenne, die mit ihren kleinen flaumigen Jungen davoneilte.

Als die Flüchtlinge den Abhang hinuntergekommen waren und das Tal erreicht hatten, trafen sie mit Menschen zusammen, die ausgezogen waren, das Feuer zu löschen. Sie waren gewiß schon lange hier am Werke gewesen; aber der Junge hatte so fortgesetzt nach der Seite gestarrt, woher das Feuer kam, daß er sie nicht früher wahrgenommen hatte. Auch durch dieses Tal floß ein dicht mit Laubhölzern umsäumter Bach, und hinter diesen Bäumen arbeiteten die Leute. Sie fällten die den Erlen zunächststehenden Nadelhölzer, holten Wasser aus dem Bach, schütteten es aufs Erdreich und rissen Heidekraut und Maiblumenstöcke heraus, damit sich das Feuer keinen Weg durch das Gestrüpp bahnen könnte.

Auch diese Leute dachten an nichts andres als an den Waldbrand, der sich ihnen entgegenwälzte. Die fliehenden Tiere liefen ihnen zwischen den Beinen durch; aber sie kümmerten sich gar nicht darum. Sie schlugen nicht nach der Kreuzotter, machten keinen Versuch, die Auerhenne zu fangen, während sie mit ihren kleinen piependen Jungen am Bachufer hin und her lief; ja sie beachteten nicht einmal den Däumling. Sie standen da und hielten große Tannenzweige in den Händen, die sie vorher in den Bach getaucht hatten und offenbar als Waffen gegen das Feuer benützen wollten. Es waren nicht besonders viele Leute, und es war ein merkwürdiger Anblick, wie sie so ganz ruhig zum Kämpfen bereit dastanden, während alles andre, was Leben hatte, entfloh.

Als sich das Feuer mit lautem Dröhnen und Krachen, mit unerträglicher Hitze und erstickendem Rauch den Hügel herabwälzte und ohne einen Augenblick anzuhalten, Miene machte, über den Bach mit seiner Mauer aus grünen Bäumen nach dem andern Ufer hinüberzuspringen, wichen die Menschen zuerst unwillkürlich zurück, als wenn sie es nicht mehr hier aushalten könnten. Aber sie flohen nicht weit, sondern kehrten wieder um.

Jetzt lief der Waldbrand mit wilder Gewalt Sturm. Die Funken sprühten und ergossen sich wie ein Feuerregen über die Laubholzbäume. Lange, feurige Zungen schlugen zischend aus dem Rauch heraus, als wenn der Wald auf der andern Seite sie anzöge.

Aber die Laubholzbäume hielten das Feuer auf, und unter ihnen arbeiteten die Menschen. Wo die Erde zu rauchen anfing, trugen sie in Eimern Wasser herbei und kühlten sie ab. Wenn ein Baum in Rauch eingehüllt wurde, hieben sie mit gewaltigen Axtschlägen drauf los, stürzten ihn um und löschten die Flammen. Wo das Feuer im Heidekraut glimmte, schlugen sie mit den nassen Tannenzweigen darauf und erstickten es.

Der Rauch war jetzt so dicht, daß er alles einhüllte. Man konnte nicht sehen, wie der Kampf sich entwickelte; aber es war wohl zu merken, welch ein harter Kampf es war, und mehrere Male war es gewiß nahe daran, daß das Feuer den Sieg davongetragen hätte.

Aber gottlob, nach einer guten Weile nahm das laute Krachen und Dröhnen des verheerenden Feuers ab, und der Rauch verteilte sich! Da hatten die Laubholzbäume alle ihre Blätter verloren, das Erdreich darunter war vollständig versengt, die Menschen waren vom Rauch geschwärzt und in Schweiß gebadet, aber der Waldbrand war überwältigt, er flammte nicht mehr. Weiß und weich glitt jetzt der Rauch am Boden hin, und eine Menge schwarze Stämme tauchte aus ihm auf. Das war alles, was von dem prächtigen Wald noch übrig war.

Der Junge war auf einen Steinblock hinaufgeklettert und hatte von da dem Kampfe der Menschen mit dem Feuer zugesehen. Aber jetzt, wo der Wald gerettet war, begann für ihn die Gefahr; der Uhu und der Habicht richteten plötzlich ihre Augen auf ihn.

Doch in diesem Augenblick hörte der Junge eine ihm wohlbekannte Stimme seinen Namen rufen. Der Königsadler Gorgo kam durch den Wald heruntergesaust. Und bald wiegte sich der Junge von aller Gefahr erlöst hoch in den Lüften.

43
Västerbotten und Lappland

Die fünf Kundschafter

Während Nils Holgersson auf Skansen war, saß er einmal unter der Treppe des Bollnäshauses und hörte da, wie Klement Larsson und der alte Lappe sich miteinander über Lappland unterhielten. Sie stimmten ganz miteinander überein, daß Norrland der beste Teil von ganz Schweden sei; aber Klement Larsson gefiel die Gegend südlich vom Ångermanfluß am besten, während der Lappe behauptete, die nördlich von diesem Fluß liegenden Landschaften seien die wichtigsten.

Im Laufe des Gesprächs kam es aber heraus, daß Klement nie höher droben gewesen war als in Härnösand, und da konnte der Lappe das Lachen nicht unterdrücken, weil er sich mit so großer Bestimmtheit über Gegenden aussprach, die er nie gesehen hatte.

„Ich sehe schon, Klement, ich muß dir eine Geschichte erzählen, aus der du ersehen kannst, wie es in Västerbotten und Lappland, in dem großen Sameland aussieht, wo du noch nie gewesen bist,“ sagte er.

„Von mir kann gewiß niemand sagen, daß ich eine Geschichte ausgeschlagen hätte, ebensowenig wie man von dir sagen könnte, du sagtest jemals nein zu einer Tasse Kaffee,“ antwortete Klement.

Und dann begann der alte Lappe seine Geschichte.

„So höre denn, Klement! Einmal geschah es, daß die Vögel, die drunten in Schweden südlich von dem alten Sameland wohnten, meinten, sie säßen zu eng aufeinander und könnten sich nicht mehr ausbreiten. Deshalb beschlossen sie, nordwärts zu ziehen.

Sie versammelten sich und hielten Rat. Die Jungen und Ungeduldigen wollten sogleich aufbrechen; aber die Alten und Klugen bestanden darauf, daß zuerst Kundschafter ausgesandt würden, die das Land erforschen sollten.

‚Jede von den fünf großen Vogelscharen soll einen Kundschafter ausschicken,‘ sagten die Weisen, ‚damit wir alle zuvor erfahren, ob wir da droben auch gute Brutstätten, Nahrung und Schlupfwinkel finden können.‘

Da wählten die fünf großen Vogelscharen sogleich fünf gute kluge Vögel aus. Die Waldvögel einen Auerhahn, die Vögel der Ebene eine Lerche, die Seevögel eine Fischmöwe, die Süßwasservögel eine Lumme und die Bergvögel einen Schneesperling.

Als diese fünf die Reise antreten sollten, sagte der Auerhahn, der größte und gebieterischste von diesen fünf: ‚Was da vor uns liegt, sind sehr große Länderstrecken. Wenn wir zusammen reisen, dauert es überaus lange, bis wir über das ganze Gebiet, das wir untersuchen sollen, hingeflogen sind. Fliegt aber jeder von uns für sich allein und untersucht seinen Teil des Landes, dann kann unsre ganze Aufgabe in ein paar Tagen vollendet sein.‘

Die vier andern Kundschafter waren mit diesem Vorschlag einverstanden und richteten sich danach. Sie einigten sich dahin, daß der Auerhahn den mittelsten Teil des Landes untersuchen sollte; die Lerche sollte eine Strecke östlicher fliegen, die Fischmöwe noch weiter gegen Osten, da wo das Land ins Meer abfällt; die Lumme übernahm es, weiter westlich zu fliegen als der Auerhahn, und der Schneesperling sollte am weitesten westlich, ganz an der Landesgrenze hinfliegen.

In dieser Ordnung flogen die fünf Vögel gen Norden, so weit als das Festland reichte. Dann drehten sie um und kehrten wieder heim und erzählten den versammelten Vögeln, was sie gesehen hatten.

Die Fischmöwe, die dem Meeresufer entlang geflogen war, ergriff zuerst das Wort.

‚Da droben im Norden ist ein gutes Land,‘ sagte sie. ‚Es besteht aus einer einzigen Reihe von Schären; überall sind fischreiche Sunde und bewaldete Landzungen und Inseln, von denen die meisten unbewohnt sind, und die Seevögel finden dort überall ausgezeichnete Brutplätze. Die Menschen treiben ein wenig Fischfang und Seefahrt in den Sunden, aber nicht so viel, daß es uns Vögel stören könnte. Wenn die Seevögel meinem Rat folgen, dann ziehen sie sogleich gen Norden.‘

Nach der Fischmöwe begann die Lerche, die das Land innerhalb der Küste untersucht hatte.

‚Ich verstehe nicht, was die Möwe da von Landzungen und Inseln behauptet,‘ sagte sie. ‚Ich habe nichts weiter gesehen als große Felder und wunderschöne blühende Wiesen. In meinem ganzen Leben hab ich noch nie ein Land gesehen, das von so vielen großen Flüssen durchschnitten gewesen wäre; es war eine wahre Freude, zu sehen, wie diese Ströme mit ihren gewaltigen Wassermassen so ruhig und gleichmäßig durch die Ebene hinzogen. An den Ufern liegen die Bauernhöfe so dicht wie die Häuser an einer Straße, und an den Flußmündungen sind Städte, sonst aber ist das Land sehr einsam und nur spärlich bewohnt. Wenn die Vögel der Ebene meinem Rat folgen, ziehen sie sogleich nordwärts.‘

Nach der Lerche kam der Auerhahn an die Reihe, der in der Mitte des Landes geflogen war.

‚Ich begreife weder, was die Lerche mit ihren Wiesen, noch was die Fischmöwe mit ihren Schären will,‘ sagte er. ‚Ich habe auf der ganzen Reise nichts andres gesehen als Tannen- und Fichtenwälder, eine Menge großer Moore und viele rauschende, brausende Flüsse; aber alles, was nicht Moor oder Fluß war, war dunkler Wald, und ich habe keine Felder und keine menschlichen Wohnungen gesehen. Wenn die Waldvögel meinem Rat folgen wollen, ziehen sie sogleich nordwärts.‘

Nach dem Auerhahn berichtete die Lumme, die den Landstrich auf der andern Seite der Wälder untersucht hatte.

‚Ich begreife nicht, wo die Lerche und die Fischmöwe ihre Augen gehabt haben,‘ sagte die Lumme. ‚Es ist ja fast gar kein Erdreich da droben. Nichts als große Seen. Zwischen schönen Ufern blinken dunkelblaue Bergseen, die sich da und dort zu brausenden Wasserfällen erweitern. An einigen dieser Seen habe ich Kirchen und Dörfer gesehen, aber andre lagen ganz einsam und friedlich da. Wenn die Süßwasservögel meinem Rat folgen, dann ziehen sie sogleich nordwärts.‘

Zum Schluß gab der Schneesperling, der an der Landesgrenze hingeflogen war, seine Meinung preis.

‚Ich begreife nicht, was die Lumme mit ihren Seen will, und es ist mir auch ganz unverständlich, was der Auerhahn, die Lerche und die Fischmöwe für ein Land gesehen haben wollen,‘ sagte er. ‚Ich habe da droben im Norden ein großes Gebirgsland gefunden. Nirgends traf ich Ebenen und ebensowenig große Wälder, dagegen Berggipfel um Berggipfel, Felsengegend an Felsengegend. Und ich habe Eisfelder und Schnee gesehen, sowie Gebirgsbäche, deren Wasser milchweiß waren. Keine Felder, keine Wiesen, so weit das Auge reichte, nur große mit Weiden, Zwergbirken und Renntiermoos bedeckte Halden. Keine Bauern, keine Haustiere, keine Höfe habe ich angetroffen, aber Lappen, Renntiere und Lappenzelte. Wenn die Gebirgsvögel meinem Rate folgen, ziehen sie sogleich nordwärts.‘

Nachdem die fünf Kundschafter also gesprochen hatten, schalten sie einander und nannten sich gegenseitig Lügner, und sie waren schon im Begriff, aufeinander loszufahren, um die Wahrheit ihrer Worte mit einem Kampfe auszufechten. Aber die alten, klugen Vögel, die die Kundschafter ausgeschickt und mit großer Freude vernommen hatten, was diese berichteten, beruhigten die Kampflustigen.

‚Streitet euch nicht!‘ sagten sie. ‚Soviel haben wir aus euren Worten vernommen, daß da droben im Norden ein gutes Gebirgsland und ein großes Seenland und ein großes Waldland und ein großes ebenes Land und große Schären sind. Das ist mehr, als wir erwartet hatten, ja, viele große Königreiche können sich nicht rühmen, dies alles innerhalb ihrer Grenzen zu besitzen.‘“

Das wandernde Land

Samstag, 18. Juni

Jetzt, wo Nils Holgersson selbst über das Land hinflog, von dem der Lappe erzählt hatte, fiel ihm diese Geschichte wieder ein. Der Adler hatte ihm gesagt, der flache Küstenstrich, der sich da unter ihnen ausbreitete, sei Västerbotten, und die blauenden Höhen ganz draußen im Westen seien Lappland.

Ach, wie glücklich war Nils Holgersson, daß er jetzt nach all der Angst, die er während des Waldbrandes ausgestanden hatte, wohlbehalten wieder auf Gorgos Rücken saß! Dieses Gefühl war an und für sich schon beglückend, aber die Reise selbst war jetzt auch wunderbar schön. Am Morgen war der Wind aus Norden gekommen, jetzt hatte er sich gewendet, die Reisenden hatten ihn im Rücken, und deshalb spürten sie ihn gar nicht. Da auch der Adler ganz gleichmäßig flog, glaubte der Junge bisweilen, dieser stehe ganz still, und er schlage nur immerfort mit den Flügeln, ohne vom Flecke zu kommen. Statt dessen aber schien unter ihm alles in Bewegung zu sein. Der ganze Erdboden und alles, was darauf war, glitt langsam südwärts. Wälder, Häuser, Wiesen, Zäune, Flüsse, Ortschaften, Schäreninseln, Sägewerke, alles war auf der Wanderschaft! Der Junge überlegte, wohin alle miteinander nur wollten? Waren sie es müde geworden, so lange da droben im Norden zu stehen, und wollten sie nun südwärts ziehen?

Zwischen allem diesem, das sich bewegte und gen Süden wanderte, stand nur eins still, nämlich ein Eisenbahnzug. Er hielt gerade unter den beiden, die da droben durch die Lüfte flogen, und es ging dem Zuge genau wie Gorgo: er konnte nicht vom Flecke kommen. Die Lokomotive spie Rauch und Funken aus, der Junge konnte bis zu sich herauf hören, daß die Räder laut auf den Schienen rasselten, aber der Zug selbst bewegte sich nicht. Die Wälder glitten an ihm vorüber, die Bahnwärterhäuschen glitten vorüber, die Schlagbäume und die Telegraphenstangen glitten vorüber, aber der Zug stand still. Ein breiter Fluß mit einer langen Brücke über sich floß ihm entgegen; aber der Fluß und die Brücke glitten ohne jegliche Schwierigkeit unter dem Zuge durch. Schließlich kam ein Bahnhof dahergelaufen. Der Stationsvorsteher stand mit seiner roten Fahne in der Hand auf dem Bahnsteig und glitt langsam zu dem Zuge hin. Als er seine Fahne schwang, stieß die Lokomotive noch schwärzere Rauchwirbel heraus als vorher und pfiff jämmerlich, wie wenn sie sich darüber beklagte, daß sie nicht vorwärts kommen könne. Aber in demselben Augenblick setzte sich der Zug in Bewegung und, gerade wie der Bahnhof und alles andre, glitt jetzt auch er südwärts dahin. Der Junge sah, wie die Wagentüren aufgemacht wurden und die Reisenden ausstiegen, während doch alle beide, die Reisenden mitsamt dem Zuge, sich in südlicher Richtung weiter bewegten. Aber jetzt wendete Nils Holgersson seine Blicke von der Erde ab und versuchte geradeaus zu schauen. Der Anblick dieses wunderbaren Eisenbahnzuges hatte ihn ordentlich schwindlig gemacht.

Doch nachdem er eine Weile eine kleine weiße Wolke angestarrt hatte, wurde ihm diese Unterhaltung langweilig, und er schaute wieder hinunter. Immer noch war es, als halte sich der Adler ganz ruhig in den Lüften, während alles andre südwärts davon eilte. Als nun der Junge so auf dem Rücken des Adlers saß und sich mit nichts anderm unterhalten konnte als mit seinen eignen Gedanken, machte es ihm Spaß, sich auszudenken, wie es wäre, wenn ganz Västerbotten in Bewegung käme und gen Süden zöge. Ei der Tausend, wenn nun der Acker dort, der da unter ihm hinglitt – er war wohl eben erst eingesät, denn nirgends war ein grünes Hälmchen zu sehen – hinunter auf die Südebene in Schonen fahren würde, wo der Roggen um diese Zeit schon Ähren trug!

Die Nadelwälder hatten sich da oben verändert. Die Bäume standen weit auseinander, mit kurzen Zweigen und fast schwarzen Nadeln. Viele Bäume hatten verdorrte Wipfel und sahen krank aus. Die Erde unter ihnen war mit alten Stämmen bedeckt, die wegzuschaffen niemand sich die Mühe gegeben hatte. Wie, wenn nun so ein Wald so weit hinunterkäme, daß er den Kolmården sehen könnte? Wie ärmlich müßte er sich dann vorkommen!

Und der Garten, den er jetzt gerade unter sich sah! Es waren schöne Bäume darin, aber weder Obstbäume, noch edle Linden oder Kastanien, nur Vogelbeeren und Birken. Es war auch schönes Gebüsch darin, aber kein Goldregen und Flieder, nur Faulkirschen und Holunder. Auch Gemüsebeete sah der Junge, aber die waren bis jetzt weder umgegraben noch angepflanzt. Wie, wenn nun so ein Gütchen an einem Herrschaftsgarten in Sörmland angefahren käme? Da würde es sich selbst gewiß nur für eine Einöde halten!

Oder diese Wiese dort, die mit so vielen kleinen grauen Scheunen bedeckt war, daß man hätte meinen können, die Hälfte des Bodens sei zu Bauplätzen verwendet worden! Wenn sie hinunterzöge nach der Ostgötaebene, würden die Bauern da drunten wahrlich große Augen machen!

Aber wenn das große Moorland, das jetzt unter ihm lag und ganz mit Fichten bestanden war, die aber nicht wie in gewöhnlichen Wäldern aufrecht und gerade wuchsen, sondern sich mit buschigen Zweigen und üppigen Kronen in hübschen Gruppen auf dem schönsten Teppich von Renntiermoos aufgestellt hatten, wenn dieses Moorland den Weg hinunter nach Övedskloster einschlüge, dann würde der prächtige Park dort einräumen müssen, daß nun seinesgleichen gefunden sei.

Wie, wenn die hölzerne Kirche dort unter ihm, mit den roten Holzschindeln an den Wänden, mit dem bunt bemalten Glockenturm und einem ganzen Städtchen von grauen Kirchenhütten um sich her, in denen die Familien, die weit her kamen, übernachteten, an einer der großen fest gemauerten Kirchen auf der Insel Gotland vorübergezogen käme? Die würden einander ordentlich etwas zu erzählen haben!

Aber der Stolz und die Ehre der ganzen Landschaft waren die gewaltigen dunkeln Flüsse mit ihren prächtigen Tälern, diesen Tälern mit ihren vielen Höfen, ihrer Menge Bauholz, ihren Sägewerken, ihren Dörfern und mit dem großen Gewimmel von Dampfschiffen an den Mündungen! Wenn solch ein Fluß sich weiter drunten im Land zeigen würde, dann würden alle Flüsse und Bäche südlich vom Dalälf vor lauter Scham in die Erde versinken!

Und wie, wenn so eine ungeheuer große Ebene, eine so gut gelegene, so leicht zu bebauende Ebene vor die Augen der armen Smålandbauern herangeglitten käme? Da würden sie von ihren kleinen Äckerchen und ihren steinigen Wiesen daherlaufen und eifrig zu graben und zu bebauen anfangen!

Und seht, an einem war diese Landschaft reicher als alle andern, nämlich an Licht. Die Kraniche schliefen stehend auf den Mooren; die Nacht mußte angebrochen sein, aber das Licht war nicht verschwunden. Die Sonne war nicht südwärts gezogen wie alles andre. Dagegen war sie jetzt so weit nördlich gewandert, daß sie dem Jungen mit geraden Strahlen ins Gesicht schien. Und sie hatte es offenbar gar nicht im Sinne, hinter den Horizont hinabzutauchen. Wie, wenn dieses Licht und diese Sonne in Westvemmenhög scheinen würden? Das würde dem Häusler Holger Nilsson und seiner Frau gefallen, ein Arbeitstag, der vierundzwanzig Stunden dauerte!

Der Traum

Sonntag, 19. Juni

Nils Holgersson hob den Kopf und schaute sich plötzlich hell wach um. Das war doch merkwürdig! Hier lag er und hatte an einem Orte geschlafen, wo er noch nie gewesen war. Nein, dieses Tal hier, in dem er lag, hatte er gewiß noch nie gesehen, und ebensowenig die Berge, die es umgaben. Er erkannte den runden See nicht, der mitten im Tale lag, und noch niemals hatte er so ärmliche, verkrüppelte Birken gesehen wie die, unter denen er ruhte.

Und wo war der Adler? Er konnte ihn nirgends entdecken. Gorgo mußte ihn verlassen haben. Welch ein Abenteuer!

Der Junge legte sich wieder auf den Boden nieder, schloß die Augen und versuchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, wie alles vor seinem Einschlafen gewesen war.

Er erinnerte sich, daß es ihm, während sie über Västerbotten hingeflogen waren, die ganze Zeit gewesen war, als ob der Adler ganz ruhig in der Luft droben auf ein und demselben Flecke verbliebe, während das Land unter ihnen gen Süden zog. Aber dann hatte sich der Adler nordwestwärts gewandt, und in demselben Augenblick hatte das Land drunten stillgestanden, und der Junge hatte gefühlt, daß der Adler ihn mit Windeseile davontrug.

„Jetzt fliegen wir nach Lappland hinein,“ sagte Gorgo. Und sofort beugte sich der Junge weit vor, um die Landschaft zu sehen, von der er so viel gehört hatte.

Aber er fühlte sich ziemlich enttäuscht, denn er sah nichts als große Wälder und weite Moore. Nichts als Wald und Moor, Moor und Wald, bis ins Unendliche. Die große Einförmigkeit machte ihn schließlich so schläfrig, daß er beinahe hinuntergestürzt wäre.

Da sagte er zu dem Adler, er könne nicht länger auf dessen Rücken sitzen bleiben, er müsse durchaus ein wenig schlafen. Sofort ließ sich Gorgo ins Tal hinuntersinken, und der Junge warf sich ins Moos; aber dann nahm ihn Gorgo zwischen seine Klauen und schwang sich wieder mit ihm in die Luft hinauf.

„Schlaf du nur, Däumling!“ rief er. „Mich hält der Sonnenschein wach, und ich will die Reise fortsetzen.“

Und obgleich der Junge sehr unbequem zwischen den Klauen des Adlers hing, schlief er wirklich ein, und während er schlief, hatte er einen Traum.

Es war ihm, als sei er auf einer breiten Straße drunten im südlichen Schweden, und als laufe er da so schnell vorwärts, wie seine kleinen Beine ihn nur zu tragen vermochten. Er war jedoch nicht allein: eine Menge Wanderer zog denselben Weg. Dicht neben ihm marschierten Roggenhalme mit schweren Ähren an der Spitze, blaue Kornblumen und andre bunte Feldblumen; die Apfelbäume keuchten unter der Last ihrer Früchte daher, hinter ihnen kamen die Bohnen und Erbsen mit vollen Bälgen, große Büsche Wucherblumen und ein ganzes Buschwerk von Beerensträuchern. Große Laubholzbäume, Buchen, Eichen und Linden schritten in aller Ruhe in der Mitte der Straße; stolz rauschten ihre Kronen, und sie gingen niemand aus dem Wege. Die kleinen Pflanzen liefen dem Jungen zwischen den Beinen durch: Erdbeerstöcke, Anemonen, Löwenzahn, Klee und Vergißmeinnicht. Zuerst meinte der Junge, es seien lauter Pflanzen, die auf dem Wege dahinzogen, aber bald entdeckte er, daß auch Tiere und Menschen dazwischen waren. Die Insekten summten zwischen den vorwärtsstrebenden Pflanzen, in den Gräben schwammen Fische, auf den dahinwandernden Bäumen sangen die Vögel, zahme und wilde Tiere liefen um die Wette mit; und mitten zwischen all diesem Gewimmel wanderten Menschen daher, die einen trugen Spaten und Sensen, andre Äxte, wieder andre Flinten und einige Fischgeräte.

Der Zug wanderte fröhlich und lustig dahin, und das verwunderte den Jungen gar nicht, als er sah, wer ihn führte. Denn das war niemand geringeres als die Sonne selbst. Diese rollte auf der Straße vor ihnen her wie ein großes glänzendes Haupt, von vielfarbig strahlendem Haar umgeben und mit einem Gesicht, das vor Frohsinn und Güte leuchtete.

„Vorwärts!“ rief sie ununterbrochen. „Niemand braucht sich zu fürchten, wenn ich dabei bin. Vorwärts! Vorwärts!“

„Ich möchte wohl wissen, wohin die Sonne uns zu führen gedenkt?“ sagte der Junge vor sich hin.

Die Roggenhalme, die neben ihm gingen, hörten, was der Junge sagte, und entgegneten sogleich: „Sie will uns nach Lappland hinaufführen, und dort sollen wir gegen den großen Versteinerer kämpfen.“

Nils Holgersson sah bald, daß allmählich mehrere von den Fußgängern bedenklich wurden; sie gingen langsamer und blieben schließlich zurück. Er sah, wie die großen Buchen anhielten; die Rehe und der Weizen blieben am Grabenrand stehen, und ebenso die Brombeerbüsche, die großen gelben Dotterblumen, die Kastanienbäume und die Rebhühner.

Er schaute zurück, um zu ergründen, warum so viele zurückblieben. Da entdeckte er, daß er sich nicht mehr in dem südlichen Schweden befand; die Reise war über die Maßen rasch vor sich gegangen, sie befanden sich jetzt schon im Svealand.

Hier oben ging die Eiche mit immer langsameren Schritten. Sie blieb ein wenig stehen, machte noch einige zögernde Schritte und hielt dann ganz an.

„Warum geht die Eiche nicht mehr mit?“ fragte der Junge.

„Sie hat Angst vor dem großen Versteinerer,“ sagte eine helle, grüne junge Birke, die so froh und wohlgemut vorwärts schritt, daß es eine wahre Lust war.

Obgleich nun schon viele zurückgeblieben waren, wanderte doch noch eine große Schar mit frischem Mute weiter. Und das Sonnenhaupt rollte die ganze Zeit vor ihnen her und rief: „Vorwärts! Vorwärts! Niemand braucht Angst zu haben, solange ich dabei bin!“

Der Zug setzte seine Reise mit derselben Hast fort. Bald war er droben in Norrland; aber jetzt half alles nichts mehr, soviel auch die Sonne bat und flehte. Der Apfelbaum blieb stehen, der Kirschbaum blieb stehen und die Haferfrucht blieb stehen. Der Junge wendete sich an die Zurückbleibenden.

„Warum wollt ihr nicht mehr mit? Warum verlasset ihr die Sonne?“ fragte er.

„Wir wagen es nicht. Wir haben Angst vor dem großen Versteinerer, der droben in Lappland wohnt,“ antworteten sie.

Der Junge schloß daraus, daß sie jetzt sehr hoch hinauf nach Lappland gekommen sein müßten, und hier wurde die Schar auch immer dünner. Der Roggen und die Gerste, die Erdbeerstöcke und die Heidelbeerbüsche, die Erbsenranken, die Johannisbeersträucher waren alle bis hierher mitgegangen; das Elentier und die Kuh waren Seite an Seite gewandert; aber jetzt blieben alle diese zurück. Die Menschen gingen noch eine Strecke weiter mit, aber dann hielten auch sie an. Die Sonne wäre jetzt beinahe ganz verlassen gewesen, wenn nicht neue Reisegenossen dazu gekommen wären. Weidenbüsche und eine Menge anderes Strauchwerk schlossen sich dem Zuge an, desgleichen auch Lappen und Renntiere, Bergeulen und Blaufüchse und Schneehühner.

Jetzt hörte der Junge, daß ihnen etwas entgegenkam. Eine Menge Bäche und Flüsse, die mit gewaltigem Rauschen und Brausen daherschäumten.

„Warum haben sie es denn so eilig?“ fragte der Junge.

„Sie fliehen vor dem großen Versteinerer, der droben auf dem Gebirge wohnt,“ antwortete ein Schneehuhn.

Ganz plötzlich sah Nils Holgersson, daß gerade vor ihnen eine hohe, dunkle, mit Zinnen gekrönte Mauer aufragte. Bei dem Anblick dieser Mauer schienen alle zurückzuweichen; aber die Sonne wendete rasch ihr strahlendes Gesicht der Mauer zu und goß ihr Licht darüber aus. Und siehe da! keine Mauer stand ihnen im Wege, nur lauter wunderschöne Berge, die sich einer hinter dem andern auftürmten. Die Gipfel leuchteten glänzend im Sonnenschein, und die Abhänge schimmerten hellblau mit goldenen Streifen dazwischen.

„Vorwärts! Vorwärts! Es ist keine Gefahr, so lange ich dabei bin!“ rief die Sonne; und schon rollte sie an den steilen Bergwänden hinauf.

Aber auf diesem Wege den Berg hinauf wurde die Sonne von der tapfern jungen Birke, der starken Fichte und der wetterfesten Tanne verlassen. Hier verließen sie auch das Renntier, die Lappen und das Weidengebüsch. Und schließlich, als die Sonne den Gipfel des Berges erreicht hatte, war keiner mehr bei ihr als der kleine Nils Holgersson.

Die Sonne rollte in eine Schlucht hinein, wo die Wände mit Eis bedeckt waren, und Nils Holgersson wollte ihr in die Schlucht hinein folgen; aber er kam nicht weiter als bis an den Eingang, denn plötzlich sah er etwas Entsetzliches. Ganz drinnen in der Schlucht saß ein alter Troll mit einem Körper aus Eis, mit Haar aus Eiszapfen und einem Mantel aus Schnee. Vor dem Troll lagen mehrere schwarze Wölfe, die, sobald die Sonne sich zeigte, aufstanden und den Rachen weit aufsperrten. Da drang aus dem einen Wolfsrachen bittere Kälte, aus dem zweiten ein beißender Nordwind und aus dem dritten schwarze Finsternis heraus.

„Da haben wir wohl den großen Versteinerer und sein Gefolge,“ dachte der Junge. Er war sich ganz klar darüber, daß er am besten täte, wenn er sich auf und davon machte; aber er war zu neugierig, zu sehen, wie die Begegnung zwischen der Sonne und dem Troll ablaufen würde, und so blieb er stehen.

Der Troll rührte sich nicht; mit seinem schauderhaften Eisgesicht starrte er der Sonne entgegen, und die Sonne stand auch ganz still und lachte und strahlte ihn nur immerfort an. So verging eine Weile, und der Junge meinte zu hören, daß der Troll zu seufzen und zu wimmern beginne. Der Schneemantel glitt von seiner Schulter herab, und die drei fürchterlichen Wölfe heulten nicht mehr so laut.

Doch da rief die Sonne auf einmal: „Jetzt ist meine Zeit vorbei!“ und rollte rückwärts zu der Schlucht hinaus.

Da ließ der Troll seine drei Wölfe los, und plötzlich kamen der Nordwind, die Kälte und die Finsternis aus der Schlucht herausgefahren und jagten hinter der Sonne her. „Weg mit ihr! Jagt sie fort!“ schrie der Troll. „Jagt sie so weit fort, daß sie nie wieder kommen kann! Zeigt ihr, daß Lappland mir gehört!“

Als aber Nils Holgersson hörte, daß die Sonne aus Lappland verjagt werden sollte, entsetzte er sich über die Maßen. Mit einem lauten Schrei fuhr er auf und erwachte – –

Als er ein wenig zu sich gekommen war, sah er, daß er in einem großen, von Bergen umschlossenen Felsental lag. Aber wo war Gorgo? Und wie sollte er erfahren, wo er sich befand?

Er richtete sich auf und schaute sich um. Da fiel sein Blick auf ein sonderbares Gebäude aus Fichtenzweigen, das auf einem Felsenabsatz stand. „Das ist gerade so ein Adlernest, wie Gorgo …“

Nils Holgersson dachte den Gedanken nicht zu Ende. Statt dessen riß er die Mütze vom Kopfe, schwang sie lustig und schrie: „Hurra!“ Er hatte erraten, wohin Gorgo ihn gebracht hatte! Hier war das Tal, wo oben auf dem Felsenabsatz die Adler und unten im Tal die Wildgänse wohnten. Er war am Ziel! Im nächsten Augenblick würde er wieder mit dem Gänserich Martin, mit Akka und allen Reisekameraden vereinigt sein!

Am Ziel

Der Junge ging ganz leise umher und suchte nach seinen Freunden. Ringsum im Tale war es überall ganz still. Die Sonne war noch nicht über die Felswände heraufgestiegen; es mußte also noch sehr früh am Ta